»Ich muss hinunter in die Dialekte / steigen«1, heiÃt es in Marcel Beyers Gedicht Ich muss aus dem Band Graphit (2014). Der Vers lässt sich als ein poetischer Imperativ begreifen: zum einen buchstäblich, insofern Beyer in seiner Lyrik wie ein Spracharchäologe in die semantische Tiefe der Wörter bohrt und Begriffe auf ihren Verweisungshorizont hin überprüft; und zum anderen im übertragenen, d. h. metaphorischen Sinne, insofern sie stellvertretend stehen für die deutsche Geschichte und namentlich Nationalsozialismus und Krieg, die als Resonanzwellen im Gegenwartsraum seiner Gedichte nachklingen. So rühmte Ernst Osterkamp schon im Jahr 1997, dass »man [â¦] schwerlich in der Gegenwartsliteratur einen Autor finden [wird], der den Verheerungen, die die Jahre 1933 bis 1945 in den deutschen Gemütern hinterlassen haben, mit solcher Sensibilität und Beharrlichkeit nachgeht wie der zwanzig Jahre nach Kriegsende geborene Marcel Beyer«2 â ein Urteil, dessen Berechtigung Beyer in der Folge immer wieder, Werk für Werk bestätigt hat.
Beyers Lyrik steht mit dieser Poetologie in der Tradition des früh verstorbenen Thomas Kling, dessen Werke er mitherausgegeben hat: Wie Kling ist der 1965 geborene, im Rheinland aufgewachsene und seit 1996 in Dresden lebenden Beyer ein Sprachforscher, der die Worte als Material nutzt, um Geschichte sichtbar zu machen, und andersherum Geschichte über die Worte sichtbar macht. Das ist einerseits häufig sehr konkret und gegenwärtig, wie in dem Gedicht Mooshammer, das den legendären Münchner Modedesigner zusammen mit seinem Hund ins Bild bringt: »Moshammer. Ein Wort wie Baggerblut. / Der Name flöÃt Vertrauen ein. / So möchte man heiÃen. Doch du / heiÃt Daisy und läÃt dich leicht durch // einen milden Münchner Abend tragen.« Andererseits reflektiert er dabei stets die Textur selbst, der Titel âºGraphit⹠überschreibt den Band ja bereits mit einer Reflexion des Schreibmaterials. Und häufig geht beides zusammen, etwa intertextuell aufgeladen wie in An die Vermummten, das Georg Trakls expressionistisches Textgemälde An die Verstummten in Rhythmus und Form aufnimmt, aber mit Gegenwartsbezügen überschreibt, indem er die Tötung des Terroristen Osama Bin Laden mit der Erscheinung des Salzburger Dichters überblendet, der hier als Slim Shady vom Waagplatz zudem mit zeitgenössischer Popkultur in Verbindung gebracht wird â unwegsamer könnte ein Sprachgelände kaum sein, in den überraschenden Assoziationen gibt es keine geraden Wege, aber gerade die Umwege sind hier erkenntnistreibend.
Bis heute hat Beyer â nach zwei Veröffentlichungen in Kleinstauflagen â vier Gedichtbände vorgelegt, in denen sich dieses Programm in unterschiedlichen Gewichtungen umgesetzt zeigt: Seinen Eintritt ins lyrische Feld markierte 1997 der von der Kritik hochgelobte Band Falsches Futter. Jörg Drews etwa, der Bielefelder Doyen der Arno Schmidt-Forschung und engagierte Kämpfer für experimentelle Literatur, situierte Beyer in der Nachbarschaft von Kling und Durs Grünbein â das eine von heute aus nachvollziehbarer als das andere â und widmete sich von dieser Situierung aus den Klangqualitäten von Beyers Lyrik, die ein »die lyrische Anstrengung eigentliches scheuendes Parlando« ebenso vermeide wie »ein Revival konventioneller Verse«3, indem Beyer Zeilenlängen und Syntax gegeneinander arbeiten lasse. 2002 folgte dann der Band Erdkunde, in dem die Zusammenhänge zwischen den Zeiten durch ein Arrangement von Sprachfetzen, Gesten und Dingen lyrisch sichtbar werden. Heinrich Detering wiederum erblickte in den Gedichten ein doppelt codiertes Sprachgelände, in dem sich »geschichtliche Bewegung und Stillstand der Dinge, Erzählung und Meditation«4 die Waage halten. Graphit, erst ein gutes Jahrzehnt später vorgelegt (2014), wurde dann allgemein als Meisterwerk gefeiert, das das lyrische Verhältnis von Abstraktion und Konkretheit mustergültig ausbalanciere. Poesie erscheine dort, so lässt sich der Chor der Kritiker mit einem Vers Klings zusammenfassen (den Beyer im Titelgedicht ohne Auflösung der Autorschaft aufgreift), als »schrift, die durch einen schneesturm watet«5. Demgemäà verbindet sie Sprach- mit Gegenwarts- und Geschichtsreflexion. »Ich räume / auf vor meinem inneren Augen«6, ist dann programmatisch das Gedicht Die Bunkerkönigin aus dem bislang letzten Gedichtband Dämonenräumdienst überschrieben (2020). Schreibend hält dort der Dichter die Dämonen im Zaum, vermisst die Bedeutungsfelder der Sprache und ihrer historischen Tiefendimensionen und agiert dabei, mit einem anderen Text des Buches formuliert, »als Reh im Innendienst.«7 Auch dieser Band wurde von der Literaturkritik einhellig gefeiert, als literarisches Dokument auf der Höhe unserer Gegenwart, komplex und klar zugleich. Diese Faktur, urteilt etwa der Deutschlandfunk, »macht Beyers verwegene, in einer ganz eigenen lyrischen Sprache geschriebene Wortgebilde zu Ereignissen.«8
