I. Einleitung
Das Adjektiv âºungläubigâ¹ kennt im deutschen Sprachgebrauch zwei Bedeutungen.1 Ungläubig ist einerseits, wer Zweifel an der Richtigkeit von etwas erkennen lässt. Etwa der Mann, der angesichts der Ausrede für das Zuspätkommen seines Freundes ein ungläubiges Gesicht macht. Oder die Frau, welche mit ungläubigem Staunen zuschaut, wie ihre Lieblingsmannschaft den Favoriten aus dem Turnier wirft. Die zweite Bedeutung spitzt diesen Zweifel an der Richtigkeit von etwas auf den religiösen Glauben zu. Ungläubig ist, wer nicht glaubt, etwa an Gott oder an die kirchliche Lehre. Die Zweideutigkeit des Begriffs lädt zum Spiel mit der Sprache ein. Der âºungläubige Thomasâ¹ wird als Beispiel einer partikularen Ungläubigkeit zum Stellvertreter für Zweifler in allen Belangen. Navid Kermani gerät bei seiner Betrachtung der christlichen Bildwelt in »ungläubiges Staunen«.2
Auch der Titel dieses Aufsatzes lässt eine genaue Bestimmung nicht ohne Weiteres zu. Ungläubiges Missverstehen kann sowohl ein bewusstes oder unbewusstes Missverstehen bezeichnen, welches an der Richtigkeit irgendeiner Sache zweifelt, als auch ein Missverstehen, welches durch seinen Unglauben bestimmt wird. In beiden Fällen stellt sich die Frage, in welchem Verhältnis Ungläubigkeit und Missverstehen zueinanderstehen. Lässt sich ungläubiges Zweifeln etwa als natürliche Reaktion auf Missverstehen denken? Ist Unglaube theologisch immer auch als ein Missverstehen, etwa des eigenen Gottesverhältnisses, zu beschreiben?
Wenn Theologie wesentlich hermeneutisch ist, d. h. ihr Handwerk das Verstehen des (menschlichen) Verstehens Gottes ist, wird eine Gegenüberstellung von Glauben â Verstehen und Unglauben â Missverstehen durchaus denkbar, wenn auch nur vom Standpunkt des Glaubens.3 Wird der Glaube als ein Verstehen Gottes und dementsprechend seiner selbst, der Welt und anderer begriffen, wäre Unglaube demgegenüber als ein Missverstehen Gottes und der weiteren Relationen aufzufassen. Diese Zweiteilung, so erfahrungsfremd sie auf den ersten Blick auch wirken mag,4 dient aber nicht der starren Kategorisierung. Sie ist theologisch nur insofern von Interesse, als die Möglichkeit des Wechsels vom Unglauben zum Glauben, also vom Missverstehen zum Verstehen bedacht wird, stellt diese Möglichkeit doch die Voraussetzung für die Verkündigung als Ort des Wechsels dar.5
Wie ist dieser Vollzug des Wechsels vom ungläubigen Missverstehen zum gläubigen Verstehen aber zu beschreiben? In diesem Aufsatz möchte ich weder umfassende phänomenale Beschreibungen konkreter Ereignisse noch eine tiefgehende Analyse möglicher Strukturen eines solchen Wechsels vornehmen. Stattdessen soll als ein Beitrag âºhermeneutischer Unfallforschungâ¹6 ein Auszug aus dem Johannesevangelium untersucht werden: die Begegnung Jesu mit der Samaritanerin in Johannes 4. Die Passage ist für die Frage nach dem Verhältnis von Missverstehen, Unglauben und Glauben insofern von Interesse, als es sich um eines der klassischen johanneischen Missverständnisse handelt, an dessen Ende nach gängiger Auffassung der Glaube steht.7 Ob und inwiefern das Missverständnis bzw. dessen Auflösung jedoch zum Glauben führt, das soll im nachfolgenden Beitrag erörtert werden. Zur Debatte steht also die Rolle des Missverständnisses im Wechsel vom Unglauben zum Glauben im Rahmen einer der neutestamentlichen Jesus-Erzählungen.
II. Vom Missverstehen zum Zeugnis â Jesus und die Samaritanerin
Die Begegnung mit der Samaritanerin bildet das Zentrum der Geschichte von Jesu Wirken in Samaria (Joh 4,4â42), während er sich auf der Durchreise von Judäa in seine Heimat Galiläa befindet. Die Erzählung lässt sich in fünf Teile gliedern:8
1. Eine Einleitung (4â6),
2. die Begegnung Jesu mit der Samaritanerin am Brunnen, die zu den Gesprächen über das lebendige Wasser, über die Ehemänner und über die wahre Anbetung führt (7â26),
3. die Ankunft der Jünger und der Aufbruch der Frau in die Stadt (27â30),
4. das Gespräch Jesu mit den Jüngern und schlieÃlich
5. der Glaube der Samaritaner.
Hier von Interesse sind in erster Linie die Gespräche zwischen Jesus und der Samaritanerin hinsichtlich der Missverständnisse sowie deren Bedeutung für die Schlussszene.
