Der Romancier Gustave Flaubert feiert in diesem Jahr seinen 200jährigen Geburtstag. Mit seinem Werk verbinden sich groÃe erzählerische Innovationen einer Neudeutung von Welt, die auch heute noch wegweisend sind.
Sein 1862 publizierter Roman Salammbô spielt nicht in der bürgerlichen Lebenswelt des 19. Jahrhunderts, sondern im fernen, dokumentarisch unbekannten und archäologisch noch wenig erschlossenen Karthago des dritten vorchristlichen Jahrhunderts. Den Stoff der Handlung entnahm Flaubert dem Werk des Polybios. Der römische Geschichtsschreiber griechischer Herkunft schildert den grausamen Krieg, den die antike GroÃmacht Karthago nach dem Ersten Punischen Krieg (264-241 v. Chr.) gegen das eigene Söldnerheer führte und damit einen bürgerkriegsähnlichen Kampf entfachte, der die phönizische Stadt nahe an den Abgrund der Zerstörung brachte. Hinsichtlich der ErschlieÃung des âOrientsâ, die sich im 19. Jahrhundert auf kulturgeschichtlichen und machtpolitischen Wegen vollzog, wählte Flaubert ein auÃergewöhnliches Romansujet. Mit seinem Roman wirft er einen exzentrischen Blick auf die Darstellung zivilisatorischer Räume.
Der Roman präsentiert sich dem Leser als ein bildstarkes visionäres Werk, das beeindruckende landschaftliche Panoramen entwirft, Figuren in theaterhaften Posen zeigt und detailreich Gewalt und Grausamkeit ausmalt, die sich vor allem in Kriegshandlungen zwischen Karthago und den aufständischen Söldnern ereignen, aber auch die karthagischen Herrscherfiguren insgesamt charakterisieren. Flauberts Erzählkunst konfrontiert seine Leserschaft mit einem Sinnentzug hinsichtlich der Deutung von Welt. Entgegen einer neoklassizistischen oder kitschig-sentimentalen Antike-Rezeption des 19. Jahrhunderts präsentiert der Roman eine nicht-mehr-schöne Antike. Er weist Gewalt und Grausamkeit als Bestandteil von antiker und moderner Welt, von antiker und moderner Literatur aus. Salammbô gehört vor allem in der Kombination von farbprächtigen Oberflächenansichten und gleichzeitiger Darstellung von Gewalt zur Literatur der ästhetischen Moderne.
Die Beiträge des vorliegenden Bandes gehen zurück auf das Kolloquium Die Exotisierung der Antike. Griechisch-römische Literatur und die Altertumswissenschaften des 19. Jahrhunderts in Flauberts Karthago-Roman âSalammbôâ, das an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster vom 29. November bis 1. Dezember 2012 unter der Leitung von Alexander Arweiler und Karin Westerwelle stattgefunden hat. Das interdisziplinäre, durch die Mitarbeit klassischer Philologinnen und Philologen bereicherte Kolloquium versuchte, der Vielschichtigkeit des Romans gerecht zu werden und die unterschiedlichen Wissensfelder zu ergründen, die den eminent gelehrten Flaubert für die Komposition seines Romans beschäftigten.
Alexander Arweiler und Karin Westerwelle
Münster im April 2021