Es ließen sich sicher eine ganze Reihe von Gründen dafür anführen, warum wir syrisch-orthodoxe Theologie in Europa brauchen. Da ist zunächst die offenkundige Tatsache, dass Jesus aramäisch gesprochen hat und damit in der Sprache gefühlt, gedacht und gelehrt hat, die bis heute die Liturgie der syrisch-orthodoxen Kirche prägt. Vor diesem Hintergrund ist es schon bewegend, wenn man zum ersten Mal das Vaterunser in dieser Sprache hört. Darüber hinaus ist die syrische Kirche eine der ältesten der Christenheit und führt uns damit an die Wurzeln des Christentums zurück. Viele der ersten syrischen Kirchenväter werden in der gesamten Kirche rezipiert und wertgeschätzt. Gerade die poetische Kraft von Gestalten wie Ephräm dem Syrer (306–373) oder Jakob von Sarug (451–521) beeindruckt bis weit über die Grenzen der orientalischen Kirchen hinaus und hat unsere Liturgien nachhaltig beeinflusst. Von daher kann man schon rein historisch dafür argumentieren, wie wichtig das syrische Christentum für die christlichen Wurzeln Europas ist.
Hinzu kommt, dass die in Deutschland und Europa lebenden syrisch-orthodoxen Christinnen und Christen in vielen Fällen als Flüchtlinge zu uns gekommen sind und schon deswegen unsere Solidarität und Unterstützung brauchen. Denn nicht erst die Grausamkeiten des IS haben zu einer Flüchtlingswelle syrischer Christen nach Europa geführt. Vielmehr wurden bereits in der Spätzeit des Osmanischen Reichs nicht nur armenische, sondern auch syrisch-orthodoxe Christinnen und Christen massenhaft getötet oder vertrieben. Wegen dieses Völkermordes, an dem auch Deutschland nicht unbeteiligt war, leben jetzt schon seit vielen Generationen syrisch-orthodoxe Christinnen und Christen in Europa – auch in Deutschland und in großer Zahl in Ostwestfalen.
Von daher könnte man denken, dass es schon aus historischer Verantwortung klar sein sollte, dass es in Deutschland und Europa syrisch-orthodoxe Theologie gibt und dass sie mit öffentlichen Geldern gefördert wird. Doch leider ist das in Deutschland bisher nicht der Fall, sodass wir mit diesem Buch noch einmal nachdrücklich für die Bedeutung syrisch-orthodoxer Theologie für Europa werben wollen. Geschehen soll das vor allem auf zwei Ebenen.
Auf der ersten Ebene argumentieren wir für die bleibende Bedeutung des exegetischen Erbes syrischer Theologie. Die in der syrischen Theologie stark zur Geltung kommende typologische und allegorische Form der Schriftdeutung ist natürlich auch sonst in der Alten Kirche präsent. Aber sie ist in den westlichen Kirchen doch stark verdrängt worden und nimmt in der syrischen Tradition eine besonders eindrückliche poetische Gestalt ein, die es wahrzunehmen gilt. Neben dem exegetischen Erbe schauen wir auch auf die syrische Christologie und versuchen deutlich zu machen, wie weit inzwischen der Stand der ökumenischen Versöhnung zwischen syrisch-orthodoxer und römisch-katholischer Kirche gediehen ist. Auf diese Weise soll deutlich werden, dass die dogmatischen Streitigkeiten der Vergangenheit keinen Grund mehr darstellen, eine theologische Würdigung von syrisch-orthodoxer Theologie und ihrer genuinen dogmatischen Anliegen zu entwickeln. Zugleich soll dafür argumentiert werden, dass die exegetische Tradition syrisch-orthodoxen Christentums eine nachhaltige Bereicherung westlicher Theologie zu leisten verspricht – nicht zuletzt aufgrund von ihrer poetischen Kraft.