Die Erzählung beginnt, als Jesus auf der Durchreise von Judäa nach Galiläa um den Mittag eine Rast macht und sich, müde und wohl auch durstig von der Reise, an einen Brunnen setzt. Beim Brunnen handelt es sich um den Brunnen Jakobs, einen Quellbrunnen, der auf einem Stück Land lag, das Jakob seinem Sohn Josef geschenkt hatte.9 Als eine Frau kommt, um Wasser zu schöpfen, bittet Jesus sie, ihm zu trinken zu geben, woraufhin sich das vom Missverständnis geprägte Gespräch entfaltet. Worin besteht dieses?
Das offensichtliche Missverständnis liegt in der unterschiedlichen Verwendung der Rede von âºlebendigem Wasserâ¹. Auf die Bitte Jesu reagiert die Frau erst einmal mit âºungläubigem Staunenâ¹, da er â der Jude â sich nicht durch den Umgang mit einer Samaritanerin als Angehörigen einer fremden Tradition verunreinigen sollte.10 Daraufhin verlässt Jesus kurzerhand die Rolle des Bittstellers, er wird zum Gebenden: Wenn die Frau wüsste, wer sie da um Wasser bittet, würde sie ihn bitten, und er würde ihr lebendiges Wasser geben. Jesus bestärkt den ersten Eindruck der Frau, dass es unangebracht sei, wenn sie ihm das Wasser schöpfe. Auf die von ihr angeführte Begründung geht er jedoch nicht ein und deutet seine eigene erst an: »Wenn du wüsstest!« Dass Jesus ihr Wasser geben soll, leuchtet der Frau aber nicht ein, da er ohne Schöpfgefäà zumindest aus diesem Brunnen kein Wasser heraufholen kann. Konsequenterweise fragt sie nach dem Ursprung dieses lebendigen Wassers â woher soll es kommen? Sie fügt einen Vergleich mit Jakob an, dem Geber des Brunnens, und fragt, ob Jesus etwa grösser als jener sei und seine Leistung als Geber dieses Brunnens und somit Spender des Wassers noch übertreffen könne.11 Woher es auch kommen und wie das auch mit der Person, die ihr gegenübersteht, zusammenhängen mag, die Frau versteht das Wasser offensichtlich als natürliches Trinkwasser, als H2O. Was aber meint Jesus mit âºlebendigem Wasserâ¹?
In seiner Antwort führt er die Qualitäten des Wassers genauer aus. Im Gegensatz zu natürlichem Wasser zeichne sich das lebendige Wasser durch drei besondere Merkmale aus: (1.) Wer davon trinkt, wird nie mehr Durst haben, weil (2.) das Wasser dem, der es trinkt, selbst zur Quelle wird und (3.) letztlich zum ewigen Leben »sprudelt«.12 Ist damit geklärt, was Jesus mit lebendigem Wasser meint?
Zumindest das Verständnis der Frau scheint sich gegenüber ihrer ersten Frage verändert zu haben. Sie bittet Jesus nun um das Wasser, von dem sie überzeugt ist, es würde ihren Durst so weit stillen, dass sie nicht mehr zum Brunnen kommen müsse. Um gewöhnliches Wasser kann es sich also auch ihrer Auffassung nach nicht handeln, wohl eher um eine Art Wunderwasser.13 Versteht man den Verweis Jesu auf das ewige Leben als explizit transzendenzbezogene Sprache, könnte man der Frau vorwerfen, diese Information missachtet zu haben und deshalb mit ihrem Verständnis im lebenspraktisch-diesseitigen Kontext verhaftet geblieben zu sein. Bereits in seiner ersten Antwort hatte er das Wasser, wenn auch nicht explizit, als Gabe Gottes bezeichnet. Zwar hat ein Verstehensprozess stattgefunden. Die Rollen, wer bittet und wer gibt, haben sich entsprechend der Ankündigung Jesu vertauscht, und in der Anerkennung sowohl der Besonderheit des Wassers wie auch der Bitte darum ist die Frau dem Rätsel des lebendigen Wassers auf der Spur. Der Eindruck bleibt jedoch, dass die Frau noch nicht begriffen hat, worauf Jesus anspielt. Und auch wenn sie die transzendente Dimension erfasst hätte, stellt sich die Frage, ob das Missverständnis sich endgültig hätte klären lassen. Das liegt daran, dass auch die Beschreibungen Jesu nicht eindeutig bestimmen lassen, was mit dem lebendigen Wasser bezeichnet werden soll.
