Die Ostkirche gibt es ebensowenig wie die Westkirche, vielmehr haben wir es im Osten mit drei mehr oder weniger groÃen Kirchen zu tun, nämlich mit den Orthodoxen, den Altorientalen und den Assyrern. Zudem findet sich die Bezeichnung »orthodox« nicht nur im Osten, wie auch Ost- und Westkirche in gleicher Weise für sich den Titel »katholisch« beanspruchen.3
Der Begriff »katholisch« besagt vor allem die »Rechtgläubigkeit« gegenüber den Häretikern, und zwar in dem einen, ungeteilten und universalen Glauben der Kirche. Die »eine, heilige, katholische und apostolische Kirche« ist eine Bezeichnung des Nicaeno-Constantinopolitanum, das ein gemeinsames Glaubensbekenntnis von Ost und West ist, also gerade nicht von einer Kirche für sich allein beansprucht werden kann.
Der Begriff »Ostkirche« geht ursprünglich auf die Teilung des Römischen Reiches zurück und steht für die Kirche des damaligen oströmischen Reiches (395); nach der Trennung von West- und Ostkirche wird mit dem Begriff »Orthodoxie« eher der Unterschied zur lateinischen Westkirche angezeigt.
Als »orthodoxe Kirche« bezeichnet man jene Familie von Schwesterkirchen, die miteinander in eucharistischer Gemeinschaft stehen und die sich heute als die eine »orthodoxe katholische Kirche« betrachten. Auch wenn jede christliche Kirche letztlich »orthodox« sein will â nämlich aufgrund ihres Wesens und Anspruchs, möchte sie doch nicht häretisch oder schismatisch sein â, so erhebt die Kirche, die sich als »orthodox« bezeichnet, für sich den Anspruch, die einzig wahre Hüterin des rechten Glaubens und der alten Ãberlieferung zu sein, und als eine solche begeht sie das »Fest der Orthodoxie«.
Die orthodoxe Kirche
Die orthodoxe Kirche bildet eine Familie von Schwesterkirchen, die in eucharistischer Gemeinschaft stehen, aber in je eigener Organisation für sich den einen Glauben der ungeteilten Kirche für sich beanspruchen und die sich, wie gesagt, zum Nicaeno-Constantinopolitanum bekennen. Die Diptychen des Ãkumenischen Patriarchen enthalten autokephale und autonome Kirchen, deren Zählung recht unterschiedlich vorgenommen wird.4
Was die »Orthodoxie« in ihrem Wesen ausmacht, ist â von auÃen betrachtet â eigentlich recht schwer zu definieren, insofern sie
»keine âºKonfessionâ¹ im eigentlichen Sinne mit einer bestimmten, klar definierten Grundlage ist, wodurch sie sich von anderen Konfessionen abheben würde. Die Orthodoxie hat sich nie als eine Kirche verstanden, die sich aufgrund eines bestimmten historischen Ereignisses oder aufgrund von Lehrunterschieden von den anderen abgesondert hat. Hieraus läÃt sich der Anspruch der Orthodoxen erklären, zu der einen, ungeteilten Kirche zu gehören, oder die wahre apostolische, katholische Kirche zu sein, usw. [â¦]. Die Orthodoxen erwarten von den anderen Christen nicht, daà sie zur orthodoxen Konfession im engeren Sinne zurückkehren, sondern daà sie ihre eigene âºOrthodoxieâ¹ an ihrem Orte als ein Teil der allgemeinen, katholischen und ungeteilten Kirche finden und darin leben«5.
Im Westen sieht man zuweilen die Ostkirche eher als eine Föderation von Nationalkirchen, die einer Staatskirche angehören, was nach Vladimir Lossky6 (â 1958) aber als ein »fälschlich verallgemeinerndes Urteil, ja sogar als Häresie des Phyletismus« bewertet werden muÃ: »Nicht die politische oder nationale Einheit, sondern das kirchliche Territorium, das durch eine mehr oder weniger überkommene alte Tradition geheiligte Gebiet, bildet die Grundlage einer Metropolitanprovinz, die von einem Erzbischof oder Metropoliten geleitet wird«. Sobald sich mehrere Metropoliten zu einer Landeskirche zusammenschlieÃen, geschieht dies gerade aufgrund der gemeinsamen örtlichen Tradition und Geschichte. Wohl kam es zu vielen Ausdrucksformen in den einzelnen Territorien der Orthodoxie, aber ihr Glaube ist ein einziger.
