Monika Rinck, *1969 in Zweibrücken, lebt in Berlin, Studium der Religionswissenschaft, Geschichte und Vergleichenden Literaturwissenschaft in Bochum, Berlin und Yale. Neben Prosaarbeiten wurden ihre Gedichte in zahlreichen Zeitschriften veröffentlicht. Im Sommer 2001 Teilnahme an der Plakataktion »Literaturhäuser bringen Poesie in die Stadt«, 2003 Stipendiatin der Stiftung Niedersachsen Lyrik. »Monika Rincks Gedichte […] erinnern an Reportagen, die von seltsamen, brechenden Wirklichkeiten berichten. […] Rincks Texte haben, so voller Witz sie sein mögen, immer etwas verflixt Verstörendes, als lungere der Wahnsinn an der nächsten Ecke.« (Tom Dorow, junge Welt)1
So das Biogramm aus der Anthologie Lyrik von Jetzt aus dem Jahre 2003, in der Monika Rinck vor der Publikation ihres ersten Gedichtbandes von den beiden Herausgebern Björn Kuhligk und Jan Wagner einer breiteren, lyrikinteressierten Öffentlichkeit vorgestellt wird. In der Anthologie ist sie wie alle Anthologisierten mit vier Gedichten vertreten: shopping mit melanie klein, park, sommer: das herz dieser stadt und Schwedenschanze Gentlemen I.2 An diesen Gedichten zeigen sich bereits zentrale Merkmale von Rincks Lyrik: ihr Witz,3 ihre Sprunghaftigkeit,4 eine Nähe zum Essayistischen5 wie auch eine Lust an der Wiederholung.6 Mittlerweile gehört Rincks lyrisches Werk zu den am meisten beachteten der letzten zwanzig Jahre. Wiewohl Rinck auch als erfolgreiche Essayistin, Übersetzerin und Herausgeberin hervorgetreten ist – auch viele kollaborative Publikationsprojekte verfolgt hat und verfolgt –, so ist es doch spätestens mit dem Band Honigprotokolle die Lyrik, die die meiste öffentliche Aufmerksamkeit hervorgerufen hat. Zu den mittlerweile 31 Preisen und Stipendien, die Rinck zuerkannt wurden, zählen etwa der Ernst-Jandl- oder der Friedrich-Hölderlin-Preis; den Peter-Huchel-Preis erhält Rinck explizit für die Honigprotokolle.
Stand 2025 kann Rinck auf ein reiches und vielfältiges lyrisches Schaffen zurückblicken: Nach dem Debütband Verzückte Distanzen (2004) – noch bei Zu Klampen erschienen – folgen bisher fünf Bände im Berliner kookbooks-Verlag, jeweils mit auffälliger Buchgestaltung: zum fernbleiben der umarmung (2007), HELLE VERWIRRUNG (2009), Honigprotokolle (2012), ALLE TÜREN (2018) und HÖLLENFAHRT & ENTENSTAAT (2024). Dazu kommt ein umfangreiches essayistisches Werk, das sich bisweilen wie ein erweiterter Kommentar zu ihren Gedichten liest7 und dessen Abgrenzung zur Lyrik nicht immer eindeutig ist.8
Der vorliegende Band möchte einen Einblick in dieses Werk geben, indem die Beitragenden ausgewählte Gedichte aus Rincks lyrischem Schaffen vorstellen, erläutern und im Publikationskontext und Werkzusammenhang verorten. Gleichzeitig zeigen die Beiträge im Querschnitt, dass Rincks Werk nur durch Beobachtung unterschiedlicher Dimensionen wie Intertextualität oder Kulturkritik, aber auch metrischer und stilistischer Analyse erschlossen werden kann. So soll ein vorläufiger Überblick über Rincks bisheriges Gedichtschaffen gegeben werden, das trotz einiger wichtiger Beiträge9 literaturwissenschaftlich noch weiter erforscht zu werden verdient. Unser herzlicher Dank gilt Chiara Haymoz, Carina Lauster, Johanna Linnemann, Fabio Portmann, Alina Rolland und Laura Tekla, die uns bei der Einrichtung des Bandes in vielfältiger Weise unterstützt haben.
Bielefeld und Fribourg im Oktober 2025
Claudia Hillebrandt und Ralph Müller
Björn Kuhligk, Jan Wagner (Hg.): Lyrik von Jetzt. 74 Stimmen. Mit einem Vorwort von Gerhard Falkner, Köln 2003, 381 (Auslassungen im Original).
Vgl. ebd. 22–25.
Vgl. Pola Groß: Gegenwart und Gesellschaft. Zur »Heiterkeit des Denkens« in Monika Rincks Honigprotokollen. In: Nathan Taylor, Nicolas von Passavant (Hg.): Monika Rinck. Poesie und Gegenwart, Berlin 2023, 95–112.
Vgl. Christian Metz: Diffraktive Poetologie. Monika Rincks Poetik des Sprungs. Eine Lektüre. In: Zeitschrift für Germanistik 28/2 (2018), 247–260.
Vgl. Steffen Popp: Essayistische Zugangsweisen in der Lyrik Monika Rincks am Beispiel des Gedichts das gegenteil von verführung. In: Nathan Taylor, Nicolas von Passavant (Hg.): Monika Rinck (Anm. 3), 175–185.
Fabian Schwitter: Populationen – Zeit-Räume – Protokollieren. Ulf Stolterfoht – Oswald Egger – Monika Rinck. Über Varianten formaler Wiederholung in deutschsprachigen Gedichtbänden nach 2000, Bielefeld 2020, 219–314.
Abgesehen von zahlreichen Aufsätzen könnte man an dieser Stelle auf folgende umfangreichere Bände hinweisen: Monika Rinck: Risiko und Idiotie. Streitschriften, Frankfurt/M. 2015; dies., Daniela Seel (Hg.): Champagner für die Pferde. Ein Lesebuch, Frankfurt/M. 2019; Monika Rinck: Wirksame Fiktionen, Göttingen 2019.
Insbesondere bei den kurzen Texten in Rincks Ding- und Tierleben, die gemeinsam mit dem Gedichtband HELLE VERWIRRUNG im Kartonschuber erschienen sind, dürften manche Lyrikdefinitionen herausgefordert sein, vgl. Monika Rinck: Rincks Ding- & Tierleben. Texte & Zeichnungen, Idstein 2009 und Monika Rinck: HELLE VERWIRRUNG. Gedichte, Idstein 2009. Wir haben uns pragmatisch entschieden, hier lediglich diejenigen Bände einzubeziehen, die von Rinck explizit mit dem Untertitel »Gedichte« publiziert worden sind.
Neben den oben genannten sind v. a. anzuführen der anlässlich von Rincks Frankfurter Poetikvorlesungen von Nathan Taylor und Nicolas von Passavant herausgegebene Band Monika Rinck. Poesie und Gegenwart, Berlin 2023 sowie die Ausführungen zu Rincks Poetik in Christian Metz: Poetisch denken. Die Lyrik der Gegenwart, Frankfurt/M. 2018, 73–156.