Auf der zweiten Ebene argumentieren wir für die Bedeutung des syrisch-orthodoxen Christentums für ein tieferes Verstehen der islamisch-christlichen Beziehungen. Schon lange ist bekannt, dass das Aufkommen des Islams im siebten und achten Jahrhundert für die syrisch-orthodoxen Christen im Nahen Osten durchaus positive Seiten hatte.1 Denn in der Spätantike versuchten die byzantinischen Kaiser immer wieder, das byzantinische und damit das chalkedonisch geprägte Christentum im Reich durchzusetzen, sodass sich die nach dem Konzil von Chalkedon nach und nach neu entstehenden orientalischen Kirchen immer wieder im Konflikt mit dem Reich befanden. Von daher kann es nicht verwundern, dass viele syrische Christinnen und Christen in den siegreichen muslimischen Herrschern eine große Hoffnung für den Erhalt ihrer Kirche sahen. Deshalb räumte man den Muslimen einen Platz in der göttlichen Heilsgeschichte ein und entwickelte eine ausgesprochen islamfreundliche Schrifthermeneutik. Und viele syrische Kirchenväter, wie beispielsweise noch Bar Hebräus im 13. Jahrhundert, verweisen in ihren Schriften auf den gegenseitigen Dialog mit dem Islam und zeigen, dass es damals schon gegenseitigen Respekt und Achtung unter Muslimen und Christen gab.
Die gegenseitige Achtung hielten die muslimischen Herrscher und die christlichen Bischöfe in gemeinsamen Verträgen fest, die sicher nicht egalitär angelegt waren, aber der christlichen Minderheit im Gegenzug gegen Tributzahlungen den Schutz der muslimischen Herrscher zusicherten.2 Die muslimische Haltung gegenüber den christlichen Patriarchen wird deswegen schon in der älteren Literatur als freundlich und ehrenvoll bezeichnet. So erschien es nicht als verwunderlich, dass sie sich zu Glaubensgesprächen trafen und sich konstruktiv aufeinander zubewegten.3
Wie gesagt sind all diese Fakten schon länger bekannt und sie sind auch spürbar, wenn man mit Flüchtlingen aus Syrien spricht, die oft trotz der Gräueltaten des IS an die lange Tradition der friedlichen Nachbarschaft von Muslimen und Christen in Syrien erinnern. Auch der syrisch-orthodoxe Erzbischof von Deutschland hat das bei seinen wiederholten Besuchen an der Universität Paderborn immer wieder getan und diese friedliche Tradition gegen islamophobe Stimmen verteidigt. Erst in den letzten Jahrzehnten erfährt das syrische Christentum eine neue Aufmerksamkeit von Koranforschern, die immer genauer beweisen können, in welch einem intensiven Austausch sich schon der Koran selbst mit dem syrischen Christentum befand.4 Immer mehr Forscherinnen und Forscher erkennen, wie fruchtbar und geradezu unverzichtbar das syrisch-muslimische Gespräch für eine historisch-kritische Lektüre des Korans und das Verstehen seiner Genese ist. Auch viele Glaubenspraktiken des Islams werden religionsgeschichtlich neu verständlich, wenn man ihre Wurzeln in der syrisch-christlichen Liturgie entdeckt. Zu nennen sind u.a. Niederwerfungen beim Gebet, die Anordnung gewisser Glaubensformeln, feste Gebetszeiten und bestimmte Fastenvorschriften. Sicher ist an dieser Stelle auch die jüdische Tradition wichtig, sodass gelegentlich von einer jüdisch-christlichen Rechtskultur gesprochen wird, in die hinein sich der Islam entwickelt hat.5 Hier ist noch viel an gemeinsamen Wurzeln und wechselseitigen Befruchtungen zu entdecken. Offenkundig steht das syrische Christentum in der Spätantike im Zentrum der Gespräche der monotheistischen Religionen und muss dringend wieder in seiner formativen Kraft erschlossen werden.
Doch kehren wir noch einmal auf die erste Ebene unserer Überlegungen zurück und bleiben zunächst im Kontext innerchristlicher Verständigung. In welcher Weise kann die syrisch-orthodoxe Tradition bereichernd für das Christentum insgesamt sein? Welche spezifischen Traditionsstränge des syrischen Christentums können für unseren Zugang zur Bibel fruchtbar werden?