Zudem läÃt sich, sieht man von der Theologie der Kirchen- und Mönchsväter ab, kaum eine bestimmte »Schultheologie« als die Theologie der Orthodoxie ausgeben. Doch selbst wenn es nicht die orthodoxe Theologie gibt, hat sie in und trotz ihrer Vielfalt ein Eigengepräge, das sie grundlegend von dem der Westkirche unterscheidet. Die wahre orthodoxe Theologie unterscheidet sich auÃerdem wesentlich von dem, wie sie zuweilen dargestellt wird. Einige orthodoxe Theologen versuchen sogar, die gesamte orthodoxe Theologie im Nachhinein »byzantinisch« neu auszuformulieren, indem sie â auch im künstlerischen Bereich (Malerei, Musik etc.) â all das tilgen, was diesem Anspruch nicht entsprach bzw. entspricht.
Die Gründe für ein derartiges Ansinnen sind recht vielgestaltig. So betrieb die Fakultät von Athen in ihrer Theologie bis in die fünfziger und teils sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts einen eher scholastischen Ansatz, gleiches gilt für die Fakultäten von Kiew im 17. Jahrhundert und von Moskau im 19. Jahrhundert. Auch wurde der russische Psalter nach dem lateinischen übersetzt, serbische Komponisten studierten in Wien, bulgarische in Prag und rumänische in Paris; die Ãbernahme des Schul- und Universitätswesens geschah nach deutschem oder schwedischem Muster; die russische »religionsphilosophische Schule« rezipierte den Deutschen Idealismus, und in einem eher irenischen Sinn wurde sogar die »Summa« des Thomas von Aquin (â 1274) übersetzt und die Theorie der sieben Sakramente übernommen, wie man derzeit auch die Werke von Papst Benedikt XVI. (* 1927) ins Russische übersetzt. Es dürfte wohl verfehlt und unsachlich sein, auf östlicher Seite solche Vorhaben einfach nur als eine indirekte Angriffsstrategie des Katholizismus oder Protestantismus deuten zu wollen.
GewiÃ, die Ãbernahme scholastischen Denkens blieb nicht folgenlos, insofern sich die orthodoxe Theologie auf diese Weise â wenn auch nur äuÃerlich â einer »Schultheologie« verschrieb. Doch trotz aller Ãbernahmen geistiger Vorgänge und Ideen aus dem Westen kam es dabei immer auch zu einem Prozeà der Verarbeitung und Sondierung, obgleich teilweise erst im nachhinein. Aber die Grundsubstanz der orthodoxen Kirche blieb ihr bis heute erhalten. Aufgrund dessen haben Georgi Florovskij (â 1979), John Meyendorff (â 1992), Ioannis Zizioulas (* 1931), Karl Christian Felmy (* 1938) und andere recht, wenn sie sagen, daà Gregor Palamas (â 1359) mehr dem orthodoxen Denken entspricht als die Theologie eines Thomas von Aquin. Im Osten überwiegt in der Tat ein eher »platonischer« Denkstil, auch wenn es zuweilen Ansätze für einen aristotelisch-scholastischen gab; Ãbernahmen aus dem Westen blieben letztlich immer nur »pseudomorph«.7
Die unierten Kirchen
Der Begriff »Ostkirche« wird meist mit »orthodoxe Kirche« in eins gesetzt, doch zählen zur Ostkirche ebenso die mit Rom unierten Kirchen, die â auf der Grundlage der ostkirchlichen Tradition und Theologie â teils auch eigene Formen und Inhalte geistlichen Lebens entfaltet haben.8
Die ökumenische Begegnung
Nach der Begegnung Papst Pauls VI. mit Patriarch Athenagoras (1964) schien eine Eucharistiegemeinschaft mit der orthodoxen Kirche sehr nahegerückt zu sein; nicht anders verhielt es sich beim Gespräch mit den »reformatorischen Gemeinschaften«. In der Tat, das II. Vatikanum löste einen ökumenischen Frühling aus, der auf eine baldige Kircheneinheit hoffen lieÃ. Momentan scheint das ökumenische Gespräch eher ins Stocken geraten zu sein. Worte der Enttäuschung und Resignation sind nicht zu überhören.9
Die Einheit des gemeinsamen, im Wort der Verkündigung sich bezeugenden Glaubens und des gemeinsamen Tisches Jesu Christi gehört zu jenen Zeichen, die den Christen von Christus anvertraut sind. Nur als »katholische Kirche«, nämlich als eine in ihrer Vielheit dennoch sichtbar geeinte Kirche, wird sie in einer zerrissenen Welt als ein Zeichen und Mittel der Einheit erscheinen, das Nationen, Rassen und Klassen zu überschreiten und zu vereinen vermag.10 Würde aber die Einheit im Glauben unter den Christen nur ausgehandelt, bliebe sie ein »Menschenwerk«11, wie auch viele theologische Konsenseinigungen meist nur auf einer menschlichen bzw. wissenschaftlichen Ebene stehenbleiben. Deshalb ist die Frage immer noch ohne eine Antwort geblieben, wie es überhaupt zu einer Einheit unter den Christen kommen könnte.
