„Wer jetzt kein Tier hat, kauft sich keines mehr / Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben.“ schreibt die Autorin Katja Lange-Müller in ihrem uns freundlicherweise im Winter 2020/21 zugeschickten Text Tiergarten, ihrem bis dahin einzigen ‚Pandemie-Text‘. In Rainer Maria Rilkes Herbsttag (1902, Paris, aus: Das Buch der Bilder) lautet die von Katja Lange-Müller paraphrasierte Stelle folgendermaßen:
Die Anapher und der syntaktische Parallelismus am Anfang der Strophe Rilkes und im Bewusstsein der durch den Berliner Tiergarten flanierenden, kurz ihrer „Selbstisolationshaftanstalt“ in der eigenen Wohnung entkommenen Icherzählerin wirken endgültig. Sie besinnt sich darauf, indem sie mit einer großen Aufmerksamkeit im Hier und Jetzt verbleibt. So beobachtet sie etwa Drosseln mit ihrem „wie poliert glänzenden Tupfen-Gefieder“, zwei Kanadagänse – „tierische Immigranten oder Flüchtlinge aus dem benachbarten Zoo“ mit jeweils einem verkrüppelten Flügel, einen Silberreiher, ebenfalls einen Flüchtling, der offenbar einem Voliere entkommen ist, und außerdem „vogelfreie“ Nebelkrähen, Möwen, Amseln, Spatzen und Tauben – und mitten unter all diesen Vögeln – die Menschen: salopp gekleidet, ziel- und strukturlos umherschlendernd, Alleingänger, die „einander in weitem Bogen auswichen“ und die scheinbar „jeden Halt […] von Haltung ganz zu schweigen“ verloren haben. Aber auch für die Tiere ist offenbar die Welt nicht mehr „okay“, jedenfalls nicht mehr so wie früher. Im Zentrum des Textes steht nun die Frage nach dem gegenseitigen Verhältnis zwischen Mensch und Tier: „Können sich Säugetiere, vielleicht sogar Vögel, Reptilien und Insekten mit Corona infizieren? Da das Virus die Artengrenze vom Tier zum Menschen überwunden hat, müsste das umgekehrt ja auch möglich sein.“ Diese nicht selbstverständliche Reziprozität betrifft auch die Rolle der Menschen aus der Perspektive der Tiere: Sind sie Futterlieferanten? Oder einfach „nur“ Futter?: „Halten sie mich für fressbar, zumindest potenziell?“ fragt rhetorisch die Erzählerin. Im Tiergarten erscheinen Mensch und Tier als Gefährten in einem und demselben Universum – in der Arche Noah, wenn wir so wollen. Die Autorin beendet ihre kurze Erzählung pointiert mit einem hoffnungsvollen Triumph des Lebens und der Überwindung der Einsamkeit: Angesichts der ersten Pandemie-Welle und der verschärften Corona-Regeln im Land wird ein sich „intensiv und selbstvergessen“ küssendes jugendliches Paar gleichsam zu einer „echten Sensation“. Nein, das sei keine Halluzination. Und vielleicht – möchte man fast hinzufügen – ein genauso bodenfestes Erlebnis wie ein Tierkauf …
Für Herbst 2020 haben wir die Tagung „Literarische Tierbilder“ geplant. Katja Lange-Müller, die unsere Einladung angenommen hat, sollte dann im Frühjahr 2021 das Highlight des Seminars zum gleichen Thema, eines Teils unseres Projekts, sein. Es ist anders gekommen. Zum Zeitpunkt der Erstellung des Bandes hoffen wir, den Besuchstermin von Katja Lange-Müller an der Universität Lodz am 2. Dezember 2021 wahrnehmen zu dürfen. Nun leben wir alle schon seit beinahe zwei Jahren in den Klauen des Corona-Virus und üben uns in Geduld und Flexibilität. Zum Teil entwerfen wir uns neu, hinterfragen, was wir für selbstverständlich hielten. „Wer jetzt kein Tier hat, kauft sich keines mehr“… Die geradezu gnadenlose Endgültigkeit dieser Zeile lässt einen nicht mehr los, färbt auf Tun und Lassen ab. Und diese vielleicht bewusster wahrgenommene Gegenwart korrespondiert sehr wohl mit dem Thema dieses Bandes, an dem sich unsere Mitarbeiter und Freunde beteiligt haben. Für diese Bereitschaft – und nicht zuletzt – für den Kontakt und Austausch bei der Fertigstellung des Buches – wollen wir uns ganz herzlich bedanken. Diese zum Teil virtuellen Stimmen haben uns begleitet, haben uns über diese Phase hinüber(hinweg?)getragen, waren ein Halt in diesem alten\neuen (Berufs)Alltag.
