Stellt die kultische Sühnevorstellung durchweg den Horizont dar, unter dem man im Urchristentum den Tod Jesu in seiner Heilsbedeutung dachte? Diese These, von der wir glauben, sie sei einer eingehenden Diskussion wert, wird in der jüngeren Exegese des Neuen Testaments mehrfach vertreten1. Mit dieser Untersuchung fragen wir danach, ob sie sich im Bereich der paulinischen Theologie bewährt oder nicht.
Sühne ist eine Kategorie des Heils. Sie antwortet auf ein so oder so gefasstes Unheil, auf bestimmte Dimensionen des Unheils. Aber wie genau erfolgt die Verarbeitung von Unheil am Beispiel der Theologie des Apostels? Wie verhalten sich denn Sünde und Sühne zueinander? Handelt es sich bei ihnen um zwei gleich schwere GröÃen, so dass die eine durch die andere aufgehoben wird? Verhalten sie sich wie Frage und Antwort zueinander und wenn ja: Werden alle Frageaspekte durch die gegebene Antwort erfasst und tatsächlich hinreichend beantwortet? Könnte es nicht auch so sein, dass Paulus, nähme man sein Reden von der Sünde als eine Frage, unterschiedliche Wege der Antwort vorgesehen hat, um die im Raum stehende Frage erschöpfend zu beantworten?
Könnte es sich nicht auch so verhalten, dass Paulus an der Kehre vom Unheil zum Heil eher Fragehorizonte eröffnet hat als präzise, abschlieÃende Antworten zu geben? Mit diesem Ergebnis wäre im schlimmsten Fall zu rechnen. Als Briefeschreiber war Paulus jedenfalls kein Dogmatiker, der ein systematisches, fein abgestimmtes, theologisches System zu errichten erstrebt hat.
Und dennoch weisen seine ÃuÃerungen zur Sünde und zu einer erreichbaren Freiheit von der Sünde, insbesondere auf der Textebene von Römer 5 bis Römer 8, eine Sorgfalt auf, die zu einer Systematik tendiert. Beim Aufbau eines Gegengewichtes zum Unheil kann man dem Apostel in keinerlei Hinsicht Nachlässigkeit attestieren, wie zu zeigen sein wird.
Unter der Voraussetzung eines notwendigen noetischen und sachlichen Bezugs (ob der Bezug streng gefasst ist oder nicht, muss sich zeigen) von Sünde und Sühne befragen wir nun die Paulusexegese nach dem konkreten Verhältnis von Sünde und Sühne. Es geht uns dabei darum, eine mehr oder weniger verdeckte Relation zu beleuchten bzw. diese ins Licht zu ziehen, so dass sie als klar konturierte Relation erscheint.
Wir fragen: Wie gestaltet sich die Begegnung dieser einander widerstreitenden GröÃen? Welche leitenden Sünden- und Sühnebegriffe gehen in die Auslegung der Paulustexte ein? Es sind ja dieselben Texte, die zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedlich ausgelegt werden. Doch an diesen Texten entwickelt sich ein Sünden- und ein Sühneverständnis, das die Vorstellungen der jeweiligen Zeit reflektiert.
In den Kapiteln eins bis vier unserer Untersuchung sollen Entwicklungslinien, Erkenntnisfortschritte und Wechsel der Sichtweisen herausgearbeitet werden. Die Entwicklungsgeschichte des Verhältnisses von Sünde und Sühne wird in den Kapiteln zwei bis vier in der Form des folgenden Dreischritts dargeboten: Sünde â Sühne â Relationsbestimmung.