Dieser Frage wollen wir uns kurz zuwenden und dabei eine Anregung von Joseph Ratzinger / Papst em. Benedikt XVI. aufgreifen und entfalten, die übrigens von ostkirchlicher Seite als ein wichtiger Beitrag in den Erwägungen zur Einheit der Christen anerkannt wurde.12 Nach Joseph Ratzinger ist im ökumenischen Gespräch zunächst nach »der Vertretbarkeit des Getrenntbleibens« zu fragen, »denn nicht die Einheit bedarf der Rechtfertigung, sondern die Trennung«13. Dabei unterscheidet er zwischen menschlichen Trennungen und theologischen Spaltungen: Es kann nämlich durchaus eine Verschiedenheit unter den christlichen Kirchen geben, die das Wesen der Kirche jedoch nicht beeinträchtigen muÃ; es gilt vielmehr, »das Miteinander in der Vielheit gewachsener geschichtlicher Formen leben zu lernen«. Positiv anzustreben ist eine »Einheit durch Vielfalt, durch Verschiedenheit«14, wobei die Verschiedenheit einen neuen »Reichtum des Hörens und Verstehens« zu erschlieÃen vermag. Sobald einer Spaltung das Gift der Feindseligkeit genommen wird und man sich gegenseitig annimmt, führt dieser Weg zur Erfahrung einer »felix culpa«, »auch bevor sie ganz geheilt wird«15. Joseph Ratzinger resümiert: »Der harte Kern der Trennung ist erst da gegeben, wo ein oder mehrere Partner gewià sind, daà sie nicht ihre eigenen Ideen verteidigen, sondern zu dem stehen, was sie aus der Offenbarung empfangen haben und daher nicht manipulieren können.«16
Ratzingers Konzept im ökumenischen Gespräch unterscheidet sich grundlegend von vielem, was derzeit in der Annäherung der Christen allgemein üblich ist. Seiner Ansicht nach läÃt sich eine Vereinigung der Christen nicht mit Maximalforderungen erreichen, stattdessen bedarf es zunächst und vor allem der Wahrheit und Redlichkeit.17 Ãber die Wahrheit aber läÃt sich nicht diskutieren,18 debattieren und abstimmen, ihr kann man nur dienen und die Ehre geben:
»Wahrheit ist keine Mehrheitsfrage. Sie ist oder sie ist nicht. Deswegen sind Konzilien nicht verbindlich, weil eine Mehrheit von qualifizierten Vertretern etwas beschlossen hat. [â¦] Konzilien beruhen auf dem Prinzip der moralischen Einmütigkeit, und die wiederum erscheint nicht als eine besonders hohe Mehrheit. Nicht der Konsens begründet die Wahrheit, sondern die Wahrheit den Konsens: Die Einmütigkeit so vieler Personen ist immer als etwas menschlich Unmögliches angesehen worden. Wenn sie auftritt, zeigt sich darin die Ãberwältigung durch die Wahrheit selbst. Die Einmütigkeit ist nicht Grund der Verbindlichkeit, sondern das Zeichen der erscheinenden Wahrheit, und aus ihr flieÃt die Verbindlichkeit.«19
Kurz gesagt: Das ökumenische Gespräch verlangt mehr als kirchenpolitische Verhandlungen oder einen äuÃeren Konsens, weshalb Joseph Ratzinger betont: »Da aber der Glaube nicht eine bloÃe Setzung menschlichen Denkens ist, sondern Frucht einer Gabe, kann die Gemeinsamkeit auch letztlich nicht aus einer Operation des Denkens kommen, sondern wiederum nur geschenkt werden.«20
Die Arbeit in der Ãkumene hat sich vom Prinzip des »Unverfügbaren« leiten zu lassen. Eine Einigung in Basissätzen ergibt noch keine Vereinigung der Christen, und eine rein von Menschen ausgehandelte Einheit »könnte logischerweise nur eine Angelegenheit iuris humani sein. Sie würde damit die in Joh 17 gemeinte theologische Einheit überhaupt nicht berühren«21. Das ökumenische Mühen verlangt KompromiÃfähigkeit und Verhandlungstalent, doch dies alles setzt wiederum »die eigentlich religiöse Ebene« von Gebet und BuÃe voraus, geht es doch hierbei primär um ein geistliches, weil geistgewirktes Vorhaben.22