Der syrisch-orthodoxe Erzbischof der Niederlande Mor Polycarpus A. Aydin antwortet in seinem Beitrag für diesen Band auf diese Fragen, indem er zunächst einmal eine Bestandsaufnahme zu den syrischen Bibelübersetzungen in der Spätantike macht und zeigt, wie beeindruckend vielfältig und produktiv die Bibel in der Spätantike in verschiedenen syrischen Versionen zirkuliert und diskutiert wurde. Daraufhin geht er in diachroner Perspektive auf die Traditionen der Kommentierung der Bibel in syrischer Sprache ein. Mit Sebastian Brock spricht er von einer Kommentierung, die sich innerhalb der kirchlichen Tradition bewegt und den biblischen Text in religiöser Perspektive interpretiert. Während eine rein historisch-säkulare Sicht zu einer eindimensionalen Interpretation der Schrift tendiere, sei diese Exegese in der Tradition der Kirche immer eine, die die Vielstimmigkeit des biblischen Zeugnisses ernst nehme und ins Relief setze. Wichtig ist Mor Polycarpus Aydin allerdings die religiöse und die säkulare Sicht auf die Bibel nicht gegeneinander auszuspielen. Beide Perspektiven seien vielmehr als komplementär anzusehen und können sich wechselseitig befruchten.
Besonders eindrücklich ist sein Eingehen auf die typologische und poetische Bibelhermeneutik bei Ephräm und Jakob. Mor Polycarpus Aydin zeigt überzeugend, dass gerade der poetische Zugang die tieferen Bedeutungsschichten der Bibel freilegen kann, die ein rein historisch-säkularer Zugang zu übersehen droht. Der unausschöpfliche Reichtum der Schrift werde gerade in diesem theo-poetischen Zugriff sichtbar. Die innere Schönheit der Schrift erschließe sich eben nur in einer Haltung der Liebe – so Jakob.
Kennern der modernen Koranhermeneutik wird schon bei diesem ersten Zugang auffallen, wie nah diese ästhetisch konfigurierte Schrifthermeneutik neueren muslimischen Zugängen zum Koran ist, wie sie etwa Navid Kermani und Milad Karimi entwickelt haben.6 Auch bei den Diskussionen der diesem Buch zugrunde liegenden Tagung war auffällig, wie eindrücklich der Bischof und andere syrisch-orthodoxe Theologinnen und Theologen ihre exegetischen Argumente durch eine altsyrische Rezitation der Kirchenväter untermauern und dabei gerade die poetische Kraft ihres Schriftzugangs erfahrbar machen. Eine solche Art der Argumentation war mir bisher nur aus dem muslimischen Kontext bekannt, und es ist naheliegend hier eine gegenseitige Beeinflussung schon in der islamischen Frühgeschichte im Hintergrund zu vermuten. Vermittelt durch die syrisch-orthodoxe Tradition können hier dem westlichen Christentum wichtige Aspekte der islamischen Tradition neu vertraut werden.
Die von Mor Polycarpus Aydin aufgegriffenen Differenzierungen des Oxforder Altmeisters der Syrologie Sebastian P. Brock werden in diesem Buch auch von ihm selbst noch einmal vorgetragen. Dabei bedenkt Brock zusätzlich eine Reihe von Fragen, die bei Mor Polycarpus Aydin nicht vorkommen, wie etwa die Frage nach dem Gewicht der verschiedenen von Mor Polycarpus Aydin übersichtlich benannten Traditionen und die Frage nach dem anthropomorphen Charakter der Gottrede in einigen biblischen Texten. Wichtig erscheint hier vor allem der richtige Geist in der Annäherung an den Text, aber auch eine methodisch adäquate Textrezeption. An zwei Beispielen zeigt Brock kurz, wie vielfältig solche Rezeptionsprozesse in der syrischen Tradition ausgesehen haben. Inhaltlich betont er wie Mor Polycarpus Aydin durchgehend die Komplementarität einer allegorisch-typologischen und einer historisch-philologischen Annäherung. Es sei falsch, die west- und die ostsyrische Tradition oder auch die alexandrinische und antiochenische Theologie auf einen der Zugänge zu reduzieren. Anders als bei der rein allegorischen Interpretation griechischer Mythen sei auch in jeder noch so allegorischen Interpretation der Bibel immer klar gewesen, dass die philologisch-historische Arbeit nicht einfach ignoriert werden dürfe. In einem kleinen Appendix führt Brock die bisher publizierten syrischen Übersetzungen griechischer Bibelkommentare auf, um auf diese Weise Ausrichtung und Breite der syrischen Bibelkommentierungen anzudeuten.
