„Oh, wie schön ist Panama!“ – so der Sehnsuchtsausruf des kleinen Tigers und des kleinen Bären nach einem Paradies weit weg von ihrem kleinen Häuschen am Fluss. In kleinen Häuschen am Fluss, an der Oder, lebten auch Schalkowitzer, Poppelauer und ihre Nachbarn aus der Region Oppeln, die in den 1870er und 1880er Jahren in großen Gruppen in die südbrasilianische Provinz Paraná auswanderten. Einhundert Jahre später erinnerten sich die Bewohner dieses oberschlesischen Landstriches, dass irgendwo weit weg, in einer besseren Welt hinter dem Eisernen Vorhang, in „Panama“, Nachkommen ihrer Verwandten und Nachbarn leben. Ob die Verwechslung von Paraná mit Panama Janosch zu seinem berühmten Satz inspiriert hat? Der Kinderbuchautor wurde 1931 als Horst Eckert in einer oberschlesischen Industriesiedlung geboren und wuchs dort auf, bevor er 1946 mit seinen Eltern nach Westdeutschland flüchtete. Womöglich hörte er die Erzählungen von „Panama“, einem Land der Sehnsucht, wo alles besser, größer und schöner als zuhause sei? Einige Tausend Kilometer weiter westlich und einen Ozean weiter erzählten sich andere Oppelner Migranten während der harten Winter in den US-amerikanischen Bundesstaaten Wisconsin und Minnesota, dass irgendwo weit im Süden, in „warm America“, ihre Landsleute und Verwandte es viel besser haben müssten. Sie erinnerten sich ebenfalls an die Auswanderung aus ihren Dörfern mit dem Ziel Brasilien, wo sie selbst jedoch nie ankamen.
Die beiden symptomatischen Beispiele markieren nicht nur die globale Dimension oberschlesischer Wanderungen zwischen Europa, den USA und Brasilien in den letzten 150 Jahren. Sie zeigen auch, dass Migrationen in Erinnerungsorte umgewandelt werden, über die Kleine Leute1 aus unscheinbaren Dörfern ihren Stolz und ihre Zugehörigkeit artikulieren können: Im Licht der Erinnerung erscheinen sie viel größer als es die bescheidenen Beschriftungen einer Landkarte nahelegen. Damit ist auch die zentrale Perspektive des hier vorgelegten Buches benannt: Die Sicht der Beteiligten an den großen Strömen der Migrationen in, aus und nach Oberschlesien seit etwa 1800 bis heute. Die Autoren wollen hier in erster Linie die handelnden Menschen beschreiben, auch wenn diese meist ungebildet, arm und vermeintlich ohne politischen Einfluss waren. Vielleicht konnten sie tatsächlich Panama und Paraná auf der Weltkarte nicht genau zuordnen und bezeichneten deshalb ganze Kontinente nach kalten und warmen Klimaverhältnissen, statt mit akademisch etablierten politisch-geographischen Begriffen gekonnt umzugehen. Die Geschichte Oberschlesiens bleibt jedoch ohne einen genauen Blick auf die überwältigende Mehrheit ihrer für die ‚große Geschichte‘ vermeintlich unbedeutenden Einwohnerschaft unverständlich. Die Region, außergewöhnlich stark geprägt von migrierenden, mobilen Menschen, lässt sich gerade durch eine akteursbezogene Analyse des Phänomens Migration besonders plastisch in vielfältigen Facetten darstellen. Mehr noch: die Migrationsgeschichte Oberschlesiens kann zur Überwindung des dominierenden und polarisierenden nationalen Narrativs beitragen, das die Handlungsmacht der Kleinen Leute prinzipiell unterschätzt und das in der Vergangenheit Anteil hatte an erzwungenen Migrationen, Flucht und Vertreibung. Das Paradigma der nationalen, zentralisierten und staatsbezogenen Geschichte soll daher im vorliegenden Buch herausgefordert und auf seine handlungsleitende Relevanz für die historischen Akteure hin untersucht werden.
Es gibt kaum eine andere historische Landschaft an der Schnittstelle der deutschen und osteuropäischen Kultureinflüsse, die in den letzten 200 Jahren so tiefgreifend von mehreren Wellen von Arbeits- und Siedlungswanderungen, Stadt-Land-Binnenwanderungen, aber auch Zwangsmigrationen aus der und in die Region betroffen war. Deutlich mehr als die Hälfte der heutigen Bevölkerung lebt erst in der zweiten oder dritten Generation in Oberschlesien. Viele aus der Region stammende Familien leben umgekehrt in West- und Mitteleuropa sowie in Nord- und Südamerika. Gerade Deutschland zog sehr viele von ihnen an: allein zwischen 1986 und 1991 kamen circa 550.000 oberschlesische Aussiedler und Aussiedlerinnen in die Bundesrepublik. Im heutigen Bundesgebiet leben schätzungsweise über 1,5 Millionen Menschen, die in Oberschlesien geboren wurden oder deren Vorfahren aus dieser Region stammen. In der deutschen Öffentlichkeit hält sich jedoch das Wissen über die Region und die Oberschlesier in bescheidenen Grenzen. Es reicht ein Blick auf die mediale Berichterstattung über die gegenwärtig wahrscheinlich bekanntesten Oberschlesier – Miroslav Klose und Lukas Podolski –, um sich das Ausmaß des Unwissens vor Augen zu führen. Die deutsche Öffentlichkeit betrachtet die beiden Fußballspieler als vorbildlich integrierte Vertreter einer homogenen Zuwanderergruppe mit polnischen Wurzeln, aber nur wenigen ist bewusst, dass Klose und Podolski aus dem ehemals umkämpften deutsch-polnischen Grenzgebiet stammen, was deren komplizierte Lebenswege und die (vor allem in Polen anhaltende) Kontroverse um die nationale Zuordnung der beiden Ausnahmekönner erst verständlich macht. Es ist deshalb das Ziel des Buches nicht nur der Wissenschaft, sondern einer breiten interessierten Öffentlichkeit ein erstes Grundlagenwerk zu einem zentralen Thema der Geschichte Oberschlesiens vorzulegen.



Vier Brüder der Familie Kampa aus Poppelau, Kreis Oppeln, im Hamburger Hafen 1875. Drei von ihnen migrierten in den US-amerikanischen Bundestaat Wisconsin, ein Bruder, August, der erste von links, ging jedoch in die Provinz Paraná, Brasilien, nach „warm America“, wie eine Nachfahrin aus dem Wisconsiner Familienzweig es nannte.
Als charakteristisch und methodisch wegweisend steht dafür das Schicksal der Familie Klose: Der Urgroßvater des WM-Rekordstürmers ging vom Dorf ins Industrierevier, sein Sohn suchte sein berufliches und persönliches Glück außerhalb des Kohlereviers – wahrscheinlich aufgrund der anhaltenden Wirtschaftskrise in der nach dem Plebiszit geteilten Region – und heiratete 1937 im kleinen Dorf Slawentzitz. Die Familie Klose durfte nach dem Zweiten Weltkrieg in ihrer Heimat bleiben, sie wurde von den neuen polnischen Machthabern als „polonisierungsfähig“ eingestuft. Der 1947 geborene Sohn bekam schon einen polonisierten Namen – Józef Kloze, und ging als 20-jähriger in die Stadt, nach Oppeln. Dort wurde 1978 sein Sohn Mirosław geboren, aber nur wenige Monate später zog die Familie nach Frankreich, wo Józef, ebenfalls ein begnadeter Fußballer, beim AJ Auxerre unter Vertrag genommen wurde. Nach sechs Jahren kehrte die Familie wieder nach Oppeln zurück, aber schon 1987 entschied sie sich, erneut auszuwandern, diesmal in die Bundesrepublik. Die Kloses bekamen dort als „Aussiedler“ die deutsche Staatsbürgerschaft und siedelten sich in der Pfalz an. Miroslav, wie er sich nun schrieb, begann dort seine erfolgreiche Fußballkarriere, die ihn quer durch Deutschland und später nach Italien führte.
Das Schicksal der Familie Klose weist exemplarisch auf typische Lebensbrüche und die große Mobilität der Oberschlesier und Oberschlesierinnen hin. Es zeigt aber auch markante Kontinuitäten: Miroslav heiratete wiederum eine Aussiedlerin aus Polen und die ganze Familie trifft sich immer wieder im heimatlichen Slawentzitz.
Noch besser bekannt in der polnischen Öffentlichkeit sind die alljährlichen Sommerbesuche von Lukas Podolski bei seiner Oma und Verwandtschaft in Sosnitza, einem Stadtteil von Gleiwitz. Und es ist fast schon selbstverständlich, dass „Poldi“ seine erfolgreiche Fußballkarriere bei seinem Herzensverein, Górnik Zabrze, nur wenige Kilometer von Sosnitza entfernt, ausklingen lässt. Die Verankerung in ihrer lokalen Herkunftsgemeinschaft scheint es also zu sein, die den wandernden Oberschlesiern und Oberschlesierinnen einen starken Halt gibt und gleichzeitig auf die Region selbst zurückwirkt. Gerade vor dem Hintergrund solcher Wechselwirkungen wollen wir die Wanderungsbewegungen in, aus und nach Oberschlesien aus der bereits angesprochenen lokalen, akteursbezogenen Perspektive einzelner Menschen betrachten und mit Hilfe eines biographischen, auf die Rolle von familiären und nachbarschaftlichen Netzwerken, Geschlechtern und Generationen fokussierenden Zugangs ihre Handlungsspielräume veranschaulichen.
