Motivation und Zielsetzung
Die vorliegende Studie bezieht ihre Motivation aus Leonardos anatomischem Werk, im Besonderen aus Kenntnissen und Vorstellungen, die dieser geniale Künstler, der sich „als Ingenieur und Techniker, als Architekt, Anatom und Astronom, als Physiker, Mathematiker, Geograph und Geologe [und] als Essayist“1 präsentiert, von Aufbau und Funktion des zentralen Nervensystems hatte. Leonardos ‚Neuroanatomie‘ führt direkt zum Thema ‚Seele‘, denn diese liegt buchstäblich im Zentrum der von ihm dargestellten Hirnstrukturen. Eine vertiefte Auseinandersetzung mit Leonardos Seelenbegriff, die anatomische und physiologische Aspekte betont, fehlt aber bislang.
Bei der Beschäftigung mit Leonardos seelischer Anatomie und Physiologie trifft man auf unterschiedliche Hypothesen und auch Spekulationen. Hier aus naturwissenschaftlicher Sicht das eine oder andere klarzustellen, ist eine weitere Motivation dieser Arbeit. Die „Dekonstruktion eines Mythos“2 bei Leonardo ist vor allem die Dekonstruktion zuweilen fast mythisch erscheinender Deutungen. Sie sollten stets auf ihren Kern zurückgeführt werden.3 Dabei sind sowohl die uns heute bekannten anatomischen und physiologischen Tatsachen zu berücksichtigen als auch diejenigen, welche Leonardo vorfand, kannte oder selbst entdeckte. Die langjährige Tätigkeit des Verfassers als Neurochirurg ermöglicht es ihm, einige Darstellungen zu korrigieren und bislang zu wenig gewürdigte Zusammenhänge zu erläutern, nicht zuletzt in neuroanatomischen Belangen.4 Selbstverständlich wird Leonardos Seelenbegriff nicht allein aus einem anatomisch-physiologischem Blickwinkel untersucht, sondern die jeweiligen kulturgeschichtlichen und medizinhistorischen Bezüge werden angemessen aufgeführt und erörtert.5
Zielsetzung der vorliegenden Arbeit ist es zu zeigen, wie Leonardo die Seele aufgefasst hat; genauer: welche Rolle bei ihm der Seele im Körper des Menschen und des Malers zukam. Schon der Titel der vorliegenden Arbeit weist darauf hin, dass diese Rolle auf anatomischen Strukturen und physiologischen Abläufen gründet. Das wiederum ist Erbe der aristotelischen Naturphilosophie. Deshalb hat diese Arbeit auch zum Ziel, deren Grundlagen darzustellen, soweit sie für den Seelenbegriff bei Leonardo von Bedeutung sind. Sie erläutert vor allem den für Leonardo zentralen Begriff des sensus communis und beschreibt seine Entwicklung. Gleichzeitig wird die anatomisch-lokalisatorische Seite von Leonardos ‚Suche nach der Seele‘ aufgezeigt und ihre Verbindung zum mittelalterlichen Primat der Hirnkammern beleuchtet, zur sogenannten Cell Doctrine.
Für Leonardo war die Seele etwas Göttliches. Gleichzeitig war sie, in klarem Gegensatz zur kirchlichen Lehrmeinung, eine anatomisch lokalisierte Entität mit Strukturen und Werkzeugen, die aus heutiger Sicht in das Gebiet der Neuroanatomie und Neurophysiologie fallen, also Hirnkammern, Nerven und Übertragungsmechanismen. Diese ungewöhnliche Verbindung ergibt sich zum einen aus dem traditionellen anatomischen Wissen (Anatomie und Physiologie waren damals nicht getrennt), zum andern aus Leonardos Erkenntnissen, die immer wieder zum Bruch mit dieser Tradition führten, wenn er aristotelische Grundlagen überwand und eigenständige Positionen einnahm. Dennoch behielt das tradierte Wissen nicht selten die Oberhand. Leonardo war, wie Roeck es ausdrückt, „in vielem ‚mittelalterlicher‘, als populäre Vorstellungen von einem ‚Genie‘ wahrhaben wollen“.6
Hinweise für den Leser
Die in dieser Arbeit dargelegten Schlussfolgerungen und Hypothesen beruhen auf dem vorhandenen Material von Leonardos Schriften. Darauf beruht auch die gesamte Sekundärliteratur. Man geht heute davon aus, dass die rund 6.000 Seiten, die von Leonardo bekannt sind, nur einen Teil seines gesamten schriftlichen Werkes ausmachen. Martin Kemp nimmt an, davon könnten zwischen einem Viertel und vier Fünfteln verloren gegangen sein.7 Es ist also möglich, dass einige Hypothesen und Schlussfolgerungen haltlos würden, falls der verschollene Textkorpus anderslautende Ergebnisse oder Ansichten Leonardos enthielte. Ein solcher Vorbehalt gilt übrigens für alles, was je über Leonardo da Vinci geschrieben wurde.