Nun allerdings müssen wir auch auf die besondere Gewichtung der einzelnen Schritte innerhalb der Abschnitte, die jeweils rund 50 Jahre Forschung überschauen, hinweisen. Im Blick auf den Umfang und die gedankliche Dichte des paulinischen Redens von der Sünde einerseits und der Sühne andererseits bestehen erhebliche Differenzen. Diese resultieren in erster Linie aus der Intensität und der Breite des paulinischen Redens von der Sünde, beispielsweise in Römer 5,12â21, Römer 6, Römer 7 und 2Kor 5,14â21. Mit Liebe zum Detail zeichnet Paulus ein facettenreiches, vielschichtiges Bild von der
Wir folgen nun dem Schwergewicht des paulinischen Sündenverständnisses bei der Darstellung der Forschungsgeschichte. Auch unsere Ausführungen zur hamartiologischen Thematik nehmen sich vergleichsweise ausführlich aus.
In Bezug auf die Sünde geht es immer wieder um den Aufweis der zeitgenössischen Reflexionsbegriffe. Die nun angezeigten Fragerichtungen laufen gleichsam auf diese Leitbegriffe zu. Welcher Gesetzesbegriff liegt zugrunde? Was vermag das Gesetz gegen die Sünde (Röm 3,20)? Was ermöglicht überhaupt die Sündenerkenntnis? Ist der am Gesetz orientierte Sündenbegriff eher akt- oder seinsbezogen? Welche Rolle spielt das Bewusstsein angesichts der Sündenerkenntnis durch das Gesetz? Inwiefern gab es die Sünde bereits vor dem Gesetz (Röm 5,12ff)? Inwiefern sind alle Menschen, egal ob Gesetzeskennerinnen oder -kenner, verantwortlich für ihre Schuld?
Ein weiteres Fragenbündel entsteht am Verhältnis von
In Bezug auf die Sühne geht es zunächst um die Koeffizienten, die den Sühnebegriff zu einer bestimmten Zeit jeweils konstituieren. Ist der Sühnebegriff, mit dem gearbeitet wird, eher zeitgenössischem Rechtswesen entlehnt oder dominieren evidentermaÃen alttestamentliche Vorstellungsgehalte? Welche Texte zieht man ggf. zur Erstellung des Rahmenbegriffs der Sühne heran? Es wird sich zeigen, wie gewonnene Erkenntnisse aus der Forschung im Fachbereich des Alten Testaments im Rahmen der Paulusexegese zur direkten Anwendung kommen. Durch diesen Erkenntnistransfer erweitert sich die Einschätzung dessen, was Sühne leistet, erheblich3. Ihre stellvertretende Funktion wird genauer untersucht und auf ihre Grenzen hin befragt werden. Es wird also zu zeigen sein, wie sich der für die Auslegung der Paulustexte relevante Rahmen dessen, was man Sühne nennt, teils verschiebt, teils erweitert und ggf. klarer konturiert.
Paulus ist ein Theologe, der zahlreiche Perspektiven auf den Tod Jesu hat. Wenn er von der Heilsbedeutung des Todes Jesu spricht, dann stellt er mehrere Bildwelten durchaus konkurrenzlos nebeneinander. Es kann auch vorkommen, dass er überlieferte Deutungsmuster im Blick auf den Tod Jesu durch spezifische Einschübe korrigiert, so dass er der Tradition bei seiner Adaption eine neue Ausrichtung gibt. Das markanteste Beispiel hierfür ist die Einfügung der Redewendung âdurch den Glaubenâ â
Eine Forschungsgeschichte, die bis zur Gegenwart durchlaufen soll, muss zeitlich nach hinten abgegrenzt sein. Wir markieren den Anfangspunkt bei Albrecht Ritschls Werk âRechtfertigung und Versöhnungâ, weil A. Ritschl bereits im zweiten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts ein bemerkenswert festes Fundament für die Begründung der Rechtfertigungslehre allein im Opfertod (noch nicht: âSühnetodâ) Jesu geschaffen hat. Die Stärke des Verfahrens Ritschls bei der Errichtung dieses Fundaments, für welches er vor allem priesterschriftliche Texte in Anspruch nahm, liegt ohne Frage in der systematischen Integrationskraft, welche die Konzeption Ritschls ausstrahlt. Dies gilt sowohl für die von Ritschl energisch verfolgte enge Anbindung an den Kult nach der Priesterschrift als auch für die begrifflich dichte christologische Auslegung der Kategorie der Sühne in seiner Paulusexegese.
