Meine Arbeit wurde „von der Geschichte eingeholt“. Sie wurde im April 2021 fertiggestellt, kurz, aber doch lange genug vor dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine, um noch in unschuldiger Ahnungslosigkeit des kommenden Bomben- und Propagandahagels konzipiert und ausformuliert zu werden, und ohne seherische Möglichkeit, die sich rasant entwickelnde Repressionsdynamik in der russischen Innenpolitik zu antizipieren. Nur im Rückblick erscheinen sie nun folgerichtig in der zynischen Logik eines autoritären Staates, der für seine Ziele auch Terror und Kriegsverbrechen legitimiert. Dass Vladimir Putin als Aggressor nach außen und innen agiert, ist zwar weder neu noch überraschend. Der eruptive Charakter und die Ausmaße dieser Entwicklungen seit dem 24. Februar 2022 sind jedoch schockierend.
Was bedeutet dieser riesige schwarze Schatten für meine Arbeit? Alle Überlegungen zur Beantwortung dieser Frage können nur Momentaufnahmen sein. Aus der aktuellen Nachrichtenlage gibt es keine Wege zu faktischen Gewissheiten. Während dieses Vorwort geschrieben wird, sind die Behörden in Russland damit beschäftig, ihre (Teil-) Mobilmachung zu organisieren – eine weitere Eskalationsstufe dieses Krieges, der vermutlich noch viele folgen werden, bis das Buch gedruckt ist. Doch gerade diese unfassbare zeitliche Unmittelbarkeit und Radikalität der Richtungsänderung, unter welchen der Angriff auf die Ukraine erfolgt, erzwingen einen prüfenden Rück- und vorsichtigen Ausblick: Es geht hier um drei Gedanken, die auf unterschiedlichen Ebenen die Ergebnisse und die Grundlagen dieses Buchs betreffen. Der erste Aspekt bewegt sich auf der institutionellen Ebene: Memorial – die zentrale Nichtregierungsorganisation in Russland, die sich mit den stalinistischen Repressionen und deren historischer Aufarbeitung befasst – wurde im Dezember 2021 per Gerichtsbeschluss des Obersten Gerichts aufgelöst.1 Damit wird ihre Agenda faktisch unterbunden. Memorial war Projektpartner des internationalen Interviewprojekts zu NS-Zwangsarbeit und führte 40 der 56 Interviews in Russland, die nun im Online-Archiv „Zwangsarbeit 1939–1945. Erinnerungen und Geschichte“ zugänglich und die Quellenbasis dieser Arbeit sind. Die Interviewerinnen von Memorial waren zudem in der Forschung sehr aktiv und publizierten wichtige Erkenntnisse, die auch in dieser Arbeit diskutiert werden. Vor allen Dingen waren sie eine treibende Kraft in der russischen Zivilgesellschaft und in der historischen Bildungsarbeit: Leuchttürme in der ansonsten in weiten Teilen immer autoritärer gelenkten Geschichtswissenschaft. Sie sind „Geschichtsaktivistinnen“, deren Verdienste seit den 1980er Jahren nicht genug gewürdigt werden können. Sie arbeiteten eng mit internationalen Fachkolleg:innen zusammen und brachten die Forschung zum Stalinismus maßgeblich voran.
Spätestens seit dem Gesetz gegen „Ausländische Agenten“ von 2012 lebten Memorial-Mitarbeiter:innen mit dem Risiko, verfolgt zu werden. Doch sie trotzten diesem Risiko. Mit spärlichen finanziellen Mitteln, einer schwelenden institutionellen Unsicherheit, immer wiederkehrenden Hausdurchsuchungen und anderen Schikanen von staatlichen Stellen aus, setzten sie ihre Forschung fort und waren diejenigen, die sich für die Zeugnisse der „Osty“, der ehemaligen sowjetischen NS-Zwangsarbeiter:innen, engagierten. Jedoch erscheinen die Einschüchterungen vor dem 24. Februar 2022 im Rückblick fast harmlos angesichts der seitdem immer brutaleren Verfolgung jener, die sich Putin und seinem Kriegstreiben entgegensetzen.