Dass so vieles offen bleiben muss, verführt zu Spekulationen, die schon angesprochen wurden. Man würde vielleicht im verschollenen Material Belege dafür finden, müsste aber gewärtig sein, Textmaterial zu entdecken, mit dem solche Spekulationen widerlegt würden. Die vorliegende Arbeit bemüht sich deshalb um entsprechende Zurückhaltung und weist auf nicht belegte Hypothesen hin.
Ein großes Problem bei der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Leonardos Schriften ist deren Chronologie. Leonardo hat nur an wenigen Stellen eine Datierung hinterlassen. Die neuere Forschung hat dieses Problem entschärfen, wenn nicht weitgehend lösen können. Dieser Fortschritt ist vor allem Carlo Pedretti (1928–2018) zu verdanken. Meilensteine sind seine Kommentare zu den Manuskripten von Jean Paul Richter8 und die chronologisch geordnete Ausgabe von Leonardos anatomischen Blättern in Windsor (zusammen mit Kenneth Keele 1979–1980).9 Zudem sind heute die über 1.000 Blätter des Codex Atlanticus digital mit den Jahreszahlen ihrer vermuteten Entstehung abrufbar.10 In der vorliegenden Arbeit werden zu möglichst allen Texten Leonardos die ungefähren Jahreszahlen ihrer Entstehung aus einer der genannten oder aus anderen seriösen Quellen übernommen. Damit die Arbeit lesbarer wird, werden die angegebenen Jahreszahlen nicht jedes Mal referenziert. Bei Widersprüchen, Unklarheiten oder wenn es sich anbietet, werden hingegen die Referenzen angegeben.
Ebenfalls mit dem Ziel, die Arbeit lesbarer zu machen, wurden Leonardos italienische Texte nicht in der buchstabengetreuen Transkription wiedergegeben, wie man sie bei Richter, bei Pedretti oder bei Keele/Pedretti findet, sondern in der Umschreibung, die von der Biblioteca Comunale Leonardiana in Vinci zum digitalen Gebrauch öffentlich gemacht bzw. freigeschaltet wurde (Archivio digitale di storia della tecnica e della scienza, e-Leo11; auf diesem Weg sind die meisten Codices und Manuskripte zugänglich). Das vereinfacht die Lektüre von Leonardos Italienisch und bietet immer noch genügend Hinweise auf seine sprachlichen Eigenheiten. Damit entfallen weitgehend die üblichen Quellenangaben aus dem Standardwerk von Jean Paul Richter.12
In dieser Arbeit werden unterschiedliche Übersetzungen verglichen bzw. einander gegenübergestellt. Manche Passagen von Leonardo sind übersetzungstechnisch schwer zu erfassen, manche lassen verschiedene Interpretationen zu, und bei Vergleichen zwischen Übersetzungen ins Deutsche und ins Englische offenbaren sich teils erhebliche Unterschiede. Der Verfasser hat sich bemüht, bestehende Übersetzungen kritisch zu prüfen und, wo es notwendig erschien, zu korrigieren oder abzuändern. Dabei wurden die Übersetzungen bewusst wörtlich gehalten, was gelegentlich zu holprigen Texten führen mag, die dafür freier von Tendenzen sind. Alle Übersetzungen, die nicht namentlich gekennzeichnet sind, stammen deshalb vom Verfasser, teils als eigene, teils als verbesserte Texte von Vorgängern.
