Die Ausübung sexueller Gewalt an Kindern und Jugendlichen durch Priester erschüttert seit Jahren die Ãffentlichkeit. Auch für das Erzbistum Paderborn besteht Aufklärungsbedarf. Welche Personenkreise innerhalb der Kirche wussten von den Missbrauchsfällen? Wie ging das Leitungspersonal mit Beschuldigten und Betroffenen um? Welche Entwicklungen lassen sich während der Amtszeiten der Erzbischöfe Lorenz Jaeger (1941â1973) und Johannes Joachim Degenhardt (1974â2002) beobachten? In zwei Teilen geht diese Studie diesen Fragen nach, wobei der gesellschaftliche und der kirchengeschichtliche Kontext berücksichtigt werden.
Christine Hartig arbeitet im ersten Teil das Handeln des Leitungspersonals und die Perspektive der Betroffenen heraus. Es kann gezeigt werden, dass sowohl Jaeger als auch Degenhardt bereits in der Vergangenheit zahlreiche Beschuldigungen bekannt waren. âChefsacheâ wurde sexueller Missbrauch allerdings in der Regel nur dann, wenn ein öffentlicher Skandal oder weltliche Ermittlungsverfahren drohten. Umso bedeutsamer sind im Vorfeld die Aushandlungsprozesse âvor Ortâ, in den Gemeinden und Familien. Die Rolle von Dechanten, Pfarrern und Pfarrgemeinden wird exemplarisch behandelt.
Politisch, juristisch und gesellschaftlich ist der Untersuchungszeitraum von 1941 bis 2002 von groÃen Wandlungsprozessen gekennzeichnet. Welchen Einfluss hatten diese auf die Wahrnehmung und Bewertung von sexueller Gewalt an Kindern und Jugendlichen? So wurde bis in die junge Bundesrepublik auf die Verletzung des Sittlichkeitsempfindens rekurriert. Seit den späten 1960er Jahren hob der Gesetzgeber das Recht auf sexuelle Selbstentfaltung und den Schutz der körperlichen Integrität hervor. Während damit de jure die Belange der Betroffenen anstelle der gesellschaftlichen Moral in den Mittelpunkt rückten, fand dieser Perspektivwechsel in Gesellschaft und Kirche zunächst nur wenig Umsetzung. Die Studie geht auch auf solche Ungleichzeitigkeiten ein.
Eine deutliche Zäsur beim Handeln des Leitungspersonals stellen die Jahre 2001/2002 aufgrund des päpstlichen Motu proprio Sacramentorum sanctitatis tutela (SST) sowie der Leitlinien der Deutschen Bischofskonferenz dar. Nun wurden Priester auch dann von ihrer Stelle abgezogen, wenn sich noch keine Gerüchte in der Ãffentlichkeit verbreitet hatten oder ein weltliches Strafverfahren lief. Degenhardt unterlieà es aber weiterhin, mögliche weitere Straftaten von beschuldigten Priestern zu ermitteln.
Auf der Grundlage von über 50 Interviews mit Betroffenen lassen sich Einblicke in familiäre und soziale Hintergründe, Anbahnungsstrategien, Reaktionen aus der Umwelt und Bewältigungsstrategien gewinnen. Für die Generation der Kriegs- und Nachkriegskinder, die in den 1950er und 1960er Jahren sexuelle Gewalt von Klerikern des Erzbistums Paderborn erlebt hatten, trifft das vorherrschende Bild aus der Forschung zu, dass sie meist aus einem konservativen katholischen Milieu kamen. Aufgrund der ökonomischen Verhältnisse, einer geringen Sexualaufklärung und eines autoritären Erziehungsstils waren sie besonders verletzbar. In der Zeit des Nationalsozialismus lässt sich hingegen eine gröÃere Bandbreite von Betroffenen in Bezug auf ihre soziale Herkunft und ihr Elternhaus erkennen. Ab den späten 1960er Jahren veränderten sich erneut wesentliche Faktoren. Hierzu gehörten die Liberalisierung gesellschaftlicher Werte und Normen, die erweiterten Bildungschancen und der nachlassende Einfluss der beiden Kirchen auf die Schulbildung und auf die öffentliche Meinung. In den Stimmen der Interviewpartnerinnen und Interviewpartner spiegelt sich auch die Auflösung des katholischen Milieus. Der Missbrauch setzte sich aber auch unter neuen Bedingungen fort. Die Studie zeigt, dass Gemeinden sowohl auf dem ârechtenâ (konservativen) wie auf dem âlinkenâ (progressiven) Auge blind sein konnten. Negativ für die Betroffenen wirkte sich nicht selten die Verbindung von Missbrauchsvorwürfen mit kirchenpolitischen Interessen aus. So hielt man unter den jeweiligen Vorzeichen bestimmte Vorwürfe per se für unglaubwürdig oder für eine Schmutzkampagne gegen einen beliebten Pfarrer. Auch in der Amtszeit Degenhardts fehlten für Betroffene grundlegende Voraussetzungen, sich Dritten gegenüber zu öffnen. Sie besaÃen weiterhin kaum Gewissheit, dass ihnen geglaubt und die Vorwürfe untersucht würden.