Der vorliegende Band beinhaltet dreizehn Beiträge. Das erste Kapitel u.d.T. „Fabelhaft“ greift auf die Anfänge des Tieres als literarische Figur – auf die Fabeltradition und die allegorische Funktion der Tierfigur zurück. Auf dieser Basis baut das zweite Kapitel „Beschützt, begleitet“ auf und führt Texte vor, in denen Tiere als sie selbst, d.h. Tiere in ihrem Sosein, in ihren Qualitäten und ihrer Körperlichkeit als Begleiter des Menschen fungieren. Das dritte Kapitel dann – betitelt „Nicht menschlich“ – rekurriert auf den physiozentrischen Ansatz und die ihm inhärente Sprachreflexion. Es fokussiert das Agieren des Menschen im Allgemeinen und seine Haltung gegenüber den Tieren im Besonderen und vergegenwärtigt einerseits dessen Inhumanität, und andererseits die Anmaßung des klischeehaften, anthropozentrischen Sprachgebrauchs.
Der den Band eröffnende Beitrag der Mediävistin Cora Dietl ist dem Raben des Hl. Oswald gewidmet. Die Literatur des Mittelalters ist zwar reich an Tieren, der Rabe des St. Oswalds sticht aber durch die narrativen Funktionen, die ihm in den beiden im Beitrag analysierten Texten – dem Münchner Oswald und dem Wiener Oswald – zugeschrieben werden, besonders hervor. Im Münchner Oswald schillert die als Bote des St. Oswald bei der Brautwerbung agierende Figur des Raben zwischen menschlichen (der Gebrauch der menschlichen Sprache) und tierischen Eigenschaften. Der Rabe im Wiener Oswald dagegen steht repräsentativ für das Innere des Heiligen und spiegelt dessen Persönlichkeit wider. In beiden Fällen übersteigt die Darstellung des Raben die traditionellen allegorisch-symbolischen Interpretationen und lässt ihn – das gefräßige und eitle Tier aus der Fabeltradition – ein überaus eigenständiges, ja eigenwilliges Profil gewinnen.
Auf die mittelalterliche Tradition greift auch Elżbieta Tomasi-Kapral in ihrem Beitrag zum Physiologus zurück. Ihre Aufmerksamkeit fesseln sowohl die bekannten als auch weniger bekannten (Fabel)Tiere: Löwe und Einhorn, aber auch Käuzchen und Biber. Der allegorisch-sinnbildlichen Tradition in der Auslegung der Eigenheiten von Physiologus-Tieren folgend, analysiert Kapral das Widerspiel von paganer und christlicher Tradition bei der Darstellung von ausgewählten Tieren, deren Eigenheiten im Physiologus sowohl im streng christologischen als auch moralischen Sinne ausgelegt werden. Den Physiologus als ein naturwissenschaftliches Buch lesen zu wollen sei selbstverständlich falsch, betont Tomasi-Kapral; dies lasse sich aber aus dem Verständnis der Natur als einer durchgehend gedeuteten erklären, in der zwischen den einzelnen Sinnzuschreibungen nicht unterschieden werde.
Gleichwohl das achtzehnte Jahrhundert primär am Menschen interessiert ist, geraten auch Tiere in den Fokus des aufklärerischen Denkens. Ewa Grzesiuk analysiert in ihrem Beitrag die Schrift Lehrgebäude von der Seelen der Thiere des damals bekannten Ästhetikers Georg Friedrich Meier. Sie führt aus, dass die Argumentation Meiers in ihren Grundzügen der monistischen Philosophie von Gottfried Wilhelm Leibniz folgt und schon aus diesem Grund sich gegen den Dualismus von Descartes richtet, der die Tiere als seelenlos, da als reine Materie betrachtet. Weil der Begriff der Seele aber bei Meier auch das Denkvermögen mit einschließt und Tiere ein Teil der göttlichen Schöpfung sind, sieht Meier auch keinen Grund, Tiere im ontologischen Sinne anders als Menschen zu betrachten. Meiers Argumentation für die Seele der Tiere macht ihn zwar nicht – betont Grzesiuk – zu einem Vorreiter der animal studies, erinnert aber an eine Art Denken über Tiere, das in der Neuzeit aus dem mainstream der Reflexion über Tiere weitgehend verschwunden ist.
