Der katholische Antisozialismus ist in der jüngeren deutschsprachigen Geschichtsschreibung eher selten thematisiert worden. Ein forschungspragmatischer Grund für dieses relative Desinteresse an einem Gegenstand, der einmal stark identitätsprägend gewesen war, mag bei den Verständigungsprozessen von Katholizismus und Sozialdemokratie liegen, die zumindest in der Bundesrepublik ab den späten 1950er Jahren stattgefunden haben.1 Es ist deshalb kein Zufall, dass sich nun ein junger Forscher aus Italien dieses Themas annimmt: Er kommt aus einem Land, in dem der Gegensatz von Katholizismus und Sozialismus bzw. Antiklerikalismus durch das ganze 20. Jahrhundert hindurch nachgewirkt und eine reiche Historiographie hervorgebracht hat.
Francesco Tacchi bietet eine mikrohistorische Rekonstruktion der Auseinandersetzung der katholischen Kirche mit dem Sozialismus in der konkreten seelsorglichen Praxis der (Erz-) Bistümer Pisa und Mainz, die jeweils durch die Probleme der Industrialisierung in exemplarischer Weise herausgefordert waren. Der »alltägliche« Antisozialismus, vor allem auf der Ebene der Pfarreien und Vereine, wird in diesem komparatistischen Zugriff aber auch in seine weiteren Kontexte gestellt: Die Strategien der beiden Diözesankurien kommen ebenso in den Blick wie die jeweiligen theologischen Vordenker (vor allem Heinrich Pesch und Giuseppe Toniolo). Thematisiert werden auch die übergreifenden Prägungen im deutschen und italienischen Katholizismus sowie nicht zuletzt das jeweilige gesellschaftlich-politische Setting. Geschickt wird zeitlich der Pontifikat Pius’ X. (1903-1914) gewählt, der eine starke Polarisierung im Kampf nach innen (gegen den »Modernismus«) und nach außen gegen die säkulare Gesellschaft brachte, der aber katholizismusgeschichtlich gerade in Deutschland (etwa im Vergleich zur ›Ketteler-Zeit‹) eher stiefmütterlich behandelt worden ist.
Die vorliegende Studie lässt durch ihre komparatistische, auf einer ungemein breiten Quellenbasis aufbauende Betrachtung des katholischen Antisozialismus die Profile beider Mainstream-Katholizismen, des deutschen wie des italienischen, viel deutlicher als bisher hervortreten und kann so auch den Blick für die heutigen Unterschiede zwischen den Ausprägungen des Katholischen in der Welt schärfen.
Mainz, im Oktober 2020 Claus Arnold
Siehe dazu jüngst Simon Oelgemöller, Karl Forster (1928–1981). Katholizismus in der politischen Kultur der Bundesrepublik Deutschland (Veröffentlichungen der Kommission für Zeitgeschichte, Reihe B: Forschungen, Band: 137), Paderborn 2019, 114–137.