Bisher wurde noch keine umfassende und alle Richtungen berücksichtigende Darstellung von Migrationserfahrungen in einer deutsch-polnischen Grenzregion erarbeitet. Das vorliegende Buch hat somit Pioniercharakter und will neue Impulse nicht nur für die Regionalforschung geben, sondern soll auch Aufforderung zu einer transnationalen und transkulturellen Erforschung der Geschichte Ostmitteleuropas sowie der Deutschen und ihrer Nachbarn in der Region sein. Das Phänomen des Transmigrierens birgt dabei die Chance, Informationsdefizite und Vorbehalte in Deutschland und Polen abzubauen. Oberschlesien als eine multikulturell geprägte Region, deren Geschichte gerade darin bestand, das Eigene und das Fremde immer wieder aufs Neue zu reflektieren, bietet sich dafür in besonderer Weise an.



Ein Artikel aus der Bild-Zeitung vom 25. März 2001, der das Nationalmannschaftsdebüt von Miroslav Klose illustriert. Der Ausschnitt befindet sich im Privatarchiv eines aus Oberschlesien stammenden Priesters in Texas, Franciszek Kurzaj, der dorthin 1987 aus der Diözese Oppeln entsandt wurde, um die Nachfahren der oberschlesischen Emigranten zu betreuen. Father Frank, wie er in der Pfarrgemeinde genannt wird, stammt ursprünglich aus dem Dorf Slawentzitz, so wie die Kloses, und bekam den Ausschnitt von seiner Mutter zugeschickt. Sie schrieb hinzu handschriftlich auf Polnisch: „Klose – syn od Jozka“, übersetzt: „Klose – der Sohn von Sepp“. Offensichtlich war die Familie Kurzaj stolz auf den Erfolg des Sohns eines Nachbarn und wollte die Freude mit ihrem Familienmitglied auf der anderen Seite des Ozeans teilen. Diese kleine Geschichte kann als symptomatisch angesehen werden für unsere zentrale Fragestellung nach transnationalen, hier sogar transatlantischen Verflechtungen und Netzwerken der oberschlesischen Migrierenden und Daheimgebliebenen und dem daraus resultierenden Wechselspiel zwischen der lokalen Heimatgemeinde, den Ausgewanderten und dem Weltgeschehen, hier vermittelt durch eine deutsche Tageszeitung, gelesen in einem oberschlesischen Dorf in Polen.
Wissenschaftliche Herangehensweise
Das Buch analysiert verflochtene Migrationsbewegungen in, aus und nach Oberschlesien im 19., 20. und 21. Jahrhundert und setzt einen Schwerpunkt auf mögliche transnationale bzw. transkulturelle Lebenswelten grenzüberschreitend mobiler Menschen. Die Basis dieser Analyse bilden drei Kontexte, in denen sich die Lebensmittelpunkte der untersuchten Akteurinnen und Akteure befinden, nämlich erstens die Globalisierung der Arbeitsmärkte, Transportwege und Kommunikationsmittel, zweitens die steigende Selbstverständlichkeit von multiplen Zugehörigkeiten sowie drittens die Mobilität in mehrere Richtungen anstelle von Migration als Einbahnstraße. Diese Kontexte mögen auf den ersten Blick vor allem für die Gegenwart relevant erscheinen, eine genauere Analyse macht jedoch deutlich, dass sie migrantisches Leben bereits seit langer Zeit bestimmen. Oberschlesisches Migrationsverhalten kann so als ein frühes historisches Beispiel eines von der Forschung erst seit den 1990er Jahren beschriebenen Phänomens der Transmigration und der damit verbundenen Entstehung von transnationalen sozialen Räumen gelten. Die Wirkungskraft der Nationalisierungsprozesse des 19. und 20. Jahrhunderts lässt sich anhand dieses deutsch-polnischen Grenzraumes auch als ein Tauziehen um die Grenze zwischen Eigenem und Fremden analysieren. Die Wechselwirkungen und (Un)gleichzeitigkeiten zwischen Entwicklungen in den Ankunftsländern und in den Herkunftsgemeinschaften lassen sich zudem unter den Stichworten transnational/transkulturell/translokal diskutieren. Gleichzeitig sollen die Rolle des Staates, die Migrationspolitiken und Grenzregime beleuchtet werden. Durchgehend überprüft werden soll, inwieweit Transnationalität bzw. transkulturelle migrantische Netzwerke (ein wichtiger Teil der hier untersuchten Bewegungen waren Binnenmigrationen ohne einen formellen Grenzübertritt) eine historische Erscheinungsform bereits vor der Entstehung moderner (Massen)nationalgesellschaften gegen Ende des 19. Jahrhunderts waren oder eher hauptsächlich ein qualitatives Merkmal heutiger, auf Facebook oder in WhatsApp-Gruppen hervorragend vernetzter Migrantinnen und Migranten sind.
Im Zentrum der Studie stehen deshalb die Transnationalität bzw. Transkulturalität des migrantischen Selbstverständnisses und das sich ändernde Verhältnis zwischen dem mitgebrachten ‚kulturellen Päckchen‘ und einer Verwurzelung am neuen Aufenthaltsort. Der ambivalente und wandlungsfähige migrantische Verortungsprozess in der Aufnahmegesellschaft wird üblicherweise Integration bzw. Eingliederung genannt; vielleicht noch zutreffender wäre hier aber der Begriff des Einheimischwerdens. Diese Prozesse werden beschrieben in persönlichen, familiären, bi-lokalen bzw. milieubezogenen Beziehungen und den damit einhergehenden sozialen Praktiken, die den eigentlichen Kern der transnationalen/transkulturellen Haltungen bilden. Gerade in der Migrationssituation wird die Dynamik ethnisch-kultureller Zuordnungen besonders deutlich und das essentialistische Verständnis von Zugehörigkeiten herausgefordert. Ethnizität und Nation werden in diesem Buch deshalb als Resultat sozialer Praxis gesehen, in der Selbstverortungen und Fremdzuschreibungen in Folge von Migration praktisch zwangsläufig auftreten. Othering-Prozesse, also Konstrukte des Andersseins und der scharfen Unterscheidung zwischen Eigen und Fremd, sollen als ‚gemachte‘ und nicht gegebene, ‚natürliche‘ Tatsachen dargestellt werden.
Diese Herangehensweise erlaubt es, sich aus einem in der historischen Migrationsforschung zu starr konzipiertem Schema zu lösen, nach dem Migration auf die nationalstaatlichen Herkunfts- und Ankunftsgesellschaften der Migrierenden als Bezugspunkte fixiert ist, zwischen denen die Betroffenen dann einen einmaligen und vollständigen Wechsel vollziehen. Durchgehendes Ziel dieser Publikation ist es deshalb, das Denken in „nationalen Containern“ aufzubrechen und mit Hilfe anderer Quellen eine neue Sicht zu wagen. Dafür ist die Transnationalisierung des wissenschaftlichen Blicks auf Migrationsvorgänge notwendig. Im Kontrast zur älteren Migrationsforschung zeigen wir deshalb die historische Persistenz der vielfältigen Verflechtungen, die über das Modell eines ‚one-way tickets‘ der Emigration weit hinausgehen. Migration bedeutet demnach nicht, ein soziales Feld hinter sich lassen und sich (möglicherweise) an ein neues zu assimilieren bevor (in manchen Fällen) eine Rückfahrkarte gelöst und eine Rückkehr in die alte soziale Umgebung erfolgt. Das oberschlesische Beispiel zeigt eindrucksvoll, dass ein intergenerationelles, immer wieder neu erfahrbares Migrationshandeln zur Herausbildung einer weniger national, sondern vielmehr bi-lokal geprägten Lebenswelt und einer expliziten Kultur der Migration führt, in der die meisten Migranten und Migrantinnen, obwohl sie bereits in der Fremde stark verwurzelt sind, die Bindung an ihre Heimatregion, zu ihren Verwandten, Nachbarn und Freunden nicht verlieren. Überdies regen sie an ihren Herkunftsorten andere zur Migration an und fördern somit eine noch höhere Mobilität der regionalen Gesellschaft. So bereitete beispielsweise die saisonale Wandertradition der Landarbeiter den Boden für die spätere Mobilitätsphase an Industriestandorte und Städte im Deutschen Reich um 1880 bis 1914. Die Beteiligten wussten aus eigenen oder den Erfahrungen von Verwandten und Freunden, dass die Ausreise gewinnbringend sein kann. Sie besaßen somit das nötige migrantische Know-how, das Mobilsein gehörte bereits zu ihrem soziokulturellen Repertoire, ihrem „habitual imprint“ (Ulf Brunnbauer). Das Migrieren war also zu dem Zeitpunkt bereits weit verbreitete Praxis, die weitere Migrationsentscheidungen nach sich zog und sich schließlich zu einem persistenten Lebensmodell über Generationen hinweg entwickelte. Die Oberschlesier und Oberschlesierinnen begreifen dementsprechend Migration als einen festen, kontinuierlichen Bestandteil der (wechselhaften) Geschichte der Region, die im Umkehrschluss ohne das (kollektive) Wissen und die Überzeugungen der Betroffenen nicht verstanden werden kann.