Das Augenmerk des Beitrags von Hargen Thomsen gilt Tamara Ramsays dreiteiligem Kinderbuch Wunderbare Fahrten und Abenteuer der kleinen Dott. Ramsay nimmt sich an Nils Holgerssons wunderbare[r] Reise durch Schweden von Selma Lagerlöf ein Beispiel, legt aber bei allen Anleihen eine eigenständige Version einer Reise durch Zeiten und Orte, die die kleine Hauptprotagonistin ihres Buches auf dem Rücken von Vögeln unterschiedlicher Spezies unternimmt. Vor allem das Ziel des Buches von Ramsay sei aber anders als bei Lagerlöf, legt Thomsen dar, denn die Autorin gestaltet die Reise der kleinen Dott als eine metaphorische Reise zurück nach Hause, die in eine naturromantisch geprägte Vision einer friedlichen Gemeinschaft von Deutschen und Slawen mündet. Das Buch sei mithin politisch. Denn nicht nur diese utopische Vision der Autorin – so das Fazit des Beitrags – konterkariert das nationalsozialistische Geschichtsbild, das die dem ersten Band des Buches vorangestellte Zeittafel suggeriert, sondern auch die Tiere. Die eindeutig positiv gezeichneten Fischreiher, Elstern und Nebelkrähen gehören nämlich den „Ausgegrenzten und Verfolgten“: Sie stellen daher den nationalsozialistischen Rassegedanken in Frage und lassen Ramsay der Reihe der Autor*innen der Inneren Emigration zuschlagen.
Einer ganzen Welt von Tieren begegnen wir in Nietzsches Also sprach Zarathustra gewidmetem Beitrag von Karolina Sidowska. Der Adler und die Schlange als Begleiter Zarathustras haben dabei eine besondere Bedeutung. Diese erschließt sich jedoch nicht – legt Sidowska dar – durch ihre körperliche Präsenz im Text, sondern ausschließlich durch Verweis auf die sich aus der Tradition herschreibenden allegorischen und symbolischen Sinngebungen. Der Stellenwert der Tiere bei Nietzsche erschöpft sich darin freilich nicht. In seinem Denken über den Menschen sind nämlich zwei Bilder zentral: das eine – vertikal: der Mensch als zwischen Tier und Übermensch stehend, und das andere – horizontal: der Mensch als ein ‚Seil über dem Abgrund‘. Beide Konstruktionen ergänzen und modifizieren einander und lassen das Tierische – seien die Tiere selbst in Nietzsches Darstellung in ihren kulturellen Bedeutungen gefangen – als unerlässliches Medium der Reflexion über den Menschen erscheinen.
Ein ganz konkretes körperliches Leid eines Tieres steht im Zentrum des Beitrags von Sigurd Paul Scheichl, das dem Gedicht Der Bauer, der Hund und der Soldat (1917) des Tierliebhabers Karl Kraus gewidmet ist. Dass das auf einem wahren Vorfall beruhende Gedicht als ein Appell gegen den Krieg gelesen wird, legt dabei nicht nur der Text des Gedichtes selbst nahe, sondern auch der Kontext und zwar die das Gedicht sowohl in der Fackel als auch in der Buchausgabe umrahmenden Texte. Der namenlose Hund steht hier stellvertretend für alle – menschliche und tierliche – Opfer des Ersten Weltkrieges und legt in eindringlicher, volksliedhaft-balladesker Diktion die Sinnlosigkeit eines jeglichen Krieges dar.
Auf der Grundlage eines synthetischen Forschungsberichts über Christa Wolfs Erzählung Neue Ansichten eines Katers (1974) entfaltet Carola Hilmes in Anlehnung an Roland Borgards Konzept des ‚animal reading‘ eine Relektüre Wolfs. Der Ich-Erzähler, der sprechende und schreibende Kater Max, Wissenschaftler und Dichter, gleichsam ein Repräsentant der zweckfreien Literatur und Kunst, der den Fortschritt durch Kybernetik sabotiert, wird für Christa Wolf zum Sprachrohr der Zivilisationskritik schlechthin. Als nicht-menschlicher Mitspieler leistet er aber auch in seiner ‚agency‘ (Bruno Latour) einen Beitrag zur Kritik am Anthropozentrismus und wird zudem Träger eines „ökokritischen Feminismus“. Wolfs dystopische Wissenschaftssatire hinterfragt, wie die Autorin des Beitrags argumentiert, den Begriff der Natur und damit auch des Menschen (Mann/Frau in ihrem jeweiligen Status) als autoritativ gesetzt und historisch. Carola Hilmes’ narratologisch und paratextuell eingebettete Analyse weitet die Frage einer „herrschaftsfreien Kommunikation“ über die Perspektive Mensch-Tier auch auf die Dinge aus, indem sie einen zweiten nicht-menschlichen Mitspieler – den Computer Heinrich – als Teil der dargestellten Welt in ihre Lektüre einschließt.