Dass Jesus tatsächlich ein physisch trinkbares Wunderwasser meint, dem darüber hinaus noch selig machende Funktion zukommt, lässt sich allein aufgrund seiner Beschreibung nicht ausschlieÃen, ist im Gesamtkontext des Johannesevangeliums jedoch für eher unwahrscheinlich zu halten. Naheliegender sind Interpretationen, welche das lebendige Wasser metaphorisch als etwas verstehen, das über Irdisches hinausweist.14 Die Metapher lieÃe sich pneumatologisch als Bild für den Heiligen Geist deuten, welcher den Gläubigen später ebenfalls als Gabe versprochen wird, die in Ewigkeit bei ihnen sein werde (Joh 14,16). Oder das lebendige Wasser bezeichnet die Offenbarung â ist doch das ewige Leben die Frucht der Offenbarung. Dabei kann der Inhalt der Offenbarung wiederum nicht von der Person Jesu getrennt werden (Joh 3,36; 5,24 u. a.).15 Eine abschlieÃende Interpretation drängt sich vom Text her jedoch nicht auf, eher ist zu hinterfragen, ob die Bedeutung der Metapher sich überhaupt klar umgrenzen lässt. So sperrt sich das Bild selbst bereits seiner Ãbersetzbarkeit, wenn etwa Jesu beschreibt, wie das Wasser den Trinkenden selbst zur Quelle wird.16 Die Metapher verweist auf etwas, was sie nicht zwingend zu erfassen beansprucht. Trotzdem lassen die Beschreibungen Jesu auch nähere Qualifizierungen dessen zu, was mit dem lebendigen Wasser gemeint sein kann. Die Verknüpfung des lebendigen Wassers mit dem ewigen Leben legt es nahe, analog zur Notwendigkeit von Wasser für das Ãberleben die Notwendigkeit des lebendigen Wassers für Leben oder ewiges Leben in einem übertragenen Sinn zu verstehen.17 Im wechselnden Verhältnis von Bitten und Geben ist auch die Kennzeichnung des Wassers als Gabe hervorzuheben, wie in Vers 10 beschrieben als Gabe Gottes (
SchlieÃlich trifft Zweiteres ein, die Frau bittet Jesus, ihr von dem Wasser zu geben. Hat sie also erkannt, wer er ist? Was sich in der bisherigen Behandlung des Missverständnisses hinsichtlich des lebendigen Wassers nur angedeutet hatte, drängt sich mit dieser Frage notwendig auf: Mindestens ein weiteres Missverständnis liegt bei der Begegnung am Brunnen vor. Parallel zum Gespräch über das lebendige Wasser findet eines über die Identität des Mannes statt, der die Frau nach Wasser gefragt hatte. Bereits die erste Antwort Jesu auf den Einwand der Frau, wie er als Jude sie um Wasser bitten könne, stellt den engen Bezug zwischen dem lebendigen Wasser und Jesus als Geber her. Zur Bittstellerin würde die Frau einerseits, wenn sie um die Identität Jesu wüsste, andererseits, wenn sie die Gabe Gottes kennen würde. Der (Miss-)Verstehensprozess hinsichtlich der Gabe wurde bereits nachvollzogen, als Nächstes soll dasselbe für die Frage nach der Identität Jesu getan werden.
Jesus begegnet der Frau, als er sie um Wasser bittet. Diese Bitte scheint der Frau aber von Anfang an unangebracht, da sie ihn als Juden erkennt und davon ausgehen wird, dass er als Fremder weiÃ, dass sie selbst Samaritanerin ist. Jesus spricht ihre Unkenntnis hinsichtlich seiner Person direkt an. Ist mit der Unkenntnis bereits ein Missverständnis gegeben? Ihr Verständnis der Person, welche sie als âºDuâ¹ anspricht, ist, wenn auch nicht falsch, insofern »misslich«19, als sie nicht über das Hintergrundwissen verfügt, um zu verstehen, dass die Beschreibung Jesu als jüdischer Mann irrelevant ist hinsichtlich der Möglichkeiten, welche sich aufgrund der Identität Jesu aus dieser Begegnung mit ihm ergeben.20 Die Rede Jesu vom lebendigen Wasser lässt sie aber aufhorchen. Mit der Frage, ob Jesus etwa grösser als Jakob sei, deutet sich an, dass bei der Frau ein Erkenntnisprozess angestoÃen wurde. Am Ende des Gesprächsgangs hat sich ihr Verständnis seiner Person so weit entwickelt, dass sie in ihm nicht mehr primär den Juden sieht, der sie um Wasser bittet, sondern den Geber eines wundersamen Trinkwassers.
Während von dem Wasser in der weiteren Erzählung nicht mehr die Rede ist, bleibt die Identität Jesu weiterhin Thema. Auf das Gespräch über das lebendige Wasser folgt erst ein weiteres über die bisherigen Ehemänner der Frau. Jesu fordert sie auf, ihren Mann zu holen. Auf ihre Erwiderung, dass sie keinen Mann habe, macht Jesus kenntlich, dass er über ihre Situation Bescheid weiÃ. Dadurch wird Jesus im Verständnis der Frau vom Geber eines wundersamen Wassers zum Propheten. Sein Wissen um ihre Lebenssituation gibt ihr Anlass, in ihm einen Mann Gottes zu sehen.21 Diese Erkenntnis bewegt sie dazu, ein weiteres Thema, nämlich die Frage nach dem rechten Ort der Anbetung, die zwischen Juden und Samaritanern bestand, in das Gespräch einzubringen.22 Jesus bezieht in seiner Antwort klar Stellung und bezeichnet sich als Juden in Abgrenzung von den Samaritanern, welche im Gegensatz zu ihnen zu etwas beten würden, was sie nicht kennen. Aber er deutet auch an, dass eine Stunde kommen wird und zugleich schon da ist, in der »in Geist und Wahrheit« zum Vater gebetet werde. Die Frage nach der rechten Anbetung scheint ihre Auflösung also im Kommen dieser Stunde zu haben, welche die Frau an die Erwartung eines Messias knüpft, der den Willen Gottes endgültig verkündigen werde. Die darauffolgende Selbstoffenbarung Jesu bildet die Klimax des Gesprächs überhaupt wie auch des Verstehensprozesses hinsichtlich der Identitätsfrage: »Ich bin es.« Jesus identifiziert sich mit der Messiaserwartung der Frau, offenbart sich selbst als derjenige, welcher gekommen ist, um die Frage nach der Anbetung zu klären und den Willen Gottes kundzutun.
