Angesichts der Umstände der Fertigstellung und Veröffentlichung von Franz Petrys Der Soziale Gehalt der Marxschen Werttheorie inmitten des Ersten Weltkrieges überrascht es beinahe, dass diese überschaubare Abhandlung und ihr Verfasser nicht unmittelbar nach Erscheinen der Schrift in Vergessenheit geraten. Einerseits, weil die Auseinandersetzung mit der Marxschen Theorie vor dem Hintergrund der Oktoberrevolution in Russland und dem Aufstieg der bolschewistischen Bewegung eine starke ideologische Prägung erfährt, die in Spannung mit Petrys philosophischen Erkenntnisinteressen steht; andererseits aufgrund der Person Petrys, zu der sich kaum mehr mitteilen lässt als es bereits Karl Diehl in seinem Vorwort zur Abhandlung tut. Über diesen Autor, der im Sommer 1915 mit knapp 26 Jahren frisch promoviert in den Krieg zieht und noch vor dem Erreichen der Front verstirbt, sind kaum mehr als biographische Rahmendaten in Erfahrung zu bringen. Durch sein vorzeitiges Ableben ist ihm nicht die Herausbildung und Verteidigung eines umfassenderen akademischen Werks vergönnt. Bei der vorliegenden Schrift handelt es sich um die einzige Veröffentlichung Petrys, deren philosophische Bedeutung sich neben dem eigentlichen Gehalt der getroffenen Beobachtungen insbesondere daraus schöpft, dass Petry von den ideologischen und politischen Einflussnahmen auf die wissenschaftliche Rezeption der Marxschen Theorie, die mit der Kanonisierung der Marxforschung in den 1920ern zunehmen, weitestgehend unbeeinflusst ist. Dieser Umstand mag zur Erklärung beitragen, warum der Soziale Gehalt der Marxschen Werttheorie nicht aus der Marxforschung verschwunden ist, sondern noch Jahrzehnte nach seiner ersten Veröffentlichung weiterhin gedruckt und gelesen wurde und wird. Petry formuliert seine kritische Auseinandersetzung mit der Marxschen Werttheorie weder aus einer dezidiert konservativen oder marktliberalen Perspektive noch aus einer spezifisch marxistischen oder sozialistischen Position. Er ist schlicht an der systematischen Analyse der Marxschen Kategorien interessiert, in deren Durchführung er primär durch seine Ausbildung bei Alois Riehl und Heinrich Rickert in Freiburg beeinflusst ist. Wenn es also eine spezifische Vorprägung in Petrys Untersuchung gibt, dann ist es die neukantianische Wissenschaftstheorie. Dementsprechend befasst sich Petry mit genuin philosophischen Problemen, die sich in der Rezeption der Marxschen politischen Ökonomie stellen. Dabei ist zu beachten, dass nur ein Teil der Marxschen Schriften Petry überhaupt zugänglich sind. Einige Abhandlungen, die zentrale Bezugspunkte der Rezeption des Marxschen Werks in der Philosophie bilden, wie etwa Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie oder die Ökonomisch-philosophischen Manuskripte, liegen ihm zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch nicht vor. Petrys Analyse richtet sich daher insbesondere auf die Grundlagen der Wertformanalyse aus dem ersten Band des Kapital, die Einleitung aus den Grundrissen, sowie auf deren Passung zum von Engels bereitgestellten dritten Band des Kapital und den von Karl Kautsky zusammengestellten Theorien über den Mehrwert. Petrys Abhandlung identifiziert in diesen Theorieelementen der Werttheorie den Kern der kritischen Gesellschaftsanalyse, die in der Marxschen politischen Ökonomie entwickelt wird.