Abkürzungen
Die vielfach zitierten Werke des Aristoteles werden nach der „Liste der Abkürzungen antiker Autoren und Werktitel“ aufgeführt.13 Neben den üblichen Abkürzungen sind in der vorliegenden Arbeit folgende zu beachten:
| Ar. | Codex Arundel, 1478–1518 (British Library). |
| CA | Codex Atlanticus, s. Marinoni 2000 sowie www.codex-atlanticus.it. |
| DK | Diels / Kranz, Die Fragmente der Vorsokratiker, 7. Aufl. 1954. |
| DBI | Dizionario Biografico degli Italiani (Treccani, evtl. aufzurufen unter http://www.treccani.it/enciclopedia). Soweit vorhanden und abrufbar, werden in der Bibliographie die DOI der verschiedenen Beiträge aufgeführt. |
| DMLBS | Dictionary of Medieval Latin from British Sources, aufzurufen unter |
| HWPh | Historisches Wörterbuch der Philosophie. Für diese Beiträge werden in der Regel DOI angegeben. |
| KP | Keele/Pedretti 1978–1980, gefolgt von der Nummer des entspr. Folios und der Nummerierung der Windsor Library; z. B. KP 136r/ 19001r. Der Einfachheit halber wird im Allgemeinen weder ein ‚W‘ für ‚Windsor‘ hinzugefügt (W19001r) noch die aktuell gültige Bezeichnung ‚RCIN‘ (Royal Collection Identification Number) verwendet. Damit die einzelnen Textpassagen in den Folios von Keele/Pedretti 1978–1980 leichter aufzufinden sind, werden ihre Ziffern angegeben (z. B. [IV]). Die Nummerierung der Blätter in Keele/Pedretti dient zudem als Eingabe, um Zeichnungen und transkribierte Originaltexte digital aufzurufen: http://www.leonardodigitale.com (e-Leo; z. B. SFOGLIA -> DISEGNI ANATOMICI A WINDSOR -> (suchen) -> ‚0045r‘ führt zu Folio KP 45r [= RCIN 919042r]). Hier sind die Texte in gleicher Weise mit römischen Ziffern unterteilt.- Siehe auch „Hinweise für den Leser“. |
| Leic. | Codex Leicester, Bill Gates Collection, 1508–1510 (vormals Codex Hammer). |
| LexMa | Lexikon des Mittelalters, München/Zürich 1977–1999. |
| LThK | Lexikon für Theologie und Kirche. Hg. von Walter Kasper u. a., 3. Aufl. 1993–2001. |
| MS | Manuskript, somit für alle Manuskripte A–M aus dem Institut de France. |
| PHP | Galen De placitis Hippocratis et Platonis libri IX, Kühn Bd. V, 1823, Nachdr. 1965, S. 211–805. |
| Triv. | Codex Trivulzianus, 1487–1490 (Mailand, Biblioteca del Castello Sforzesco). |
Roeck 2021, 217.
Titel eines Seminars von Bernd Roeck an der UZH 2019.
Vgl. Roeck 2019a, 10 (Vorwort).
Handwerkliche Fehler wie falsche Zitate und inkorrekte Quellenangaben werden in den Anmerkungen berichtigt.
Damit wird der grundlegenden Kritik am fehlenden historisch-kulturellen Kontext anatomischer Leonardo-Studien, wie Nova und Laurenza sie 2011 geäußert haben, Rechnung getragen. Vgl. die Diskussion dieser Einwände in früheren eigenen Arbeiten (Steinsiepe 2021; Steinsiepe/Hauser 2022).
Roeck 2021, 218.
S. Kemp 2008, 16. Katrina Dean, Kuratorin für Wissenschaftsgeschichte an der British Library, schätzt den Verlust auf die Hälfte von gut 7.000 Seiten, s. Dean 2023.
Pedretti 1977.
Die vorliegende Arbeit bezieht sich auf die deutschsprachige Ausgabe: Keele/Pedretti 1978–1980. Sie wird im Folgenden, weil häufig vorkommend, als „KP“ zitiert, s. „Abkürzungen“. Die Übersetzung aus dem Englischen (M. Magal und W. Rhiel) ist durchwegs zutreffend; einige wenige Irrtümer vor allem im anatomischen Bereich wurden von mir korrigiert.
https://www.leonardodigitale.com. S. auch „Abkürzungen“.
Richter 1939.
https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Abkürzungen_antiker_Autoren_und_Werktitel (auf der Grundlage des Neuen Pauly); Liste A (Zugriff 04.01.2024).