Nicole Priesching fragt im zweiten Teil nach der Entwicklung der Priesterausbildung und bestimmten Priesterbildern im Erzbistum Paderborn. Der âKastenâ, in dem die Priesteramtskandidaten von der Welt abgesondert lebten, öffnete sich langsam seit Ende der 1960er Jahre. In den 1970er Jahren zeigt sich ein Reformschub, der mit einem Krisenbewusstsein nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962â1965) einherging, als die Zahlen im Priesterseminar erstmals einbrachen. Ein zweiter Reformschub fand in den 1990er Jahren statt, als ein neues Ausbildungskonzept eingeführt wurde und die Zahlen abermals stark zurückgingen.
Die Studie fragt danach, wie der Prozess einer Auslese von âungeeignetenâ Kandidaten vor sich ging. Hätte man verhindern können, dass Männer geweiht wurden, die sich später sexuell an Kindern und Jugendlichen vergingen? Die Beantwortung dieser Frage hat sich als komplexer erwiesen als ursprünglich angenommen. Zunächst war auf Grundlage der bisherigen Studien davon auszugehen, dass Täter bei der Ersttat im Durchschnitt 36 bis 38 Jahre alt waren; für das Bistum Münster hat sich ein Durchschnitt von 42 Jahren ergeben. Man kann daher annehmen, dass die Ausbildungszeit, mit etwa 19 bis 26 Jahren, noch zu früh ist, um eine solche Entwicklung voraussagen zu können, zumal wenn die Männer nicht verhaltensauffällig waren. Der âworst caseâ der Organisation ist allerdings der Fall, wenn jemand bereits vor der Priesterweihe durch unangemessenes Verhalten aufgefallen war und dennoch seine Weihe befürwortet wurde. Der Befund sagt, dass dies tatsächlich vorgekommen ist , und fragt danach, wie dies möglich war. Eine zentrale Rolle spielte hierbei die argumentative Konstruktion des âZweifelsfallsâ.
Der zweite Schwerpunkt geht der Vielschichtigkeit von Priesterbildern nach, da diese gerade durch die bisherige Missbrauchsforschung zu sehr auf das Bild von âHochwürdenâ vereinseitigt werden. Aus den âAufbrüchenâ nach dem Konzil, die keineswegs alle bejahten, folgten Suchbewegungen nach einer priesterlichen Identität, die von systemischen Widersprüchlichkeiten geprägt war und einen Spagat zwischen âgesternâ und âmorgenâ zu bewältigen hatte. Prozesse einer Entsakralisierung und Resakralisierung fanden sowohl nacheinander als auch nebeneinander statt. Hinzu kamen die Erfordernisse aus der Praxis, somit der âFunktionalitätâ, wobei dieser Begriff selbst zum Kampfbegriff um das priesterliche Selbstverständnis avancierte. Offiziell wurde am Berufsbild des âAllroundersâ festgehalten, inoffiziell allerdings damit gerechnet, dass man bestimmte Priester nicht für alle Aufgaben einsetzen konnte. Der Rückgang der Priesterzahlen einerseits sowie die Ãberforderungen, über die Priester klagten, andererseits erzwangen Kompromisse.
Seit den 1970er Jahren geriet der Zölibat unter Rechtfertigungsdruck. Das mussten auch Priesteramtskandidaten verarbeiten. Manche brachen aus Enttäuschung über diese Entwicklung, vor allem in den 1970er Jahren, ihr Studium ab. Die Studie fragt vor diesem Hintergrund nach der Auseinandersetzung mit dem Thema Sexualität im Priesterseminar. Seit den 1990er Jahren kam dem Thema Homosexualität eine gröÃere Bedeutung zu. Es werden bestimmte Sagbarkeitsgrenzen bzw. Dilemmata im Umgang mit Sexualität herausgearbeitet. Man kann diese systemischen Aporien aber nicht einfach als âRisikofaktorenâ für âMissbrauchâ bewerten, da hier keine direkten Kausalzusammenhänge belegt werden können.
Insgesamt lassen sich zwei Narrative zur Geschichte der Priesterausbildung ausmachen: Von Seiten der Leitung stöÃt man auf eine Erzählung des Fortschritts, die neben der Erzählung der Illusion des Fortschritts steht. Beide Narrative treffen auf ihre Weise zu und gehören zum besseren Verständnis der Geschichte der Priesterausbildung letztlich zusammen.