Die vorliegende Studie zeigt, dass es eine große Gruppe von Menschen in der Mitte Europas gibt, die seit Generationen jeweils mit einem Fuß in zwei unterschiedlichen Gesellschaften steht, und dass es sich dabei nicht lediglich um ein Übergangsphänomen handelt, das durch Assimilation oder Remigration früher oder später ‚beseitigt‘ wird. Sowohl in der Forschung als auch in der Öffentlichkeit überwiegt bisher die Überzeugung, dass die dauerhafte Migrationserfahrung zu negativen Folgen führe: auf der einen Seite zu einer Entwurzelung aus dem Herkunftskontext, auf der anderen zu einer Marginalisierung im Ankunftskontext. Zusammen ergäbe dies eine doppelte Benachteiligung, die schließlich in ein Leben zwischen zwei Kulturen münde und mit negativen sozialen Kosten verbunden sei. Für die Autoren des Buches stellt sich jedoch die Frage, ob nicht vielmehr durch Migration und ein Leben in zwei Kulturen soziales, kulturelles und ökonomisches Kapital (im Sinne von Bourdieu) aufgebaut wird, das sich über die (regionalen, nationalen, kontinentalen) Grenzen hinweg sowohl im Herkunfts- als auch im Ankunftskontext positiv und stabilisierend auswirkt. Ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt daher die Frage, wie oberschlesische Migrantinnen und Migranten ihre Alltags- und Lebenswelten genuin grenzüberschreitend, quer zu etablierten nationalen bzw. kulturellen Räumen konstruieren und eine explizit transnationale/transregionale/transkulturelle Lebensweise seit Generationen praktizieren. Es ist uns als wissenschaftlichen Akteuren dabei bewusst, dass unsere Biographien in zwei Kulturen teilweise selbst als Musterbeispiele von Transnationalität und identitärer Hybridität gelten können. Dennoch ist es nicht unser Ziel, die gegenwärtige Ausbreitung von Transnationalität in akademischen Lebensläufen als den kategorialen Normalfall zu betrachten. Vielmehr beschäftigt uns die Frage, ob Transnationalität bzw. Transkulturalität von historischen Subjekten ausschließlich ein gegenwärtiges, postnationales Phänomen oder nicht in mancher Hinsicht eher pränational ist.2
Konsequent weitergedacht, müssen wir im oberschlesischen Fall möglicherweise genauer von Translokalität sprechen: Die Oberschlesierinnen und Oberschlesier haben bis heute nur zum Teil bzw. nur oberflächlich oder temporär das Denken und Handeln in nationalen, überregionalen Kategorien verinnerlicht. Ein Großteil der hier beobachteten Menschen bewegte sich, lebte und arbeitete hauptsächlich zwischen zwei lokalen Lebenswelten. So wäre es konsequent, das Konzept der Translokalität anzuwenden, wie es – in Abgrenzung zum Transnationalismus – bereits für Asien, Afrika und den Nahen Osten implementiert wurde, und zwar vor dem Hintergrund der nur oberflächlichen Ausbreitung der Nationalstaaten in diesen Teilen der Welt.3 Im oberschlesischen Fall war der Eingriff der Nationalstaaten ab dem Ende des langen 19. Jahrhundert tief und drastisch, mit Blick auf den selbst erhobenen Anspruch jedoch wenig bzw. nur temporär erfolgreich. So werden wir in unserem Buch die Erscheinungsformen der Transnationalität und Translokalität durchgehend mitdenken und versuchen, ihre (auch globalen) Wechselwirkungen zu reflektieren.4
Um dies zu erreichen, stellen wir die Prozesse der langen Dauer in den Vordergrund und betrachten die Herausbildung von familiären, nachbarschaftlichen und in der Regel bi-lokalen Netzwerken außerhalb der Region ab der Mitte des 19. Jahrhunderts als einen entscheidenden migrationsfördernden Faktor – beginnend mit den saisonalen Arbeitswanderungen (meist gen Westen) und Siedlungsbewegungen (zunächst meist gen Osten, später auch nach Übersee). Es ist dementsprechend kein Zufall, dass bis heute eine hohe Konzentration oberschlesischer Arbeitsmigranten und -pendler im Rheinland und in Westfalen zu beobachten ist – sie greifen auf familiäre Bindungen zurück, die durch Auswanderungswellen zwischen 1956 und 1993 entstanden sind (schätzungsweise kommen auf jeden einheimischen Oberschlesier in Polen durchschnittlich 1,2 Verwandte in der Bundesrepublik!). Die Aussiedler und Aussiedlerinnen stützten sich ihrerseits häufig auf die sozialen Netzwerke, die ihnen die Vertriebenengeneration bereitstellte. Es überrascht auch nicht, dass die meisten oberschlesischen Vertriebenen und Zwangsausgesiedelten gerade in den tiefen Westen Deutschlands zogen: Sie knüpften dort an praktische und sichere Bindungen an, die bereits in der Zwischenkriegszeit existierten – davon zeugt beispielsweise das Programm der Kinderlandverschickung, das zwischen Gemeinden im Ruhrgebiet und Oberschlesien (auch in seinem vor 1939 polnischen Teil!) stattfand. Dieser rege Austausch hatte eine deutlich längere Tradition, und zwar seit den Arbeitsmigrationen in die westdeutsche Industrie ab den 1870er Jahren, denen in vielen Fällen saisonale Landarbeiterwanderungen vorausgegangen waren. Das Migrieren war demnach nicht nur ein singuläres Ereignis, sondern erleichterte Migrationsentscheidungen immer wieder aufs Neue und ereignete sich hauptsächlich zwischen zwei lokalen Kontexten.
Was dabei sichtbar wird, ist eine Dynamik von Migrationssystemen, die sich neuen Rahmenbedingungen und Möglichkeiten schnell anpassen, sobald sich eine Kultur der Migration als sozioökonomische Strategie im lokal vorherrschenden Wertesystem etablierte. Deshalb ist eines unserer Hauptziele, aus einer zeitlichen Längsschnittperspektive und durch eine Kombination von makro- und mikrohistorischen Prozessen die oberschlesischen Migrationssysteme sichtbar zu machen. Erst so können enge Wechselwirkungen zwischen regionalen, saisonalen und transatlantischen Migrationssystemen klar herausgearbeitet und deren tiefe Verwurzelung in lokalen Lebensentwürfen und Karriereerwartungen aufgezeigt werden. Dies erfordert einerseits eine enorme Erweiterung des geografischen Untersuchungsradius, der neben West- und Osteuropa auch Nord- und Südamerika erfassen muss. Andererseits legen wir lokale Gemeinschaften unter die analytische Lupe, und zwar sowohl in den Herkunfts- als auch Ankunftsgebieten. Was uns dabei vorschwebt, ist eine innovative Mikrogeschichte globaler/transatlantischer Migrationen, die deutlich macht, wie Migration zum unabdingbaren Element der lokalen Kultur, zu einem (mitunter transkontinental ausgerichteten) Migrationshabitus wird.
