1. Biographische Skizze Seeckts
Hans von Seeckt, Jahrgang 1866, trat mit 19 Jahren in das 1. (Potsdamer) Garde-Grenadier-Regiment ein. Bei Beginn des Weltkriegs 1914 hatte er es, nun 48jährig, nur bis zum Oberstleutnant gebracht. Danach war sein Aufstieg kometenhaft. Im Januar 1915 war er in der Schlacht von Soissons an der Westfront als Generalstabschef des III. Armeekorps verantwortlich für einen erfolgreichen deutschen Gegenangriff gegen die Franzosen. Wenige Wochen danach wurde er an die Ostfront versetzt, wo er als Generalstabschef unter Generalfeldmarschall August von Mackensen diente. Hier erwarb er sich einen legendären Ruf bei der Durchbruchsschlacht von Gorlice-Tarnów, von der sich die Russen nicht mehr erholten. Nach Dienststellungen bei der Offensive gegen Serbien und an der österreichisch-ungarischen Südostfront wurde er im Dezember 1917 in die Türkei entsandt, wo er im Rang eines Generals als Generalstabschef in der osmanischen Armee unter Kriegsminister Enver Pascha tätig war. Kaum ein Jahr später war er wieder zurück in Deutschland, wo er Anfang 1919 den Posten des Stabschefs des neuerrichteten Grenzschutzkommandos Nord in Königsberg übernahm. Im April 1919 wurde ihm die Leitung der militärischen Sachverständigenkommission bei den Versailler Friedensverhandlungen anvertraut. Nach Friedensschluß wurde er – am 1. Oktober – zum Chef des neugebildeten Truppenamtes, des Nachfolgeorgans des verbotenen Generalstabs, ernannt. Beim Kapp-Putsch im März 1920 ließ Seeckt die in Berlin einmarschierten aufständischen Truppen (voran die Marinebrigade Ehrhardt) durch Stillhalten der regierungstreuen Truppen ins Leere laufen. Bald darauf – am 5. Juni 1920 – wurde Seeckt nun offiziell zum „Chef der Heeresleitung“ ernannt. Er hatte die überaus schwierige Aufgabe, das deutsche Heer in das Korsett des vom Versailler Vertrag vorgeschriebenen 100.000-Mann-Heeres zu zwängen. Diese Aufgabe gelang ihm unter größten Anstrengungen, so daß er bei seiner Verabschiedung im Oktober 1926 seinem Nachfolger Wilhelm Heye eine kleine, aber hochqualifizierte Kaderarmee hinterlassen konnte.
In der Zwischenzeit hatte Seeckt ungewollt in die turbulente deutsche Innenpolitik des Jahres 1923 eingreifen müssen, als der Zusammenhalt des Reiches durch den Hitler-Putsch am 9. November und kommunistische Aufstände in Sachsen und Thüringen auf eine Zerreißprobe gestellt wurde. Reichspräsident Ebert übertrug ihm am 9. November aufgrund des Artikels 48 der Reichsverfassung Vollmacht, den Ausnahmezustand über das Reich durchzusetzen. Diesen Auftrag konnte er nach Niederschlagung der Aufstände am 1. März 1924 als erfüllt zurückgeben.
Seeckt hatte seine Verabschiedung 1926 selbst zu verantworten. Die Tätigkeit als Chef der Heeresleitung war keine rein militärische Aufgabe, sondern mit vielfältigen innen- und außenpolitischen Fragen verquickt. Hier mußte er sich wie ein Schachspieler verhalten. Als er dem jungen Hohenzollernprinzen Wilhelm erlaubte, in Uniform an Manöverübungen teilzunehmen, tat er einen Zug, der seinen Abgang gleichsam provozierte. Hier bewies die junge Weimarer Republik in einer entscheidenden Frage, daß sie im Rahmen der parlamentarischen Gepflogenheiten funktionierte: Die militärische Gewalt war der politischen eindeutig untergeordnet.
In den Jahren nach 1926 gelang Seeckt nicht mehr die Rückkehr in eine verantwortliche öffentliche Position in Deutschland. Er war viel auf Reisen im In- und Ausland, besonders auch auf Vortragsreisen. Außerdem veröffentlichte er mehrere Bücher zu Themen der deutschen Militärgeschichte und der Gegenwarts- und Zukunftspolitik. Im unruhigen Jahr 1930 ließ er sich von der „Deutschen Volkspartei“ als Reichstagskandidat aufstellen. Dem Reichstag gehörte er bis 1932 an, ohne daß er jemals in diesem Gremium das Wort ergriff. Sein Tätigkeitsdrang wurde besser ausgelastet, als er von 1933 bis 1935 militärische Beratertätigkeit in China für Marschall Tschiang Kai-shek in dessen Krieg mit Mao Tse-tung ausübte. 1936 ist Seeckt mit siebzig Jahren verstorben.
In den folgenden kurzen Überlegungen seien nur einige Themen aus Seeckts hinterlassenen Papieren herausgegriffen, soweit sie in der Geschichtsforschung kontrovers behandelt werden. Mit der Edition ausgewählter Aufzeichnungen, Reden und Vorträge Seeckts wird künftig die Gefahr vermieden, über diese bedeutende und umstrittene Persönlichkeit der deutschen Geschichte Urteile anhand nur ausgewählter Zitate zu fällen.
2. Seeckts Gedanken zum Ende des Ersten Weltkriegs
Aus dem reichhaltigen Konvolut von Aufzeichnungen und Briefen Seeckts 1917/18 sind hier zehn zentrale Stücke ausgewählt worden, und zwar solche, die grundsätzliche Gedanken zur Kriegssituation und zum Kriegsende wiedergeben. Die längeren Aufzeichnungen zeigen ein ungewöhnliches Maß an Weitblick. Allerdings hatte Seeckt auf dem Nebenkriegsschauplatz im Osmanischen Reiche auch ein Maß an Muße, über das er an der Westfront und auch an der Ostfront 1917/18 nicht verfügt hätte. Wie jeder, der damals in dieser orientalischen Märchenwelt zu tun hatte, fühlte sich Seeckt durch die unvergleichliche Naturschönheit und kulturhistorische Vielfalt am Goldenen Horn in eine andere Welt versetzt. Deswegen hatte er Zeit, über das Weltgeschehen zu reflektieren und zu urteilen. Zu Hilfe kamen ihm ein phänomenaler Reichtum an Wissen und ein Vermögen, über den Tag hinaus zu denken und Zusammenhänge zu erfassen.
In der Aufzeichnung, die er am 22. Juli 1917 an Hindenburg sandte1, ist davon auszugehen, daß Seeckt den Generalfeldmarschall für eine bevorstehende Reise nach Wien über die Lage der Donaumonarchie und über deren führende Persönlichkeiten ins Bild setzen wollte. Die Aufzeichnung hat also einen bestimmten Zweck. Anders verhält es sich mit der einen Monat später verfaßten Aufzeichnung über das Eingreifen der USA in den Krieg2. Wenn man Seeckts Prognose über Amerikas Kriegseintritt mit derjenigen Ludendorffs, der zu diesem Zeitpunkt als tatsächlicher Diktator die Geschicke Deutschlands bestimmte, vergleicht, fällt sofort die Kurzschlüssigkeit im Denken und Handeln des Generalquartiermeisters auf. Dieser hatte im Mai 1917 dem eben aus den USA zurückgekehrten deutschen Botschafter Graf Bernstorff kategorisch erklärt, er halte jeden, der die Meinung vertrete, daß die Amerikaner eine Armee über den Atlantik bringen könnten, für „einen Verbrecher“3. Und was sagt der „Verbrecher“ Seeckt dazu? In seiner Aufzeichnung vom 21. August 19174 stellt er nüchtern fest, daß die Amerikaner 1 Million Mann auf die Beine stellen und auswärts verwenden könnten. Die Hälfte dieser Zahl könne im Frühjahr 1918 in Europa eingreifen.
