Katastrophe2 hat Konjunktur â und das bereits seit fast 30 Jahren: Mit Blick auf Forschungstrends stellt der vorliegende Schwerpunkt zum einen eine späte Antwort auf eine Diskussion dar, die in der historischen Mittelalter- und Frühneuzeitforschung bereits Anfang des Jahrtausends ausführlich geführt und unter anderem von der aufstrebenden Umweltgeschichte befördert wurde.3 Zum anderen setzt er dem gegenwärtig in der Neueren deutschen Literaturwissenschaft sichtbaren Katastropheninteresse â das unter anderem durch realweltliche Phänomene wie die Covid-19-Pandemie und die Klimakrise befördert wird â eine historische Perspektive zur Seite.4 Die vorliegenden Beiträge sind im Rahmen der Tagung âFatum und Ereignis. Zur Zeitlichkeit der Katastrophe in Mittelalter und früher Neuzeitâ entstanden, die im Sommer 2023 am Internationalen Wissenschaftsforum Heidelberg stattfand,5 und dokumentieren in Fallstudien die (literarischen) Darstellungen von Ereignissen, die wir aus heutiger â wenn auch nicht unbedingt aus damaliger â Sicht als Katastrophe bezeichnen würden, und richten ihre Aufmerksamkeit insbesondere auf die mit diesen verheerenden Ereignissen verbundenen Zeitkonstruktionen.
1 Begriffsgeschichtliches
In seiner Studie Katastrophen. Eine Kulturgeschichte vom 16. bis ins 21. Jahrhundert fasst François Walter die Katastrophe als Ereignis, das âmindestens 10 Tote; mindestens 100 weitere, in Mitleidenschaft gezogene Personenâ verursacht und âdie lokalen Einsatzmöglichkeiten übersteigt und damit auf nationaler und internationaler Ebene ein Hilfeersuchen nach sich ziehtâ.6 Laut Definition des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe handelt es sich etwas allgemeiner gefasst bei der Katastrophe um: â[e]in Geschehen, bei dem Leben oder Gesundheit einer Vielzahl von Menschen oder die natürlichen Lebensgrundlagen oder bedeutende Sachwerte in so ungewöhnlichem Ausmaà gefährdet oder geschädigt werden, dass die Gefahr nur abgewehrt oder die Störung nur unterbunden und beseitigt werden kann, wenn die im Katastrophenschutz mitwirkenden Behörden, Organisationen und Einrichtungen unter einheitlicher Führung und Leitung durch die Katastrophenschutzbehörde zur Gefahrenabwehr tätig werden.â7 â Da in Mittelalter und Früher Neuzeit noch keine institutionalisierte Katastrophenprävention existiert, seien die aktuellen Definitionen durch einen Blick in die Begriffsgeschichte ergänzt: Olaf Briese und Timo Günther rekonstruieren in ihrem umfassenden Beitrag die Geschichte des Begriffs der Katastrophe seit der Antike und gehen dabei auch auf dessen frühneuzeitliche Verwendung ein:8 Ihnen zufolge nutzte ihn unter anderem der Renaissancehumanist Iulius Caesar Scaliger 1561 in seiner Regelpoetik Poetices libri septem, um den positiven Ausgang in einer dramatischen Dichtung zu bezeichnen.9 Noch Johann Christoph Gottsched kennt die Katastrophe 1760 allein als âein[en] Theil eines Lust- oder Trauerspiels, worinnen die Dinge, so auf ihre höchste Verwirrung und Heftigkeit gekommen, sich wieder umkehren, und zu ihrem meist unvermutheten Ausgange legen.â10 Die Katastrophe meint somit nicht die höchste Verwirrung, sondern vielmehr den Moment, der die Entscheidung und Auflösung bringt, worin er dem medizinischen Begriff der Krisis gleicht.11 Erst im 17. Jahrhundert sei der Begriff âKatastropheâ vereinzelt auch im Bereich der Naturbeobachtung genutzt worden, hier jedoch gleichfalls mit vorwiegend positiver Konnotation.12 Das Frühneuhochdeutsche Wörterbuch verzeichnet unter dem Lemma âkatastropheâ die Herkunft vom lateinischen catastropha mit der neutralen Bedeutung âUmkehr, Wendepunktâ.13 Es unterbleibt hier der Verweis auf den griechischen Ursprung aus
