Der Leitfaden, nach dem wir im Folgenden vorgehen wollen, läßt sich dem Dekret über den Ökumenismus des II. Vatikanum entnehmen, wo es heißt: »Im Orient finden sich die Reichtümer jener geistlichen Traditionen, die besonders im Mönchtum ihre Ausprägung gefunden haben. Denn seit den glorreichen Zeiten der heiligen Väter blühte dort jene monastische Spiritualität, die sich von dorther auch in den Gegenden des Abendlandes ausbreitete und aus der das Ordenswesen der Lateiner als aus seiner Quelle seinen Ursprung nahm und immer wieder neue Kräfte erhielt. Deshalb wird mit Nachdruck empfohlen, daß die Katholiken sich mehr mit diesen geistlichen Reichtümern der orientalischen Väter vertraut machen, die den Menschen in seiner Ganzheit zur Betrachtung der göttlichen Dinge emporheben.«1
Eine authentische und umfassende Kenntnis der östlichen Theologie und Liturgie wie auch ein fundiertes Wissen um ihre Geschichte sind wichtige Voraussetzungen für ein ökumenisches Gespräch.2 Ebenso von Bedeutung ist aber auch das Studium der östlichen Spiritualität, die ihre Aktualität bis heute nicht verloren hat. Anzustreben wäre eine »Ökumene des Herzens«, denn in ihr könnten sich die geistlichen Wege eines ost- und eines westkirchlichen Christen treffen. Das Anliegen einer solchen Ökumene des Herzens bestimmt die vorliegende Studie.
Noch ein weiteres sei vorweg angesprochen. Die Kenntnis der liturgischen und monastischen Überlieferungen der Ostkirche wie auch ihrer Bildkunst und ihres Gesanges lassen in gleicher Weise die abendländische Überlieferung besser verstehen, verblieb diese doch über die Romanik hinaus in der Tradition der frühen Kirche, besonders der Väter mit ihren theologischen und geistlichen Werken.
Das Studium dieser gemeinsamen Tradition in Ost und West dürfte vermutlich erfolgreicher sein als die Beschränkung beispielsweise auf die östliche Theologie der Ikone samt ihrer Ikonographie oder bloß auf Übersetzungen der östlichen Liturgie in die jeweilige Landessprache; derartige Bemühungen können – eben aufgrund ihrer Ausschließlichkeit und Einseitigkeit – sogar zu Mißverständnissen führen, weshalb wir uns der östlichen Spiritualität in einem umfassenden Sinn zuwenden wollen.
Da in der östlichen Theologie und Spiritualität die Grundaussagen des Glaubens auf eine kaum ausformulierbare Weise innerlich miteinander verbunden sind, insofern sie sich gegenseitig deuten und weiterführen, ist deren Darstellung nur sehr schwer durchzuführen. Darum verlangt die Lektüre der vorliegenden Studie von den Lesern viel Geduld und Ausdauer, weil immer wieder schon angesprochene oder gar behandelte Themen neu aufgegriffen und weitergeführt werden. Was äußerlich wie ein kreisendes Vorgehen erscheinen mag, ist der je neue Versuch, tiefer in das Mysterium des östlichen Glaubens einzudringen. Eine solche Lektüre ähnelt dem realen Leben, denn auch hier muß sich der Glaubende unentwegt aufmachen, um sich dem Geheimnis Gottes in den täglichen Herausforderungen des Alltagslebens zu öffnen: Gottes Mysterium wird ihm Tag für Tag »neu« erscheinen, was ihn immer intensiver den unergründlichen Reichtum des Glaubens erahnen läßt. Die ostkirchliche Theologie und Spiritualität ist demnach weniger analysierender als eher synthetischer Natur. Auf ähnliche Weise wollen auch wir uns in dieser Studie der unermeßlichen Größe des göttlichen Geheimnisses annähern. In der Ostkirche bilden die einzelnen Themen kaum einen in sich geschlossenen Traktat, wie er vielleicht in der westlichen Schultheologie vorliegt, vielmehr hängen sie alle untereinander unmittelbar zusammen.