Seeckt pflegte in den Kriegsjahren einen regen privaten Briefverkehr mit dem Landesdirektor Joachim von Winterfeldt-Menkin. In diesen Kriegsbriefen äußert sich Seeckt ungeschminkt über die deutsche Lage. Im Brief vom 4. November 19175 bekennt er gegenüber seinem pommerschen Freund, er sehe sehr wohl den Abgrund, „dem wir unweigerlich zuwandern, wenn nicht eine starke Hand im letzten Augenblick das Lenkseil ergreift“. Damit meinte Seeckt auf keinen Fall Ludendorff, der sich wenig später, im Frühjahr 1918, in den Kopf setzte, Deutschland müsse auf dem Weg über den Kaukasus, Persien, Afghanistan und Indien England zur Entscheidung zwingen. Auch für Seeckt war klar, daß ein Frieden nur dann erreicht werden könne, wenn England dazu bereit sei. Er erklärte es für Unsinn, wenn man überhaupt ernsthaft von Kriegszielen spreche, „d.h. von denen, die man wirklich zu erreichen hofft, und von denen, mit denen man sich allenfalls begnügen“ könne.
Über sein eigentliches militärisches und militärpolitisches Betätigungsfeld, die Türkei, äußerte sich Seeckt äußerst pessimistisch und ließ dabei an Ludendorffs Kaukasus- und Indienzügen kein gutes Haar. Die Kaukasusexpedition mit Stoßrichtung Afghanistan machte für ihn keinen militärischen Sinn. Allenfalls war sie gerechtfertigt, wenn man von dort aus – von Aserbeidschan – wieder nach Persien abschwenkte, um das 1916 verlorene Bagdad von den Engländern zurückzuerobern. „Freilich durfte man nicht im Rücken dieses Unternehmens mit deutscher Hilfe türkenfeindliche Staaten, wie Georgien und Armenien, bilden und unterstützen.“ Ein Schuldiger neben Ludendorff war für Seeckt auch die vor dem Krieg gebildete „Deutsche Militärmission“ in Konstantinopel unter General Otto Liman von Sanders mit dem Preußischen Kriegsministerium in dessen Rücken. Limans Wahl sei von vornherein ganz unglücklich gewesen. In Deutschland sei er für die Führung eines Armeekorps nicht geeignet gewesen, und deshalb habe man ihn in die Türkei abgeschoben. Das habe sich im Krieg gerächt. Die ihm beigegebenen deutschen Offiziere seien Ahnungslose gewesen, Enthusiasten, Abenteurer oder Leute, die hohe Gehälter lockten.
Und die Türkei selbst als verbündeter Deutschlands im Krieg? An dieses Land hätte man sich überhaupt nicht oder zumindest nicht so fest binden sollen, so Seeckt. Die Expeditionen nach Persien und gegen den Suezkanal und die gegen Afghanistan geplante seien romantisch, aber unglücklich gewesen6 : „[Diese] brachte nicht nur keinerlei Erfolge, sondern kostete Geld und Kräfte, schädigte vor allem das deutsche Ansehen durch ihren Zusammenbruch.“ Das Fazit am Schluß dieses großen Memorandums Seeckts war vernichtend: Man verheirate sich doch nicht mit einem Leichnam („on ne se marie pas avec un cadavre“). So deutlich hat das Seeckt in seiner offiziellen Berichterstattung an das Große Hauptquartier, an den Kaiser und (über den Botschafter Bernstorff in Konstantinopel) an die Regierung in Berlin nicht ausgesprochen.
Eine andere besondere Aufzeichnung Seeckts aus seiner Zeit am Goldenen Horn ist diejenige vom 14. September 1918, in der er den Landbesuch bei Enver Pascha auf einer Anhöhe von Konstantinopel schildert7. Sie ist zunächst einmal bedeutsam für die Charakteristik dieses türkischen Kriegsministers als der wichtigsten Person, mit der Seeckt auf türkischer Seite zu tun hatte. Zum andern ist sie bezeichnend für Seeckts literarische, ja poetische Fähigkeiten, die man bei ihm als Soldat nicht sogleich vermuten würde. Man ist bei der Lektüre geradezu in Bann geschlagen von seiner Fähigkeit, über eine Person, mit der er beinahe täglich zu tun hatte, prägnant und doch umfassend zu urteilen. Man ist geneigt anzunehmen, daß er die Skizze für eine spätere Veröffentlichung angelegt hat. Und tatsächlich ist sie zwölf Jahre später, im Jahr 1930, in „Velhagen und Klasings Monatsheften“, veröffentlicht worden, sicherlich auf Seeckts Veranlassung selbst. Auf jeden Fall ist sie nicht nur ein militärhistorisches Glanzstück, sondern auch ein literarisches Kleinod. Das gleiche darf für eine weitere Skizze, hier nicht eines Menschen, sondern einer Reise gelten, die Seeckt bei zwei Ausflügen von Konstantinopel nach Batum am östlichen Schwarzen Meer im April und Juni 1918 unternahm. Sie wird hier nicht abgedruckt, weil sie kaum von militärgeschichtlichem Wert ist, sondern ein Stück gehobener Reiseschriftstellerei bietet8.
Seeckt verfügte nicht immer über die gleiche Darstellungskunst, wenn er sich aus seinem engeren soldatischen Gesichtskreis herausbewegte und tagespolitischen Themen zuwandte. Manche seiner längeren Anweisungen und Befehle an Offiziere der Reichswehr klingen mitunter derart vergeistigt, daß sie für die Adressaten – die höheren Offiziere – nur schwer verständlich sind und mindestens zweimal gelesen werden müssen, um ihren Sinn voll zu verstehen9. Ein schwer verdauliches Beispiel für Seeckts Ausflüge in die Tagespolitik ist ein Artikel, den er zur Jahreswende 1939/30 für den Zeitungsleser schrieb. Es ist ein Artikel zum Abschluß des „schwarzen“ Jahres 1929 („Weltwirtschaftskrise“) und zu Beginn des Jahres 193010. Hier ist die Sprache derart gekünstelt und geschraubt, daß sie den Leser kaum erreicht haben dürfte.
3. Die Reichswehr – ein „Staat im Staate“?
Die vorliegende Edition legt ihr Augenmerk naturgemäß auf den Höhepunkt von Seeckts Laufbahn, also die Jahre an der Spitze der Reichswehr 1919/20–1926. Hier herrscht in der Historiographie fast einhellig die Meinung, daß Seeckt mit dem Aufbau des 100.000-Mann-Heeres einen „Staat im Staate“ geschaffen habe. Zwar wird diese Leistung bewundert, aber zumeist liegt doch diesem Schlagwort der Vorwurf inne, direkt oder indirekt ausgesprochen, daß Seeckt damit ein abgeschirmtes Instrument geschaffen habe, das irgendwann einmal die Deutschland in Versailles angelegten Fesseln sprengen und dann die Verluste des Weltkriegs – Amputation des Reiches – auf gewaltsamem Wege wieder aufheben würde. Eigentlich hat Seeckt – auch schon längst aufgrund der bislang vorhandenen Quellen – nie ein Hehl daraus gemacht, daß die Ketten von Versailles nicht das letzte Wort der Geschichte sein könnten. Wie ist nun das Schlagwort von der Reichswehr als „Staat im Staate“ im Licht der hier zusammengetragenen Quellen einzuordnen?