Die vorliegende Einleitung befasst sich insbesondere mit dem titelgebenden Thema der Abhandlung, d. h. mit der von Petry vorgebrachten Explikation des sozialen Gehalts der Kategorie des ökonomischen Werts. Die zentrale These, dass die Marxsche Werttheorie einen spezifischen sozialen Gehalt aufweist, nimmt ihren Ausgang in Petrys maßgeblicher Unterscheidung von qualitativer und quantitativer Wertbestimmung und der Identifikation eines kulturwissenschaftlichen Elements in der Entwicklung der Grundkategorien ökonomischen Werts. Die sozialphilosophische Dimension dieser Perspektive auf den Wertbegriff zeigt sich insbesondere in der Konzeption des Fetischismus der Warenform. Anhand dieser zentralen Elemente lässt sich die Relevanz von Petrys Beitrag zum Verständnis des inneren Kerns der Marxschen Wertanalyse veranschaulichen.
Die Unterscheidung von qualitativer und quantitativer Wertbestimmung
Petry beginnt seine Untersuchung mit der Beschreibung eines methodischen Dualismus innerhalb der Marxschen politischen Ökonomie. Dieser Dualismus ergibt sich für Petry aus den konkurrierenden Bezugspunkten der Marxschen politischen Ökonomie, die einerseits durch idealistische Motive der Klassischen Deutschen Philosophie, insbesondere Georg Wilhelm Friedrich Hegels, geprägt ist; die aber andererseits dem materialistischen und an den Naturwissenschaften ausgerichteten Selbstverständnis der Britischen Nationalökonomie, insbesondere David Ricardos, nahesteht. Die Ergründung der Marxschen Methode zeigt, dass seine Theorie aufgrund ihres spezifischen philosophischen Hintergrunds nicht als bloße Fortsetzung der Ricardianischen politischen Ökonomie zu begreifen ist, sondern sich fundamental von ihr unterscheidet. Petry erörtert in der Reflexion dieser Spannung einen kulturwissenschaftlichen Gehalt in der Marxschen Werttheorie, der sich nicht in den Kategorien der klassischen politischen Ökonomie abbilden lässt. Michael Heinrich (2011, 205) konstatiert dementsprechend, dass Petry „die ‚apriorische‘ Differenz der Marschen Wertlehre zu den übrigen Wertlehren […] in der ‚gesellschaftlichen Betrachtungsweise‘ und dem ‚unterschiedlichen Erkenntnisziel‘ findet“, und dass sich insofern „bei ihm, im Gegensatz zu den meisten Marx-Kritikern, eine Ahnung von dem wissenschaftstheoretischen Bruch an[deutet], den Marx mit dem Feld der klassischen wie auch der marginalistischen Ökonomie vollzieht.“ Was aber ist die klassische Position, mit der Marx in methodischer Hinsicht bricht?
Ein zentraler Aspekt der Marxschen Kritik an der klassischen politischen Ökonomie besteht in der Zurückweisung ihres Wissenschaftsverständnisses, für das an dieser Stelle John Stuart Mills Wissenschaftsbegriff herangezogen werden kann. Mill bestimmt die Wissenschaftlichkeit der politischen Ökonomie über die Möglichkeit einer Wissenschaft der menschlichen Natur. Gemäß Mills Vorannahme ist alles, was Gesetzmäßigkeiten unterliegt, möglicher Gegenstand von Wissenschaft. Regularitäten im Auftreten von Phänomenen erlauben verallgemeinerte Beschreibungen in Form der Bestimmung von Verursachungsrelationen, bzw. die Formulierung von