Eingestaubte und vom Verfall gezeichnete Tische, Stühle und ein Pult. Überreste des Bildes einer mit Solmisationssilben unterschriebenen Tonleiter an der Wand lassen vermuten, was in diesem Raum einer verlassenen Schule einst unterrichtet wurde: Musik. Die Fotografie, die den Einband dieses Buches ziert, kann man durchaus als schlechtes Vorzeichen interpretieren. Es steht nicht gut um das Lehren und Lernen von Musik an Schulen und Musikschulen. Kaum ein anderes Schulfach ist so sehr von Kürzungen betroffen und muss sich Legitimationsfragen stellen. Würde man Musikunterricht vermissen? Was ist das eigentlich, das man vermissen würde?
Auf letztere Frage gibt dieses Buch, das Beiträge einer internationalen und interdisziplinären Tagung am Hanse-Wissenschaftskolleg Delmenhorst zum Lehren und Lernen von Musik versammelt, Antworten. Es sind insbesondere Antworten auf Fragen der Philosophie der Musikpädagogik (vgl. Rolle 2018) bzw. der Philosophy of Music Education (vgl. Panaiotidi 2002; Gruhn 2005; Elliott 2012; Bowman & Frega 2012), die sich spätestens ab den 1960er Jahren an europäischen und nordamerikanischen Hochschulen und schließlich über sie hinaus (z. B. durch die International Society for Philosophy of Music Education (ISPME)) etabliert hat. Eher selten wurden diese Diskussionen wie im Kontext der Tagung im direkten Kontakt mit Vertreter:innen angrenzender Diskurse der Musik- oder Bildungs- und Erziehungsphilosophie geführt.
Eine lange Tradition in der Philosophie der Musikpädagogik haben Argumentationen für Ziele (z. B. Koopman 1997), Inhalte oder Gegenstände (z. B. Vogt 2003) oder Legitimierungen von institutionellem Musikunterricht (z. B. Heimonen 2006; Westerlund 2008). Eng verbunden damit war die kritische Prüfung von (ideologischen) Annahmen und Forderungen bezüglich von Musikunterricht oder musikalischer Bildung (z. B. Adorno 1956; Vogt 2004), aber auch die Klärung von Grundbegriffen der musikalischen Erfahrung (z. B. Kaiser 1992; Fossum & Varkøy 2012), der musikalischen Bildung (z. B. Rolle 1999), des Musikverstehens (z. B. Flämig 1998) oder des musikalischen Wissens (z. B. Elliott 1991; Swanwick 2002), die empirischen Untersuchungen oder didaktischen Konzeptionen musikpädagogischer Praxis als theoretische Grundlage dienen können.
Der größte Teil der Autor:innen dieses Bandes trägt zu dieser Tradition bei, auch wenn sie sich nicht explizit auf sie beziehen: Matthias Vogel begründet, warum man Musikmachen nur durch Musikmachen lernen kann. Josephine Geisler verteidigt die Möglichkeit einer Bildung durch Musik als Form eines affektiv-leiblichen Verstehens. In Hinblick auf ein Verstehen von Musik entwickelt Constanze Rora eine Theorie von Musikunterricht. Lukas Bugiel erörtert ein Verständnis guten (Musik-)Unterrichts und Benedikt Ruf eine kritische Position bezüglich von musikunterrichtlichen Kanones. Hinsichtlich der instrumentalmusikalischen und -pädagogischen Praxis elaboriert Wolfgang Lessing eine Erweiterung des Begriffs des musikbezogenen Übens. Timo Dresenkamp diskutiert die Lehr- und Lernbarkeit musikalischer Improvisation vor dem Hintergrund seiner Definition des Begriffs.
Innerhalb der akademischen Musikpädagogik dienten Philosophien oder philosophische Texte immer auch als Inspiration zu manchmal persönlichen, assoziativen Reflexionen des eigenen musikpädagogischen Handelns an Schulen und Musikhochschulen – eine aus wissenschaftlicher Perspektive vielleicht eher eigentümliche Textsorte, zugleich aber ein Spiegelbild der Rezeption von Philosophie innerhalb praktischer Erwägungen. In diesem Sinne experimentiert Christoph Khittl mit Lesarten der Philosophie Ludwig Wittgensteins in Richtung auf musikdidaktische Hochschullehre. Alban Peters zeigt, wie sich Philosophie und Musik im Unterricht in einen Dialog bringen lassen.
Die methodische und inhaltliche Heterogenität philosophischer oder auch nur philosophiebezogener Perspektiven auf das Lehren und Lernen von Musik, die auch die Beiträge dieses Bandes kennzeichnet, war schließlich vielfach Anlass der kritischen Auseinandersetzung mit dem Verständnis von musikpädagogischer Philosophie und musikpädagogischem Philosophieren (vgl. u.a. Alperson 1991; Bowman & Frega 2012b), das mitunter fernab der Orientierung an verbreiteten (fach-)philosophischen Forschungsstandards entstanden ist und entsteht. Dazu unterzieht Lars Oberhaus die im deutschen Diskurs wirkmächtige musikpädagogische Rezeption Hans Georg Gadamers Hermeneutik einer Kritik. Jürgen Vogt stellt eine Typologie der musikpädagogischen Philosophierezeption vor und blickt auf Deduktionsverhältnisse zwischen Philosophie als Bezugswissenschaft und akademischem musikpädagogischem Diskurs.
