âThe Birth of Christian Historyâ â das Thema dieser Monographie ist ein zweifaches: Sie untersucht einerseits die verschiedenen Genres, Typen und Formen, die in den literarischen Traditionen der hellenistisch-römischen und der frühchristlichen Geschichtsschreibung verwendet wurden. Historiographische Schriften sind nicht nur Quellen für die Rekonstruktion der Vergangenheit, sondern â und das gilt andererseits â sie werfen auch Licht auf die Prozesse, die der sozialen und kulturellen Erinnerung an geschichtliche Ereignisse Gestalt verliehen. Meine Untersuchung frühchristlicher Entwicklungslinien in der Geschichtsschreibung der frühen römischen Kaiserzeit soll daher viererlei leisten:
Erstens suche ich eine Vielzahl kultureller, religiöser und literarischer Merkmale, Konventionen und Prämissen aufzudecken, die den literarischen Aktivitäten in den geschichtsschreibenden Kreisen der hellenistisch-römischen Zeit zugrunde lagen und die auch die frühesten Prozesse der Geschichtsschreibung im entstehenden Christentum geprägt haben. Zweitens ziehe ich eine Linie vom Markusevangelium zum lukanischen Doppelwerk, dessen idiosynkratische Behandlung der Anfänge des Evangeliumsberichts den Wandel von der erzählten verschriftlichten Erinnerung zur voll entwickelten Geschichtsschreibung nachvollziehbar macht: Das lukanische Doppelwerk ist der Ausgangspunkt der auf ihn folgenden christlichen Geschichtsschreibung. Drittens suche ich nachzuweisen, dass der Diskurs über antike Geschichtsschreibung mehrdimensional ist. Die antike Geschichtsschreibung war nicht nur ein auf die geschichtlichen Ereignisse bezogenes intellektuelles Unternehmen, sondern auch ein literarisches: Darstellungen der Vergangenheit orientierten sich an den politischen, ethischen und religiösen Anschauungen der Gegenwart und den Leseerwartungen zeitgenössischer Adressatenschaften. Der literarische Akt des Geschichtsschreibens ist zwangsläufig zugleich ein interpretierender Akt. Das gilt schon für Thukydides. Thukydides âwar auch eine Art Philosophâ: âEr war Historiker genug, um sich verpflichtet zu fühlen, die Details zu ermitteln [â¦], aber es ging ihm nicht weniger darum, die allgemeinen Wahrheiten, die er entdeckt hatte, mitzuteilen.â1
Viertens suche ich darzulegen, wie die literarische Kultur der frühen römischen Kaiserzeit, in die die Geschichtsschreibung in neutestamentlicher Zeit fiel, und die politische Macht Roms die Schreibweise der frühchristlichen Geschichtserzähler als Autoren beeinflussten: Die frühesten christlichen Geschichtserzähler â insbesondere Markus und Lukas â machten sich die römische memoria-Kultur zu eigen, unterliefen sie aber auch. Das Ziel beider frühchristlicher Autoren war literarische Akkulturation. Daher werde ich das Markusevangelium und das lukanische Doppelwerk als Anfangsliteratur der christlichen Geschichtsschreibung betrachten, die aus dem Milieu der hellenistischen Geschichtsschreibung der frühen römischen Kaiserzeit hervorgingen. Diese Studie soll zeigen, wie die frühesten, im 1. und 2. Jahrhundert n.Chr. entstandenen Schriften das âchristlicheâ Geschichtsdenken und -schreiben geprägt haben, indem sie die Erinnerung (memoria) an die Vergangenheit in eine erzählerische Form brachten (historia) und sie damit in die Art von Prosa überführten, die eine geschichtsbasierte Wahrnehmung von Zeit (tempus) begründet.
