1. Erschließung des Themas – Korrespondenzakten – Aufbau des Beitrags
Erzbischof Lorenz Jaeger hatte mit vielen Priestern zu tun – und diese mit ihm. Ausgewählten Aspekten der Beziehung zwischen dem langjährigen Erzbischof und „seinem“ Paderborner Diözesanklerus geht dieser Text nach, auf der Basis meines Vortrags im Rahmen der Jaeger-Tagung 2022 mit dem ursprünglichen Arbeitstitel „Das Verhältnis zum Diözesanklerus“.
Fragen wir zunächst nach der von dieser Überschrift erfassten Zahl an Personen: Knapp 1.000 Priester haben in Jaegers langer Amtszeit als Erzbischof von Paderborn (1941–1973) die Priesterweihe im Erzbistum empfangen.1 In einem Hirtenbrief aus dem Jahr 1955 spricht Lorenz Jaeger selbst davon, dass „gegenwärtig insgesamt 1779 Welt- und Ordenspriester in der Seelsorge“2 wirken. Kurz vor Ende seiner Amtszeit lässt sich dem Protokoll einer Priesterratssitzung eine Zahlenangabe des damaligen Personaldezernenten Dr. Wilmsen entnehmen. Danach gab es im Mai 1972 „1190 aktive Diözesanpriester. Davon sind 938 in der Pfarrseelsorge und 252 Religionslehrer und sonstiges. Darüberhinaus [sic!] arbeiten 120 Patres in der Seelsorge, so daß sich insgesamt 1310 Priester im aktiven Dienst der Erzdiözese ergeben.“3
Beim Paderborner Diözesanklerus dürfte es sich in Jaegers langer Amtszeit nach einer vorsichtigen Schätzung meinerseits um mehr als 3.000 Priester handeln – und damit wären auch ebenfalls so viele „Beziehungsgeschichten“ zu behandeln. Um dieses Thema zu erschließen, braucht es angesichts von hunderten in Frage kommender Akten eine Konzentration auf einige zentrale Aspekte, die ich noch erläutere. An dieser Stelle sei aber ein Hinweis auf die interessante und umfangreiche Korrespondenz Jaegers mit Priestern gegeben. Im Jaeger-Nachlass befinden sich die entsprechenden Korrespondenzakten. Was ist darunter zu verstehen? Priester kommunizieren auf unterschiedlichen Wegen mit ihrem Bischof. Eine Form ist der schriftliche Briefverkehr. Das wird heute, in Zeiten von Mails und digitaler Kommunikation, weniger bedeutsam sein als in der Amtszeit Jaegers. Für diese ergibt sich ein Berg von gesammelter brieflicher (hand- und maschinengeschriebener) Kommunikation mit einzelnen Priestern aus höchst individuellen Anlässen, der im Jaeger-Nachlass enorme 23 gebundene Bände für die Jahre bis 1970 und nochmals 12 dicke Akten für die Jahre bis 1973 und auch für die Zeit nach seiner Emeritierung umfasst. Nicht enthalten sind hierin die Glückwunschschreiben zu Weihetagen, Kondolenzschreiben oder Dankesschreiben Jaegers als Reaktion auf Glückwünsche, die ihn erreicht hatten. Die unterschiedlichen Anlässe dieser umfangreichen Korrespondenz reichen von Dankesschreiben für ihm eingesandte Berichte oder Artikel oder Fotos über Rückfragen zu Entscheidungen des Generalvikariates, die ihn erreichten, bis hin zu Briefwechseln im Kontext von Promotionsverfahren oder anderen wissenschaftlichen Veröffentlichungen. Häufig sind Briefe des Diözesanbischofs aus Anlass von Krankheit oder Schicksalsschlägen im Leben einzelner Priester. An Beweggründen, Kontakt mit dem Bischof aufzunehmen oder seitens des Bischofs mit den Priestern, mangelte es jedenfalls nicht. Es gab – gerade von Priestern im Ostteil des Bistums – auch gar keine andere Möglichkeit, ihrem Bischof Gedanken und Ausarbeitungen ihrerseits zukommen zu lassen. Insgesamt aber ist diese Korrespondenz wenig aussagekräftig, um die Frage nach Jaegers Verhältnis zum Diözesanklerus systematisch zu beantworten. Zu individuell sind die Geschichten, die diese Briefwechsel erzählen, zu zufällig die Anlässe. Was sich aber zeigt, ist, dass Jaeger Vertrauen entgegengebracht wurde, auch dann, wenn die zu behandelnde Thematik kontrovers oder schwierig einzustufen war. Er nahm sich offensichtlich viel Zeit, las auch persönlich, nahm in der Ich-Form Stellung, ließ Emotionen durchblicken („Ihr Brief hat mich sehr berührt …, nachdenklich gemacht …, sehr erfreut …, sehr enttäuscht …“). Jaeger scheut sich in der schriftlichen Korrespondenz auch nicht, Stellung zu beziehen und deutlich zu werden. Und: Er kann sich entschuldigen oder einräumen, wo er sich anders hätte verhalten können oder sollen. Manchmal versucht er zu erklären, was der Briefpartner in Jaegers Wahrnehmung nicht verstanden hat oder nicht weiß. Er empfiehlt auch ihm passend erscheinende Literatur oder schickt sogar seinerseits Artikel mit, wenn ihm eine theologische Debatte aus Zeitgründen per Brief nicht möglich ist. Und was die zeitliche Kapazität angeht: Es fällt in dieser Korrespondenz auf, dass Jaeger ganz offensichtlich viel unterwegs war. In fast jedem zweiten Schreiben entschuldigt er sich dafür, wegen längerer Abwesenheit erst jetzt antworten zu können. Insbesondere Firmreisen, bis 1961 auch in den östlichen Teil des Erzbistums, das Kommissariat Magdeburg, aber auch Aufenthalte in Rom (zum II. Vatikanischen Konzil und danach als Kardinal) haben Jaeger häufig wochenlang vom Schreibtisch in Paderborn ferngehalten.
Mein Beitrag muss sich also auf ausgewählte Aspekte der Beziehungsgeschichte Jaegers und „seiner“ Priester konzentrieren und exemplarische Eindrücke von der inneren Dynamik dieser Beziehungsgeschichte erschließen. Ich gehe dabei folgendermaßen vor: Nach einem Blick auf Jaegers Selbstverständnis als Erzbischof in Hinsicht auf die Priester im Spiegel diesbezüglicher Aussagen des II. Vatikanischen Konzils kommen zwei Zeitgenossen zu Wort, die ihre Erinnerungen als junge Priester an Jaeger darstellen. Darauf folgt ein längerer Abschnitt, in dem Jaeger selbst zu Wort kommt in Form einer Untersuchung leitender Gedanken in seinen jährlichen Neujahrsgrüßen an die Priester. Insbesondere diese Texte lassen erkennen, was Jaeger im Bezug auf die Priester und seine Aufgabe ihnen gegenüber beschäftigte. In einem nächsten Schritt geht es um eine Tiefenbohrung im Kontext der Priesterkonvente und Priestertagungen Ende der 1950er Jahre, um dann zu Themen zu gehen, die Jaeger in den letzten Jahren seiner Amtszeit beschäftigten: die Frage der Priestergemeinschaften „Solidaritätsgruppe“ (SOG) und der „Arbeitsgemeinschaft Paderborner Seelsorger“ (APS) und ihrer Auseinandersetzungen sowie die Priesterteams und die ersten zwei Perioden des Priesterrates, der nach dem II. Vatikanischen Konzil auch im Erzbistum Paderborn eingerichtet wurde. Schließen wird der Beitrag nach einem Blick auf Jaegers Emeritierung als Erzbischof mit einer Zusammenfassung der rekonstruierbaren Hinweise auf die „Beziehungsgeschichte(n)“ Jaegers mit dem Paderborner Diözesanklerus.
2. Die Beziehung zwischen Bischof und Priestern nach dem II. Vatikanischen Konzil
Lorenz Jaeger war Teilnehmer des II. Vatikanischen Konzils. Dieses Konzil hat an mehreren Stellen in seinen insgesamt 16 verabschiedeten Texten Ausführungen zum Verhältnis des Diözesanbischofs zum Klerus seiner Diözese gemacht. Diese Stellen formulieren ein theologisch begründetes enges Band zwischen Bischof und Priestern, das sich im praktischen Leben sehr anspruchsvoll in einer vertrauensvollen und brüderlichen Form des Umgangs ausdrücken sollte. Klassischer Ausgangspunkt ist dabei das Verständnis des Bischofs als „Vater der Priester“. So heißt es in der Dogmatischen Konstitution Lumen gentium (LG) 28:
Als sorgsame Mitarbeiter, als Hilfe und Organ der Ordnung der Bischöfe bilden die Priester, die zum Dienst am Volke Gottes gerufen sind, in Einheit mit ihrem Bischof ein einziges Presbyterium, das freilich mit unterschiedlichen Aufgaben betraut ist. In den einzelnen örtlichen Gemeinden der Gläubigen machen sie den Bischof, mit dem sie in vertrauensvoller und großzügiger Gesinnung verbunden sind, gewissermaßen gegenwärtig; sie übernehmen zu ihrem Teil seine Amtsaufgaben und seine Sorge und stellen sich täglich in ihren Dienst. Unter der Autorität des Bischofs heiligen und leiten sie den ihnen zugewiesenen Anteil der Herde des Herrn, machen die Gesamtkirche an ihrem Orte sichtbar und leisten einen wirksamen Beitrag zur Erbauung des gesamten Leibes Christi (vgl. Eph 4,12). Auf das Wohl der Kinder Gottes allzeit bedacht, sollen sie darüber hinaus bestrebt sein, ihren Anteil beizutragen zur Hirtenarbeit an der ganzen Diözese, ja an der ganzen Kirche. Um dieser Teilhabe an Priestertum und Sendung willen sollen die Priester den Bischof wahrhaft als ihren Vater anerkennen und ihm ehrfürchtig gehorchen. Der Bischof hinwiederum soll seine priesterlichen Mitarbeiter als Söhne und Freunde ansehen, gleichwie Christus seine Jünger nicht mehr Knechte, sondern Freunde nennt (vgl. Jo 15,15). Diözesan- wie Ordenspriester sind also alle zusammen aufgrund ihrer Weihe und ihres Dienstamtes dem Kollegium der Bischöfe zugeordnet und wirken vermöge ihrer Berufung und der ihnen verliehenen Gnade zum Wohl der gesamten Kirche.
Die Vatermetapher wird abgeleitet angewendet auf die Priester, die hier als „Söhne“ und in Anlehnung an das Jesuswort Joh 15,15 auch als „Freunde“ dieses Vaters bezeichnet werden. Hier wird also eine relationale Kategorie eingeführt, die über die Verwandtschaftsbeziehung hinausgeht und an Vertrautheit denken lässt. Im Dekret Christus Dominus (CD) 28 über die Hirtenaufgabe der Bischöfe wird das Vaterbild dann weiter in ein dialogisch ausgerichtetes Miteinander eingebettet:
[Die Diözesanpriester] bilden ein einziges Presbyterium und eine einzige Familie, deren Vater der Bischof ist. […] Die Beziehungen zwischen dem Bischof und den Diözesanpriestern müssen vor allem auf den Banden der übernatürlichen Liebe aufbauen, und zwar so, dass die Einheit des Willens der Priester mit dem Willen des Bischofs ihre Seelsorgsarbeit fruchtbarer werden läßt. Um den Dienst an den Seelen mehr und mehr zu fördern, möge daher der Bischof die Priester, auch gemeinsam, zu Gesprächen, besonders über Seelsorgsfragen, einladen, nicht nur gelegentlich, sondern wenn möglich auch zu fest bestimmten Zeiten.
Die Priester als Familie – der Bischof als Vater: Diese Vorstellung lebt nach diesem Text von gemeinsamem Gespräch, das möglichst häufig stattfinden soll. Schließlich findet sich eine eher kollegial ausgerichtete Beziehungsbestimmung im Dekret Presbyterorum ordinis (PO) 7 über Dienst und Leben der Priester, wo aus den Söhnen zugleich Brüder werden und wo andererseits die für das II. Vatikanische Konzil leitende Vorstellung von der Bischofsweihe als der Fülle des Weihesakramentes zugleich auch ein Gefälle innerhalb der Familie erkennen lässt:
Alle Priester haben zusammen mit den Bischöfen so an ein und demselben Priestertum und Amt Christi teil, daß diese Einheit der Weihe und Sendung ihre hierarchische Gemeinschaft mit dem Stand der Bischöfe erfordert. […] Die Bischöfe sollen darum die Priester, denen in der Weihe die Gabe des Heiligen Geistes verliehen wurde, als ihre notwendigen Helfer und Ratgeber im Dienstamt der Belehrung, der Heiligung und der Leitung des Gottesvolkes betrachten. […] Wegen dieser Gemeinschaft also im gleichen Priestertum und Dienst sollen die Bischöfe die Priester als ihre Brüder und Freunde betrachten. Sie seien nach Kräften auf ihr leibliches Wohl bedacht, und vor allem ihr geistliches Wohl sei ihnen ein Herzensanliegen. Denn hauptsächlich auf ihnen lastet die schwere Sorge für die Heiligung ihrer Priester; deshalb sollen sie die größte Mühe für deren ständige Formung aufwenden. Sie sollen sie gerne hören, ja sie um Rat fragen und mit ihnen besprechen, was die Seelsorge erfordert und dem Wohl des Bistums dient. Um das aber in die Tat umzusetzen, soll in einer den heutigen Verhältnissen und Erfordernissen angepaßten Form ein Kreis oder Rat von Priestern geschaffen werden, die das Presbyterium repräsentieren, wobei dessen Form und Normen noch rechtlich zu bestimmen sind. Dieser Rat kann den Bischof bei der Leitung der Diözese mit seinen Vorschlägen wirksam unterstützen. Die Priester aber sollen die Fülle des Weihesakramentes der Bischöfe vor Augen haben und in ihnen die Autorität des obersten Hirten Christus hochachten. Sie schulden ihrem Bischof aufrichtige Liebe und Gehorsam. Dieser priesterliche Gehorsam, der vom Geist der Zusammenarbeit durchdrungen sein muß, gründet in der Teilnahme am Bischofsamt, die den Priestern durch das Weihesakrament und die kanonische Sendung übertragen wird.
Dieser letzte Text war die Grundlage, auf der ab dem Jahr 1966 auch im Erzbistum Paderborn der Priesterrat eingerichtet wurde, dem ich später einen eigenen Abschnitt widmen werde. Erkennbar wird hier dem Bischof eine hohe Verantwortung für die Funktionalität der Beziehung zu den Priestern eingeräumt. Familiäre, vertrauliche Beziehungen, verbunden mit enger Beratung, und autoritätsbasierter Respekt gegenüber dem Bischof gehen in diesem Abschnitt Hand in Hand.
Kommentare von Lorenz Jaeger zu diesen Ausführungen des II. Vatikanischen Konzils finden sich in den Akten direkt nicht. Methodisch lassen sich also nur aus weit verstreuten Aussagen Jaegers aus unterschiedlichen Anlässen Rückschlüsse ziehen, wie er selbst sein Verhältnis zum Diözesanklerus sah. Mehr noch allerdings erschließt sich durch seine Aktivitäten bezüglich Beratung und Gespräch mit den Priestern, insbesondere in der unruhigen Zeit nach dem Konzil, was ihn seinerseits hinsichtlich seiner Verantwortung für die „Beziehungsgeschichte“ antrieb. Ich würde es so einschätzen: Jaeger sah sich durch das Konzil darin bestätigt und ermutigt, die „Vater-Rolle“ gegenüber dem Klerus auszufüllen. Dabei trieb ihn ein gewisses Sendungs- und Verantwortungsbewusstsein an, wie an verschiedenen Stellen deutlich wird. Jaeger versuchte, nach bestem Wissen und Gewissen sich als „Vater“ innerhalb der Priesterfamilie zu verhalten – und so griff er nach dem Konzil die praktischen Hinweise insbesondere des Dekretes Presbyterorum ordinis (PO) auf, die diese Rolle kollegial weiterentwickelte. Auf einer eher praktischen Ebene war Jaeger also mit zunehmendem Alter gefordert, ein kollegialeres Miteinander zwischen ihm und den nunmehr aufkommenden Gruppen von Priestern oder auch dem neuen Gremium des Priesterrates einzuüben. Hier wird die über zwei Jahrzehnte eher individuell verstandene Beziehung Jaegers zu einzelnen Priestern also ergänzt um das neue Phänomen von Priestergruppen, gemeinsam vertretenen Interessen von Priestern und einander gegenüberstehenden, unterschiedlich ausgerichteten Priestergruppen. Es ist anspruchsvoll, die im Konzil bereits eingeschriebenen Spannungslinien zwischen dem Bischof als Vater und den Priestern als Söhnen, Brüdern und Freunden in dieser Gemengelage auszutarieren. Dabei dürfte es nachvollziehbar sein, dass Jaeger nach bereits zwanzig Jahren Erfahrungen und Prägungen seines Habitus nur schwer ganz neu aufstellen konnte. Ich vermute, dass er sich das auch gar nicht abverlangte. Aber er wird gespürt haben, dass sich die Zeiten änderten und das klassische Vater-Bild, dem er sich zutiefst verpflichtet fühlte, tatsächlich aufgebrochen und ergänzt werden musste hin zu mehr Kollegialität. Wir werden sehen, wie sich sein grundsätzliches Unbehagen über einige moderne Entwicklungen in diese Aufgabe mischte und wie geschickt aber auch angespannt er agierte.
Schauen wir noch auf zwei Äußerungen Jaegers selbst, die die Vatermetaphorik und seine Beziehung zu den Priestern exemplarisch zu Beginn und gegen Ende seiner Amtszeit erkennen lassen. Schon in der Festschrift „Leben und Frieden“, die das Erzbischöfliche Seelsorgeamt Paderborn zum 15. Jahrestag seiner Bischofsweihe im Jahr 1956 herausgab4, ist eine Rubrik überschrieben mit den Worten „Vater des Klerus“. Hier wurden insgesamt neun „Worte an den Klerus“ aus den Jahren 1941 bis 1955 abgedruckt, aus denen sich Jaegers Gedanken, die er in diesen ersten eineinhalb Jahrzehnten als Erzbischof mit den Priestern seines Bistums teilte, erkennen lassen. Den Auftakt dieser Sammlung macht ein eigens verfasstes Predigtwort an die Priester am Tag seiner Bischofsweihe (19. Oktober 1941):
Sie, meine hochwürdigen Herren, schauen heute voller Erwartung auf mich. Ich schaue voller Erwartung auf Sie. Was ist der Feldherr ohne seine Offiziere und Soldaten? Was ein Bischof ohne seine priesterlichen Mitarbeiter? Ich rechne auf Sie. Ich weiß wohl, daß mancher von uns müde werden möchte angesichts so vieler Enttäuschungen, die er in der Seelsorge erlebt; daß mancher verbittert die Hände sinken lassen möchte bei den zahlreichen Einschränkungen und Widerständen, die sich seinem apostolischen Eifer entgegenstellen. Meine Herren, erinnern wir uns des Heilandswortes, daß ‚ein anderer ist, der sät, und ein anderer, der erntet‘ (Jo 4,37). […] Alle Mutlosigkeit und aller Pessimismus müssen dem Priester fremd sein. […] Lassen Sie uns gemeinsam die Wege suchen, um die Menschen unserer Tage zu den Quellen des Lebens, des Friedens und der Freude hinzuführen. Wir wollen ernstlich um die Sprache von heute ringen, damit wir die Frohbotschaft Christi in der Sprache unserer Zeit verkünden können. Wir wollen Priester sein, Seelsorger, liebe hochwürdige Mitbrüder, und nichts als das. […] Sie aber bitte ich, legen Sie Ihre Hand fest in meine. Wir wollen in heiliger Verbundenheit und festem Vertrauen den Weg zusammen gehen, den Gott und Zeit uns weisen. Mit frohem, siegesgewissem, mit echt christlichem Optimismus wollen wir im Weinberg des Herrn arbeiten. Das Kreuz soll uns nicht niederdrücken. In ihm ist ja das Heil und der Sieg. Amen.5
Deutlich wird hier einerseits, dass Jaeger zu Beginn seines bischöflichen Dienstes im Blick auf seine Beziehung zu den Priestern das Bild vom Feldherrn und den Offizieren nutzt und das politisch zu dieser Zeit besetzte Wort „Heil“ auf Christus bezieht. Zugleich spricht Jaeger schon hier von seinen priesterlichen Mitarbeitern – einem eher funktionalen Begriff, der später wie bereits gezeigt vom Konzil für das Verhältnis Priester – Bischof benutzt wird. Ein weiteres Anliegen nennt er, auf das er auch in den folgenden Jahrzehnten immer wieder zurückkommt: eine Sprache von heute zu finden. Und er spricht von Verbundenheit und Vertrauen und greift mit dem Bild von der Hand des Priesters, die in seine gelegt werden möge, ein Element des Weiheritus auf, das Verbundenheit und Vertrauen zwischen Bischof und Priestern symbolisiert, aber ursprünglich dem mittelalterlichen Lehenswesen entstammt, genauerhin dem Vasalleneid, und damit eben auch eine gewisse Abhängigkeit und Verfügungsgewalt impliziert.
Fast wörtlich kommt der mittlerweile betagte Kardinal 31 Jahre später auf den Grundduktus dieser Predigtansprache an den Klerus am Tag seiner Bischofsweihe zurück – und zwar in einem Anschreiben zur Festschrift, die das Metropolitankapitel Jaeger zu seinem 80. Geburtstag im Jahr 1972 zum Geschenk machte und die Jaeger dann allen Priestern des Erzbistums Paderborn zukommen ließ.6 In diesem Anschreiben greift der Erzbischof die Ausführungen von Lumen gentium (LG) 28 auf und schreibt unter dem Datum des 28. September 1972, also weniger als ein Jahr vor seiner Emeritierung:
Was ist der Bischof ohne seine Priester! Darum gebührt der Dank, der mir gesagt worden ist, in gleicher Weise Ihnen. Darüber hinaus hat unsere Verbundenheit in Liebe, Vertrauen und Treue sich in diesen Tagen so eindrucksvoll bekundet, daß ich mich glücklich schätze, Ihnen als Gegengabe dieses Buch senden zu können.
Zu Beginn und fast zum Ende seiner Amtszeit bringt Jaeger in diesen beiden Zitaten eine enge Verbundenheit zwischen Bischof und Priestern zum Ausdruck, was auf eine starke Kontinuität in seinem inneren Empfinden und wohl auch in seinem Selbstverständnis hindeutet. Zeitlich zwischen diesen beiden Zitaten steht das Konzil mit den beschriebenen Aussagen, die ihn einerseits als „Vater“ bestätigten, andererseits auch in Richtung eines kollegialen Miteinanders herausforderten. Die 1972 gewählte Formulierung „Was ist der Bischof ohne seine Priester“ lässt dabei erkennen, dass er den kollegialen Aspekt im Miteinander mit Tausenden Priestern in mehr als 30 Jahren als Erzbischof von Paderborn der klassisch verstandenen Beziehung zwischen einem Vater und seinen Söhnen zugeordnet verstand. Die beiden folgenden Erinnerungen von Zeitzeugen werden diese Annahme bestätigen.