Nach diesen beiden Plädoyers aus der syrisch-orthodoxen Theologie bzw. aus der philologischen Rekonstruktion dieser Tradition heraus kommt mit Robert A. Kitchen erstmals ein westlicher Theologe zu Wort, der den Wert der syrisch-orthodoxen Form der Bibelexegese für seine eigene evangelische Tradition beschreibt. Kitchen beeindruckt an den patristischen Texten, dass sie sich nicht damit begnügen, die historische Wirklichkeit hinter den Texten zu rekonstruieren, sondern dass sie uns helfen, diese Texte selbst zu erschließen. Für die syrisch-orthodoxe Tradition sei die Schrift selbst und nicht das hinter ihr liegende Geschehen Gottes Wort. Kitchen gewinnt durch seine Rezeption der syrischen Patristik neue Zugänge zum persönlichen Erleben der Schrift statt der verobjektivierenden Distanzierung des biblischen Erbes, das sein eigenes Studium geprägt hat. Die typologische Lektüre erleichtere die Identifikation des Lesers bzw. der Leserin mit den biblischen Figuren und man könne besser in das biblische Geschehen hineingezogen werden.
Ephräm sei hier der erste Kirchenvater, der das poetische Singen der Verkündigung zur Sprache seiner Kirche mache und dadurch stilbildend auch für seine Nachfolger werde. An der Geschichte des Propheten Jona macht Kitchen klar, wie gerne Ephräm Lücken lässt, die seine Hörerinnen und Hörer selbst füllen müssen. Gerade die christologische Deutung schwingt hier immer mit, auch dann, wenn sie nicht explizit thematisiert wird. Und auch die Begegnung von Jesus und Petrus auf dem See wird allegorisch gedeutet und so auf die existenzielle Situation der Kirche bezogen. Dabei nahmen sich die Kirchenväter die Freiheit, die biblischen Narrationen durch Auslassungen und Ergänzungen so zu verändern, dass sie auf die existenzielle Situation ihrer Hörer und Hörerinnen passten. In einem flammenden Schlussplädoyer fordert er, dass syrische Kommentierungen der Bibel in der westlichen Welt wieder mehr rezipiert werden müssen und dass sie uns dazu inspirieren sollten, die biblischen Texte auf unsere Situation hin zu lesen.
Eben eine solche Lektüre der Bibel auf die eigene Situation hin bietet der Beitrag von Martina Aras, in dem die Paderborner Theologin aus syrisch-orthodoxer Sicht die Heilung der syrophönizischen Frau in der Tradition Jakobs auf ihre Potenziale für Heilungshoffnungen in der Gegenwart befragt. Sie verwendet dabei einen zuerst von Eleonore Stump entwickelten hermeneutischen Zugang, der die Du-Perspektive im biblischen Text stark macht und Heilung in Kategorien personaler Begegnung versteht, um auf dieser Basis ihren eigenen, syrisch-orthodox geprägten Zugang zum Thema Heilung zu gewinnen. Im Anschluss an die östliche Theologie kann sie Erlösung als Vergöttlichung beschreiben und nutzt insbesondere die Auslegung der Heilung der kanaanäischen Frau bei Jakob von Sarug dazu, um die Bedeutung eines ungeteilten, ganzheitlichen Glaubens herauszustellen.
Doch bei aller Faszination, die durch die ersten vier Beiträge unseres Buchs für den theo-poetischen Reichtum des syrischen Christentums entstehen mag, ist es zu einer Rehabilitierung der syrisch-orthodoxen Tradition in Europa doch unerlässlich, auch auf die dogmatischen Differenzen zwischen den westlichen Kirchen und dem syrisch-orthodoxen Christentum einzugehen. Der Blick auf die erreichten Vermittlungsschritte macht an dieser Stelle offensichtlich, dass ein neues Zugehen auf die syrische Tradition auch aus der Perspektive katholischer Dogmatik verantwortbar ist.