An dieser Stelle muss der global angelegte methodische Zugang in seinen Verflechtungen mit lokalen und regionalen Lebenswelten genauer erklärt werden. Zuallererst: Unsere Studie umfasst nicht die ganze Welt, sondern konzentriert sich auf diejenigen Räume und Kontinente, die Oberschlesier und Oberschlesierinnen als Wanderungsziele wählten. Das heißt, wir bewegen uns in der Region Oberschlesien selbst, analysieren aber gleichzeitig Binnenmigrationen innerhalb des deutschen bzw. polnischen Staates, erweitern den Radius der Untersuchung auf andere europäische Räume und setzen unsere Reflexionen in einen transatlantischen Kontext zwischen Europa und den beiden Amerikas. Die Miteinbeziehung der transatlantischen Ebene erachten wir als besonders wichtig, da Ostmitteleuropa nur selten in größere globalhistorische Studien eingebunden und als wesentlicher Bestandteil globaler Dynamiken berücksichtigt wird. Wie Katja Castryck-Naumann zurecht bemerkt, ist es unmöglich die Welt zu verstehen, wenn sich die Aufmerksamkeit auf nur wenige Weltregionen konzentriert. Wenn von Europa die Rede ist, verschwindet Ostmitteleuropa zudem meist komplett oder wird nur als Gegenpart zum Westen wahrgenommen.5 Um dieser Vernachlässigung entgegenzuwirken, versuchen wir, hier einen langjährigen ostmitteleuropäischen Grenzraum in eine enge Beziehung zu globalen Prozessen der Moderne zu setzen. Die Migrationsrouten und das Migrationsverhalten der Oberschlesierinnen und Oberschlesier sind eben nur im breiteren, transatlantischen Kontext der entstehenden und sich etablierenden Moderne zu verstehen. Und zwar sowohl vor dem Hintergrund der kulturellen Grundprozesse der Moderne wie Individualisierung, Demokratisierung und Konsumorientierung, als auch im Zusammenhang mit den neuen Techniken der Moderne seit etwa 1800, die das Kommunizieren, Transportieren und Lebensunterhaltverdienen revolutionierten. Ulrich Wengenroth gelang es, die Kultur der Moderne als auch ihre technische Durchdringung mit dem sozialen und ökonomischen Wandel zu verbinden und synoptisch zu reflektieren. Gleichzeitig zeigte er die herausragende Rolle der Kleinen Leute in diesen weltweiten gesamtgesellschaftlichen Prozessen – daran wollen wir mit Blick auf den konkreten Fall Oberschlesien unbedingt anknüpfen.6
Das oben punktuell entworfene Migrationsgeschehen zwischen Gemeinden in Oberschlesien und an Rhein, Ruhr und Emscher deutet darauf hin, dass die Oberschlesier und Oberschlesierinnen über einen über Generationen hinweg erlernten und deshalb stark ausgeprägten Migrationshabitus verfügen, den sie immer wieder (re)aktivieren. Deshalb ist ein besonderer Blick auf die Fortwirkung von heimatlichen Netzwerken in der Fremde und auf die eng miteinander verwobenen Schicksale deutsch- und polnischsprachiger Oberschlesier außerhalb der Heimatregion unbedingt erforderlich. Dabei übernehmen wir die idealtypische Sicht von Michael Esch, dass „die Transnationalität [siedlungs- und] arbeitsmigrantischer Netzwerke darin bestand, dass sie [von] einem kleinräumigen, ethnokulturell und sozial relativ homogenen Milieu ausgingen, das über mitunter sehr große Distanzen rekonstruiert und aufrechterhalten wurde“.7 In diesem Kontext fragen wir, ob die bi-lokalen Netzwerke und Bindungen zwischen einem spezifischen Herkunfts- und einem spezifischen Zielort in der zweiten oder spätestens dritten Generation aufgegeben oder doch weiterhin gepflegt wurden bzw. werden. Wir achten dabei auf die fortbestehenden sozialen Bindungen, das Heiratsverhalten, die Urlaubsgestaltung und somit die Rückwirkungen auf das sozioökonomische Leben am Herkunftsort. Dieser Ansatz berücksichtigt dementsprechend die vielschichtigen Rückwirkungen der Migrationsprozesse auf die sending communities, was in der Forschung selten praktiziert wurde und wird.
Das bereits in Einzelstudien generierte Wissen über die Migrationsbewegungen der Oberschlesierinnen und Oberschlesier setzen wir methodisch in ein neues Licht und erweitern es um die lokale und intergenerationelle Perspektive. Das Innovative besteht in der Verbindung eines historischen Längsschnitts mit mikrohistorischer Anschaulichkeit. Wir sehen gerade in der Analyse von familiären und nachbarschaftlichen Netzwerken in möglichen transnationalen bzw. transkulturellen sozialen Räumen und ihrer über Generationen fortdauernden Auswirkungen auf die Region einen Schlüssel zum besseren Verständnis und zur Veranschaulichung der komplexen Geschichte Oberschlesiens. In das Zentrum der Aufmerksamkeit rücken dadurch „die Verhaltensweisen der Vielen“ (Alf Lüdtke), sodass tradierte und breit akzeptierte Bilder nuanciert werden und anstelle homogener Geschichtsauslegung facettenreiche innere Zusammenhänge hervortreten. Darüber hinaus berücksichtigen wir die Anwesenheit beider Geschlechter in der Migration und die (meist unterbeleuchteten) Erfahrungen von Frauen und Kindern. Dies ermöglicht es insgesamt, sowohl generelle Aussagen über das Migrationsverhalten der Beteiligten zu treffen als auch Wandel, Neuformierung von lokalen bzw. regionalen Gemeinschaftsstrukturen in Oberschlesien über einen längeren Zeitraum zu untersuchen. Die Reduktion des Beobachtungsmaßstabs ist dabei kein Selbstzweck, sondern wird als ein Instrument des Erkenntnisgewinns über makrohistorische Zusammenhänge eingesetzt, um durchgehend die beiden Ebenen mithilfe des bereits erarbeiteten Wissens über die Region und unseres Forschungsansatzes in eine enge Beziehung zueinander zu setzen. Die Kombination eines sozial- und mikrogeschichtlichen Zugangs mit einer lebensweltlichen, wahrnehmungsgeschichtlichen Herangehensweise erlaubt es schließlich, Interaktionen zwischen den makrohistorischen Zusammenhängen und womöglich wandlungsfähigen lokalen und regionalen Sinnordnungen zu überprüfen. Dadurch können wir dem generellen historischen Wandel in der Region nachgehen und eine Geschichte des sozialen Lebens eingebettet in familiäre und gemeinschaftlich-lokale soziale Praktiken schreiben.
Unsere Untersuchung ist also gekennzeichnet durch die Fokussierung auf ‚große‘ Themen im ‚Kleinen‘ – transatlantische Phänomene sollen in lebensweltlichen Ausschnitten exemplarisch aufgezeigt werden. Die handelnden, erfahrenden und deutenden Akteure stehen hier im Vordergrund im Gegensatz zur vielfach quantitativ und kaum biographisch und individualistisch arbeitenden Migrationsforschung. Wir gehen mit Zahlenangaben zum Umfang des Migrationsgeschehens ausgesprochen vorsichtig um. Es ist uns bewusst, dass die Nennung von genauen Migrantenzahlen praktisch unmöglich ist. Wegen illegaler Grenzübertritte, illegaler Aufenthalte und zirkulärer statt ‚Einbahnstraßen‘-Migration bleiben die statistischen Angaben immer ungenau. Hinzu kommen die Schwierigkeiten der Behörden bei der statistischen ethnonationalen Zuordnung der Migrierenden. Beispielsweise wurden die aus Oberschlesien stammenden Eingewanderten in den USA meist willkürlich als „German“, „Prussian“ oder „Polish“ klassifiziert. Deshalb handelt es sich im Weiteren fast durchgehend um aus einem breiten Quellenspektrum abgeleitete Schätzungen des Migrationsumfangs.8
An dieser Stelle ist zudem die Kontingenz historischer Entwicklungen ausdrücklich zu betonen. In der sozialhistorischen Migrationsforschung bzw. in den großen Strukturtheorien wird nicht nur die human agency der Beteiligten unterschätzt, sondern auch die Kontingenz der Ereignisse. Wie aber später zu sehen sein wird, landeten die Pioniere der Kettenwanderungen9 nach Nord- und Südamerika in ihren final destinations schlicht per Zufall, ob Pater Leopold Moczygemba in Texas, Sebastian Wos in der brasilianischen Provinz Paraná oder die Brüder Baucz in Wisconsin. Die Migrationswege der Pioniere waren unvorhersehbar, wenig planbar und entzogen sich oft den naheliegenden Annahmen.
Wir stellen uns der Herausforderung, strukturelle und mikrohistorische Perspektive zu verknüpfen, um dadurch nicht nur die staatlichen Migrationsregime, sondern auch konkrete soziale Praktiken wie migrantische Netzwerke, Verwandtschaftsbeziehungen, Heiratsverhalten und andere individuelle und informelle Praktiken aufzuzeigen. Das staatliche Regulierungs- und Kontrollinstrumentarium strukturiert zwar die Bedingungen der Migration, aber es sind die Migranten selbst, die diese Rahmenbedingungen interpretieren, mitunter unterlaufen oder umgehen. Erst eine gebührende Berücksichtigung von historischen Akteuren, die innerhalb von Strukturen handeln, erlaubt es, die Gestaltung und Veränderung dieser Strukturen durch (migrierende) Subjekte darzulegen. Selten bedeutete dies, dass oberschlesische Migranten und Migrantinnen direkt an Macht und Politik partizipierten und Pioniere zivilgesellschaftlicher Aushandlungsprozesse waren. Vielmehr geht es uns hier um den Eigensinn der nicht immer kontrollierbaren Migrierenden, die durch ihr Verhalten Lücken in den Strukturen aufzeigten und womöglich strukturelle Anpassungen und Umgestaltungen der Migrationsregime auslösten. Dementsprechend stehen für uns die Handlungsoptionen und Bewältigungsstrategien der Migrierenden, also deren agency, im Vordergrund, selbst in den Perioden der oberschlesischen Geschichte, in denen die Staatsgewalt mit ihren Rechtssetzungen, Grenzanlagen und administrativen Praktiken den uneingeschränkten Anspruch auf erzwungene Kontrolle und Steuerung erhob, wie dies bei den Zwangsmigrationen und Vertreibungen während und nach dem Zweiten Weltkrieg bzw. in der Volksrepublik Polen der Fall war. Erst ein Fokus auf die Handlungsmacht der Kleinen Leute kann dazu beitragen, Lücken und Ungenauigkeiten struktureller Abstraktionen aufzudecken. Gerade von dieser Herangehensweise versprechen wir uns, neue Impulse für die Erkundung der (ostmittel)europäischen Zeitgeschichte im Zeitalter von Mobilität und grenzenloser Kommunikation zu erzeugen.