Eine direkte Antwort seitens der Frau, die auf ein verändertes Verstehen seiner Person schlieÃen lieÃe, bleibt aus. Stattdessen werden die beiden von den Jüngern unterbrochen, welche sich wundern, dass Jesus mit einer Frau spricht.23 Das weitere Verhalten der Samaritanerin ist hingegen aufschlussreich: Den Wasserkrug, den zu füllen sie an den Brunnen gekommen war, lässt sie stehen.24 Sie macht sich auf den Weg in die Stadt, um die Leute einzuladen, diesem Jesus selbst zu begegnen. Ihre Charakterisierung des zu Ersuchenden ist zweiteilig: Erstens sagt sie, habe er ihr »alles gesagt«, was sie »getan habe«25. Gemeint ist wohl ihr Gespräch hinsichtlich der Männer und Jesu Offenlegen ihrer Ehesituation. Zweitens stellt sie die Frage bzw. die Möglichkeit in den Raum, ob dieser Mann etwa der Christus sein soll. Auf diese Weise fordert sie die Eingeladenen auf, sich selbst ein Urteil zu bilden.
Bleibt die Bedeutung der Metapher des lebendigen Wassers sowie das Verstehen derselben seitens der Samaritanerin unklar, scheint hier ihr Verständnis hinsichtlich der Identität Jesu zuletzt mindestens im Ansatz mit seinem Selbstverständnis übereinzustimmen: Die Selbstoffenbarung Jesu als Messias veranlasst die Frau dazu, die Messianität Jesu als Frage und Einladung zur eigenen Urteilsbildung weiter zu kommunizieren. Die Verbindung dieser Einladung mit dem Bericht ihrer Erfahrung sowie der Umstand, dass sie alles stehen lässt, um den Leuten in der Stadt davon zu berichten, deuten darauf hin, dass sie selbst der Frage eine hohe Bedeutsamkeit zumisst und die Möglichkeit seiner Messianität für wahrscheinlich hält. Das Missverständnis hinsichtlich der Identität Jesu klärt sich also; er ist weder ein einfacher israelischer Mann, noch ein besonderer Prophet, sondern der Messias, der den Willen Gottes kundtut â oder er könnte es zumindest sein. Zu fragen bleibt, ob sich das Missverständnis zugunsten eines âºrichtigenâ¹ Verstehens auflöst, gerade weil unklar bleibt, ob die Frau ihn auch als solchen versteht. Sie ist sich der Möglichkeit und der Bedeutsamkeit eines Verstehens Jesu als Messias bewusst, ihr eigenes Verständnis bleibt jedoch in der Schwebe. Auch ihr Glaube wird nirgends erwähnt.
Umso bemerkenswerter ist daher, was der Bericht der Samaritanerin auslöst. Die Samaritaner folgen der Einladung der Frau und kommen von der Stadt her. Nach dem Gespräch Jesu mit den Jüngern erfahren wir, dass viele von ihnen zum Glauben kommen. Ihr Weg zum Glauben vollzieht sich in zwei Schritten. Erst wird geschildert, wie sie auf das Wort der Samaritanerin hin zum Glauben kommen, wobei ihre Formulierung, dass dieser ihr alles gesagt habe, was sie getan hat, wiederholt wird. Darauf folgend kommen sie aber zu Jesus selbst und auf seine Worte hin glauben noch viel mehr Menschen; ein Umstand, den sie schlieÃlich auch der Frau gegenüber festhalten: Nicht mehr aufgrund ihres Berichts, sondern weil sie es selbst gehört haben, wissen sie nun, dass Jesus der »Retter der Welt«26 ist.
