Osho lebt. Der legendäre Ashram in Poona (heute Pune), die skandalgeschüttelte Alternativstadt Rajneeshpuram in Oregon (USA), die 93 Rolls-Royces im Besitz des Gurus, der mehrmals seinen Namen wechselte, bis er sich ab 1989 – nun wiederum in Poona – Osho nannte: Geschichten, die immer wieder gerne gehört werden. Ihre Bilder lassen längst vergangene Zeiten der Experimentierlust wieder aufscheinen, die zu denen unserer Gegenwart, geprägt von Gedankenenge, Angst und blinder Aggression, in schmerzhaftem Kontrast stehen.
Osho ist auch heute noch ein weltweit gern gelesener Autor, der andere und auch jüngere Autoren auf dem spirituellen Markt nach wie vor in den Schatten stellt. Demgegenüber ist die Mitgliederzahl seiner einst weltweit verbreiteten Bewegung, der Neo-Sannyas-Movement, stark zurückgegangen. Von den zur Hochzeit in den 1980er Jahren rund 100.000 Neo-Sannyasins1 gibt es nur noch wenige aktive Mitglieder. Das Interesse der Medien an der damals weltweit verbreiteten Bewegung ist dementsprechend gering geworden, wenn auch immer wieder Fernseh- und Hörfunkreportagen über ihre Geschichte in den 1970er und 1980er Jahren – auch in Deutschland – ausgestrahlt werden.2 Bisweilen werden Osho und seine Bewegung auch in der sogenannten Unterhaltungsliteratur genannt. In dem Kriminalroman „Achtsam morden im Hier und Jetzt“ zum Beispiel war Joschka Breitner, Therapeut des Rechtsanwalts Björn Diemel, in den 1980er Jahren ein Anhänger des indischen Gurus gewesen. Joschka Breitners frühere Identität ist ein Geheimnis, das er vor der Öffentlichkeit verbirgt und das Björn Diemel unerlaubterweise in dessen Tagebuch findet. Osho und seine Bewegung werden so als leicht anstößiges und zugleich Neugier weckendes historisches Phänomen, nicht mehr als Teil der Gegenwart dargestellt.3
Die Geschichte der deutschen Neo-Sannyas-Movement – wie auch diejenige in den anderen Ländern – ist jedoch bis heute nicht geschrieben worden. Das ist zunächst erstaunlich, denn sie war die größte alternativreligiöse Bewegung, die je in Deutschland existiert hat. Sie war nicht nur die größte Fraktion innerhalb der weltweiten Bewegung, sondern entwickelte sich seit den 1970er Jahren auch schnell zur zahlenmäßig stärksten der hiesigen Neuen Religiösen Bewegungen. In der ersten Hälfte der 1980er Jahre bekannten sich in Deutschland4 rund 30.000 sogenannte Sannyasins zu Bhagwan, und ihre Kommunen umfassten bis zu 380 Mitglieder. Die Bewegung war damit die größte alternative Wohn-, Lebens- und Arbeitsgemeinschaft, die je in Deutschland existiert hat. Keine andere der damals neuen alternativ-religiösen Organisationen rief seinerzeit in Deutschland ein solch starkes Medienecho hervor und mobilisierte in vergleichbarem Maße besorgte Eltern, Politiker und Geistliche, keine andere führte vor Gericht so viele Antidiskriminierungsprozesse gegen das Image einer „destruktiven Jugendsekte“ und war umgekehrt bei der jüngeren Generation als Freizeitunternehmen so beliebt. Viele der heute 60–75-Jährigen erinnern sich gerne an ihre in den 1980er und 1990er Jahren stark frequentierten Diskotheken.