Bevor Seeckt Chef des Truppenamtes und dann der Heeresleitung wurde, also für die Monate des Jahres 1919, gibt es drei Quellen, die Seeckts Auffassung vom Standort der neuen Truppe bereits vielsagend ausdrücken. Es sind alles interne Quellen, die also nicht nach außen gerichtet sind und daher um so aussagekräftiger sind. In einem langen Exposé vom 18. Februar 191911, als zunächst nur der Wortlaut des Waffenstillstandsvertrages bekannt war, machte sich Seeckt Gedanken über das neue deutsche Heer. Noch war das Prokrustesbett des 100.000-Mann-Heeres von den Alliierten nicht festgelegt. Also ging Seeckt wie selbstverständlich von einer Wehrpflichtarmee aus. Aber das war nicht das Entscheidende; sondern der Standort des Heeres im neuen Deutschland beschäftigte ihn. Er lautete eindeutig: „Den Gebrauch des Heeres bestimmt die Staatspolitik; ist sie schlecht, wird sie einen falschen Gebrauch vom Heer machen, eine gute Politik einen richtigen.“ Wichtig ist für Seeckt sodann, daß er die alte Armee, also diejenige, die im Krieg gekämpft hatte, für die neuen Verhältnisse nicht werde brauchen können. Aber auch die Volkswehr, wie sie in der deutschen Novemberrevolution vom „Rat der Volksbeauftragten“ geschaffen werden sollte, kam für ihn nicht in Frage. Es müsse etwas Neues geschaffen werden. „Die alten Truppenteile in ihrem jetzigen Bestand“ müßten „möglichst bald und restlos verschwinden“.
Ein zweiter Beleg für Seeckts eigentliche Anschauungen über das neue Heer ist sein Rundschreiben vom 24. April 1919 an die Generalkommandos des alten Heeres12. Darin heißt es: „Ob uns die heutige Staatsform gefällt oder nicht, ob wir sie für die richtige halten, darauf kommt es nicht an. Heute geht es um den Staat selbst und das Reich. Die Gefahren, die Staat und Reich bedrohen, sind von außen und innen groß.“ Zunächst war die damalige Staatsform zwar schon eine Republik, aber noch ohne Verfassung. Zudem war sie extrem gefährdet „von außen und innen“. Diesen Gesichtspunkt muß man für Seeckts gesamte Dienstzeit beachten: Er mußte stets jedes Jahr – zumindest bis 1924 – gegen existentielle Bedrohungen für die neue Weimarer Republik kämpfen: blutige Aufstände von rechts und von links, in allen Winkeln des Reiches; sodann – nach dem Frieden von Versailles – mit der Gefahr des Einrückens alliierter Truppen im Westen rechnen, die dann in der Rheinlandbesetzung eskalierte; auf das Anrollen polnischer oder russischer Truppen im Osten gefaßt sein; ganz zu schweigen von den entwürdigenden Praktiken der Interalliierten Militär-Kontrollkommission, die nach dem Inkrafttreten des Versailler Vertrages das neue Reich überzogen. Den Generalkommandos erlegte Seeckt 1919 die Pflicht auf: „Persönliche Gefühle müssen jetzt zurückgestellt werden gegenüber dem uns aufgezwungenen Kampf gegen den drohenden inneren Feind; die persönliche Meinung muß sich unterordnen der großen Idee der Rettung des Vaterlandes vor dem Untergang.“
Als Seeckt am 6. Juli 1919 (vorübergehend) zum Chef des Generalstabes der Armee ernannt wurde, erklärte er in einer kurzen Ansprache den Angehörigen dieser Behörde: „Die Form wechselt. Der Geist bleibt der alte.“ Man darf das Zitat nicht bei diesem Satz belassen, sondern muß es fortsetzen: „Es ist der Geist schweigender, selbstloser Pflichterfüllung, im Dienste der Armee. Generalstabsoffiziere haben keinen Namen.“ Kurz nachdem er Chef des Truppenamtes geworden war, offenbarte sich Seeckt noch einmal im engsten Führungskreis, aber nun ausführlicher und tieferblickend: Am Friedensvertrag sei nun nichts mehr zu ändern: „Das Wort, welche die deutsche Regierung mit ihrer Unterzeichnung gegeben hat, ist einzulösen. Kleinliche Umgehungsversuche sind ebenso unwürdig wie aussichtslos.“ Er schärfte den obersten Offizieren ein, sich von politischem Hervortreten in der Öffentlichkeit „fast völlig“ fernzuhalten. Darauf ist zurückzukommen. Er wies auf das Verhalten der Freikorps im Baltikum hin. Das zeuge von Kurzsichtigkeit und politischer Verblendung. Und schließlich fordert er von den Offizieren „im Namen des Gesamtwohls Selbstbescheidung [und] Selbstaufopferung.“
Daß Seeckt die staatsrechtlichen Verantwortlichkeiten und die Gewaltenteilung in der neuen Republik anerkannte, geht aus einem Schreiben hervor, das er am 16. Januar 1920 an Reichswehrminister Gustav Noske richtete13. Darin heißt es, die oberste Verantwortung für die Truppe habe der Reichspräsident inne; unter ihm führe der Reichswehrminister sie in der parlamentarischen Arena. Unter diesem stehe der „kommandierende General der Reichswehr“, also Seeckt selbst. Dieser übe keinerlei politische Betätigung aus, erscheine nicht im Parlament, vertrete auch nicht den Minister im Parlament. Deutlicher brauchte die rein exekutive Gewalt der Reichswehr nicht beschrieben zu werden. Von einem „Staat im Staate“ war in dieser Beschreibung nichts zu erkennen.
Als Seeckt von den Verhandlungen der Alliierten mit deutschen Vertretern in Spa über die Einzelheiten des künftigen deutschen Heeres nach Berlin zurückkehrte, wandte er sich wiederum in einem internen Schreiben (vom 10. Juli 1920) an die deutschen Truppenführer14. Die Alliierten seien unerbittlich gewesen, die Reichswehr müsse bis zum 1. Januar 1921 auf den Stand von 100.000 Mann zurückgeführt werden. Bei Ablehnung drohten „Abbruch der Verhandlungen, Zwangsmaßregeln und neuer Kriegszustand“, also Einrücken alliierter Truppen in Deutschland. Seeckt ermahnte die Truppenführer wiederum zu helfen, „das einmal verpfändete Wort einzulösen“. Jeder an seiner Stelle müsse mithelfen, „daß wir in voller Ordnung und schweigender Hingabe die geforderten Opfer bringen und in der kleinen Reichswehr die festeste Stütze dem Staate leihen und so den Grund legen für eine bessere Zukunft“. Wiederum wird deutlich, daß es für Seeckt angesichts der immensen Gefahren nach innen und außen nur einen Ruhepol und eine – die letzte – Stütze geben könne, nämlich die Reichswehr.