Gesetzen: „Any facts are fitted, in themselves, to be a subject of science, which follow one another according to constant laws“ (Mill 1965, 844). Ein Gesetz ist die sprachliche Formulierung einer Regularität im Auftreten von Ereignissen oder Eigenschaften. Dies können Regelmäßigkeiten der Koexistenz (Schwäne sind weiß) oder der Folge sein (Zinn schmilzt bei 231,93 °C oder eine Zinssteigerung verringert die Nachfrage nach Liquidität), wobei in der Ökonomie vorwiegend letztere, also nicht Zustands-, sondern Verlaufsgesetze, von Interesse sind. Mill setzt hier einen weiten Begriff der Verursachung voraus, insofern er darunter das bloß verlässliche Auftreten bestimmter Wirkungsereignisse beim Vorliegen bestimmter Konstellationen von Verursachungsereignissen verstehen will. Grundsätzlich unterscheiden sich die für die Ökonomie maßgeblichen Phänomene in Mills Verständnis nicht in für die Wissenschaftlichkeit der Ökonomie entscheidender Weise, so dass auch die sozialen Zusammenhänge wirtschaftlicher Kooperation prinzipiell mit den methodischen Mitteln der Naturwissenschaften zu erfassen sind. Die generelle Reduktion wirtschaftlicher Prozesse auf Kausalzusammenhänge stellt auch Petry für die Ricardianische politische Ökonomie heraus. Demnach setzen wissenschaftliche Erklärungen universale Verallgemeinerungen in Form von Gesetzen voraus, für die gilt, dass sie einerseits nicht analytisch wahr sind, und andererseits mit empirischen Mitteln falsifizierbar sind, wie etwa Lasalles Ehernes Lohngesetz der Annäherung des Arbeitslohns an das Existenzminimum, das Greshamsche Gesetz der Verdrängung des guten durch das schlechte Geld, oder die Gossenschen Gesetze abnehmender und sich ausgleichender Grenznutzen.
Die wissenschaftliche Fassung eines Zusammenhangs beschreibt eine Regularität womöglich nur annäherungsweise, wenn etwa die untersuchten Zusammenhänge zu komplex sind, um aus einer begrenzten Anzahl von Beobachtungen Gesetze abzulesen, oder wenn nicht die erforderlichen Erkenntnismittel zur Beobachtung bestimmter Phänomene vorliegen. Die Wissenschaft der Meteorologie vermag demnach womöglich Gesetze zu formulieren, die präziser und verlässlicher sind als herkömmliche Bauernregeln, die aber nicht mit Axiomen der Mechanik zu vergleichen sind. Einige dieser Unzulänglichkeiten lassen sich über die Konstruktion von zugeschnittenen Beobachtungsverfahren oder -instrumenten überwinden. So mögen neue Mikroskope, Raumsonden, oder Teilchenbeschleuniger die Neufassung oder Präzisierung physikalischer Gesetzmäßigkeiten ermöglichen. In ähnlicher Form ermöglicht die Einführung der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung und die Erhebung wirtschaftlicher Schlüsseldaten, die etwa Inflation oder Beschäftigungsrate erfassen, gepaart mit der modernen Statistik erst die Beobachtung bestimmter ökonomischer Zusammenhänge. Dadurch, dass diese Erkenntnisverfahren mit der fortschreitenden Entwicklung der empirischen Sozialforschung zunehmend etabliert werden, lassen sich Gesetze zu Regularitäten zwischen wirtschaftlichen Größen formulieren, die zuvor epistemisch nicht zugänglich waren.