Glaube und Vereinigung im Glauben sind keine Sache des Menschen, der sie hervorrufen und bewerkstelligen könnte,23 sie gründen im Gebet Jesu für seine Kirche und ihre Einheit. Joseph Ratzinger betont deshalb, »daà wir die Stunde nicht wissen und auch nicht festlegen können, wann und wie die Einheit zustande kommt«24; sie ist allein Gottes Sache.25 Bis Gott selbst die Einheit der Christen bewirkt, gilt es, im ökumenischen Gespräch und in der Annäherung der Christen »dem anderen nichts aufdrängen zu wollen, was ihn â noch â im Kern seiner christlichen Identität bedroht«26:
»Katholiken sollten nicht versuchen, Protestanten zur Anerkennung des Papsttums und ihres Verständnisses von apostolischer Sukzession zu drängen [â¦]. Umgekehrt sollten Protestanten davon ablassen, von ihrem Abendmahlsverständnis her die katholische Kirche zur Interkommunion zu drängen, da nun einmal für uns das doppelte Geheimnis des Leibes Christi â Leib Christi als Kirche und Leib Christi als sakramentale Gabe â ein einziges Sakrament ist, und die Leibhaftigkeit des Sakramentes aus der Leibhaftigkeit der Kirche herauszureiÃen das Zertreten der Kirche und des Sakraments in einem bedeutet.«27
Vor allen praktischen Bemühungen und schon erreichten Ãbereinstimmungen im ökumenischen Gespräch ist nach dem zu fragen, was Gott selbst der Kirche in der Annäherung mit den anderen Kirchen sagen und zeigen will. Ja, es gilt, nach dem tieferen Sinn der Trennung und Spaltung zu fragen. Joseph Ratzinger verweist hier auf 1 Kor 11,19, indem er diese Stelle im Sinne Augustins auslegt: »Spaltungen müssen sein«. Der biblische Begriff »
Noch einen weiteren Punkt gilt es zu erwägen, der für das weitere Gespräch mit der Orthodoxie entscheidend werden kann. Der russische Bischof Hilarion Alfejew31 gibt zu bedenken: Statt die katholische Sicht des Primats nur zu kritisieren, muà die Orthodoxie eine eigene Auffassung in der Frage des Primats entwickeln, die für die katholische Kirche überzeugend ist. Von römischer Seite hingegen müÃte deutlich gemacht werden, daà es beim Papsttum nicht bloà um eine Rechtsstellung geht, die über die sakramentale Ordnung gesetzt wurde; vielmehr ist für die Orthodoxie sichtbar zu machen, daà im wirklichen Leben der Kirche und im gültigen Kern ihrer Verfassung das sakramentale Gefüge immer lebendig und in seiner Einheit mit dem Petrusamt das Tragende war.32
Bei solchen grundsätzlichen, doch auch geistlichen Erwägungen hat das Gespräch mit der Ostkirche anzusetzen: Ãber die theologischen Argumente und Klärungen hinaus bedarf es der Haltung des Gebets und des gegenseitigen Verstehens und Annehmens. In diesem Sinn muà Ratzingers Feststellung verstanden werden: »Eine Kircheneinheit zwischen Ost und West ist theologisch grundsätzlich möglich, aber spirituell noch nicht genügend vorbereitet und daher praktisch noch nicht reif.«33 Auf jeden Fall läÃt sich die Einheit zwischen Ost und West nicht von auÃen her machen bzw. herstellen, wohl aber läÃt das Mühen um diese Einheit zu Gott beten und bitten.34
Als Ergebnis dieses kleinen Diskurses zum ökumenischen Gespräch zwischen Ost und West läÃt sich für unsere weiteren Ãberlegungen festhalten: Da die Kirche des Ostens wie auch die des Westens dem Gehalt und der Gestalt der Väterkirche ungebrochen treu zu bleiben sucht und weil in Rom keine andere Kirche gegenüber jener im ersten Jahrtausend besteht, also jener Zeit, in der man gemeinsam Eucharistie feierte und eine Kirche war,35 darf die Ostkirche die Entwicklung der Westkirche im zweiten Jahrtausend nicht als häretisch erklären, wie umgekehrt der Westen die Kirche des Ostens in der Gestalt anerkennen muÃ, »die sie sich bewahrt hat«36.