3. Erinnerungen zweier Priester an die Beziehung zu Erzbischof Jaeger
Die allermeisten der Priester aus der Amtszeit Jaegers sind natürlich längst verstorben. Einige aber, die in den ausgehenden Jahren der langen Amtszeit Jaegers junge Priester waren, leben noch. Es schien mir reizvoll, zumindest zwei von ihnen zu befragen, die Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre den betagten Kardinal erlebten und ihn aus der Rückschau in Erinnerung rufen.7 Hierzu habe ich am 21. Juli 2022 zwei Zeitzeugengespräche mit dem emeritierten Weihbischof Manfred Grothe, 1967 von Jaeger zum Priester geweiht, und dem früheren Leiter der Schulabteilung im Erzbischöflichen Generalvikariat Paderborn, Prälat Theodor Ahrens, 1966 von Jaeger zum Priester geweiht, geführt. Beiden habe ich folgende Fragen gestellt:
1.) Wie ist dir Lorenz Jaeger als Person in Erinnerung?
2.) Welches Priesterbild vertrat und verkörperte der Erzbischof Jaeger?
3.) Wer war Kardinal Jaeger für dich als von ihm geweihter Priester?
4.) Wie war das Verhältnis des Kardinals zu „seinen“ Priestern?
5.) Wie war das Grundgefühl am Ende der Amtszeit des Kardinals?
Weihbischof em. Manfred Grothe berichtete zunächst von einem eindrücklichen Erlebnis bei einem Empfang zu einem Geburtstag oder Jubiläum, bei dem er auf den Erzbischof zuging und ihm gratulierte, als dieser einen Moment allein stand. Jaeger reagierte überrascht und sagte sinngemäß: „Junger Mann, nun mal langsam – seien Sie vorsichtig mit allem, was Sie sagen, Sie fangen gerade erst an.“ In der Erinnerung an Kardinal Jaeger als Person kommt Grothe der Begriff „Landesherr“ in den Sinn – in der ganzen Fülle des Begriffs:
Jaeger regierte machtvoll, verantwortungsvoll und blieb dabei in der Kommunikation immer etwas distanziert – denn er war der Vorgesetzte, von dem ich überzeugt war, dass er pflicht- und verantwortungsbewusst seine Aufgaben wahrnimmt – aber in dessen Einschätzung ich allenfalls ein Handlanger war: jemand, der zu seinem ‚Hofe‘ gehörte und dem er Aufgaben anvertraut hatte, von denen er erwartete, dass man sie auch mit Zuverlässigkeit und Treue ausübt – ich hätte nicht den Wunsch gehabt, bei irgendwelchen persönlichen Anliegen mich an ihn persönlich zu wenden, mich von mir aus ihm anzuvertrauen – das war einfach eine Melodie, auf der ich spürte, mit ihm nicht übereinzukommen.
Jaeger hatte auch einen „Diensteifer, von dem man spürte, dass er seine Aufgaben ernsthaft wahrnahm, vor allem auch, dass seine Eloquenz ihm eine Aura verlieh, die zunächst mal ihm gegenüber Respekt einflößte, aber nicht unbedingt das Herz erreichte.“
Auf die Frage nach dem von Jaeger vertretenen und verkörperten Priesterbild fiel Grothe der Begriff „Miles Christi“ ein. In Grothes Erinnerung hat Jaeger diesen Begriff immer wieder benutzt und in ihm spiegelte sich sein Verständnis von Dienst und Aufgabe eines Priesters wider:
Für den Tagesdienst bestellt, den muss er ausüben. Die Rolle des Erzbischofs in diesem Bild war dann die des Generals. […] ‚Fromm sein‘ hat er nicht vor sich hergetragen. Wie er persönlich [war], wenn er allein war oder im Kreis enger Freunde, weiß ich nicht. Ich sah ihn immer in der Rolle des Kirchenfürsten, der diese Rolle ausgeprägt und gekonnt übernommen hatte und sie zu erfüllen suchte.
Die Erwartung des Bischofs an die Priester war klar:
Als Priester erwartete er von uns, dass wir den versprochenen Gehorsam auch einlösten. Das ließ er uns auch spüren. Bei der Ausübung des Dienstes hatte er eine Erwartung an Disziplin. Das war auch sein Selbstverständnis: pflichtbewusst, sich verantwortlich fühlen für ‚seine Priester‘ im Sinn dieser Hierarchie – wir waren Fußvolk, auf das er sich verlassen wollte und mochte. Dabei konnte auch der Eindruck entstehen, dass er Wichtigeres zu tun hatte als sich zu einem Gespräch ‚herabzulassen‘.
Grothe hat keine Erinnerung an ein Gespräch unter vier Augen oder einen Austausch:
Ich habe ihn wertgeschätzt für die Weihe, die er mir geschenkt hat, und dafür, dass er mir den Zugang zu meinem Beruf eröffnet hat. Aber er wurde dadurch kein spirituelles Leitbild für mich. Er war ein Intellektueller für mich, der alles im Blick hatte und pflichtgetreu alles erfüllen wollte als der, dem die Macht des geistlichen Amtes anvertraut war. Der Kardinal war oberster Vorgesetzter und erwartete und forderte Pflichtbewusstsein. Er war immer eine Etage höher und es bedurfte des Ersteigens einer Treppe – deshalb war man eigentlich froh, wenn man mit ihm direkt nichts zu tun hatte. Ich wäre ihm nicht aus dem Weg gegangen, aber es hat mir nichts gefehlt, wenn er in meinem Leben direkt nicht vorkam. Das hatte nichts mit einem Generationenunterschied zu tun, denn das Verhältnis zum (ähnlich intelligenten und klugen) Heimatpfarrer war ganz anders.
Das Verhältnis des Kardinals zu den Priestern beschreibt Grothe so:
Ich glaube, wir waren für ihn Werkzeuge, derer er sich bediente – im personifizierten Sinn, das heißt nicht, dass wir einfach Instrumente waren. Ich glaube, dass, wenn er uns als Priester bei der Größe der Diözese immer gerne herausstellte, er damit auch seine eigene Position herausstellen konnte in dem Sinn, wer und was ihm alles anvertraut war, mit wem er in Korrespondenz stand, wie viele Menschen er zu leiten und zu führen hatte. Das gehörte auch zu seinem Pflichtbewusstsein, dass er z. B. kranken Priestern einen Brief schrieb. Der Priester bekam mit, dass der Erzbischof ihm einen besonderen Gruß schrieb, Dank sagte, und das allein baute ihn schon auf. Insgesamt waren wir Bausteine in seinem Gefüge, die er brauchte, mit denen er rechnete, die er aber auch so bearbeitete, dass sie in seine Architektur passten, die er von seinem Amt, von seinem Bistum hatte.
Als Ende der 1960er Jahre der Priesterrat eingeführt wurde, „hatte er es dann mit selbstbewussten Leuten zu tun, die ihn spüren ließen, dass er auf dieser Ebene nicht mehr mit ihnen rechnen konnte.“
Jaeger verstand sich offensichtlich als Kirchenpolitiker, der in vielen, auch überdiözesanen Kontexten tätig war, einer, der auch ehrgeizig war. „Der hat hier seine Diözese an die Weihbischöfe und den Generalvikar abgegeben, aber er ist der Intellektuelle, der Kirchenpolitiker, der noch mit ganz anderen Dingen zu tun hat und dort auch viel Kraft ließ.“
Grothes Grundgefühl am Ende der Amtszeit des Erzbischofs und bei seinem Tod:
Er stand für mich wie eine Monstranz auf dem Altar, er war da, hatte seinen Ort im Bistum, aber er war immer weit weg – auch emotional. Daher hatte ich keinen inneren Schmerz. Es war das Gesetz des Lebens. Mein Gedanke war aber auch: Da geht eine Ära zu Ende. Das war nicht nur die übliche Amtszeit eines Bischofs. Hier endet eine Ära, die für sich auch einen besonderen Anspruch hatte. Kennzeichen dieser Ära war die Stringenz der Leitung und eine Weltoffenheit, die vielfaches Interesse zeigte auch über die Diözese hinaus. Als ich ihn im Sarg liegend sah, mit der Mitra bekleidet, kam mir nochmals der Gedanke, wie sehr die hierarchische Stellung sein Bewusstsein prägte: ‚Ich habe eine besondere Aufgabe und Stellung, und der habe ich gedient.‘ Ich vermute, dass Menschen, die ihm näher waren, wie der Generalvikar oder die Mitbrüder im Domkapitel, ihn von seiner Arbeit her geschätzt haben, sie wussten auch, was er geleistet hatte. Insofern verband sich auch Respekt mit der Einschätzung seiner Person.
Prälat Theodor Ahrens beginnt seine Erinnerung an Jaeger so:
Ich kann mich an keine persönliche Begegnung erinnern – wohl ist mir noch in Erinnerung, wie ich als Student Ministrant in der Privatkapelle war und anschließend das Frühstück mit ihm einnahm – dabei war aber nicht mehr als ‚Smalltalk‘, kein persönlicher oder theologischer Austausch, möglich. Er war weit weg – das lag am Habitus: Er war für uns der Bischof, der selbst beim Spaziergang in bischöflicher Kleidung umherschritt – eindrücklich war, wenn er die Liturgie feierte – Ich erinnere mich an die Einweihung des Soester Domes und die 1000-Jahr-Feier dort (1954): Der Erzbischof kam in die Stadt wie ein Fürstbischof (mit Hermelin und langer Schleppe). Da konnte man zeigen, was die katholische Kirche an Macht und Pracht entfalten konnte.
In Ahrens’ Erinnerung blieb das „fürstbischöfliche Auftreten“ auch nach dem Konzil erhalten.
Als Person ist ihm Jaeger distanziert in Erinnerung, aber auch als einsatzfreudig und präsent, wenn er gebraucht wurde. Er hätte sich auch eingesetzt für die Theologiestudenten, wenn es ihm nötig schien, auch gegenüber deren Ausbildern.
Nach dem Konzil dann sah die Kirche plötzlich anders aus und stellte sich anders auf: Die neuen Gremien schienen den Erzbischof zwar nicht zu motivieren – er hat deren Einrichtung aber konsequent umgesetzt. Man sprach damals von dem ‚Alten‘, der aus einem anderen Jahrhundert war und manches nicht mehr so richtig verstand.
Das Priesterbild, das Jaeger vertrat und verkörperte, beschreibt Ahrens so:
Der Priester war etwas Besonderes und in der Kirche immer eine herausgehobene Figur, auch gegenüber den Laien – in der Praxis war der Priester, der Bischof erst recht, etwas ganz Besonderes, bis hin zur Kleidung. Das war für ihn wie ein Offizier, so ähnlich war die Position innerhalb der Kirche für ihn – also jemand, der auch Befehle gab, und wenn es zum Streit kam, auch ein Machtwort sprach.
Als nach dem Konzil das Thema ‚Priesterteams‘ auf ihn zukam, was für ihn ein ungewöhnliches und neues Thema war,
hat Jaeger eine Gruppe jüngerer Priester empfangen, auf die Uhr geschaut und das Gespräch geführt mit klarer Zeitangabe: Nach einer Stunde war Schluss. Er wollte die jungen Geistlichen ohne Entscheidung wegschicken, wogegen diese protestierten. Er sagte zu, morgen früh eine Entscheidung zu geben. Und er hat Wort gehalten und für die Leute entschieden, ihrem Anliegen entsprochen. Er war bereit, sich Argumente anzuhören und zu streiten und auch zu entscheiden.
Was das Verhältnis Jaegers zu den Priestern angeht, erinnert sich Ahrens: „Wir waren ‚seine‘ Priester, er war freundschaftlich im Umgang miteinander, aber trotzdem distanziert – er war auch sehr bestimmend, ließ sich aber durchaus auch überzeugen, wenn er anderer Meinung war. Ich meine, man sagte ihm schon, was man dachte, auch als Priester.“
Bei Emeritierung und Tod Jaegers kann sich Ahrens an folgendes Grundgefühl erinnern: „Wir hatten den Eindruck, jetzt fängt eine neue Ära an – viele hatten den Eindruck, dass Jaeger als Bischof relativ weit weg war. Uns war klar, dass er seine Verdienste gehabt hat, vor allem, was das Konzil und was die Ökumene angeht.“
Die beiden Zeitzeugen-Erinnerungen bestätigen den Eindruck, dass Jaeger auch nach dem Konzil im Verhältnis zu „seinen“ Priestern als einem eher patriarchal verstandenen Vaterbegriff verbunden empfunden wurde. Ein „Verhältnis auf Augenhöhe“ ließ sich hiermit nicht vereinbaren, wohl aber ein ehrliches Sprechen. Das Soldatische an Jaeger wurde auch nach dem Konzil noch wahrgenommen und verwob sich mit einem familienidealen Denken. In der Realität der ausgehenden 1960er Jahre und zugleich im letzten Abschnitt seiner Amtszeit als Erzbischof hat sich Jaeger nicht nur einer Entwicklung in Richtung eines kollegialeren Miteinanders zwischen Bischof und Priestern, sondern auch einem sich zunehmend verschärfenden Generationenkonflikt und auseinanderdriftenden Grundeinstellungen innerhalb des Presbyteriums stellen müssen. Grothe und Ahrens illustrieren auf sehr anschauliche Weise, was in den folgenden Abschnitten immer wieder deutlich wird: Lorenz Jaeger war auch als Bischof stark geleitet durch seine militärisch-kameradschaftliche Prägung, die dann mit seiner theologisch motivierten Vaterrolle gegenüber den Priestern verschmolz. Dass er sich für den vom Konzil eröffneten Aspekt der Brüderlichkeit selbst öffnete, kann hiermit zusammenhängen. Der starke Vergleich des Bischofs mit einem Feldherrn und der Priester mit Offizieren und Soldaten vom Tag der Amtseinführung klingt auch in den zitierten beiden Zeitzeugen-Erinnerungen durch.
4. Jaegers eigene Sicht im Spiegel seiner Hirtenworte an den Klerus
Als „Vater der Priester“ versuchte Jaeger vor allem durch seine Neujahrsbriefe an den Klerus zu wirken. Jeweils zum Ende eines Jahres schrieb Jaeger einen Brief an die Priester seines Bistums, der als „Neujahrsgruß“ oder auch als „Hirtenwort“ verzeichnet und auch im Kirchlichen Amtsblatt veröffentlicht wurde. In diesen teilweise bis zu acht Seiten umfassenden Briefen bemühte er sich, aufzubauen, zu unterstützen und Orientierung zu geben. Dabei gibt es eine erstaunliche Konstanz in seinen thematischen Ausführungen und theologischen und spirituellen Bezugspunkten.
Für die unmittelbare Nachkriegszeit sind sowohl einzelne Briefe Jaegers wie auch gemeinsame der westdeutschen Bischöfe oder der Bischöfe einzelner oder mehrerer Kirchenprovinzen erhalten. Gut zusammengefasst ist das Programm, das die Bischöfe sich selbst und dem Klerus direkt nach dem Krieg gaben, in folgenden Worten aus dem Brief vom April 1946:
Wenn wir Bischöfe zu Beratungen zusammen kommen, richtet sich unser erster Blick auf den religiös-sittlichen Wiederaufbau unserer Gemeinden, auf Verchristlichung des Einzelmenschen, weil hier unsere erste und eigentliche Aufgabe liegt. Wir können aber bei diesen Beratungen die allgemeine Lage unseres Volkes nicht aus dem Auge verlieren, weil seine wirtschaftlichen, rechtlichen und politischen Verhältnisse mit den religiös-sittlichen Zuständen fast unlöslich verknüpft sind und weil eine befriedigende Reform dieser Verhältnisse Voraussetzung jeder sittlichen Erneuerung unseres Volkes ist.8
Jaeger ruft die Priester in dieser schwierigen Situation nach dem Krieg zu tätiger Nächstenliebe und konkreter Versöhnungsarbeit auf.9 Er versteht das durchaus konkret und praktisch: Hunderttausende vertriebener Deutscher aus den verlorenen Ostgebieten sind zu integrieren, zerstörte Häuser führen zu „Wohnungen, die oft bis an die Grenze des Erträglichen eingeengt sind, daß die Lebensmittelknappheit inzwischen immer dichter an den allgemeinen Hunger herangeführt hat“.10
Die ersten Jahre als Erzbischof fallen mit den letzten Kriegs- und ersten Nachkriegsjahren zusammen. Hier agierte Jaeger fast wie ein Spiritual. Trotz des obigen Zitates geht es ihm um eine geistlich verstandene Sendung des Priesters.
Die Not der Menschheit schreit nach dem Priester, der der Welt wieder den Heiland bringt. Wir müssen Christi Leben hineintragen in diese dem Tod verfallene Welt. Christi Licht hineinleuchten lassen in das Dunkel der Sünde und Gottesferne; Christi Liebe durch Wort und Tat der in Haß sich zerfleischenden Welt schenken. Unsere Zeit braucht wieder den Priester, der des Heilands Licht, Leben und Frieden der Menschheit bringt.11
Er versucht auch, sehr konkrete Vorschläge zu machen und empfiehlt das persönliche und gemeinschaftliche Gebet und das Gespräch darüber. Das Gebet sei auch die wichtigste Voraussetzung für eine fruchtbare Seelsorge. Jaeger hofft, durch seine Worte auch das Gespräch innerhalb des Klerus voranzubringen:
Nehmt den Inhalt dieses Hirtenwortes an Euch als einen Ausdruck unserer gemeinsamen Sorge um die Auferbauung des Reiches Gottes. Besprecht es in Euren Konferenzen und Zusammenkünften. Sucht theologisch und aszetisch die aufgeworfenen Fragen und Antworten zu vertiefen, vor allem aber: Betet […] Möchte das Jahr 1944 ein rechtes Jahr des Gebetes werden und so die Not-Wende der für Kirche und Vaterland gleich bedeutsamen und ernsten Zeit mit herbeiführen.12
Im Schreiben für das Jahr 1947 stellt er die Grundlinien einer Seelsorge dar, wie sie ihm für diese Zeit vor Augen steht.13 Im Blick auf den Priester führt Jaeger die beiden zentralen Linien seines Denkens über die personalen Voraussetzungen echter kirchlicher und gesellschaftlicher Erneuerung nach der Kriegskatastrophe und dem Verlust des Rechtsempfindes durch die Nazidiktatur zusammen. Er sieht die doppelte Aufgabe der „Herausbildung echter christlicher Persönlichkeiten mit gemeinschaftsbildender Kraft“. Hierin sieht er auch das entscheidende Ziel der Seelsorge und damit auch des priesterlichen Dienstes.14 In diesem Schreiben ist er bemüht, unterschiedliche Priestertypen anzusprechen und nutzt dabei die Beispiele zweier im Klerus bekannter, kürzlich verstorbener Mitbrüder, Domkapitular und Regens Dr. Jürgensmeier und Dompropst Simon. Unter Bezug auf diese beiden hebt er die Bedeutung des aktiven wie des kontemplativen Priestertypus hervor, die jeweils auf Ergänzung durch den anderen Typus angewiesen seien. Beiden „Priestertypen“ redet Jaeger ins Gewissen:
Der kontemplative Typ ist der Gott zugewandte, in Gott ruhende und vom göttlichen Leben zutiefst erfaßte Priester. Er erfüllt sich in Lob und Anbetung und möchte ganz in der Feier der Liturgie aufgehen. Er ist geneigt, kirchliche Vereinsarbeit und sonstige außerkirchliche Arbeit als Umweg oder unfruchtbare Belastung beiseitezuschieben. Seine Welt ist der Kirchenraum. Sicherlich eine priesterliche Haltung, die zunächst eindrucksvoll ist, aber allein auf Dauer nicht genügt. Priestertum darf sich nicht im liturgischen Dienst erschöpfen. Der Priester ist auch Hirt und Lehrer der seiner Sorge anvertrauten Gläubigen. […] Der Prüfstein für ein solches Leben wird es immer bleiben, wie weit er ausstrahlt und Licht in die Welt hinein verströmt.15
Der aktive Typ […] sieht die echten priesterlichen Aufgaben vordringlich in der Welt; er steht dem Dasein nach allen Seiten offen und trachtet danach, sämtliche Bereiche der gottgegebenen Wirklichkeit mit der Erlösungsgnade zu durchdringen und für Christus zu erobern. Dabei steht er naturgemäß in der Gefährdung, von der Welt und der Arbeit in der Welt verschlungen zu werden. Allzuleicht kommt er dahin, sich anzugleichen oder sich in die eigentlichen Weltaufgaben der Laien einzumischen. […] Oder auch der Priester verliert das Ziel seiner Arbeit aus den Augen, so daß nicht mehr Reichgottesarbeit bleibt, sondern zur Anbetung des Erfolges, zur Befriedigung des eigenen Geltungs- und Betätigungsdranges dient. In dem Maße, wie solches Priesterwirken sich vom Quellgrund löst, wird der Priester zur Maschine und sein Wirken unfruchtbar. Jeder Seelsorger wird sich darum prüfen, ob in ihm die lebendige Sehnsucht lebt nach der Einsamkeit in Gott. Ganz entscheidend für die Fruchtbarkeit eines […] Priesterlebens ist die Intensität des persönlichen Gebetes, die Pflege der geistlichen Lesung und der Betrachtung; entscheidend, wie der Priester die stille Anbetung vor dem Tabernakel wertet im Vergleich zu den Stunden, die er auf dem Pfarrbüro, in der Verwaltung und bei den Geschäften verbringt.16
Für das Jahr 1948 erteilt Jaeger eine „pastorale Anweisung“ in Form eines Jahresthemas („Die Bruderliebe“), wiederum mit der Absicht, „in der seelsorglichen Kleinarbeit […] die christliche Persönlichkeit in Welt und Kirche zu formen und zu retten auf dem entscheidenden Wege, den Gott uns in dieser Notzeit belassen hat: durch die Bruderliebe.“17 Für Jaeger liegt neben gesellschaftlichen und zeitbedingten Gründen eine Ursache für den unzureichenden seelsorglichen „Erfolg“ in einem „Mangel an jener suchenden und helfenden, sich opfernden Heilandsliebe, sowohl im Verkehr untereinander wie mit den Gläubigen“.18 Hier nennt Jaeger durchaus detailliert spirituelle und in der Konsequenz auch ganz praktische Haltungen, die seiner Meinung nach den Priester kennzeichnen sollten, statt „die Schuld für seelsorgliche Leerläufe und pastorale Mißerfolge in der Gemeinde nur bei anderen und bei widrigen Zeitumständen [zu] suchen“.19 Jaeger empfiehlt den Priestern, die dienende Heilandsliebe den „Gefahren eines ungeistlichen Bürobetriebs und der organisatorischen Versachlichung und Entseelung unserer Caritas“ entgegen zu setzen. Die Jahresweisung der Bruderliebe verlange ein mehrfaches Absterben, zuallererst das „Absterben aller Habsucht, und dem Drang, unser Leben mit irdischen Machtmitteln und Beziehungen zu sichern [Kursivsetzung im Original; d. Verf.]“.20
Jaeger bleibt Themen wie diesen in seinen Botschaften an den Klerus treu. Natürlich wechseln im Lauf der Jahre die konkreten Bezugspunkte seiner Botschaften. So fällt in den fünfziger Jahren eine stärkere Thematisierung der priesterlichen Armut und ihrer Bedeutung angesichts einer „Steigerung des Lebensstandards und Komforts“21 auf, verbunden mit der Sorge vor einer zunehmenden Veräußerlichung und Verbürgerlichung der Priester.