Forschungsdiskurse
Die Forschungsdiskurse, die für den Gang der Analyse in diesem Buch inspirierend bzw. abschreckend wirkten, können hier nur skizziert werden. Im Wesentlichen handelt es sich um: 1. Migrationsforschung in ihren Überschneidungen mit dem Konzept des Transnationalen/Transkulturellen, 2. die direkt den oberschlesischen bzw. deutsch-polnischen Raum betreffenden Migrationsstudien und 3. neuere (globale) Migrationsforschung mit neuen methodischen Anregungen. Weitere Ausführungen dazu finden sich in den jeweiligen Kapiteln, wo die Autoren auf die konkreten Darstellungen zu den einzelnen Aspekten eingehen.
Über mehrere Jahrzehnte wurde das Phänomen Migration in der Geschichtsschreibung als ein einschneidender, meist irreversibler und biographisch einmaliger Akt beschrieben, der zu einer prekären Weder-Noch-Selbstverortung der Migrierenden führte. Dabei standen Forschungen zu strukturellen Vorgängen, politischen Organisierungs- und Mobilisierungsprozessen und meist eine anonyme, also kaum akteursbezogene Sozialgeschichte der Migrationen im Vordergrund. Erst langsam setzen sich dagegen Herangehensweisen durch, die die Sowohl-Als-Auch-Lebensformen stärker berücksichtigen, statt sie mit negativen Attributen wie „entwurzelt“, „heimatlos“, „zwischen den Stühlen der Kulturen lebend“ zu kennzeichnen. Wichtige Impulse dafür kamen aus der Migrationssoziologie. In den 1990er Jahren entstand in den USA (bei der Analyse der Einwanderung aus Lateinamerika in die USA) das Modell der transnationalen sozialen Räume und zwar vor dem Hintergrund der ökonomischen Globalisierung und der Zunahme der weltweiten Arbeitskräftefluktuation, die zunehmend attraktiv wurde durch Innovationen in der Transport- und Kommunikationstechnologie, welche die Mobilität und die Aufrechterhaltung von sozialen Bindungen an mehr als einem Ort vereinfachten.10 In Deutschland waren es in erster Linie Thomas Faist und Ludger Pries, die das Transnationale nicht mehr in statischen Strukturen und starren Identitäten, sondern in der (auch alltäglichen) Praxis und wandelbaren Anpassungsprozessen suchten.11 Diesen Studien ist zu verdanken, dass der „methodische Nationalismus“ und ihm inhärente „nationale Container“ – also ein Forschen vornehmlich in nationalen Rahmen und über nationalgeprägte Zusammenhänge – eine grenzüberschreitende und transnationale Öffnung bekamen.12 Die genannten Ansätze konzentrieren sich jedoch fast ausschließlich auf die Migrationsströme seit den 1960er Jahren und sehen eine explizite historische Langzeitperspektive als inadäquat an (mit nur wenigen Ausnahmen wie die Studien von Ewa Morawska13 ). Die genannten Beobachtungen der Migrationssoziologie möchten wir im Rahmen einer historischen ‚Tiefenbohrung‘ überprüfen und fanden dafür in der historischen Migrationsforschung, Globalgeschichte und Ethnologie wichtige Anknüpfungspunkte und Impulse. Für die Geschichtswissenschaft lieferte in letzter Zeit Michael Esch methodische und die Forschungsdiskurse zusammenfassende Reflexionen zum Themenkomplex Migration und Transnationalismus, die für unser Buch umso wertvoller sind, da sie einen expliziten Bezug auf Ostmitteleuropa haben und dortige migrantische transnationale Praktiken, Wirkungen und Paradigmen in den Blick nehmen.14 Dies trug zur Schärfung unserer Begrifflichkeit entscheidend bei.
Brian McCook und Johannes Frackowiak gehörten wiederum zu den ersten, die den transnationalen Zugang bei der explizit historischen Erforschung der deutsch-polnischen Migrationen erfolgreich umgesetzt haben.15 Vor allem Frackowiak überzeugt durch seinen intergenerationellen Ansatz und eine Analyseführung, die das Geschehen an Herkunfts- und Ankunftsorten miteinander verknüpft. Dennoch fehlt bisher eine detaillierte Untersuchung der oberschlesischen Langzeitmobilität aus der Perspektive von lokalen Akteuren und Netzwerken. Stattdessen fokussierten sowohl die deutsche als auch die polnische Migrationsforschung auf Oberschlesier und Oberschlesierinnen als Teil der deutschen oder der polnischen Meistererzählung und betrachten den Herkunfts- und Ankunftskontext isoliert voneinander. Die beiden Nationalstaaten stellen dabei den primären Referenzrahmen dar, Oberschlesier tauchen als separate regionale Gruppe und Subjekte der Analyse nicht auf (wie beispielsweise in den Beiträgen der umfangreichen „Enzyklopädie Migration in Europa“16 ). Auch bei der Erforschung der Wanderungen nach Nord- und Südamerika werden die aus Oberschlesien Ausgewanderten als Bestandteil größerer deutscher oder polnischer Migrationszusammenhänge abgehandelt.17
Ein prägnantes Beispiel für diesen unterschwelligen „methodologischen Nationalismus“ ist die angeblich erschöpfend erforschte Zuwanderung der sogenannten „Ruhrpolen“ ins Ruhrgebiet.18 Bisher wurde dabei hauptsächlich das national gedeutete Vereins- und Berufswesen in den Blick genommen, und zwar aus der Perspektive des Herkunfts- oder des Ziellandes. In erster Linie ging es dabei um die politischen Aktivitäten der führenden Männer, die als allgemeine Haltung der Vereinsmitglieder angesehen wurden. Quellentechnisch basierten sie vornehmlich auf Informationen aus der deutschen Verwaltungs- und Polizeiberichterstattung. Hingegen wurden Handlungsspielräume jenseits des institutionalisierten und in der Regel nationalpolitisch gedeuteten Handelns vernachlässigt oder schlicht ausgeblendet. Die oberschlesischen Zuwanderer(familien) wurden dann meist entsprechend der Wahrnehmung der deutschen Verwaltung als Widerständige gegen preußisch-deutsche Assimilationsanstrengungen charakterisiert, um sodann von der polnischen Forschung mit großer Genugtuung ins polnische nationale Narrativ integriert zu werden. Dies führte dazu, dass eminent wichtige Unterschiede zwischen der Zuwanderung aus Oberschlesien und aus anderen östlichen Provinzen Preußens wie etwa Ausbildungsunterschiede der Migranten und Migrantinnen, eine immens hohe Fluktuation, sprachliche Voraussetzungen und kulturelle Spezifika sowie zum Teil andere Rück- bzw. Weiterwanderungsmuster (französische, belgische oder niederländische Industriereviere, Polnisch- und Deutsch-Oberschlesien nach dem Plebiszit) nicht berücksichtigt wurden.19 Dies betrifft im Übrigen auch die Berliner und mitteldeutsche Einwanderungsregion. Erschreckend daran ist, dass überholte Befunde zur Bildung von Migrationstheorien führten und gleichzeitig medienwirksam von politischen Entscheidungsträgern verbreitet wurden und werden. Letzteres belegt beispielsweise das Grußwort des damaligen (2012) Bundestagspräsidenten Norbert Lammert bei einer Diskussion über die Errichtung einer Dokumentationsstelle zur Geschichte und Kultur der Polen in Deutschland. Er sprach in diesem Kontext von der als Vorbild zu betrachtenden „rasch gelungenen Integration der polnischen Zuwanderer“.20 In der Wissenschaft war es hingegen ein sehr bekannter Migrationsforscher aus den Niederlanden, Leo Lucassen, der ein Konzept zur Wechselwirkung von Transnationalität und Assimilation entwickelte, in dem die „Ruhrpolen“ als historisches Modell dienen müssen.21 Er greift dabei auf Ergebnisse der älteren, in nationalen Containern denkenden Forschung zurück und argumentiert, dass das Vereinswesen der bei ihm weitgehend homogen polnisch und sozial kohärent erscheinenden „Ruhrpolen“ eindeutig nationalen und politischen Charakter besaß.22 Die neuere Forschung hat solche Aussagen stark differenziert und durch die Analyse von nicht nationalen und politisch motivierten Vereinsbeitritten und -aktivitäten und nicht-institutionalisierten sozialen Praktiken (wie z. B. die Kostgängerei) das gesamte Konzept der vermeintlich (ob national und/oder sozial) kohärenten Gruppe der polnischsprachigen Zugewanderten an Ruhr und Emscher gänzlich in Frage gestellt. Ähnliches gilt für das Migrationsverhalten der Oberschlesierinnen, die sehr lange in der Forschung übersehen wurden. Es waren aber gerade Frauen, die eine wichtige Rolle beim wirtschaftlichen Erfolg als auch bei der sozialen Verwurzelung der Familien im Ankunftskontext spielten.23
Diese vereinzelten Ansätze entwickeln erst jetzt einen neuen Blick auf transnationale/transkulturelle Nachbarschafts- und Familiennetzwerke als erfolgreiche Lebensstrategien sowohl vor als auch nach dem Ersten Weltkrieg. Intergenerationell und transnational angelegte Studien fehlen auch für den turbulenten Zeitraum 1939 bis 1990. Nach wie vor wird dabei vernachlässigt, dass es große Unterschiede in der Wahrnehmung der oberschlesischen Heimat gibt. Die noch während des Krieges Geflohenen oder unmittelbar danach Vertriebenen und die Aussiedler und Aussiedlerinnen der 1950er, 1960er und 1970er Jahre sowie die Beteiligten am Exodus Ende der 1980er Jahre haben schließlich gänzlich unterschiedliche Erinnerungen, die auch zu anderen Formen der Bindung an das Herkunftsgebiet und bei der Herausbildung von multiplen Zugehörigkeiten führten.24