Die Auszeichnung mit dem Georg-Büchner-Preis (2016) hat sich Beyer folglich nicht nur mit seinen hochgradig geschichtsbewussten Romanen wie dem in viele Sprachen übersetzten Erfolgsroman Flughunde (1995) oder Kaltenburg (2008) verdient, nicht nur mit seinen Essays etwa über die monumentalen Bilder von Andreas Gursky, seine Spurensuche nach Putin (Putins Briefkasten. Acht Recherchen, 2008) oder generell (so der Titel des letzten groÃen Essaybandes von 2017) Das blindgeweinte Jahrhundert, sondern auch mit seiner Lyrik. Mehr noch: Auch wenn sie â wie die Lyrik allgemein â weniger marktgängig ist als die Prosa, so offenbart sich in ihr doch der charakteristische Kern seines Werkes: Der vielstellige poetische Ausdruck, der ja das âºWesenâ¹ lyrischer Modi ist, zeigt sich prädestiniert für eine Vermittlung zwischen Emphase und Gnosis, wie sie für Beyers Werkbiographie charakteristisch ist, d. h. für eine Haltung, die sich weder im »durchlöcherten Verhau«9 eines elitären Kunstverständnisses wegduckt, noch sich von der »dynamisierten Warenwelt«10 vereinnahmen lässt. Anders gesagt: Beyers Lyrik kennt die reichlich hochkulturelle Literaturgeschichte ebenso gut wie die Strukturen unserer Unterhaltungsindustrie, und anders als Adorno etwa schaut er nicht mit Verachtung auf sie herab, sondern nimmt sie in sein (nicht nur) lyrisches Kunstprogramm mit auf. Die Begründung der Büchnerpreis-Jury feiert ihn entsprechend mit guten Gründen dafür, dass »er das epische Panorama ebenso beherrscht wie die lyrische Mikroskopie und den zeitdiagnostischen Essay. Seine Texte widmen sich der Vergegenwärtigung deutscher Vergangenheit mit derselben präzisen Hingabe, mit der sie dem Sound der Jetztzeit nachspüren. Sie betreiben eine poetische Erdkunde, die immer auch Spracherkundung ist; kühn und zart, erkenntnisreich und unbestechlich, lassen sie die Welt zugleich wundersam bekannt und irisierend neu erscheinen.«11
Während Beyers Romane allerdings gut beforscht sind und er als Essayist eine Poetikdozentur für faktuales Erzählen innehatte (an der Universität Wuppertal, 2022), findet sich eine literaturwissenschaftliche Beschäftigung mit seiner Lyrik bislang eher punktuell. Die intensive Befassung der Literaturkritik mit dem lyrischen Werk kann der naturgemäà historisch nachgelagerten Wissenschaft indessen wichtige Impulse geben, die hier endlich aufzunehmen sind. Der vorliegend beschriebene Band will die lyrische Landschaft Beyers daher erstmalig umfassend kartieren, indem er eine Reihe von Einzelinterpretationen bietet, die alle Bände gleichermaÃen berücksichtigt, mit Studien, die exemplarisch Beyers Themen, ästhetische Verfahren und geschichtslyrische Perspektiven in den Blick nehmen. Die einzelnen Beiträge lassen sich entsprechend je für sich lesen, entwerfen über sich hinaus in ihrem Zusammenspiel aber zugleich ein Porträt des Autors als eines sehr zeitgenössischen Lyrikers.
Der Band schlieÃt in dieser Struktur und Zielrichtung an eine Reihe von Büchern an, die sich dem Werk von Peter Rühmkorf, Jan Wagner, Thomas Kling, Ulrike Draesner und Franz-Josef Czernin widmen und die auf diesem Weg eine kleine, aber wachsende Bibliothek der kommentierten Gegenwartslyrik eröffnen.
Wir danken der Kunststiftung NRW für die groÃzügige Finanzierung des Bandes, Arnold Kloninger gilt unser Dank für die Einrichtung des Manuskripts.
Bamberg und München im Dezember 2024
Christoph Jürgensen und Holger Pils
Marcel Beyer: Ich muss. In: ders.: Graphit, Berlin 2014, 99.
Ernst Osterkamp: Schneemanöver. Marcel Beyers Debüt als Lyriker. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.10.1997, B5.
Jörg Drews: Aschefeld und Projektil. Marcel Beyers erster Gedichtband: ein Ereignis. In: Süddeutsche Zeitung, 19./20.04.1997.
Heinrich Detering: Wo Fragen sich in Staub auflösen. Weltgeschichte hinter Märchenzauber: Marcel Beyer sieht aus Bienenaugen. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.03.2002, L7.
Marcel Beyer: Graphit. In: ders.: Graphit. Gedichte, Berlin 2014, 10.
Marcel Beyer: Die Bunkerkönigin. In: ders.: Dämonenräumdienst. Gedichte, Berlin 2020, 156.
Marcel Beyer: Bambi. In: ebd., 14.
Michael Opitz: Abgründige Gedichte ohne besserwisserische Vernünftigkeit. In: Deutschlandfunk, 17.08.2020, https://www.deutschlandfunk.de/marcel-beyer-daemonenraeumdienst-abgruendige-gedichte-ohne-100.html, abgerufen am 21.12.2024.
Hubert Winkels: Emphatiker und Gnostiker. Ãber eine Spaltung im deutschen Literaturbetrieb â und wozu sie gut ist. In: Die Zeit, 30.03.2006.
Ebd.
Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung: Georg-Büchner-Preis 2016. Urkundentext, https://www.deutscheakademie.de/de/auszeichnungen/georg-buechner-preis/marcel-beyer/urkundentext, abgerufen am 21.12.2024.