Ab den sechziger Jahren nimmt Jaeger zunehmend die theologischen Entwicklungen im Verständnis der Kirche auf und verarbeitet in der Zeit unmittelbar vor und dann erst recht nach dem Konzil das, was sich an kirchlicher Entwicklung existenziell spürbar ereignet. Im Neujahrsbrief an die Priester im Jahr 1960 thematisiert der Erzbischof zwei Aspekte: zum einen, dass der „Laienstand“ aus Taufe und Firmung eine unverbrüchliche, eigenständige Würde habe, die für das Apostolat neben der Hierarchie von höchster Bedeutung sei. Zum anderen, dass neben der Eucharistie und den Sakramenten das Gotteswort für ein Leben aus dem Glauben von ebenbürtiger Bedeutung sei.22
Im Neujahrsgruß 196323 versucht Jaeger, seine überaus eindrücklichen Erfahrungen der ersten Konzilssession mit den Priestern zu teilen. Er ist der Ansicht, dass die „soziologischen, psychologischen, organisatorischen und geistig-religiösen Auswirkungen“ dieser großen und internationalen Bischofsversammlung gar nicht hoch genug eingeschätzt werden könnten. Er lobt die „liebenswürdige Persönlichkeit Papst Johannes XXIII.“, die,
obschon unsichtbar, immer den Vätern gegenwärtig war mit ihrer liebenden Sorge, ihrer Anteilnahme, den kleinen Aufmerksamkeiten, die er den Konzilsvätern zugehen ließ, bis zu den klugen, wohltuenden, lenkenden und helfenden Worten und Maßnahmen, wo Schwierigkeiten sich zeigten. Sein Geist prägte sich der ganzen Väterversammlung auf.24
Dankbarkeit spricht aus Jaeger aber besonders für die inhaltliche Arbeit dieser ersten Konzilssession. Er nimmt die Priester mit hinein in die Bedeutung der Tatsache, dass die Grundzüge des Liturgieschemas angenommen wurden. Hier wird deutlich, dass er auf dem Konzil zu den großen Unterstützern der Liturgiereform zählte und große Hoffnung auf sie setzte:
Die Abstimmung erbrachte eine nahezu einstimmige Annahme der Generalrichtlinien für die Reform, auch bei den difficilen Paragraphen, die vom Gebrauch der Volkssprache in der Liturgie, der Ausgestaltung eines besonderen Wortgottesdienstes oder von der Konzelebration und der Kommunion unter beiderlei Gestalten bei besonderen Anlässen handelten. Bei der großen Bedeutung, die der Liturgie für das Leben der Pfarrgemeinde und für die Reifung der religiösen Persönlichkeit zukommt, steht zu erwarten, daß schon durch diese überaus zeit- und lebensnahen Reformen eine ganz neue Gestalt der Kirche sich herausbilden wird.25
Offen beschreibt er die theologischen Debatten und Meinungsverschiedenheiten in der Konzilsaula im Blick auf das Offenbarungsschema. Sein erstes Zwischenfazit, das er mit den Priestern teilen möchte hinsichtlich eines „geistigen Ertrags dieser ersten Konzilsperiode“ fällt so aus:
Wenn einmal die Akten dieses Konzils publiziert werden, wird die Flamme der Gottes- und Nächstenliebe noch aus den gedruckten Zeilen herausleuchten und, wie wir hoffen dürfen, auch andere Herzen entzünden. […] Wohl ist es wahr, daß die Demut das Fundament allen christlichen Lebens und allen fruchtbaren seelsorglichen Wirkens ist. Eigentlicher Hochmut verdirbt alles und macht den Priester, der doch nicht Herr des Glaubens, sondern Diener der Freude der Seinigen sein soll (vgl. 2 Kor 2,24) zum Tyrannen. Auch ist es wahr, daß die Reinheit die schönste Blüte priesterlicher Geistes- und Lebenshaltung ist, in der sich seine Hingabe an Gott und seine Fähigkeit zum Opfer so eindrucksvoll offenbart. Aber über all dem dürfen wir nicht vergessen, dass die eigentliche Standestugend des Priesters die Gottes- und Nächstenliebe ist. Priester wird man für andere (vgl. Hebr 5,1, pro hominibus constitutus), und zwar zum Dienst an anderen.26
Im Neujahrsbrief an den Klerus 1964 kündigt Jaeger – unter dem Eindruck der zweiten Konzilssession stehend – insgesamt acht Regionalkonferenzen in den Monaten Januar und Februar an, „auf denen ich mich […] mit Euch treffen werde, [um] ausführlich vom Konzil zu berichten und seine Arbeiten für uns auszuwerten“.27
Durchgängig lassen sich die Neujahrsworte an den Klerus als konkrete Realisierung von Jaegers Selbstverständnis als „Vater des Klerus“ verstehen. Er versucht Trost zu spenden im Angesicht von Enttäuschung und Überforderung, er versucht wie ein Spiritual Anregungen zum geistlichen Leben zu geben, er nimmt Stellung – vor allem während des Konzils – zu den aktuellen kirchlichen Entwicklungen, er versucht, Orientierung zu geben. Einige Male verschickt der Erzbischof mit diesen Briefen Artikel oder Kurzschriften, die ihm empfohlen wurden, die er selber gelesen hatte und die ihm als „Gabe“ an den Klerus als hilfreich erschienen. Im Jahr 1966 macht er die Priesternachwuchsförderung zum Anliegen seines Briefes und lässt, so ist handschriftlich im Entwurf zu lesen, „allen Pfarr- und Pfarrvikarieämtern sowie jedem hauptamtlich tätigen Religionslehrer“ dazu eine Schallplatte zukommen,
die ich mit drei Brüdern im Bischofsamt und zwei Gemeindeseelsorgern besprochen habe, um die aktuellen Fragen nach der Berufung konkret und zeitgemäß zu beantworten. In Forumsdiskussionen haben wir bereits feststellen können, daß diese Schallplatte genau auf die Fragen der interessierten Jugend Antwort gibt. Vielleicht werden Sie beim Anhören unserer Gedanken auch persönlich einen neuen Aspekt Ihrer eigenen Berufung entdecken.28
Für unser Thema von zentraler Bedeutung ist das sechsseitige Hirtenwort „Neujahrsgruß des H.H. Erzbischofs an den Klerus der Erzdiözese“ zu Neujahr 1965, unterschrieben am 27. Dezember 1964.29 Dieses Hirtenwort wird nun ausführlich dargestellt. Ausgehend von der „beglückenden Lehraussage“ des Konzils zur Kollegialität der Bischöfe in Einheit mit dem Papst folgert Jaeger: „Solche Kollegialität ist aber nicht nur Wahrheit und Wirklichkeit für das Collegium Episcoporum, sondern gilt in analoger Weise für das Collegium Presbyterorum, für die innere Verbundenheit zwischen dem Diözesanbischof und seinen Priestern, sowie der Priester untereinander.“ Deshalb möchte Jaeger „die Aussagen des Konzils über das Collegium Presbyterorum überdenken und überlegen, was sich daraus an Folgerungen für uns ergibt“. In drei Abschnitten geht der Neujahrsgruß vor: 1.) Das Verhältnis Priester – Bischof, 2.) Das Verhältnis der Priester untereinander, 3.) Die Aufgabe.
Zum Verhältnis Priester – Bischof vermerkt Jaeger unter Bezugnahme auf CD 26 (Der Bischof ist das „Haupt“ des Collegium Presbyterorum):
Was ist selbstverständlicher, als daß der sichtbare Ausdruck dieser seinsmäßigen Gemeinschaften die übernatürliche Liebe sein muß, die das Verhältnis der Priester zu ihrem Bischof kennzeichnet, die den Bischof hinwiederum in väterlicher Liebe seinen Priestern als Söhnen und Freunden verbunden sein läßt, so wie Christus seine Jünger nicht nur Knechte, sondern Freunde nennt.
Die Communio sieht Jaeger ontologisch – durch das Weihesakrament – konstituiert. Die Priester machen den Bischof in den einzelnen Gemeinden „irgendwie gegenwärtig“. „Die Priester der Diözese sind die plenitudo episcopi.“ Jaeger schreibt:
Und wie die übernatürliche Liebe, Verehrung und Ehrfurcht der schönste und sichtbarste Ausdruck der seinshaften Verbundenheit mit dem Bischof sind, so muß die Teilnahme an Amt und Sendung des Ordo episcopalis getragen sein von einer wahrhaften consociatio des Willens aller Diözesanpriester mit den pastoralen Intentionen des Bischofs. Je vertrauensvoller und großzügiger die Gesinnung ist, in der alle dem Bischof verbunden sind, um so eindrucksvoller werden sie den Bischof in den örtlichen Gemeinden sichtbar machen und umso fruchtbarer wird sich die Kraft des Ordo stellvertretend auswirken.30
Die Priester seien gefordert, „über die Grenzen der Gemeinde hinauszuschauen und in hingebender Mitarbeit ihren Anteil beizutragen zur Hirtenarbeit am ganzen Bistum, ja an der ganzen Kirche“. Zum Verhältnis der Priester untereinander leitet Jaeger wiederum aus der übernatürlichen Liebe eine „Brüderlichkeit [als] Grundlage und Voraussetzung einer wahrhaft priesterlichen Persönlichkeit und eines fruchtbaren priesterlichen Wirkens“ ab.
Dieser Einheit und Gemeinsamkeit der Priester untereinander eignet daher Zeugniskraft und Fruchtbarkeit. Wir müssen sie fördern und pflegen und uns redlich darum bemühen, sei es bei unseren Zusammenkünften, den offiziellen Dekanatskonferenzen, und den kleineren konfraternellen Zusammenschlüssen zu dogmatischen, exegetischen, liturgischen, pastoralen, sozialen und sonstigen Arbeitsgemeinschaften.
Die vom Konzil genannte „vita communis“ müsste
wenigstens überall verwirklicht werden im brüderlichen Miteinander und im lebendigen Gespräch von Pfarrern und Vikaren. Sie müßte in Pfarrei und Dekanat in gemeinsamer, planvoll verteilter Zusammenarbeit und in dem Miteinander und Füreinander sichtbar werden. Solche Gemeinsamkeit und brüderliche Verbundenheit würde sicherlich schönste Früchte zeitigen.31
Im Blick auf die Aufgabe der Priester geht es Jaeger darum, die konkreten Wege zur Verwirklichung dieser „gnadenhaften Wirklichkeit, wie sie das Konzil vom Collegium Presbyterorum gezeichnet hat“, zu suchen. Jaeger erwartet dabei durchaus Herausforderungen, wenn nicht sogar Probleme. Er spricht von ernsthaften Bemühungen und ständiger Selbstkontrolle. Die Realität sei nämlich, dass Menschen sich voneinander distanzierten und „das Verhältnis der Menschen zueinander mehr von negativer Kritik und von Mißtrauen gekennzeichnet ist als von verstehender und wohlwollender Liebe“. Erneuerung im Sinn einer „echten Reform für Kirche und Welt“, im Sinn des Konzils, müsse aber am „Beispiel des Klerus“ beginnen: „Seine Verbundenheit und Gemeinsamkeit, sein brüderliches Vertrauensverhältnis, seine Gebets-, Arbeits- und Leidensgemeinschaft sind unentbehrlich, wenn das Volk Gottes den Weg der Erneuerung mitgehen soll.“ Konkret spricht Jaeger davon, die Bezirkskonferenzen und die Dekanatskonferenzen sowie die geselligen und theologischen Conveniats zum brüderlichen Gedankenaustausch und „zu wirklichen Stätten der Begegnung zwischen Bischof und Klerus“ werden zu lassen, „auch zu privaten Gesprächen“.
Abschließend sieht Jaeger klar, dass eine Erneuerung im Miteinander in der Kirche zwischen Priestern und Laien sowie des Gemeindelebens von der priesterlichen Brüderlichkeit abhängen wird:
Je besser wir [die] Kollegialität leben, desto leichter und zeitgemäßer werden wir die neuen Formen finden für die Zusammenarbeit mit den Laienmitgliedern unserer Gemeinden und unserer Diözese. Wir brauchen diese Einübung und sollten sie sehr ernsthaft zunächst in unserem Verhältnis zueinander anstreben, damit uns das Gespräch und die Zusammenarbeit mit den Gläubigen eine Selbstverständlichkeit und gern geübte, von Ehrfurcht und Liebe getragene Haltung wird.32
Jaegers ambivalentes Verhältnis zur „Zeit“ und zum „modernen Menschen“ wird in der Spannung deutlich, die zwischen dem Anliegen besteht, „zeitgemäß“ zu agieren und der Warnung davor, „beim modernen Menschen ankommen zu wollen“. Ab 1966 häufen sich in Jaegers Schreiben an die Priester Hinweise auf Probleme im priesterlichen Dienst, etwa die „Isolierung, in die der Priester in heutiger Zeit sich hineingestellt sieht; immer größer die Abwertung des geistlichen Standes in der öffentlichen Meinung; immer negativer die Kritik am priesterlichen Leben und Wirken“.33 Die Infragestellung des priesterlichen Amtes in den innerkirchlichen Debatten und die Amtsaufgabe vieler Priester beunruhigten Jaeger, ebenso der zunehmend empfundene Priestermangel.34 Im Neujahrsbrief 1970 klingt das dann so:
Sie wissen wie ich, daß und wie sehr heute das Priestertum der Kirche von vielen Seiten infrage gestellt wird, und manche unserer Mitbrüder mögen unter dem Druck der permanenten äußeren Kritik, vielleicht aber auch unter den Erfahrungen ihres eigenes Lebens nicht nur das Priestertum der Kirche, sondern auch ihr eigenes in Frage gestellt sehen. Sie meinen, keine Kraft mehr zu haben, um diese Zeit der innerkirchlichen Unruhe, die so vieles wanken macht, im Selbstverständnis des Weihepriestertums, durchstehen zu können. Ihnen, aber auch allen anderen, möchte das [beigelegte] Schreiben [der deutschen Bischöfe; d. Verf.] über das Amt des Priesters, so jedenfalls ist es mein herzlicher Wunsch, Mut machen auf unserem Weg im Dienst des Herrn und seiner Kirche.35
Jaeger begegnet den ihn beunruhigenden Entwicklungen vor allem spirituell und innerlich. Eine theologische Auseinandersetzung erscheint ihm entweder unmöglich oder wenig hilfreich zu sein. Er betont die Christusverbundenheit im Gebet und in der Anbetung, das Wissen um das Kreuz Christi, die österliche Hoffnungsgewissheit, zeitweise beklagt er auch die Oberflächlichkeit oder das mangelnd tiefe Glaubensverständnis. Zugleich ist er realistisch genug, den spirituellen Umgang mit den Herausforderungen nicht zu überdehnen. Das spiegelt sich etwa in einem eigenen Schreiben an den Klerus seiner Diözese zur priesterlichen Ehelosigkeit vom 11. Februar 1970 wider, in dem er die traditionelle Verknüpfung von Priestertum und Ehelosigkeit nach dem Vorbild Jesu bekräftigt und die vom Konzil betonte Angemessenheit dieser Verknüpfung verteidigt. Am Ende dieses Briefes schreibt Jaeger:
Doch auch dies möchte ich Ihnen noch sagen: Sie wissen wie ich, daß in letzter Zeit die Zahl der Priester, die aus dem priesterlichen Amt ausgeschieden sind, zugenommen hat. Wir wollen nicht urteilen, ihnen vielmehr, so gut es geht, mit unserer Hilfe und unserem Gebet zur Seite stehen. Aber wir bitten auch die aus unserem Kreis Ausgeschiedenen, zu verstehen zu versuchen, daß die Kirche an der Verbindung von Priestertum und priesterlicher Ehelosigkeit festhält, weil sie vom tiefen Sinn dieser Verbindung überzeugt ist.36
Jaeger hielt, erst recht nach seiner Erhebung zum Kardinal 1965, ein hohes Maß an Kirchlichkeit und „sentire cum ecclesia“ aufrecht, wozu auch die gegenüber dem Klerus immer wieder vernehmbare Verpflichtung zur Treue gegenüber dem Papst gehörte. Diese Kirchlichkeit hat ihn vermutlich selbst spirituell einigermaßen in der Balance gehalten, zumal in einer Zeit, als es auch im Paderborner Presbyterium ab etwa 1965/66 sehr kontrovers zuging hinsichtlich der Konzilsrezeption und der Frage nach dem konkreten priesterlichen Dienst. Jaeger hatte schon länger die Ahnung, dass es für den Priester in einer immer stärker säkularisierten Welt ungemütlich werden und zu Zerreißproben kommen könnte. Im Neujahrsbrief 1971 klingt das schließlich so:
Liebe Mitbrüder, es wird auch in den kommenden Zeiten die von vielen beklagte Unruhe in der Kirche bleiben. […] Das II. Vaticanum hat die Kirche ein Mysterium genannt und als das pilgernde Gottesvolk geschildert. Sie bedarf infolgedessen stets der Reform und der Erneuerung, soweit sie eine menschliche Einrichtung ist. Sie werden mir entgegenhalten: Es sind leider heute der Kritiker und Reformer so viele am Werke, intra et extra muros. Wir bekommen ja tagtäglich nichts anderes mehr zu hören als Vorwürfe wegen des Versagens der Kirche, ihrer Unterlassungen, ihrer Fehler. – Zugegeben, die Kritik an der Kirche ist nicht immer und überall unbegründet. Und dennoch befinden wir uns als Diener der Kirche in einer unerschütterlichen Position. Denn sämtliche Vorwürfe und alle, die man noch hinzufügen könnte, bleiben machtlos gegenüber der Evidenz, wie die Kirche in einem einzigen Heiligen aufblüht und sich als Kirche Jesu Christi überzeugend darstellt. […] Wer in der Kirche im Guten voranschreitet, muß auch die Bösen in der Kirche ertragen. […] die Kirche von Heute […] erscheint schwach, ihr Wachstum gefährdet, ihre Mittel und Möglichkeiten geradezu lächerlich gering und selbst ihr Zeugnis will uns manchmal als kraftlos und nur stammelnd vorgetragen vorkommen. […] Liebe Mitbrüder! Weil die geschichtliche Dimension notwendig zur Kirche gehört, wird das Programm der Kirche auch im Jahre 1971 ‚Öffnung und Erneuerung‘ heißen. Ich muss auch davon sprechen, selbst wenn mancher von uns die Schlagworte ‚apertura‘ und ‚aggiornamento‘ oder wie man hierzulande zu sagen pflegt: das ‚Heutigwerden der Kirche‘ nicht mehr hören mag. – Die Öffnung, die von uns verlangt wird, kann nur aus der tiefen Verwurzelung im Wesentlichen des geistlichen Dienstes erwachsen. Die Erneuerung, die wir vorantreiben sollen, entsteht aus unserer Treue zum Glauben der Kirche. […] Die Menschen haben ein feines Gespür für Echtheit beim Priester: für überzeugten Glauben, tiefe Frömmigkeit, ungeheuchelte Liebe. […] Liebe Mitbrüder! Es kann nicht unsere Aufgabe sein, daß wir bei den modernen Menschen ‚ankommen‘. Es geht einzig und allein darum, daß die Botschaft des Evangeliums, soviel an uns liegt, die Menschen unverfälscht erreicht. Johannes XXIII. hat uns dazu den Weg gewiesen. […] Ich wünsche Ihnen allen ein recht gesegnetes neues Jahr, ein wahrhaftes annus Domini, ein annus salutis: vom Herrn gegeben, für den Herrn gelebt, dem Herrn geopfert. So wird es ein wirkliches Gnaden- und Segensjahr für uns und alle unserer Sorge Anvertrauten.37
Im Blick auf die zitierten Hirtenworte an die Priester fallen wiederkehrende Spannungspole auf, die Jaeger als jemanden erkennen lassen, der einerseits versucht, zeitgemäß zu sein und andererseits stark gefestigten Vorannahmen folgt, die dieses „Zeitgemäße“ und „Moderne“ implizit abwerten oder zumindest als „verdächtig“ oder gefährlich erahnen lassen. Vermutlich führt ihn seine lange vor dem Konzil erworbene Gesamtprägung dann unter dem Eindruck der nachkonziliaren Spannungen dazu, vor allem in negative Zeitdiagnosen zu verfallen, auch wenn er sich ernsthaft um Aufgeschlossenheit und Erneuerung bemühte. Dieses Anliegen wurde durch seine Prägung gewissermaßen konterkariert, vermutlich eher unbewusst.
5. Priesterkonvente und Priesterkonferenzen
Einige Jahre fand jeweils drei Jahre nach der Priesterweihe ein sogenannter Priesterkonvent statt, der aus Exerzitien, Fachvorträgen und einem Teil des heute „Zweite Dienstprüfung“ genannten „Cura-Examens“ bestand. Die entsprechende Akte dokumentiert die Unterlagen und die Korrespondenz des Erzbischofs zu den Konventen von 1957 bis 1966, bei denen er selbst in der Regel einen Abend zum Konveniat anwesend war. Verantwortlich für die Durchführung dieser Konvente war zunächst das Seelsorgeamt, später der Regens des Priesterseminars.
In diesem Zusammenhang ist eine denkwürdige Korrespondenz zu finden, die einen starken Eindruck gibt, wie Jaeger im konkreten Fall unter Nutzung der brieflich möglichen Diskretion mehr als deutlich herausstellt, was er für Priester nicht akzeptabel findet und wie deutlich er werden kann. Dieses Beispiel ist deshalb sehr interessant, weil es sich noch einige Jahre vor dem Konzil ereignete, in einer Zeit also, in der es sicherlich eher selten war, dass ihn kritische Rückmeldungen junger Priester direkt erreichten.
Vom 12. bis 31. Juli 1959 versammelten sich die im Jahr 1956 geweihten Priester des Erzbistums (sowie des neuen Bistums Essen) zum Priesterkonvent in Werl. Im Namen der Konventualen schrieb der Kurssenior Gerhard Krah am 30. Juli, noch aus dem Konvent heraus, an den Erzbischof, um ihm
zum Ausdruck zu bringen, daß wir dankbar sind für die durch diese Konvente gebotene Möglichkeit, einige Zeit in der Gemeinschaft unseres Weihejahrgangs zusammenzusein und miteinander und mit den Referenten dieser Tage Fragen unserer Seelsorgsarbeit besprechen zu können.