Diese letzte Aussage lässt eine weitere Konkretion des Verstehens der Identität Jesu erkennen, wenn auch nicht von, sondern vor der Samaritanerin geäuÃert. Bestand die Messianität Jesu im Gespräch zwischen der Frau und ihm noch primär in seiner Rolle als Offenbarer, wird er nun als universaler Heilsbringer dargestellt. Ihren Glauben bezeichnen die Samaritaner als ein Wissen, das aus dem Hören stammt. Ob diese Einsicht nur bestätigt, was sie bereits von der Frau vernommen hatten oder ob demgegenüber ihre Erkenntnis in der Begegnung mit Jesus selbst nochmals weiter fortgeschritten ist, bleibt im Rahmen der Erzählung offen. Dass die Aussage als Höhepunkt an deren Ende steht sowie der Umstand, dass aufgrund der direkten Begegnung noch mehr Leute zum Glauben kommen, impliziert jedoch hinsichtlich des Glaubens einen Mehrwert in der direkten Begegnung mit Jesus. Die Samaritaner glauben nun explizit nicht mehr auf den Bericht der Frau hin. Dieser war zwar Voraussetzung dafür, dass sie überhaupt mit Jesus in Kontakt kommen konnten, hat aber nach dieser Begegnung scheinbar keine Bedeutung mehr.27
Was lässt sich von hieraus über die Rolle des Missverständnisses zwischen Jesus und der Samaritanerin im Rahmen der Erzählung sagen? Ãberblickt man das ganze Kapitel, steht das ursprüngliche Missverständnis hinsichtlich des lebendigen Wassers am Anfang eines Erkenntnisprozesses, in dessen Rahmen erst die Samaritanerin, dann die Jünger und schlieÃlich die Bewohner der Stadt erfahren, wer Jesus ist. Im Zentrum der Erzählung steht also die Erkenntnis seiner Identität.28 Wie oben nachgezeichnet, ist diese von Anfang an explizit Thema des Gesprächs. Dies wird bereits deutlich, wenn Jesus der Frau zu verstehen gibt, dass sie offensichtlich nicht weiÃ, wen sie um Wasser bittet. Die Erzählgänge zum lebendigen Wasser wie auch zu den Ehemännern und zur Frage nach der Anbetung bilden verschiedene Schritte des Erkenntnisprozesses: Die Frau erkennt erst, dass Jesus als Geber eines wunderbaren Wassers kein gewöhnlicher Mann sein kann. Aufgrund seiner Kenntnis ihrer Situation redet sie ihn dann als Propheten an. Und schlieÃlich, nachdem sie selbst die Frage nach der Anbetung Gottes und nach einem Messias, der den Willen Gottes kundtun würde, ins Spiel gebracht hat, zieht sie die Möglichkeit in Erwägung, dass dieser Jesu seiner Selbstbehauptung gemäà tatsächlich der Messias sein könnte. Ãber ihren weiteren Verstehensprozess bzw. über ihren Glauben erfahren wir weiter nichts â nur, dass sie daraufhin den Stadtbewohnern von ihrer Begegnung berichtet und diese erst auf ihren Bericht und schlieÃlich auf ihre eigene Begegnung mit Jesus hin zum Glauben kommen.
Betrachtet man nun die Rolle des lebendigen Wassers, ist der Zweck des Missverständnisses auf der Erzählebene dem Zweck der Gesamterzählung unterzuordnen. Es dient in erster Linie dazu, den Erkenntnisprozess hinsichtlich der Identität Jesu in Gang zu bringen.29 Das Missverständnis entsteht, als Jesus der Frau vom lebendigen Wasser erzählt â im vollen Wissen darum, dass die Frau nicht verstehen wird, was er meint. Dazu müsste sie bereits wissen, wer vor ihr steht, was ihrem Verhalten nach nicht der Fall ist. Das ursprüngliche Missverständnis seiner Person führt also dazu, dass Jesus bewusst eine missverständliche Formulierung in das Gespräch einbringt. Als solche soll sie den Fortgang des Gesprächs aufgrund der unterschiedlichen Verwendung des Begriffs jedoch nicht verunmöglichen. Die metaphorische Sprache dient vielmehr dazu, einerseits über die Andeutungen der transzendenten Dimension des Wassers auch auf die wahre Identität Jesu hinzuweisen und so einen Raum für die direkte Selbstoffenbarung zu schaffen, andererseits werden über den Durst und das ewige Leben bereits inhaltliche Aspekte dieser Identität angedeutet. Für den weiteren Verlauf der Erzählung sind diese aber insofern nicht mehr von Bedeutung, als dass sie keine Erwähnung mehr finden, auch dann nicht, als die Frau den Stadtbewohnern von ihrer Begegnung berichtet. Wie dargestellt, wird das Missverständnis auch nicht zugunsten eines eindeutig richtigen Verstehens aufgelöst, die Bedeutung der Metapher bleibt in der Schwebe. Die Rolle des Missverständnisses liegt also darin, Andeutungen zur besonderen Identität Jesu zu machen und hierdurch das Gespräch voranzutreiben.
