1. Die Fragestellung im historischen Kontext
Das vorliegende Buch geht der Frage der methodischen Einheit oder Vielfalt der Wissenschaften nach. Obwohl sich die Vorgehensweisen in den verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen, in Natur-, Sozial- und Geisteswissenschaften, prima facie und in den Einzelheiten unterscheiden, könnte es doch übergreifende Charakteristika von Erklärungen und Bestätigungen geben, die eine Abgrenzung gegenüber nicht-wissenschaftlichen Denkansätzen ermöglichen und damit eine methodische Einheit der Wissenschaft (im weiten, kontinentalen Sinn) begründen würden. Umgekehrt könnte es innerhalb der traditionell als methodisch einheitlich angesehenen Disziplinen eine Methodenvielfalt geben, die Einheitlichkeitsansprüchen die Grundlage entzöge.
In der Wissenschaftsphilosophie des 20. Jahrhunderts wird die Einheitlichkeit der Wissenschaft oder deren Fehlen hauptsächlich auf drei Feldern erörtert: hinsichtlich der Sprache, des Lehrgebäudes und der Methoden. Im Logischen Empirismus der Zwischenkriegszeit soll die „physikalische Sprache als Universalsprache der Wissenschaft“ (Carnap 1931) eine gemeinsame Grundlage aller Wissenschaften bereitstellen. Rudolf Carnap argumentiert, dass die Zuschreibung von intersubjektiv zugänglichen Eigenschaften zu Raum-Zeit-Stellen die einheitliche Beschreibung der Erfahrungsbasis sämtlicher Wissenschaften ermöglicht. Die Verwendung von wesentlich subjektiv geprägten Begriffen, etwa für Sinnesqualitäten, lässt sich durch Rückgriff auf intersubjektive Begriffe, etwa Frequenzen von Licht- oder Schallwellen vermeiden. Diese sprachliche Einheit ermöglicht zwar den unbeschränkten Austausch über wissenschaftliche Inhalte, ist aber nicht gleichbedeutend damit, dass sich alle Sachverhalte auch einheitlich erklären lassen (Carnap 1931).
Dieser Vorstellung von Einheitlichkeit wurde die These hinzugefügt, dass die Theorien oder Disziplinen der Wissenschaft von ausgezeichneten, fundamentalen Denkansätzen abhängen und aus diesen ableitbar sind. Danach zeichnet sich die Wissenschaft durch ein einheitliches Lehrgebäude aus. Diese Vorstellung des „Reduktionismus“ als Grundlage der Einheit der Wissenschaft wurde prominent von Paul Oppenheim und Hilary Putnam (1958) akzentuiert. Eine Reduktion wird dabei als Erklärung von Theorien oder Disziplinen durch andere Theorien oder Disziplinen vorgestellt. So war die Erwartung, dass sich durch den Fortschritt der Wissenschaften komplexe Gebilde zunehmend durch ihre grundlegenderen Komponenten erklären lassen. Die Eigenschaften von Zellen werden als Ausdruck der Wechselwirkung von Molekülen erkannt, welche ihrerseits auf das Verhalten von Atomen und letztlich Elementarteilchen zurückgehen. Die Einheit der Wissenschaft lässt sich damit als systematische Ordnung des Wissens durch die einseitige Abhängigkeit von Erklärungen verstehen (Oppenheim und Putnam 1958).
Solche Erklärungen wurden dabei im Sinne des Schemas der so genannten deduktiv-nomologischen Erklärung als logische Ableitung von Naturgesetzen aus anderen Naturgesetzen sowie Anfangs- und Randbedingungen verstanden. Mit der Erweiterung des Gesichtskreises der Wissenschaftsphilosophie auf die Lebens- und Sozialwissenschaften verlor die Prominenz der Deduktion von Naturgesetzen an Plausibilität. Philip Kitcher passte die Vorstellung der einheitlichen Erklärung an die Evolutionsbiologie an, indem er sie als wiederholte Anwendung einer einzigen Behandlungsmethode oder eines herausgehobenen Argumentationsmusters in den Mittelpunkt rückte (Kitcher 1981). In der Evolutionsbiologie beschreibt dieses Argumentationsmuster den Mechanismus der natürlichen Selektion. Auf seiner Grundlage lassen sich verschiedenartige Phänomene einheitlich behandeln und erklären. Beispiele sind die Anpassung von Lebewesen an Umweltbedingungen durch differentielle Reproduktion, die Homologie oder die Merkmalsähnlichkeiten zwischen unterschiedlichen Spezies aufgrund ihrer gemeinsamen Abstammung oder die Radiation, also die Aufspaltung von Gründerpopulationen in unterschiedliche Spezies zwecks Besetzung einer größeren Zahl ökologischer Nischen. Alle diese Phänomene können auf den Mechanismus der natürlichen Selektion zurückgeführt werden. Eine Deduktion von Naturgesetzen oder signifikanten Verallgemeinerungen scheitert dabei an der Unkenntnis der betreffenden Anfangs- und Randbedingungen. Die explanatorische Einheit der Wissenschaft ist entsprechend nicht reduktiv.
Dieser Ansatz lässt sich auch auf den psychologischen Behaviorismus erweitern. Das von Burhus F. Skinner angenommene Grundprinzip der Verstärkung sieht vor, dass die Auftretenswahrscheinlichkeit von Verhaltensweisen durch deren positive Konsequenzen, die Verstärkungen, erhöht wird. Verhalten wird durch seine Folgen geprägt, nicht hingegen durch die Reizsituation, aus der es erwächst. Dieser begrifflich-theoretische Rahmen legt die im Behaviorismus durchgeführten experimentellen Untersuchungen nahe. Diese dienten im Wesentlichen der Ermittlung optimaler Verstärkungsstrategien. Skinner’sche Lerngesetze lauten etwa, dass maximale Lerngeschwindigkeit durch Verstärkung jeder einzelnen erfolgreichen Handlung erreicht wird. Die größte Stabilität einmal erlernten Verhaltens ergibt sich bei so genannter variabler Quotenverstärkung. Dabei wird nur ein Teil der betreffenden Verhaltensweisen verstärkt, wobei nur die mittlere Verstärkungsrate festliegt und die genaue Verteilung dem Zufall überlassen bleibt. Bei diesen Lerngesetzen handelt es sich nicht um Konsequenzen des Verstärkungsprinzips. Dieses wäre zum Beispiel auch mit der umgekehrten Zuordnung von Verhalten und Verstärkungsplänen verträglich gewesen. Die Lerngesetze sind also keine Theoreme im traditionellen Verständnis. Hier ist unverkennbar, dass die Theorie eine signifikante Vereinheitlichung bereitstellt. In allen ihren Verhaltenserklärungen spielt der Rückgriff auf Verstärkungsprozesse die zentrale Rolle. Verhalten wird stets durch Heranziehen des gleichen Mechanismus erklärt. Es liegt entsprechend eine Gleichartigkeit der Behandlung oder der theoretischen Zugangsweise vor, die Anerkennung als Vereinheitlichungsleistung verdient. Es wird wiederholt das gleiche Argumentationsmuster herangezogen.