Ein entscheidender begrifflicher Schritt in dieser Entwicklung ist die Vorstellung der gemeinsamen Zugehörigkeit unterschiedlicher wissenschaftlicher Disziplinen zu einem übergeordneten Gesamtprojekt, oder zumindest die Unterstellung einer einzigen geteilten Methode. Obwohl die unterschiedlich beschaffenen Gegenstände von Astronomie, Chemie, Verhaltensbiologie, Psychologie und Nationalökonomie mutmaßlich gänzlich unterschiedliche Erkenntnisverfahren erfordern, bildet sich allmählich zumindest für die Naturwissenschaften ein in den Grundzügen einheitlicher Begriffs- und Methodenapparat heraus. Durch das zunehmende Ineinandergreifen physikalischer, chemikalischer und biologischer Erklärungen innerhalb der Naturwissenschaften gewinnt die Überzeugung an Plausibilität, dass etwa der Übergang von Roheisen zu Stahl im Hochofen und das Aufgehen der Saat auf dem Feld nicht als grundverschieden zu erklärende Vorgänge anzusehen sind, die gänzlich verschiedenen Kräften und Prinzipien unterliegen, sondern als zwar verschiedenartige Prozesse, die gleichwohl innerhalb eines einheitlichen Gesamtsystems natürlicher Gesetzmäßigkeiten beschrieben werden können. In einer Aufnahme dieser Entwicklung versucht die Millsche Theorie, die sich als Fortsetzung der Ricardianischen politischen Ökonomie versteht, die Wissenschaftlichkeit ökonomischer Phänomene in einer Form zu erfassen, die sich nicht in fundamentaler Weise von der Form der Untersuchung von Naturvorgängen unterscheidet. Petry charakterisiert diesen Ansatz als eine „naturwissenschaftliche Auffassungsweise, die nur auf eine kausale, naturgesetzliche Erklärung der Wert- und Preiserscheinungen ausgeht“ (10). Zunächst liegt es nahe, die Ankündigung im Eingangsparagraphen des Kapital (II/6, 67), das „ökonomische Bewegungsgesetz der modernen Gesellschaft zu enthüllen“, als Ausdruck dieser Vorstellung von Wissenschaftlichkeit zu begreifen. Allerdings formuliert Marx selbst in den Grundrissen (II/1.1, 35–43) eine grundlegende Zurückweisung der Vorstellung universaler übergesellschaftlicher ökonomischer Gesetzmäßigkeiten. Einerseits stellt Marx heraus, dass die in der politischen Ökonomie formulierten Regularitäten nicht übergesellschaftlich oder überhistorisch zu formulieren sind, sondern immer im Kontext spezifischer sozialer Zusammenhänge, etwa der kapitalistischen Marktgesellschaft, zu verorten sind. Auch eine Wissenschaft der politischen Ökonomie Millscher Prägung ist allerdings in methodischer Hinsicht vereinbar mit der Berücksichtigung spezifischer gesellschaftlicher Kontexte in der Formulierung ökonomischer Gesetzmäßigkeiten, insofern die für wirtschaftliche Phänomene relevanten Verhaltensmuster ökonomischer Subjekte von ihrer sozialen und institutionellen Umwelt geprägt sind. Petry versucht allerdings einen über diese gesellschaftliche Einrahmung hinausgehenden fundamentalen „kulturwissenschaftlichen Gehalt als das Eigenartige von Marxens Werttheorie herauszustellen“ (11). Die Grundkategorien der politischen Ökonomie sind demnach keine bloßen Kausalverhältnisse, sondern wesentlich sozial, insofern ihn ihnen „gesellschaftliche Verhältnisse zum Ausdruck kommen“ (13). Petry illustriert diese methodische Differenz anhand der Unterscheidung einer „erklärend-kausalen“ und einer „auf Sinn und Verständnis gesellschaftlicher Verhältnisse“ (39) gerichteten Betrachtungsweise. Hierauf scheint auch das Postulat der Analyse der apriorischen Bedingungen ökonomischen Werts abzustellen, mit dem die innere Organisation marktförmiger Kooperation hinsichtlich der sie bestimmenden Geltungsverhältnisse zu analysieren ist. Diese lassen sich aber nicht durch eine dissoziierte Perspektive erfassen, sondern nur durch eine nachvollziehende, oder hermeneutische, Perspektive, anhand derer allein sich Gehalt und Geltung der Marktlogik erschließen. Hierin unterscheiden sich die Versuche, die Verkehrsvorgänge marktförmiger Kooperation als „im Naturzusammenhange stehend“ aufzufassen, oder sie „in ihrer Kulturbedeutung“ (65) zu erfassen.