Ein Synonym zur Katastrophe bildet das Desaster, welches sich vom italienischen disastro herleitet und im astrologischen Kontext den Unstern meint.17 Auch wenn sich dieser Begriff erst mit Beginn des 19. Jahrhunderts, abgeleitet vom französischen âdésastreâ,18 in der deutschen Sprache etabliert, tritt die vormoderne Katastrophenkonzeption in ihm doch eindeutiger zu Tage. Er deutet an, dass das katastrophische Ereignis in eine doppelte Zeichenhaftigkeit eingebunden ist: Zum einen weisen Vorzeichen â Unsterne â auf das künftige Unglück hin, auch wenn diese Verweisfunktion sich meist erst nachträglich etabliert; zum anderen wird die Katastrophe selbst ebenfalls als Zeichen interpretiert, das auf eine Störung innerhalb der Beziehung der menschlichen und göttlichen Sphäre verweist und damit entgegen der regelhaften Ordnung der Sterne geschieht (i. e. contra naturam). Die aus dem Gleichgewicht fallende Ordnung ist Zeichen eines Missstandes, der wiederum durch eine Verhaltensänderung des Menschen, etwa durch Sühnehandlungen und moralische Läuterung, behoben werden kann. Das christliche Konzept der natura lapsa bezieht sich weniger auf eine defiziente Natur als auf die Sündhaftigkeit des Menschen nach dem Fall, aus der die Störung der natürlichen Ordnung hervorgeht.19 Weitere im Untersuchungszeitraum etablierte Begriffe wären zum einen der âKataklysmusâ, der durch die griechische Bibelübersetzung eng mit der Sintflut verbunden ist, also vor allem den Untergang der Welt durch Wasser meint;20 zum anderen der der âRevolutionâ, die noch im Brockhaus von 1836 als Veränderung des natürlichen Laufs der Dinge etwa âdurch groÃe Wasserfluten, Erdbeben u.s.w.â, durch die âdie Oberfläche der Erde anders gestaltet wirdâ, definiert wird.21 Der Begriff der politischen Revolution ist erst von dieser Naturrevolution abgeleitet.22
2 Katastrophenkonzepte
In Vorbereitung der Tagung und der Zusammenstellung des Bandes galt es zu entscheiden, was unter dem Begriff der Katastrophe zu fassen ist: allein solche Ereignisse, die wir als Naturkatastrophe bezeichnen â ein Weg, den etwa der 2003 erschienene Band von Dieter Groh, Michael Kempe und Franz Maulshagen und der 2022 publizierte Band von Andreas Höfele und Beate Kellner gewählt haben â oder auch menschliches Handeln wie etwa Kriege und Aufstände.23 Die Soziologie spricht sich seit den 1970er Jahren gegen eine strikte Trennung zwischen Naturkatastrophen und menschengemachten Katastrophen aus, verschleiere der Begriff der Naturkatastrophe doch, dass es vor allem gesellschaftliches Versagen sei, das zu hohen Opferzahlen führe und die Ursache einer âNaturkatastropheâ teilweise auf menschliches Handeln rückführbar sei.24 Aus frühneuzeitlicher und wohl auch mediävistischer Perspektive lässt sich zudem für