Bei Kitcher soll diese Hervorhebung von gleichartigen Argumentationsmustern nicht etwa einen Bruch zwischen den physikalischen Wissenschaften und den Lebenswissenschaften begründen. Vielmehr soll dieser Denkansatz auch Erklärungen in den physikalischen Wissenschaften angemessen erfassen. Die Verpflichtung auf einheitliche Erklärbarkeit oder die Vereinheitlichung des Lehrgebäudes wird zwar anders gefasst, aber beibehalten.
Diese Erörterung leitet über zur dritten genannten Hinsicht einer Einheit der Wissenschaft, nämlich der methodischen Einheit. Besonders prominent war die These Carl G. Hempels, dass sämtliche Wissenschaftszweige, einschließlich der Geisteswissenschaften, das gleiche Schema der deduktiv-nomologischen Erklärung (oder ihrer statistischen Abschwächung) verwenden (Hempel und Oppenheim 1948). Deren primäres Anwendungsfeld betrifft die Erklärung besonderer Ereignisse durch logische Deduktion ihrer Beschreibungen aus Gesetzen sowie Anfangs- und Randbedingungen (während das Schema zuvor für die Ableitung von Naturgesetzen aus umfassenderen Naturgesetzen genannt worden war). Dieses allgemeine Schema wissenschaftlicher Erklärungen sollte ausdrücklich historische Erklärungen einschließen, bei denen die zugehörigen Verallgemeinerungen psychologischer Natur sein sollten (Hempel 1942). Skinner’sche Verstärkung kann zur Erklärung von historischen Episoden herangezogen werden, in denen der Erfolg eines Verhaltens die Häufigkeit dieses Verhaltens steigert.
Andere methodische Elemente, die die Wissenschaften übergreifend charakterisieren sollten, waren die Verpflichtung auf objektive bzw. intersubjektive Gültigkeit und die empirische Überprüfung sowie die Wahrheitsorientierung. Entlang dieser Linien betonte Karl R. Popper die methodische Einheit der Wissenschaften und sah insbesondere die Sozialwissenschaften auf die hypothetisch-deduktive Methode von Vermutung und Widerlegungsversuch verpflichtet. Die Objektivität der Wissenschaft gründet sich dabei auf die intersubjektive kritische Prüfung in der wissenschaftlichen Gemeinschaft.
In diesem empirisch-analytischen Verständnis werden die methodischen Merkmale der Sozialwissenschaften an die Naturwissenschaften angelehnt. So wird bei den Sozialwissenschaften in der Nachfolge des Logischen Empirismus ein Schwerpunkt bei Generalisierungen vorgesehen und bei deren Geltungsprüfung die Freiheit von politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Wertungen verlangt. Die methodische Alternative sieht die Sozialwissenschaften methodisch in der Nähe der Geisteswissenschaften angesiedelt, da auch jene die Bedeutung von Handlungen Einzelner in den Mittelpunkt rücke, welche mit Mitteln der Hermeneutik zu erschließen sei. Solche Handlungen sind mit Wertungen der genannten Art untrennbar verwoben, so dass die Verpflichtung auf Wertfreiheit an den Erklärungsidealen der Sozialwissenschaft vorbeiginge.
Im so genannten „Positivismusstreit in der deutschen Soziologie“ wird unter anderem von Jürgen Habermas die Verschiedenheit von Natur- und Sozialwissenschaften geltend gemacht. Das von Popper artikulierte empirisch-analytische Verständnis nämlich verpflichte die Sozialwissenschaften auf ein technisches Erkenntnisinteresse, bei dem die Verwendung oder Nutzung von Verallgemeinerungen im Vordergrund stünde. Die von Habermas favorisierte Idee hebt hingegen die Klärung des Selbstverständnisses handelnder Subjekte als das sozialwissenschaftliche Erkenntnisinteresse hervor. Es ist die Selbstreflexion sozialer Gruppen und die Aufklärung über die Ziele ihres Handelns, die sozialwissenschaftliche Ansätze legitimerweise leisten (Habermas 1969).
Solche Denkansätze sind Teil des hermeneutischen Verständnisses der Sozialwissenschaften, dem zufolge die Sozialwissenschaften Handeln durch Klärung des Selbstverständnisses von Handelnden verstehen. Dafür reicht die Verknüpfung von Handlungen mit den betreffenden Situationsumständen nicht hin. Vielmehr ist der Bezug auf die Bedeutung dieser Umstände für die Handelnden zentral. Für die Wissenschaften vom Menschen, also die Sozial- und Geisteswissenschaften, steht diese Kategorie der Bedeutung im Mittelpunkt. Die Grundlage des Verstehens bildet die Bedeutung einer Handlung oder eines Objekts für die Handelnden. Die „gelebte Erfahrung“ stellt den Rahmen für eine „Interpretation“ oder ein „Verstehen“ bereit (Bishop 2007, 21–26, 34).
Das methodisch Trennende zwischen Natur- und Sozialwissenschaften wird ebenfalls von Emile Durkheim betont. Durkheim vertritt eine holistische Vorstellung der Gesellschaft und entsprechend der Soziologie. Während die Naturwissenschaften vom Einzelnen zum Allgemeinen voranschreiten, beziehen sich die Sozialwissenschaften wesentlich auf gesellschaftliche Tatsachen. Diese sind allgemein und überindividuell; sie sind grundlegender als das Verhalten Einzelner. Es handelt sich dabei um Verhaltensmuster oder Verhaltensnormen, die das Handeln anleiten und koordinieren. Ein Beispiel ist der gesellschaftliche Zusammenhalt, der sich auf ganz unterschiedliche Weise im Handeln Einzelner niederschlagen kann. Die Aufgabe der Sozialwissenschaften besteht in der Entschlüsselung von Zusammenhängen zwischen gesellschaftlichen Tatsachen und menschlichem Verhalten. Nach diesem holistischen Verständnis sind Erklärungen auf der Ebene der Gesellschaft weder methodisch noch inhaltlich auf psychologische Faktoren und individuelles Verhalten reduzierbar (Bishop 2007, 35–36).