Drei Jahre später, im Herbst 1923, wurde der Zusammenhalt des Reiches und damit der Reichswehr ein weiteres Mal auf eine besonders harte Probe gestellt, als in Bayern der dort von der Staatsregierung eingesetzte und mit diktatorischen Vollmachten ausgestattete Generalstaatskommissar den Ausnahmezustand über das Land erklärte, jegliche Anordnungen aus Berlin ignorierte und den Wehrkreisbefehlshaber des Wehrkreises München zum Widerstand gegen Berlin aufforderte. Seeckt empfand dadurch nicht nur die Reichseinheit gefährdet, sondern auch den Zusammenhalt der Reichswehr. Um militärisches Einschreiten von Berlin her und damit mögliches Blutvergießen innerhalb der Reichswehr zu vermeiden, versuchte er in einem längeren Schreiben vom 2. (bzw. 5.) November 1923 Generalstaatskommissar Gustav von Kahr mit gütlichen Worten zum Einlenken zu bewegen. Er entwarf ein langes Schreiben, das dann um die Hälfte gekürzt abgesandt wurde. Beide Fassungen sind eine einzige Captatio benevolentiae. Es war wieder einmal der letzte Versuch zu vereiteln, daß Reichswehr und Reichswehr gezwungen würden, aufeinander zu schießen. Es verstößt nun gegen jegliche Redlichkeit bei der Anwendung von historischen Regeln, aus dem nicht abgesandten Teil einen Begriff herauszunehmen (wie immer wieder geschehen) und damit Seeckts Treue zur Weimarer Republik und zur Verfassung – gewissermaßen triumphierend anklagend – in Frage zu stellen. Da heißt es nach einer längeren Diskussion um die Pflicht zur Einhaltung der Verfassung am Schluß: „Die Weimarer Verfassung ist für mich an sich kein noli me tangere; ich habe sie nicht mitgemacht, und sie widerspricht in den grundlegenden Prinzipien meinem politischen Denken.“
Es ließe sich trefflich über diesen Kernsatz und weitere ausgelassene Teile des abgesandten Schreibens streiten. Es genügt festzuhalten, daß die Erhaltung des Reiches und der Reichswehr als seiner festesten Stütze für Seeckt der zentrale Bezugspunkt seines ganzen Denkens und Handelns war. Und wie schon gesagt, hatte er aus seinem Herzen nie eine Mördergrube gemacht und sowohl intern als auch öffentlich gesagt, daß er im Herzen ein Monarchist sei, unter den nun einmal gegebenen Umständen aber absolute Verfassungstreue bewies. Ähnliches gilt im übrigen für Gustav Stresemann, der im Ersten Weltkrieg ein Hypernationalist war und in der Republik dann deren stärkster Bewahrer wurde. Nur hat man in der Historiographie Stresemanns Wandlung vom Saulus zum Paulus nie oder kaum thematisiert, geschweige denn seine Sinneswandlungen in inkriminatorischer Weise verwendet.
Zu bedenken bei Seeckts Verfassungstreue ist auch – was kaum bekannt ist –, daß er sie innerhalb der Reichswehr nach links und nach rechts unter Beweis gestellt hat. Zwei Beispiele dafür seien hier erläutert.
Im Zuge des Hitler-Putsches vom 9. November 1923 wurde Seeckt gemeldet, daß sich in den Ausbildungsjahrgängen der Infanterie- und Pionierschule in München am 8./9. November „Unbotmäßigkeiten“ ergeben hätten15. Mit diesem etwas kryptischen Begriff kann nur gemeint sein, daß sich ganze Jahrgänge mit dem Hitlerputsch in nicht näher bezeichneter Weise solidarisiert hätten. Seeckt handelte umgehend: Die Hauptschuldigen wurden untersucht und baldigst den zuständigen Gerichten vorgeführt; die Masse der Waffenschüler wurde zu ihren Truppenteilen entlassen. Am Schluß des Schreibens schärfte Seeckt den Ausbildungsoffizieren ein: Nach den Vorgängen an der Schule bedürfe es „zur gründlichen Beseitigung solcher disziplinloser Mentalität noch langer, harter, erzieherischer Zucht“.
Die Reichswehr verfügte also Ende 1923 noch lange nicht über die dennoch bald so gelobte innere Festigkeit.
Wenig später, Ende Februar 1924, hatte sich Seeckt mit dem Unterwanderungsversuch innerhalb der Truppe durch kommunistische deutsche und russische Agitatoren auseinanderzusetzen. Er bekam einen Werbebrief vorgelegt, verfaßt von einer „Gruppe kommunistischer deutscher Offiziere“, die aktiven und ehemaligen Offizieren in größerer Anzahl zugesandt worden sei16. Dieser wolle vor allem Reichswehroffiziere für den Gedanken gewinnen, daß Deutschlands Befreiung aus der Fron von Versailles nur durch ein Bündnis mit Sowjetrußland möglich sei; daß man zu wählen habe einerseits zwischen dem westlichen (französischen und englischen) Imperialismus, andererseits „östlicher Politik mit Rußland“. Dieses Zusammengehen habe aber den Übergang Deutschlands zum Kommunismus zur Voraussetzung. Solche Propaganda war damals nichts Neues; neu war nur, daß sie im Offizierskorps der Reichswehr betrieben wurde. Seeckt machte den damals in Deutschland wohlbekannten bolschewistischen Führer Karl Radek dafür verantwortlich. Als Verfasser des Werbebriefes wurde der frühere Chefredakteur der „Roten Fahne“, August Thalheimer, ausfindig gemacht. Seeckt ermahnte das Offizierskorps der Reichswehr in einem Schreiben, daß es gegenüber den kommunistischen Zukunftshoffnungen nötig sei, vor einer Überschätzung der russischen Kraft zu warnen. Aus dem Werbebrief war nämlich deutlich hervorgegangen, daß nur ein kommunistisch gewordenes Deutschland sich mit dem kommunistischen Rußland erfolgreich der Übermacht des Westens erwehren könne. Und wieder war der Fluchtpunkt allen Denkens und Handelns Seeckts der intakte deutsche Staat, das intakte deutsche Reich. Und so schloß er seinen Mahnbrief mit den Worten: „Die Interessen des Offiziers und der Nation sind nicht mit denen e i n e r Klasse verbunden. Sie liegen in dem deutschen Staat, den wir gegenüber allen Klassen- und Parteikämpfen zu bewahren haben [ … ], und dem uns hinzugeben und unter Hintansetzung der eigenen Persönlichkeit zu dienen unsere sittliche Pflicht ist.“
4. Demokratisierung in der Reichswehr?
Es soll noch kurz auf den akkusatorischen Aspekt eingegangen werden, der in dem Diktum steckt, die Reichswehr sei „ein Staat im Staate“ gewesen. Unumstritten ist, daß Seeckt aus der Reichswehr einen innerlich festgefügten Körper machen wollte, aber doch zu dem Zweck, diesen durch die zahllosen, nie abreißenden Fährnisse von außen und innen hindurchzusteuern, und ihn durch seine Festgefügtheit erst zum Garanten der Überlebensfähigkeit der Weimarer Republik werden zu lassen.
Unter den zahlreichen Zeitungsartikeln, die zu Seeckts Verabschiedung im Oktober 1926 erschienen, wird hier derjenige des Berlin-Korrespondenten des „Daily Telegraph“ abgedruckt17. Dieser schreibt, daß Seeckt den Korpsgeist und die Regierungstradition der alten Armee aufrechterhalten habe, aber diese trotzdem „modernisiert und demokratisiert“ habe, indem er etwa zwischen Offizieren, Unteroffizieren und den Mannschaften eine neue „Intimität“ hergestellt habe.
Diese Beobachtung eines objektiven Beobachters wird durch mehrere hier abgedruckte interne Quellen auf frappierende Weise bestätigt. So schrieb Seeckt im August 1922 an diverse Reichswehrkommandos18, Kernpunkt des inneren Zusammenhalts der Truppe sei das Vertrauensverhältnis zwischen Offizier und Mann. „Ein Offizier, der, wie es in der heutigen Zeit unbedingt nötig ist, in und mit seinen Leuten lebt, für ihr leibliches und geistiges Wohl sorgt und sie über die Zeit- und Tagesfragen in sachlicher und vernünftiger Weise aufklärt, wird von Ausbrüchen der Mißstimmung oder sogar von Unruhen nicht überrascht werden können.“ Der Untergebene müsse als Mensch verstanden und gewertet werden, der Vorgesetzte sein Berater und Führer sein. Wo sich der Offizier gegen den Mann verschließe, finde der Hetzer von außen Raum. – Diese Vorgaben könnten ebenso gut aus dem Handbuch für „Innere Führung“ Jahrzehnte später stammen.
5. Kapp-Putsch 1920 und Hitler-Putsch 1923
In den Zusammenhang des schiefen Diktums von der Reichswehr als „Staat im Staate“ gehören noch einige Worte zum Kapp-Putsch vom 13. März 1923 in Berlin und zum Hitler-Putsch am 9. November 1923 in München. Beide sind in der Forschung eingehend behandelt19. Hier geht es nur darum, welche Einzelheiten und Nuancen die hier zusammengetragenen Quellen ergeben.