Die katholische Theologin Theresia Hainthaler, die wie keine andere mit der Dogmenentwicklung in patristischer Zeit vertraut ist und die christologischen Streitigkeiten der frühen Kirche immer wieder akribisch nachgezeichnet hat, stellt in ihrem Beitrag den Stand der Forschung aus katholischer Sicht dar. Nach einigen terminologischen Vorklärungen und einem damit verbundenen Literaturbericht bietet Hainthaler einen historischen Annäherungsversuch an den Gehalt einer typisch syrisch-orthodoxen Christologie, indem sie die Christologien der wichtigsten syrischen Kirchenväter exemplarisch skizziert und jeweils luzide in ihren Debattenkontexten vorstellt. Zum Abschluss verweist sie noch auf den Stand des ökumenischen Gesprächs zwischen syrisch-orthodoxer und katholischer Kirche, der unmissverständlich klarstellt, dass beide im Glauben an die Inkarnation verbunden sind. Ihr ist aber auch wichtig, immer die ganze Breite syrischen Denkens im Blick zu behalten und weitet die ökumenische Frageperspektive noch einmal hin zu den orientalischen Kirchen insgesamt.
Denn ökumenische Bemühungen beschränken sich nach Hainthalers Analyse nicht darauf, Hindernisse in der Lehre zu überwinden, die einem gemeinsamen Bekenntnis im Wege stehen. Um als Leib Christi besser zusammenzuwachsen, müssen Christen aus verschiedenen Kirchen auch Wege finden, gemeinsame Formen der Liturgie zu entwickeln und gemeinsam Gott anzubeten. Ausgehend von der jeweiligen Rezeption von Jakobs Werken scheint es, dass Kirchen aus dem gesamten Spektrum der orientalisch-christlichen Traditionen die Möglichkeit haben, ein sehr weites und tiefreichendes Reservoir an Traditionen, die sie bereits gemeinsam haben, als Bindeglieder wiederzuentdecken, stärker hervorzuheben und in den Vordergrund zu stellen. Von daher kann die katholische Annäherung an diese theo-poetische Tradition Folgen nicht nur für das Verhältnis zu dieser Teilkirche haben, sondern auch paradigmatisch für das Gespräch mit anderen orientalischen Kirchen sein und ihnen zur Kultivierung einer inneren Verbindung dienen.
Der Paderborner Ökumenikexperte Johannes Oeldemann macht die bei Hainthaler am Ende nur kursorisch angedeuteten Dialogbemühungen der letzten Jahrzehnte zwischen katholischer und syrisch-orthodoxer Kirche zum Hauptthema seines Beitrages. Dabei überlegt er, inwiefern der ökumenische Dialog Rückwirkungen auf das syrisch-orthodoxe Selbstverständnis hatte. Er zeigt, wie vielfältig theologische und kirchenpolitische Fragen durch den Dialog in Bewegung geraten sind und gerade in Deutschland neue Herausforderungen für die syrisch-orthodoxe Theologie mit sich bringen. Eine dieser Herausforderungen ist sicher der interreligiöse Dialog, sodass es folgerichtig ist, wenn dieser Aspekt im zweiten Teil des vorliegenden Bandes in den Mittelpunkt rückt.
Eröffnet wird dieser zweite Teil durch einen ausführlichen und ausgesprochen instruktiven Überblick von der in Halle lehrenden Vertreterin des Faches ‚Christlicher Orient‘ Cornelia Horn über die Chancen und Gefahren, die sich aus einer von Jakob von Sarug her bestimmten syrisch-orthodoxen Theologie für den Dialog mit Islam und Judentum ergibt. So diskutiert Horn ausführlich die Gefahren typologischer Textauslegung, die immer darauf hinauslaufen können, einen (womöglich antijudaistischen!) Superioritätsanspruch gegenüber dem Judentum zu begründen. Schon Mor Polycarpus Aydin hatte diese Gefahr in seinem Beitrag thematisiert und deutlich gemacht, dass sich die syrisch-orthodoxe Kirche von einer solchen Verwendung ihres Erbes distanziert. Horn appelliert an dieser Stelle an die gemeinsame Verantwortung der Christen und fordert sie auf, die Ressourcen ihrer Traditionen daraufhin durchzusehen, wie sich das Verhältnis zum Judentum konstruktiv und wertschätzend neu bestimmen lässt.