Der hermeneutische Zugang zu den Sozialwissenschaften betont zwar die methodische Verschiedenheit von Natur- und Sozialwissenschaften, rückt aber komplementär die Sozialwissenschaften in die Nähe der Geisteswissenschaften. Im Verhältnis von Natur- und Geisteswissenschaften wird in methodischer Hinsicht traditionell das Trennende betont, was eine Folge des Emanzipationsstrebens der Geisteswissenschaften von den Naturwissenschaften ab der Mitte des 19. Jahrhunderts gewesen sein dürfte. Wilhelm Windelband sieht die Naturwissenschaften durch Generalisierung charakterisiert, Geisteswissenschaften dagegen umgekehrt durch die Analyse des Besonderen. Für Wilhelm Dilthey folgen die Geisteswissenschaften dem hermeneutischen Zirkel und streben eine wechselseitige Anpassung zwischen dem Verständnis des Einzelnen und des Ganzen an. Weiterhin sehen Autoren die naturwissenschaftliche Methode durch die Betonung des Quantitativen gekennzeichnet, während geisteswissenschaftliche Ansätze das Qualitative hervorheben.
Im vorliegenden Band geht es primär um die Frage der methodischen Einheit der Wissenschaften in ihrer klassischen Dreiheit von Natur-, Sozial- und Geisteswissenschaften. Dabei kommt es auch darauf an, angemessene Begriffe von „Methoden“ zu artikulieren. Natürlich unterscheiden sich die speziellen Methoden selbst innerhalb wissenschaftlicher Disziplinen. In der Elektrizitätslehre wird man eher selten Gaschromatographen einsetzen, während Teilchenbeschleuniger kaum jemals in der Bauphysik Anwendung finden. Andererseits erstreckt sich der Anwendungsbereich anderer Methoden breit über einzelne Disziplinen hinaus. Statistische Methoden werden quer durch die Wissenschaften herangezogen, und der Einsatz von Idealisierungen findet sich in ganz unterschiedlichen Denkansätzen. Gesucht wird also nach einem aussagekräftigen Begriff von methodischer Einheit oder Vielfalt.
Der Band lotet das Problem von methodischer Einheit respektive Vielfalt der Wissenschaften aus verschiedenen Blickwinkeln aus: Reflektiert wird die Methodenvielfalt in den Natur- und Sozialwissenschaften allgemein und mit spezifisch disziplinärem Bezug. Erörtert werden Chancen und Grenzen von Interdisziplinarität und das Verhältnis von Geistes- und Naturwissenschaften sowie die Beziehung von Wissenschaft und Öffentlichkeit.
2. Die Beiträge des Buchs
Der erste Themenblock ist der methodischen Einheit und Vielfalt in den Naturwissenschaften gewidmet. In seinem Beitrag „Zur schwachen Einheit und starken Vielfalt der Wissenschaften“ entwickelt Paul Hoyningen-Huene (Leibniz Universität Hannover und Universität Zürich) die These, dass die Einheit der Wissenschaften schwächer ausgeprägt ist, als die Wissenschaftsphilosophie früher annahm, dass es aber durchaus vereinheitlichende Momente in der Wissenschaft gibt. Allerdings überwiegen die Divergenzen im Erscheinungsbild der Wissenschaft diese Einheit. Deshalb ist die Einheit schwach und die Vielfalt stark. Der Autor betrachtet mehrere Versuche, stärkere Begriffe von Einheitlichkeit zu etablieren. Prominent waren Vorstellungen eines Reduktionismus, der Theorien komplexer Gegenstände (etwa von Organismen) auf die Wechselwirkung von Atomen und Molekülen zurückzuführen suchte. Dazu ist es allerdings erforderlich, die zunächst unterschiedlichen Begriffe von Theorien verschiedener Komplexitätsstufen miteinander zu verknüpfen und dann die zugehörigen Theoreme in eine Ableitungsbeziehung zu bringen. Wie Hoyningen-Huene anhand aussagekräftiger Beispiele demonstriert, scheitert in vielen Fällen diese Verknüpfung von Begriffen aus unterschiedlichen Theorien (semantische Inkommensurabilität). Dabei rückt er das Problem divergenter Taxonomien in den Mittelpunkt, welche einen gegebenen Erfahrungsbereich auf gegensätzliche, nicht ineinander übersetzbare Weise klassifizieren. Dadurch erreichen Disziplinen eine begriffliche Autonomie, die gerade die starke Vielfalt der Wissenschaften ausmacht.
Im Gegenzug diagnostiziert Hoyningen-Huene ein einigendes Band unter den Wissenschaften, nämlich die Systematizität. Nach diesem vom Autor selbst formulierten Denkansatz ist wissenschaftliches Wissen systematischer als Alltagswissen zum selben Gegenstandsbereich, und diese vergrößerte Systematizität drückt sich in verschiedenen Dimensionen wie Erklärungen, Vorhersagen, Verteidigung von Wissensansprüchen, epistemischer Vernetztheit oder Vollständigkeit aus. Systematizität beinhaltet methodische Ordnung, lässt sich aber auf der abstrakten Ebene nicht hinreichend konkretisieren. Zum Beispiel sind wissenschaftliche Aussagen besser empirisch gestützt als mögliche Gegenstücke im Alltagswissen und einer strengeren kritischen Prüfung durch die betreffende wissenschaftliche Gemeinschaft unterzogen worden. Da jedoch die Konkretisierung der Systematizität jeweils unterschiedlich ausfällt, handelt es sich nur um eine schwache Einheit.
Kärin Nickelsen (Ludwig-Maximilians-Universität München) konzentriert sich in ihrem Kapitel „‚Too Green, Too Strange, Too Complicated‘ – Methodische Diversifizierung in heterogenen Forschungsfeldern“ auf die Beschaffenheit interdisziplinärer Forschung. Sie porträtiert die Entwicklung der Photosyntheseforschung zwischen den 1920er und 1950er Jahren und arbeitet dabei heraus, dass das Feld durch einen methodischen und konzeptionellen Pluralismus gekennzeichnet war, der unterschiedliche disziplinäre Ansätze zusammenbrachte. Anhand von drei Episoden zeichnet sie die Entstehung und den Verlauf disziplinübergreifender Forschung nach. Ausgehend von dem gemeinsamen übergeordneten Erkenntnisinteresse, wie Photosynthese funktioniert, brachten Forscher mit verschiedenen Kompetenzen ihre jeweiligen Methoden und Forschungspraktiken ein, um den Prozess der Umwandlung von Kohlendioxid in Stärke zu ergründen. Der Wissensgewinn bei dieser Forschung fußt in der Sachkompetenz der beteiligten Wissenschaftler und ihrer Verschränkungskompetenz, womit die Fähigkeit gemeint ist, eigene Erkenntnisse in Beziehung zu denen anderer Forscher zu setzen und dies auch zu vermitteln. Die drei von Nickelsen untersuchten Beispiel variieren hinsichtlich beider Kompetenzen und verdeutlichen damit Bedingungen des Erfolgs und Ursachen des Misserfolgs interdisziplinärer Kooperation.