Petry setzt, wie auch Rubin (1973, 1–3), bei der Unterscheidung von gesellschaftlichen Produktivkräften und gesellschaftlichen Produktionsverhältnissen an. Gegenstand der politischen Ökonomie sind nicht die technisch-materialen Bedingungen wirtschaftlicher Produktion, also die Frage mit welchen Mitteln sich Weizen produzieren oder Stahl verarbeiten lässt, sondern vielmehr die gesellschaftliche Struktur, in der diese Produktion stattfindet, also im Wesentlichen die Subsumtion des Zugangs zu Arbeit, Boden und Geld unter den Marktmechanismus. Die Analyse des Marxschen Wertbegriffs muss Petry zufolge bei dem Verständnis von Produktionsverhältnissen als sozialen und rechtlichen Verhältnissen beginnen, anhand derer ökonomische Kooperation organisiert wird. Allerdings sind diese Produktionsverhältnisse unvollständig beschrieben, wenn sie auf formale Rechtsverhältnisse reduziert werden: „das formale […] Rechtsprinzip von Freiheit und Privateigentum erfüllt sich erst mit konkretem Inhalt durch die Art und Weise, wie die persönlichen Interessen der einzelnen darauf reagieren“ (20). Auch wenn genauer zu bestimmen ist, was unter persönlichen Interessen zu verstehen ist, und inwieweit diese durch soziale Rollen geprägt sind, ist das Erkenntnisprogramm damit bereits angedeutet. Es gilt, den Mechanismus marktförmiger Kooperation zu analysieren, der sich nicht allein über den Mittelbestand von Kausalanalysen rekonstruieren lässt, sondern als wesentlich ‚sozial‘ zu begreifen ist, der also in der Eigenlogik derjenigen gesellschaftlichen Verhältnisse und Institutionen liegt, die grundlegend das Wirtschaftsgeschehen bestimmen. In diesem Programm zeigt sich für Petry die Leistungsstärke der Marxschen Werttheorie.
Der soziale Charakter des Wertbegriffs, und damit auch der Unterschied der Marxschen Werttheorie zu der Ricardos lässt sich über die Unterscheidung von quantitativem und qualitativem Wertproblem einholen. Der philosophische Kern des „sozialen Gehalts“ der Marxschen Werttheorie betrifft die qualitative Bestimmung ökonomischen Werts. In dieser Bestimmung stellt Marx eine Theorie bereit, die erörtert, wodurch im Wesen die Interaktion ökonomischer Subjekte charakterisiert ist, die ihre ökonomische Kooperation innerhalb eines gesellschaftlichen Zusammenhangs über Geld und Märkte vermitteln. Sie ergründet die Funktion und Beschaffenheit ökonomischen Werts in dieser spezifischen Konstellation gesellschaftlicher Verhältnisse. Demgegenüber betrifft die quantitative Wertbestimmung die „empirischen Fragen der Tauschwerthöhe“ (24), sie formuliert also die Grundlagen einer ökonomischen Preistheorie.