In zwölf Punkten wird dem Erzbischof dann aber auch „eine gewisse Enttäuschung über den Ablauf des Konvents“ dargelegt:
Wir hatten einiges von diesem Konvent erwartet, glauben jedoch feststellen zu müssen, daß die Möglichkeiten, die er bot, bei weitem nicht ausgeschöpft worden sind. Vielleicht können unsere Gedanken dazu helfen, daß diese Konvente mehr und mehr zu einem wirksamen Mittel der Priesterfortbildung werden und damit zu einem größeren Segen für die Seelsorge in unserer Erzdiözese ausschlagen.38
Das zweiseitige Antwortschreiben des Erzbischofs ist auf den 7. August 1959 datiert.39 Jaeger bemerkt zu den Punkten,
die Sie am Ablauf dieser gemeinsamen Arbeit auszusetzen gehabt haben. […] Allgemein kann gesagt werden, daß zweifellos die eine oder andere Beanstandung berechtigt ist, aber insgesamt zeigt der Bericht eine Haltung, die weithin verwandt ist der Grundbefindlichkeit des modernen Menschen.
Und dann geht es in der bereits mehrfach begegneten tendenziell negativen Sicht auf den modernen Menschen los:
Das Charakteristikum der Menschen unserer Tage ist der Mißmut. Irgendwie fühlt der Mensch sich in seiner Haut nicht wohl, trotz seines gesicherten Daseins, hohen Einkommens, das ihm gestattet, sich alles zu leisten, was die Welt anzubieten hat, bis zum Tourismus. Und dennoch ist der Mensch unzufrieden. Irgend etwas ist in ihm nicht ausgefüllt. Das lässt ihn mißmutig sein, läßt ihn überall und an allem Kritik üben. Wenn eine solche Geisteshaltung beim Laien unserer Tage noch verständlich ist durch den unnatürlichen Lebensrhythmus, die schwierigen, freudlosen Arbeitsbedingungen, vor allem aber durch den krank und siech gewordenen Glaubensgeist, der keine rechte Freude mehr zu schenken vermag, so ist beim Priester eine solche Haltung der Bankrott priesterlicher Existenz. Gerade der Priester müßte doch ganz aus der Freude im Herrn leben, sich ganz in der Liebe des Herrn geborgen wissen. Er weiß doch, wofür er lebt und wofür er da ist. Diese herrliche, priesterliche Berufung und Sendung müßte täglich, stündlich die Quelle sieghafter Freude sein. Aber wo finden Sie heute noch Kleriker, die wirklich Freude und Frieden ausstrahlen? Die in ihrer heiligen Begeisterung am Dienst des Herrn alle anderen mit anstecken! Offen gestanden: ich mache mir Sorge, daß viele ihr Priestertum nur mehr erleben in dem, was sie haben und was sie tun, nicht mehr in dem, was sie durch die Gnade Gottes sind; daß viele ihr priesterliches Selbstverständnis erst gewinnen durch die bewundernde Sorge, Liebe und Dankbarkeit der Menschen, die sie umgeben, – im letzten nur Befriedigung eines natürlichen Liebesbedürfnisses und einer mitunter direkt rührenden Hilflosigkeit – und nicht in den stillen Stunden der Vereinigung mit dem Herrn im Gebet und beim heiligen Opfer.
Diese „Standpauke“ ist als solche schon massiv. Aber der Erzbischof belässt es nicht dabei, sondern hört, sozusagen auf dem väterlichen Appellohr, aus der vorsichtigen Rückmeldung des Weihekursseniors zugleich einen Auftrag an sich:
Es tut mir recht leid, daß ich bei der großen Diözese mit ihren riesigen Ausdehnungen derartig mit Arbeit überlastet bin, daß ich nicht selber die Exerzitien für unsere Priester halten kann. Ihr Brief wird mir aber Veranlassung sein, jeden Monat einmal im Leokonvikt und Priesterseminar mit den werdenden Priestern zu sprechen, um diese Säkularisierung geistlicher Haltung frühzeitig auszumerzen und mit der Gnade Gottes wirklich übernatürlich orientrierte, aus dem Glauben lebende Priester heranzubilden. Ich danke Ihnen für Ihren Brief. Ich habe vieles daraus gelernt für den Alltag und für die künftigen Priesterkonvente. Mit herzlichen Segensgrüßen und der Zusicherung meines Gebetes für Sie und unsere jungen Priester bin ich Ihr […]
In den 1950er Jahren ist Jaeger durch Priestertreffen und Besuche bei Priesterwerkwochen sowie durch Rekollektionsvorträge im Kontakt mit den Priestern. Hierzu gibt es im Nachlass leider keine systematisch rekonstruierbaren Materialien. Es existieren aber in verschiedensten Akten Notizen und Korrespondenz wie die Tagesordnungen, Voranfragen an Referenten oder auch Jaegers eigene Beiträge. So findet sich beispielsweise eine Rekollektionsansprache aus dem Jahr 1955, die in Stil und Inhalt nah an den Neujahrhirtenworten an die Priester jener Jahre formuliert ist. Es scheint mir, dass Jaeger eine spezielle Sammlung von „Ansprachen“ für diese Gelegenheiten formuliert, gesammelt, weiter geschrieben und weiter verwendet hat.
Eine völlig neue Aufgabe stellte sich dem Erzbischof wie seinen Weihbischöfen dann mit dem II. Vatikanischen Konzil, an dem er ja von Anfang bis Ende teilgenommen hat, wie auch die Weihbischöfe Nordhues und Rintelen (letzterer für das Kommissariat Magdeburg). Wie schon erwähnt, war es Jaeger ein Anliegen, die Priester als – wie man heute sagen würde – Multiplikatoren für Inhalte und Themen des Konzils zu gewinnen. Dazu war er bereit, hohen persönlichen Einsatz zu zeigen. Einerseits nutzte er, wie schon berichtet, die Neujahrsgrüße (Hirtenworte) an den Klerus, um die Priester auf dem Laufenden zu halten, andererseits ging er selbst mit seinem Weihbischof Paul Nordhues ins Bistum hinein.
Nach Rückkehr von der zweiten Konzilsperiode kündigte Erzbischof Jaeger in seinem an die Priester gerichteten Neujahrsbrief 1964 Regionalkonferenzen für Januar und Februar des Jahres im Westteil des Erzbistums an. Sie fanden in Olpe, Meschede, Dortmund, Herne, Soest, Hagen, Bielefeld, Paderborn und Warburg statt. Das jeweilige Tagesprogramm bestritten der Erzbischof am Vormittag mit einem Referat über die Grundanliegen der zweiten Konzilssessio und Weihbischof […] Nordhues am Nachmittag zum Thema Theologische Grundanliegen und pastorale Ziele der Konstitution über die heilige Liturgie [Kursivsetzung im Original; d. Verf.]. An die Referate habe sich, wie es heißt, jedes Mal eine intensive Aussprache angeschlossen. […] Trotz der gedrängten Zeit waren die neun Pastoralkonferenzen umsichtig vorbereitet. Auf Bitten von Erzbischof Jaeger und Weihbischof Nordhues hatte der Paderborner Pastoraltheologe Paul Bormann eine Reihe von Predigtskizzen über die Liturgie zu Händen der Priester ausgearbeitet. Das Echo der Konferenzen im Klerus war groß. […] Angeregt durch die Dortmunder Pastoralkonferenz am 21. Januar, reichten dort 57 Priester ein Memorandum nach Paderborn ein, in dem sie in 30 Punkten ihre pastoralen Erfahrungen im Ruhrgebiet und ihre Erwartungen an die Liturgiereform zur Sprache brachten. Über die Konferenz in Meschede mit 140 Priestern berichtete die Kirchenzeitung ‚Der Dom‘ am 26. Januar: ‚Es gibt keinen Ordnungsruf während der Diskussion, obwohl einige aus ihrem Herzen keine Mördergrube machen. Die Offenheit des Meinungsaustausches, die das Konzil vorexerziert hat, ist offenbar schon bis zur ‚Dekanatsebene‘ durchgedrungen‘.40
Wo steht der 1965 zum Kardinal erhobene Erzbischof dann in der unruhigen Zeit Ende der 1960er Jahre? Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass Jaeger sich schwer tat mit dem, was er schon seit den 1950er Jahren immer wieder ausgemacht hatte, einem Schwund der Glaubensfreude und der Glaubenssubstanz. Davon zeugt eine denkwürdige Korrespondenz mit einem früheren Kameraden als Divisionspfarrer im Zweiten Weltkrieg, Ignaz Stöckl. Dieser schrieb Jaeger im August 1968, unter dem Eindruck der massiven Proteste von Theologielehrenden gegen die Enzyklika Humanae Vitae, einen neunseitigen Brief, in dem er „seiner Sorge um die Entwicklung des kirchlichen Lebens im deutschen Sprachgebiet Ausdruck verleiht“.41 Jaeger schrieb ihm am 4. November 1968 zurück, allerdings ohne dabei auf einzelne Punkte einzugehen. Allgemein gibt er der Analyse Stöckls recht, weist aber darauf hin, daß „alle vernünftigen Männer der Kirche“ diese Analyse teilen, in der Einschätzung der angemessenen Hilfsmittel aber differieren.
Die Unruhe der Zeit ist so allgemein, daß sich keiner diesem Fluidum entziehen kann. Es ist ein Kampf gegen Hornissenschwärme, wenn man einen Schwarm vertreibt, stürzen weitere über einen her. Die entscheidende Hilfe kann nur von oben kommen, und deshalb ist das Gebet heute nötiger denn je. Das heißt nicht, daß wir die Hände in den Schoß legen dürfen. Ich halte landauf landab Besprechungen mit dem Klerus, um zu helfen; in gleicher Weise mit den Lehrern, die genau so tief in der Ratlosigkeit und Verwirrung stecken. […] Eines müssen wir aber verhindern, daß sich Fronten bilden. Es wäre nichts gefährlicher, als wenn sich Fronten bilden würden, etwa zwischen Konservativen und Fortschrittlichen, zwischen Anhängern der alten Liturgie und der hergebrachten religiösen Bräuche und Sitten und den ‚Aufgeklärten‘, die alles das beseitigt haben wollen, die allem Neuen nachlaufen, eben weil es neu ist, ohne danach zu fragen, ob das Neue auch wahr und gut ist. […] In solchen Zeiten wie den unsrigen müssen die, die führen, einen langen Atem haben, viel Geduld und ein klares Urteil. Wenn wir alle miteinander im offenen geduldigen Gespräch bleiben, bereit, aufeinander zu hören, dann werden wir auch gemeinsam den rechten Weg durch das Wirrsal unserer Tage finden.42
In diesem Brief Jaegers wird sichtbar, was er im Verhältnis zum Diözesanklerus dann bis zum Ende seiner Amtszeit als seine verpflichtende Mission sah: die Einheit im Presbyterium zu bewahren und sich dabei mit hohem persönlichem Einsatz, bei gleichzeitig spürbarem Unverständnis für die eher „progressiven“ Positionen, für die Einheit, für das Beieinanderbleiben, einzusetzen. Die Auseinandersetzung um die Enzyklika Humanae Vitae ist hier sicher das herausfordernste Beispiel.43 Die Debatte im Priesterrat hierzu lässt erkennen, dass Jaeger die schwierige Situation klar durchschaute und die Priester zwar nicht aus ihrer Verantwortung entließ, Gehorsam zu zeigen, ihnen andererseits aber auch das eigene Denken nicht absprechen wollte. Aber auch jenseits von der Auseinandersetzung um Humanae Vitae gab es in den Jahren ab 1968/69 genügend Auseinandersetzungen und Ideen, zu denen sich Jaeger verhalten musste und in denen er angefragt war. Dies zeigen die beiden folgenden Abschnitte zum Thema der Priestergruppen und der Priesterteams.
6. SOG und APS – Gründung und Auseinandersetzungen zwischen Priestergruppen in den letzten Amtsjahren von Erzbischof Jaeger
Auf den 28. November 1968 ist ein Brief des Herner Vikars Norbert Keller an Kardinal Jaeger datiert, in dem ihm die Gründung einer „Solidaritätsgruppe katholischer Priester im Erzbistum Paderborn“ angezeigt wird.44 In Soest hatten sich ausweislich dieses Briefes drei Tage zuvor, am 25. November 1968, 134 Priester und Diakone zu einem Treffen versammelt. Die förmliche Gründung der Solidaritätsgruppe erfolgte später, vorbereitet durch einen Arbeitskreis. Die Gründungsversammlung fand am 16. Dezember 1968 in Soest statt. Am 30. Dezember fand die erste Vorstandssitzung statt, am 31. Dezember wurde der Erzbischof per Brief offiziell von der Gründung der SOG Paderborn unterrichtet. Die erste Sitzung des erweiterten Vorstandes (Hauptausschuss) fand am 15. Januar 1969 statt.45 Hier wurde auch das Grundsatzprogramm beschlossen.46
In fast allen weiteren deutschen Diözesen wurden zur gleichen Zeit ähnliche Gruppen gegründet, mit dem Aktionskreis Halle (AKH) selbst in der DDR. Schon im Jahr 1969 gab es dann die Vernetzung all dieser Gruppen in der ‚Arbeitsgemeinschaft von Priester- und Solidaritätsgruppen in der Bundesrepublik Deutschland‘ (AGP), um die Arbeit der Reformgruppen aus den einzelnen Diözesen zu bündeln und zu veröffentlichen. Das geschah zunächst durch die Arbeit eines Hauptausschusses der AGP, der mehrmals pro Jahr in Frankfurt zusammentraf, später dann durch halbjährliche oder jährliche Studientagungen an verschiedenen Orten in Deutschland. Aus allen diözesanen Gruppen nahmen Vertreter und Vertreterinnen daran teil.47
Die Gründung dieser und ähnlicher Gruppen auch in anderen Diözesen ist eine eigene Untersuchung wert. Material dazu liegt, auch veröffentlicht, bereits vor.48
Im genannten Brief vom November 1968 wurde dem Kardinal mitgeteilt, dass sich die SOG „als ein Berufsverband (verstehe), wobei wir jedoch den Vergleich mit einer Gewerkschaft ablehnen […]“. Es gehe „weniger um soziale Fragen als vielmehr um die Effektivität unserer kirchlichen Arbeit“. Zum anderen sehe sich die SOG
als eine der vielen Gruppen, die innerhalb der Kirche den nachkonziliaren Dialog mit führen und zur Erneuerung der Kirche samt ihrer Strukturen beitragen möchten. In diesem Sinn erheben wir natürlich keinen Ausschließlichkeitsanspruch, sondern bekennen uns entschieden zu einem innerkirchlichen Pluralismus der Meinungen sowie der pastoralen Wege und Methoden.
Im selben Brief kündigte der Vikar dem Kardinal zwei Resolutionen an, die ihm „als Bitten oder als dringende Vorschläge“ übermittelt würden. Beide seien mit erheblicher Stimmenmehrheit auf den Weg gebracht worden. Die Themen der beiden Resolutionen sind einmal der „Rahmenplan für die Glaubensunterweisung“, wobei es hier um die Terminierung der Erstbeichte (nach der Erstkommunion) geht, sowie um die Situation nach Erscheinen der Enzyklika Humanae Vitae im Sommer des zu Ende gehenden Jahres. Hier gehe es speziell um die Frage des Gewissens der Priester, von der Enzyklika abweichende Positionen auch in Gottesdienst, Unterricht oder im Beichtstuhl vertreten zu können.
Bereits zwei Tage später antwortete der Kardinal, wie er selbst schreibt, „postwendend“.49 Jaeger dankte für die Information über die Soester Versammlung, bekannte aber auch, dass ihm lieber gewesen wäre, die Absichten zuvor mitüberlegen zu können:
Ich bin für jede Kommunikation dankbar und begrüße auch neue Wege, die sich anbieten, die Verbindung zwischen Bischof und Priestern enger zu gestalten. […] Mindestens ebenso ernst sehe ich die Gefahr, daß im Bistum Gruppierungen entstehen, die zu feindlichen Gegensätzen werden können. Das müßte unter allen Umständen vermieden werden durch redliche Bemühungen beider Seiten. Wir müssen es lernen, aufeinander zu hören, uns ernsthaft mit anderen Vorstellungen und Anliegen auseinanderzusetzen und in echter, brüderlicher Verbundenheit miteinander im Gespräch zu bleiben. Ich wäre Ihnen deshalb sehr dankbar, wenn wir uns über diese Fragen unterhalten könnten. Ich bin ebenso bereit, bei einer kommenden Versammlung zu erscheinen und mich mit den Versammelten auszusprechen.50
Fragen, die Jaeger an die SOG zurückgab, betreffen das „Verhältnis der Solidaritätsgruppe zum Priesterrat. Wird der Priesterrat dadurch überflüssig? Was verbleibt als Aufgabe der SOG neben dem Priesterrat? Ist die SOG gedacht für die ‚Programmierung‘ des Priesterrates?“51
Bezüglich der beiden Resolutionen äußerte sich Jaeger im Fall der Erstbeichte dezidiert und differenziert. Im Fall der Enzyklika Humanae Vitae kündigte er regionale Versammlungen des Klerus an, um Impulse über den wirklichen Gehalt der Enzyklika zu hören und darüber zu diskutieren. Mit diesen Briefen beginnt ein intensiver, bis ins Jahr 1972 gehender schriftlicher Briefaustausch. Die entsprechende Akte lässt eine Rekonstruktion des Briefwechsels zwischen Jaeger und Keller zu. In diesen Briefwechseln, zwischen denen es auch persönliche Begegnungen mit dem Vorstand und teilweise auch mit dem Hauptausschuß oder der Mitgliederversammlung der SOG gegeben hat, lässt sich die zunehmende innerkirchliche Polarisierung erkennen, der der Kardinal entgegenwirken möchte, indem er das Gespräch sucht, soweit es ihm möglich schien. Der Erzbischof wurde aber zunehmend in die innerkirchliche Polarisierung hineingezogen, und es wurde immer mehr von den verschiedenen Seiten von ihm verlangt, sich zu positionieren, was er dem Grundsatz nach ablehnte, um nicht die Einheit im Klerus zu zerstören. Dies muss – Äußerungen Jaegers in anderen Zusammenhängen sprechen dafür – den Kardinal auch deshalb viel Kraft gekostet haben, weil ihm von seiner eigenen Disposition her das Verständnis für die Anliegen und Argumentationen der SOG weithin fehlte, insbesondere weil er eine zu soziologische Sprache und Argumentation ausmachte, die ihm selbst völlig fremd war. Schon in seinem ersten Antwortschreiben an Keller wird das deutlich und auch später wird Jaeger immer wieder ähnliche Aussagen treffen:
Etwas stilwidrig finde ich die von der Soziologie übernommenen Denkstrukturen und Bezeichnungen. Sie werden mit mir der Meinung sein, daß man das Mysterium Kirche darin nicht einfangen kann und daß ständig die Gefahr gegeben ist, von den derzeitigen gesellschaftlichen Ordnungen auch im kirchlichen Bereich Zielsetzungen und Methoden zu entwickeln, die wohl der menschlichen Seite gerecht zu werden vermögen, nicht aber der spirituellen, die untrennbar mit den menschlichen Gegebenheiten verbunden bleiben muß, wenn es uns wirklich in unserem Leben und in unserem Dienst um die Kirche geht.52
Das erste Gespräch des Vorstandes mit dem Erzbischof fand ausweislich des Rundbriefs 3/69 der SOG Paderborn am 22. April 1969 statt. In diesem Rundschreiben wird festgehalten:
Wichtiger als die einzelnen Auskünfte, die wir erhielten, war für uns die erklärte Bereitschaft des Erzbischofs, uns künftig jederzeit Informationen zu geben, wenn in der Diözese neue Fragen aktuell werden sollten. Über die Besprechungen ist kein offizielles Kommuniqué angefertigt worden, darum kann es auch nicht der Sinn dieses Kurzberichtes sein, den Erzbischof durch bestimmte Formulierungen und Aussagen festzulegen. Jedoch ist jeder Teilnehmer des Gesprächs gern zu Detailauskünften bereit. – Die Existenz der SOG selbst wurde vom Kardinal in keiner Weise angegriffen oder auch nur bedauert. Wir hatten den Eindruck, daß er uns als Gesprächspartner wirklich ernst nehmen möchte, wenn er auch andererseits darauf bedacht ist, die Einheit des Klerus im Bistum zu wahren. Die Teilnehmer des Gesprächs waren nachher übereinstimmend der Meinung, daß es ein gutes und offenes Gespräch gewesen sei und daß wir beim Kardinal immer auf eine positive Aufnahme rechnen können.53
Zu diesem Zeitpunkt, also im Frühjahr 1969, waren gut 10 Prozent der Paderborner Priester in der SOG organisiert, insgesamt 148 Mitglieder, davon 100 Vikare.
Am 14. Oktober 1969 etwa fand im Bischofshaus in Paderborn ein Gespräch des Erzbischofs mit zwei jungen Priestern – Norbert Keller und Siebe van der Meer – statt, welches diese in einem späteren Rundschreiben vom 17. Oktober als Kontaktgespräch bezeichneten, das in freundlicher Atmosphäre stattgefunden habe54. Aus den handschriftlichen Anmerkungen des Kardinals geht hervor, dass über die künftigen Planungen der SOG ebenso gesprochen wurde wie über das Jaeger offensichtlich sehr belastende Thema der Priester, die sich laisieren lassen (Zitat Jaeger: „Man bemüht sich, die schwankenden Mitbrüder zu halten“55). Erneut wandte sich Keller dann in einem Brief vom 1. Dezember 1969 an Jaeger, dieses Mal auch mit der Ankündigung einer „Resolution zur Bischofswahl“56 sowie Fragen nach der Beteiligung der SOG an der Vorarbeit zur Synode 1972 und der Frage an den Erzbischof, ob er die Einschätzung seines Münchener Mitbruders Döpfner teile, die Priestergruppen würden „die Brüderlichkeit vergessen, indem sie sich zusammenschlössen zum Zweck der Durchsetzung einseitiger Aspekte der Theologie und des pastoralen Dienstes“. Er meint beobachtet zu haben, dass „nicht wenige dieser Gruppen ihre unausgegorenen Denkversuche, ihre unerprobten pastoralen und liturgischen Einfälle absolut setzen“. Konkret stellte Keller folgende Frage an Jaeger: „Sind Sie der Meinung, daß Priestergruppen als solche eine Gefahr für die Brüderlichkeit im Klerus darstellen? Haben Sie den Eindruck, daß speziell unsere SOG-Paderborn in ihren Aktivitäten die Vorwürfe von Kardinal Döpfner rechtfertigt?“57
Im Antwortbrief Jaegers an Keller vom 14. Januar 1970 deutet Jaeger zwar Vorbehalte an, versichert der SOG aber weiterhin, in der priesterlichen Brüderlichkeit geblieben zu sein.