Die Beurteilung der Rolle des Missverständnisses hinsichtlich der Identität der Person Jesu gestaltet sich etwas komplexer. Um ein Missverständnis handelt es sich nicht, weil ein Ausdruck in unterschiedlicher und nicht miteinander vereinbarender Weise verwendet wird, sondern weil die Person Jesu, seine Identität, die Besonderheit, die ihn ausmacht, und die Möglichkeiten, die sich aus der Begegnung ergeben, schlichtweg nicht bekannt sind bzw. erst im Laufe des Gesprächs Schritt für Schritt in den Blick kommen. Das Missverstehen beruht nicht auf einem falschen Verständnis, sondern auf fehlender Kenntnis. Auf der Erzählebene dient das Missverständnis keinem âºZweckâ¹, es wird nicht durch den intentionalen Gebrauch missverständlicher Wendungen provoziert, sondern stellt sich in der Begegnung einfach ein. Die Bearbeitung und Auflösung des Missverständnisses schaffen daraufhin jedoch den zentralen Fokus der weiteren Erzählung. Es stellt sich heraus, dieser einfache jüdische Mann ist auch der Retter der Welt. Allerdings ist wieder die Frage zu stellen, inwiefern das Missverständnis sich schlieÃlich auflöst. Die Selbstoffenbarung Jesu als Messias sowie der Glaube der Samaritaner, dass er als Christus der Retter der Welt ist, bilden die Höhepunkte der Erzählung. Die Zusammengehörigkeit von Glauben und Verstehen scheint sich zumindest im Blick auf die Samaritaner also zu bestätigen: Sie glauben auf Jesu Wort hin und verstehen, wer er ist. In ihrem Fall war aber von einem Missverständnis keine Rede gewesen. Inwiefern auch sie vor dem Bericht der Frau und der Begegnung mit Jesus im Unglauben waren und inwiefern dieser sich als Missverständnis konstituiert haben möge, darüber lässt sich nur spekulieren. Das eigentliche Missverständnis entstand zwischen Jesus und der Samaritanerin, und ihr Verstehen bzw. ihr Glaube bleibt bis zum Ende der Erzählung in der Schwebe. Für ebendieses Missverständnis kann die Auflösung also nicht die zentrale Funktion sein, zumindest nicht in direktem Sinne. Stattdessen führt das Missverständnis zu einer Handlung. Die Auseinandersetzung der Frau mit der Identität Jesu führt sie dazu, sich aufzumachen, um den Menschen in der Stadt von ihrer Begegnung zu berichten und sie einzuladen, sich selbst ein Urteil zu machen. Aufbruch, Bericht, Einladung und Frage sind die Konsequenzen, die sich aus dem Missverständnis ergeben. Der Glaube der Samaritaner ist die Folge dieser Handlung. Somit liegt die Rolle des Missverständnisses darin, einen Verstehensprozess anzuregen, der jedoch zu keinem Abschluss kommt, sondern im Missverstehen im Sinne eines Noch-nicht-verstanden-habens Verstehensmöglichkeiten ins Spiel bringt, welche zur genannten Handlung führen.
III. Die Nichtselbstverständlichkeit des Glaubens
In der Einleitung wurde festgehalten, dass die theologische Unterscheidung von Unglauben und Glaube nur insofern von Interesse sei, als die Möglichkeit eines Wechsels von Ersterem zum Zweiten als Voraussetzung für die Verkündigung mitbedacht wird. Was lässt sich nun ausgehend von den Beobachtungen zur Funktion des Missverständnisses im Rahmen der Erzählung von Johannes 4 zum Verhältnis von Missverständnis, Glaube und Unglaube sagen?
Die Passage beginnt mit einem Missverständnis und endet mit einem Glaubensbekenntnis. Mit Blick auf die Gesamterzählung lieÃe sich also durchaus eine Transformation vom Missverstehen zum Verstehen, vom Unglauben zum Glauben behaupten. Allerdings hat sich bereits gezeigt, dass das Schema doch nicht so recht zur Erzählung passt: Während im Hinblick auf die Samaritaner und ihren Glauben von keinem Missverständnis die Rede ist, bleibt der Glaube sowie die Auflösung des Missverstehens der Samaritanerin in der Schwebe. Am ehesten ist die Transformation bei den Leserinnen und Lesern der Geschichte anzusetzen, sie werden in den Erkenntnisprozess der Frau am Brunnen, der Jünger und der Samaritaner involviert und sollen erkennen, wer Jesus ist.30 Ein Missverständnis wie dasjenige der Samaritanerin wird sich bei der Lektüre des Textes jedoch kaum einstellen und zumindest zum Erfassen, dass sowohl dem lebendigen Wasser als auch der Person Jesu eine spezielle Bedeutung zukommen, ist kein Glaube notwendig.31
Eine einfache Zuordnung von Missverständnis zu Unglauben einerseits und Verstehen zu Glauben andererseits scheint also zu kurz gegriffen.32 Betrachten wir für unsere Fragestellung deshalb nochmals die missverständliche Begegnung zwischen Jesus und der Frau am Brunnen. Ihre Geschichte lässt sich nur schwer als die einer Konversion beschreiben. Ein Glaubensbekenntnis ihrerseits oder eine Aussage über ihren Glauben bleiben aus. Es hatte sich in der Analyse des Missverständnisses hinsichtlich der Person Jesu gezeigt, dass dieses die Frau nicht primär zu einem bestimmten Verstehen oder eben zum Glauben führte, sondern zu einer Handlung. Das Missverständnis, das in der Begegnung zwischen Jesus und der Frau entsteht, unterbricht ihren alltäglichen Gang zum Wasserholen, weckt ihr Interesse an dem âºlebendigen Wasserâ¹ wie auch an Jesus als Geber dieses Wassers und führt schlieÃlich dazu, dass sie sich aufmacht, den Leuten in der Stadt von ihrer Begegnung zu erzählen.
