Erst als Erwachsener wurde mir so richtig bewusst, dass meine Muttersprache Zazaki ist, nicht Türkisch und auch nicht Deutsch. Aus diesem Grund begann ich, dem Zazaki mehr Aufmerksamkeit zu widmen und war fasziniert von den Unterschieden, die bei verschiedenen Sprechern vorhanden waren. Das hat mich auch als Student der Linguistik und Iranistik immer wieder beschäftigt, und so lag es für mich nahe, die vorhandenen sprachgeographischen Unterschiede zu erfassen und aufzuzeichnen. Es war immer mein Traum diese Sprache zu dokumentieren, einen Sprachatlas zu erstellen. Ich bin in Bingöl geboren und dort aufgewachsen. Die türkische Sprache habe ich erst in der Schule gelernt. In meiner Kindheit wurde in Bingöl ausschlieÃlich die Zaza-Sprache gesprochen. Türkisch wurde nur in der Schule und bei den Behörden gebraucht. Mit 15 Jahren erst kam ich zu meinen Eltern nach Deutschland.
Die Stadt Bingöl hat der Provinz Bingöl ihren Namen gegeben. Bingöl selbst ist erst im Laufe des kemalistischen Türkisierungsprozesses (Assimilations- und Sprachpolitik) so benannt worden. Es bedeutet im Türkischen âTausend Seenâ, obwohl es in der Gegend nur wenige Seen gibt. Der alte Name des Ortes ist ÄÅlig, ein schwer zu deutender Ortsname. Vor hundert Jahren war ÄÅlig noch ein kleiner Marktflecken, seine Bevölkerung ist seitdem auf über 150.000 gestiegen, in der gesamten Provinz leben über 250.000 Menschen. Die starke Bevölkerungszunahme in den letzten 30 Jahren ist vor allem auf Zuwanderung aus der näheren und ferneren Umgebung zurückzuführen. Das hat auch Folgen für die Sprache. Es gibt mehr Varianz im Ort, als zunächst vermutet werden könnte. Auch innerhalb einer Familie treten Varianten auf, weil die Angehörigen oftmals aus verschiedenen Dörfern der Umgebung stammen. Die Menschen haben ein gutes Gespür für die vorkommenden Varianten. Diese werden in der Regel den verschiedenen Herkunftsdörfern zugeordnet, aber auch den verschiedenen Stämmen. In der Familie des Verfassers werden ebenfalls verschiedene Varianten gesprochen. Meine Mutter ist in ÄÅlig, mein Vater in DÅdan/DuÉdun (türkisierter Name: Ormanardi, ein Dorf in der Nähe der Stadt Bingöl) geboren und aufgewachsen. Die GroÃmutter (mütterlicherseits) stammt aus einem anderen Dorf. Mir ist schon als Kind aufgefallen, dass die Familienmitglieder verschieden sprachen. Meine Oma sagte z. B. für âich geheâ Éz šɨÌnÅ«, bei meinem GroÃvater (väterlicherseits) hieà es Éz šɨÌnÄ. Meine Mutter verwendet z. B. für Tag ruÉǰ oder ruÉž, mein Schwager hingegen, der in Hani geboren ist und mit seiner Familie erst vor 40 Jahren nach Bingöl kam, sagt roǰ. Mich hat es in meiner Jugend immer beeindruckt, wie die Alten an der Aussprache erkannt haben, woher jemand stammt und welchem Stamm er angehört.
Diese persönlichen Erfahrungen haben mich veranlasst, neben meiner nie unterbrochenen Tätigkeit als Lokführer der Bundesbahn ein Studium der Iranistik zu beginnen und dieses mit der vorliegenden sprachgeographischen Arbeit zu beenden.
Auch wenn diese Dokumentation das Zazaki nicht vor dem Aussterben retten kann, bringt sie für die Iranistik viele neue Erkenntnisse.