einen weiten Katastrophenbegriff anführen, dass die Autoren unserer Quellen zunächst davon ausgehen, dass Desaster oft genug auf einen göttlichen Plan zurückgehen und daher nicht scharf zwischen natürlichen und menschlichen Katastrophen unterscheiden, weil diese Differenzierung den Zeichenstatus des Ereignisses unberührt lässt.25 Krieg steht beispielsweise in frühneuzeitlichen Praktiken, in denen anhand von Konstellationen die Zukunft vorhergesagt wird, neben Unwettern, Hungersnöten und Epidemien. In der âDeutschen Litaneiâ Martin Luthers führen die Strophenvariationen des ersten Chores des âTeuffels trug und listâ, den âbösem schnellen todâ, âPestilentz und thewrer zeytâ, âkrieg vnd blutâ, âauffrur und zwitrachtâ, âhagel vnd vngewitterâ sowie den âewigen todtâ als Ereignisse auf, vor denen Gott den Gläubigen bewahren solle.26 Naturereignisse, kriegerische Auseinandersetzungen und aus beiden resultierende Hungersnöte und Epidemien werden ebenso als Bedrohung gefasst wie der Zugriff des Teufels auf die Gläubigen â groÃflächige Gefährdungen des dies- und jenseitigen Lebens bergen katastrophisches Bedrohungspotential. Die Umweltgeschichte, die eine kausale Verknüpfung zwischen Naturereignissen und sozionaturalen Schadensereignissen wie Hungersnöten erkennt,27 kommt zu einem ähnlichen Schluss und sieht etwa kriegerische Handlungen ursächlich mit Ereignissen der Natur verknüpft.28
Innerhalb einer auf Lesbarkeit angelegten Welt fordern auÃergewöhnliche Naturereignisse jenseits ihrer reinen Ereignishaftigkeit zu einer Interpretation heraus.29 So können selbst Ereignisse, die in Schadens- und Opferzahlen keineswegs an die oben entfalteten Kriterien heranreichen, als Prodigien gelesen, eine katastrophische Wirkung entfalten. âKatastropheâ bezeichnet damit nicht nur die objektive oder messbare Extension eines destruktiven Ereignisses, sondern auch ein bestimmtes Ereignisformat, d. h. eine Wahrnehmung, Auszeichnung und Interpretation eines Geschehens als âkatastrophischâ, ein ereigniskonstitutiver Vorgang, für den sich im Französischen der Begriff âévénementialisationâ etabliert hat.30 Die frühneuzeitliche Kometenangst ist hierfür das prominenteste Beispiel, doch können auch andere Naturereignisse vermittelt über das Medium der Flugschrift als Boten göttlicher Warnungen und Strafen weitere Verbreitung über ihren eigentlichen Wirkungskreis hinaus finden. Befördert wird diese Prodigiengläubigkeit vor allem in der frühen Neuzeit durch die Vorstellung einer unmittelbar drohenden Endzeit, die sich nach der biblischen Ãberlieferung durch natürliche Zeichen ankündigen werde.31
Aus dieser Zeichenhaftigkeit erwächst der Katastrophe nicht zuletzt eine doppelte zeitliche Dimension: Sie ist Endpunkt und Resultat einer Verkettung von Umständen, auf die immer wieder durch warnende Vorzeichen hingedeutet wurde. Sie weist jedoch zugleich in eine unsichere Zukunft, in der es einerseits gilt, im Sinne der Resilienz die aus dem Gleichgewicht gefallene Ordnung wieder herzustellen, andererseits jedoch das Verhalten, das die Katastrophe provoziert hat, zu unterbinden, um eine künftige Heilsgefährdung auszuschlieÃen.32