Innerhalb der Rezeption der Marxschen Theorie kommt der Debatte um diese quantitative Wertbestimmung eine zentrale Rolle zu. Eugen v. Böhm-Bawerk (1896) bringt unmittelbar nach Erscheinen des dritten Bandes des Kapital eine fundamentale Kritik am Marxschen System vor, die sich auf die vermeintliche Unvereinbarkeit des Wertgesetzes innerhalb der Beschreibung des Produktionsprozesses im ersten Band des Kapital und der Mehrwerttheorie innerhalb der Beschreibung des Zirkulationsprozesses im zweiten und dritten Band konzentriert. Der Einwand bestreitet, dass sich auf der Grundlage der Konstitution ökonomischen Werts durch wie auch immer näher bestimmte Arbeit eine angemessene Theorie der Warenpreise formulieren lässt.i
Der vermeintliche Widerspruch besteht zwischen der Wertbestimmung von Waren über das verausgabte variable Kapital (v) in Form des Arbeitslohns sowie den Mehrwert (m) einerseits und der Preiskalkulation der Warenproduzenten andererseits, in die darüber hinaus neben Rohstoffen und Abschreibungen das eingesetzte konstante Kapital (v) auch in Form getätigter Investitionen eingeht. Nach den Definitionen von Profitrate (p), Mehrwertrate (
gilt analytisch, dass . Diese Gleichung beschreibt den Zusammenhang von Profitrate, Mehrwertrate und Kapitalzusammensetzung, der für die Marxsche Werttheorie, zumindest wenn diese gleichzeitig als Preistheorie zu begreifen ist, eine Herausforderung darstellt. Sofern eine der angeführten Größen sich über verschiedene Industrien hinweg gleicht, müssen sich die anderen Größen ebenfalls gleichen oder ihre Abweichungen müssen einander kompensieren. Da beobachtbar ist, dass die organischen Zusammensetzungen des Kapitals (q) in unterschiedlichen Industrien faktisch voneinander abweichen, weil unterschiedliche Güter mit unterschiedlichen Kapitalintensitäten produziert werden, müssen auch die Mehrwertraten (
Petry (50–51) scheint die von Böhm-Bawerk vorgebrachte Kritik des Auseinanderfallens von Wert und Preis als stichhaltig einzuschätzen. Allerdings legt er die Möglichkeit der Einnahme einer ‚Mittelposition‘ (54) nahe. Während Petry das Wertgesetz aufgibt, dem gemäß eine direkte quantitative Übersetzung der wertbildenden Arbeit in Warenpreise möglich sein sollte, hält er dennoch an der Wertbetrachtung als sozialphilosophischer These fest. Das Wertgesetz besagt, „dass sich die Waren im Verhältnis der in ihnen enthaltenen Arbeitszeit austauschen“ (54); demgegenüber gesteht Petry zu, dass in „Wahrheit gerade das soziologisch-charakterisierende Moment des Kapitalverhältnisses im Austausch nicht äquivalenter Arbeitsmengen [liegt,] und die Kraft, welche das Austauschverhältnis festlegt, […] nicht das Wertgesetz, sondern die Konkurrenz [ist].“ Die Analyse der ‚apriorischen Bedingungen‘ (31) ökonomischen Werts zielt aber nicht auf eine Bestimmung der konkreten Austausch- und Verteilungsverhältnisse bestimmter Produkte in marktförmig organisierten Gesellschaften ab. Als Beleg zieht Petry (38) Marxens eigene Reflexion über die theoretische Zielsetzung an, die ‚nur die innere Organisation der kapitalistischen Produktionsweise‘ erörtert, nicht aber ‚die wirkliche Bewegung der Konkurrenz‘. Die Wertbetrachtung, an der Petry festhält, scheint eine genuin sozialphilosophische These zur Bestimmung ökonomischen Werts zu formulieren. Worin aber besteht der spezifisch ‚soziale Gehalt‘ dieser Bestimmung?
Der soziale Gehalt ökonomischer Wertbestimmungen
Die Bestimmung ökonomischen Werts als sozialer Kategorie erscheint zunächst offenkundig. Zumindest Wert in seiner Erscheinungsform als Marktpreis ergibt sich aus der gesellschaftlichen Vermittlung von Angebot und Nachfrage, und ist bereits insofern notwendig Resultat sozialer Verhältnisse. Wenn ökonomische Theorie nun aber diese Werterscheinung auf eine bestimmte Wertsubstanz wie Nutzen oder Arbeit zurückführt, um damit zu erklären, worin der Wert von Waren besteht, dann ist die soziale Natur dieser Substanz nicht in derselben Weise unmittelbar ersichtlich. Vertreter der klassischen politischen Ökonomie, wie etwa William Petty, Adam Smith oder David Ricardo, identifizieren wie auch Marx Arbeit als Substanz ökonomischen Werts. Dies leuchtet zunächst ein, insofern Waren nicht nur bereit-, sondern auch hergestellt werden müssen. Wirtschaftliche Kooperation kann nicht ohne produktive Beiträge kooperierender ökonomischer Subjekte vonstatten gehen. Gleichzeitig scheinen insbesondere die Begehrtheit und Knappheit von Waren für deren Wert am Markt ausschlaggebend zu sein. Dieses Wertparadoxon im Auseinanderfallen von Gebrauchs- und Tauschwert ist eines der Grundprobleme ökonomischer Theoriebildung.
