Die Gedenkstättenarbeit des Kreismuseums Wewelsburg zeichnet sich seit über 40 Jahren durch eine intensive Forschungstätigkeit zu Geschichte und den Tätigkeiten der SS sowie zum KZ Niederhagen aus. Seit der Eröffnung der zeitgeschichtlichen Dokumentations- und Gedenkstätte âWewelsburg 1933â1945. Kult- und Terrorstätte der SSâ im Jahr 1982 und dem Erscheinen des gleichnamigen wissenschaftlichen Begleitbandes von Prof. Dr. Karl Hüser,1 der die Dokumentation wissenschaftlich erarbeitet hatte, schlossen sich in den folgenden Jahren verschiedene Forschungsprojekte von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Kreismuseums an, deren Ergebnisse in den zwei Schriftenreihen des Hauses veröffentlicht wurden. Herausragend sind sicherlich der von Jan Erik Schulte herausgegebene Sammelband âDie SS, Himmler und die Wewelsburgâ2 aus dem Jahr 2009, in dem die damals neuesten Forschungen zur SS und Wewelsburg im Vorfeld der Neukonzeption der Gedenkstätte veröffentlicht wurden, sowie die 2013 von Markus Moors und Moritz Pfeiffer herausgegebene kommentierte Edition âHeinrich Himmlers Taschenkalender von 1940â,3 mit der ein wichtiger Beitrag für die Forschung zur Rolle des Reichsführers-SS und der Wewelsburg im âDritten Reichâ geleistet werden konnte. Der âEndzeitkämpferâ betitelte Begleitband gibt einen umfassenden Ãberblick über die wissenschaftlichen Erkenntnisse zur 2010 eröffneten neuen Dauerausstellung âIdeologie und Terror der SSâ.4 Mit der Rezeption der Wewelsburg in rechtsextremen Kreisen beschäftigt sich der 2021 in zweiter Auflage erschienene Sammelband âMythos Wewelsburg. Fakten und Legendenâ.5 Er legt die Legenden- und Mythenbildung rund um die Wewelsburg seit dem Ende der Nazi-Diktatur in all ihren Facetten dar.
Mit dem Ankauf des Anbaus der ehemaligen Lagerküche des KZ Niederhagen durch den Kreis Paderborn im Jahr 2018 ergab sich für das Kreismuseum Wewelsburg die Möglichkeit, auf dem ehemaligen Lagergelände ein originales Gebäude aus der KZ-Zeit, das nach dem Krieg zu Flüchtlingswohnungen umgebaut worden war, für pädagogische Zwecke zu übernehmen. Es wurde ein zweijähriges Sanierungsprojekt mit finanzieller Förderung der Europäischen Union (EFRE â âNatur und Kultur für alleâ) und des Landes NRW (Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung) begonnen. Im Zuge der Sanierung wurde das unter Denkmalschutz gestellte Gebäude samt dem dazugehörigen Kellergewölbe durch das Berliner Büro für Zeitgeschichte und Denkmalpflege Schulz & Drieschner GbR einer umfassenden bauhistorischen Untersuchung unterzogen. Als zwei Jahre später auch die ehemalige Kochhalle vom Kreis Paderborn angekauft wurde,6 konnten die darunterliegenden Kellerräume ebenfalls untersucht werden. Dabei wurden zahlreiche Bauspuren aus der KZ-Zeit (Toilettenräume, Spülbecken- und Kaminüberreste) und aus der Zeit der Nachkriegsnutzung als Wäscherei und Feuerwehrgerätehaus (Heizkessel, Schlauchwäsche) freigelegt. Die Kellerräume wurden mit finanzieller Unterstützung durch den Landschaftsverband Westfalen-Lippe, Münster ebenfalls saniert und werden in den neuen âGe-Denk-Ortâ miteinbezogen. So können die bauzeitlichen Phasen des gesamten Gebäudes von der KZ- bis in die Nachkriegszeit hinein dokumentiert und der Ãffentlichkeit vermittelt werden. Eine Dauerausstellung wird zudem über das Thema âZwangsmigrationâ von den jeweiligen Insassen und Bewohnern in den unterschiedlichen Lagerphasen berichten, die zwangsweise auf dem Lagergelände in Wewelsburg untergebracht waren.