Der erste Grund dafür, dass die Geschichte des deutschen Zweiges der Bewegung bisher wissenschaftlich nicht untersucht und keine Gesamtdarstellung erschienen ist, ist, dass in Deutschland die Alternativreligiösen immer im Schatten der 1968er-Generation und der auf sie folgenden Linksalternativen gestanden haben. Diese haben, nicht zuletzt durch das „50-Jahre-Jubiläum“ 2018 die ungeteilte öffentliche Aufmerksamkeit erhalten und die Schaffenskraft derer, die sich für die „alternativen Szenen“ der Bundesrepublik und Berlin interessieren, weitgehend absorbiert. Bezeichnenderweise haben die Archive zu den sozialen Bewegungen in Freiburg und Hamburg zu den Neuen Religiösen Bewegungen so gut wie kein Material gesammelt. Man nimmt sie irgendwie nicht „ernst“, ihre Mitglieder gelten als „exotische Spinner“, die Zugehörigkeit zu einer dieser Bewegungen als erklärungsbedürftige Devianz, die in psychischen Problemen oder gesellschaftlichen Fehlentwicklungen ihre Ursache hat. Zwar werden Aspekte der alternativ religiösen Szene in historischen, soziologischen und religionswissenschaftlichen Studien vorwiegend im Kontext der Körpergeschichte und der Pluralisierung des religiösen Feldes in Deutschland seit den 1960/70er Jahren behandelt, aber von dort führt kein Weg dahin, die Geschichten der Gruppierungen selbst in ihren Unterschieden und Gemeinsamkeiten detaillierter zu untersuchen.
Der zweite Grund dafür, dass die Geschichte der Neo-Sannyas-Movement in den einzelnen Ländern bisher wenig Beachtung gefunden hat, liegt darin, dass die zweifellos spannende Geschichte ihrer zentralen Kommunen in Poona und in Oregon den Blick auf die weltweite Bewegung verstellt hat. Die Peripherie erscheint zu Unrecht als weniger interessant, wiewohl sie sowohl der allgemeinen Religionsgeschichte als auch den Geschichten der jeweiligen Länder wichtige Informationen beisteuern kann.
Wenn nun das vorliegende Buch die Geschichte der Neo-Sannyas-Bewegung in Deutschland zum Thema hat und damit eine Forschungslücke schließen will, so muss die Biografie Bhagwans/Oshos5 allerdings mitberücksichtigt werden, weil er die Bewegung natürlich entscheidend prägte. Auch die Ereignisse in Poona beziehungsweise Rajneeshpuram und die Strukturen dieser Zentralen müssen thematisiert werden.6 Eine ständige Kommunikation zwischen Peripherie und Zentrum war ein wichtiges Kennzeichen der Bewegung. Informationen wurden ausgetauscht, Direktiven erteilt, Geld transferiert. Sannyasins pendelten ständig zwischen der ersten Kommune in Poona, Indien, und dann Rajneeshpuram in den USA und ihrer Heimat hin und her. Andere blieben auf Dauer in den Zentren.
Der Schwerpunkt dieser Darstellung liegt jedoch auf der Geschichte der Bewegung in Deutschland7 in den Jahrzehnten zwischen 1970 und 2020, als sie hier entstand, sich formierte und mehrfach ihre Strukturen änderte, bis sie ihre heutige Gestalt annahm.
Das Leben und Wirken Bhagwans beziehungsweise Oshos ist in unterschiedlicher Ausführlichkeit und Qualität vielfach dargestellt worden. Die Websites osho.com und oshoworld.com bieten Informationen und Material zu seinem Wirken. Das online verfügbare „Osho Source Book“ von Pierre Evald ist wegen seiner Materialfülle und seines Detailreichtums besonders hervorzuheben und für diese Studie immer wieder herangezogen worden.8 Für die Geschichte des Ashrams in Poona und der Alternativstadt Rajneeshpuram kann auf zum Teil sehr gute wissenschaftliche Literatur, vornehmlich aus den USA, zahlreiche populäre Darstellungen und auf Selbstzeugnisse von Sannyasins zurückgegriffen werden. Hinzukommt umfangreiches Film- und Audiomaterial.
Demgegenüber liegt für die Geschichte der Bewegung in Deutschland nur wenig Forschungsliteratur vor. Eine gewisse Beachtung fanden die deutschen Sannyasins in den Religionswissenschaften, in der Theologie, Psychologie und Soziologie in den 1980er und 1990 Jahren, ehe das Thema in der Versenkung verschwand. Einige Studien beschäftigten sich dabei mit der Vorstellungswelt der deutschen Sannyasins aufgrund von Interviews und können als Quellen herangezogen werden.9 Informationen zur Organisationsstruktur der Bewegung in Deutschland bieten zwei Werke von 1985 und 1987.10 In seiner religionssoziologischen Dissertation von 1988 untersuchte Frank Usarski die „Stigmatisierung neuer religiöser Bewegungen“ in den 1970er und 1980er Jahren und liefert damit wichtiges Hintergrundwissen, um die seit Ende der 1970er Jahre heftigen Auseinandersetzungen von kirchlichen Sektenbeauftragten, Elterninitiativen, Politikern und Stadtverwaltungen mit den Neuen Religiösen Bewegungen zu verstehen.11
So wenig Literatur es zu dem Thema gibt, so zahlreich sprudeln die Quellen. Seit den späten 1970er Jahren wurde die Sannyas-Bewegung im Zuge der „Jugendsekten“-Debatten von den Medien intensiv beobachtet. Entsprechend umfangreich ist die hinterlassene Berichterstattung und Kommentierung durch die Printmedien. Hinzukommen eine Reihe von Fernsehbeiträgen in Magazinen und als Einzelsendungen.