Ich kann aber – für die Erzdiözese Paderborn – nicht behaupten, daß durch die Arbeit der SOG die Brüderlichkeit unter den Priestern gelitten hat. Vielleicht hängt das damit zusammen, daß es hier von Anfang an Kontakte und Aussprachen zwischen dem Vorstand der SOG und dem Bischof gegeben hat. In anderen Diözesen mag das anders sein, von anderen Ländern ganz zu schweigen. […] Was mir nicht gefällt, ist der teilweise sehr hämische, sicherlich aber sehr ehrfurchtslose Ton, in dem über Fragen gesprochen wird, die zumindest Respekt verlangen könnten hinsichtlich der Sache als der dabei beteiligten Personen.58
Die SOG versorgte Jaeger in den kommenden Jahren häufiger mit Stellungnahmen zu verschiedenen theologischen, pastoralen und personellen Themen. Dem damaligen Vorsitzenden der SOG, dem in Herne tätigen Vikar Norbert Keller, schreibt Jaeger mehrere ausführliche Briefe, aus denen hervorgeht, dass er sich persönlich die Stellungnahmen und Rundbriefe durchgelesen und sich dazu eine Meinung gebildet hat. Ganz auf der Linie des Konzils war Jaeger davon überzeugt, dass – auch bei bestehenden Meinungsverschiedenheiten – ein direkter Draht zwischen Bischof und Priestern immer möglich sein müsse. Daher war ihm Vertraulichkeit wichtig – und er verstand darunter auch, dass Differenzen zwischen Bischof und einzelnen Priestern oder Gruppen von Priestern zunächst besprochen werden müssten, bevor sie in die Öffentlichkeit gelangen.
In die Phase dieser frühen fragilen Verhältnisbestimmung zwischen dem Erzbischof und der SOG kam es dann durch die bereits angesprochene „Resolution zur Bischofswahl“ zu einer Entwicklung, die auch die SOG selbst in interne Querelen brachte – einige Mitglieder traten aus – und zugleich wurde eine große Solidarisierung gegen die SOG in Gang gesetzt, aus der heraus es dann zur Gründung einer weiteren Priestergemeinschaft kam – worauf noch eingegangen werden wird. Schauen wir zunächst auf Inhalt und Folgen der genannten Resolution. Im Brief Kellers an Jaeger vom 1. Dezember 1969 wurde ihm mitgeteilt, dass die SOG eine „Resolution zur Bischofswahl“ mit den Adressaten Diözesanpastoralrat und Priesterrat sowie auch zur Diskussion in der Öffentlichkeit vorlegen wolle. Keller betont, „daß unser Text erst in dem Moment für uns aktuell geworden ist, als Sie selbst Ihren Rücktritt angekündigt hatten.“59 Der Text der Resolution war überschrieben mit „Zur Information und nachrichtlichen Verwendung an die Zeitungen und Nachrichtenagenturen“ (17. Januar 1970), und „an die Laien- und Priester-Räte im Erzbistum Paderborn, die Priester des Erzbistums Paderborn, die katholischen Bischöfe in Nordrhein-Westfalen“ adressiert und aus Herne verschickt worden.60 Unter Berufung auf Äußerungen Jaegers selbst (dieser habe „mehrfach davon gesprochen, daß durch [Seinen] Rücktritt der Paderborner Bischofsstuhl möglicherweise im nächsten Jahr frei wird“), forderte die „Resolution in Sachen Bischofswahl“, dass „die Wahl den Laien- und Priesterräten in den Diözesen zustehen [sollte], weil sie die gewählten Repräsentanten der Diözesankirche sind und am ehesten die Kandidaten wirklich kennen. Dabei sollten auch die bisherigen Wahlrechte der Domkapitel mit berücksichtigt werden.“61 Den adressierten Gremien machte die SOG später den Vorwurf, keinerlei Aktivitäten im Blick auf ihre mögliche Mitbestimmung bei der Bischofswahl zu entfalten. Zugleich entwickelte die Resolution ein Profil für einen künftigen Bischof und nannte in einer Positiv- und einer Negativliste jeweils fünf Namen. Pikant und sicher auch kontraproduktiv war, dass von diesen fünf Negativnamen zwei die beiden Weihbischöfe waren, von denen einer, Dr. Johannes Joachim Degenhardt, dann 1974 Nachfolger Jaegers wurde.
Jaeger verschickte seinerseits als Replik auf die Resolution ein Schreiben an alle Priester und Laienvertretungen mit Datum vom 21. Januar 1970.62
Die SOG Paderborn hat unter dem 17. Januar 1970 ein Schreiben an Sie gerichtet, das mich zu einer Antwort herausfordert. Es geht [darin] um meine Nachfolge als Erzbischof von Paderborn und um die Mitbeteiligung des Volkes an der Bischofswahl. In dem Schreiben wird meine Absicht, dem Heiligen Vater meinen Verzicht auf den Paderborner Bischofsstuhl im Laufe dieses Jahres anzubieten, publiziert, bevor ich selber diese Absicht öffentlich bekanntgegeben habe. Ich bedauere das sehr.
Ich kann verstehen, daß Priester und Gläubige bei meinem vorgeschrittenen Alter sich Gedanken machen über die Nachfolge ihres Bischofs. Daß jedoch vor meinem Rücktrittsgesuch und vor der Entscheidung des Heiligen Vaters in aller Öffentlichkeit Persönlichkeiten für die Nachfolge ins Gespräch gebracht werden, berührt mich schmerzlich. Man hat dadurch den genannten Herren keinen guten Dienst erwiesen.
Darüber hinaus ist eine Liste von Kandidaten aufgestellt worden, die für die Nachfolge nicht in Frage kommen dürften. Ein solches Verfahren ist nicht nur äußerst ungewöhnlich, sondern läßt meines Erachtens jeden menschlichen Takt und erst recht jeden mitbrüderlichen Respekt vermissen und zerstört die priesterliche Gemeinschaft und Verbundenheit in der Wurzel. Mit aller Entschiedenheit mißbillige ich die Publikation solcher ‚Negativlisten‘. Sie bringen für positive Vorschläge nichts ein und wirken für alle Genannten in unverantwortlicher Weise diskriminierend.
Ich bedaure die geschilderten Vorgänge umso mehr als bislang im Erzbistum Paderborn zwischen der Solidaritätsgemeinschaft der Priester und ihrem Erzbischof ein guter Gedankenaustausch und ein gegenseitiges vertrauensvolles Verhältnis bestanden hat.
Der Pastoralrat unserer Diözese sucht nach Möglichkeiten, wie unter Berücksichtigung des geltenden Rechtes die gewählten Gremien in angemessener Weise bei der Ermittlung von Kandidaten beteiligt werden können. Diese Bemühungen haben meine volle Unterstützung.
In der Verbundenheit der Liebe zur Paderborner Kirche und in unverbrüchlicher Treue zum Heiligen Vater grüße und segne ich Sie.63
In der Sitzung des Priesterrates am 4. Februar 1970 wurde das Anliegen der SOG grundsätzlich positiv aufgenommen, zugleich aber die Forderung zurückgewiesen, der Kardinal möge im laufenden Jahr seinen Rücktritt einreichen. Kardinal Jaeger gab im Rahmen dieser Sitzung schließlich bekannt, „er denke nach diesen Vorkommnissen nicht daran, in diesem Jahr von seinem Amt zurückzutreten“.64 Wörtlich erklärte er laut Protokoll,
die Aktion der SOG und die daraufhin bei ihm eingegangenen Briefe hätten ihn bewogen, seine Absicht, im Laufe dieses Jahres dem Papst den Rücktritt anzubieten, zu revidieren. Der Priesterrat habe ein Recht darauf, als erster zu erfahren, daß er in diesem Jahr – bleibende Gesundheit vorausgesetzt – nicht zurücktreten werde.65
In der Tat versammelt die entsprechende Akte zahllose Dokumente, die den Kardinal in Folge dieser Debatte erreichten und auf die er selbst in einem Schreiben an die SOG vom 2. Februar 1970 Bezug nahm. Darunter befinden sich sachliche und wohlwollende persönliche Erklärungen, aber auch massive Beschimpfungen der SOG-Aktivisten.66
Auf Jaegers Stellungnahme folgte seitens der SOG wiederum eine Reaktion des Hauptausschusses67, die dem Erzbischof mit Brief vom 1. Februar 1970 zuging und auf die der Erzbischof wiederum mit Brief vom 2. Februar 1970 antwortete68. Hier wirkt der Kardinal sichtlich bemüht, den aus seiner Sicht großen Schaden zu begrenzen und der SOG weiterhin die Hand zum Gespräch zu reichen.
Zunächst zum jüngsten Brief des Hauptausschusses. Ich kann nicht behaupten, daß ich allen darin gemachten Aussagen inhaltlich zustimme. Dazu ist das ganze Denken der hier repräsentierten Generation wohl zu sehr von dem Denken meiner Generation verschieden. Aber aufs Ganze gesehen glaube ich, daß dieser Brief einen Beitrag zur Entspannung leisten kann. Ich bin jedenfalls bereit, Ihnen abzunehmen, was Sie da schreiben über Ihre eigentliche Absicht und über das, was nicht intendiert war. Hoffen wir, daß es gelingt, auch die vielen ‚Empörten‘ ein wenig von Ihrem guten Willen zu überzeugen.69
Jaeger betont, dass
durch die Aktion der SOG […] eine tiefe Kluft aufgerissen und deutlich geworden [ist], wenn sie auch vielleicht schon vorher latent vorhanden war. Ich sage es Ihnen ganz ehrlich: Einige der Reaktionen auf Ihren Brief haben mich nicht weniger bestürzt als Ihre Aktion selbst. Das kann man beklagen, aber man sollte sich auch eingestehen, es waren Reaktionen auf Ihren Brief.
Der Preis, der gezahlt werde, sei zu hoch.
Und dann kommt Jaeger wieder auf sein Grundanliegen, die Einheit zu wahren, zu sprechen:
Es muß uns doch beunruhigen, daß es heute schon Diözesen gibt, in denen die Fronten sich klar formiert haben, in denen kein Gespräch zwischen den Gruppen mehr möglich ist. Hier zeichnen sich Tendenzen zur Verhärtung ab, die die Bildung von Extrem-Gruppen auf der Linken wie auf der Rechten begünstigen. Sollen wir es auch bei uns so weit kommen lassen?70
Jaeger kritisiert schließlich einen zu leichtfertigen Umgang der SOG mit der Öffentlichkeit. Es bedürfe für diesen Umgang ein „hohes Maß an Sachkenntnis (in Öffentlichkeitsarbeit) und viel Verantwortungsgefühl. […] Die möglichen Folgen und Reaktionen müssen vorher mitbedacht werden. Daß man sie später leicht aus der Hand verliert, zeigen die Reaktionen auf die letzte Aktion der SOG.“
Die Erfahrungen der letzten Tage haben wohl auch Ihnen deutlich gemacht, welche Verantwortung Sie auf sich nehmen, wenn die Arbeit der SOG weiterhin von der Ideologie größtmöglicher Transparenz bestimmt wird und so wenig Rücksicht nimmt auf das Denken und die Haltung des größeren Teils unserer Priester und Gemeinden, sowie auf unsere priesterliche Verbundenheit.71
Denken Sie, bitte, stets daran, daß die Gefahr von Gruppenbildung, bis hin zu extrem militanten Vereinigungen, brennend aktuell ist, und fragen Sie sich, bitte, immer, ob Aktionen, die Sie durchführen oder planen, nicht neues Öl in diese Brandherde gießt.
Insgesamt führte die „Resolution zur Bischofswahl“ wie erwähnt zu internen Spannungen in der SOG. Zum einen traten einige Mitglieder aus, zum anderen wurde eine große Solidarisierung gegen die SOG in Gang gesetzt. Die Thematik der Bischofswahl blieb aber auch in den folgenden Monaten und Jahren weiter erhalten.72 Zugleich stand Jaeger über das gesamte Jahr 1970 bis in den Februar 1971 hinein in brieflicher Korrespondenz mit den Vikaren Norbert Keller und Günter Keine, die für die SOG im Erzbistum Paderborn als Sprecher fungierten.73 Doch die Irritationen hatten längerfristig Folgen: So war auch mehr als ein Jahr später das Thema der Bischofswahl noch immer virulent. In einem Brief Kellers, den er für den Vorstand der SOG am 31. Mai 1971 an Jaeger schrieb, heißt es:
Wir möchten ausdrücklich betonen, was wir schon früher gesagt haben, daß nämlich kein Wunsch unsererseits mit der Umfrage zum ‚Bischofsprofil‘ verbunden ist, es möge möglichst bald zu einem Wechsel auf dem Paderborner Bischofsstuhl kommen. Wir möchten lediglich dafür sorgen, daß im Eventualfall wenigstens eine Gruppe innerhalb des Erzbistums mit konkreten Dingen aufwarten kann. […] Jedenfalls bitten wir Sie, unsere Aktion nicht schwerer zu nehmen, als sie gemeint ist.74
Neben die Resolution zur Bischofswahl traten im Laufe des weiteren Jahres 1970 weitere Themen (vor allem die Mischehenfrage und die Abtreibungsdebatte), die zu unterschiedlichen und gegensätzlichen Positionen unter den Priestern des Erzbistums führten. Die Auseinandersetzungen gipfelten in einem Häresievorwurf, der im Jahr darauf gegen die SOG erhoben wurde, den Jaeger allerdings nach den schriftlichen Zeugnissen selbst niemals erhoben oder unterstützt hat. Im Gegenteil brachte es Jaeger fertig, inmitten dieser schwierigen Gesamtsituation folgende Worte im Brief an Norbert Keller zu nutzen:
Sie wissen, daß ich Sie persönlich schätze. Da, wo ich bei Ihnen auf Ansichten stoße, die ich nicht teile, sage ich es Ihnen offen und frei, so wie seinerzeit bei der Schlußkonferenz nach der Firmungsreise im Dekanat Herne. Ich halte das noch immer für das beste und richtigste. Ich möchte auch Sie darum bitten, daß Sie nicht Redereien glauben, sondern immer die freie Aussprache suchen, die verbogenen Auffassungen am ehesten und am schnellsten wieder geradezubiegen vermögen.75
Schon am 27. April 1970 kam es dann in Dortmund zur Gründung der „Arbeitsgemeinschaft Paderborner Seelsorger“ (APS), die durch Vikar Albrecht Gaffron dem Kardinal mit Brief vom 30. April 1970 angezeigt wurde. Dieser Gruppe stand der Kardinal von ihrer theologischen Ausrichtung und ihrem Vorgehen deutlich näher als die zuvor gegründete SOG. In der Korrespondenz wird aber deutlich, dass Jaeger auch gegenüber der APS die Einheit des Presbyteriums der Diözese als oberstes Motiv des Zusammenwirkens im Klerus stark machte.
Besonders gefreut hat mich, daß Ihre Vereinigung sich nicht als Gegengründung gegen die SOG versteht, sondern, wie Sie es in der beigefügten gemeinsamen Erklärung kundtun, Ihr Bestreben sein soll, die Erneuerung der Kirche von Paderborn im Geiste des II. Vatikanischen Konzils mitzutragen. Daß darüber hinaus die Einheit im Paderborner Presbyterium Ihnen ein wesentliches Anliegen ist. Wir müssen alles tun, um Frontenbildungen im Paderborner Klerus zu vermeiden. Aber wir müssen ebenso alle Kraft einsetzen, damit in dieser Not- und Krisenzeit der Kirche die Freude an der Kirche und die Bereitschaft für den Dienst der Kirche an der Welt nicht schaden leiden. […] Wo sind die Söhne und Töchter der Kirche, die den Mut haben, sich zu ihr zu bekennen und in einer Zeit, die nur herunterzureißen und schlechtzumachen versteht, sich freimütig für die Kirche einsetzen?76
Die APS hatte im Verlauf des Jahres 1970 enormen Zulauf und sammelte nach eigenen Angaben an die 250 Priester des Erzbistums. Die gegenüber der SOG erheblich vorsichtigere theologische Positionierung im Ringen um den Weg der nachkonziliaren Erneuerung führte indes nicht zu einer unterwürfigen oder gar devoten Haltung gegenüber dem Erzbischof. In der entsprechenden Akte findet sich zumindest ein Brief, der im Stil ähnlich klingt wie die Schreiben, die den Erzbischof seitens der SOG erreichten. Es geht um das Gerücht einer Auflösungsverfügung für das Paderborner Priesterseminar. Der Brief an Jaeger vom 31. Dezember 1970 lautet:
Wie wir hören, haben Sie die Auflösung des Priesterseminars in Paderborn verfügt. Wir bitten um Auskunft darüber, ob diese Entscheidung wirklich von Ihnen allein, ohne Beratung mit dem Priesterrat und den in Ihrer Diözese bestehenden Priestergruppen getroffen worden ist. Wir möchten ferner gern wissen, ob diese Entscheidung ohne Vorwissen des Regens Dr. Quiter gefallen ist. Wir sehen Ihrer Antwort dankbar entgegen und grüßen Sie freundlich. […] PS: Wir erlauben uns, eine Durchschrift dieses Schreibens an den Priesterrat der Erzdiözese, die SOG und an die Bewegung für Papst und Kirche zu senden.77
Der Kardinal antwortete darauf am 3. Februar 1971 und stellt fest:
1. Ich habe nie daran gedacht, das Priesterseminar in Paderborn zu schließen. 2. Aus Raummangel habe ich die erschreckend kleine Zahl von Alumnen des Priesterseminars unter eigener Leitung mit eigenem Lebensrhythmus, mit eigener Seminarerziehung in einem Flur des Leokonvikts untergebracht. Es ist übergenug Raum vorhanden, daß beide Kommunitäten reibungslos nebeneinander dort wohnen und arbeiten können. Ich habe dadurch das gesamte Priesterseminar freibekommen […] [Begründungen wofür; d. Verf.]. Diese Entscheidung ist wirklich von mir allein gefällt worden, ohne Beratung mit dem Priesterrat und den bestehenden Priestergruppen, weil diese rein organisatorischen Maßnahmen von diesen Gruppen nicht klar überschaut werden können. Ich hoffe, daß Ihnen diese Auskunft genügt.78
Am 28. Juni 1971 fand eine Diskussion des Kardinals unter dem Motto „Wir fragen – die Synodalen antworten“ mit Mitgliedern der APS in der Katholischen Akademie in Schwerte statt zu insgesamt fünf Fragekomplexen theologischer Natur, die dem Kardinal zur Vorbereitung zwei Wochen zuvor auch mitgeteilt wurden. Ein Protokoll dieser Veranstaltung findet sich in der entsprechenden Akte und wurde als APS-Informationsdienst 70/1 den Teilnehmern und Mitgliedern zugeschickt. Hier wird deutlich, dass Jaeger die Priester als erste Multiplikatoren und Wegbereiter für den Erfolg der Synode sah, wie schon einige Jahre zuvor im Blick auf das Konzil.
Die beiden Priestergruppen standen im Kontakt und hatten auch Begegnungen miteinander, aber das Gespräch stand unter keinem guten Stern und eskalierte zunehmend.79 Es wurde auch Thema im Priesterrat, wie noch zu sehen sein wird. Im Mai 1971 eskalierten die Unterschiede zwischen den beiden Priestergruppen im Erzbistum und der Kardinal wurde von beiden Seiten mit ihrer jeweiligen Sicht der Dinge „gefüttert“ und auch selbst in deren Streit hineingezogen. Er erkundigte sich nach Hintergründen von Äußerungen, die ihm zugeschrieben wurden und mit denen in der Auseinandersetzung der beiden Priestergruppen argumentiert wurde. Die entsprechenden Akten zeugen von einer erheblich angespannten Grundatmosphäre innerhalb des Paderborner Presbyteriums und davon, dass Jaeger an die Grenzen seiner „Vaterrolle“ kam, allerdings niemals den Versuch aufgab, die auseinanderdriftenden Strömungen zusammen zu halten. Im Abschnitt über die Arbeit des Priesterrates im folgenden Beitrag finden sich hierzu noch einige Hinweise.
Jaegers Agieren lässt sich noch einmal in einem Dauerthema, das über die Jahre zwischen ihm und der SOG im Raum stand, erfassen. Es ging um die Frage, ob Mitglieder der SOG im Erzbistum Paderborn für bestimmte Aufgaben, etwa in der Bezirksseelsorge, grundsätzlich nicht in Frage kämen. Die Frage nach dem Vertrauensverhältnis schien die SOG sehr zu beschäftigen, sie taucht in einem Brief Kellers vom 1. Juli 1971 erneut auf, also eineinhalb Jahre nach der Auseinandersetzung um die Resolution zur Bischofswahl und kurze Zeit nach der Eskalation der Auseinandersetzung mit der APS aufgrund eines Häresievorwurfs gegen die SOG, auf die ich noch zurückkommen werde.