Die Sanierung der baulichen Ãberreste des Küchenanbaus und der Kellerräume wurde durch zwei wissenschaftliche Forschungsprojekte begleitet, die mit finanzieller Förderung der Landeszentrale für politische Bildung des Landes Nordrhein-Westfalen sowie durch Zuwendungen für MaÃnahmen gemäà § 96 des Bundesvertriebenengesetzes des Landes Nordrhein-Westfalen und des Fördervereins Kreismuseum Wewelsburg e. V. ermöglicht wurden. Dadurch wurde der Blick auf die Topografie des Konzentrationslagers, die SS-Wachmannschaften und Insassen des Lagers gelenkt, indem neue Forschungsfragen an die bekannten Quellenbestände formuliert wurden und bisher unbekannte Quellenbestände recherchiert und erschlossen werden konnten. Ausgehend von den baulichen Ãberresten des Lagers wurde der Kenntnisstand zu den verschiedenen Phasen der Um- und Weiternutzung des Lagergeländes hinterfragt, beginnend mit dem Konzentrationslager (1940â1943) über das Lager der Volksdeutschen Mittelstelle (1943â1945), das Wehrertüchtigungslager (1944â1945), das DP-Camp (Displaced Persons Camp, Lager für ehemalige Zwangsarbeitende, 1945â1946) bis hin zum Flüchtlingslager (1946â1950er Jahre). Einige der Forschungsergebnisse wurden von den Bearbeiterinnen und Bearbeitern auf dem wissenschaftlichen Symposium des Kreismuseums im Frühjahr 2022 vorgestellt und anschlieÃend für diesen Sammelband zusammengestellt. Ergänzt werden diese Aufsätze um weitere Forschungsbeiträge zu Wewelsburg aus den letzten zwei Jahren.
Erik Beck forschte zum Verbleib der verstorbenen KZ-Häftlinge und ging der Frage nach, wohin die Urnen nach dem Einäscherungsvorgang in den nahegelegenen Krematorien gebracht wurden. Seine Erkenntnisse liefern einen wichtigen Beitrag für das Gedenken an die Opfer des Konzentrationslagers und richten den Blick auch auf das Gebäude des heute noch in Wewelsburg vorhandenen Krematoriums auf dem ehemaligen Industriehof. Christopher Horstmann beschäftigte sich in seinen wissenschaftlichen Recherchen ausführlich mit der SS-Wachmannschaft in Wewelsburg und stellt in diesem Sammelband das neu erworbene Briefkonvolut des SS-Wachmanns Edwin Holec vor.7 Wie aussagekräftig in der zeitgeschichtlichen Forschung die Arbeit mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen sein kann, stellt Norbert Ellermann in seinem Beitrag über die früheren Bewohnerinnen und Bewohner des Flüchtlingslagers in Wewelsburg heraus. Bei aller Vorsicht gegenüber der Validität von Zeitzeugenberichten lassen sich Eindrücke und Erfahrungen der geflüchteten und vertriebenen Familien in Wewelsburg dokumentieren.
Die frühe Strafverfolgung der alliierten Besatzungstruppen wurde gleich in mehreren Aufsätzen des Sammelbandes untersucht. Kerstin Schulte berichtet über ihre Forschungen hinsichtlich der frühen Ermittlungen der War Crimes Group der britischen Besatzung zu den NS-Kriegsverbrechern in Wewelsburg. Die Auswertung der von ihr recherchierten Spruchgerichtsakten ergab spannende biografische Hinweise auf einzelne SS-Wachmänner. Oliver Nickel berichtet über das von amerikanischen Soldaten als âErziehungsversuchâ für die Dorfbewohner befohlene sogenannte âSühnebegräbnisâ, bei der die Leichen einer Massenexekution, die wenige Monate vor Kriegsende am SS-SchieÃstand vorgenommen worden war, exhumiert werden mussten, sowie über die Strafverfolgung der amerikanischen Ermittler. Erstmalig werden in diesem Beitrag Fotos von der Exhumierung veröffentlicht. Die Ereignisse rund um das Kriegsende in Wewelsburg werden in zwei weiteren Beiträgen von Markus Moors und Kirsten John-Stucke aus unterschiedlichen Perspektiven heraus beleuchtet. Die überstürzte Flucht der SS-Männer aus Wewelsburg kurz vor Ankunft der amerikanischen Truppen steht im deutlichen Gegensatz zu der Befreiung des Häftlingsrestkommandos, dessen Mitglieder sich im Anschluss um eine enge Kooperation mit den Amerikanern bemühten. Die Suche der amerikanischen Ermittler nach der versteckten Kunstsammlung der SS greift Kerstin Schulte in einer Miszelle zu den Monuments Men in Wewelsburg auf.
Biografische Skizzen zu den KZ-Häftlingen Franz Tuteur und Albert Heinze von Reinhard Fromme und Erik Beck erscheinen in den Miszellen, ebenso wie Norbert Ellermanns Skizze zu dem französischen Kriegsgefangenen Corentin LeGoff.