Wer sich auf die Erkenntnisse anderer stützt, begibt sich in eine „epistemische Abhängigkeit“; diese ist eine Voraussetzung für den Mehrwert disziplinübergreifender Forschung. Mit anderen Worten: Forschungserfolge beruhen auch auf dem Vertrauen in die Erkenntnisse und Methoden anderer Forscher. Erkenntnisgewinn bei komplexen, d.h. mehrere Disziplinen berührende, Forschungsfragen ist, so resümiert Nickelsen, kontextabhängig, aber auch abhängig davon, wie gut sich neues Wissen und neue Methoden vor dem Hintergrund der eigenen Standards einbringen lassen. Neben Sach- und Verschränkungskompetenz ist die konzeptuelle Passung eine Bedingung für erfolgreiche disziplinenübergreifende Forschung.
Erfolgreiche interdisziplinäre Kooperation oder Forschung ist folglich auf Fragestellungen gerichtet, für die es Anknüpfungspunkte in unterschiedlichen Disziplinen gibt. Auch sollten vergleichbare oder voneinander abhängige Forschungsziele verfolgt werden. Entsprechend scheitert interdisziplinäre Zusammenarbeit nicht selten daran, dass ein methodischer oder inhaltlicher Beitrag aus einer anderen disziplinären Perspektive nicht an den Forschungsinteressen und Fragestellungen einer gegebenen wissenschaftlichen Gemeinschaft andockt.
Der Beitrag von Eva Barlösius (Leibniz Universität Hannover) zur „Methodologischen Unterschiedlichkeit und methodische Differenz – am Beispiel interdisziplinärer Forschungsvorhaben“ geht ebenfalls der Frage nach, was Interdisziplinarität in der Forschungspraxis bedeutet. Sie konzentriert sich dabei auf Unterschiede in den Vorgehensweisen und den Rückgriff auf verschiedene Wissenselemente. Methodologische Interdisziplinarität bezieht sich auf den Einsatz unterschiedlicher Vorgehensweisen wie theoretische Analysen, Computersimulationen oder Laborexperimente, methodische Interdisziplinarität auf die Verknüpfung von Ergebnissen disziplinenspezifischer Methoden. Diese Unterscheidung ist aus den untersuchten Forschungsprojekten erwachsen, also nicht durch die Analyse vorgegeben.
Als grundlegende Einheit für Interdisziplinarität wird dabei nicht die Disziplin betrachtet, sondern die Forschungsgemeinschaft oder „Community of Research“, die durch gemeinsame Forschungsfragen und -praktiken charakterisiert ist. Unterschiedliche Forschungsgemeinschaften treten durch „boundary objects“, realisiert durch Artefakte, Dokumente oder Konzepte, miteinander in Verbindung. Solche Abstimmungsprozesse werden in dem Text empirisch analysiert. Die Datengrundlage dieser Analyse bilden 24 qualitative Interviews mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern eines größeren naturwissenschaftlichen Forschungsverbunds. Deren Selbsteinschätzung bringt sowohl methodologische Interdisziplinarität oder den Rückgriff auf unterschiedliche Zugangsweisen und Instrumente zur Geltung als auch methodische Interdisziplinarität oder die Anstrengung, gemeinsam verwendbare Resultate zu erzeugen.
Diese Erzeugung von Resultaten wurde von den Beteiligten zunächst als Prozess der Lieferung verstanden: Die eine Forschungsgemeinschaft stellt Resultate bereit, mit denen die andere weiterarbeitet. Bei methodologischer Interdisziplinarität wurde den Betroffenen zunehmend klar, dass eine physische Übergabe nicht ausreicht und dass es des inhaltlichen und methodischen Austauschs bedurfte. Solche Interdisziplinarität bezeichnet Barlösius als „händereichend“. Steht dagegen bei methodischer Interdisziplinarität die Zerlegung in Teilvorhaben und die Übergabe ihrer Ergebnisse im Vordergrund, so handelt es sich um „ankoppelnde“ Interdisziplinarität. In keinem Fall strebt interdisziplinäre Arbeit die Integration unterschiedlicher Ansätze an, sondern die wechselseitige Anerkennung uneinheitlicher Forschungspraktiken.
Das Kapitel hebt entsprechend hervor, dass interdisziplinäre Verschränkungen zwar durch ähnliche Methoden gestiftet sein können, dass aber verschiedene Disziplinen auch ohne methodische Verknüpfungen erfolgreich kooperieren können. Dies kann nämlich auch durch konvergente inhaltliche Beiträge erwachsen oder durch die Übergabe von Ergebnissen der einen Disziplin an die andere. So stellt sich dann eben die Biochemie als die Anwendung der Chemie auf biologische Probleme dar. Indem die Chemie Antworten auf biologische Fragen liefert, kann sich substanzielle Zusammenarbeit entwickeln, obwohl die jeweiligen Zugangsweisen verschieden bleiben.