Bestimmte Vorgänge der letzten Zeit veranlassen den SOG-Vorstand des weiteren zu der Anfrage an den Bischof, ob er auch der Meinung ist, daß bestimmte Ämter in unserer Diözese nicht an SOG-Mitglieder vergeben werden können. Ist die Mitgliedschaft in der SOG ein Hindernis bei der Ernennung zum Bezirksdekan? Dürfen neu zu ernennende Bezirksvikare Mitglieder der SOG sein? Können die Mitglieder des Hauptausschusses der ‚Arbeitsgemeinschaft von Priestergruppen in der Bundesrepublik Deutschland‘ als Leute mit einer bedenklichen Theologie gelten und sind somit Mitglieder dieses Gremiums, die unserem Bistum angehören, von bestimmten Ämtern im Erzbistum Paderborn ausgeschlossen? Ist es a priori glaubhaft, wenn Vorstandsmitgliedern der SOG-Paderborn theologische Irrtümer nachgesagt werden? […] Sehr geehrter Herr Kardinal, alle diese Fragen sind nicht aus der Luft gegriffen. Sie verfolgen keineswegs den Zweck, Sie oder Mitglieder Ihrer Behörde zu provozieren. Es ist allerdings für die Mitglieder der SOG und besonders der SOG-Führung lebenswichtig, zu wissen, ob wir in diesem Bistum noch als Mitchristen und als Mitpriester voll geachtet sind.80
In seinem vierseitigen Antwortschreiben vom 9. Juli 1971 lässt Jaeger Einblicke zu, wie er grundsätzlich sein Verhältnis zum Diözesanklerus, auch in den für ihn neuen und sicher sehr herausfordernden Debatten der Zeit seit dem Konzil, versteht.81
Meine Gegenfrage: Was verbirgt sich hinter dem undurchsichtigen Ausdruck ‚bestimmte Vorgänge‘? Ich kenne keinen solchen Vorgang. […] Die Mitgliedschaft in der SOG ist kein Hindernis bei der Ernennung zum Bezirksdekan. Ich habe Ihnen früher schon einmal gesagt, dass ich keine Mitgliedsliste der SOG im Bistum Paderborn besitze und daß ich auch nicht weiß, wer von den jetzt gewählten oder früher im Amt gewesenen Dekanen Mitglied der SOG ist. Es wird im Bistum davon gesprochen, daß alle Bezirksvikare Mitglieder der SOG seien. Ich weiß es nur durch Zufall von zwei oder drei Bezirksvikaren und habe daraus niemals den betreffenden Herren einen Vorwurf gemacht. […] Zur nächsten Frage, ob Mitglieder des Hauptausschusses der ‚Arbeitsgemeinschaft von Priestergruppen in der BRD‘ als Leute mit bedenklichen Theologien angesehen werden müßten und infolgedessen Mitglieder dieses Gremiums von bestimmten Ämtern in unserem Bistum auszuschließen seien, kann ich wieder nur sagen, daß ich die Zusammensetzung des Hauptausschusses der Arbeitsgemeinschaft der Priestergruppen in der BRD nicht kenne. Selbstverständlich kann sich unter ihnen auch der eine oder andere mit einer bedenklichen Theologie befinden. Aber das müßte im einzelnen überprüft werden. Damit ist auch schon die nächste Frage beantwortet, daß Mitgliedern dieses Gremiums in unserem Bistum der Zugang zu bestimmten Ämtern deswegen blockiert sei. Ich weiß nur – und zwar aus dem Schrifttum –, daß Sie dem Hauptausschuß der Arbeitsgemeinschaft der Priestergruppen in der BRD angehören. Sie wissen, daß ich Sie persönlich schätze. Da, wo ich bei Ihnen auf Ansichten stoße, die ich nicht teile, sage ich es Ihnen offen und frei, so wie seinerzeit bei der Schlußkonferenz nach der Firmungsreise im Dekanat Herne. Ich halte das noch immer für das beste und richtigste. Ich möchte auch Sie darum bitten, daß Sie nicht Redereien glauben, sondern immer die freie Aussprache suchen, die verbogenen Auffassungen am ehesten und am schnellsten wieder gradezubiegen vermögen. […] Zur Frage, ob glaubhaft sei, wenn Vorstandsmitgliedern der SOG theologische Irrtümer nachgesagt werden, kann ich nur wieder sagen, daß ich solchen Gerüchten erst Glauben schenke, wenn ich die Richtigkeit überprüft habe. – Sie wissen, daß ich gegen die Aufnahme von Laien, auch laisierten Priestern, in die SOG und erst recht in den Hauptvorstand bin. Ich habe Ihnen das ganz offen geschrieben, weil ich der Ansicht bin, daß die katholischen Priester zu mir in einem anderen Verhältnis stehen als alle anderen Kirchenmitglieder. Daß wir infolgedessen umeinander uns aus einer viel größeren Liebe und Verbundenheit sorgen und infolge dieser wesenhaften Verbundenheit untereinander auch ganz anders, viel offener und freier miteinander sprechen können. Die Wurzel der heutigen Gerüchtemacherei, der Verketzerungen ist das Mißtrauen, was sich leider Gottes eingeschlichen hat durch die Gruppenbildungen und die Methoden über die Gruppenbildung, mit Gewalt gewisse Ziele anzusteuern und zu erreichen. Druck schafft Gegendruck, Solidarisierung notwendig die Solidarisierung der anderen, von der Solidaritätsgruppe nicht Erfaßten. Ich habe meine notwendige Aufgabe von Anfang an darin gesehen, Fraktions-Gruppierungen und Frontenbildungen zu verhindern. Wir negieren uns in unserem Priestersein selbst, wenn es dazu kommen sollte. Und ich bitte deshalb auch Sie, alles zu tun, daß es soweit nicht kommt. Wir sollten uns nicht nur Brüder nennen, sondern auch brüderlich miteinander verkehren, voller Offenheit und voll unerschütterlichem Vertrauen. Ich bitte Sie, auch in Ihrem Verhältnis und in den entstandenen Meinungsverschiedenheiten im Gespräch mit der APS das zu beachten. […] Mit besten Wünschen für Sie persönlich und Ihre Arbeit und freundlichen Grüßen bin ich […].82
Jaegers Agieren zwischen den Priestergruppen und im Rahmen des Priesterrats war von dem strikten Wunsch geprägt, keinen Gesprächsfaden aufzugeben. Er war überzeugt davon, dass es nicht zu einer Polarisierung kommen dürfe, in der das Gespräch zwischen verschiedenen Gruppen im Klerus unmöglich geworden wäre. Wie der Korrespondenz zu entnehmen ist, hat er trotz seiner Vorbehalte gegen Positionen der SOG und seiner von beiden Seiten versuchten Instrumentalisierung im Streit zwischen SOG und APS diesen moderierenden und auf Zusammenhalt ausgerichteten Kurs beibehalten, auch wenn er dadurch die Auseinandersetzungen nicht zurückdrängen konnte.
7. Die Bildung von Priesterteams
Der Neujahrsgruß des Kardinals an die Priester 1969 endete mit dem Wort: „Wir haben keinen Grund Defaitisten zu sein.“ Am 7. Januar 1969 erreichte Kardinal Jaeger ein Brief, den vier Priester unterzeichnet hatten, die unter Bezugnahme auf diesen Neujahrsgruß darum baten, „uns in absehbarer Zeit eine gemeinsame Aufgabe zuzuweisen, die dieser Vorstellung des Konzils (Zusammenwohnen von Priestern, vgl. LG 28, 41 und CIC 134) und unseren eigenen Hoffnungen entgegenkommt.“83 Die Idee der Priesterteams war hiermit geboren und hatte den Kardinal in Paderborn erreicht. Im Brief der vier Vikare heißt es weiter:
Dabei liegt uns daran, die konkrete Gestalt dieses gemeinsamen Lebens so offen zu halten, wie der Konzilstext es nahe legt. […] Unser Interesse gilt einer fruchtbringenden und zukunftsweisenden Seelsorgearbeit. Hinter unserer Bitte steht nicht der Geist des Neuen um jeden Preis. Die Gedanken, die wir hier äußern, sind allein im Gespräch der Unterzeichneten entstanden. […] In Ihren Rekollektionen und Predigten zu den Weihen haben Sie uns wiederholt darauf hingewiesen, daß nur ein lebendiger Glaube das Tun des Priesters erfolgreich gestalten kann. Wir haben erfahren, daß der Glaube nur lebendig bleibt im gemeinschaftlichen Austausch und gegenseitiger Ergänzung. Sie schließen Ihren Neujahrsgruß mit dem Satz: ‚Wir haben keinen Grund Defaitisten zu sein.‘ Wir möchten es nicht werden. Deshalb schreiben wir Ihnen diesen Brief. Bitte geben Sie uns die Möglichkeit, über unsere Wünsche mit Ihnen zu sprechen.84
Handschriftlich ist als Gesprächsvermerk neben dem Briefkopf der vier unterzeichneten Priester (2 Religionslehrer, 2 Vikare) vermerkt: „22.4., 16h“. In der Akte „Priesterteams“85 sind weitere Bitten verschiedener Gruppen von Priestern zur Übernahme von Gemeinden als Priesterteam dokumentiert, die den Kardinal im Laufe der kommenden Monate erreichten. Die Darstellung von Werner König, der selbst einem solchen Team, das in Dortmund-Hombruch eingesetzt wurde, angehörte, entspricht dem, was in den Briefen dieser Akte zu finden ist.
Erzbischof Jaeger war ein Mann, mit dem man ringen konnte, der sich Argumente anhörte und darauf einging, der klare Argumentationslinien einforderte, der dann aber auch Entscheidungen herbeiführte und durchhielt. […] gab es doch zunächst viel Verwirrung (im EGV) […] Aber nach einigen Monaten der Verwirrung hat das doch geklappt, weil Erzbischof Lorenz Jaeger ja letztlich die Entscheidung dafür getroffen hatte.86
Insbesondere im Generalvikariat, nachweislich der einsehbaren Vermerke vor allem bei Generalvikar Dr. Droste, gab es Bedenken bezüglich des nah beieinander liegenden Weihe- und Lebensalters. Kardinal Jaeger neigte dazu, auf die Wünsche der jüngeren Priester einzugehen und vermittelte in einem besonders konfliktreichen Fall seine Entscheidung, ein Priesterteam einzusetzen, persönlich in einem Brief an die entsprechende Pfarrei in Dortmund.87
Freilich wurden sowohl Jaeger wie vor allem die in den für Pastoralteams vorgesehenen Pfarreien tätigen, häufig älteren Priester in den impliziten Generationenkonflikt hineingezogen, der sich unter den Umbrüchen in der Seelsorge, die nach dem Konzil aufbrachen, zeigte. Davon zeugt ein anderer, interessanter Fall in derselben Akte, der in Siegen spielt. Nach Ausweis der dort abgelegten Dokumente sah sich ein in Siegen amtierender Pfarrer durch den Personalprälaten und den örtlichen Dechanten zu einer Pensionierung oder einem Stellenwechsel gedrängt, um die Errichtung eines Priesterteams voranzutreiben. Dieser Pfarrer schrieb am 18. Mai 1971 einen emotionalen Brief an den Kardinal, in dem er davon spricht, dass ein am 11. Mai anberaumter Termin bezüglich einer Versetzung eines Vikars und der damit verbundenen „Pfarrerzusammenführung“ für ihn „das traurigste Priestertreffen“ war,
das ich in meinem 42jährigen Priestertum erlebt habe. […] Pfarrer Rath und ich erklärten uns zu einer Zusammenarbeit bereit. Pfarrer Krah lehnte ab mit der Begründung: Er könne mit uns alten Priestern nicht zusammen arbeiten. Das sei nicht zumutbar. […] Herr Kardinal, wohin kommen wir, wenn eine solche Auffassung in der Diözese bekannt wird oder gar Schule macht. Weder Herr Prälat noch der Dechant haben diese Haltung zurückgewiesen. Die Herren wollen mit Pfarrer Krah, der heute einfach 3 von 5 Geistlichen in Siegen als Mitarbeiter ablehnt, also ¾ außer sich, eine Arbeitsgemeinschaft machen, die die Seelsorge in Siegen leisten soll? Der als Solipsist in Siegen bekannt ist? Glauben Sie nicht, daß der sehr bald auch bei seinen neuen Mitpfarrern ein Haar in der Butter findet? Oder ist der Altersunterschied zwischen 47 und 67 Jahren so unüberbrückbar? Dann Gnade unserer armen Diözese. […] Ich habe in den letzten schweren fünf Monaten nur bei Ihnen Hilfe gefunden. Die mir hätten helfen müssen, als ich durch die Verhältnisse einfach nicht mehr konnte und krank wurde, vor allem der Dechant, fielen über mich her und wollten mich durch eben diese Krankheit zur Pensionierung überreden. (Ich war seit 26 Jahren zum ersten Mal krank durch eine verschleppte Grippe) Ich würde mich sofort pensionieren lassen, wenn die Seelsorge es erforderte, aber nicht durch ein Intrigenspiel. Und ich befürchte, daß ein böses Spiel getrieben wird, das uns Alte weghaben will, damit dann gewisse liberale Kreise umso freier arbeiten können. […]88
Interessante Einblicke in die unterschiedlichen Sichtweisen selbst im engsten Umfeld des Kardinals gibt die dokumentierte Reaktion des Generalvikars auf diesen Brief. Er lässt dem Kardinal gegenüber durchblicken, dass der Personalreferent ohne Auftrag gehandelt habe.
Ich halte das […] durchaus für möglich, weil Herr Prälat Wilmsen bestrebt ist, für jüngere Mitbrüder, die sich an ihn gewandt haben, die Möglichkeit von Team-Arbeit zu schaffen. Von Herrn Prälat Henneke hörte ich, daß auch Herr Pfarrer Rath sich massiv über das Verhalten von Herrn Prälat Wilmsen bei der Besprechung in Siegen beschwert habe.89
Der Kardinal handelte daraufhin und unterließ es nicht, deutlich zu machen, wer Herr im Haus ist. An den Pfarrer in Siegen schrieb er:
Ihr Brief vom 18. Mai 1971 hat mich erschüttert. Mir war von dem Besuch des Herrn Prälaten Wilmsen in Siegen nichts bekannt geworden. Ich hatte auch keinerlei Auftrag gegeben, für die Stadt Siegen eine Team-Seelsorge einzurichten. Ich komme gerade aus Herne, wo der gleiche Versuch durch Herrn Prälaten Wilmsen gestartet worden ist und wo jetzt schon in der Pfarrerschaft der Stadt stärkster Widerstand aufflammt. Die Pfarrer dort sind bereit zur Kooperation, lehnen aber ein Mehr ab. Sie behaupten mir gegenüber: Wir werden durch das Personalreferat in Paderborn manipuliert und auf dem Weg über die Zuweisung von Vikaren praktisch zu einer Zelle kommender Team-Arbeit gemacht. Ich habe seit meiner Rückkehr vor zwei Tagen von der Firmungsreise leider Herrn Prälat Wilmsen noch nicht in dieser Angelegenheit sprechen können […] [Sie] werden sich gedulden müssen, bis ich Ihnen über das Ergebnis meiner Aussprache mit Prälat Wilmsen berichten kann. Jedenfalls ist die Situation in der Diözese so, daß ich keinen Pfarrer vorzeitig pensionieren kann. Ich muß Sie und ebenso Herrn Pfarrer Rath dringend bitten, Ihre Pfarrämter beizubehalten, da jede vorzeitige Pensionierung den Priestermangel nur noch mehr verschärft.90
An den zitierten Briefwechseln lässt sich erkennen, dass Jaeger dann, wenn es aus seiner Sicht sein musste, auch eingreifen und Entscheidungen seiner engeren Mitarbeiter verändern oder Rahmenbedingungen anders setzen konnte. Vermutlich ist ihm durch die Auseinandersetzungen um die beiden Priestergruppen SOG und APS sehr im Bewusstsein gewesen, dass er Konflikte, wie hier den Generationenkonflikt, nicht noch zusätzlich anheizen sollte. Deshalb bemühte er sich, der Idee der Priesterteams grundsätzlich zu entsprechen, diese Idee aber nicht einfach auf Kosten der älteren Priester (die ihm menschlich, theologisch und spirituell ja sicher viel näher standen als die jungen Vikare, die die Priesterteams aufbauen wollten) um jeden Preis durchzusetzen.
8. Einrichtung des Priesterrates 1966 und dessen beide Amtszeiten unter Jaeger
Nach Bildung der Seelsorgebezirke am 1. Februar 1966 gab es zunächst Sitzungen der Bezirksseelsorger mit der Diözesanleitung, die dann ab Herbst 1966 in die Sitzungen des neu gebildeten Priesterrates integriert wurden. In der verbleibenden Amtszeit Lorenz Jaegers als Erzbischof gab es dann zwei Sitzungsperioden des Priesterrates. Den Vorsitz führte der Kardinal, was ihm ausweislich einer handschriftlichen Notiz auch entgegen einem ihm gemachten Vorschlag wichtig war. Der zweite Priesterrat hatte seine erste Sitzung am 4. Februar 1970.91 Mit Eintritt der Sedisvakanz 1973 erlosch der Priesterrat. Die Protokolle dieser beiden Legislaturen sind nicht vollständig in den entsprechenden Akten vorhanden. Deutlich wird in ihnen, dass sie im Grundsatz bis heute noch gleich geführt werden, nämlich bei längeren Debatten mit ausführlicher Wiedergabe des Gesprächsverlaufs.
Was die Themen angeht, spiegelt sich die von starken Umbrüchen und Auseinandersetzungen geprägte nachkonziliare Situation auch in den Sitzungen des Priesterrates wider. Hinzu kommt, gerade in den ersten Jahren, die Suche nach einem praktikablen Modus der Kommunikation zwischen Bischof und Presbyterium im Blick auf eine stärkere Kollegialität. Hier schien der Priesterrat angesichts der massiven Diskussionen auf allen Feldern des kirchlichen Lebens überfordert zu sein, auch wenn seine Protokolle allen Priestern auf Antrag kostenlos zur Verfügung gestellt wurden. Zugleich sind die im Abschnitt über die SOG und die Priesterteams dargestellten Debatten immer wieder Thema auch im Priesterrat gewesen, der sich auch mehrfach in seiner ersten Sitzungsperiode als solcher mit Stellungnahmen an die Mitbrüder im Bistum wandte. In diesem Zusammenhang ist auch die Debatte um den bereits genannten „Brief der 57“ (in Folge der Regionalveranstaltungen zum Konzilsverlauf) und die oben beschriebene Rücktrittsdebatte Anfang 1970 zu nennen.
Dem Vorstand des ersten Priesterrates war die Information der Mitbrüder durch Zwischenberichte zwischen den Sitzungen wichtig. Vereinzelt geht aus den Akten hervor, dass das Thema Kommunikation als sehr herausfordernd angesehen wurde. Das Debattenklima scheint frei und ohne Vorbehalt gewesen zu sein. Kardinal Jaeger beteiligte sich an den Debatten und nahm dabei auch seine Rolle als Erzbischof wahr, ohne eine offene Debatte zu unterdrücken. Einen erhellenden Einblick hierzu gibt die ausführliche Diskussion des Priesterrates nach Erscheinen der Enzyklika Humanae Vitae.92
Ein interessantes Detail findet sich im Zusammenhang der beiden schon beschriebenen Priestergruppen Mitte 1970.93 Kritisch wurde gefragt, ob es sich bei der APS um eine durch das Erzbistum „geförderte Einrichtung“ handle, denn in einer in der vom Seelsorgeamt verantworteten Beilage zum Kirchlichen Amtsblatt Im Dienst der Seelsorge abgedruckten „Dortmunder Erklärung“ der APS sei formuliert worden, es würde angestrebt, „dass in naher Zukunft die Mehrheit des Paderborner Klerus ihren Beitritt bekundet.“ Das Protokoll vermerkt hierzu die folgende Äußerung des Kardinals:
Dieser Fragekomplex muß einmal intensiv erörtert werden. Das Selbstverständnis der SOG fordert solche Gruppierungen (gemeint ist die APS, der Protokollant) heraus. Das jüngste Schreiben von Keller an den DPR ist […]. So geht es ja nicht. Wir können nicht unter Androhung von Druck handeln. Ich habe auch Herrn Keller über die Zusammensetzung des Hauptausschusses einen Brief geschrieben. Bisher habe ich die SOG immer als echte Gruppierung im Klerus angesehen. Wenn das aber so weiter geht, dann ändert sich die Einstellung des Bischofs zur SOG. Eine Frontstellung wollte ich immer vermeiden.94
Jaegers Vorschlag, in einer späteren Priesterratssitzung die Priestergruppen noch einmal ins Gespräch mit dem Priesterrat zu bringen, wurde dann in der Sitzung am 6. September 1972 realisiert.95 Jaegers in den Briefen an Keller geäußerte Bedenken gegen die SOG (vor allem im Blick auf die Aufnahme ausgeschiedener Priester) bringt er auch hier erneut vor. Laut Protokoll ist die Diskussion durchaus heftig, gleichzeitig aber auch in dem Sinne konstruktiv, dass sehr offen die unterschiedlichen Selbstverständnisse und theologischen Positionen sichtbar werden. Im Protokoll wird die Forderung der SOG dokumentiert, „Pastoralrat und Priesterrat sollen in Gemeinschaft mit dem Erzbischof verbindliche Entscheidungen treffen können, an die die Verwaltung gebunden sein muß. Zu einer so verstandenen ‚Demokratie‘ gehören auch ‚Parteien‘, nicht Fraktionen.“ Jaeger notiert bei diesem Passus, den er auch unterstreicht, handschriftlich die beiden Worte „Gefährliche Formulierung“.96
Im Frühjahr 1972 eskalierte der Streit zwischen den Priestergruppen APS und SOG im Kontext der Debatte um die Stellungnahme der Deutschen Bischofskonferenz zum Paragraf 218 endgültig. In einem Flugblatt der APS wird den Solidaritätsgruppen massiv vorgeworfen, „aus dem innerkirchlichen Raum […] Angriffe gegen die Kirche“ zu führen und „einen eindeutigen Verstoß gegen die verbindliche Lehre der Kirche, eine Beleidigung unserer Bischöfe und eine Herabsetzung des Bischofsamtes in der Öffentlichkeit“ zu begehen.97 Kardinal Jaeger wird mit Brief vom 27. April 1972 seitens der SOG gebeten, sich zu diesen Vorwürfen zu verhalten: „Entweder teilen Sie den genannten Vorwurf, dann müßten wir sicher mit einer klaren Antwort rechnen können, – oder aber Sie halten diesen Vorwurf für unangemessen. In diesem Fall würden wir eine Zurückweisung Ihrerseits für angezeigt halten.“98
Im Weiteren wurde die Thematik der beiden Priestergruppen noch zweimal im Priesterrat behandelt, zuletzt am 15. November 1972.99 Der Priesterrat „spricht sich für ein Vermittlungsgespräch unter Beteiligung des Vorstandes aus“. Die APS hatte ein solches Gespräch zuvor allerdings schon abgelehnt. Im Hintergrund der Kontroverse steht der Vorwurf der Häresie auf einem Flugblatt, das die APS lanciert und im „Namen von 2000 Mitgliedern“ veröffentlicht hatte. Hiervon hatte sich Erzbischof Jaeger wiederum in der Sitzung des Priesterrates distanziert. Laut Protokoll beklagte er, dass dieses Flugblatt im Namen so vieler Mitbrüder veröffentlicht worden sei. „Notwendig sei eine große Liebe zur Kirche“. Jaeger bedauerte,
daß es durch die Gründung der SOG unter den Priestern zur Konfrontation gekommen sei. Klusmann widerspricht und sieht die Konfrontation nicht in der Gruppierung SOG zu APS als solcher, sondern im Häresievorwurf durch die APS begründet. Bierbaum hebt die ursprünglich gute Gesprächsatmosphäre zwischen APS und SOG hervor, bis der Vorwurf gegen die SOG erhoben wurde.100
Bis zum Ende der Legislaturperiode durch den Eintritt der Sedisvakanz scheint dieses Gespräch dann nicht mehr stattgefunden zu haben. Terminprobleme werden dafür als Grund angegeben.101
Ein massiver und zugleich erstaunlicher Konflikt entspann sich in den letzten Monaten der Amtszeit Jaegers zwischen dem Finanzprälaten und dem Priesterrat. Mit Brief vom 6. März 1973102 hatte Prälat Christoph angekündigt, „daß ich an einer Priesterratssitzung nicht mehr teilnehmen werde, solange Herr Klusmann als Sekretär fungiert und für die Abfassung der Protokolle mit verantwortlich ist.“ Es ging inhaltlich um die Frage des Haushälterinnen-Hilfswerks, das den Priesterrat in mehreren Sitzungen beschäftigte und zu einem Briefwechsel des Vorstandes mit Prälat Christoph führte, der allen Priesterratsmitgliedern offengelegt wurde.103 Prälat Christoph warf der Protokollführung vor, „daß […] eine gefährliche Manipulation durchgeführt wird, die einen Keil zwischen Priesterrat und Verwaltung treibt.“ Er weist darauf hin, „daß, solange Herr Klusmann Einfluß auf den Priesterrat hat, keine spirituellen Angelegenheiten der Priesterschaft bearbeitet wurden, sondern immer nur Wirtschafts- und Geldfragen im Vordergrund standen.“ Der Priesterrat wies dies in der Sitzung am 14. Juni 1973 zurück und dankte dafür, „daß der Herr Kardinal in einem persönlichen Gespräch die Angelegenheit klären will.“104
Am 1. Juli 1973 trat dann die Sedisvakanz ein und damit endete die Amtszeit des Priesterrates. Eine ausführliche Dokumentation der zweiten Legislaturperiode fand sich in der Beilage zum Kirchlichen Amtsblatt Im Dienst der Seelsorge (Sonderdruck Juni 1974) mit dem Titel „Der Priesterrat – Information über die Arbeit in der zweiten Amtsperiode von 1970 bis 1973“.105
9. Jaegers Abschied aus dem aktiven Dienst als Erzbischof 1973
Manches lässt sich erst am Ende klarer sehen, so auch die Emotionen, die mit dem Rücktritt des Kardinals verbunden waren. Fragen wir auch hier noch einmal nach dem Verhältnis Jaegers zum Diözesanklerus Paderborn, dann finden sich in den Schreiben, die den Kardinal aus dem Anlass seines Rücktritts erreichen, viele Hinweise auf den großen Respekt, den er bzw. seine Lebensleistung genoss. Freilich sind in den Akten keine „negativen Abschiedsschreiben“ zu finden, so dass die folgenden Zitate aus ausgewählten Schreiben, die Jaeger anlässlich seines Rücktritts vom Amt des Erzbischofs erreichten, die positiven Aspekte in der Beziehung einzelner Priester und bischöflicher Weggefährten hervorheben.
