Hans von Seeckt ist eine der bedeutendsten und faszinierendsten Persönlichkeiten der neuesten deutschen Geschichte. Von 1919 bis 1926 hat er das vom Versailler Vertrag in ein Korsett gezwängte 100.000-Mann-Heer zu einer schlagkräftigen Kaderarmee ausgerichtet – die Reichswehr. So wie er sie im Oktober 1926 seinem Nachfolger hinterlassen hat, ist sie von Zeitgenossen und späteren Kennern gleichermaßen bewundert worden. Als er die Aufgabe, sie durch die Fährnisse der frühen 1920er Jahre zu führen, übernommen hatte, war sie noch ein fragiles Gebilde, das nach außen wie nach innen eine unsichere und unruhige Zukunft vor sich hatte.
Seeckt hatte sich in der Geschichte des Ersten Weltkriegs früh den Namen eines kühnen Strategen erworben. Besonders eng sind seine Bravour und sein militärisches Können mit der Durchbruchsschlacht von Gorlice-Tarnów Anfang Mai 1915 an der Ostfront verknüpft. Nach Dienststellungen an der Südostfront wurde er im Dezember 1917 nach Konstantinopel entsandt, wo er als Generalstabschef der osmanischen Armee tätig war, und damit von der Obersten Heeresleitung (Hindenburg/Ludendorff) kaltgestellt. Bald nach Ende des Krieges wurde Seeckt erneut in hohe Posten berufen – in die vorübergehende Stellung des Chefs des Generalstabs der deutschen Armee (6. Juli 1919) und kurz danach (1. Oktober) zum Chef des Truppenamtes. Am 5. Juni 1920 berief ihn Reichspräsident Ebert zum Chef der Heeresleitung, der Reichswehr, und damit in die Stellung des höchsten Offiziers.
Die Geschichtswissenschaft verfügt über zwei umfangreiche Biographien Seeckts – die erste, von Friedrich von Rabenau, darf als hagiographisch, die zweite, von Hans Meier-Welcker, als historisch-kritisch bezeichnet werden. Beide Autoren hatten Zugang zum Nachlaß des Generalobersten. Die Biographie von Rabenau ist monumental zu nennen; sie zählt ca. 1.500 Seiten und ist in zwei Bänden 1938–40 publiziert worden, also in der Zeit des Nationalsozialismus. Rabenaus Werk ist durchweg, teilweise recht scharf, kritisiert worden, da man ihm Liebedienerei gegenüber dem NS-Regime (besonders im zweiten Band) vorgeworfen hat. Das ist aber übertrieben und zeugt von mangelnder Empathie für einen Autor, der unter diesem Regime veröffentlicht hat. Rabenau, der nicht nur militärisch, sondern auch theologisch ausgebildet war, ist schließlich zum deutschen Widerstand gestoßen (Generaloberst Ludwig Beck) und nach der Enttarnung 1945 ermordet worden.
Rabenau hatte den großen Vorteil, daß er als Leiter des Heeresarchivs Potsdam ungehinderten Zugang zum Seeckt-Nachlaß gehabt hat. Er hat aus den Papieren Seeckts extensiv zitiert. Man darf schätzen, daß etwa die Hälfte der Biographie aus wörtlichen Übernahmen besteht. Dabei geht Rabenau allerdings nicht nach den strengen Regeln der Zunft vor, und insofern haben seine Kritiker recht. Die Zitate sind oft sehr lang, aber durch eigene Zwischentexte auseinandergerissen. Ausgelassene Teile werden zwar oft als solche markiert; das geschieht aber nicht immer. Durch diese Zitierweise werden mitunter irreführende Zusammenhänge hergestellt. Bei der Verwendung der Rabenauschen Biographie, besonders der darin enthaltenen Zitate, ist also größte Vorsicht geboten.
Die zweite Biographie stammt von einem zünftigen Historiker – Hans Meier-Welcker, selbst ausgebildeter Historiker und Offizier. Auch er verwendet den Nachlaß Seeckt und spart nicht mit Zitaten. Immer wieder wird Rabenau kritisiert, mitunter sehr scharf. Auf jeden Fall ist auf sein Opus Verlaß.