Es liegt in der Natur der Sache von Philosophie, dass die hier versammelten Beiträge keine letzten Antworten auf ihre Fragen geben können, sondern dazu geschrieben wurden, diskutiert und debattiert zu werden. Der Band versteht sich als eine Einladung dazu. Idealerweise zeigt er dabei nicht nur, was wir vermissen würden, wenn wir auf Musikunterricht verzichten müssten, sondern auch wie Kulturen des Nachdenkens über ihn dazu beitragen können, besser zu verstehen, welche Rolle das Lehren und Lernen von Musik für unsere Leben spielen kann.
Wir danken allen Autor:innen für ihre Beiträge, Alban Peters und Annika Ueffing für die Unterstützung bei der Einrichtung des Manuskriptes, den Reviewer:innen oder Tagungsteilnehmer:innen insbesondere Martina Benz, Hildegard Fröhlich, Oliver Kautny, Olivier Blanchard, Rebecca Rinsema, Christian Rolle, Markus Hirsch, Robert Kreitz, Andrew Kania und Krassimir Stojanov für die konstruktiven Diskussionen über die Vorträge oder entstandenen Texte, dem Hanse-Wissenschaftskolleg für die Förderung und vor allem Dorothe Poggel für die Hilfe bei der Organisation der Tagung. Wir wünschen allen Leser:innen eine anregende und erkenntnisreiche Lektüre.
Literatur
Adorno, Theodor W. (1980): Dissonanzen. In: Adorno, Theodor W., Gesammelte Schriften, Band 14 (S. 7–168). Suhrkamp.
Alperson, Philip (1991): What Should One Expect from a Philosophy of Music Education. Journal of Aesthetic Education 25/3, S. 215–242.
Bowman, Wayne & Frega, Ana L. (2012a)(Hrsg.): The Oxford Handbook of Philosophy in Music Education. Oxford University Press.
Bowman, Wayne & Frega, Ana L. (2012b): But Is It Philosophy? In: W. Bowman & A. L. Frega (Hrsg.), The Oxford Handbook of Philosophy in Music Education (S. 495–508). Oxford University Press.
Elliott, David J. (2012): Philosophy of Music Education. In: G. McPherson & G. F. Welch (Hrsg.), The Oxford Handbook of Music Education (S. 63–86.). Oxford University Press.
Elliott, David J. (1991): Music as knowledge. The Journal of Aesthetic Education 25/3, Special Issue: Philosophy of Music and Music Education, S. 21–40.
Flämig, Matthias (1998): Verstehen – Hören – Handeln. Destruktion und Rekonstruktion der Begriffe. Wißner.
Fossum, Hanne & Varkøy, Øivind (2012): The changing concept of aesthetic experience in music education. Nordic Research in Music Education. Yearbook 14, S. 9–25.
Gruhn, Wilfried (2005): Philosophy of Music Education. In: S. Helms, R. Schneider & R. Weber (Hrsg.), Lexikon der Musikpädagogik (S. 201–204). Bosse.
Heimonen, Marja (2006): Justifying the Right to Music Education. Philosophy of Music Education Review, 14/2, S. 119–141.
Koopman, Constantijn (1997): Aims in Music Education: A Conceptual Study. Philosophy of Music Education Review, 5/2, S. 63–79.
Kaiser, Hermann J. (1992): Meine Erfahrung – Deine Erfahrung?! Oder: Die grundlagentheoretische Frage nach der Mitteilbarkeit musikalischer Erfahrung. In: Kaiser, Hermann J. (Hrsg.), Musikalische Erfahrung: Wahrnehmen, Erkennen, Aneignen (S. 100–113). Die Blaue Eule.
Panaiotidi, Elvira (2002): What is philosophy of music education and do we really need It? Studies in Philosophy and Education 21, S. 229–252.
Rolle, Christian (2018): Philosophische Forschung in der Musikpädagogik. In: M. Dartsch, J. Knigge, A. Niessen, F. Platz & C. Stöger (Hrsg.), Handbuch Musikpädagogik. Grundlagen – Forschung – Diskurse (S. 448–450). Waxmann/utb.
Rolle, Christian (1999). Musikalisch-ästhetische Bildung. Über die Bedeutung ästhetischer Erfahrung für musikalische Bildungsprozesse. Bosse.
Swanwick, Keith (1994): Musical Knowledge. Intuition, Analysis and Music Education. Routledge.
Vogt, Jürgen (2003): Philosophy–music education–curriculum: Some casual remarks on some basic concepts. Action, Criticism, and Theory for Music Education 2/1, S. 2–25. http://act.maydaygroup.org/articles/Vogt2_1.pdf (17.07.2024).
Vogt, Jürgen (2004): (K)eine Kritik des Klassenmusikanten. Zum Stellenwert Instrumentalen Musikmachens in der Allgemeinbildenden Schule. Zeitschrift für Kritische Musikpädagogik, S. 1–17. https://doi.org/10.18716/ojs/zfkm/2004.1249.
Westerlund, Heidi (2008): Justifying music education: A view from here-and-now value experience. Philosophy of music education review 16/1, S. 79–95.