Der vorliegende Sammelband dokumentiert die Ergebnisse zweier Fachtagungen, die im Rahmen des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Forschungsprojekts Freiheit als theologische Schlüsselkategorie in Köln und Paderborn durchgeführt wurden. Der Ausgangspunkt des Forschungsprojekts war die Diagnose, dass ‚Freiheit‘ innerhalb vieler theologischer Diskurse einerseits eine zentrale argumentationslogische Funktion einnimmt, andererseits aber der philosophische Begriffsgebrauch häufig unpräzise und nicht immer auf der Höhe der philosophischen Fachdiskussion ist. Dementsprechend war es eine der zentralen Absichten des Forschungsprojekts, zeitgenössische theologische und religionsphilosophische Debatten, die häufig einen wenig reflektierten oder unscharfen Begriff von ‚Freiheit‘ verwenden, mit philosophischen Diskursen über Libertarismus und Kompatibilismus dialogisch zu vermitteln. Ein Fokus lag dabei auf der Verflüssigung verschiedener freiheitstheoretischer Denkformen, besonders auf analytisch-philosophischen und transzendentalphilosophischen Zugängen. Dieser Band versteht sich als erster Dokumentationsversuch eines solchen Dialogs, aber viel mehr noch als Auftakt einer vertiefenden Debatte über die philosophischen und theologischen Fundamente einer reflexiven und zeitgemäßen Verwendung des Freiheitsbegriffs.
Das Buch ist in zwei große Abschnitte unterteilt, die philosophische und theologische Perspektiven auf ‚Freiheit‘ einnehmen, wobei die Grenzen selbstverständlich häufig ineinanderfließen. Innerhalb der philosophischen Sektion beginnt der Sammelband mit drei Beiträgen zu ‚Ansätzen libertarischen Freiheitsdenkens‘. Robert Kane fasst in seinem Artikel die aktuelle Version seines Ansatzes prägnant zusammen und verteidigt diese gegen eine Reihe von kompatibilistischen Einwänden. Dabei verteidigt er sowohl die prinzipielle Verständlichkeit als auch die philosophische Signifikanz des libertarischen Freiheitsdenkens und bettet dieses zugleich in den Kontext zeitgenössischer naturwissenschaftlicher Erkenntnisse ein. Geert Keil diskutiert in seinem Aufsatz die Frage, inwiefern libertarische Freiheit auch darin bestehen kann, gute Gründe ‚in den Wind zu schlagen‘. Er argumentiert für die Möglichkeit, in einem abgesteckten Rahmen gegen bessere Gründe zu handeln und vertieft damit seinen Ansatz eines fähigkeitsbasierten, ereigniskausalen Libertarismus. Freiheit bestehe nicht ausschließlich in der Wahl des Vernünftigen, sondern müsse auch Raum für eine Freiheit zur begrenzten Unvernunft einschließen. Randolph Clarke adressiert schließlich die Frage, inwiefern der Determinismus mit der handlungstheoretischen Annahme vereinbar ist, dass Personen das Vermögen zu Handlungen (‚abilities to act‘) und damit zu einem freien Willen haben. Clarke unternimmt eine analytische Trennung des Handlungsvermögens und der Willensfreiheit und argumentiert dafür, dass selbst bei einer Kompatibilität von Determinismus und Handlungsvermögen die Kompatibilität von Determinismus und Willensfreiheit weiterhin in Frage steht.