Sowohl Rabenau als auch Meier-Welcker zitieren neben den dienstlichen Quellen aus dem Brieffundus Seeckts. Die vorliegende Edition verzichtet auf den Abdruck dieser Briefquellen aus zweierlei Gründen: Zum einen enthalten Seeckts Briefe an seine Frau, weitere Familienangehörige und Freunde zum überwiegenden Teil rein private Mitteilungen. Stellen von historisch-politischem Belang machen in der Regel nur wenige Zeilen aus. Für eine Biographie haben sie also durchaus ihren Wert. Der Abdruck von nur wenigen Zeilen in dieser Edition hätte aber deren Struktur beeinträchtigt. Gleichwohl würde sich eine Edition der umfangreichen Briefschaften Seeckts lohnen, erforderte aber mindestens den Raum eines eigenen Bandes von vielen hundert Seiten. Der private Mensch Seeckt würde dadurch gewinnbringende Konturen erhalten. Einige wenige Privatbriefe sind, da sie längere Passagen mit historisch-politischem Inhalt haben, gleichwohl in dieser Edition abgedruckt.
In der wissenschaftlichen Literatur ist im übrigen nach 1945 von Seeckts Nachlaß viel Gebrauch gemacht worden. Man kann sich dabei aber aufs Glatteis begeben, wenn man sich etwa auf Rabenaus Zitatenkonvolut verläßt. Ein Beispiel dafür ist die Monographie des englischen Historikers John Wheeler-Bennett mit seinem Werk „The Nemesis of Power“ (1953), in dem er Seeckt-Zitate aus zweiter Hand übernimmt oder sie geradezu falsch übersetzt und dabei in ihr Gegenteil verkehrt. Ein Beispiel ist sein Zitat aus Seeckts Überlegungen zum deutschen Heer als „Staat im Staat“, die in der Seeckt-Literatur eine zentrale Rolle spielen. Wheeler-Bennett zitiert (S. 87) aus Seeckts 1929 erschienenem Buch „Gedanken eines Soldaten“, S. 113, wo es heißt: „Nicht zum Staat im Staat soll das Heer werden, sondern im Staat dienend aufgehen […].“ Die Übersetzung lautet: „The Army should become a State within the State, but it should be merged in the State through service.“
Die vorliegende Edition schöpft in erster Linie aus dem Seeckt-Nachlaß, der heute im Bundesarchiv/Militärarchiv in Freiburg i.Br. verwahrt wird. Außerdem werden besonders wichtige Stücke aufgenommen, die bereits anderweitig veröffentlicht sind (insgesamt sind das knapp ein Drittel) und Seeckt als öffentliche Persönlichkeit beleuchten können. Bei der Auswahl wurde besonderer Wert darauf gelegt, solche Stücke heranzuziehen, die einen größeren Umfang haben, also nicht das Klein-Klein der täglichen Arbeitswelt Seeckts abbilden. Seeckt hat gerne Gedanken niedergeschrieben, die über den Tag hinausgehen und eigenhändig von ihm verfaßt werden konnten. Diktieren liebte er nicht. Reden und Ansprachen hielt er nicht gerne. Obwohl er von 1930 bis 1932 Reichstagsabgeordneter war, hat er keine Rede vor den Abgeordneten gehalten. Seine längeren Aufzeichnungen sind merkwürdig unsoldatisch. Er liebte es, sein Denken und Handeln in große Zusammenhänge einzuordnen. Seine Sprache ist dabei mitunter hoch geistig, ja sogar kompliziert und nicht immer gleich verständlich.
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Ein Wort zum Editionsverfahren: Seeckts Orthographie bleibt unangetastet, wird also nicht modernisiert, wie sich das für wissenschaftliche Editionen gehört. Die Kommasetzung wird dagegen an die Regeln des Dudens der 1990er Jahre angepaßt, um einen besseren Lesefluß zu ermöglichen.
Ein Asteriskus (*) nach einer Dokumenten-Nummer in der Kopfzeile einer Quelle bedeutet, daß dieses Dokument bereits anderweitig gedruckt vorliegt. Der Drucknachweis steht in einer weiteren Kopfzeile. Es handelt sich um 30 Nummern (von insgesamt 92).
Der Anmerkungsapparat erläutert Sachfragen und Personennamen. Er nimmt dabei in erster Linie einschlägige Editionen und die allerneueste Literatur auf, aus der die ältere Literatur leicht ermittelt werden kann. Deshalb wird in der Einleitung auf Hinweise zum Forschungsstand verzichtet.
Die Bearbeitung der ausgewählten Seeckt-Papiere konnte vom Herausgeber flüssig erledigt werden, da Seeckts Nachlaß inzwischen digitalisiert ist.
Winfried Baumgart Mainz, Dezember 2024