Wenn man die diachrone Entwicklung des Ereignisformats âKatastropheâ somit in ein notwendig reduktives, dafür aber orientierendes Schema bringen wollte, so lieÃe sich festhalten, dass im Mittelalter primär die Ursache einer Katastrophe (als signum) interessiert, während die realweltlichen Folgen des Ereignisses kaum thematisiert werden. Ab der Frühen Neuzeit behalten Katastrophen ihren Status als signa, zugleich aber tritt die Artikulation ihrer Folgen an die Seite ihrer semiotischen Aufschlüsselung.33 Zudem zeigen sich erste Ansätze zu einem âParadigma der Präventionâ.34 Erst ab dem 18. Jahrhundert werden Katastrophen allmählich âselbstreferentiellâ, verlieren ihren Status als signa und gewinnen ihre Bedeutung primär über die verursachte Zerstörung und das Ausmaà menschlichen Leids.35
3 Katastrophen und Literatur
Im Folgenden geht es jedoch nicht um die Katastrophe als Ereignis an sich, sondern um ihre Inszenierung in der Literatur des Mittelalters und der frühen Neuzeit. Dies lenkt den Blick auf drei Teilbereiche: erstens die Gattungs- und Mediengeschichte, die das Schreiben über Katastrophen befördert, zweitens die Narratologie, die Hinweise auf Erzählmuster und Möglichkeiten des emplotments36 katastrophischer Ereignisse bietet, und drittens die Rezeption und die mit den Texten verbundene Praxeologie, die Auskunft über Aufgaben und Funktionen von (literarischen) Texten über Katastrophen zu geben vermag. Ein Ergebnis der Tagung war, dass es deutlich leichter war, eine Vielzahl an Beispielen für die frühneuzeitliche Ãberlieferung zu finden als für die mittelalterliche. Mit einem erweiterten Katastrophenbegriff, der neben den âklassischenâ Naturkatastrophen auch Kriege, Seuchen und anderer Ereignisse aufnimmt, die von längerer Dauer und stärker im menschlichen Umfeld angesiedelt sind, finden sich auch in der Literatur vor 1500 zahlreiche Belege. Der Anstieg im Ãbergang zur frühen Neuzeit ist zuvörderst durch den Ãbergang von der Handschriften- zur Druckkultur zu begründen. In der damit einhergehenden medialen Beschleunigung kommt dem Ereignis â auch dem von allein regionaler Bedeutung â ein Nachrichtenwert zu, der zum Schreibanlass werden kann. Besonders das Medium der Flugschrift befördert im Genre der âNewen Zeytungenâ das Berichten über Katastrophen, die sich oftmals durch eine stereotype Plotstruktur auszeichnen. Für die narrative Struktur der Katastrophe nennt Ansgar Nünning verschiedene Merkmale: Wie der Krisenbericht so ist auch der Katastrophenbericht âErgebnis von Selektion, Abstraktion und Auszeichnungâ, mittels derer die komplexen Vorgänge in eine narrative Ordnung gebracht werden. Er fügt sich in eine kulturell etablierte Verlaufsstruktur, die eine kulturelle und historische Variabilität aufweist.37 Die Katastrophe zeichnet sich gegenüber der Krise durch eine gröÃtmögliche Ereignishaftigkeit aus: Kurzfristigkeit, Abruptheit und Plötzlichkeit sind in der temporalen Gestaltung ihre Hauptmerkmale â gegenüber einer länger anhaltenden Phase der Latenz, wie sie für die Krise charakteristisch ist.38 Es lieÃen sich zudem weitere Merkmale ergänzen: Das Schreiben über Katastrophen ist zumeist retrospektiv, nicht ortsgebunden, affektgebunden.39 Als Tatsachenberichte kommen dem Augenzeugen und verschiedenen Beglaubigungsstrategien eine besondere Rolle zu.
