Der Leser hält die überarbeitete Version des Bandes Ehe in Buda. Familiengeschichten der neugeborenen (Haupt)Stadt aus der Zeit nach der Vertreibung der Osmanen 1686–1726 in der Hand. Das Buch wurde 2019 in ungarischer Sprache von der Familienhistorischen Forschungsgruppe der Ungarischen Wissenschaftlichen Akademie (Integrating families: Children and the Stepfamily in the Kingdom of Hungary 16–19th Centuries), die den Namen „Schwung“ (Lendület) trägt, herausgegeben. Ich möchte Frau Gabriella Erdélyi, der Leiterin des Projekts, sowie den anderen Mitgliedern der Gruppe meinen Dank aussprechen, die mit ihren fachkundigen Ratschlägen und Fragestellungen dazu beigetragen haben, dass sowohl die ungarische als auch die deutsche Version zustande gekommen ist. Ich bedanke mich herzlich bei Frau Professor Katalin Péter (CEU) für ihre hilfreichen Bemerkungen und bei András Oross, dem ungarischen Archivdelegierten beim Österreichischen Staatsarchiv, für das fachliche Lektorat des Bandes. Ich möchte auch den Mitarbeitern des Archivs der Hauptstadt Budapest und dem Österreichischen Staatsarchiv – ganz besonders Éva Jancsó, Katalin Simon, János Nagy und Hugo Schatz – meinen Dank aussprechen, die mich bei meinen Archivforschungen die ganze Zeit unterstützt haben. Die deutsche Übersetzung wäre ohne die Mitwirkung der Familiengeschichtlichen Forschungsgruppe von Gabriella Erdélyi und des Exzellenprogramms (Thematic Excellence Programme, Community building: family and nation, tradition and innovation) von László Csorba nicht zustande gekommen, wofür ich den beiden Mentoren Gabriella Erdélyi und László Csorba sehr dankbar bin. Für die Übersetzung in die deutsche Sprache danke ich der Übersetzerin Márta Szabady und für das sprachliche Lektorat Eszter Fazekas.
In der Geschichtenwissenschaft ist die Ansicht verbreitet, dass die Wurzeln der speziellen Entwicklung Osteuropas und damit auch Ungarns bis zu den Zeiten vor dem 20. Jahrhundert zurückreichen. Laut der zu Anfang der 1980er-Jahre sowohl auf Deutsch als auch auf Ungarisch veröffentlichten und allgemein anerkannten These von Jenő Szűcs spielte die als Ost-Mittel-Europa bezeichnete Region eine verbindende Rolle zwischen Ost- und Westeuropa. Dazu trug größtenteils die von den mittelalterlichen Herrschern forcierte Ansiedlung von Deutschen bei, wobei man die Ansiedlung von Stadtbewohnern präferierte. Die Siedler brachten ihre Traditionen (z. B. Zünfte) und ihr Fachkönnen mit. Die ungarischen Könige erhofften sich davon die Neubelebung der Städte und die Entstehung eines starken Bürgertums, deren Mitglieder durch ihre Gewerbetätigkeiten für den Herrscher neue Einnahmequellen sicherten und für ihn als politische Verbündete fungierten. Jenő Szűcs sowie die zwei jüngeren Historiker Zsigmond Pach und Emil Niederhauser hoben hervor, dass die die Modernisierung begünstigenden gesellschaftlich-wirtschaftlichen Änderungen keine in der Gesellschaft spontan ablaufenden Prozesse (civilis societas) waren, sondern sie wurden von den Herrschern bewusst eingeführt. Zu der Zeit, als Jenő Szűcs tätig war, maß die Stadtgeschichte dem Mittelalter eine besondere Bedeutung bei. Man hob die Innovativität dieses Zeitalters hervor und hielt diese Ära unter dem Aspekt der europäischen Kulturgeschichte für mindestens so entscheidend wie die industrielle Revolution oder die Zeit davor. Nachdem die Reformation und der Konfessionalismus in den Vordergrund des Interesses gerückt waren, richteten die Historiker ihr Augenmerk auf das 19. und 20. Jahrhundert. Dieser Band will eine chronologische Brücke bilden zwischen den Werken von Jenő Szűcs, Zsigmond Pál Pach (19. Jahrhundert) und Emil Niederhauser (Mittelalter9, der sich vor allem mit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und mit dem 19. Jahrhundert befasste.1 Ein weiteres Ziel dieses Bandes ist, über die bisher vernachlässigte Zeit zwischen den gründlich aufgearbeiteten deutschen Ansiedlungen im Mittelalter und den in den 1730er-Jahren anfangenden neueren Ansiedlungen eine ausführlichere Darstellung zu geben.2 Die Rückeroberung von Buda im Jahr 1686 ist in der Erforschung dieses Zeitalters ein international bekannter Fakt, trotzdem steht den Forschern über diese Periode nur ein in kleiner Auflage gedruckter Band zur Verfügung.3 Die aufgrund von gedruckten Materialien verfasste Arbeit von Franz Greszl macht den Leser mit der Geschichte der katholischen Kirchgemeinden bekannt, aber auf die Geschichte der Stadt und deren Bewohner geht sie nicht näher ein.