Der Kapp-Putsch wurde inszeniert von der in den Nachkriegskämpfen berüchtigten, aber auch hochgeschätzten Marinebrigade Ehrhardt. Sie verfügte über rund 5.000 gut ausgerüstete und erfahrene Kämpfer. Sie lagerte damals auf dem großen Truppenübungsplatz Döberitz und mißachtete den Befehl, sich gemäß dem Versailler Vertrag und dem Befehl der Reichsregierung aufzulösen. Am 13. März 1920 marschierte sie, im Einvernehmen mit dem Generallandschaftsdirektor Wolfgang Kapp, nach Berlin, ohne Widerstand durch das Brandenburger Tor und machte schließlich Halt auf dem Wilhelmplatz. Ein damals geschossenes Foto der kampierenden Soldaten vermittelt den Eindruck eines nahezu lyrischen Genrebildes.
Seeckt als Chef des Truppenamtes hatte Tage vorher, wie er dem Reichsfinanzminister Eugen Schiffer bald danach berichtete20, das sich zusammenbrauende Gewitter kommen sehen und nach allen Richtungen gewarnt, also den Chef der Heeresleitung, Oberst Walther Reinhardt, und den Reichswehrminister, Gustav Noske. Er selbst habe aber an die Ausführung des Putsches nicht geglaubt, da er eine „solche Unsumme von Dummheit doch nicht für möglich gehalten habe“. Als der Putsch dann doch durchgeführt wurde, habe er sofort seinen Abschied genommen, Zivil angezogen und dieses Verhalten so erklärt, daß er sich dem General Lüttwitz (dem militärischen Kompagnon Kapps) auf keinen Fall habe unterstellen wollen. Die meisten seiner höheren Kameraden haben sich genau so verhalten.
Das erscheint zunächst wie eine Flucht vor der Verantwortung. In einem kurz nach dem Zusammenbruch des Putsches gegebenen Presseinterview21 gibt Seeckt eine erste Erklärung für sein auf den ersten Blick seltsam erscheinendes unsoldatisches Verhalten. Er wollte den Putsch sich einfach totlaufen lassen. Wenn es keinen Gegner gab, den es zu bekämpfen galt, dann würde sich der Stoß in die Luft als wirkungslos erweisen. Zudem verfolgte Seeckt ein politisches Ziel. Und die Truppe – so Seeckts immer wieder betontes Credo – müsse sich von jeder Art von politischer Betätigung fernhalten. „Politische Kämpfe innerhalb der Reichswehr vertragen sich weder mit dem Geist der Kameradschaft noch mit der Disziplin.“ Wer in der Truppe diene, habe einen Eid geleistet, der bedeute, daß er sich „freien Willens und als ehrlicher Soldat auf den Boden der Reichsverfassung gestellt“ habe. Und so verpuffte denn auch der Putsch im leeren Raum: Die oberste militärische Führung (mit der Ausnahme des Chefs der Heeresleitung Reinhardt) zog die Uniform aus und ging nach Hause; die Regierung floh (mit Ausnahme des Reichsfinanzministers) nach Stuttgart und konnte nicht verhaftet werden; der Generalstreik, den die Regierung ausrief, ließ den Putsch vollends zum Erliegen kommen.
In nämlicher Weise wie gegenüber Minister Schiffer im März 1920 äußerte sich Seeckt noch einmal über den Putsch in seiner Vernehmung vor dem Reichsgericht Leipzig, zu der er anderthalb Jahre später als Zeuge geladen war22. Er gab dem Gericht aber noch ein paar weitere Aufschlüsse. Zunächst einmal machte er klar, daß die Chance, die Regierungstruppen hätten sich am Brandenburger Tor gegen die Ehrhardt-Brigade halten können, vollkommen aussichtslos gewesen sei: „Sie würden sich unter allen Umständen sehr ungern gegen die Kameraden geschlagen haben.“ Des weiteren habe die Truppenführung sich mit der „roten Gefahr“, wie sie sich damals im Ruhrgebiet zusammenbraute, auseinandersetzen müssen. Dafür habe man eine zuverlässige Truppe in der Hand haben müssen. „Wenn man sie aber erst einmal zum Schießen kommen ließ, brach die Sache auseinander. Wie man sie nachher wieder zusammenbringen konnte, wußte ich nicht.“
Dieses Credo – das Heraushalten der Truppe aus den Kämpfen in der politischen Arena – war bei Seeckt inzwischen festverwurzelt und gibt den Schlüssel – und nur diesen – für das schiefe Bild von der Reichswehr als „Staat im Staate“. Und noch ein Bild, das in der Historiographie mit dem Kapp-Putsch stets in Verbindung gebracht wird, muß zurechtgerückt werden. Seeckt soll – so steht es in nahezu jeder einschlägigen Darstellung – während des Putsches die Parole (für die Regierungstruppen) ausgegeben haben: „Reichswehr schießt nicht auf Reichswehr.“ Diese Formulierung hat er so nie gebraucht. Es ist nachgewiesen worden, daß sie der erste Seeckt-Biograph, Friedrich von Rabenau, in Umlauf gebracht hat23. Alle daran geknüpften Erklärungen und Spekulationen sind haltlos. Was Seeckt mit dem Stillhalten der Regierungstruppen wirklich gemeint hat, ist oben dargelegt. Die Regierungstruppen waren am Brandenburger Tor der Ehrhardt-Brigade gegenüber machtlos. Und noch einmal sein oben schon zitiertes eigenes Wort: „Wenn man sie aber erst einmal zum Schießen kommen ließ, brach die Sache auseinander. Wie man sie nachher wieder zusammenbringen konnte, wußte ich nicht.“
Der innere Zusammenhalt der Truppe (als festeste Stütze des neuen deutschen Staates) war noch stärker gefährdet beim Hitler-Putsch zweieinhalb Jahre später in München.
Der Hitler-Putsch ist in der Geschichtsschreibung immer wieder beschrieben und analysiert worden. Die hier zusammengestellten Quellen aus dem Nachlaß Seeckt ergeben dazu nichts wesentlich Neues. Seeckts allererste Sorge war auch hier wieder, daß durch die hitzigen politischen Debatten und Vorgänge in diesen Geburtswehen der neuen Republik das Gefüge und die Disziplin der Truppe Schaden leiden könnten24. Schon in einem Tagesbefehl vom Ende März 1923 schärfte er der Truppe das strikte Heraushalten aus der turbulenten Politik ein. Von sogenannter „national-sozialistischer“ Seite würden immer wieder Versuche gemacht, Reichswehrangehörige für die politischen Ziele dieser Partei zu gewinnen. „Diese Bestrebungen gehen auf eine Verleitung der Offiziere und Mannschaften zum Ungehorsam gegen die Befehle ihrer Vorgesetzten hinaus und bedeuten den verbrecherischen Versuch, die Disziplin in der Armee zu erschüttern.“
Im Herbst 1923 war die Lage in Bayern besonders brisant wegen der Agitation der dortigen Rechtsradikalen. Am 27. September erschien im „Völkischen Beobachter“ ein Artikel gegen Seeckt und insbesondere gegen dessen Frau, von der behauptet wurde, sie sei eine Jüdin25. Der örtliche Reichswehrbefehlshaber, General Otto von Lossow, erhielt von Berlin Befehl, den „Beobachter“ zu verbieten. Lossow kam dem Befehl nicht nach und fand dabei Unterstützung vom Generalstaatskommissar von Kahr. Die Angelegenheit spielte sich hoch, und es bestand Gefahr, daß die Reichswehr in Bayern – wie schon soeben in Sachsen – einmarschieren würde und dort auf die unbotmäßigen Truppen Lossows treffen würde. Seeckt äußerte seinen Unmut in einem Zeitungsinterview am 9. Oktober26 : Die in München vertretene Auffassung bedeute den „offenen Ungehorsam gegen den militärischen Befehl, damit das Ende der Einheit der Reichswehr“. Als dann noch Hitler am 9. November seinen Coup im Münchener Bürgerbräukeller landete, schien die Situation in Bayern ganz aus dem Ruder zu laufen. Nur durch das rasche Eingreifen der bayerischen Polizei wurde der Coup vor der Feldherrnhalle beendet. Die Tage des unbotmäßigen Reichswehrgenerals von Lossow waren nun gezählt, Kahr knickte ein und meldete nach Berlin, daß er hinter Seeckt stehe. Auch die bayerische 7. Division gab die gleiche Meldung nach Berlin. Nur die Infanterieschule in München war zu Hitler übergegangen; da sie Seeckt unmittelbar unterstellt war, ging ihm das besonders nahe. Die gesamte Schule wurde von München nach Dresden verlegt. Die Verabschiedung des unbotmäßigen Generals von Lossow zog sich aus Beschwichtigungsrücksichten noch hin. Er wurde als Führer der bayerischen Division Ende März 1924 von Generalleutnant Friedrich Freiherr Kreß von Kressenstein abgelöst. Seeckt konnte dem Reichspräsidenten die ihm am 8. November 1923 vorübergehend verliehene oberste Exekutivgewalt für das Reich zurückgeben.