Der nachfolgende Themenblock ist der Methodenvielfalt in den Sozialwissenschaften gewidmet. Diese Vielfalt stellt Stefan Huster (Ruhr-Universität Bochum) in seinem Aufsatz „Die Einheit der Rechtswissenschaft in der Vielfalt ihrer Methoden“ vor. Der Autor reflektiert den wissenschaftlichen Status der Rechtswissenschaft und kommt zu dem Schluss, dass ihre Wissenschaftlichkeit insbesondere durch die systematische Durchdringung ihres Gegenstandsbereichs zum Ausdruck kommt. Sein Beitrag greift innerdisziplinäre Debatten in der Rechtswissenschaft auf, die den Wissenschaftscharakter der Disziplin in Zweifel ziehen. Der Autor diskutiert zwei Argumentationslinien, die das juristische Wissenschaftsverständnis beeinflussen: Das positive Recht, mithin der Gegenstand der Rechtswissenschaft, ist kontingent. Normen werden (z.B. politisch) geschaffen, verändert oder abgeschafft. Ist eine systematische, wissenschaftliche Beschäftigung mit diesem „fluiden Normenmaterial“ möglich? Und wodurch unterscheidet sich eine wissenschaftliche Analyse des positiven Rechts von dem Umgang, den juristische Praktiker mit diesem Material pflegen? Die juristischen Fakultäten, so Huster, befinden sich in einem Spagat zwischen Justizsystem, für das sie Ausbildungsleistungen zu erbringen haben, und Wissenschaftssystem, das insbesondere Forschung honoriert. Der Autor erörtert zwei wissenschaftstheoretische Perspektiven auf sein Fach: Rechtswissenschaft als Sozialwissenschaft und als hermeneutische Disziplin. Die Überlegungen führen zu dem Schluss, dass „Theorie und Praxis normorientierten praktischen Nachdenkens“ den wissenschaftlichen Status begründen. Die Einheit der Rechtswissenschaft konstituiert sich aus einer Vielfalt von Methoden zur Bearbeitung eines Gegenstands, nämlich der Rechtsordnung. Von der juristischen Praxis unterscheidet sich die wissenschaftliche Perspektive auf das Recht insbesondere durch ihre Systematizität (vgl. dazu Hoyningen-Huene in diesem Band), die auch darauf abzielt, das Recht „transparent darzustellen“ und für „möglichst viel Interpretationskonsistenz zu sorgen.“
Julian Reiss (Johannes-Kepler-Universität Linz) beschreibt in seinem Beitrag „Methoden, Visionen und Weltbilder in den Wirtschaftswissenschaften“ methodologische Auseinandersetzungen in den Wirtschaftswissenschaften und führt diese unter anderem auf die Konkurrenz divergenter Weltbilder zurück, die als verbundene Systeme von Überzeugungen verstanden werden. Mit Blick auf die wissenschaftliche Kontroverse darüber, was Geld ist und wie es entstanden ist, zeigt der Autor, dass hinter den divergenten Ansätzen unterschiedliche Visionen stehen, die verschiedene Vorstellung von der Welt begründen. Für den „Metallismus“ entsteht Geld als ein Mittel zur Vereinfachung des Austauschs mit dem Zweck der Befriedigung von Bedürfnissen von Menschen. Der Staat ist entsprechend an dieser Erfindung gar nicht beteiligt. Dagegen ist für den Chartalismus Geld eine staatliche Schöpfung, die zunächst den Zweck erfüllt, Steuern erheben zu können. Geld wird durch einen staatlichen Akt eingeführt und ist eng mit der Deckung von Staatsausgaben verknüpft. Eine zentrale These Reiss‘ ist, dass aus diesen unterschiedlichen Ansatzpunkten weitere Verschiedenheiten folgen. Metallisten setzen an Bedürfnissen an und betrachten diese als universell. Die Wirtschaftswissenschaft übergreift daher verschiedene soziale Zusammenhänge. Die Chartalisten verbinden Geld und staatliche Ordnung und sehen entsprechend die Wirtschaftswissenschaft an spezifische historische Umstände gebunden. Daraus wird Reiss’ Auffassung erkennbar, dass wirtschaftswissenschaftliche Denkansätze großformatige Zusammenhänge darstellen und Teil von Weltbildern sind.
Diese Denkansätze haben insbesondere Auswirkungen darauf, welche Daten als relevant für ein Problem betrachtet werden und welche Daten die Annahme einer Hypothese als Antwort auf das Problem rechtfertigen. Wegen dieser Auswirkungen von Weltbildern darauf, was als empirische Stützung zählt, lassen sich solche Weltbilder nicht einfach gegeneinander testen. Und da ihre Bestandteile miteinander verwoben sind, lassen sich auch nicht einzelne Elemente gegeneinander austauschen. In der Wirtschaftswissenschaft herrscht daher eine Multiplizität von holistischen Weltbildern, die miteinander im Wettstreit stehen. Weil Ökonomen voneinander abweichende Weltbilder akzeptieren, ist Kommunikation und wissenschaftlicher Fortschritt schwierig. Die Weltbildgebundenheit hat daher praktische Konsequenzen, etwa in der Politikberatung.
Reiss beschreibt das Phänomen der intradisziplinären Vielfalt. In den Wirtschaftswissenschaften konkurrieren unterschiedliche Denkansätze, die wegen ihrer methodischen und inhaltlichen Divergenzen nur schwer miteinander vergleichbar gemacht und gegeneinander geprüft werden können. Denkschulen bleiben entsprechend relativ isoliert voneinander; sie sind gegen Alternativen abgeschottet. Und sie können dies auch tun, ohne begriffliche und empirische Einwände dogmatisch abzuweisen. Die Relevanz und Berechtigung solcher Einwände ist nämlich nicht schulenübergreifend klar. Tatsächlich ist dies ein Muster, das sich in mehreren sozialwissenschaftlichen Bereichen findet: Mehrere Großtheorien prägen das Feld und ignorieren einander nach Kräften. Beispiele sind die Systemtheorie, die Kritische Theorie, die Rational Choice Theorie oder die Akteur-Netzwerk-Theorie. Diese Vielfalt wird heute gern als Pluralität von Paradigmen bezeichnet, obwohl der Kuhn’sche Begriff des Paradigmas eine Monopolstellung einschloss. Der Grund ist die umfassende, weltbildprägende Rolle solcher Großtheorien.
Den Abschluss des sozialwissenschaftlichen Themenblocks bildet Uljana Feests (Leibniz Universität Hannover) Kapitel zu „Einheit und Vielheit in der Psychologie: Methodenpluralismus und die Epistemologie des Einzelnen“. Sie weist zunächst darauf hin, dass methodische Unterschiede und disziplinäre Grenzen nicht zusammenfallen. Es gibt eine Methodenvielfalt innerhalb einzelner Disziplinen und methodische Ähnlichkeiten zwischen verschiedenen Disziplinen. Dies zeigt sich besonders an der Psychologie, die herkömmlich gern durch eine einheitliche Vorgehensweise beschrieben wird, traditionell etwa durch Introspektion statt durch Generalisierung oder durch den Rückgriff auf „funktionale“ mentale Zustände, die durch Einbindung in ein Beziehungsnetz anderer mentaler Zustände charakterisiert sind. Tatsächlich ist die Psychologie jedoch von großer methodischer Heterogenität, und die Gemeinsamkeit psychologischer Forschung liegt in ihren Gegenständen, nämlich der Zuschreibung allgemeiner Eigenschaften zu individuellen Organismen.
Feest sieht also den individuellen psychophysischen Organismus als die Analyseebene, auf der die Psychologie ihre Forschungsgegenstände individuiert. Sie argumentiert, dass diese Gegenstände (z.B. Persönlichkeit, soziale Kognition oder Wahrnehmung) dennoch unter einem verallgemeinernden Gesichtspunkt untersucht werden können. Eine Konsequenz der These, dass Forschungsgegenstände auf der Ebene des psychophysischen Organismus individuiert werden, ist, dass sie sich nicht auf einzelne psychologische Eigenschaften reduzieren lassen, sondern sich aus verschiedenen Eigenschaften zusammensetzen: kognitiven (mechanistisch-repräsentationalen), phänomenalen (Erlebnisqualitäten) und behavioralen (also auf das Verhalten bezogenen). Feests Beispiel ist das räumliche Gedächtnis, das auf einem kognitiven Mechanismus beruht, auf eine bestimmte Art phänomenal erlebt wird und sich in bestimmten Verhaltensweisen äußert.