In der faktenreichen oberschlesischen Regionalforschung finden wir wiederum kaum explizit transnational bzw. transkulturell konzipierte Ansätze; im Vordergrund steht der nationale (polnische) Bezugsrahmen. Dabei überwiegt die These der doppelten Marginalisierung und der daraus abgeleiteten Benachteiligung der Migranten und Migrantinnen.25 Neuere Analysen zeigen jedoch, dass dies nicht unbedingt der Fall sein musste: Die im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts im Ruhrgebiet angeworbenen oberschlesischen Bergmänner verdienten dank ihres begehrten Know-hows im Tiefbergbau mehr als ein durchschnittlicher Arbeiter im deutschen Westen und stellten dadurch eine Art soziale Arbeiterelite in ihren lokalen Industriekolonien dar.26 In den 1990er Jahren wurden die oberschlesischen Arbeitsmigranten und -migrantinnen wegen ihrer Fertigkeiten, Sprachkenntnisse und ausdauernden Arbeitskraft wiederum als so etwas wie der ‚Mercedes‘ unter den Arbeitern aus dem Osten bezeichnet.27
Daran knüpfen neuere migrationssoziologische Studien an, die sich primär mit dem gegenwärtigen Migrationsgeschehen zwischen Polen und Deutschland auseinandersetzen.28 Besonders hervorzuheben sind die explizit auf Oberschlesien bezogenen Studien von Ewa Palenga-Möllenbeck und Marius Otto – beide mit transnationalen Fragestellungen im Vordergrund und methodologischen Impulsen für das vorliegende Buch.29 Schließlich sind ethnologische Zugänge zu würdigen, die gerade auf der methodologischen Ebene äußerst wertvolle Anregungen geben. Hier ist besonders der Nexus Zugehörigkeit – Ethnizität – Othering als Gegenstand der Forschungen hervorzuheben, wodurch das ‚Machen‘ von kultureller Fremdheit in Abgrenzung zum essentialistischen Verständnis von ethnischen Gruppen und Zugehörigkeiten als gegebenen, vermeintlich ‚natürlichen‘ Einheiten klar sichtbar wird.30
Inspirationen fanden wir zudem in der global ausgerichteten Migrationsforschung, in der in den letzten Jahren auch einige Studien zu Migration und Mobilität aus Ostmittel- und Südosteuropa im 19. und 20. Jahrhundert vorgelegt wurden. Das dabei am lautesten gefeierte Buch ist Tara Zahras „Great Departure“. Die Autorin stellt dabei einleitend fest, dass wir viel zu wenig über „the situation the migrants sought to escape, […] the impact of their departure on their homelands […] and the role of their own governments in keeping them home“ wissen. Sie selbst konzentriert sich hauptsächlich auf den dritten Aspekt und analysiert Migration als „instrument of policy [for] both domestic and international goals [and] the expansion of state power for manipulating and controlling migration“.31 Die ersten zwei Aspekte sind für unsere Forschungsinteressen zentral, sie werden jedoch von Zahra meist kursorisch aus einer überregionalen Perspektive behandelt und nur selten mit einer Betrachtung der lokalen Verhältnisse der Migrierenden verbunden. Deshalb sind Erkenntnisgewinn und methodische Impulse aus dieser Arbeit für unsere Untersuchung eher begrenzt. Der Vorzug der Studie liegt eher in der Analyse der inneren Logiken der staatlichen Migrationsregime, weniger in der Erforschung der Motivationen der handelnden Migranten und Migrantinnen selbst. Da Zahra den transatlantischen Raum explizit mit Ostmitteleuropa verbindet, trägt sie dazu bei, die Isolation der auf Ostmitteleuropa bezogenen Migrationsgeschichte von der global orientierten Migrationsgeschichte aufzubrechen, mithin also der seltene Fall einer Studie, die beide Forschungsdiskurse miteinander verbindet. Zahras Verdienst ist es, dass sie eigene empirische Befunde zu Ostmitteleuropäern in ihre Untersuchung zur Einwanderung in die USA integriert. Dies steht im Gegensatz zur verbreiteten Praxis, bei der sich westeuropäische bzw. nordamerikanische Migrationsforscher bei der Integration Ostmitteleuropas in globale/transatlantische Zusammenhänge ausschließlich auf ältere Sekundärliteratur stützen (der bereits oben erwähnte Leo Lucassen ist ein gutes Beispiel dafür).
Eine weitere Inspirationsquelle bot uns das Buch von Ulf Brunnbauer „Globalizing Southeastern Europe“.32 Die Analyse umfasst sehr überzeugend drei Untersuchungsebenen (Makro-, Meso-, und Mikro-) und geht zudem ausführlich auf die Wechselwirkungen zwischen diesen ein. Diese Herangehensweise wird zwar häufig gefordert, aber selten angewandt. Brunnbauer betrachtet Migration als „an opportune lens through which to study historical change in the region“ und richtet sich nach dem Forschungscredo von Leslie P. Moch: „If we focus on the macroeconomic level alone, we lose the actors who are essential to this drama, dismissing their agendas and denying the factor of human agency. If we focus on the personal alone, we miss the opportunity to connect migration with historical change.“ Konsequenterweise ist die Geschichte der europäischen Migrationen also „the history of European social life […] embedded in collective patterns of familial and communal social practice“.33 Brunnbauer verwendet auch das Konzept des Transnationalen auf sehr produktive Art und Weise und lenkt die Aufmerksamkeit „to the agency of migrants (and their non-migratory interlocutors), to the ties they build, and to the dynamic changes in social configurations engendered by migration“.34 Damit gelingt es ihm, „dynamics of migration systems“ darzustellen und zu erklären. Dazu zählt eine schnelle Anpassung der Akteure an neue Rahmenbedingungen und Möglichkeiten, sobald sich Migration als ökonomische Strategie etabliert und die von den Migrantinnen und Migranten verursachten Rückkopplungen das jeweilige lokal vorherrschende Wertesystem verändert hatten. Erst so können die engen Wechselwirkungen zwischen regionalen, saisonalen und transatlantischen Migrationssystemen und deren tiefe Verankerung in lokalen Lebensentwürfen und Karriereerwartungen auf kleinstem Raum aufgezeigt werden. Nur so wird verständlich, wie Migration zu einem nicht wegzudenkenden Element der lokalen Kultur, zu einem Migrationshabitus wird.35 Genau diese Herangehensweise wollen wir im Folgenden für den oberschlesischen Raum übernehmen. Brunnbauers Ansatz fokussiert darüber hinaus auf die vielschichtigen Rückwirkungen der Migrationsprozesse auf die „sending communities“, was bislang in der Forschung viel zu selten getan wurde. Letzten Endes nehmen bei ihm, wie auch schon bei Zahra, die Wechselwirkungen zwischen „emigration policy“, „state-building“, „state control“ und „political intervention“ den meisten Raum ein, auch wenn die lokale Ebene stets zur Sprache kommt. Aufbauend auf Brunnbauers Vorgehensweise wollen wir die lokale, regionale, staatliche und transatlantische Ebene miteinander kombinieren.
Im Gegensatz zu diesen beiden geographisch breit angelegten Monographien untersuchte Krystyna Duda-Diewierz bereits in den 1930er Jahren mikrosoziologisch ein einzelnes galizisches Dorf, Babica bei Rzeszów, auf das Migrationsverhalten seiner Einwohner.36 Ihre Studie eröffnete eine komplett neue Perspektive auf die Kultur der Migration innerhalb eines Ortes (zentrale vs. periphere Ortsteile) und auf das soziale Leben vor Ort (Altansässige vs. Zugezogene), wodurch die (transatlantischen) Bewegungen und Netzwerke der Dorfbewohner überhaupt erst nachvollziehbar wurden. Die Lokalstudie wurde einige Jahrzehnte später von Joanna Kulpińska fortgesetzt, wodurch ein zwischengenerationeller Längsschnitt zum Thema Auswandern, Zurückkehren und Bleiben in familiären und kleinräumigen Kontexten geschaffen wurde.37 Eine ähnliche ‚Tiefenbohrung‘ über das gesamte 20. Jahrhundert liegt für ein anderes galizisches Dorf vor – Zaborów. Dort untersuchte die Soziologin Kazimiera Zawistowicz-Adamska auch schon in den 1930er Jahren die lokalen sozialökonomischen und kulturellen Hintergründe der Migrationsbewegungen.38 Ihre Arbeit in und zu Zaborów setzte Maria Wieruszewska in den 1970er Jahren fort,39 bevor die nächste Generation der Ausgewanderten und Dagebliebenen sowie die intergenerationellen Wechselwirkungen vom Ethnologen Ryszard Kantor analysiert wurden.40 Schließlich ist noch Matthias Kaltenbrunners Untersuchung multilokaler Migrationsbewegungen aus der Umgebung des ostgalizischen Sniatyn (heute in der Ukraine) zu erwähnen.41 Methodisch inspirierend ist besonders seine Analyse von informellen, transnationalen Netzwerken der Migrierenden (als „multivectoral networks“) entlang einer längeren historischen Zeitachse.