Im Blick auf den Dialog mit dem Islam hält sie fest, dass die syrisch-christliche theologische Tradition, insbesondere in Form und Gestalt des Werkes und der Person Jakobs von Sarug, als Bindeglied verstanden werden kann, das uns helfen kann, die Beziehungsgeschichte von Islam und Christentum besser zu verstehen. Diese Frühgeschichte der islamisch-christlichen Beziehungen seien noch viel zu wenig erforscht und hätten ein enormes Potenzial nicht nur zur Klärung und Intensivierung interreligiöser und auch ökumenischer Dialoge, sondern sie böte „auch Chancen für die Weiterentwicklung kritischer, syrischer Theologie im akademischen und auch im weiteren, pastoralen Raum.“7
Der Tübinger Religionshistoriker Holger Zellentin mit einem besonderen Interesse für talmudische und koranische Studien wendet sich der Rezeption des syrischen Christentums im Talmud zu und nimmt dadurch den von Horn entwickelten Gesprächsfaden der Beziehungsgeschichte von Judentum und Christentum von der umgekehrten Seite auf. Nach Zellentin ist das Verstummen vor Gott ein wichtiger Bestandteil gerade der christlichen Tradition und es werde kritisch vom Talmud rezipiert. Für syrische Theologen wie Ephräm oder Philoxenos sei das Verstummen vor Gott die Voraussetzung, um überhaupt in Beziehung mit Gott einzutreten. Gerade die Paradoxien der christlichen Lehre werden hier zur Begründung für das Verstummen vor dem Größersein Gottes ins Feld geführt, das interessanterweise ausgerechnet vom Talmud hinterfragt wird. Von daher kann man für die Spätantike genau die umgekehrten Vorzeichen für die Theologie im Vergleich zur Moderne festhalten. Denn in der Gegenwart fühlt sich gerade das westliche Christentum ja als Anwältin der Rationalität und verstummt nur noch selten in seiner Gottrede. In der Gegenwart sind es eher Judentum, Islam und das östliche Christentum, die ein solches Verstummen fordern und die Grenzen des Sagbaren in Erinnerung rufen – nicht nur in der Mystik.
Es ist ausgesprochen anregend wahrzunehmen, wie anders die Diskurslage an dieser Stelle in der Spätantike war. Und wiederum kann uns hier also das syrische Christentum helfen, um den Dialog mit Judentum und Islam neu zu beleben und aus eingefahrenen Bahnen zu befreien.
Der an der University of St. Thomas in Houston lehrende Theologe und Syrologe Andrew J. Hayes rekonstruiert einen hochinteressanten historischen Gesprächszusammenhang zwischen Koran und syrischer Theologie, der uns eine fast diametral entgegenlaufende Konsequenz syrischen Denkens in Erinnerung ruft. Zu Recht macht Hayes deutlich, dass Propheten im koranischen Konzept keinen Zugang zu göttlichem Wissen haben und sein Wesen nicht kennen. Darin liege eine deutliche Zurückweisung der syrischen Tradition, die ein symmetrisches Wissen von Gott und Jesus ansetze und gerade darin einen wichtigen Beweis seiner Gottheit sehe. Aposteln und Propheten werden dann durch Christus vermittelt ebenfalls besondere Wissensbestandteile unterstellt. Dagegen wissen die koranischen Propheten nur, was Gott ihnen offenbart und unterscheiden sich von Engeln und allen anderen göttlichen Eigenschaften. Durch Gottes Beauftragung haben sie durchaus übernatürliches Wissen, aber eben keines, das sich auf Gottes Wesen erstreckt. Hier liegt ein bleibender Unterschied zur syrischen Tradition, die an dieser Stelle allerdings theologische Positionen vertritt, die man aus moderner Sicht auch als Christ oder Christin nicht unbedingt teilen muss. Denn in der häufig kenotisch strukturierten Christologie der Gegenwart würden wohl nur wenige zeitgenössische Theologinnen und Theologen noch behaupten, dass Jesus an der göttlichen Allwissenheit Anteil hat. Von daher kann die umsichtige historische Rekonstruktion von Hayes auch für eine moderne syrisch-orthodoxe Theologie Anlass bieten, traditionelle Theologumena der eigenen Tradition einer kritischen Überprüfung zu unterziehen. Aus katholischer Sicht halte ich die koranische Kritik an dieser Stelle jedenfalls für ausgesprochen gut nachvollziehbar und geradezu naheliegend.