Weil sich psychologische Forschungsgegenstände aus einer Mehrzahl allgemeiner Eigenschaften zusammensetzen, ist auch die Anwendung einer Mehrzahl von Methoden erforderlich: Die Psychologie verlangt entsprechend einen Methodenpluralismus. Weil die relevanten Eigenschaften allgemein und überpersönlich sind, bleibt das Forschungsinteresse personenübergreifend. Zugleich sind solche Eigenschaften individuell variabel ausgeprägt und wirken unter Umständen auf individuell variable Weise zusammen. Feest unterscheidet dementsprechend zwischen einem synchronen und einem diachronen Methodenpluralismus. Die Notwendigkeit eines synchronen Methodenpluralismus ergibt sich aus der Tatsache, dass sich psychologische Gegenstände aus einer Mehrzahl allgemeiner Eigenschaften zusammensetzen. Das Erfordernis eines diachronen Methodenpluralismus entsteht daraus, dass konkrete Personen jeweils spezifische Entwicklungsgeschichten durchlaufen und Pfadabhängigkeiten in ihrer künftigen Entwicklung zeigen. Wenn also konkrete Einzelfälle in den Blick treten, müssen Entwicklungsmuster berücksichtigt werden, was seinerseits den Einbezug historischer Methoden verlangt.
Diese Überlegungen sind für Feest verallgemeinerbar auf Disziplinen, die mit ähnlich facettenreichen und historischen Gegenständen zu tun haben. Die Autorin argumentiert, dass die Psychologie keinen Sonderfall innerhalb der wissenschaftlichen Fächer darstellt, sondern beispielhaft für Disziplinen steht, die von einem methodischen Pluralismus profitieren.
Der Themenblock zum Verhältnis von Geistes- und Naturwissenschaften wird von Mathias Frisch (Leibniz Universität Hannover) mit dem Aufsatz „(Klima-)Modelle, Storylines und Narrative: Methodenvielfalt in der Physik“ eröffnet. Er analysiert am Beispiel der Klimawissenschaften die Bedeutung und Rolle von Narrativen und narrativen Erklärungen. Diese wurden für die Geschichtswissenschaft entwickelt und als Nachvollzug historischer Prozesse verstanden. Bei diesen Erklärungen geht es nicht um Subsumtion unter allgemeine Gesetze, sondern um die Rekonstruktion besonderer Verflechtungen in ihrer zeitlichen Entfaltung, welche ein individuelles historisches Ereignis hervorgebracht haben.
Frisch arbeitet heraus, dass diese Art von narrativer Erklärung auch für Entwicklungsprozesse in den physikalischen Wissenschaften herangezogen wird. In der wissenschaftsphilosophischen Rekonstruktion wird dabei der sog. „Storylines-Ansatz“ verfolgt, dem zufolge plausible zeitliche Entwicklungen eines physikalischen Systems in Abhängigkeit von angenommenen Anfangsbedingungen Erklärungen zu liefern vermögen. Wenn die zugehörigen mathematischen Ansätze zu komplex sind und zu viele kontingente Umstände einschließen (wie bei Klimamodellen), dann wird das kausale Prozessverstehen durch selbstständige Narrative ermöglicht und vermittelt. In den Klimawissenschaften sind diese Narrative entsprechend nicht eng mit den Klimamodellen verkoppelt. Eine Storyline entwickelt aus einem kausalen Prozessverstehen eine plausible Fortführung der physikalischen Trajektorie des Klimasystems. Dieser Denkansatz bietet eine vielversprechende Grundlage für Erfassung historischer Ereignisverkettungen, auch wenn die Abhängigkeit von den relevanten Anfangs- und Randbedingungen in der Geschichte stärker ausgeprägt sein dürfte als in physikalischen Zusammenhängen.
Narrative Erklärungen wurden ursprünglich konzipiert, um die historischen Wissenschaften von den physikalischen abzugrenzen und sie diesen entgegenzusetzen. In Frischs Rekonstruktion ermöglichen Narrative gerade umgekehrt den methodologischen Brückenschlag zwischen beiden. Frischs These ist also, dass die physikalischen Wissenschaften durch den Einschluss von Computersimulationen eine größere methodische Vielfalt angenommen haben als zuvor gedacht und dass durch diese Erweiterung eine größere methodische Einheit von physikalischen und historischen Wissenschaften erreicht wird.
Allgemeiner gesprochen zeigt Frisch, dass die Entwicklung der Physik neue Erklärungsansätze und -muster zum Tragen bringt, die Parallelen in der Geschichtswissenschaft haben. Dadurch erzeugt diese disziplinäre Entwicklung unbeabsichtigt interdisziplinäre Anknüpfungspunkte. Die Physik ist methodisch heterogener als vielfach angenommen und erreicht gerade dadurch eine stärkere methodische Einheit von Natur- und Geisteswissenschaften. Frisch arbeitet damit ein eigenes Muster methodischer Einheit heraus. Eine Disziplin entwickelt ein breiteres Methodenspektrum, das über die bisherigen Methoden hinausgeht und dadurch methodische Brücken zu anderen Disziplinen schlägt.
Chrysostomos Mantzavinos (Universität Athen) verteidigt in seinem Beitrag zu „Erklären und Interpretieren“ die methodische Einheit von Natur- und Geisteswissenschaften. Das generelle methodische Problem der Geisteswissenschaften sieht er darin, wie mit sinnhaftem Material umzugehen ist. Menschliches Handeln und seine Produkte haben Bedeutung und werden durch das Entschlüsseln dieser Bedeutung verstanden. Während die zentrale Erkenntnisaktivität in den Naturwissenschaften in der Angabe von Erklärungen besteht, also in Antworten auf „Warum-Fragen“, ist die wichtigste epistemische Herausforderung in den Geisteswissenschaften die Angabe von Interpretationen, also Feststellungen der Art, was der Fall ist oder war. Die wesentliche These des Kapitels besteht dann darin, dass Erklärungen und Interpretationen nach den gleichen Maßstäben der intersubjektiven Nachvollziehbarkeit, empirischen Überprüfbarkeit und Rationalität der Argumentation beurteilt werden. Entsprechend besteht kein methodischer Gegensatz zwischen Natur- und Geisteswissenschaften.
Allgemein gesprochen ist der erste Schritt sowohl einer Interpretation als auch einer Erklärung die Angabe einer Repräsentationsbeziehung, also die Verknüpfung zwischen einem Repräsentationsobjekt und dem Träger der Repräsentation. Neben die Regeln, die den Prozess des Repräsentierens anleiten, treten Regeln für die Herstellung von Inferenzbeziehungen, welche Repräsentationen miteinander verbinden, sowie Anwendungsregeln, die den Geltungsbereich von Repräsentationen bestimmen.