6. Seeckt und Rußland
In den äußerst bedrängten ersten fünf Jahren der Weimarer Republik blieb es nicht aus, daß Seeckt sich nicht nur mit der turbulenten Innenpolitik beschäftigen mußte, sondern auch mit der Außenpolitik. Die deutsch-französische Feindschaft war für ihn ein ehernes Gesetz, an dem nichts zu ändern war. Die Versuche Stresemanns, sich an Frankreich anzunähern, beurteilte er abschätzig. Der neue Nachbar Polen war für ihn der Erzfeind, der sich auf Kosten deutscher Siedlungsgebiete und des Industriereviers in Oberschlesien breitgemacht habe und stets versuche (in Oberschlesien, in Posen/Westpreußen), sich weiter auszudehnen. Die Etablierung des polnischen Korridors, der Ostpreußen vom Reich abschnitt, war für ihn die schlimmste Sünde der Friedensmacher von 1919 und provozierte gleichsam einen neuen Krieg.
Die einzige Möglichkeit, die komplette Isolierung Deutschlands zu durchbrechen, war für Seeckt der Schulterschluß mit Sowjetrußland. Deutschland und Rußland waren die zwei großen Verlierer des Ersten Weltkriegs. Es ging in den Jahren 1920 bis 1926 gar nicht um die Anbahnung irgendwie gearteter militärischer Zusammenarbeit, sondern um das Kalkül der möglichen politischen Zusammenarbeit. Die vielbeschriebene militärische Kooperation setzte in einigem Umfang erst nach seinem Abgang 1926 ein; zarte Fühler einer Rüstungszusammenarbeit wurden zwar schon in den frühen zwanziger Jahren ausgestreckt, ohne daß die oberste Reichswehrführung direkt darin involviert war27. Es ging Seeckt unter den gegebenen Umständen allein um ein künftiges politisches Zusammengehen mit dem Zweck, Deutschland im internationalen Mächtespiel wieder eine gewisse Rolle spielen zu lassen. Konkrete Fühlungnahmen im ersten Jahrfünft der Weimarer Republik sind in Seeckts Nachlaß nicht zu finden.
Schon sehr früh, am 4. Februar 1920, liegt eine ausführliche eigenhändige Aufzeichnung Seeckts zum Thema deutsch-russische Beziehungen vor28. Seeckt stand offenbar noch ganz unter dem Eindruck des verlorenen Krieges und der eingebüßten Stellung Deutschlands in der Welt. Deshalb heißt es in der Aufzeichnung gleichsam programmatisch: „Nur im festen Anschluß an ein Groß-Rußland hat Deutschland Aussicht auf Wiedergewinnung seiner Weltmachtstellung.“ Da die Einigung sowohl im russischen wie im deutschen Interesse liege, werde sie eines Tages „mit Naturgewalt“ vollzogen werden. Die Tatsache, daß in Rußland der Bolschewismus an die Macht gekommen war, die auf Verbreitung über die eigenen Grenzen hinaus angelegt war, spielte in Seeckts Augen keine entscheidende Rolle. Selbst als dann im Polnisch-Sowjetischen Krieg die russische Armee sich vor Warschau zeigte, begrüßte das Seeckt ohne weiteres, weil das sogar die Vernichtung „unseres unerträglichen Nachbarn“ verspreche29. Polen sei Frankreichs Geschöpf und zuverlässiger Bundesgenosse, „damit also unser dauernder Feind“. Aus der Not Polens wollte Seeckt sogar eine deutsche Tugend machen, denn mit dem russischen Vordringen könne den Ententemächten klargemacht werden, daß gegen ein weiteres Vorrücken der russischen Armee Deutschland stärkere militärische Kräfte zuerkannt werden müßten, als ihm der Versailler Vertrag zubilligte. Die polnische Armee schaffte es aber aus eigener Kraft, die bolschewistische Armee wieder zurückzuschlagen.
Seeckts Bemühungen um engere deutsch-russische Beziehungen blieben bis zu seinem Dienstende ohne greifbare Ergebnisse. Das lag sicherlich in erster Linie daran, daß die russische Idee des Exports des kommunistischen Weltbeglückungsgedankens sich sehr schmerzhaft in Deutschland zeigte. Kommunistische Aufstände, von russischen Emissären mit viel Geld (Radek, Zinov’ev) angeheizt, in Hamburg, in Thüringen, im Ruhrgebiet, in Sachsen, haben jegliche Kooperation auf offenem Wege schier unmöglich gemacht. Wie schon angedeutet, erbrachten Anknüpfungsversuche auf wirtschaftlichem, kaum auf rüstungswirtschaftlichem Gebiet einigen Erfolg. Der Rapallo-Vertrag von 16. April 1922 legte dafür dann erste zukunftsweisende Grundlagen.
Der Vertrag von Rapallo sah die Wiederherstellung diplomatischer Beziehungen vor, die im November 1918 abgebrochen waren. Als neuer Botschafter war von der Reichsregierung Ulrich Graf von Brockdorff-Rantzau vorgesehen. Seine Wahl erregte schärfste Ablehnung seitens Seeckts. Aus den Akten ist zu entnehmen, daß zwischen beiden eine persönliche Feindschaft bestand, die auf die Versailler Verhandlungen im Mai 1919 zurückzuführen sind30. Seeckt hatte Brockdorff-Rantzau, der damals als Außenminister die Verhandlungen führte, vorgeworfen, er habe ihn – Seeckt – als Leiter der militärischen Sachverständigenkommission über die alliierten Abrüstungspläne, insbesondere die Deckelung der künftigen deutschen Armee auf 100.000 Mann, mangelhaft oder gar nicht unterrichtet und dafür Vorteile auf politischer oder finanzieller Ebene erhandelt. Deutschland habe sich damit wehrlos gemacht und so „das letzte und höchste Gut, seine nationale Ehre“ geopfert. Dieser Vorwurf saß tief und kam nun 1922 im Vorfeld der Berufung Brockdorff-Rantzaus nach Moskau wieder an die Oberfläche31. In einer Unterredung mit Reichskanzler Joseph Wirth erfuhr dieser von den schweren Differenzen zwischen Seeckt und Brockdorff-Rantzau. Der Graf machte die Übernahme des Moskauer Postens von einer regelrechten Rücknahme des „unerhörten Vorwurfs“ abhängig, er habe in Versailles „die Ehre des deutschen Volkes“ preisgegeben. Außerdem verlangte er die Verpflichtung, daß die Heeresleitung militärische Fühlungnahmen mit Moskauer Stellen in Zukunft nicht ohne seine Kenntnis unternehmen würde.