In der narrativen Entfaltung der Selbstoffenbarung Jesu als des Messias,33 an dessen Ende der Glaube der Samaritaner steht, kommt der Frau am Brunnen also eine vermittelnde Rolle zu. Indem sie die Menschen der Stadt einlädt, schafft sie die Möglichkeit, zum Glauben zu kommen. Im Hinblick auf die Rolle des Missverständnisses verschiebt der Fokus sich dann von der Frage nach Glauben und Unglaube hin zur Verkündigung als dem Akt, der von der Möglichkeit eines Wechsels vom Unglauben zum Glauben ausgeht. Das Missverständnis führt in die Verkündigung. Verkündigung jedoch nicht in dem Sinne, dass die Samaritanerin ein Wort weiterreichen würde, dass sie empfangen hätte. Auch nicht die Auflösung des Missverständnisses hin zu einem richtigen Verstehen und damit einhergehend zum Glauben befähigen sie etwa, ihren Glauben zu teilen. Stattdessen besteht die Verkündigung im Appell: Geh hin! Sprich mit ihm! Prüfe! â ohne jedoch die eigene, bleibende Unsicherheit zu verstecken.34
Als Vermittlerin macht sich die Samaritanerin keineswegs überflüssig, wie das Schlussvotum der Stadtbewohner suggerieren könnte.35 Wenn auch die revelatorischen Pointen der Geschichte in der Selbstoffenbarung Jesu als des Messias und dem Glaubenszeugnis der Samaritaner liegen, besteht der Inhalt der Erzählung in Johannes 4 in der Darstellung des Werdegangs einer Frau zur Zeugin, ausgehend von einer missverständlichen Begegnung. Die Frau wird zur Zeugin für den Glauben anderer, nicht im Behaupten einer bestimmten Wahrheit, die sie verstanden hätte, sondern im Bezeugen einer besonderen Begegnung und der Einladung, sich selbst auf eine solche Begegnung einzulassen.36
Für die Frage nach der Rolle des Missverständnisses im Rahmen von Johannes 4 bedeutet dies, dass die Konzentration auf das Missverständnis den Blick weglenkt vom Glauben als primären Fokus der Erzählung hin auf die Verkündigung, auf die Frau als Zeugin für den Glauben. Das Missverstehen wird nicht zugunsten eines richtigen Verstehens aufgelöst und führt nicht direkt zum Glauben, sondern wird zum Zeugnis von etwas, dessen Verstehen in der Schwebe bleibt. Zwar werden einzelne Sachverhalte geklärt; beim Wasser handelt es sich nicht, wie angenommen, um physisch trinkbares Wasser, und Jesus ist mehr als nur ein gewöhnlicher Mann. So ist es auch nicht ein komplettes Nichtverstehen seitens der Frau, welches sie zur Handlung führt. Sowohl im Hinblick auf das Wasser als auch auf die Identität Jesu lieà sich ein Verstehensprozess bzw. -progress beobachten. Zur Verkündigung kommt es jedoch durch die bleibende Verwunderung, welche sich in der Unsicherheit sowie der Einladung des Zeugnisses ausdrückt. In ihrem Missverstehen bleibt die Samaritanerin eine âºUngläubigeâ¹, nicht im religiösen Sinne, darüber schweigt der Text, aber in dem Sinne, dass sie ihre Zweifel daran, ob Jesus der Messias ist, nicht verbirgt. Als âºUngläubigeâ¹ wird sie jedoch zur Zeugin für den Glauben, ihre Verkündigung zum âºungläubigen Zeugnisâ¹.
Art. »ungläubig«, in: Duden online, https://www.duden.de/node/191427/revision/566449 (28.08.2022).
Kermani, Navid, Ungläubiges Staunen. Ãber das Christentum, München 82016.
Vgl. Dalferth, Ingolf U., Radikale Theologie. Glauben im 21. Jahrhundert, Leipzig 42021, 59â62.
Vgl. Petzoldt, Matthias, Offenbarung erleben und zu verstehen suchen. Zum theologischen Diskurs um das Prinzip Offenbarung im Kontext der hermeneutischen Diskussion, in: Landmesser, Christof/Klein, Andreas (Hg.), Offenbarung â verstehen oder erleben? Hermeneutische Theologie in der Diskussion, Neukirchen-Vluyn 2012, 15â40, 38.
Vgl. Ebeling, Gerhard, Hermeneutische Theologie?, in: Gadamer, Hans-Georg/Boehm, Gottfried (Hg.), Seminar: Die Hermeneutik und die Wissenschaften, Frankfurt a. M. 1978, 322: »Die Frage nach dem Verstehen hat für die Theologie offenbar ihren eigentlichen Ort in der Ausrichtung der Verkündigung an die Welt, in der Begegnung des Nichtglaubenden mit dem Wort des Glaubens.«
Vgl. Stoellger, Philipp, Missverständnisse und die Grenzen des Verstehens. Zum Verstehen diesseits und jenseits der Grenzen historischer Vernunft, in: ZThK 106 (2009), 223â263, 227.