Die zweite Beobachtung bewegt sich auf der gesellschaftlichen Ebene und betrifft das Motiv der Selbstzensur: ein viel diskutiertes soziales und psychologisches Phänomen der Sowjetzeit. Mit Perestrojka und Glasnost’ sollte Zensur – und dies bedeutete Selbstzensur – weitestgehend abgeschafft werden. In den 1990er- und 2000er Jahren fürchtete kaum jemand mehr, für seine Meinung sanktioniert zu werden, liberale gesellschaftliche Strömungen waren stark. Doch spätestens die brutale Niederschlagung der Proteste 2011 und 2012 zeigte, dass freie Meinungsäußerung immer gefährlicher wurde.2
In einer Umfrage des Levada-Zentrums von Ende März 2022 gaben 53 % der russischen Bevölkerung an, die russischen „Spezialoperationen“ in der Ukraine zu unterstützen. Diese Zahl gibt sehr wahrscheinlich ein verzerrtes Meinungsbild. Denn das selbe Zentrum erfuhr 2016 in einer Umfrage, dass zwei Drittel der Befragten nicht ehrlich auf Fragen antworten, die Politik betreffen.3 Ein Grund für dieses Zerrbild liegt vermutlich in der Selbstzensur.4 Natürlich lässt sich Selbstzensur nicht quantifizieren. Doch ziemlich sicher begründet sie das Schweigen der Mehrheit der Bevölkerung, welches als Zustimmung zu Putins Kurs gedeutet wird.5 Somit lässt sich strukturell eine Kontinuität erkennen, die sich bereits deutlich in den Interviews mit den ehemaligen NS-Zwangsarbeiter:innen zeigt: die Strategie des Schweigens, die Selbstzensur, eine apolitische Haltung, um sich und seine Angehörigen zu schützen. Diese Strategie war eine sowjetische.6 Es wird jetzt ebenso erschreckend wie unerwartet deutlich, dass sich diese Denk- und Verhaltensweisen im letzten Jahrzehnt in einem unterschwelligen und nur selten merkbaren Prozess der Regeneration befanden und sich nun – seit dem russischen Angriff gegen die Ukraine – wieder, fast ungebremst, durchzusetzen scheinen.
Der dritte und letzte und von den beiden vorangegangenen Punkten untrennbare Gedanke betrifft die politische Ebene.7 In erster Linie müssen darunter die Kriegspropaganda, die repressive Innenpolitik und die fortschreitende Installierung einer revanchistischen Geschichtsideologie subsumiert werden. Die politische (Neo-)Instrumentalisierung von zentralen Termini aus dem Zweiten Weltkrieg ist frappierend. Das russische Propagandasystem hat Begriffe wie „Nazisty“ (dt.: Nazis) und „Fašisty“ (dt.: Faschisten) fest installiert, wenn es den ukrainischen „Gegner“ verbal attackiert. Vladimir Putin knüpft an die Geschichte des Angriffskriegs der Nationalsozialisten an, wenn er immer wieder davon spricht, seine Truppen würden die russische Bevölkerung in den Gebieten vor einem „Genozid“ retten. Ein weiteres Ziel sei dabei die „Entnazifizierung“ der Ukraine. Die euphemistische Bezeichnung des Krieges als „militärische Spezialoperation“ erinnert übrigens an die sowjetische Formulierung der „sozialistischen Bruderhilfe“, wenn es um den Einmarsch in Afghanistan 1979 ging.8 Bereits am 4. März 2022, acht Tage nach dem Einmarsch in die Ukraine, beschloss das russische Parlament die strafrechtliche Verfolgung von „Falschnachrichten“ über das russische Militär mit einer Höchststrafe von 15 Jahren Freiheitsentzug. Damit durften nicht nur die grausamen Kriegshandlungen des russischen Militärs kategorisch nicht beim Namen genannt werden. Auch nur von „Krieg“, „Invasion“ oder „zivilen Opfern“ zu sprechen, ist seitdem verboten. Als Verteidiger, nicht als Angreifer, inszeniert sich Russland. So taucht in den Erlassen zur Mobilmachung aus dem September 2022 wieder ein bestimmtes Kriegsvokabular auf, das anknüpft an das Narrativ des Heldenvolkes aus dem „Großen Vaterländischen Krieg“. Es lässt sich zusammenfassen, dass die Politik Putins an stalinistische Praktiken sehr nah heranragt: die Gleichschaltung der Medien, Propagandakampagnen und Falschinformationen, Repressionen gegen alle oppositionellen Kräfte und nun auch die Mobilisierung der Massen.