All diese kleinräumigen Studien zeigen die Stärke der mikrohistorischen bzw. -soziologischen/ethnologischen Herangehensweise. Ähnliches gilt für vielversprechende regional angelegte Untersuchungen, die zwar noch im Entstehen begriffen sind, aber einen mit unseren Ideen verwandten Ansatz verfolgen und sich in das wachsende Forschungsfeld zur transnationalen und globalen Geschichte Ost(mittel)europas seit dem 19. Jahrhundert wie auch in die transnationale Geschichte des Kalten Krieges einschreiben.42
Die Ostmitteleuropa-Forschung ist schon lange ein Vorreiter der Verflechtungsgeschichte und transnationaler/transkultureller Analysen, auch im Bereich der historischen Migrationsforschung. Ein trendsetzendes Werk soll in diesem Zusammenhang nicht unerwähnt bleiben: die von William I. Thomas und Florian Znaniecki nach dem Ersten Weltkrieg vorgelegte fünf Bände umfassende Untersuchung „The Polish Peasant in Europe and America“. Die im ersten Band abgedruckten Briefe polnischsprachiger bäuerlicher Migranten und Migrantinnen aus Amerika (50 Serien mit insgesamt über 750 Briefen) konzentrieren sich fast ausschließlich auf Ausgewanderte aus Russisch-Polen und Galizien. Nur drei Sammlungen exemplifizieren den Briefverkehr mit der Provinz Posen, keine den mit Oberschlesien. Alle beziehen sich auf das Jahrzehnt vor dem Ersten Weltkrieg, als eine Auswanderung nach Amerika aus Oberschlesien kaum noch stattfand und auch der politisch-staatliche Rahmen ein gänzlich anderer war.43 Somit ist das monumentale Werk der Chicago school of sociology für die Erklärung des Handeln der Oberschlesier und Oberschlesierinnen nur bedingt aufschlussreich: Sie waren an zirkulärer Migration in die USA um 1900 sehr wenig beteiligt, dementsprechend wurden keine Briefe von ihnen in der umfangreichen Studie berücksichtigt.
Zusammenfassend können somit sowohl empirische Lücken in der auf Oberschlesien fokussierten Migrationsforschung als auch ein Übergewicht überholter methodischen Zugänge konstatiert werden. Deshalb wollen wir mit Hilfe des oben geschilderten begrifflichen Instrumentariums und vor dem Hintergrund der dominierenden Forschungsdiskurse, das Phänomen des Transmigrierens in seinen transnationalen, transregionalen, translokalen und nicht zuletzt transkulturellen Facetten anhand der Erfahrungen und Lebenswelten im Raum Oberschlesien über einen Zeitraum von knapp zweihundert Jahren in den Blick nehmen. Ziel ist eine erste systematische, längsschnittartige Studie zur äußerst hohen Mobilität der Oberschlesier und Oberschlesierinnen vor dem Hintergrund der wechselvollen Geschichte der Region im 19., 20. und am Anfang des 21. Jahrhunderts vorzulegen.
Menschen und Raumbegriffe, Buchstruktur und Eckdaten
Wo liegt nun aber Oberschlesien, dessen Einwohnerschaft im vorliegenden Buch der Hauptprotagonist sein soll? Nach der Eroberung fast ganz Schlesiens durch Preußen (1742) und der Gründung des Regierungsbezirks Oppeln im südöstlichen Teil Schlesiens (1816) wurden die dortigen, meist katholischen Bewohner, die in der Regel zugleich Sprecher eines regionalen Dialekts des Polnischen waren, „Oberschlesier“ genannt – in Abgrenzung zu den meist protestantischen und deutschsprachigen „Schlesiern“ in Niederschlesien. Auch in dem beim Habsburger Reich verbliebenen Österreichisch-Schlesien wurden die Bewohner als „Schlesier“ bezeichnet. Wir konzentrieren uns hauptsächlich auf den ehemals preußischen Regierungsbezirk Oppeln, der 1922 in die deutsche Provinz Oberschlesien und die polnische Wojewodschaft Schlesien aufgeteilt wurde. Seit 1945 liegt der gesamte historische Regierungsbezirk Oppeln in den Grenzen Polens. So ist die Geschichte der migrierenden Oberschlesier und Oberschlesierinnen bis 1918 mit dem preußischen Königreich bzw. Deutschen Kaiserreich verwoben, zwischen 1918 und 1945 ein Gegenstand des deutsch-polnischen Grenzkonflikts und nach 1945 mit der polnischen Staatlichkeit eng verschränkt. Seit den 1990er Jahren werden Bestrebungen hin zu einer kulturellen und politischen Eigenständigkeit der einheimischen Bevölkerung in der Region immer konkreter. Sie fanden ihren statistischen Ausdruck in den Volkszählungen 2002 als über 173.000 und knapp zehn Jahre später über 800.000 der Befragten eine oberschlesische Nationalität deklarierten. Die (auch historische) Existenz oder Nicht-Existenz einer oberschlesischen Nation ist gegenwärtig ein kontroverses und hoch emotionales Thema in Polen. Im vorliegenden Buch wollen wir die apriorische Existenz eines oberschlesischen Volkes oder Großkollektivs nicht behaupten. Ziel ist es vielmehr, eine Essentialisierung von Ethnizität zu vermeiden und stattdessen zu zeigen, welches ‚kulturelle Gepäck‘ die Migranten und Migrantinnen in ihre Aufenthaltsgebiete mitbrachten und inwieweit sie schon während der Auswanderung mit nationalen oder regionalen Wir-Vorstellungen ausgestattet waren bzw. wie ihre Prozesse des Einheimischwerdens in den Ankunftsräumen verliefen. Ähnliches gilt umgekehrt für die in die Region Oberschlesien Eingewanderten. Stets stützen wir uns dabei auf ein dynamisches, wandelbares Verständnis von (kollektiven) Identitäten und bevorzugen Begriffe wie Identifikation, Sich-Identifizieren sowie Selbst- und Fremdwahrnehmung bzw. Selbst- und Fremdverständnis. Wir wollen die nationalen Zuschreibungen und die vermeintlich statische ‚Identität‘ der Migrierenden und ihrer Nachfahren hinterfragen, statt schon vorab ein quasi naturgemäß auf ewig zusammengehörendes regionales oder nationales Kollektiv sowohl in der Region als auch in den Auswanderungsräumen zu kreieren.44 Erst dadurch wird die ganze Vielfalt von Migrationserfahrungen der Oberschlesier und Oberschlesierinnen aus regionaler, europäischer und transatlantischer Perspektive analysierbar.
Zunächst stehen die Voraussetzungen der räumlichen Bewegungen der Oberschlesier an der Schwelle zur Moderne im Fokus. Eine gesteigerte Mobilität wurde durch die allmähliche Bauernbefreiung zwischen 1806 und den 1840er Jahren überhaupt erst ermöglicht. Durch die endgültige Beseitigung der Leibeigenschaft und des behördlichen und grundherrlichen Aufenthaltsbestimmungsrechts nahm sie ab der Mitte des 19. Jahrhunderts in vielen Teilen der Region entscheidend zu. Dies wurde von einer massiven Mobilisierung der Bevölkerung durch Industrialisierung und Urbanisierung begleitet. Gleichzeitig kam es zu Zuwanderungen in den Industriebezirk Oberschlesiens aus anderen Gebieten des Deutschen Reichs, aus Russisch-Polen und Galizien. Diese komplexe Gemengelage ist im ersten Kapitel Gegenstand der Analyse.
Die darauffolgenden drei Kapitel fokussieren auf Auswanderungsstrategien aus der Region etwa zwischen den 1830er und 1930er Jahren. Durch den technologischen Fortschritt und den Ausbau der Kommunikationsmittel und Transportwege wurden neue Arbeitsmärkte und/oder Ackerland erreichbar. Migrantische Möglichkeitsräume erweiterten sich, die „Überwindung der Distanz“ wurde zur alltäglichen Erfahrung vieler Menschen.45 Vor diesem Hintergrund diskutieren wir komplexe Wanderungskonjunkturen aus Oberschlesien und zwar im großräumigen Kontext unter Berücksichtigung Russisch-Polens, des deutschen Westens, insbesondere des Ruhrgebiets, in kleinerem Ausmaß auch Nordfrankreichs und der Niederlande, hingegen ausführlicher Nord- und Südamerikas als Ankunftsräume. Dabei betrachten wir vordergründig die Handlungsoptionen der Beteiligten und die Rolle der informellen Netzwerke, die die geographische und zeitliche Ausweitung traditioneller Überlebens- und Fortkommensstrategien neu bestimmten.