Sicherlich taucht die Frage auf, inwiefern das mit dem Namen von John Hajnal verbundene Modell für eine jenseits der Sankt Petersburg-Triest-Linie liegende Stadt angewendet werden kann, in der ein großer Teil der Bevölkerung stark mit dem deutschen Kulturkreis verbunden gewesen ist. Das Model besagt Folgendes: Menschen, die westlich dieser Linie lebten, heirateten später (mit 26–28 Jahren) und hatten weniger Kinder. Vor der Heirat versuchten Männer und Frauen, Wohlstand anzuhäufen, in der Regel nicht, indem sie zu ihren Eltern zogen, sondern indem sie unabhängige Haushalte gründeten, oft in anderen Siedlungen. Diejenigen, die östlich der Linie lebten, heirateten jung (mit 18–20 Jahren) und begannen ihr gemeinsames Leben oft unter demselben Dach wie ihre Eltern.
Der Demograf Tamás Faragó verglich die Haushalte der Handwerker deutscher Herkunft in Buda mit denen ihrer ungarischen und südslawischen Nachbarn. Er stellte fest, dass die Verfolgung der westlichen Muster deutlich sichtbar sei, selbst wenn man in manchen Dörfern das Wechselspiel der westlichen und östlichen Muster beobachten könne.4 Die Quellen ermöglichen es zwar nicht, eine demografische Analyse über die in diesem Band behandelte Zeitperiode durchzuführen, aber man kann sich durch ihn ein besseres Bild darüber machen, wie sich die Stadtbewohner verschiedener Herkunft das Familienleben vorstellten.
Ich erforsche die Archivdokumente der beiden Städte Buda und Pest seit rund zwanzig Jahren. In den ersten fünf Jahren habe ich im Archiv der Hauptstadt Budapest als Referentin der in der Zeit zwischen 1686 und 1873 entstandenen Dokumente gearbeitet. Ich habe in drei Quellenausgaben Protokolle von Ratssitzungen veröffentlicht. Während der Forschung und Bearbeitung des Archivmaterials kam ich auf den Gedanken, ausschließlich die vorhandenen Quellen der öffentlichen Verwaltung auf eine innovative Art zu verwenden und Fragen zu beantworten, auf die wir die Antwort in klassischen Egodokumenten suchen würden. Diese Idee ist nicht beispiellos. Nitin Varna rekonstruierte das Leben der in Indien lebenden indischen Diener und Dienerinnen ausschließlich aufgrund der Aussagen ihrer englischen Herren, die diese bei ihren Scheidungsprozessen machten.5 Die Budaer Quellen sind viel vielfältiger als seine. Neben dem großen städtischen Quellengut stehen uns noch zusätzlich die Unterlagen der höheren Behörden, der Wiener Hofkammer und des Wiener Hofkriegsrates zur Verfügung. Die höheren Behörden näherten sich den Angelegenheiten häufig aus einer anderen Sicht an, was eine komplexere Analyse ermöglicht. Ich lege Wert darauf, die verschiedenen Perspektiven (die der Einheimischen und des Habsburgischen Reiches bzw. der Antragsteller und der Behörden) miteinander zu vergleichen, deshalb bemühte ich mich in jedem Fall, mehrere Quellengruppen in die Forschung einzubeziehen. Infolge der Art der Quellen liegt der Akzent auf der Analyse von Konflikten, jedoch verfolge ich die Methode, mit der vereinzelten Verarbeitung von verschiedenen Dokumenten die Lebensgeschichte der betroffenen Personen so weit wie möglich nachzuvollziehen. Der Band ist keine Stadtgeschichte im klassischen Sinne, er nähert sich dem Zeitalter nicht aus der Perspektive der öffentlichen Verwaltung oder der Ortsgeschichte an, sondern er stellt den Alltag der Menschen und der Familien dieses Zeitalters aus mikrohistorischer Perspektive vom kulturhistorischen Standpunkt aus dar: Wie erlebten sie die ständige Gefährdung durch Krieg und Epidemien bzw. die hohe Sterblichkeit und welche Abwehrstrategien verwendeten sie?6 Mithilfe der Ergebnisse dieser Studie soll die Frage beantwortet werden, was die Leute dazu bewog, sich auf den Weg in die Fremde zu begeben, was es für einen „einfachen“ Menschen bedeutete, an der Wiederbelebung einer rückeroberten Stadt teilzunehmen, und welche Konsequenzen es für die neugegründeten Familien hatte, in einer neuen Umgebung fern von der Heimat zu leben.