Auch die Bewegung selbst hat reichhaltiges Schrifttum und Film- und Bildmaterial hinterlassen. Die Zeitung/Zeitschrift der Bewegung, die Rajneesh Times, die ab 1983 (mit wechselndem Titel) durchgehend bis 2020 erschien, ist eine Fundgrube an Informationen und erlaubt Einblicke in das sich wandelnde Selbstverständnis und in die Selbstdarstellungen der Bewegung. Daneben gibt es eine Fülle von hinterlassenem Kleinschrifttum, Prospekten und Flyern. Schon seit den 1970er Jahren erschienen eine Reihe von sehr informativen Erlebnisberichten in Buchform. Hinzuzufügen ist das Buch von Kirsten Pape „Vom Mut, den eigenen Weg zu finden“, das ausführliche Interviews mit (ehemaligen) Sannyasins enthält.12 Weitere Aussagen von Zeitzeugen sind in die Untersuchung eingeflossen.
Besondere Erwähnung verdienen Siddharthas maschinenschriftliche Erinnerungen. Als Werner Gartung geboren und als Y. Fongi ein anerkannter Künstler, gründete er schließlich als Siddhartha vier (!) Sannyas-Niederlassungen. Seine Erinnerungen erlauben einen einzigartigen Einblick in die Geschichte der Bewegung in Deutschland.
Ganz dem Zeitgeist entsprechend, der das Fotografieren und Filmen als Hobby für jedermann entdeckte, hielten der Kommuneleiter Siddhartha und weitere Sannyasins das Leben der Kommunen in Purvodaya und Rajneeshstadt auf Zelluloid fest.
Obwohl, oder vielleicht gerade, weil sich die Sannyas-Bewegung immer wieder neu erfand, hat sie sich viel stärker als andere alternativreligiöse Bewegungen ihrer eigenen Geschichte zugewendet und sie dokumentiert Mit der Website sannyas.wiki ist eine einzigartige Sammlung von Informationen und Quellenmaterial auch zur Bewegung in Deutschland entstanden. Einzelne Sannyasins und Gruppen unterhalten Websites oder Facebook-Seiten.
Die Geschichte der Bewegung in Deutschland wurde auf der Grundlage dieses umfangreichen Materials unter mehreren Gesichtspunkten untersucht. Nach der Ereignisgeschichte stellten sich die klassischen Fragen nach der sozialen Zusammensetzung und Organisation der Bewegung. Dabei ging es nicht darum, die Sannyasins und die Kommunen typologisch zu rekonstruieren. Stattdessen standen die Genese, die Vielfältigkeit, Widersprüchlichkeit und die Wandlungsfähigkeit der Bewegung im Zentrum des Interesses.
Weiterhin war zu fragen, was Sannyasins als Sannyasins eigentlich „machten“. Wie waren die Sannyas-Zentren aufgebaut? Wie sah die Programmatik aus? Welche ökonomischen Aktivitäten entfalteten die Sannyasins? Wie sah der Alltag in- und außerhalb der Kommunen aus? Wie wurde die Freizeit gestaltet? Wurde überhaupt zwischen Arbeit und Freizeit unterschieden? Welche religiöse Praxis und speziellen Gebräuche wurden gepflegt?