Gewià kam es mit dem Jahre 1054 zu einer Entfremdung zwischen Ost und West, die in der Regel als »Schisma« bezeichnet wird. Doch eigentlich war das Evangelium von Anfang an in Ost und West immer schon auf recht unterschiedliche Weise verkündigt worden, was schon bald zu verschiedenen Traditionen und Formgestalten führte. SchlieÃlich konnte man sich über Jahrhunderte hin kaum noch verständigen; die Unterschiede im Bereich der Liturgie, des Bildes und der Theologie waren zu groà geworden, man hatte sich auseinandergelebt. Deshalb bedarf es auf dem Weg einer Wiedergewinnung der Einheit in Ost und West zunächst neuer Erfahrungen im Dialog der Liebe und in einer »Ãkumene des Herzens«, wie sie mit diesen Studien zur »Theologie des geistlichen Lebens« angestrebt wird. Denn die Wiedergewinnung der Einheit im Glauben ist, wie wir darlegten, weniger ein rein politisches Problem, zunächst und vor allem ist eine neue und tiefere Besinnung auf die Einheit im Apostolischen Glauben anzustreben, der ja jedem Christen mit der Taufe anvertraut ist.
Mit diesen ersten Ãberlegungen wollen wir uns nun der Glaubenstradition in Ost und West zuwenden und nach möglichen Gemeinsamkeiten und Unterschieden suchen. Diese Ausführungen werden vielleicht manchen Leser ermüden, scheinen sie doch auf den ersten Blick nicht unmittelbar mit der Thematik dieser Studie zu tun zu haben, weshalb er sich gegebenenfalls gleich den nächsten Kapiteln zuwenden kann. Es werden nämlich einige dogmatische Grundfragen zu klären sein, um auf diese Weise den Erweis zu erbringen, daà die ostkirchliche Weise, Theologie zu treiben, keineswegs rückständig oder gar überholt ist, vielmehr wahrt sie den ureigenen Typos christlicher Dogmatik, der dem Westen gar nicht so fremd zu sein hat, insofern er ihm selber einmal zu eigen war. In diesem Sinn wollen gerade die folgenden Ãberlegungen ein Beitrag zu einem fruchtbringenden Gespräch mit der Orthodoxie sein.
Viele Darstellungen der orthodoxen Theologie und Spiritualität beginnen gleich im Binnenbereich der Ostkirche, sie beschreiben die Theologie der Ikone und die Vollzüge der Liturgie und des geistlichen Lebens. Kaum aber wurde bisher der Versuch unternommen, die orthodoxe Theologie und Spiritualität in ein fruchtbares Gespräch mit der westlichen Theologie und Spiritualität der Gegenwart zu bringen.
Doch werden wir, wie schon angedeutet, nur grundlegende Aspekte der ostkirchlichen Theologie vorstellen und untersuchen können, insofern diese für das Verständnis und die Praxis der östlichen Spiritualität von besonderer Relevanz sind. Die Ausführungen sind also weit entfernt von einer Gesamtdarstellung der ostkirchlichen Theologie. Vor allem werden wir jene theologischen Prämissen anführen, die der »mystischen Theologie« in der Ostkirche wesenhaft zugrunde liegen. Unser Vorhaben könnte aus mehreren Gründen von Bedeutung sein:
â Zunächst darf davon ausgegangen werden, daà die westliche Theologie selber nicht schon der formvollendete Ansatz einer Glaubensreflexion ist. Auch sie wird â übrigens wie jedes menschliche Vorhaben â ihre Einseitigkeiten und Schwachpunkte haben. Es wird sich beispielsweise zeigen, daà sich angesichts der historisch-kritischen Exegese, wie sie in der Westkirche derzeit praktiziert wird, durchaus neue Horizonte im Gespräch mit der Ostkirche eröffnen, die zu einer Bereicherung auf beiden Seiten führen können. Auch die Diskussionen um die »Liturgiereform«, die in der lateinischen Kirche nach dem II. Vatikanum durchgeführt wurde, werden aus der Begegnung mit der ostkirchlichen Liturgie neu an entscheidende theologische Grundlagen und Vorgaben erinnert, die für beide Kirchen unaufgebbar sind. Was die dogmatischen Fragestellungen angeht, lieÃe sich gewià eine Bereicherung im Themenumfeld von Schöpfungslehre und Pneumatologie, aber auch der Eschatologie und Ekklesiologie vorstellen, wie wir in unseren Ausführungen eigens darlegen werden. Vermutlich liegt die gröÃte Herausforderung im ökumenischen Gespräch gerade im Bereich der Christologie, was wir ebenfalls noch umfassend auszuführen haben. Der Gewinn aus einem solchen Gespräch wird jedoch m. E. gerade im Bereich des geistlichen Lebens liegen, zumal die ostkirchliche Praxis bis heute viele Erfahrungen und Praktiken aus dem Urbestand des christlichen Glaubens und Betens bis heute treu bewahrt hat und aufgrund dessen manche abendländische Engführung besser erkennen und aufheben läÃt.