Eine weitere Lesehilfe soll mit dem Hinweis gegeben werden, daß mit dem Terminus »Liturgie« in der östlichen Kirche immer die Feier der »Göttlichen Liturgie« gemeint ist und auch so verstanden werden muß. Es geht hier also nicht um den rein theologischen Begriff von Liturgie, sondern um den konkreten Vollzug der Liturgie mit all seinen Inhalten. Deshalb läßt sich das westliche Verständnis von »Liturgie« nicht gleich auf die östliche Kirche übertragen.
Einzelne Passagen dieser Studien wurden schon früher zu verschiedenen Gelegenheiten und Anlässen veröffentlicht, meist unter anderen Vorgaben. Manche Ausführungen konnten sogar noch ausführlicher im Lehrbetrieb oder bei Vorträgen und Tagungen entfaltet werden. Doch all dies wurde für die vorliegende Veröffentlichung bearbeitet, grundlegend verändert und erweitert, manchmal sogar in einen neuen Zusammenhang gestellt.
Es dürfte vermutlich so sein, daß sich im deutschsprachigen Raum neuerdings wohl kaum eine Darstellung der ostkirchlichen Theologie des geistlichen Lebens finden läßt, obgleich sie auch für eine vergleichbar westkirchliche Darstellung ebenfalls von Bedeutung wäre, doch auch eine solche fehlt bisher. Ziel unserer Studie zur östlichen Theologie des geistlichen Lebens ist, auf einen geistlichen Erfahrungsweg zu führen. Seine theologischen Grundaussagen werden im ersten und zweiten Band entfaltet, während in einem dritten Band die konkreten geistlichen Vollzüge ostkirchlicher Spiritualität vorgestellt werden.
Die einzelnen Themen der hier vorliegenden Studien werden so zusammengeführt, daß aus ihnen ein Gesamtkonzept geistlichen Lebens nach östlichem Verständnis erkennbar wird. Da die Ostkirche ein sehr umfangreiches und differenziertes Gebilde ist, beschränken sich unsere Ausführungen auf die Kirche der byzantinischen Tradition. Zudem erhebt die vorliegende Studie in keinerlei Hinsicht den Anspruch, umfassend die Thematik vollständig darzustellen. Viele Themen der geistlichen Theologie fehlen sogar und werden nicht eigens aufgegriffen bzw. eingehend behandelt.
Doch vermag die Studie einen ersten Einblick und Einstieg in die Theologie des geistlichen Lebens zu geben, wie sie in der Kirche der byzantinischen Tradition anzutreffen ist. Dabei sind wir der Auffassung, daß das Studium des östlichen »Denkstils« eine Bereicherung auch für einen westlichen Theologen bedeutet.
So besteht das Grundanliegen der vorliegenden Schrift darin, westliche und östliche Theologen miteinander in ein Gespräch zu bringen. Immer wieder werden wir die beiden unterschiedlichen theologischen »Denkstile« miteinander vergleichen, um dabei auf Berührungspunkte mit aktuellen dogmatischen Fragestellungen hinzuweisen. Dieses Anliegen ist bewußt gewählt, auf daß östliche und westliche Theologen in keinem »Soliloquium« verharren.