Der Gruß aus dem Erzbischöflichen Kommissariat Magdeburg (Bischof Johannes Braun und der Geistliche Rat des Kommissariates Magdeburg) stellt fest:
Über mehr als drei Jahrzehnte waren Sie unserem Erzbistum mit seinem östlichen Teil […] ein Hirt und Bischof, dem Priester und Gläubige von Herzen zugetan waren. […] wir versichern Ihnen, daß wir in dieser bewegten Zeit in Liebe und Treue weiter zur Kirche stehen werden, zu der Sie uns oft und mit so großem Eifer geführt haben.106
Der Werler Dechant Bernhard Hellmann dankt Jaeger zunächst persönlich, „daß ich in außergewöhnlichen Situationen immer zu Ihnen kommen konnte und Verständnis bei Ihnen fand.“ Der Dechant war als junger Vikar mit Jugendlichen bei Jaegers Bischofsweihe anwesend und lernte den Bischof dann auf Tagungen und Priesterkonferenzen etwas näher kennen. Neben einem persönlichen Dank „für das Vertrauen, was Sie mir in den mehr als 30 Jahren geschenkt haben und für Ihr warmes Interesse, mit dem Sie meine vielschichtige Arbeit in Werl begleitet haben“, spricht der Dechant auch von Jaegers „Sorge um uns Priester, für Ihre weitsichtigen und wegweisenden Worte und für Ihre klaren Stellungnahmen. Ich habe in den Protokollen des Priester- und Pastoralrates Sie immer wieder bewundert und war stolz auf das, was Sie sagten.“107
Auch der frühere Dortmunder Propst, Emil Rath, dankt dem Kardinal
für das persönliche Vertrauen, das Sie mir in den langen Jahren geschenkt haben und das Sie in Ihrem anerkennenden Dankesschreiben zu meiner Pensionierung noch einmal geäußert haben. Ihr früherer Kaplan Klein hat mir einmal erzählt, Sie hätten gelegentlich eines Besuches in Dortmund, als Sie die Stadtgrenze erreichten, gesagt: ‚Jetzt kommen wir zu dem Propst von Dortmund. Da sitzen wir an dem kleinen, runden Tisch und sind sofort wie zuhause.‘ Darüber habe ich mich außerordentlich gefreut. Jeder Mensch freut sich ja so sehr über das Menschliche. Ich danke Ihnen für soviel Verständnis und für wesentliche Hilfeleistungen bei der Erfüllung meiner mannigfachen dienstlichen Obliegenheiten, vor allem in meiner Tätigkeit als Propst in Dortmund.108
Der aus dem sauerländischen Hellefeld stammende Paderborner Priester und damalige Erfurter Weihbischof Hugo Aufderbeck schrieb Jaeger elf Tage vor seiner eigenen Ernennung zum Apostolischen Administrator von Erfurt in einem handschriftlichen Gruß ebenfalls sehr persönliche Worte zum Abschied aus dem aktiven Dienst als Erzbischof.
Den größten Teil meines Priesterlebens waren Sie mein Bischof. In all den Jahren habe ich bei Ihnen immer ein offenes Ohr gefunden, einen Förderer meiner pastoralen Arbeit, einen hilfreichen Protektor besonders in zwei schwierigen Situationen und einen großen Wohltäter für unsere Diaspora. Sie waren für mich die Verkörperung eines Bischofs, der mannhaft, zielbewusst, energisch, weitblickend und bei allem väterlich seinen Dienst tat, in einer großen Liebe zur katholischen Kirche. Für Ihr mir durch Jahrzehnte bewiesenes Wohlwollen möchte ich Ihnen heute herzlich danken.109
Der Paderborner Weihbischof mit Sitz in Magdeburg, Johannes Braun, hebt Jaegers Nähe in seinem Schreiben ebenfalls hervor:
Mehr noch als früher habe ich Deine Hilfe und deinen guten Rat in meinem Amt als Bischof hier in der Diaspora unseres Erzbistums schätzen gelernt. Du warst diesem Teil deines Bistums immer aufs tiefste verbunden, das wußten wir alle hier und haben stets auch damit gerechnet, in Dir einen starken Helfer zu haben, selbst in den so unglücklichen Verhältnissen, wie Sie durch Krieg und Nachkriegsjahre entstanden sind.110
Der spätere Propst von Minden, Paul Jakobi, damals Bundespräses des Bunds der Katholischen Jugend in Düsseldorf, bringt zum Ausdruck, was viele Priester des Bistums erlebt haben:
Als ich 13 Jahre alt war, sind Sie Erzbischof von Paderborn geworden, so daß Sie fast mein ganzes Leben in dieser Eigenschaft begleitet haben. 1953 haben Sie mir im Paderborner Dom das Sakrament der Priesterweihe gespendet. Ich glaube, daß dadurch eine besonders innige Beziehung zwischen dem Bischof und seinen Priestern entsteht, auch wenn dies nicht häufig dokumentiert wird. Als Sie mich 1959 zum Diözesanjugendseelsorger beriefen, hatte ich viel mehr als vorher die Gelegenheit, mit Ihnen in Kontakt zu treten und dabei Ihre Freundlichkeit, Ihr Verständnis und Ihre stete Hilfsbereitschaft zu erfahren. Als ich 1966 nach Düsseldorf als Bundespräses des BDKJ ging, haben Sie mich in einem Schreiben auf kommende Schwierigkeiten und Probleme aufmerksam gemacht. […] Dennoch glaube ich, daß Sie aufgrund Ihrer reichen Lebenserfahrung und Ihres theologischen Verständnisses den Weg junger Menschen, die ja nicht nur Objekt, sondern auch Subjekt in der Kirche sind und sein wollen, respektiert haben. Gerade in den letzten Jahren mußten wir Vertreter der jüngeren Generation lernen, die Gesprächspartner der älteren Generation mit ihrer Klugheit und ihrem Weitblick anzuhören und ihren Rat in unsere eigenen Überlegungen einzubeziehen. Sie haben bis zu Ihrem Ausscheiden aus dem Amt sich bemüht, die Motive der jüngeren Leute für Ihr vielleicht oft unverständliches Handeln zu erkennen und zu respektieren. Wenn ich dies schreibe, werden Sie verstehen, daß ich Ihren Entschluß zum Anlaß nehme, Ihnen für alles, was Sie mir im Laufe meines Lebens gegeben haben, ein herzliches Wort des Dankes zu sagen.111
Der Vorsitzende des Diözesan-Caritasverbandes, Joseph Becker, schreibt Jaeger aus einem Kuraufenthalt. Dort sei ihm
aufgegangen, was wir Priester im Erzbistum Paderborn Ihnen alles zu verdanken haben. Sie haben uns durch Ihren unermüdlichen Fleiß und durch Ihr großes Pflichtbewusstsein, sowie durch ihre beispielhafte Frömmigkeit ein unübersehbares Zeichen gesetzt. Ihre Worte in den Briefen an die Priester, es haben mir dies viele Mitbrüder mündlich und schriftlich bestätigt, waren für uns immer Wegweisung und Hilfe.112
Auch wenn die hier zitierten Schreiben an Jaeger ihn grundsätzlich positiv zeichnen und negative Rückmeldungen hier nicht zu verzeichnen sind, scheint mir der zum Ausdruck gebrachte Respekt ehrlich zu sein. In Verbindung mit den beiden Zeitzeugeninterviews und den vielen gebotenen Erhebungen aus dem Agieren Jaegers im Blick auf die Priestergruppen, die Priesterteams und den Priesterrat, ergibt sich eben ein von hohem Respekt gezeichnetes Gesamtbild am Ende einer mehr als drei Jahrzehnte umfassenden Amtszeit. Das steht nicht im Gegensatz zu einer kritischen Würdigung Jaegers, insbesondere aufgrund seiner vormodernen Grundüberzeugungen und seiner tendenziell negativ gefärbten Sicht auf den modernen Menschen.
Abschließend soll Jaeger selbst noch einmal zu Wort kommen. Ich zitiere zwei Schriftstücke, die seine Sicht auf seinen Dienst als Erzbischof in Verbindung mit Bischöfen und Priestern dokumentieren. Zum einen zitiere ich aus einem Schreiben an Kardinal Julius Döpfner, den Vorsitzenden der Bischofskonferenz. Jaeger hatte versucht, ihn persönlich zu erreichen, um ihm von der Annahme seines Rücktrittsgesuchs durch Paul VI. zu unterrichten. Döpfner befand sich in einem postoperativen Krankenhausaufenthalt. So brachte Jaeger sein Anliegen am 30. Juni 1973 schriftlich zu Papier113 und ließ auch seine Rücktrittsmotive anklingen, aus denen etwas Bitterkeit spricht:
Ich habe in München angerufen, um Dir mitzuteilen, daß der Heilige Vater mein Rücktrittsgesuch angenommen hat und diese Nacht 00 Uhr meine Jurisdiktion und Leitungsgewalt über das Erzbistum Paderborn endet. In einer Zeit, die nur noch in soziologischen Kategorien denkt und im Bischof nur noch den Funktionsträger sieht, ist die Entscheidung des II. Vaticanums über die Beendigung der Amtszeit der Bischöfe und die Weisung des Hl. Vater betr. die Rechte der Kardinäle zeitgemäß. Die wachsende Arbeitslast, die heute auf unser aller Schultern ruht und der schwere Wellengang, mit dem das Schiff der Kirche zu kämpfen hat, hätten mich nicht bewegen können, die Kommandobrücke zu verlassen. Ich hoffe, daß ich nun der Arbeit und den Sorgen der deutschen Bischöfe mehr und besser helfen kann durch mein Gebet. Ich danke Dir und allen Mitbrüdern im bischöflichen Amt für das Vertrauen, dessen ich mich habe erfreuen können, und für die gute Zusammenarbeit in der Hauptkommission wie in der Plenarversammlung.
Einen Schlusspunkt sowohl dieses Beitrags wie des Dienstes als Erzbischof bildet das letzte, von Jaeger als amtierender Erzbischof unterzeichnete Schriftstück, der Brief an seinen engsten Mitarbeiter, Generalvikar Dr. Josef Droste. In diesen Zeilen findet sich noch einmal gut zusammengefasst, wie Jaeger sein Verhältnis zum Diözesanklerus verstanden hat:
Soeben habe ich das letzte dienstliche Schriftstück bearbeitet und beantwortet. Nun bleibt mir nur noch übrig, Ihnen ein Wort herzlichen und aufrichtigen Dankes zu sagen. Was ich Ihnen zu danken habe für Ihre mehr als zehnjährige treue und hingebende Arbeit als Generalvikar, läßt sich mit Worten nicht gutmachen. Sie waren mir in all den Jahren ein treuer und zuverlässiger Berater, ein schneller, kenntnisreicher Arbeiter, auf dessen Loyalität, Zuverlässigkeit und Verschwiegenheit ich immer habe bauen können. Sie haben mein in Sie gesetztes Vertrauen niemals enttäuscht. […] Ich versichere Ihnen, daß ich Ihnen immer in Dankbarkeit verbunden bleiben werde. Mein Gebet wird Sie ständig begleiten, ganz gleich, wie und wo der Herr über Sie verfügen wird. Sie haben Ihren Namen unauslöschlich eingetragen in die Liste der großen Generalvikare unseres Erzbistums und in die Geschichte der Erzdiözese Paderborn. Mit herzlichen Grüßen und den besten Segenswünschen für die Zukunft bin ich Ihr Ihnen bleibend verbundener Erzbischof […]114
Zu Libori 1973, also bereits knapp vier Monate nach Beginn der Sedisvakanz, trug der Kardinal an verschiedenen Orten Abschiedsgedanken vor.115 In einem Teil seiner Gedanken wendet er sich an die Priester seines Bistums, wobei er auf die zuvor zitierten Aussagen des II. Vatikanischen Konzils Bezug nimmt:
In dieser Abschiedsstunde möchte ich aber ein besonderes Wort des Dankes den Priestern überall im weiten Erzbistum sagen. Sie haben ja nicht nur ‚für ihren Teil‘ meine Sorgen und Aufgaben mitübernommen und in der täglichen Arbeit verwirklicht (vgl. CD 16); sie haben vor allem unter vielen Mühen und in der Last und Hitze des Tages das Evangelium verkündet, dadurch das Volk Gottes gebildet und ernährt und als Gemeinschaft der Glaubenden geeint (vgl. PO 4). So ist mein Dank für den Glauben der Kirche von Paderborn immer Dank denen gegenüber, die in unermüdlicher Arbeit diesen Glauben verkünden, auch unter den Bedingungen einer sich schnell wandelnden Welt. Ein katholischer Schriftsteller hat beim Verlassen einer geliebten Stadt das Wort geprägt: ‚Der Abschied ist schmerzlich und ein Aufreißen der Seele. Er stellt einem alles Ungenügen des irdischen Zustandes vor Augen.‘ Ich denke an dieses Wort, weil auch mir in dieser Stunde sehr wohl mein irdisches Ungenügen vor Augen steht, nicht nur und nicht zuerst unser aller Ungenügen und Begrenztheit der Forderung des Evangeliums gegenüber, denn hier gilt für alle Zeit: ‚Auch wenn wir alles getan haben, was uns befohlen wurde, sollen wir sagen: wir sind unwürdige Knechte. Wir haben nur unsere Schuldigkeit getan.‘ (Lk 17,10). Ich denke vor allem an das menschliche Ungenügen in unserem Umgang miteinander. Es mag sehr wohl sein, daß ich in diesen langen Jahren dem einen oder anderen in dieser oder jener Frage wehe getan habe oder wehe tun mußte. Auch ein Bischof bleibt ein Mensch. Und so möchte ich heute alle herzlich um Nachsicht und Vergebung bitten, die sich durch mich gekränkt fühlen oder gekränkt wurden. Wir alle leben ja nicht nur von der Vergebung Gottes, wir leben auch von der Vergebung untereinander.
Vier Monate nach seiner Emeritierung hat der langjährige Erzbischof noch einmal Bezug auf die Konzilstexte genommen, die vom Verhältnis des Bischofs und der Priester handeln. Zugleich hat er, und das scheint zumindest in öffentlichen Äußerungen solitär zu sein, sein eigenes Unvermögen, seine Grenzen und seine gemachten Fehler, wenn auch eher nur in Andeutungen und allgemein, thematisiert. Das führt nun zu einem Fazit, das nach einem langen Leben, einer sehr langen Amtszeit als Erzbischof und diesem Beitrag zu ziehen ist.
10. Fazit
Ausgewählte Aspekte der Beziehung Lorenz Jaegers mit den Priestern „seines“ Erzbistums habe ich vorgestellt. Wie eingangs angedeutet, müssten hier eigentlich etwa 3.000 Beziehungsgeschichten erzählt werden. Stattdessen habe ich versucht, anhand der Zeitzeugenerinnerungen, anhand von Jaegers eigenen Gedanken, die er über die Jahre in seinen Hirtenworten an die Priester formulierte und über einzelne, aus den Akten des Jaeger-Nachlasses rekonstruierbare Aspekte einige Einblicke in die Beziehung Jaegers zu den Paderborner Priestern zu geben. Es wurde deutlich, dass sich das Selbstverständnis des Erzbischofs als „Vater der Priester“ durchgehend mit einer militärisch-soldatisch verstandenen, kameradschaftlich vorgestellten Beziehung mischte. Kämpferische Vokabeln waren Lorenz Jaeger hierbei bis zum Ende seines Lebens und seines langen Lebens als Erzbischof stets nahe. Dass sich nach den ersten beiden Dekaden seines bischöflichen Dienstes die gesellschaftliche und die kirchliche Wirklichkeit radikal zu ändern begann, hat deutliche Auswirkungen auch auf die Beziehung zu den Priestern gehabt. Ein kollegiales Element wird dem alternden Bischof durch das Konzil und die nachkonziliaren Entwicklungen auch im Klerus seiner Diözese abgerungen. Zugleich verstand Jaeger, dass sich das Väterlich-Feldherrliche mit einem gewissen Maß an Brüderlichkeit und Dialog mischen musste, wollte er nicht in den heraufziehenden Auseinandersetzungen „außen vor“ bleiben und damit Einfluss und Gestaltungskraft verlieren. Dass ausgerechnet aus dem Kreis des Presbyteriums die Frage nach seinem altersbedingten Rücktritt in die Öffentlichkeit gebracht wurde, wird ihn geschmerzt haben. Dass er sich danach aber weitere drei Jahre im Amt hielt und weiterhin energisch zu allen Themen sich äußerte und auch unangenehmen Debatten nicht aus dem Weg ging, zeigt das Sendungsbewusstsein auf, das Jaeger als „Vater der Priester“ durchgängig hatte. Am Ende erscheint Jaeger wie in vielen anderen Bereichen auch im Blick auf seine Priester etwas aus der Zeit gefallen. Der militärisch-soldatische Blick auf Leben und Dienst des Priesters und des Bischofs, eines väterlichen Feldherrn, hatte ausgedient und das spürte Jaeger, der mit vielen Entwicklungen fremdelte und doch dem Grundsatz stets verbunden blieb, Polarisierungen und Gruppenbildungen im Klerus auch mit hohem persönlichem Einsatz entgegenzutreten. Sein Priesterbild sah das Verbindende am Ende dann doch als größer an als das Trennende oder Unterscheidende. Und es ging von einer Verbindung zwischen Bischof und Priestern aus, die tiefer und intensiver ist als die zu allen anderen Getauften. Die Zeitzeugeneinschätzung, dass mit Jaegers Emeritierung und seinem Tod eine Ära zu Ende ging, trifft auch nach Ausweis der untersuchten Akten voll zu: die Ära des Bischofs, der in einer besonderen Beziehung zu (allen) Priestern steht, aber eben doch eine ganze Etage über ihnen verbleibt, die sowohl Söhne sind wie Brüder. Das Changieren zwischen diesen eigentlich unvereinbaren Relationen dürfte Jaegers eigentliches Kunststück gewesen sein, das mal mehr, mal weniger gelungen zu sein scheint, aufs Ganze aber zu einem erstaunlichen Respekt führte, der ihm bei seiner Emeritierung und dann bei seinem Tod entgegengebracht wurde.
Quellen- und Literaturverzeichnis
Quellen
Erzbistumsarchiv Paderborn (EBAP) Acta generalia, Hirtenbriefe 1964 und 1965; Hirtenschreiben 1945–1953; Hirtenworte 1960–1970 Nachlass Lorenz Kardinal Jaeger (NLKJ) Akten Nr. 197, 212, 824–828, 832–834, 898, 1314, 1551, 2299
Gedruckte Quellen
Erzbischöfliches Seelsorgeamt Paderborn (Hg.): Leben und Frieden. Hirtenbriefe, Predigten und Ansprachen des Erzbischofs von Paderborn Dr. theol. Lorenz Jaeger (Thronassistent Sr. Heiligkeit des Papstes). Zum 15. Jahrestag seiner Bischofsweihe am 19. Oktober 1941. Paderborn o. J. (1956)
Jaeger, Lorenz: Christus – der Weg priesterlichen Wirkens, in: Erzbischöfliches Seelsorgeamt Paderborn (Hg.): Leben und Frieden. Hirtenbriefe, Predigten und Ansprachen des Erzbischofs von Paderborn Dr. theol. Lorenz Jaeger (Thronassistent Sr. Heiligkeit des Papstes). Zum 15. Jahrestag seiner Bischofsweihe am 19. Oktober 1941. Paderborn o. J. (1956), S. 281–287
Jaeger, Lorenz: Das Gebet – Heilmittel der Zeit, Neujahrshirtenwort an die Geistlichkeit 1944, in: Erzbischöfliches Seelsorgeamt Paderborn (Hg.): Leben und Frieden. Hirtenbriefe, Predigten und Ansprachen des Erzbischofs von Paderborn Dr. theol. Lorenz Jaeger (Thronassistent Sr. Heiligkeit des Papstes). Zum 15. Jahrestag seiner Bischofsweihe am 19. Oktober 1941. Paderborn o. J. (1956), S. 260–268
Jaeger, Lorenz: Geistliche Vaterschaft. Neujahrsgruß an den Klerus 1948, in: Erzbischöfliches Seelsorgeamt Paderborn (Hg.): Leben und Frieden. Hirtenbriefe, Predigten und Ansprachen des Erzbischofs von Paderborn Dr. theol. Lorenz Jaeger (Thronassistent Sr. Heiligkeit des Papstes). Zum 15. Jahrestag seiner Bischofsweihe am 19. Oktober 1941. Paderborn o. J. (1956), S. 288–295
Jaeger, Lorenz: Neujahrsgruß an den Klerus der Erzdiözese 1955, in: Erzbischöfliches Seelsorgeamt Paderborn (Hg.): Leben und Frieden. Hirtenbriefe, Predigten und Ansprachen des Erzbischofs von Paderborn Dr. theol. Lorenz Jaeger (Thronassistent Sr. Heiligkeit des Papstes). Zum 15. Jahrestag seiner Bischofsweihe am 19. Oktober 1941. Paderborn o. J. (1956), S. 305
Jaeger, Lorenz: „Sorge um gute Priester“. Fastenhirtenbrief 1955, in: Erzbischöfliches Seelsorgeamt Paderborn (Hg.): Leben und Frieden. Hirtenbriefe, Predigten und Ansprachen des Erzbischofs von Paderborn Dr. theol. Lorenz Jaeger (Thronassistent Sr. Heiligkeit des Papstes). Zum 15. Jahrestag seiner Bischofsweihe am 19. Oktober 1941. Paderborn o. J. (1956), S. 94–103
Literatur
Blaschke, Olaf/Unterburger, Klaus: Jaeger, die Entnazifizierung und die „sogenannten Kriegsverbrecher“, in: Nicole Priesching/Christian Kasprowski (Hg.): Lorenz Jaeger als Kirchenpolitiker (Lorenz Kardinal Jaeger, 3). Paderborn 2021, S. 117–159
Brandt, Hans Jürgen/Hengst, Karl: Geschichte des Erzbistums Paderborn, Bd. 4: Das Bistum Paderborn 1930–2010 (Veröffentlichungen zur Geschichte der Mitteldeutschen Kirchenprovinzen, 15). Paderborn 2014
Brandt, Hans Jürgen/Hengst, Karl: „Die Reform muß unten ankommen“. Zu Themen, Vermittlung und Akzeptanz des Zweiten Vatikanischen Konzils auf Ortsebene, in: Georg Pahlke (Hg.): Aufbruch im Umbruch. Das Zweite Vatikanische Konzil und das Erzbistum Paderborn. Paderborn 2017, S. 19–40
Damberg, Wilhelm: Kardinal Jaeger, die Enzyklika „Humanae Vitae“ und die „Königsteiner Erklärung“ der Deutschen Bischofskonferenz (1968), in: Nicole Priesching/Gisela Fleckenstein (Hg.): Lorenz Jaeger als Theologe (Lorenz Kardinal Jaeger, 1). Paderborn 2019, S. 211–227
König, Werner: Die Kirche wird lebendig in der Ortsgemeinde. Erfahrungen eines „Konzilspriesters“ im Erzbistum Paderborn, in: Georg Pahlke (Hg.): Aufbruch im Umbruch. Das Zweite Vatikanische Konzil und das Erzbistum Paderborn. Paderborn 2017, S. 143–164
Scheele, Paul-Werner (Hg.): Paderbornensis Ecclesia. Beiträge zur Geschichte des Erzbistums Paderborn. Festschrift für Lorenz Kardinal Jaeger zum 80. Geburtstag am 23. September 1972. München u. a. 1972
Utsch, Edgar/Klusmann, Carl-Peter (Hg.): Dem Konzil verpflichtet – verantwortlich in Kirche und Welt. Priester- und Solidaritätsgruppen in Deutschland (APG) 1969–2010: eine Bilanz nach 40 Jahren (Theologie und Praxis – Abteilung B, 25). Münster u. a. 2010
Vgl. die Zusammenstellung der Weihezahlen bei: Brandt/Hengst, Geschichte, Bd. 4, S. 173–175.