Erst nach dem Ersten Weltkrieg gewann die Staatsmacht die Oberhand, sodass die Handlungsspielräume der Migrierenden und Migrationswilligen einschneidend eingeschränkt wurden. Fluchtmigration wegen Grenzverschiebungen und Politisierung, gesteigerte Staatskontrolle und Bürokratie veränderten nach 1918 das Migrationsgeschehen – dies wird in den darauffolgenden Kapiteln fünf und sechs betrachtet. Die Hindernisse für Grenzübertritte und Aufenthalte in anderen Staaten wuchsen sowohl in Ostmitteleuropa als auch im fast gesamten transatlantischen Raum. Die ordnende Staatsgewalt war aber auch in der Zwischenkriegszeit mit dem Eigensinn der historischen Akteure konfrontiert. Die politische Neuordnung Oberschlesiens und die Nationalisierung staatlicher Zugehörigkeit führten dennoch zur politisch bedingten bzw. erzwungenen Migrationen nach dem Plebiszit bzw. nach den Herrschaftswechseln 1922, 1939, 1945. Massive Ausmaße nahm dies während des Zweiten Weltkriegs und sogar noch mehr in der unmittelbaren Nachkriegszeit an. Kriegswirtschaft und Zwangsmigration, Flucht und Vertreibung waren Kennzeichen des Jahrzehnts zwischen 1939 und 1949.
Nach 1945 fanden erneute Zuwanderungen in die Region aus Zentralpolen und Galizien, aber auch aus den nun ehemaligen polnischen Ostgebieten (Kresy) statt. Die Jahrzehnte der Volksrepublik Polen und der massive Ausbau der Schwerindustrie in Oberschlesien durch die kommunistische Regierung veränderten die Zusammensetzung der Bevölkerung entscheidend. Gleichzeitig begann der Exodus der einheimischen Oberschlesier und Oberschlesierinnen Richtung Westen und ein langer Prozess des Einheimischwerdens in der west- bzw. ostdeutschen Wahlheimat. Beide Migrationsrichtungen werden in den Kapiteln sieben und acht untersucht. Im abschließenden Kapitel wird die Mobilität der Oberschlesier und Oberschlesierinnen nach 1989 unter den neuen politischen Gegebenheiten mit zunehmender Bewegungsfreiheit in der Europäischen Union und darüber hinaus betrachtet und mit dem Migrationsgeschehen vor dem Ersten Weltkrieg verglichen.
Diese Buchstruktur erlaubt es somit erstmals, historische Kontinuitäten und Brüche Oberschlesiens in unterschiedlichen staatlichen Kontexten herauszuarbeiten, sodass eine Reflexion über die Region und ein sich dort neuformierendes, regionales und nationales Selbstverständnis möglich wird. Ob dazu noch Sehnsuchtsrufe nach „Panama“ gehören, wird zu prüfen sein.
In der Forschung werden diese Menschen in der Regel „einfache“ oder „gewöhnliche“ Leute genannt. Weniger gebräuchlich ist der Begriff „Kleine Leute“, mit dem großen K, der den Beteiligten unseres Erachtens mehr Subjektivität verleiht und deshalb hier verwendet wird.
Vgl. Esch: Zugänge zur Migrationsgeschichte, S. 461–463.
Vgl. Freitag/Oppen (Hg.): Translocality.
Mit Bezug auf Polen setzte die Tagung „Reimagining Polish Worldwideness: Cross-Local Encounters and Global Arrangements“ ähnliche methodische Impulse (https://networks.h-net.org/cfp-reimagining-polish-worldwideness-cross-local-encounters-and-global-arrangements).
Castryck-Naumann: Moving from Transnational, S. 6.
Wengenroth: Technik der Moderne.
Esch: Migration, S. 158. Weitgehend ausgeklammert bleiben hingegen transnationale Netzwerke im Exil lebender politischer Akteure.
Vor diesem Hintergrund waren Studien, die sich vornehmlich auf statistische Daten stützen und vorwiegend anonym-makrohistorisch agieren, für uns nur begrenzt methodisch inspirierend. Beispielsweise: Steidl: On Many Routes.
D. h. Auswanderungen aus ein und demselben Ort in ein und denselben anderen Ort meist in Gruppen und mit Hilfe von migrantischen Netzwerken.
Vgl. Glick-Schiller u. a. (Hg.): Towards a transnational perspective; Smith/Guarnizo (Hg.): Transnationalism from Below; Portes/Guarnizo/Landolt: The Study of Transnationalism.
Vgl. Glick-Schiller/Faist (Hg.): Migration, Development, and Transnationalization; Faist/Fauser/Reisenauer (Hg.): Das Transnationale in der Migration; Pries: Transnationalisierung.
Wimmer/Glick-Schiller: Methodological Nationalism.
Morawska: The New-Old Transmigrants; dies.: For Bread with Butter.
Esch: Migration, S. 131–186.
McCook: The Borders of Integration; Frackowiak: Wanderer im nationalen Niemandsland.
Bade u. a. (Hg.): Enzyklopädie Migration.
Vgl. Baker: First Polish Americans; Brożek: Polish Americans; Badaczewski: Poles in Michigan; Kilar: Germans in Michigan; Groniowski: Polska emigracja.
So beispielsweise (und weit verbreitet) Oltmer: Perspektiven historischer Integrationsforschung; hier S. 10: „Die ›Ruhrpolen‹ können als eines der am besten untersuchten Beispiele für den Verlauf der Integration fremdsprachiger Gruppen in Deutschland gelten.“
Vgl. Wehler: Die Polen im Ruhrgebiet bis 1918; Kleßmann: Polnische Bergarbeiter; Murzynowska: Die polnischen Erwerbsauswanderer; Murphy: Gastarbeiter im Deutschen Reich; Peters-Schildgen: »Schmelztiegel« Ruhrgebiet; Matwiejczyk: Katolickie towarzystwa; auch noch Haida: Ruhrpolen; und auch auf der älteren Forschung basierend Loew: Wir Unsichtbaren, S. 78–85.
Lammert: Grußwort, S. 26.
Lucassen: Is transnationalism compatible with assimilation?
Laut Lucassen: „Among Polish migrants in the German Ruhr area the national cohesion was stronger and resulted in a much more coherent movement [als unter den irrischen Migranten in England; Anm. AM]. This was stimulated by the fact that most migrants were Catholic and worked as miners, a profession which in itself stimulated group cohesion.“ Wenig später stellt er fest: „[…] the massive multiplication of Polish associations, most of which had the explicit aim to preserve Polish ethnicity, political awareness, involvement in the battle for cultural rights and ultimately the establishment of an autonomous Polish state.“ Beide Zitate ebd., S. 29. Vgl. das Kapitel 2 im vorliegenden Buch, wo diese pauschalen Annahmen stark differenziert werden.
Budrass: Oberschlesier in Bottrop; Skrabania: Górnośląscy przesiedleńcy; Skrabania: Keine Polen?; Schade: Statt Integration.
Linek: Migracje na Górnym Śląsku; Skrabania: Notaufnahmelager Marienfelde.
Rauziński: Wyjazdy zarobkowe; Jończy: Einfluß der Auslandsmigration; vgl. auch Beiträge in Jaźwińska/Okólski (Hg.): Ludzie na huśtawce.
Budrass: Oberschlesier in Bottrop.
Vgl. Wagner/Fiałkowska/Piechowska/Łukowski (Hg.): Deutsches Waschpulver und polnische Wirtschaft.
Glorius: Transnationale Perspektiven; Kępińska/Stark: The evolution and sustainability.
Palenga-Möllenbeck: Pendelmigration aus Oberschlesien; Otto: Zwischen lokaler Integration.
Vgl. Schmidt-Lauber (Hg.): Ethnizität und Migration.
Zahra: Great Departure, beide Zitate auf S. 6.
Brunnbauer: Globalizing Southeastern Europe.
Ebd., S. 2 und 7.
Ebd., S. 11.
Die oben schon erwähnte und von der räumlichen Dimension her ähnlich angelegte Monographie von Annemarie Steidl zu Migrationen im und aus dem späten Habsburger Reich geht einen explizit anderen methodischen Weg und gibt dadurch weniger Aufschluss über lokale Zusammenhänge, Lebensentwürfe und soziale Umwälzungen in dörflichen Gemeinschaften und Familien. Steidl: On Many Routes.
Duda-Dziewierz: Wieś małopolska.
Kulpińska: Multigenerational Migration; dies.: Transatlantyckie trendy migracyjne.
Zawistowicz-Adamska: Społeczność wiejska.
Wieruszewska: Społeczność wiejska Zaborowa.
Kantor: Między Zaborowem a Chicago.
Kaltenbrunner: Das global vernetzte Dorf.
Pannagiotidis: Multiply Entangled; Musekamp: Volhynia’s German-Speakers; Cercel: Ethnopolitical Humanitarianism; Weger: Deutschen in und aus der Dobrudscha.
Thomas/Znaniecki (Hg.): Polish Peasant. Die Beispiele der Kommunikation mit der preußischen Provinz Posen auf S. 647–664, 690–695, 981–987.
Vgl. Brubaker/Cooper: Beyond „Identity“.
Vgl. Kaschuba: Überwindung der Distanz.