Tiere können einerseits traditionell als menschliche Eigenschaften versinnbildlichend interpretiert werden und andererseits als ‚Akteure‘ im Sinne Bruno Latours in Erscheinung treten. Davon geht Joanna Firaza in ihrem Beitrag aus, der sich mit den Katzen bei Thomas Hürlimann beschäftigt. In der zunächst analysierten Novelle Im Gartenhaus (1989) steht die von dem Hauptprotagonisten auf dem Friedhof aufgefundene und aufgepäppelte Katze für den verdrängten Teil seines Selbst, es ist aber gerade ihr kleiner (diegetischer) Körper, der – darin der zum Vergleich herangezogenen Novelle Gottfried Kellers Spiegel, das Kätzchen ähnlich – ihn, einen Oberst – verändert. Diese im Sinne Latours einen Unterschied machende Funktion des Tieres in Hürlimanns Novelle wird mittels einer Schlüsselszene aus dem Roman Der große Kater (1998) analytisch bekräftigt. Der ‚Kater‘ genannte Protagonist wird hier als (atmend) eins werdend mit dem geschundenen Körper eines kleinen Kätzchens geschildert: Es ist eine Symbiose, die sein Leben prägt und ihn – so wie den Oberst in der Novelle – katzenartige Eigenheiten annehmen lässt. In menschliche Schicksale eingewoben sind somit die Tiere bei Hürlimann – so das Fazit des Aufsatzes – materiell als biologische Spezies und in dem Sinne ‚verkörpert‘ in der geschilderten Welt gleichermaßen anwesend und sie bestimmend.
Marek Jakubów analysiert Arnold Stadlers Romantrilogie Einmal auf der Welt. Und dann so (2009), eine Auseinandersetzung mit den sich vollziehenden Modernisierungsprozessen, denen die innige Beziehung des Menschen zur Natur zum Opfer fällt. Resignation, Entfremdung und Indifferenz des Erzählers, der aus dem Rückblick den Einbruch des Faschismus und der modernen Landwirtschaft in den 30er und 40er Jahren des 20. Jahrhunderts reflektiert und miteinander verschränkt, parallelisiert Marek Jakubów mit Giorgio Agambens Konzept des ‚homo sacer‘, der das „nackte Leben“ als den einzigen und letzten Rest seiner Autonomie bewahren kann. Analog zu den am Ende des Beitrags erwähnten Autoren Felicitas Hoppe und Martin Mosebach verschwinden Stadlers (Hof)Tiere nicht hinter ihrer Literarizität. Wie bei Agamben stehen sie dem „nackten Leben“ am nächsten. An der Entfremdung von ihnen – den einst so geliebten Wesen und Lebensgefährten – misst der Erzähler seine Niederlage: eine Realitätsfremdheit, über die kein Joseph von Eichendorff und kein Adalbert Stifter als Paten einer ursprünglichen Einheit hinweghelfen können.
Nicht verbalsprachlichen, sondern graphisch-piktoralen Charakters sind die Tiere, deren sich Gudrun Heidemann in ihrer Besprechung der Graphic Novel Insekten (2019) des künstlerischen Duos Regina Hofer und Leopold Maurer annimmt. Ausgehend von dem im Nationalsozialismus missbrauchten und pervertierten Insekten-Begriff analysiert Heidemann ekphrasisch die gewählten Panels des großangelegten Comics, der in einer Doppelperspektive die erinnerte Biographie des Großvaters aus der Nazi-Zeit mit der Zeugenschaft des Enkels bündelt und problematisiert, zumal es sich um die eigene Familiengeschichte des Co-Autors Maurer handelt. Tiere – vorwiegend Insekten, aber auch Säugetiere – agieren als Akteure, als „materiell-semiotische Mischwesen“, deren Materialität, wie die Autorin argumentiert, unmittelbarere Wirkung erzielt als in der (nur) verbalsprachlichen Literatur. Eingebettet in die Comic-Tradition der Darstellung der Tierfiguren – als Prätext gilt Hofer/Maurer explizit Art Spiegelmans Maus. Die Geschichte eines Überlebenden (1991) – beunruhigt Insekten durch semantische Uneindeutigkeit. Der stets präsente Gedanke der Degradierung erfasst Opfer wie Täter gleichermaßen, etwa in den Insekten-Avataren der Großeltern. Der Comic leistet also eine Umkehrung der rassistischen Zuschreibung einerseits, transportiert aber auch – vor allem in der tierlichen Selbstdarstellung des Enkels Leopold Maurer als Mistkäfer – die Frage der durchaus belastenden, aber nicht unproblematischen Zeugenschaft und Verantwortung.