Seeckt reagierte auf Brockdorff-Rantzaus Aufzeichnung umgehend und mit ungewöhnlicher Schärfe32, die sicherlich wieder mit seiner Zurücksetzung während der Verhandlungen von 1919 zu erklären ist. Außerdem bestanden sachliche Differenzen. Der Botschafter hatte den Vertrag von Rapallo vom April 1922 abgelehnt, dafür in der deutschen Außenpolitik eine stärkere Anlehnung an England und eine Verständigung mit Frankreich im Sinne Stresemanns befürwortet. Seeckt verlangte genau umgekehrt eine stärkere Ostorientierung. Also sei Brockdorff-Rantzau in Moskau völlig fehl am Platze. Seine Anklage gipfelte in dem Satz: „Wer an ‚Uniformkoller‘ leidet und noch nicht begriffen hat, daß jede politische und wirtschaftliche Betätigung letzten Endes auf der Macht beruht, wird keine aktive deutsche Politik treiben. Wer aber vor allem im Rapallovertrag einen politischen Fehler sieht, mag an anderer Stelle taugen, unmöglich erscheint er als deutscher Vertreter in Moskau.“
Die Differenzen waren so scharf und beiderseits so schroff vorgetragen, daß nur ein Vermittler helfen konnte. Diese Rolle übernahm passenderweise der frühere Außenminister und soeben zum Präsidenten des Reichsgerichts ernannte Walther Simons33. Er führte die Feindschaft der beiden Kontrahenten ganz richtig „auf das unglückselige Mißverständnis wegen der Bedeutung der Heeresfrage“ in Versailles zurück. Die damalige Militärfrage sei im übrigen dem damaligen Außenminister durch das Kabinett vorgezeichnet gewesen, „in dem bekanntlich die Auffassung Erzbergers ausschlaggebend“ gewesen sei. Er bat Seeckt schließlich, „den Vorwurf mangelnder vaterländischer Zuverlässigkeit“ zurückzunehmen und sich mit Brockdorff-Rantzau über das Ostproblem „rückhaltlos auseinanderzusetzen“.
Seeckt antwortete umgehend und begrub das Kriegsbeil34. Sobald sein Kontrahent ernannt sei, werde er seiner Tätigkeit keine Schwierigkeiten machen. Im Konzept des Briefes steht ein Passus, der dann weggelassen wurde: Er habe dennoch zu dem Grafen nicht das Vertrauen, daß er geneigt sein würde, „meine auf eine militärische Erstarkung Deutschlands abzielenden Pläne im Osten zu fördern“. – Wie schon zuvor gesagt, blieben die Früchte einer deutsch-russischen militärischen Zusammenarbeit zunächst noch aus.
7. Seeckt nach 1926
Den zehn Jahren, die Seeckt nach seiner Verabschiedung 1926 bis zu seinem Tod 1936 noch verblieben, ist in dieser Edition kein großer Raum mehr zugewiesen worden, weil der Generaloberst in diesem Dezennium in der politischen Geschichte Deutschlands keine herausragende Rolle mehr gespielt hat. Daher brauchen hier nur noch zwei Momente gestreift zu werden: Seeckts Ausflug in die Parteipolitik von 1929/30 bis 1932 und seine militärische Beratertätigkeit in China von 1933 bis 1935.
Angesichts der Persönlichkeit Seeckts – er war auch bekannt als „der große Schweiger“ – und seiner Laufbahn (bis zum Chef des deutschen Heeres mit der schließlichen Bezeichnung „Generaloberst“) ist es nicht gleich verständlich, daß er sich in die Arena des Parlamentarismus und der Parteipolitik wagte. Aber er hat sich zu dem Reichstagsmandat der „Deutschen Volkspartei“ 1930 nicht gedrängt, sondern ist gebeten worden, ein Mandat zu übernehmen35. Die Mitglieder der DVP repräsentierten die gesellschaftliche Mittel- und Oberschicht, also des wohlhabenden Bürgertums. Insofern dürfte sie Seeckt als seine politische Heimat empfunden haben. Was die Wählerzahl anbetrifft, so war 1930 ihre Blütezeit schon vorbei, das waren nämlich genau die Jahre seiner Reichswehrzeit: 1920 erhielt sie knapp 14 % der Stimmen, in den beiden Wahlen 1924 noch etwa 10 %. Bei der Reichstagswahl 1930, als Seeckt mit von der Partie war, sank sie auf enttäuschende 4,7 % herab und teilte damit das Schicksal der übrigen Parteien der Mitte.
Von einiger Bedeutung sind die Notizen, die sich Seeckt für einen Vortrag gemacht hat, den er am 30. August 1929 in Hannover gehalten hat36. Die Notizen lesen sich wie ein Parteiprogramm der DVP, wie es sich Seeckt persönlich vorgestellt haben mag. Es dürfte sein Entréebillett für die Mitgliedschaft in die DVP gewesen sein. Insofern muß man sein direktes Interesse für diese Partei auf diesen Zeitraum des Jahres 1929 datieren, während sein Biograph Hans Meier-Welcke, es auf ein Jahr später ansetzt, in die Mitte des Jahres 193037.
Zunächst läßt sich Seeckt in dem Vortrag über die deutsche Außenpolitik aus, so wie er sie idealiter und tagespolitisch sieht. Über allem steht sein Bekenntnis zum deutschen Volk: Es heißt nicht: Deutschland über alles, sondern „Deutschland ist alles“, im Herzen, im Wollen und das auch in der Politik. Sodann fällt auf, daß Seeckt dem Vertrag von Versailles den Kampf ansagt. Das hatte er zehn Jahre zuvor noch anders formuliert. Jetzt heißt es: Der Vertrag von Versailles müsse verschwinden, sonst könne es keine europäische Zusammenarbeit geben. Das sind typische Gedanken der damaligen Zeit (Ende der 1920er Jahre), als Europa überall hoch im Kurs steht. Dem Fanfarenstoß gegen Versailles folgt aber sogleich ein versöhnlicher Ton, wenn Seeckt bescheiden eingesteht: „Bedenken wir, daß wir den Krieg nicht nachträglich gewinnen können, auch keinen neuen anfangen.“ Das wäre politisch unverantwortlich. Zu den großen autoritären Strömungen der Zeit äußert sich Seeckt so: Der Faschismus in Italien verdiene Anerkennung; er sei aber kein Ausfuhrartikel; ebenso sei es mit dem Bolschewismus. Im zweiten Teil des zu haltenden Vortrags geht Seeckt alle möglichen Fragen der Innenpolitik durch und zeigt dabei, daß er sie ihrem Wesen nach durchdringend zu beurteilen weiß: Staat und Wirtschaft, Landwirtschaft, soziale Frage. Schließlich ist Seeckts Urteil über die anderen deutschen Parteien bemerkenswert: Die radikalen Parteien am linken und rechten Rand (KPD/NSDAP) erwähnt er mit keinem Wort; dagegen die SPD gleich mit mehreren Aspekten. Am Schluß der Vortragsnotizen steht dann doch der Fanfarenstoß: „Deutschland über Alles“, der aber sogleich zeitbezogen gedämpft wird: „und im Unglück nun erst recht.“
In den Jahren 1930/32 hat sich Seeckt immer wieder mit den internationalen Abrüstungsbemühungen beschäftigt. Diese waren ohnehin längst auf der Agenda des Völkerbunds in Genf. Ende November 1930 veröffentlichte Seeckt einen längeren Aufsatz über das internationale Abrüstungsproblem38. Es ist davon auszugehen, daß er sich der Reichsregierung damit als Vertreter für die bald in Genf einzuberufende internationale Abrüstungskonferenz empfehlen wollte. Der Aufsatz ist in einigermaßen kompliziertem Stil geschrieben, beleuchtet aber in ausgewogener Form alle möglichen Aspekte des internationalen Problems – die technischen, die nationalen, die psychologischen usw. Kern seiner Argumentation ist, daß die allgemeine Forderung nach Abrüstung bisher kaum Fortschritte erbracht habe und Deutschland daher logischerweise die Forderung erheben könne, daß es nun aufrüsten dürfe, „und zwar bis zu einer Höhe, die seinem berechtigten Sicherheitsinteresse im Vergleich der Rüstung der anderen in Betracht kommenden Staaten“ entspreche.