Neben einer Vielzahl von âunbekanntenâ Katastrophen, die keinen oder geringen Widerhall in der Literatur fanden, finden sich einzelne Ereignisse, die eine besondere Strahlkraft entwickeln konnten, so für die Antike der Vesuvausbruch und die Zerstörung Pompejis 79 n. Chr. oder das Erdbeben von Lissabon 1755. Dass diese Ereignisse stärker als andere zu einem über die Jahrhunderte tradierten Schreckensbild wurden, hängt wohl nicht einzig mit der Schadenshöhe und den Opferzahlen zusammen, vielmehr bedarf die Kanonisierung einer Katastrophe einer entsprechenden mentalitätsgeschichtlichen Grundlage sowie Autorinnen und Autoren und Künstlerinnen und Künstler, die das Ereignis im Sinne einer Kommemorationsgemeinschaft in unterschiedlichen Medien festhalten und so als weitreichendes Katastrophengedächtnis konstituieren.40 Voraussetzung für das Schreiben über die Katastrophe ist dabei stets das Ãberleben. Erst die erhöhte Perspektive von auÃen â vom sicheren Ufer aus â ermöglicht den notwendigen Ãberblick, um die Vielzahl von Einzelschicksalen innerhalb des GroÃereignisses zu erfassen und davon zu berichten.41 Lotte Jensen und ihre Forschungsgruppe âDealing with Disasters in the Netherlands. The Shaping of Local and National Identities, 1421â1890â konnten für Katastrophenberichte auf frühneuzeitlichen Liedflugblättern zeigen, wie die Katastrophe über Aneignungsprozesse zu einem gemeinschaftsstiftenden Instrument werden konnte, das zur kollektiven Identifikation und einem Gefühl der Zugehörigkeit führen konnte und zugleich andere Gruppen ausgrenzte. Durch den Ãbergang von der Handschriftlichkeit zum Druck konnte innerhalb einer kürzeren Zeit eine deutlich gröÃere Leserschaft erreicht werden, die vermittelt durch schnelle Medien wie Flugschriften zu einer Deutungs- und Erinnerungsgemeinschaft zusammenwuchsen. Im 18. Jahrhundert konnten schlieÃlich Berichte über groÃe Flutereignisse als Grundlage für die Ausbildung einer Nationalidentität werden, die schlieÃlich sogar eine spendenfinanzierte Fürsorgegemeinschaft hervorbrachte.42
Die im folgenden abgedruckten Beiträge zeigen aus germanistisch-mediävistischer, germanistisch-frühneuzeitlicher, romanistischer und theolo-gischer Perspektive, wie Katastrophen in Literatur zwischen dem Hochmittelalter und dem 17. Jahrhundert erzählt und kommemoriert werden konnten ebenso wie die (literarische) Ausgestaltung vermeintlicher Tatsachenberichte.
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Die Arbeit an der Einleitung steht im Zusammenhang mit der Forschung meiner Emmy-Noether-Nachwuchsgruppe âDie Spuren der âKleinen Eiszeitâ in der Literatur der frühen Neuzeit (1570â1780)â. Ich danke der DFG für die groÃzügige Förderung.
Der Titel dieser Einleitung stellt eine leicht gekürzte Fassung von Versen der âDeutschen Litaneyâ Martin Luthers dar.
Vgl. u. a. Berlioz, 1998; Leguay, 2005; Rohr, 2007; Fouquet/Zeilinger, 2011; Janku/Schenk/Mauelshagen, 2012; Meyer/Patzel-Mattern/Schenk, 2013; Labbé, 2017; van Bavel/Curtis/Dijkman/et al., 2020; van Aspern/Jensen, 2023.
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Für die Förderung der Tagung durch den âKlaus-Georg und Sigrid Hengstberger-Preis für den wissenschaftlichen Nachwuchs der Universität Heidelbergâ sei an dieser Stelle sehr herzlich gedankt. Silvia Reuvekamp und Christian Strunk sei für die kritische Lektüre des mediävistischen und theologischen Beitrags gedankt. Nicht zuletzt danken wir den instruktiven Anmerkungen der anonymen Gutachter.
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âCatastrophe, conversio negotii exagitati in tranquilitatem non expectatam.â â âDie Katastrophe bezeichnet die Wendung eines heftig bewegten Geschehens zu einer unerwarteten Ruhe.â Scaliger, 1561: 15. Noch Johann Georg Sulzer fasst 1771 in seiner Allgemeinen Theorie der Schönen Künste in ähnlicher Weise: âDadurch versteht man die Hauptauflösung, wodurch das ganze Stück sein Ende erreichtâ und führt als Beispiele unter anderem den âFriedensschluÃâ, die âBerathschlagung, wenn sie ordentlich vollendet wirdâ oder die âAnkunft an dem Orte, wohin die Reise gerichtet warâ an. Sulzer, 1771: 86. Vgl. auch Briese/Günther, 2009: 168.