Danach war die Ästhetik der Bewegung in ihren vielfältigen Erscheinungen von Interesse, Ästhetik verstanden als Form der Praxis, die jedoch nicht nur deren Ausdruck, sondern auch konstitutives Element ist. Eine spezifische Ästhetik ist ein Erkennungszeichen einer Bewegung, sie sichert ihren Zusammenhalt und die Abgrenzung von der Umwelt. Zu fragen war, welche Elemente die Bewegung einer bestimmten ästhetischen Gestaltung unterzog und welche hingegen nicht. Der ästhetischen Gestaltung des Körpers galt besonderes Interesse: seine Ausstattung mit Kleidung und Accessoires, aber auch die Nacktheit als Ausdruck, die Bewegungen des Körpers in der Meditation und im Tanz. Damit kam die Musik in den Blick: die verwendeten Instrumente, die Klanggestaltung, die Melodik und die Rhythmik. Schließlich war auch zu fragen, welche gestalterischen Elemente fehlten, auch wenn man sie zunächst einmal von einer religiösen Bewegung erwarten würde, und was aus dem Repertoire im Laufe der Zeit gestrichen wurde.
Zusammen mit der Schilderung der jeweiligen Ereignisse in den „Zentralen“ sind diese Gesichtspunkte des Sozialen und Ästhetischen abschließend chronologisch zusammengeführt worden, um so ein stimmiges Bild der Bewegung zu erzeugen und Redundanzen in der Darstellung zu vermeiden.
Es folgt dann ein Kapitel zu den „Außenbeziehungen“ der deutschen Sannyasins. Die Anhängerschaft Bhagwans spielte vor allem in der ersten Hälfte der 1980er Jahre eine zentrale Rolle im „Sektendiskurs“. In den Medien waren Bhagwan und seine Followers zu dieser Zeit omnipräsent. Wie agierten Politiker, Kirchenbeauftragte, Medien und Justiz gegenüber dieser Neuen Religiösen Bewegung? Welche Rolle spielte die Neo-Sannyas-Bewegung hinsichtlich der rechtlichen Neubestimmung von Religionsfreiheit in einer zunehmend pluralistischen religiösen Landschaft? Welche Funktion hatten ihre Niederlassungen im lokalen Umfeld? Diesen Fragen wird in diesem Kapitel nachgegangen.
Schließlich die Sprache der Sannyasins: Gab es einen typischen „Sannyas-Speech“? Welches waren die Leitbegriffe in ihren Publikationen? Welche Assoziationen wurden mit diesen geweckt? An welche anderen Bewegungen konnten sie damit andocken? Sorgte die Begrifflichkeit für Kontinuität oder wandelte sie sich?
Den Abschluss der Darstellung bilden einige zusammenfassende Überlegungen zur Stellung der Neo-Sannyas-Bewegung in der kulturellen und religiösen Landschaft der Bundesrepublik Deutschland.
Um einen ermüdenden Introitus zu vermeiden, werden die theoretischen und methodischen Grundlagen dieser Darstellung detaillierter in einem Anhang dargelegt. In diesem „Making-of“ wird der historische und soziologische Blickwinkel, aus dem heraus das Phänomen der Neo-Sannyas-Movement untersucht worden ist, für Interessierte näher erläutert.
„Sannyasin“ bezieht sich im Folgenden, wenn nicht anders angegeben, immer auf weibliche und männliche Mitglieder der Bewegung.
Eine Auswahl von Beiträgen ist im Quellen- und Literaturverzeichnis aufgelistet.
Dusse (2022).
Westdeutschland und Berlin.
Die Namen des religiösen Führers werden im Folgenden entsprechend ihrer zeitgenössischen Verwendung benutzt, d.h. für die Zeit bis 1971 wird der damals gebräuchliche „Spitzname“ „Rajneesh“, von 1971 bis 1989 „Bhagwan“ und für die Zeit ab 1989 „Osho“ verwendet. In den Literaturangaben wird aus Gründen der Einheitlichkeit immer der Name „Osho“ benutzt.
Einen guten Überblick über die Geschichte der Gesamtbewegung bietet unter anderem Süss (2001).
Gemeint ist Westdeutschland und Westberlin. Punktuell ab den 1980er Jahren und dann vor allem ab der Wiedervereinigung kommt das Gebiet der (ehemaligen) DDR hinzu.
Evald (2019).
Horn (1982); Klosinski (1985); Schöbinger (1987); Zeisberg (1987); Karow (1990); Huth (1993); Süss (1994); Süss (1996); Zimmermann (1997).
Nelles (1985); Thoden und Schmidt (1987).
Usarski (1988).
Die einzelnen Titel sind im Quellen- und Literaturverzeichnis aufgelistet; Pape (2013).