â Weiterhin ist kaum zu übersehen, daà die Ostkirche aufgrund ihrer Treue zur Ãberlieferung so manche Fragestellung in der Glaubenslehre bewahrt hat, die gegenwärtig in der westlichen Theologie und Spiritualität nicht mehr präsent ist oder sogar vorschnell als überholt beiseite gelegt wurde.37 Zudem sollte nicht vergessen werden, daà die Kirche ihren Glauben in den ersten Jahrhunderten gerade im östlichen Bereich ausformulierte, vor allem auf den ersten sieben ökumenischen Konzilien.
â AuÃerdem ist es immer anregend, die eigene Fragestellung auch einmal aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten und sich dadurch anregen zu lassen. Es läÃt sich zeigen, daà Ost- und Westkirche sich schon ziemlich früh einen je eigenen Denkstil angeeignet haben, der für sie im Laufe der Geschichte insofern folgenreich wurde, als er sich immer tiefer ausprägte und dabei sogar zu manchen Einseitigkeiten führte. Auch die unterschiedlichen philosophischen, politischen und zeitgenössischen Hintergründe prägten die jeweils andersartigen Antworten und Reaktionen, nach denen gesucht werden muÃte.38
Vgl. die Studien zu den Begriffen »orthodox« und »katholisch« bei M. Fiedrovicz, Theologie der Kirchenväter. Grundlagen frühchristlicher Glaubensreflexion, Freiburg-Basel-Wien 2007, 375ff.
Einen allgemeinen, aber informativen Ãberblick geben die Artikel des LThK VII (1962), 1287â1289; TRE XXV (1995) 423â464; LThK VII (1998) 1144â1152. â Siehe ferner: K. Onasch, Einführung in die Konfessionskunde der orthodoxen Kirchen. Berlin 1962; E. von Ivánka, J. Tyciak u. P. Wiertz (Hgg.), Handbuch der Ostkirchenkunde. Düsseldorf 1971, bes. 3â96.723â785; F. Heiler, Die Ostkirchen. München-Basel 1971; L.O. Lumma, Cui bono? Ãberlegungen zum Eigenwert der katholischen Ostkirchen, in: Th. Kremer (Hg.), »Dein Antlitz, Herr, will ich suchen!« Selbstoffenbarung Gottes und Antwort des Menschen, Münster 2019, 283â297; W. Nyssen, H.-J. Schulz u. P. Wiertz (Hgg.), Handbuch der Ostkirchenkunde IâIII. Düsseldorf 1984â1997, hier Bd. I, 10â288; D.W. Winkler u. K. Augustin (Hgg.), Die Ostkirchen. Ein Leitfaden, Graz 1997, bes. 21â90.91â113.115â124; E.C. Suttner, Die Ostkirchen. Ihre Traditionen, der Verlust unserer Einheit mit ihnen und die Suche nach Wiedererlangung der Communio, Würzburg 2000; J. Oeldemann, Die Kirchen des christlichen Ostens. Orthodoxe, orientalische und mit Rom unierte Ostkirchen, Kevelaer 2006. â AuÃerdem A.-A. Thiermeyer, Auftrag und Erbe der katholischen Ostkirchen. Das Apostolische Breve »Equidam verba« von Pius XI. (1924) im zeitgeschichtlichen Kontext und seine Bedeutung auf dem Weg zur Einheit der Kirche, in: Th. Kremer (Hg.), »Dein Antlitz, Herr, will ich suchen!« Selbstoffenbarung Gottes und Antwort des Menschen, 251â282; R. Thöle u. M. Illert (Hgg.), Wörterbuch zu den bilateralen Dialogen zwischen der Evangelischen Kirche in Deutschland und orthodoxen Kirchen. Leipzig 2014; T. Bremer, A.E. Kattan u. R. Thöle (Hgg.), Orthodoxie in Deutschland. Münster 2016. â Zum ökumenischen Gespräch in Deutschland bietet z. B. eine Ãbersicht: A. Basdekis, Die Orthodoxe Kirche. Eine Handreichung für nicht-orthodoxe und orthodoxe Kirchen, Frankfurt am Main 2001, bes. 103â140; J. Ernesti u. W. Thönissen (Hgg.), Personen-Lexikon Ãkumene. Freiburg-Basel-Wien 2010.