Gottsched, 1760: 349. In Frankreich beginnt die Besetzung von catastrophe mit der heute geläufigen Bedeutung im 18. Jahrhundert, wobei das Erdbeben von Lissabon 1755 als Katalysator dient. Vgl. OâDea, 2008: 35â48.
Zur Unterscheidung zwischen Krise und Katastrophe vgl. Nünning, 2013: 117â144, 124â128. Gerrit Schenk stellt jedoch heraus, dass â[d]ie aus dem Allgemeinverständnis resultierende Unterscheidung der Plötzlichkeit und Unvorhersehbarkeit einer Katastrophe im Gegensatz zur Langsamkeit einer sich entwickelnden Krise nicht so eindeutig [ist], wie dies auf den ersten Blick zu sein scheint.â Schenk, 2013: 177â211, hier 179.
Vgl. Briese/Günther, 2009: 156.
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Vgl. Briese/Günther, 2009: 157.
Furetière, 1700; o. S.
Schenk, 2013: 178 weist auf die Lücke in den begriffsgeschichtlichen Rekonstruktionen hin, die das Mittelalter weitestgehend auÃer Acht lieÃen. Thomas Labbé verweist für das lateinische Mittelalter und primär in Hinsicht auf Naturkatastrophen u. a. auf folgende, sehr unterschiedlich besetzte Begriffe, die zur Bezeichnung von âKatastrophenâ verwendet werden: prodigium, signum, portentum, mirabilia, casus. Labbé, 2017: 40â42.
Schenk, 2013: 192 weist darauf hin, dass ein lateinisches Vorbild disastrum für die italienische Prägung bislang noch nicht nachgewiesen werden konnte.
Vgl. Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm, 2025. Vgl. auch Schenk, 2013: 185.
Vgl. Groh, 2010: 15f.
Vgl. Schnyder, 2025: 67â80.
âDie Geologen bezeichnen damit solche Katastrophen auf der Erde, wodurch der natürliche Lauf oder das natürliche Verhältnià der irdischen Dinge eine bedeutende Veränderung erleidet; z. B. wenn durch groÃe Wasserfluten, Erdbeben u.s.w. die Oberfläche der Erde anders gestaltet wird. Solche Revolutionen haben zwar auch ihren Grund in den allgemeinen Naturgesetzen, erscheinen aber doch in ihren Wirkungen als etwas von der gewöhnlichen Ordnung der Dinge Abweichendes, wodurch manches bisher Bestandene aufgehoben und zerstört wird. Die Bedeutung des Wortes hat man auf die moralische Welt übertragen.â Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie, 1836: 252. Vgl. auch Höfele/Kellner, 2022: 1â9, hier 5f. Der Titel eines populären Werks von Georges Cuvier, dessen von Fossilienfunden befeuerter geologischer âKatastrophismusâ sehr einflussreich war, lautet in diesem Sinne Discours sur les révolutions de la surface du globe, et sur les changements quâelles ont produits dans le règne animal (1822). Zur Imaginationsgeschichte geologischer Katastrophen vgl. Völker, 2021.
Vgl. zum Ãbergang von der natürlichen zur politischen Katastrophe Vollhardt, 2022: 299â322.
Vgl. Groh/Kempe/Maulshagen, 2003; Höfele/Kellner, 2022.
Jäger, 1977. Clausen/Dombrowsky, 1983. Vgl. auch Walter, 2010: 16; Clavandier, 2004; Boscoboinik, 2009.