Kapitel 5 unserer Studie geht über das kritische Referat der Forschungsgeschichte hinaus. In acht Schritten versuchen wir im Zuge dieses fünften Komplexes eine eigene, neuartige Position im Blick auf unsere Fragestellung auszuformulieren und zu behaupten. Grundsätzlich wird dabei die untrennbare Verschränkung von dogmatischer und exegetischer Fragestellung (5.1) beachtet. Das Vorurteil, dass die kultische oder auch die nichtkultische Sühne lediglich eine rückwärtsgewandte Schuldbereinigung inkludiert, wird â so viel kann bereits an dieser Stelle verraten werden â als falsch erwiesen (5.2). In einem dritten Schritt werden die Aussichten der Suche nach Analogien zwischen den Texten der Priesterschrift und denen des Paulus erörtert (5.3). Dem Abschnitt 5.4 eignet die Schlüsselfunktion auf dem Sektor unserer eigenen Evaluation, insofern das Sündenverständnis der in Betracht kommenden alttestamentlichen Texte mit dem des Paulus verglichen wird. Insgesamt werden zwölf Momente sachlich schwerwiegender Divergenzen ausgewiesen. Zusätzlich wird auf soteriologischer Ebene (5.5) nach der tatsächlichen gedanklichen Entfaltung und der Tiefe der paulinischen Reflexion der kultischen Sühne gefragt. Ein resümierender Blick auf die Pluralität der paulinischen Annäherungsweisen an den Tod Jesu (5.6) wird noch einmal gegeben. Danach wollen wir den Kult als Metaphernspender perspektivisch erfassen (5.7). Der Abschluss unserer Untersuchung (5.8) fällt unter die Rubrik: âZwei Zeiten â zwei Systeme von Sünde und Erlösungâ.
U. Wilckens, Das Kreuz Christi, die Mitte des Glaubens aller Christen, in: Für uns gestorben. Sühne â Opfer â Stellvertretung, hrsg. von V. Hampel und R. Weth, (S. 17â32), 27; vgl. auch. P. Stuhlmacher, Sühne oder Versöhnung? Randbemerkungen zu Gerhard Friedrichs Studie: âDie Verkündigung des Todes Jesu im Neuen Testamentâ, in: FS für E. Schweizer, Die Mitte des Neuen Testaments, 291â316, 291; O. Hofius, Sühne und Versöhnung. Zum paulinischen Verständnis des Kreuzestodes Jesu, in: Ders., Paulusstudien (WUNT 51), 1â49, 39. Siehe ferner E. Jüngel, Das Opfer Christi als sacramentum et exemplum. Was bedeutet das Opfer Christi für den Beitrag der Kirchen zur Lebensbewältigung und Lebensgestaltung? In: Ders., Wertlose Wahrheit. Zur Identität und Relevanz des christlichen Glaubens (Theologische Erörterungen III), 261â282, 270.271f. Vgl. auch U. Wilckens, Theologie des Neuen Testaments, Bd. I,3, 143â146.
Der für Paulus mögliche, aber nur in traditionellen Kontexten anzutreffende pluralische Gebrauch von
Die Forschungsergebnisse von Hartmut Gese (Ders., Die Sühne, in: zur biblischen Theologie. Alttestamentliche Vorträge -BEvTh 78, 85â106) und Bernd Janowski (Ders., Sühne als Heilsgeschehen. Studien zur Sühnetheologie der Priesterschrift und zur Wurzel KPR im Alten Orient und im Alten Testament â WMANT 55) sind seitens der Paulusexegeten häufig rezipiert worden.