N.A. Nissiotis, Die Theologie der Ostkirche im ökumenischen Dialog. Kirche und Welt in orthodoxer Sicht, Stuttgart 1968, 234f.
V. Lossky, Die mystische Theologie der morgenländischen Kirche. Ãbers. v. Mirjam Prager OSB, Graz-Wien-Köln 1961, 20f. â V. Lossky ist mit seiner »Mystischen Theologie der morgenländischen Kirche« ein wichtiger Vertreter der gegenwärtigen palamitischen Renaissance wie auch einer apophatischen Theologie.
Hierzu informativ beispielsweise: E. von Ivánka, J. Tyciak u. P. Wiertz (Hgg.), Handbuch der Ostkirchenkunde, 239â331. â Seit der »Wende« gibt es nochmals ganz neue, teils sogar nationalistische Ansätze.
Weitere konkrete Angaben in: ebd., bes. 198â238; 683â685; W. Nyssen, H.-J. Schulz u. P. Wiertz (Hgg.), Handbuch der Ostkirchenkunde I, 44â48. â Ãber den »Uniatismus« und seine Bewertung aus orthodoxer Sicht gibt eine kurze Auskunft (mit Lit.): A. Kallis, Von Adam bis Zölibat. Taschenlexikon Orthodoxe Theologie, Münster 2008, 350â356; A. Mykhaleyko, Die katholischen Ostkirchen. Göttingen 2012; ders., Die katholischen Ostkirchen. Göttingen 2012; ders., Vom Uniatismus zum Ãkumenismus. Zur Identität der katholischen Ostkirchen, in: ContaCOr 19 (2017) 79â90.
Weiterführende Literaturangaben z. B . in: A. Kallis, Von Adam bis Zölibat, 230â235f. (Lit.).
So J. Ratzinger, Einführung in das Christentum. München 2000, 328.
J. Ratzinger, Kirche, Ãkumene und Politik. Einsiedeln 1987, 128â134, hier 130.
Vgl. hierzu beispielsweise die verschiedenen Beiträge in: Orthodoxes Forum 21 (2007) 15â212.
J. Ratzinger, Vom Wiederauffinden der Mitte. Grundorientierungen, Freiburg-Basel-Wien 1997, 190. Vgl. R. Erni u. D. Papandreou, Eucharistiegemeinschaft. Der Standpunkt der Orthodoxie, Fribourg 1974, 68â96, hier 91f.
J. Ratzinger, Kirche, Ãkumene und Politik, 130f.
Ebd., 131.
J. Ratzinger, Weggemeinschaft des Glaubens. Kirche als Communio. Festgabe zum 75. Geburtstag. Hrsg. v. Schülerkreis, Augsburg 2002, 220â234, hier 223.
Ratzinger führt aus: »Es darf nicht als Wahrheit auferlegt werden, was in Wirklichkeit geschichtlich gewachsene Form ist, die mit der Wahrheit in einem mehr oder weniger engen Zusammenhang steht. Gerade wenn also das Gewicht der Wahrheit und ihre Unverzichtbarkeit ins Spiel gebracht wird, muà dem auch eine Redlichkeit entsprechen, die sich vor vorschneller Inanspruchnahme der Wahrheit hütet und nach der inneren Weite des Wahren mit den Augen der Liebe zu suchen bereit ist« (J. Ratzinger, Vom Wiederauffinden der Mitte, 187).
Wahrheit gibt es nicht im Plural.
J. Ratzinger, Zur Lage der Ãkumene, in: ders., Weggemeinschaft des Glaubens, 220â234, hier 233f.
Ebd., 223.
J. Ratzinger, Kirche, Ãkumene und Politik, 130.
Siehe hierzu auch: Metropolit Serafim JontÄ, Aus dem Glauben leben. Gesammelte Texte [â¦]. Hrsg. v. J. Henkel, Sibiu / Hermannstadt 2008, 217â261.