Für den Zeitraum vom 12. bis 15. Jahrhundert weist Thomas Labbé auf die Koexistenz zweier Deutungstypen hin. Ein und dasselbe Ereignis kann demnach als interpretationsbedürftiges signum gefasst werden oder als casus, als Zufallsereignis, das keiner weiteren Aufhellung bedarf. Labbé bezieht sich indes primär auf historische Chroniken (vgl. Labbé, 2017: 39â50). Sobald die Katastrophe jedoch Eingang in die Literatur findet, so wäre anzunehmen, geht damit nahezu unweigerlich ihr Status als signum einher. Mögliche Deutungskonflikte über die Bewandtnis dieses signum sind damit nicht ausgeschlossen.
Die deutsche Fassung der lateinischen Vorlage geht auf das Jahr 1529 zurück und wurde Teil der lutherischen Gesangbücher. Vgl. u. a. Luther, 1530: 446vâ447v.
Zum Konzept der sozionaturalen Ereignisse siehe Collet, 2019: 8f.
Vgl. etwa die GroÃerzählungen, wie sie sich in Werken finden wie Parker, 2014.
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Vgl. Labbé, 2017: 29.
Vgl. u. a. Talkenberger, 1990; Leppin, 1999.
Die einzelne Katastrophe wird darüber hinaus immer wieder mittels chronikaler Ãberlieferung in eine lange Abfolge von ähnlichen Ereignissen gestellt, wodurch das Exzeptio-nelle dem Regelhaften weicht. Die Zeichenhaftigkeit des katastrophischen Ereignisses schlieÃt dabei schon im Mittelalter eine Reflexion über dessen ânatürlicheâ Ursachen nicht aus. Die aristotelische Unterscheidung von causa materialis, causa formalis, causa efficiens und causa finalis ermöglicht hier die Koexistenz mehrerer Kausalitätstypen. Während die natürlichen Ursachen die causa efficiens der Katastrophe bilden, bezieht sich ihr Status als göttliches Zeichen auf deren causa finalis. In der Hierarchie dieser Kausalitäten steht letztere jedoch klar an erster Stelle. Vgl. hierzu Berlioz, 2006: 165â181, hier 174â178.
Vgl. Labbé, 2017: 251â279.
Vgl. Horn, 2014: 300â306.
Ein Paradefall hierfür ist wiederum die paneuropäische Debatte über das Erdbeben in Lissabon von 1755.
Vgl. White, 1973: 7; âEmplotment is the way by which a sequence of events fashioned into a story is gradually revealed to be a story of a particular kind.â
Vgl. Nünning, 2013: 117â144, hier 125.
Ebd.: 126f.
Einen Grenzfall auf der Schwelle zwischen Mittelalter und Früher Neuzeit bilden hierbei mehrere in den Epistolae familiares versammelten Briefe Francesco Petrarcas, der in seinem Leben Zeuge zahlreicher Katastrophen wird: eines Erdbebens samt Flutwelle, die am 25. November 1343 die Bucht von Neapel verwüsten, eines Erdbebens, das am 25. Januar 1348 Verona erschüttert, jenes Bebens, das im September 1349 die Basilica San Paolo fuori le mura in Rom zum Einsturz bringt, sowie jenes, das am 18. Oktober 1356 Basel erzittern lässt. Hinzukommen noch mehrere Briefe, die die Pestepidemie von 1348/49 zum Thema haben. Petrarcas Briefe erwecken wegen ihrer zeitlichen Nähe zu den geschilderten Ereignissen den Eindruck von Unmittelbarkeit. Allerdings haben die meisten Epistolae in ihrer publizierten Fassung bereits mehrere Ãberarbeitungen durchlaufen.
Zur Dokumentation und Inszenierung der Katastrophe in Bildwerken vgl. Bertsch/Trempler, 2018. Siehe auÃerdem Trempler, 2013.
Zu dieser auf Lukrez zurückgehenden Blickkonstellation vgl. Blumenberg, 1979.
Vgl. hierzu die beiden instruktiven Beiträge Jensen/van Asperen/Duiveman/et al., 2022: 34â41 sowie Jensen, 2019: 45â70.