Jenő Szűcs, Die drei historischen Regionen Europas. Mit einem Vorwort von Fernand Braudel, Frankfurt am Main 1994, S. 49; Eszter Bartha, Konstrukciók vonzásában. Kelet-Európa mint identitás [Im Bann der Konstruktionen. Osteuropa als Identität], in: Múltunk [Unsere Vergangenheit] 4 (2015), S. 206–220; Márta Fata, Migration im kameralistischen Staat Josephs II. Theorie und Praxis der Ansiedlungspolitik in Ungarn, Siebenbürgen, Galizien und der Bukowina von 1768 bis 1790, Münster 2014, S. 26–28.
Dazu siehe Fata 2014.
Franz Greszl, Ofen-Buda: Entwicklungsgeschichte der königlichen Rezidenzstadt Ungarns im 18. Jahrhundert: eine kirchen-, pastoral-, kultur- und kunstgeschichtliche Untersuchung im Lichte der Graner (Esztergomer) Erzbischöflichen Visitationsprotokolle im Zeitraumzwischen 1686 und 1822, München 1984, S. 136.
Tamás Faragó, Házasság, család, háztartás és munkaszervezet a hagyományos falusi kézművességben (Pilis – Budakörnyék, 1724–1779) [Ehe, Familie, Haushalt und Arbeitsstruktur in der traditionellen, ländlichen Handwerkerschicht] in: Tamás Faragó, A múlt és a számok. Pest-Buda és környéke népessége és társadalma a 18–20. században [Die Vergangenheit und die Zahlen. Bevölkerung und Gesellschaft in der Umgebung von Pest-Buda im 18.–20. Jahrhundert], Budapest 2008, S. 367–370.
Nitin Varna, Servant Testimonies and Anglo-Indian Homes in Nineteenth-Century India, in: Felicitas Hentschke u. James Williams (Hg.), To Be at Home: House, Work, and Self in the Modern World (Work in Global and Historical Perspective Series, Bd.5), Berlin/Boston 2018, S. 219–228.
Gerd Schwerhoff, Frühneuzeitliche Stadtgeschichte im Cultural Turn – eine Standortbestimmung, in: Julia A. Schmidt-Funke u. Matthias Schnettger (Hg.), Neue Stadtgeschichte(n). Die Reichsstadt Frankfurt im Vergleich, Bielefeld 2018, S. 22–24; Ferdinand Opll, Österreichische Städte im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit als Forschungsthema der letzten zwanzig Jahre, in: Städte im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit als Forschungsthema in den letzten zwanzig Jahren, Prag 2013, S. 364; Rudolf Vierhaus, Die Rekonstruktion historischer Lebenswelten. Probleme moderner Kulturgeschichtsschreibung, in: Hartmut Lehmann (Hg.), Wege zu einer neuen Kulturgeschichte, Göttingen 1995, S. 13; Karl-Peter Krauss, Einfache Leute. Eine Annäherung an Lebensabschnitte von Deutschen in Ungarn durch Gerichtsakten, in: Vitári Zsolt (Hg.), Minderheiten und Mehrheiten in ihren Wechselbeziehungen im südöstlichen Mitteleuropa. Festschrift für Gerhard Seewann zum 65. Geburtstag, Pécs 2009, S. 47–69.