Wie verheerend und weitreichend die Folgen der sich von Descartes herleitenden Tradition des anthropologischen Differentialismus sein können, zeigt Krzysztof Tkaczyk am Beispiel des frühen Dramas Peter Turrinis Sauschlachten (1974). Die anfangs suggerierte Idylle erweist sich – dem Genre des neuen kritischen Volksstücks gemäß – als trügerische Fassade, hinter der sich brutale Gewalt bis hin zum Kannibalismus verbirgt. Die Abweichung von der Norm – grunzen statt sprechen – wird hier zum Anlass der letztlich faschistisch motivierten Ausschließung, Herabsetzung und Vernichtung des als fremd Empfundenen sowie zu deren Legitimierung. Im Material der Sprache verdichtet sich das Klischee vom Schwein als Inbegriff des Unmenschlichen – im Licht der neuesten Tierforschung ein Anachronismus per se, den Turrini umkehrt, indem er die scheinbar menschliche und vernünftige Gemeinschaft – uns alle – anklagt und die „Sprachlosigkeit“ des Opfers zur eigentlichen Sprache erklärt.
Im Beitrag von Joanna Bednarska-Kociołek wird die narrative Funktion der Tierdarstellung im Roman Elefant (2017) von Martin Suter aus der Perspektive der ethisch-moralischen Implikationen gentechnischer Tierexperimente erörtert. Ins Zentrum eines Thrillers mit märchenhaften Zügen gestellt, wird der künstlich ins Leben gerufene rosa leuchtende kleinwüchsige Elefant bei Suter zum Spielball von Menschen, die ihn entweder kommerziell als Super-Spielzeug vermarkten oder retten wollen. Bednarska-Kociołek schließt daraus auf die Ambivalenz von Versachlichung und Verklärung resp. Vergöttlichung: Letzteres im Zusammenhang mit dem besonderen Status des Elefanten im Hinduismus. Beide Einstellungen haben Ungleichheit zur Voraussetzung, die zudem narrativ durch das konsequente Ausbleiben der Perspektive des Tieres im Roman unterstützt wird.
Kamilla Najdek wendet sich in ihrem Beitrag der durch den japanischen Kulturkreis geprägten Prosa Yoko Tawadas. Während sich Franz Kafkas biologische Poetologie beim genauen Hinsehen als tief anthropozentrisch erweist, da Kafka letztlich differentialistisch denkt, indem er Menschen und Tiere trennt, was Najdek an Forschungen eines Hundes exemplifiziert, verfährt Tawada in ihren Texten ganz anders. In der japanischen (Märchen)Tradition verwurzelt, wo die zwischenartlichen Verwandlungen nicht ethisch motiviert geschehen, schreibt sie eine eigenartige, leicht befremdliche, sinnliche Prosa, die den Topos der Grenze dekonstruiert und an ihre Stelle fließende Übergänge und ebensolche Identitäten bzw. hybride Wesen setzt. In Hikon (1998) und Etüden im Schnee (2014) erweisen sich Schrift, Stimme und Erzählerfiguren als die (Denk)Räume der Grenzüberschreitung und Begegnung zwischen Menschen und Tieren. Nicht zuletzt sind aber auch Pflanzen ein genuiner Teil des literarischen Kosmos resp. der literarischen (Schrift)Körper Yoko Tawadas.
Damit ist der Schluss unseres Bandes gleichsam ein neuer Anfang. Damit ist auch ein Bogen zu Katja Lange-Müller geschlagen, die ihrem Roman Verfrühte Tierliebe (1995) eine Zeile voranstellt, die das bekannte Schopenhauer-Zitat – „Seit ich die Menschen kenne, liebe ich die Tiere.“ – fortschreibt. Das doch so frappierende Motto lautet: „Seit ich die Tiere kenne, liebe ich die Pflanzen. (H. Beyer, Schauspieler)“.
Joanna Firaza
Małgorzata Kubisiak