Die ersten beiden Teilbände unserer Studien, welche die Grundlagen einer »Theologie des geistlichen Lebens in der Ostkirche« entfalten, beschränken sich auf fünf Themenbereiche: Schöpfung und Neuschöpfung, Geschichte und Liturgie, Christologie und Theotokologie, Begriff und Bild, Verdammnis und ewiges Leben. Dieser Aufzählung ist zu entnehmen, daß wir die Themenfelder nicht systematisch, sondern theologisch betrachten, um eine heilsgeschichtliche Sicht des geistlichen Lebens darzulegen. Ein solcher Ansatz ist heutzutage um so bedeutungsvoller, als er nicht – wie es zuweilen Usus ist – bei der Befindlichkeit des Einzelnen ansetzt, um ihm zu zeigen, daß ein gläubiges bzw. geistliches Dasein ihn zu mehr Leben in Fülle führt, vielmehr gehen wir von der kirchlichen Erfahrung aus: Wer getauft ist und in der Kirche Christus angehört, weiß sich hineingenommen in die Fülle der Zeiten, die mit dem Kommen des Erlösers angebrochen ist. Wir setzen also in dieser Studie nicht gleich bei den geistlichen Vollzügen an, seien sie der Askese oder auch der Mystik zugehörig, vielmehr versuchen wir, zunächst und vor allem eine theologische Sichtweise des geistlichen Lebens einzunehmen. Vermutlich ist – wenigstens im deutschsprachigen Raum – ein solcher Zugang zum geistlichen Leben kaum unternommen worden, obgleich er – grundsätzlich bedacht – der einzig mögliche ist. Geht es in den geistlichen Vollzügen doch um ein Leben aus dem Geschenk der Taufe, welche als Sakrament rein theologischer Natur ist. So werden wir darlegen müssen, wie der gläubige Christ aus dem Taufgeschenk göttlichen Lebens sein Dasein vor Gott und den Menschen zu verwirklichen hat, damit sich an ihm die göttlichen Verheißungen erfüllen. Doch ist bei dieser Studie nicht daran gedacht, eine umfassende dogmatische Darlegung der Thematik vorzulegen, da dies über den gebotenen Rahmen hinausgehen würde. Deshalb werden wir uns in den ersten beiden Bänden nur auf jene Themen beschränken, die für die weiteren Ausführungen zu den Vollzügen geistlichen Lebens unmittelbar von Bedeutung sind.
Die vorliegende Arbeit bietet keinen ausführlichen Forschungsbericht zu den Einzelthemen, wie auch keine vollständige Bibliographie vorgelegt wird, vielmehr werden nur jene Bücher angegeben, die in den hierzulande üblichen Sprachen verfaßt sind, um den Leser zur eigenständigen Lektüre anzuregen. Die griechisch- und slavisch-sprachige Literatur war für die Ausarbeitung unserer Studien zwar von besonderer Bedeutung, wird aber hier nicht eigens ausführlich und vollständig angeführt.
Schließlich noch ein konkreter Hinweis für die Lektüre dieser Studie: Da die Thematik recht umfangreich ist und vielleicht nicht alles in gleicher Weise gelesen werden kann, findet sich am Ende jedes Abschnitts oder Kapitels eine kleine Zusammenfassung, die in aller Kürze den Gedankengang wiedergibt und den Duktus der Ausführungen erkennen läßt.
Danken möchte ich den Herausgebern dieser Schriftenreihe, die mich zu dieser Veröffentlichung angeregt haben; ohne ihre Ermunterung hätte ich für eine solche Publikation weder den Mut noch die Ausdauer gefunden. Zu sehr großem Dank bin ich ebenso verpflichtet gegenüber allen, welche die Überprüfung der Fußnoten wie auch die sorgfältige und mühevolle Durchsicht und Korrektur des Manuskriptes übernommen haben; sie waren eine große und unverzichtbare Stütze bei der Fertigstellung dieser Studie.
Eichstätt, am Hochfest von »Theophanie« 2022
Vatikanum II: Unitatis Redintegratio: Dekret über den Ökumenismus, 15; zit. nach K. Rahner und H. Vorgrimler, Kleines Konzilskompendium. Freiburg-Basel-Wien 1966, 243f.
Unitatis Redintegratio, 9 (239): »Man muß den Geist und die Sinnesart der getrennten Brüder kennen. Dazu bedarf es notwendig des Studiums, das der Wahrheit gemäß und in wohlwollender Gesinnung durchzuführen ist. Katholiken, die dazu gebührend gerüstet sind, sollen sich eine bessere Kenntnis der Lehre und der Geschichte, des geistlichen und liturgischen Lebens, der religiösen Psychologie und Kultur, die den Brüdern eigen ist, erwerben.«