Vgl. Leroy, Herbert, Rätsel und Missverständnis. Ein Beitrag zur Formgeschichte des Johannesevangeliums, Bonn 1968, 88â99, 147â155.
Vgl. Zumstein, Jean, Das Johannesevangelium, Göttingen 2016, 167.
Dieser Erwerb sowie die Schenkung des Landes sind im Alten Testament erwähnt (Gen 33,19; 48,22; Jos 24,32), der Brunnen wird biblisch jedoch nicht weiter bezeugt. Vgl. Zumstein, Johannesevangelium, 171.
Vgl. ebd., 173.
Vgl. ebd., 176.
Vgl. ebd., 177.
Vgl. Leroy, Rätsel, 96.
Zur Form der Missverständnisse im Johannesevangelium vgl. Bultmann, Rudolf, Das Evangelium des Johannes, Göttingen 201885, 95: »Die Zweideutigkeit johanneischer Begriffe und Aussagen, die zu den Missverständnissen führen, liegt nicht darin, dass eine Vokabel zwei Wortbedeutungen hat, sodass das Missverständnis eine falsche Bedeutung ergriffe; sondern darin, dass es Begriffe und Aussagen gibt, die in einem vorläufigen Sinne auf irdische Sachverhalte, in ihrem eigentlichen Sinne aber auf göttliche Sachverhalte gehen.«
Vgl. Leroy, Rätsel, 96. Für die drei Typen der Interpretation vgl. Zumstein, Johannesevangelium, 174â176.
Vgl. Leroy, Rätsel, 97: »Um metaphorische Redewendung kann es sich nicht handeln; denn wo gibt es im gemeinsprachlichen Sinn die Vorstellung, dass Wasser im Trinkenden zur Quelle wird?« Vgl. dagegen Zumsteins Unterscheidung von »toter«, da eindeutig deutbarer, und »wirklicher« Metapher: Zumstein, Johannesevangelium, 175.
Vgl. ebd.
Ebd.
Vgl. Stoellger, Missverständnisse, 240: »Jedes Missverstehen ist ein Verstehen, an dem etwas misslich ist.«
Zu Hintergrundwissen und Relevanz als Voraussetzungen des Verstehens vgl. Von Sass, Hartmut, Zur Grammatik des Missverstehens. Versuch einer hermeneutischen Schadensbegrenzung, in: Freiburger Zeitschrift für Philosophie und Theologie 59 (2012), 124â147, 125.
Vgl. Zumstein, Johannesevangelium, 179.
Vgl. ebd., 180.
Zwischen der Frau und den Jüngern entsteht so eine Ãhnlichkeit: Beide nehmen Anstoss an der unüblichen Gesprächssituation. Denkbar wäre, auch das Missverstehen der Person Jesus seitens der Frau, welches sich an der Feststellung der unüblichen Situation entfaltet, auf die Jünger zu übertragen. Auch die Jünger haben (noch) nicht verstanden, wer Jesus ist.
Die Thematik des Wassers wird hier indirekt noch einmal aufgenommen. Weder das normale noch das wundersame Wasser scheinen für die Frau primär von Interesse zu sein. Die Begegnung mit Jesus hat in der Hinsicht eine Neuausrichtung ihres Interesses und Handelns bewirkt.
Joh 4,29.
Joh 4,42.
Bultmann beschreibt die Rolle der Samaritanerin in Anlehnung an Kierkegaards âºJünger zweiter Handâ¹ folgendermassen: »Der vermittelnde Bote ist von entscheidender Bedeutung, denn er führt ja die Anderen zu Jesus; aber eben damit erledigt er sich selbst, und der Hörer â âºzweiter Handâ¹ â wird zum Hörer erster Hand.« Bultmann, Johannes, 148.
Vgl. Zumstein, Johannesevangelium, 194.
Vgl. zur Funktion der Missverständnisse im Johannesevangelium: Rahner, Johanna, Missverstehen um zu verstehen. Zur Funktion der Missverständnisse im Johannesevangelium, in: Biblische Zeitschrift 43 (1999), 212â219, 215: »Das Missverständnis und seine literarische Funktionalisierung stehen also im Dienst einer inhaltlichen Fortführung und Vertiefung des Erzählfadens.«
Zumstein, Johannesevangelium, 194.
Vgl. Carson, Donald A., Understanding Misunderstandings in the Fourth Gospel, in: TynB 53 (1982), 77f.: »But understanding that âºspecial meaningâ¹ does not, in Johnâs day or in ours, make a person a Christian.«
Diese Aussage trifft auch auf andere klassische Missverständnisse im Johannesevangelium zu, vgl. Rahner, Missverstehen, 218.
Vgl. Zumstein, Johannesevangelium, 194.
In der Regel verlangen Fragen, welche mit âº
Gegen Bultmann, Johannes, 142: »Auf der Gestalt der Frau liegt kein selbständiges Interesse«.
Zum Verhältnis von Behaupten und Bezeugen: Fischer, Johannes, Behaupten oder Bezeugen? Zum Modus des Wahrheitsanspruchs christlicher Rede von Gott, in: ZThK 87 (1990), 224â244.