»Ich bin überzeugt, daà wir â erlöst von dem Erfolgszwang des Selbstmachens und von seinen geheimen und offenen Terminen â uns schneller und tiefer näherkommen werden, als wenn wir anfangen, Theologie in Diplomatie und Glaube in âºEngagementâ¹ umzuwandeln« (J. Ratzinger, Kirche, Ãkumene und Politik, 134).
Ebd., 132f.
Es geht in der Ãkumene darum, »Gott zu lassen, was allein seine Sache ist, und zu erkunden, welches dann aber in allem Ernst unsere Aufgaben sind« (ebd., 133).
Ebd.
Ebd.
Ebd., 131.
Ebd.
Ebd. â Bei Joseph Ratzinger heiÃt es sogar: »Könnte man sich eigentlich eine nur protestantische Welt denken? Oder ist der Protestantismus in all seinen Aussagen, gerade als Protest, nicht so vollständig auf den Katholizismus bezogen, daà er ohne ihn kaum noch vorstellbar bliebe?« (ebd., 132).
So in einem Interview der Zeitung: »Deutsche Tagespost« vom 29. Oktober 2005, 5.
Vgl. J. Ratzinger, Vom Wiederauffinden der Mitte, 184.
Ebd., 189. â Er führt hierzu weiter aus: Es bedarf trotz aller Differenzen in Ost und West der Einsicht, »daà Einheit ihrerseits eine christliche Wahrheit, ein christlich Wesentliches ist und daà sie in der Rangordnung so hoch steht, daà sie nur um des ganz Grundlegenden willen geopfert werden darf, nicht aber, wo Formulierungen oder Praktiken im Wege sind, die noch so bedeutend sein mögen, aber die Gemeinschaft im Glauben der Väter und in seiner kirchlichen Grundgestalt nicht aufheben« (ebd.). â Vgl. auch L. Bouyer, Réflexions sur le rétablissement possible de la communion entre les Eglises orthodoxe et catholique. Perspectives actuelles, in: Koinonia. Premier Colloque ecclésiologique entre théologiens orthodoxes et catholiques, Paris 1975, 112â115.
Reinhard Thöle schreibt hierzu: »Die Einheit der Kirchen kann man nicht in einem simplen Sinn theologisch oder kirchenpolitisch âºmachenâ¹ oder âºherstellenâ¹. Sie ist auch kein Produkt theologischer Ãbereinstimmung. Ebenso wenig kann sie durch kirchenpolitisch gewollte Kompromissformeln zum Ausdruck gebracht oder erzwungen werden. Aber es gilt genauso: Die Einheit der Kirchen kann man nicht in einem simplen Sinn theologisch oder kirchenpolitisch âºverhindernâ¹ [â¦]. Die Einheit der Kirchen wird nämlich nicht durch Menschen und mit ihren theologischen Fähigkeiten hergestellt, sondern liegt in den Händen des sich selbst offenbarenden Dreieinigen Gottes [â¦]. Darum müssen die ökumenischen Bemühungen bereit sein, Bereiche des Ãberlogischen und Ãberrationalen betreten zu dürfen« (R. Thöle, Die Wandlung des Trennenden: Der Versuch eines »Apophatischen Ãkumenismus«, in: R. SvatoÅ, Reshaping Ecumenism in Times of Transformation [ECI Bd. 7], Paderborn 2021, 124â131, hier 125f.). Sodann heiÃt es: »Die Wahrheit liegt nicht in der Mitte zwischen den Konfessionen, sondern sie liegt dort verborgen« (ebd., 128). »Heute können wir die Beobachtung machen, dass eigentlich alles, was zwischen den Kirchenfamilien strittig ist, auch innerhalb der Kirchenfamilien ähnlich diskutiert wird« (ebd., 128). Zudem ist die wahre Einheit der Kirchen ohnehin letztlich eine eschatologische GröÃe.
Vgl. J. Ratzinger, Vom Wiederauffinden der Mitte, 184.
Ebd., 188. â Gerade in und mit der Feier der Göttlichen Liturgie bleibt für die Kirche in Ost und West die Idealgestalt gewahrt.
Siehe hierzu auch Metropolit Serafim JontÄ, Aus dem Glauben leben. Gesammelte Texte, 29â130, bes. 31â42.51â56.
Hierzu J. Tyciak, Die Theologie des Ostens und des Abendlandes, in: ders., G. Wunderle u. P. Werhun (Hgg.), Der christliche Osten. Geist und Gestalt, Regensburg 1938, 38â58; ders., Theologische Denkstile im Morgenland und Abendland, in: ders., E. von Ivánka u. P. Wiertz (Hgg.), Handbuch der Ostkirchenkunde, 239â331.