Im zweiten Abschnitt der philosophischen Perspektiven auf Freiheit werden ‚Probleme der Metaphysik der Freiheit‘ thematisiert. Holm Tetens spricht sich im Anschluss an Kants Freiheitslehre für eine Definition von Freiheit als vernünftige Selbstbestimmung aus und verteidigt die These, dass es zum Vernunftglauben an die Freiheit gehöre, an der wissenschaftlichen Unbeweisbarkeit und Unwiderlegbarkeit der Freiheit festzuhalten. Er modifiziert Kants Ansatz jedoch, da er auf die Unterscheidung zwischen der empirischen Welt der Erscheinungen und der unerkennbaren Welt der Dinge an sich verzichtet und daher eine metaphysisch stärker aufgeladene Begründung des kantisch inspirierten Freiheitsbegriffs vorlegt. Andreas Hüttemann und Christian Loew untersuchen in ihrem Beitrag, von welchen empirischen Prämissen das Konsequenzargument für den Inkompatibilismus abhängt und weshalb für die Debatte um die Kompatibilität von Determinismus und Willensfreiheit die zugrundeliegende Konzeption von Naturgesetzen relevant ist. Die Dialektik der Debatte ändere sich, je nachdem, welche Theorie der Naturgesetze vorausgesetzt wird. Pirmin Stekeler-Weithofer analysiert die begrifflichen Vorbedingungen der Willensfreiheit und argumentiert in szientismuskritischer Stoßrichtung gegen die Angleichung von Gründen an Ursachen. Aus begriffslogischen Gründen seien Willens- und Handlungsfreiheit keine möglichen Gegenstände naturwissenschaftlicher Erforschung, so dass der Anspruch des kausalen Determinismus vage und irreführend sei – er scheitere schon aus konzeptuellen Gründen. Josef Quitterer thematisiert innerhalb der Debatte um Willensfreiheit die Frage nach mentaler Verursachung und argumentiert – basierend auf Wittgensteins Kritik am Paradigma mentaler Verursachung – für eine modifizierte Form der Akteurskausalität, die auf dem unvertretbaren erstpersonalen Zugang zu unserem Willen aufbaut. Der Wille, nicht aber ein bewusster mentaler Zustand, sei das wichtigstes akteurskausale Vermögen des Menschen. Ebenfalls in der Debatte um Akteurskausalität ist der Beitrag von Godehard Brüntrup anzusiedeln. Er verteidigt die These, dass innerhalb eines panpsychistischen Paradigmas die Rede von Akteurskausalität keineswegs so metaphysisch dubios sei, wie sie im vorherrschenden physikalistischen Paradigma klinge. Wenn der Panpsychismus Recht hat, ergebe sich vielmehr, dass die Rede von einer Akteurskausalität ein selbstverständlicher Teil der Welt sei und eine umfassende Naturphilosophie der Freiheit im Rahmen eines umfassenden Kausalitätsverständnisses möglich werde.
Der dritte und letzte Abschnitt der philosophischen Perspektiven baut eine Brücke in die theologischen Diskurse des zweiten Teils des Buches und trägt dementsprechend den Titel ‚Philosophisch-theologische Grenzfragen‘. Volker Gerhardt vertritt in seinem Beitrag die These, dass Freiheit als Vorbedingung für die Erkenntnisformen des Glaubens und des Wissens gelten muss. Dazu entwickelt er zunächst einen naturgeschichtlich eingebetteten, aber kosmologisch nicht erweisbaren Begriff von Freiheit und skizziert im Anschluss die epistemologische Relevanz dieses zentralen anthropologischen Vermögens. Thomas Schärtl hinterfragt in seinem Beitrag den ‚libertarischen Grundkonsens‘ der zeitgenössischen Theologie und lotet die Anschlussmöglichkeiten kompatibilistischer Freiheitsbegriffe für die philosophische Theologie aus. Statt libertarische Freiheit um jeden Preis zu verteidigen, könnte eine kompatibilistische Freiheit leichter mit dem Gottesbild des klassischen Theismus, der Sündlosigkeit Christi oder der Idee eines göttlichen Vorherwissens vereinbar sein.
Der zweite Hauptteil des Buches bündelt theologische Perspektiven auf die Freiheit. Er beginnt mit einer Klärung der ‚Theologischen Grundlagen‘. Klaus von Stosch unternimmt in seinem Beitrag den Versuch einer Grundlagenreflexion über die Verwendungsweise der Kategorie ‚Freiheit‘ in der zeitgenössischen Theologie und Philosophie. Aufbauend auf eine Erörterung der gegenwärtigen Hauptstreitpunkte der Freiheitsdebatten beider Disziplinen entwickelt er Konturen einer ‚Theologie der Freiheit‘ und hinterfragt im Spezifischen die Möglichkeit, einen philosophisch gut zu verteidigenden libertarischen Freiheitsbegriff auf Gott zu übertragen. Saskia Wendel verknüpft ebenfalls grundlegend die gegenwärtigen philosophischen und theologischen Debatten um Freiheit und verteidigt einen ‚theologischen Libertarismus‘, den sie in der Frage nach einem angemessenen Verständnis von Offenbarung exemplarisch erprobt. Sie argumentiert für ein Konzept, welches Offenbarung als Deutungskategorie, d.h. als Selbstvollzug bewussten Daseins, und Glauben strikt libertarisch versteht. Martin Laube hinterfragt das Selbstverständnis des Protestantismus als Religion der Freiheit angesichts der Passivität und Unfreiheit, die dem Menschen im Glaubensakt zukomme. Seinen katholischen Gesprächspartner findet er in Thomas Pröpper, der die freiheitstheoretische Unzumutbarkeit der reinen Passivität im Glauben herausstellt. Laube plädiert für ein reformatorisches Freiheitsverständnis, welches Freiheit nicht als Befreiung zu sich selbst, sondern als Befreiung von sich selbst auffasst und jeden Gestaltungsimperativ der Freiheit verneint. Auch Magnus Lerch bezieht sich auf das transzendentale Freiheitsdenken, jedoch in affirmativerer Weise. Lerch argumentiert dafür, die durch das transzendentale Freiheitsdenken ausgewiesene Unüberspringbarkeit des freien ‚Ich‘ als Instrument einer katholischen Aufarbeitung der Moderne zu begreifen, und bietet damit eine historische Kontextualisierung dieses Ansatzes. Zugleich möchte er das transzendentale Denken auch in systematischer Perspektive bewähren und zeigt die hermeneutischen Potenziale, die das Freiheitsdenken in der Verhältnisbestimmung von Vernunft und Offenbarung sowie von Natur und Gnade haben kann, auf.