Für Mantzavinos besteht die Arbeit der Geisteswissenschaften darin, durch Interpretieren die Beziehung zwischen dem Träger der Repräsentation und dem Repräsentationsobjekt zu entschlüsseln. Diese Aktivität ist wegen der Sinnhaftigkeit des Materials viel umständlicher als in den empirischen Wissenschaften. In Mantzavinos’ Beispiel des archäologisch identifizierten antiken Antikythera-Mechanismus besteht die Herausforderung darin, den Repräsentationsträger zu rekonstruieren, nämlich das Gerät, dessen Überreste vom Meeresboden geborgen werden konnten, und das Repräsentationsobjekt, nämlich Aufgabe und Funktion des Geräts. Träger und Objekt sind dann in eine genaue und empirisch gestützte Verbindung zu bringen. Bei der Textinterpretation ist der Text Repräsentationsträger und der dargestellte Sachverhalt das Repräsentationsobjekt. Durch die Verknüpfung von Träger und Objekt wird der Sinnzusammenhang eines Textes erschlossen.
Ansprüche wie empirische Genauigkeit, Konsistenz, Kohärenz, Einfachheit oder Fruchtbarkeit zeigen die Erkenntnisqualität einer Interpretation an. Mantzavinos plädiert für die Anerkennung einer Pluralität solcher Bewertungsmaßstäbe, in deren Licht eine gegebene Interpretation entsprechend unterschiedlich abschneiden kann. Bei Natur- und Geisteswissenschaften gleichermaßen ist die Voraussetzung erfolgreicher wissenschaftlicher Arbeit die Angabe von schlüssigen Argumenten und nachvollziehbaren Urteilen sowie der Ausbau von Institutionen, die die Möglichkeit der Kritik zulassen.
Während Mantzavinos die Gemeinsamkeiten von Natur- und Geisteswissenschaften hervorhebt, akzentuiert Martin Carrier (Universität Bielefeld) in seinem Beitrag „Was ist besonders an den Geisteswissenschaften? Geistes- und Naturwissenschaften im Methodenvergleich“ die Unterschiede zwischen beiden. Dabei gesteht er übergreifende Gemeinsamkeiten zu und hält mit Mantzavinos an der Verpflichtung der Geisteswissenschaften auf Intersubjektivität und empirische Prüfung fest. Allerdings untersucht er spezifischere methodische Aspekte, die als abgrenzende Merkmale von Natur- und Geisteswissenschaften vorgeschlagen wurden. Dazu zählt der Unterschied zwischen dem Idiographischen und dem Nomothetischen, das Auftreten des hermeneutischen Zirkels, die Differenz zwischen Erklären und Verstehen und den Perspektivismus in den Geisteswissenschaften. Carrier schließt, dass allein die stark vergrößerte Tragweite von Perspektiven ein Abgrenzungsmerkmal der Geisteswissenschaften bilden könnte. In diesen ist nämlich stets eine Mehrzahl von verschiedenen Blickrichtungen auf historisches Geschehen und kulturelle Äußerungen verfügbar. Zum Beispiel produzieren der kontemporäre oder alternativ der retrospektive Blick auf geschichtliche Entwicklungen unter Umständen verschiedenartige und unverträgliche Narrative. Der Unterschied beider Perspektiven entsteht durch die Bewegung der Interpreten durch die Zeit. Darüber hinaus eröffnen unterschiedliche kulturelle Prägungen einen jeweils anderen Blick auf menschengemachte Gegenstände. Man kann sich Literatur und Kunst oftmals aus der Sicht eines ethnischen Hintergrunds nähern, aus einer sozialen Stellung oder der Geschlechtszugehörigkeit. Durch die Relevanz einer Mehrzahl von Perspektiven und die Möglichkeit des schnellen Wechsels zwischen ihnen gewinnt geisteswissenschaftliche Erkenntnis einen markanten relationalen Charakter. Der Autor schlägt dies als ein Spezifikum der Geisteswissenschaften vor.
Aus der Perspektive der Öffentlichkeit, der Bürger und Bürgerinnen, beschreibt der Beitrag von Bernd Blöbaum (Universität Münster) „Öffentliches Vertrauen in Wissenschaft. Einheit auf Basis von Vielfalt?“, wie es um das Vertrauen in Wissenschaft bestellt ist. Wissenschaft, so der Autor, agiert heute (auch) auf einem öffentlichen Marktplatz und ist, u.a. um sich gesellschaftlich zu legitimieren, auf das Vertrauen von wissenschaftlichen Laien, dem Publikum, angewiesen. Dargestellt wird, welche Erwartungen an Wissenschaft herangetragen werden und wie sich wissenschaftliche Institutionen und Akteure zunehmend gegenüber ihrer sozialen Umwelt öffnen. Die Wissenschaftspopularisierung folgt dabei oft einer Medienlogik zur Generierung von Aufmerksamkeit. Hingewiesen wird auf mögliche dysfunktionale Effekte dieser Entwicklung für das Wissenschaftssystem. Daten aus Bevölkerungsumfragen belegen ein sehr hohes Vertrauen in Wissenschaft allgemein, in wissenschaftliche Einrichtungen (wie Hochschulen) und in Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, das über die Jahre auch recht stabil ist. Obwohl wissenschaftliche Laien kaum die Qualität wissenschaftlicher Forschung einschätzen können, vertrauen sie wissenschaftlichen Erkenntnissen in hohem Maße. Eine Erklärung dafür ist, so wird argumentiert, dass Wissenschaft überprüfbare und begründete Erkenntnisse hervorbringt sowie weniger von Partikularinteressen beeinflusst ist, als andere gesellschaftliche Felder wie Politik und Wirtschaft. Wissenschaft und ihren Akteuren werden mit Expertise, Integrität und Wohlwollen jene Faktoren stark zugeschrieben, die Vertrauenswürdigkeit begründen. Umfragen liefern ebenfalls Hinweise auf Gründe für Wissenschaftsskepsis. Es sind weniger Fehler, die Misstrauen gegenüber Wissenschaft schüren, als vielmehr der Verdacht, in der Forschung sich nicht primär von wissenschaftlichen, sondern von wirtschaftlichen oder politischen Interessen leiten zu lassen. Blöbaum beschreibt die Zweischneidigkeit der Entwicklung: Einerseits öffnet zunehmend professionalisierte Wissenschaftskommunikation die Black Box Wissenschaft gegenüber der breiten Öffentlichkeit. Andererseits unterwirft sich Wissenschaft damit auch einer Medienlogik der Generierung von Aufmerksamkeit, die kontraproduktiv werden kann, wenn wissenschaftliche Analysen in politische Auseinandersetzungen geraten und als Konflikte geframt werden. In einer von Medienlogik konstituierten Öffentlichkeit repräsentieren Forscherinnen und Forscher Wissenschaft als Einheit; was sie öffentlich sagen, wird der Wissenschaft insgesamt zugeschrieben, obwohl die Expertise in einem spezialisierten Fachwissen gründet. Die Doppelrolle, auf der Basis fachlichen Wissens zugleich die Einheit wie Vielfalt von Wissenschaft zum Ausdruck zu bringen, wird als „Gratwanderung“ charakterisiert, bei der Fehltritte der fachlichen Reputation ebenso schaden wie dem Ansehen von Wissenschaft insgesamt.