Ein frühes Gedenken an die Opfer der SS-Gewalt in Wewelsburg und die allgemeinen Kriegsfolgen im Paderborner Land fand bereits 1950 seinen Standort im Nordturm der Wewelsburg. Es handelte sich dabei um den zehnteiligen, expressionistischen Gemäldezyklus des Bürener Künstlers Josef Glahé. Stephanie Lerke fasst in ihrem Beitrag ihre umfassenden Recherchen zu dem Künstler und seinem Gemäldezyklus zusammen und verdeutlicht, wie der Mahnmalszyklus in den 1970er Jahren aus der Ãffentlichkeit verdrängt und jahrzehntelang missachtet wurde.
Den kritischen Umgang mit baulichen Ãberresten der SS-Vergangenheit stellt schlieÃlich Barbara Schulz in ihrem Beitrag am Beispiel des Anbaus der ehemaligen KZ-Häftlingsküche in Wewelsburg dar. Die Ergebnisse ihrer baugeschichtlichen Untersuchung ermöglichen es dem Kreismuseum, die Geschichte des Bauwerks und seine Nachnutzung nachvollziehbar zu machen. In einer Miszelle richtet Erik Beck den Blick auch auf das Gebäude des heute noch in Wewelsburg vorhandenen früheren KZ-Krematoriums auf dem ehemaligen Industriehof und skizziert die bauhistorischen Spuren und frühere Nutzung des Gebäudes.
Die Beiträge des Sammelbandes sind ein wichtiger Beitrag für die Forschungen zur Geschichte Wewelsburgs während der NS-Zeit sowie des KZ Niederhagen und der Nachnutzung des Lagergeländes. Biografien von Tätern, Opfern und alliierten Ermittlern verdeutlichen die verschiedenen Perspektiven, aus denen sich die Geschichten zusammensetzen. Die Beiträge zeigen aber auch, wie schwierig und konfliktreich der Umgang mit den baulichen Ãberresten der SS-Vergangenheit und dem Gedenken an die Opfer der SS-Gewalt bis heute ist. Die Themen sind aktuell, auch heute noch, bald 80 Jahre nach Kriegsende, mehr als 40 Jahre nach Gründung der ersten Gedenkstätte in Wewelsburg.
Mein Dank gilt allen Autorinnen und Autoren für ihre zum Teil aufwendig recherchierten Beiträge und ihre Bereitschaft, an diesem Sammelband mitzuarbeiten. Den Kollegen und Kolleginnen des Kreismuseums danke ich für ihren kollegialen Rat und ihre fachlichen Hinweise, namentlich möchte ich Markus Moors und Jörg Piron erwähnen. Letzterem bin ich besonders dankbar für seine akribische und geduldige Redaktion der Beiträge.
Ich danke dem Kreis Paderborn, vertreten durch Herrn Landrat Christoph Rüther, für die weitreichende finanzielle Unterstützung zur Veröffentlichung des Sammelbandes. Ebenso gilt mein Dank den Zuwendungen des Fördervereins Kreismuseum Wewelsburg e. V. und dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe, Münster.
SchlieÃlich danke ich unserem Lektor Dr. Diethard Sawicki vom Brill Schöningh Verlag, der erneut groÃes Vertrauen in unsere Arbeit setzte und dieses Buchprodukt unterstützte.
Karl Hüser: Wewelsburg 1933â1945. Kult- und Terrorstätte der SS. Eine Dokumentation (= Schriftenreihe des Kreismuseums 1), 2. überarb. Aufl., Paderborn 1987.
Jan Erik Schulte (Hg.): Die SS, Himmler und die Wewelsburg (= Schriftenreihe des Kreismuseums Wewelsburg 7), Paderborn u. a. 2009.
Markus Moors, Moritz Pfeiffer (Hg.): Heinrich Himmlers Taschenkalender 1940 (= Schriftenreihe des Kreismuseums Wewelsburg 9), Paderborn u. a. 2013.
Wulff E. Brebeck, Frank Huismann, Kirsten John-Stucke, Jörg Piron (Hg.): Endzeitkämpfer. Ideologie und Terror der SS (= Schriftenreihe des Kreismuseums Wewelsburg 8), Berlin, München 2011.
Kirsten John-Stucke, Daniela Siepe (Hg.): Mythos Wewelsburg. Fakten und Legenden (= Schriftenreihe des Kreismuseums Wewelsburg 10), 2. akt. u. erw. Aufl., Paderborn 2021.
In der ehemaligen Lagerküche ist seit April 2023 das Kulturamt des Kreises Paderborn untergebracht.
Kreismuseum Wewelsburg, Briefkonvolut Edwin Holec, Inv. Nr. 20345-2, 20391-2, 20393.