Jaeger, Sorge, S. 96. Dort findet sich ein interessantes Rechenexempel, nach dem statt 1.779 eigentlich 3.236 Priester zur Verfügung stehen müssten, wenn „wir die Zahlen von 1850 zugrunde legten“. Ebd., S. 99.
Protokoll, Priesterratssitzung am 16.5.1972, S. 3, EBAP, Nachlass Jaeger, 827 Bl. 41.
Erzbischöfliches Seelsorgeamt Paderborn (Hg.), Leben.
Ebd., S. 259.
Scheele (Hg.), Ecclesia. Der Begleitbrief zum Versand dieser Festschrift an die Priester ist von Kardinal Jaeger mit dem Datum vom 29. September 1972 gezeichnet. Aus diesem Brief (Einlage) ist das folgende Zitat entnommen.
Für weitere biographische Erinnerungen eines Zeitzeugen an Lorenz Jaeger siehe den Beitrag von P. Elmar Salmann und Nicole Priesching in diesem Band.
Gemeinsames Wort der Bischöfe der Kölner und der Paderborner Kirchenprovinz vom 8.4.1946, EBAP, acta generalia, Hirtenschreiben ab 1945–1953.
Vgl. Blaschke/Unterberger, Jaeger, S. 117–159.
Wort des Erzbischofs von Paderborn vom 28.4.1946, EBAP, acta generalia, Hirtenschreiben ab 1945–1953.
Jaeger, Gebet, S. 260.
Ebd., S. 267 f.
Vgl. Jaeger, Christus, S. 281–287.
Ebd., S. 287. „Unsere Welt hat sich in ein Chaos verwandelt. Nur die echte christliche Persönlichkeit mit ihrer gemeinschaftsbildenden Kraft und ihrer Verantwortungsfreudigkeit kann den Ansatz zu neuen Ordnungsgefügen bilden. Die Aufgabe liegt heute also zuallererst darin, aus katholischen Männern und Frauen durch die Kräfte des Glaubens Persönlichkeiten heranzubilden, die gemeinschaftsfähig und -willig und also imstande sind, ein gesundes Ehe- und Familienleben aufzubauen, stark genug, als Laienapostel auch die übrigen Bereiche menschlichen Gemeinschaftslebens aufs neue ordnend zu bewältigen. Eine große und schwere Aufgabe für die Seelsorge! Sie wird umso besser gelingen, je mehr wir selber ganze Priesterpersönlichkeiten sind. Die Persönlichkeit des Priesters bildet sich aber zutiefst […] in jenem Akt, wo der Mensch alles hinter sich wirft und glaubend und wagend in das neue und große Gesetz Christi hinübertritt, das den alten Menschen vernichtet und einen neuen lebendig macht.“ Ebd.
Ebd., S. 282 f.
Ebd., S. 283.
Jaeger, Vaterschaft, S. 289.
Ebd., S. 291.
Ebd., S. 293.
Ebd. Des Weiteren das „Absterben aller pharisäischen Selbstgerechtigkeit, der Rücksichtslosigkeit und der Blindheit gegenüber fremder Not durch Barmherzigkeit, Absterben der Welt- und Personen-Versklavung, Absterben der Verantwortungsscheu sowie der Feigheit und Bequemlichkeit“. Vgl. ebd., S. 294.
Vgl. Jaeger, Neujahrsgruß, S. 305.
Vgl. Neujahrsgruß des Erzbischofs an den Klerus des Erzbistums (1960), EBAP, acta generalia, Hirtenschreiben ab 1945–1953.
Neujahrsbrief des Erzbischofs an den Klerus des Erzbistums (1963), EBAP, acta generalia, Hirtenworte 1960–1970, ohne Paginierung (Karton 8. 40–43), S. 1.
Ebd., S. 4.
Ebd., S. 2.
Ebd., S. 4.
EBAP, acta generalia, Hirtenbriefe 1964 und 1965, o. Nr.
Neujahrsgruß des Erzbischofs Lorenz an die Priester des Erzbistums (1966), EBAP, acta generalia, Hirtenworte 1966–1970, o. Nr. (im eingehefteten Gesamtverzeichnis aber verzeichnet als Nr. 16).
EBAP, acta generalia, Hirtenbriefe 1964 und 1965, o. Nr. Die folgenden Zitate sind hier entnommen.
Ebd., S. 2.
Ebd., S. 3 f.
Ebd., S. 5.
Neujahrsbrief des Erzbischofs an seinen Klerus (1967), EBAP, acta generalia, Hirtenworte 1966–1970, Nr. 351.
Im Neujahrsbrief 1966 finden sich dazu neben erstaunlichen Zahlen Hinweise auf die Einrichtung der Berufungspastoral in Paderborn zur Priesterberufsförderung: „Jeder vierte Katholik erwägt jahrelang, der Kirche zu dienen und die Kirche zu seinem Beruf zu machen. Jeder zweite Oberschüler denkt irgendwann daran, Priester zu werden. Es brauchte also – theologisch gesehen – keinen Priestermangel zu geben. Versetzen wir uns aber einmal in die Lage dieser Angerufenen. Sie brauchen stärkere Beharrungskräfte gegenüber ihrer Umwelt als je zuvor. Sie sind im Wettbewerb der vielen Berufe, die ihnen angeboten werden, angewiesen auf Informationen über das Arbeitsfeld der Kirche. Sie brauchen uneigennützige Berater, die mit ihnen ihre Entscheidung tragen, und sie warten auf begeisternde apostolische Kräfte, auf Solidarität mit Gleichgesinnten. Wo immer sie diese Voraussetzungen antreffen, da gibt es auch heute noch viele Meldungen für die großen Aufgaben, die das Konzil an uns Seelsorger stellt. Dort aber, wo sich Priester in ihrer Bedeutung für die Weckung von Berufungen unterschätzen, wo sie vergessen, welche Rolle Priesterpersönlichkeiten in ihrer eigenen Berufungsentscheidung einst gespielt haben, da gehen Berufe verloren. Und auch nicht jeder, der sich vornimmt, ein Laienapostel zu werden, kann in unserer von der Wirtschaft geprägten Welt seinem Vorsatz treu bleiben. […] Ich will Sie darum von Zeit zu Zeit informieren über unsere Maßnahmen zur Priesterberufsförderung. Um mit Ihnen ständig Kontakt in dieser Frage halten zu können und um Ihre beratende Tätigkeit diskret zu unterstützen, habe ich seit Jahresfrist Herrn Domvikar Schreckenberg freigestellt, der sicherlich auch umgekehrt auf Ihre Mitwirkung rechnen darf.“ Neujahrsbrief 1966, EBAP, acta generalia, Hirtenworte 1966–1970, o. Nr.
Neujahrsgruß des Erzbischofs an den Klerus 1970 (vom 29.12.1969), EBAP, acta generalia, Hirtenworte 1966–1970, o. Nr. (im eingehefteten Gesamtverzeichnis aber verzeichnet als Nr. 2), 2.
Brief des Erzbischofs über die priesterliche Ehelosigkeit, EBAP, acta generalia, Hirtenworte 1966–1970, o. Nr., 2.
Neujahrsgruß des Erzbischofs an den Klerus des Erzbistums (Weihnachten 1970), S. 1–3, EBAP, Nachlass Jaeger, 212 Bl. 44.
Brief Krah an Jaeger, 30.7.1959, EBAP, Nachlass Jaeger 2299. Neben der „kurzfristigen Bekanntgabe des Termins für den Konvent“ und damit verbundenen „erheblichen Schwierigkeiten“, die Teilnahme einzurichten, bemängelt der Kurssenior vor allem den Eindruck, „daß der Planung keine klare Gesamtkonzeption zugrunde lag. Die Dozenten waren […] nicht genügend aufeinander abgestimmt, so daß sich Überschneidungen ergaben.“ Des Weiteren wünschten sich die Teilnehmer „reichlichere Austauschmöglichkeit mit den Referenten des Seelsorgeamts, dem Herrn Regens […] und besonders mit dem Hochwürdigsten Herrn Erzbischof von Paderborn […] zu finden“. Der offizielle Tagesplan lasse zu wenig Raum für „Möglichkeiten, das Gemeinschaftsleben zu pflegen“. Krah unterbreitet auch konkrete Vorschläge, wie die Themen mehr aufeinander bezogen und praxisnäher bearbeitet werden könnten und bittet darum, „die besondere Situation des jungen Vikars aufzugreifen und die Fragen unserer eigenen priesterlichen Existenz und unseres natürlichen Milieus zu beantworten“. Gegen Ende des Briefes wird eine Unzufriedenheit der jungen Priester deutlich, die darin begründet ist, „daß die Seelsorge in unserem Bereich unter Planlosigkeit, Verzettelung und Mangel an einer situationsgerechten Gesamtschau leidet“, was Krah dann noch etwas konkretisiert. Als letzten Punkt nennt der Brief konkrete Wünsche der Vikare, die sich aus ihrem Austausch hinsichtlich der Arbeit des Personalreferates und des Seelsorgeamtes ergeben.
Brief Jaeger an Krah, 7.8.1959, EBAP, Nachlass Jaeger, 2299. Die folgenden Zitate entstammen diesem Brief.
Brandt/Hengst, Reform, S. 28 f.
Brief Ignaz Stöckl an Jaeger, 20.8.1968, EBAP, Nachlass Jaeger, 1314 Bl. 16.
Brief Jaeger an Stöckl, 4.11.1968, EBAP, Nachlass Jaeger, 1314 Bl. 15.
Vgl. Damberg, Kardinal, S. 211–227.
Brief Keller an Jaeger, 28.11.1969, EBAP, Nachlass Jaeger, 833 Bl. 190. Die folgenden Zitate sind alle hieraus.
Vgl. Rundbrief an die SOG-Mitglieder mit Chronologie der Ereignisse um die Gründung der SOG Paderborn, EBAP, Nachlass Jaeger, 833 Bl. 179. Der Brief an den Erzbischof vom 31. Dezember 1968 ist in der Akte 833 nicht zu finden.
Dieses findet sich in: EBAP, Nachlass Jaeger, 833 Bl. 181, Bl. 183 mit handschriftlichen Anmerkungen des Kardinals.
König, Kirche, S. 150.
Utsch/Klusmann (Hg.), Konzil.
Brief Jaeger an Keller, 30.11.1969, EBAP, Nachlass Jaeger, 833 Bll. 187–189, hier Bl. 187.
Ebd.
EBAP, Nachlass Jaeger, 833 Bl. 189.
Ebd., Bl. 187.
Vgl. ebd., Bl. 161.
Vgl. Brief des Vorstands der SOG Paderborn an die Mitglieder, 17.10.1969, EBAP, Nachlass Jaeger, 833 Bl. 145.
EBAP, Nachlass Jaeger, 833 Bl. 149.
Ebd., Bl. 141.
Ebd., Bl. 142.
Ebd., Bl. 137.
Brief Keller an Jaeger, 1.12.1969, EBAP, Nachlass Jaeger, 833 Bll. 141 f., hier Bl. 141.
EBAP, Nachlass Jaeger, 834 Bl. 235.
EBAP, Nachlass Jaeger, 833 Bl. 140.
EBAP, Nachlass Jaeger, 834 Bl. 233.
Ebd.
Vgl. Bericht pdp über die Sitzung des Priesterrats, 4.2.1970, Überschrift: Kardinal Jaeger tritt in diesem Jahr nicht zurück, EBAP, Nachlass Jaeger, 834 Bl. 219.
Protokoll, TOP 3 der Priesterratssitzung (Brief der Solidaritätsgruppe zur Bischofswahl), S. 4, EBAP, Nachlass Jaeger, 826 Bl. 61. Im Protokoll auf S. 5 dann auch die Erklärung des Priesterrats: EBAP, Nachlass Jaeger, 826 Bl. 62.
EBAP, Nachlass Jaeger, 834 Bll. 2–214.
Ebd., Bl. 230.
Ebd., Bl. 226; EBAP, Nachlass Jaeger, 833 Bl. 133.
Brief Jaeger an Keller, 2.2.1970, S. 1, EBAP, Nachlass Jaeger, 833 Bl. 133.
Brief Jaeger an Keller, 2.2.1970, S. 2, EBAP, Nachlass Jaeger, 833 Bl. 133.
EBAP, Nachlass Jaeger, 833 Bl. 134.
In der Akte findet sich ein Brief der SOG hierzu an den Priesterrat, den Diözesanpastoralrat und das Domkapitel vom 6. März 1972: EBAP, Nachlass Jaeger, 833 Bl. 24, mit einer Umfrage zum Bischofsprofil sowie eine Erklärung „Bischofsprofil ’71“: EBAP, Nachlass Jaeger, 833 Bl. 14. Jaeger schreibt an Keller am 18. März 1972 mit einiger Ironie: „Lieber hochwürdiger Herr Vikar Keller! Ich bedaure zutiefst den Zeit- und Kraftverschleiß, der auf die Erstellung des sogenannten Bischofsprofils verwandt worden ist. M.E. ist es eine schlechte ‚Visitenkarte‘, die Sie für die Mitglieder der Paderborner SOG in der Öffentlichkeit abgegeben haben […] Lassen Sie mich zum Schluß noch sagen, daß der Terminkalender eines Paderborner Bischofs sehr viel anders aussieht, als der von Ihnen entworfene, und den Bischof viel stärker und umfassender einfordert.“ EBAP, Nachlass Jaeger, 833 Bl. 26.
Die Akte bietet einen Brief Jaegers an Keine und Keller vom 11. März 1970: EBAP, Nachlass Jaeger, 833 Bl. 121, und berichtet von einem Gespräch Jaegers mit Mitgliedern der SOG am 16. Februar 1971, 16 Uhr, im Paderborner Kolpinghaus. Hierzu finden sich handschriftliche Notizen Jaegers zur Vorbereitung in: ebd., Bl. 67. Danach gibt es noch einen Brief Jaegers an Keller vom 27. Februar 1971: ebd., Bl. 60.
Brief der SOG Paderborn an Jaeger, unterzeichnet von Norbert Keller, EBAP, Nachlass Jaeger, 833 Bl. 105.
Brief Jaeger an Keller, 9.7.1971, S. 3, EBAP, Nachlass Jaeger, 833 Bl. 93.
Brief Jaeger an Albert Gaffron, 6.5.1970, EBAP, Nachlass Jaeger, 1551.
Brief Gaffron an Jaeger, 31.12.1970, EBAP, Nachlass Jaeger, 1551.
Brief Jaeger an Gaffron, 3.2.1970, EBAP, Nachlass Jaeger, 1551.
Die Akte bietet einen Brief der APS an die SOG vom 10. Juni 1971: EBAP, Nachlass Jaeger, 833 Bl. 96; einen Brief Kellers an die APS vom 23. Mai 1971: EBAP, Nachlass Jaeger, 833 Bl. 106; sowie einen Austausch zwischen Jaeger und APS (Pfr. Wieschöfer): EBAP, Nachlass Jaeger, 833 Bl. 98. Ein Gespräch zwischen APS und SOG fand statt am 3. Mai 1971 in Schwerte: Protokoll, erstellt von Dietmar Fries, EBAP, Nachlass Jaeger, 833 Bl. 99.
EBAP, Nachlass Jaeger, 833 Bl. 94.
S. 3 f., EBAP, Nachlass Jaeger, 833 Bl. 92.
Brief vom 9.7.1971, S. 2–4, EBAP, Nachlass Jaeger, 833 Bll. 92 f.
Brief an Jaeger, 7.1.1969, EBAP, Nachlass Jaeger, 832 Bl. 80.
Ebd.
EBAP, Nachlass Jaeger, 832.
Vgl. König, Kirche, S. 151 f.
Schreiben vom 1.5.1971, „Meine liebe Pfarrgemeinde St. Clemens in Dortmund-Hombruch“, EBAP, Nachlass Jaeger, 832 Bl. 19. „Nach reiflicher Überlegung und in Kenntnis der noch vorhandenen Spannungen habe ich entschieden, daß der Einsatz des Priesterteams in der vorgesehenen Weise durchgeführt wird. Ich hoffe zuversichtlich, dass diese Entscheidung respektiert wird, und daß alle Gemeindemitglieder den jungen Mitbrüdern die Chance geben, ihren guten Willen und ihren seelsorglichen Eifer unter Beweis zu stellen. Durch Einigkeit und Gemeinsamkeit in der Gemeinde, durch vertrauensvolle Zusammenarbeit mit Euren Seelsorgern kann und wird es gelingen, daß die St. Clemens-Gemeinde wieder zu jener Kraft und Blüte gelangt, die einst für Hombruch charakteristisch war. Ich bitte euch herzlich darum, daß alle sich zu diesem Ziel zusammenfinden.“ Ebd.
EBAP, Nachlass Jaeger, 832 Bl. 7.
Vermerk Droste an Jaeger, 25.5.1971, EBAP, Nachlass Jaeger, 832 Bl. 3.
Brief Jaeger an Pfarrer Johannes Wiemann, 19.5.1971, EBAP, Nachlass Jaeger, 832 Bl. 2.
Protokoll der Sitzung vom 4.2.1970, EBAP, Nachlass Jaeger, 826 Bl. 58.
Protokoll über die 19. Sitzung des Priesterrates am 18.9.1968 in Paderborn, EBAP, Nachlass Jaeger, 825. Bei dieser Sitzung fehlte Generalvikar Dr. Droste. Unter II. findet sich das Gesprächsprotokoll zur Aussprache über die Enzyklika Humanae Vitae (S. 6–14): EBAP, Nachlass Jaeger, 825 Bl. 24.
Vgl. Protokoll der Sitzung vom 1.7.1970, S. 14 (5. Verschiedenes – Gründung der APS), EBAP, Nachlass Jaeger, 826 Bl. 39.
Protokoll, S. 14, EBAP, Nachlass Jaeger, 826 Bl. 39.
Protokoll, S. 2–6, EBAP, Nachlass Jaeger, 827 Bll. 32–36.
EBAP, Nachlass Jaeger, 827 Bl. 32.
Das Flugblatt findet sich in: EBAP, Nachlass Jaeger, 833 Bl. 9.
Brief Keller, im Namen des Vorstands der SOG Paderborn, an Jaeger, 27.4.1972, EBAP, Nachlass Jaeger, 833 Bl. 7.
Priesterratsprotokoll, TOP 7, S. 10, EBAP, Nachlass Jaeger, 827 Bl. 25.
Ebd.
Protokoll der Sitzung vom 28.3.1973, S. 8, EBAP, Nachlass Jaeger, 828 Bl. 22.
Brief Prälat Christoph an den Geschäftsführer des Priesterrates der Erzdiözese Paderborn, Herrn Bezirksdekan Paul Montag, 6.3.1973, EBAP, Nachlass Jaeger, 828 Bl. 31.
Dokumentiert in: EBAP, Nachlass Jaeger, 828 Bll. 1–8; sowie thematisiert in den Protokollen der Priesterratssitzungen.
Sitzung vom 14.6.1973, S. 12, EBAP, Nachlass Jaeger, 827 Bl. 7.
EBAP, Nachlass Jaeger, 824 Bll. 2–9.
Datiert vom 12.7.1973, EBAP, Nachlass Jaeger, 197 Bl. 14.
Datiert vom 10.7.1973, EBAP, Nachlass Jaeger, 197 Bl. 22.
Datiert vom 9.7.1973, EBAP, Nachlass Jaeger, 197 Bl. 38.
Datiert vom 9.7.1973, EBAP, Nachlass Jaeger, 197 Bl. 44.
Datiert vom 8.7.1973, EBAP, Nachlass Jaeger, 197 Bl. 47.
Datiert vom 5.7.1973, EBAP, Nachlass Jaeger, 197 Bl. 90.
Datiert vom 2.7.1973, EBAP, Nachlass Jaeger, 197 Bl. 135.
Brief an Kardinal Julius Döpfner, 30.6.1973, EBAP, Nachlass Jaeger, 197 Bl. 149.
Brief an Generalvikar Dr. Droste, 30.6.1973, EBAP, Nachlass Jaeger, 197 Bl. 154.
EBAP, Nachlass Jaeger, 898 Bl. 65. Es handelt sich hier nicht um die Liboripredigt von 1973, diese findet sich in: EBAP, Nachlass Jaeger, 898 Bl. 75. Einzelne Elemente dieser Predigt scheinen auch in den genannten Abschiedsgedanken auf.