Wegen seines internationalen Bekanntheitsgrades konnte Seeckt auch die internationale Presse für die deutschen Belange in Anspruch nehmen. Da die Genfer Abrüstungskonferenz im Jahr 1932 monatelang die Frage hin- und herdiskutiert hatte, glaubte Seeckt nun die deutsche Forderung nach Gleichberechtigung – durch allgemeine Abrüstung oder durch deutsche Aufrüstung – energischer erheben zu können. In einem Interview mit dem Korrespondenten der „New York Sun“ Ende September 1932 formulierte er die deutsche Forderung nun schärfer39 : Deutschland habe lange genug darauf gewartet, daß die anderen Mächte ihr Abrüstungsversprechen einlösen würden. Da bisher nichts geschehen sei, sehe er keinen anderen Ausweg zur Befriedigung des deutschen Sicherheitsbedürfnisses als die eigene Aufrüstung. Nur die finanziellen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten würden diese Entwicklung noch bremsen.
Es kam dann doch wenig später – am 11. Dezember 1932 – in Genf zu einer Erklärung, in der Frankreich, England, Italien und die USA den deutschen Anspruch auf Gleichberechtigung im Rahmen der allgemeinen Abrüstung anerkannten.
Bemerkenswert ist, daß Seeckt in dem Interview mit dem amerikanischen Korrespondenten erklärte, er könne den paramilitärischen Organisationen in Deutschland wie der SA Hitlers, dem „Stahlhelm“ usw. keinen Wert beimessen. Sie seien im Kriegsfall wertlos. Das entspricht Seeckts immer wieder geäußerten Überzeugung, daß neben der Reichswehr keine irgendwie konkurrierenden militärischen Einrichtungen zu dulden seien – seien es die Freikorps am Anfang der Republik oder die sogenannte schwarze Reichswehr, die Schutztruppen der Parteien usw.
Von Belang ist in diesem Zusammenhang noch, ob es irgendwie bedeutende Aussagen Seeckts über Hitler gibt. Nach den schon bekannten Quellen hat Seeckt Hitler offenbar Anfang März 1923 in München getroffen40. Die darüber bekannten Quellen aus zweiter Hand sind jedoch widersprüchlich und daher nicht von großem Wert. Weitaus wichtiger ist ein Brief, den Seeckt am 6. März 1932, als eine neue Reichspräsidentenwahl bevorstand, an seine Schwester Marie schrieb41 : „Deine Abneigung gegen Hitler ist durchaus begreiflich; sie würde noch größer sein, wenn Du den Dingen und Menschen näher ständest. Bei einer Unterredung mit H. vor etwa einem Jahr, als er um meine Zustimmung warb, sagte ich ihm: Nein Herr H., ich kann mir kein braunes Hemd mehr anziehen; jeder muß in seinem Styl bleiben. Er schien mich sogar zu verstehen. Das kannst Du auch altmodisch und auch wohl kleinlich nennen. Richtig bleibt es doch.“
Es ist daran zu erinnern, daß Seeckt in der Krise von 1923 in Bayern als Inhaber der Exekutivgewalt Hitlers NSDAP und die „Deutschvölkische Freiheitspartei“ (neben der KPD) verboten hat. Diese Tatsache, verbunden mit dem persönlichen Treffen Seeckts mit Hitler 1931 dürfte eigentlich genügt haben, um ihn als Widersacher von Hitlers „nationaler Erhebung“ des deutschen Volkes anzusehen und ihn deshalb auf die Liste des 30. Juni 1934 („Röhm-Putsch“) zu setzen. Das läßt sich aber nur spekulieren. Seeckt ist jedenfalls, wenn er auf der Liste gestanden hat, der Liquidation dadurch entgangen, daß er zu diesem Zeitpunkt gerade in China als Militärberater tätig war und nach seiner Rückkehr schlechterdings nicht post festum beseitigt werden konnte. Daß er nach seinem Tod 1936 durch ein Staatsbegräbnis geehrt wurde, spricht nicht gegen die Praktiken des NS-Regimes.
Seeckt hielt sich von 1933 bis 1935 zweimal in China auf. Er war dort militärischer Berater der nationalchinesischen Armee unter General Tschiang Kai-shek in dessen Krieg gegen die Kommunistische Partei unter Mao Tse-tung und im Krieg gegen Japan. Zuvor waren als deutsche Berater bereits Oberst Max Bauer 1927–1928 und ab 1930 General Georg Wetzell in dieser Funktion tätig gewesen. Aus einem hier abgedruckten Vortrag Seeckts42 geht hervor, daß seine zweite Berufung nach China auf mehrfache dringende Bitte Tschiangs zurückzuführen war, da dieser mit der Beraterschaft Wetzells überhaupt nicht zufrieden war. Seeckt sagte zu unter der Bedingung, daß das deutsche Beraterwesen umorganisiert würde; die Berater sollten nicht beliebigen Dienststellen und Kommandeuren zugeteilt, sondern zentralisiert werden, das heißt nominell die Befehle des Marschalls, tatsächlich diejenigen Seeckts selbst, ausführen. Des weiteren war Seeckt bestrebt, einen arbeitsfähigen Stab heranzubilden. Nur mit mehreren höheren Gehilfen könne der Generalberater – also er selbst – über alle Fragen orientiert werden. Seeckt ließ 1934 ein Lehrbataillon aufstellen, um dadurch ein professionelles Offizierskorps heranzubilden. Er leitete ferner den Aufbau einer eigenen chinesischen Rüstungsindustrie ein, um China von Waffenkäufen aus dem Ausland unabhängig zu machen. Im Frühjahr 1935 verließ er, besonders aus gesundheitlichen Rücksichten, China. Die Geschäfte überantwortete er General Alexander von Falkenhausen, blieb aber Generalberater Tschiang Kai-sheks bis zu seinem Tod 1936.
Nr. 1.
Nr. 2.
„Kleine Götter“ im Großen Hauptquartier S. 257.
Nr. 2.
Nr. 4.
Nr. 10.
Nr. 9.
Sie findet sich in: BA/MA Freiburg, N 247/42, S. 87–106.
Als Beispiel vgl. Nr. 15*.
Nr. 86*.
Nr. 11.
Nr. 15*.
Nr. 39.
Nr. 53.
Nr. 74.
Nr. 77*.
Nr. 80*.
Nr. 60, auch 61*.
Die wichtigsten Quellen dazu sind verzeichnet in: Quellenkunde zur deutschen Geschichte der Neuzeit III S. 108 (Nr. 3602), S. 124–125 (Nr. 3635–3637).
Nr. 48.
Nr. 50*.
Nr. 57*.
Möllers, „Reichswehr schießt nicht auf Reichswehr!“.
Nr. 66*.
Vgl. neuerdings: Kreß, Bayerischer General S. 196.
Nr. 69*.
Grundlegend: Zeidler, Reichswehr und Rote Armee. – Quellen: D’jakov/Buševa.
Nr. 41.
Nr. 46.
Nr. 21.
Nr. 62*.
Nr. 63*. Vgl. auch Meier-Welcker, Seeckt S. 341–347.
Nr. 64*.
Nr. 65*.
So Meier-Welcker, Seeckt S. 596–597.
Nr. 85.
Meier-Welcker, Seeckt S. 596.
Nr. 89.
Nr. 90*.
Rabenau, Seeckt II S. 347–348; Meier-Welcker, Seeckt S. 360–362.
Nr. 89.
Nr. 91.