Wie Hayes zeigt auch der in Paderborn gerade mit seiner Dissertation fertig gewordene syrisch-orthodoxe Theologe Charbel Rizk, wie deutlich der Koran im Dialog mit der Literatur der syrischen Kirchenväter steht. In einer ausgesprochen instruktiven Fallstudie zeigt er am Beispiel von Josef Auslassungen und Ergänzungen des koranischen Textes, die sich am besten erklären lassen, wenn man ihn im Dialog mit der christozentrischen typologischen Deutung der Jakobsgeschichte in den Predigten Jakobs von Sarug sieht. In seiner akribischen philologischen Rekonstruktion vermag er überzeugend zu zeigen, dass die koranische Josefsgeschichte einen Gegendiskurs gegen die typologische Deutung Josefs auf Christus hin darstellt. Allerdings lässt er dann ausdrücklich offen, ob der Gegendiskurs jede Form von hoher Christologie zurückweisen will oder sich lediglich an der imperialen Verzweckung dieser Christologie in Byzanz und an ihrer antijudaistischen Schlagseite abarbeitet.
So ist auch der Beitrag Rizks ein Beispiel dafür, dass uns die genaue Kenntnis der Tradition nicht die theologische Deutung des islamisch-christlichen Verhältnisses abnimmt. Durch seinen und die anderen Beiträge im zweiten Teil unseres Buches wird exemplarisch deutlich, dass die spätantike Debattenkultur, in der Talmud und Koran entstehen, nur verständlich wird, wenn man sich auch dem Studium der Schriften der syrischen Kirchenväter widmet. Die syrische Tradition hat deswegen in jüngster Zeit zu Recht eine neue Aufmerksamkeit in der komparatistisch geprägten Forschung erhalten. Freilich sind Theologen und Theologinnen aus der syrischen Tradition in dieser Forschung bisher noch unterrepräsentiert. Wenn wir wollen, dass sich Theologinnen und Theologen aus dieser Tradition in diese Forschungsbemühungen einbringen, um die ausgesprochen produktiven Gespräche der Spätantike besser zu verstehen, aber eben auch, um derartige Gespräche heute führen zu können, braucht es dringend einen Neuaufbruch hin zu einer europäischen syrisch-orthodoxen Theologie in der Gegenwart. Es wäre schön, wenn dieses Buch einen Beitrag dazu leisten könnte, dass dieser Aufbruch in Deutschland endlich vorankommt.
Bibliografie
Hage, Wolfang. Die syrisch-jakobitische Kirche in frühislamischer Zeit: nach orientalischen Quellen (Wiesbaden: Harrassowitz, 1966).
Heupts, Cordula. Auf den Spuren der Herrlichkeit Gottes. Theologische Ästhetik im christlich-islamischen Gespräch (Paderborn u.a.: Brill Deutschland, 2020).
Stosch, Klaus von. Herausforderung Islam. Christliche Annäherungen (Paderborn u.a.: Brill Deutschland, 32019).
Zellentin, Holger M. The Qur’an’s Legal Culture: The Didascalia Apostolorum as a Point of Departure (Tübingen: Mohr Siebeck, 2013).
Zellentin, Holger M., hg. The Qur’an’s reformation of Judaism and Christianity: Return to the origins (London: Routledge, 2019).
Vgl. bereits Wolfang Hage, Die syrisch-jakobitische Kirche in frühislamischer Zeit: nach orientalischen Quellen (Wiesbaden: Harrassowitz, 1966), 65.
Vgl. ebd., 67.
Vgl. ebd., 69.
Vgl. zur Literatur die umfassende Übersicht von Andrew J. Hayes in diesem Band, aber auch die Hinweise bei Charbel Rizk.
Vgl. Holger M. Zellentin, The Qur’an’s Legal Culture: The Didascalia Apostolorum as a Point of Departure (Tübingen: Mohr Siebeck, 2013); Ders (Hg.), The Qur’an’s reformation of Judaism and Christianity: Return to the origins (London: Routledge, 2019).
Vgl. als erste Übersicht Klaus von Stosch, Herausforderung Islam. Christliche Annäherungen (Paderborn u.a.: Brill Deutschland, 32019), 28–33; Cordula Heupts, Auf den Spuren der Herrlichkeit Gottes. Theologische Ästhetik im christlich-islamischen Gespräch (Paderborn u.a.: Brill Deutschland, 2020).
Vgl. Horn in diesem Band, 139.