In diese Monographie sind fast fünfzehn Jahre der Forschung zum literarischen Konzept der antiken Geschichtsschreibung eingeflossen. Sie begannen 2002 und schlugen sich nieder in meiner Monographie Das Markus-Evangelium im Rahmen antiker Historiographie (Tübingen: Mohr Siebeck, 2006), dem von mir herausgegebenen Band Die antike Historiographie und die Anfänge der christlichen Geschichtsschreibung (Berlin und New York: Walter de Gruyter, 2005) sowie mehreren Vorträgen (u.a. an der York University, Toronto und an der Universität Lund) und Forschungsaufenthalten (u.a. an der Brown University, Providence und an der Universität Erfurt), die seither zur Veröffentlichung einer Reihe von Artikeln und Aufsätzen zur antiken Geschichtsschreibung geführt haben.â2 In diesen Jahren des Forschens hat sich mein Verständnis von Geschichte und Geschichtsschreibung entwickelt und verändert. Ich bin mir heute des existentiellen Aspekts bewusster, der dem Studium der Geschichte â sei es die Antike oder die Gegenwart â eignet: â[J]e älter wir werden, umso mehr wird unsere eigene Vergangenheit zu Geschichte.ââ3 Um mit unserer individuellen Vergangenheit und unserem kulturellen und literarischen Erbe in Kontakt zu bleiben, müssen wir studieren, was längst als kollektive Erinnerung definiert ist. Das Studium der frühchristlichen Schriften, in denen Erinnerung an Vergangenes in historiographische Darstellungen umgeschrieben ist, ist ein überaus bedeutsames Unternehmen, wenn nicht sogar der Königsweg, um zu den Grundlagen der kollektiven Geschichte des sog. âWestensâ zurückzugehen.
Ich möchte zum Abschluss dieser Einführung Dank sagen: Prof. John Collins (New Haven) danke ich für die Einladung, diese Monographie für die Reihe Yale Anchor Bible Reference Library zu schreiben. Dank auch mehreren Kollegen und Freunden, die mich bei der Konzeption und beim Schreiben dieses Buches inspiriert und angeleitet haben: Prof.es em. Oda und Wolfgang Wischmeyer (Erlangen und Wien), Prof. em. Andreas Mehl (Halle und Berlin) sowie Prof. Klaus-Peter Adam (Chicago). Ich danke der Carlsberg-Stiftung (Kopenhagen) für das groÃzügige Stipendium, das mir im Frühjahr 2011 Forschungsaufenthalte und die Teilnahme an Workshops in Jerusalem, Wien, Erlangen und Chicago ermöglicht hat. Besonderen Dank möchte ich meinen Studierenden und Kolleginnen und Kollegen in den exegetischen Disziplinen an der Universität Aarhus aussprechen: Sie waren im Herbst 2010 und danach mehr als einmal bereit, mit mir über die Evangelien als Werke antiker Geschichtsschreibung zu diskutieren. Im Frühjahr 2014 wurde ich vom Max-Weber-Kolleg in Erfurt eingeladen, als Fellow den ersten Entwurf zur vorliegenden Monographie fertigzustellen. Ein besonderer Dank gilt Prof. Jörg Rüpke (Erfurt) und den Stipendiatinnen und Stipendiaten des Kollegs für ihre inspirierenden Kommentare und Anregungen zu meinem Manuskript.
Dank gebührt schlieÃlich den Theologiestudentinnen Rikke Hvarregaard Andersen (Aarhus) und Megan Hoewisch (Atlanta) sowie dem Doktoranden Zane McGee (ebenfalls Atlanta) für die sorgfältige Vorbereitung des Manuskripts für die Veröffentlichung, auÃerdem Heather Gold von der Yale University Press für ihre groÃartige Unterstützung des Projekts bis zum Tag der Veröffentlichung. Mein letzter und herzlichster Dank aber geht an Danielle Duperreault (Toronto), die das Manuskript nicht nur sprachlich und stilistisch überarbeitet hat, sondern auch immer bemüht war, meine Darstellung zu verfeinern und zu schärfen â in dem Wissen, das Walter Benjamin einst so formuliert hat:
In jeder Epoche muss versucht werden, die Ãberlieferung von neuem dem Konformismus abzugewinnen, der im Begriff steht, sie zu überwältigen. [â¦] Nur dem Geschichtsschreiber wohnt die Gabe bei, im Vergangenen den Funken der Hoffnung anzufachen, der davon durchdrungen ist [â¦].â4
Eve-Marie Becker Atlanta/Georgia im Herbst 2016