Stephen John (2018) vertritt prominent die These, dass das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Wissenschaft nicht auf der Kenntnis und Würdigung der wissenschaftlichen Methoden beruht. In der Öffentlichkeit herrschen nämlich oftmals grundfalsche Vorstellungen zum Vorgehen und zu den Schlussweisen in der Wissenschaft vor, und die vermehrte Aufklärung über die tatsächlich angewandten Methoden ist geeignet, das Vertrauen der Öffentlichkeit in wissenschaftliche Ergebnisse zu untergraben. Transparenz und Offenheit sind keine Mittel zur Steigerung des Vertrauens in die Wissenschaft. Die Gegenposition zu Johns Empfehlung einer strategischen Wissenschaftskommunikation lautet, dass gerade die offene Vermittlung der Tragfähigkeit der wissenschaftlichen Methode, also das Nachvollziehen durchdachter Gegenproben und der Raffinesse mancher Experimente, die Vertrauenswürdigkeit der Wissenschaft zu erhöhen vermag. Diese Offenheit schließt dann die Anerkennung der Grenzen des wissenschaftlichen Zugriffs ein. Die Rolle der wissenschaftlichen Methoden in der Wissenschaftskommunikation ist also noch weiterer Klärung bedürftig.
3. Fazit
Wie einleitend dargestellt, kann sich die Einheit oder Vielfalt der Wissenschaften in einer von drei Hinsichten ausdrücken, der Sprache, dem Lehrgebäude oder der Methode. In diesem Band steht die Frage der methodischen Einheit oder Vielfalt im Vordergrund. Diese stellt sich als komplexer heraus als vielleicht vermutet. Auch wenn man Methoden in angemessener Vergröberung als allgemeine Verfahren des Erklärens und Prüfens versteht, also die methodischen Details außer Betracht lässt, ist die vielleicht überraschende Erkenntnis, dass auch innerhalb von Disziplinen eine methodische Vielfalt herrscht, die in einer ähnlichen Größenordnung wie diejenige zwischen Disziplinen liegt. Komplementär zeigt sich ein ebenfalls überraschendes Maß an methodischer Homogenität. So wird in allen Bereichen Intersubjektivität und empirische Prüfung angestrebt, und scheinbare Sonderfälle wie narrative Erklärungen erweisen sich wider Erwarten als anschlussfähig an andere Disziplinen.
Das Auftreten narrativer Elemente in den physikalischen Wissenschaften verkoppelt Wissenschaftsbereiche, die in vielen herkömmlichen Denkansätzen getrennt sind. Einerseits werden vielfach die Natur- und Sozialwissenschaften als empirisch-verallgemeinernde Ansätze, als Sciences, den Humanities gegenübergestellt. Andererseits schließt das hermeneutische Verständnis die Sozialwissenschaften an die Geisteswissenschaften an und trennt sie von den Naturwissenschaften. Die genannten methodischen Besonderheiten überspannen beide dieser disziplinären Gräben.
Ein weiteres Ergebnis ist, dass fruchtbare interdisziplinäre Zusammenarbeit nicht auf die Ausarbeitung eines geteilten Methodenspektrums angewiesen ist. Die Verkopplung von Disziplinen kann über gemeinsame Fragestellungen und gemeinsam als relevant eingestufte Ergebnisse erfolgen. Eine Wissenschaft bringt einer anderen wohlwollendes methodisches Desinteresse entgegen und nutzt deren Resultate für die eigenen Erkenntnisanliegen. Methodenreflexion ist daher kein notwendiger Teil interdisziplinärer Zusammenarbeit. Umgekehrt ist eine gemeinsame Fragestellung, für die die unterschiedlichen Beiträge als relevant eingestuft werden, unerlässlich.
Die hier versammelte Diskussion um Trennendes und Verbindendes in der Wissenschaft soll auch zu einem selbstbewussten Verständnis von Wissenschaft beitragen. Sie fällt in eine Zeit, in der sich Wissenschaft intern durch fortlaufende disziplinäre Differenzierung verändert, in der wissenschaftliche Evidenzen einerseits mehr infrage gestellt werden als zuvor und wissenschaftliches Wissen andererseits wirtschaftlich, politisch und gesellschaftlich als Entscheidungsgrundlage stark nachgefragt ist.
Die Beiträge für dieses Buch gehen – mit einer Ausnahme – zurück auf eine Konferenz im Dezember 2023 am Alfried-Krupp-Wissenschaftskolleg Greifswald, zu der die Herausgeber eingeladen hatten. Die Vorträge für die Fachtagung am Krupp-Kolleg wurden für die Veröffentlichung überarbeitet und erweitert. Wir danken dem Greifswalder Wissenschaftskolleg für die Möglichkeit und Ressourcen, dort über Einheit und Vielfalt von Wissenschaften zu reflektieren. Unterstützung leisteten auch die Universitäten Bielefeld und Münster. Insbesondere ist jedoch den Autorinnen und Autoren zu danken, die ihre Gedanken zur Diskussion gestellt, bearbeitet und für die Publikation bereitgestellt haben.
Literatur
Bishop, Robert (2007) The Philosophy of the Social Sciences. An Introduction. London: Continuum.
Carnap, Rudolf (1931) Die physikalische Sprache als Universalsprache der Wissenschaft, Erkenntnis 2: 432–465.
Habermas, Jürgen (1969) Gegen einen positivistisch halbierten Rationalismus. In: Theodor W. Adorno et al. (eds.), Der Positivismusstreit in der deutschen Soziologie. Darmstadt: Hermann Luchterhand, 235–266.
Hempel, Carl G. (1942) The Function of General Laws in History. The Journal of Philosophy 39: 35–48.
Hempel, Carl G. und Paul Oppenheim (1948) Studies in the Logic of Explanation. Philosophy of Science 15: 135–175.
John, Stephen (2018) Epistemic Trust and the Ethics of Science Communication: Against Transparency, Openness, Sincerity and Honesty. Social Epistemology 32: 75–87.
Kitcher, Philip (1981) Explanatory Unification. Philosophy of Science 48: 507–531.
Oppenheim, Paul und Hilary Putnam (1958) Unity of Science as a Working Hypothesis. In: Herbert Feigl et al. (eds), Concepts, Theories and the Mind-Body Problem. Minneapolis Minn.: University of Minnesota Press, 3–35.
Popper, Karl R. (1969) Die Logik der Sozialwissenschaften. In: Theodor W. Adorno et al. (eds.), Der Positivismusstreit in der deutschen Soziologie, Darmstadt: Hermann Luchterhand, 103–123.