Und somit stellt sich ein dritter Strang der Kontinuität heraus, in welchem die Schicksale der ehemaligen Zwangsarbeiter:innen als Gegenerzählung noch brisanter hervortreten. Waren doch die Interviews in den Jahren 2005 und 2006, im Rahmen des mit Deutschland ausgehandelten Entschädigungsprogramms, produziert worden. Memorial war der zentrale Kooperationspartner in Russland. Auch in den 2000er Jahren war das Schicksal der NS-Zwangsarbeiter:innen und der Opfer des Stalinismus kein Mainstream-Thema in Russland, es fristete ein Nischen-Dasein. Vor dem Hintergrund der aktuellen politischen Lage erscheint es umso bemerkenswerter, ja: erstaunlicher, dass diese Interviews überhaupt geführt wurden, dass das Sammeln und Archivieren von Erinnerungen, die sonst kaum Gehör fanden, vorangetrieben werden konnte. Im Rückblick erscheinen die 1990er und 2000-Jahre als Jahre der Hoffnung und des Aufbruchs, als Fenster in eine Zukunft mit einer aufgearbeiteten Sowjet-Geschichte. Seit Februar 2022 ist diese Hoffnung wohl endgültig zerschlagen. Es macht sich Ernüchterung und Resignation breit, die angesichts der vielen prekären persönlichen Schicksale in Verzweiflung umschlägt. Die Interviews gewinnen vor diesem Hintergrund an Schärfe als Prisma einer russischen Gesellschaft, die sich noch nicht fest und vollständig im Griff eines autoritären Regimes befand.
Die drei obenstehenden Beobachtungen verleihen der Einschätzung der Interviews noch mehr Profil und Aussagekraft: Sie sind als Raritäten, Ausnahmeerscheinungen und Fundstücke für die Gesellschaftswissenschaften zu betrachten. Sie sind eine Fundgrube für die Erforschung der russischen und sowjetischen Zeitgeschichte, für sozialpsychologische Untersuchungen und auch für die politikwissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Geschichtspolitik Putins.
Aus denselben Gründen geben diese Interviews Hoffnung, was zunächst überraschen mag. Hier kommen Menschen zu Wort, deren Leben erschütterndes Zeugnis ist für das große Unrecht der totalitären Systeme des 20. Jahrhunderts. Menschen, die aber trotzdem nicht resignierten und sich entschlossen, davon zu erzählen. Ihre Leben sind Beispiel und Vorbild für eine resiliente russische Gesellschaft, die viel überlebt und viel gelernt hat. Insofern sind diese Interviews wichtiger denn je. Dieses Buch ist in der erklärten Absicht geschrieben, jenen Menschen das Wort zu erteilen, die den Mut hatten, das Schweigen zu brechen. Es wird in der Hoffnung publiziert, mit diesen Interviews Licht ins Dunkel der wechselhaften Geschichte einer Gesellschaft zu bringen, die ohne solche Menschen keine Zukunft hatte und haben wird. Es soll ihnen ein Denkmal setzen.
Berlin, September 2022
Anna Schor-Tschudnowskaja: Was bedeutet die Liquidierung von Teilen Memorials? https://www.bpb.de/themen/deutschlandarchiv/345507/was-bedeutet-die-liquidierung-von-teilen-memorials/#footnote-target-8, Stand: 12.09.2022.
Siehe dazu die Entwicklung des Indexes zur Meinungsfreiheit und zum Zugang zu alternativen Informationsquellen des Varieties of Democracies Dataset von 2021. Vgl. Statistik. Meinungsbildung und Zugang zu alternativen Informationsquellen. In: Russland-Analysen Nr. 418, 11.04.2022, S. 11–13, hier S. 11, https://www.bpb.de/themen/europa/russland-analysen/nr-418/, Stand: 12.09.2022.
Umfragen. Einstellung zum „Konflikt in der Ukraine“. In: Russland-Analysen, S. 13–14, hier S. 13.
Hierzu ein Zitat von Svetlana Gannuškina: „Umfragen bilden nicht die tatsächliche Realität ab, denn der postsowjetische Mensch beantwortet Fragen so, wie er glaubt, dass man es von ihm erwartet. Heute wird er die Frage so beantworten und morgen anders.“ Alice Bota: „An meine Kinder kommen sie nicht ran“ In: Die Zeit, Nr. 40, 29.9.2022, S. 5.
Kseniya Kizilova, Pippa Norris: Was denken gewöhnliche Russ:innen wirklich über den Krieg in der Ukraine? In: Russland-Analysen, S. 6–11, hier 7.
Es muss darauf hingewiesen werden, dass diese Phänomene allgemein Auswüchse autoritärer Systeme sind.
Die folgenden Ausführungen zur Propaganda und Geschichtsideologie basieren auch auf einem Artikel von Tanja Penter: Sprache als Waffe. „Neonazis“, „Genozid“, „Entnazifizierung“ und „Sondereinsatz“ in der Kriegspropaganda Putins. In: Zeitgeschichte online, 11. März 2022. https://zeitgeschichte-online.de/themen/sprache-als-waffe, Stand: 14.09.2022.
Marie Michel, Jakob Reuster, Christian Seegenthaler: Die Erinnerung an den Afghanistan-Krieg. https://www.dekoder.org/de/gnose/erinnerung-afghanistan-krieg-perestroika, Stand: 15.09.2022.