Es folgen drei Bewährungsfelder des Freiheitsdenkens in der Theologie. Im ersten Feld geht es um die Thematik ‚Glaube und Zweifel‘. Knut Wenzel greift in seinem Zugang das Spannungsfeld subjektiver Selbstbestimmtheit und der durch die Sprache der Liebe ausgedrückten Idee einer völligen Hingabe an den anderen im Glauben auf, die zugleich keine Unfreiheit bedeutet. Diese dialektische Betrachtung des Glaubensaktes wird sodann in eine bibeltheologische Entsprechungsreflexion des Glaubensgehaltes überführt und an ihr bewährt. Veronika Hoffmann entwirft in ihrem Beitrag eine Topologie des religiösen Zweifels. Während das Dreieck Glaube – Gnade – Freiheit gut ausgeleuchtet sei, umgebe das Dreieck Glaube – Freiheit – Zweifel nach wie vor eine gewisse Dunkelheit. Nach einer Systematisierung des religiösen Zweifels unternimmt sie sodann eine Verknüpfung dieses schillernden Begriffs mit dem nicht weniger schillernden Begriff der Freiheit – eine Verknüpfung, die das ohnehin komplexe Verhältnis von Glaube und Freiheit weiter verkompliziere.
Im zweiten Bewährungsfeld geht es um die ‚Freiheit Gottes und des Menschen‘. Reinhold Bernhardt fragt in seinem Beitrag, inwiefern innerhalb der reformatorischen Theologie Freiheit als Eigenschaft Gottes verstanden werde könne. In kritischer Auseinandersetzung mit Johannes Calvin und Karl Barth weist er das Verständnis der Freiheit als Wesenseigenschaft Gottes zurück und skizziert eine an Paul Tillich orientierte Gegenposition, welche die Freiheit Gottes als transzendentalen Grund menschlicher Freiheit begreift. Manuel Schmid rezipiert den theologischen Freiheitsbegriff des Offenen Theismus. Neben einer allgemeinen Einordnung dieser theologischen Reformbewegung innerhalb des Arminianismus und gegen den Calvinismus erprobt er den Offenen Theismus in einer schöpfungstheologischen und einer christologisch-trinitäts – theologischen Reflexion. Die Wahrheit des christlichen Grund-Satzes ‚Gott ist Liebe‘ werde gerade in den Freiheitsreflexionen des Offenen Theismus denkbar. Zugleich grenzt er sich kritisch von einigen philosophischen Aspekten des klassischen Offenen Theismus an und setzt eigene Akzente. Cornelia Dockter unternimmt schließlich eine kritische Einordnung der Christologie Georg Essens. Neben der theologiegeschichtlichen Verortung von Essens Ansatz in der Diskussion um den historischen Dyotheletismus übt sie dezidierte Kritik an Essens These der strukturellen Identität der Freiheit des innertrinitarischen Logos mit der Freiheit des Menschen Jesus von Nazaret und formuliert die Alternative einer pneumatologisch fundierten Christologie – Essens These der unvermittelten Unmittelbarkeit Christi zum Vater wird in der Hinsicht modifiziert, als dass Gottunmittelbarkeit als Gottes Präsenz im Geist gedacht wird.
Der vierte und letzte Abschnitt der theologischen Perspektiven beleuchtet das dritte Bewährungsfeld ‚Befreiung und Kirche‘. Martin Hailer setzt bei der Barmer Theologischen Erklärung an, um seinen Zugang zum Freiheitsbegriff zu entfalten. In kritischer Distanz zu den dominierenden Strömen der philosophischen Debatte versteht er ‚Freiheit‘ als Befreiung aus Strukturen der Unfreiheit und Unterdrückung, wobei diese theologische Perspektive im Dialog mit sozialphilosophischen Analysen vertieft wird. Ziel der Befreiung zur Freiheit sei die Wesensfreiheit im Sinne einer Freiheit ‚zu sich selbst‘. In ähnlicher Stoßrichtung argumentiert auch Franz Gmainer-Pranzl, der die klassische Befreiungstheologie zum Ausgangspunkt seiner Überlegungen macht. Im Durchgang durch fünf Thesen zur Hermeneutik des Befreiungsbegriffs begründet er seine Grundannahme, dass ‚Befreiung‘ als theologische Schlüsselkategorie zu bestimmen ist.
Den Abschluss bilden zwei ekklesiologische Beiträge, die aus protestantischer und katholischer Sicht den populären Ausdruck ‚Kirche der Freiheit‘ beleuchten. Gesche Linde setzt mit einer kritischen Analyse zweier Papiere der EKD an und überführt die Fragestellung in die theologische Reflexion des Verhältnisses von Individuum und sozialer Bindung. Schließlich plädiert sie für ein Kirchenverständnis, das eine möglichst ‚weitreichende Entfaltung verantwortungsvoller Autonomie‘ ermöglicht. Jürgen Werbick befasst sich im Ausgang von Charles Taylor mit spätmodernen Konzeptionen von Selbstverwirklichung und diagnostiziert in ihrem Aufeinandertreffen mit dem Bindungsideal der Kirche ein massives Konfliktpotenzial von katholischer Kirche und modernem Selbstverständnis. Aus dieser Perspektive leitet er Schlussfolgerungen für ein gelingendes Zusammenwirken von Subjekt und Institution ab.
Die hier thetisch vorgestellten Beiträge bilden ein breites Panorama gegenwärtigen philosophischen und theologischen Freiheitsdenkens. Martin Breul und Aaron Langenfeld versuchen in einem finalen Ausblick, einige der hier ausgebreiteten Fäden zusammenzuspinnen und zugleich Anknüpfungspunkte zu markieren, an denen ein Dialog zwischen Philosophie und Theologie, der durch das gemeinsame Interesse am schillernden Vermögen der Freiheit vereint wird, in Zukunft ansetzen könnte. Letztlich könnte das eine Perspektive sein, unter der die Intention dieses Sammelbands am deutlichsten wird: Es geht um die Initiation eines Dialogs zwischen Philosophie und Theologie, der gegen jede disziplinäre Vereinzelung der beiden Disziplinen das gemeinsame Interesse an der Freiheitsthematik in den Blickpunkt rückt und auf diesem Wege zu einem fruchtbaren interdisziplinären Austausch beitragen kann.
Bevor es nun aber ‚losgeht‘, möchten wir uns bei einigen Personen und Institutionen bedanken, ohne deren Unterstützung die Fachtagungen, der daraus resultierende Sammelband und das Forschungsprojekt im Ganzen nicht hätten durchgeführt werden können. Zunächst gilt unser Dank der Deutschen Forschungsgemeinschaft, deren finanzielle Förderung des Forschungsprojekts dieses allererst ermöglicht hat. Sodann möchten wir uns herzlich bei den Beiträger*innen sowie Teilnehmer*innen der Fachtagungen bedanken – ihre qualitativ hochwertigen Beiträge haben die Tagungen zu sehr produktiven Veranstaltungen werden lassen. Auf der theologischen Fachtagung fand zudem eine hier nicht publizierte Podiumsdiskussion zwischen dem Bischof von Essen, Dr. Franz-Josef Overbeck, und dem Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Manfred Rekowski, statt – beiden möchten wir an dieser Stelle nochmals ausdrücklich für das offene ökumenische Gespräch zur Frage der Freiheit in der Kirche danken. Judith Didden, Mareena Hofmeister, Katharina Holtmann und Elisabeth Kirmair haben als Studentische Hilfskräfte entscheidend zum Gelingen der beiden Fachtagungen beigetragen und bei der redaktionellen Bearbeitung und Formatierung der Beiträge wertvolle Hilfe geleistet. Jan Christian Pinsch hat sich der mühevollen Arbeit einer finalen Korrektur aller Beiträge unterzogen. Ihnen allen sei herzlich gedankt! Zu guter Letzt möchten wir uns auch beim Schöningh-Verlag und Dr. Hans J. Jacobs sowie Marie-Luise Kumbartzky für die gute Zusammenarbeit und die Aufnahme in das Verlagsprogramm bedanken.
Köln und Paderborn, im Juni 2018
Die Herausgeber