Aber auch unabhängig von diesem Einwand leuchtet nicht unmittelbar ein, inwiefern Arbeit als isolierbare menschliche Tätigkeit, die angeblich Substanz ökonomischen Werts ist, als spezifisch sozial verfasst zu verstehen ist. Zumindest lassen sich produktive Tätigkeiten prinzipiell unabhängig von ihrer gesellschaftlichen Rahmung beschreiben. Allerdings ist Arbeit in der Marxschen Theorie nicht einfach als gesellschaftsunabhängige Kategorie zu begreifen, sondern sie bestimmt ökonomischen Wert in Marktgesellschaften in einem komplexen gesellschaftlichen Zusammenhang, der ihre eigene Konstitution prägt. Demnach unterscheidet sich die Kategorie ‚Wert‘, wie sie für kapitalistische Gesellschaften kennzeichnend ist, wesentlich von Wertbestimmungen außerhalb dieser gesellschaftlichen Zusammenhänge. Dies verdeutlichen Marxens (II/6, 107–108) Überlegungen zur Bedeutung von Wert außerhalb kapitalistischer Rahmenbedingungen, also etwa in der Robinsonade, in der Feudalgesellschaft, oder dem Verein der Freien. In all diesen gesellschaftlichen Konstellationen könnten identische Arbeitstätigkeiten – wie Säen, Ernten, Bohren, Fegen, Angeln, etc. – vollzogen werden, ohne dass diese Arbeit sich in derselben Weise in Wertvorkommnissen niederschlüge. Die Marktgesellschaft erzeugt eine für sie spezifische Erscheinungsform ökonomischen Werts. An dieser Stelle setzt Petrys Beobachtung des spezifischen sozialen Gehalts von Wert an, mit dem die soziale Konstitution der Wertsubstanz selbst, also der geleisteten Arbeit in den Blick gerät. Petry erfasst hier eine Form der Sozialität, deren Bedeutung zentral für neuere Deutungen der Marxschen Theorie ist. Ingo Elbe (2010, 33) nennt primär Isaak Rubin, aber auch Petry, als Referenzpunkte der sogenannten Neuen Marxlektüre, einer Rezeptionslinie der Marxschen Theorie durch Autoren wie Hans-Georg Backhaus, Helmut Reichelt, oder Michael Heinrich. In dieser insbesondere in Deutschland und Japan einflussreichen Rezeption der Marxschen Theorie sind Motive zu finden, die auch für Petrys Ansatz kennzeichnend sind, etwa die Differenzierung des Arbeitsbegriffs, die Verknüpfung von Wert- und Geldanalyse und die Einordnung von Wertbestimmungen als Geltungsverhältnissen.
Der ‚methodische Ausgangspunkt‘, oder das ‚a priori‘ der Marxschen Werttheorie liegt für Petry (24) im Austauschprozess von Waren, die allerdings nicht bloß als physische nützliche Gegenstände, sondern als Produkte, d. h. als bereitgestellte oder durch Arbeit hergestellte Gegenstände zu begreifen sind. Nur auf diese Weise ist das Austauschverhältnis nicht als „dingliches Verhältnis zwischen psychologischen Subjekten, sondern als gesellschaftliches Verhältnis zwischen Rechtssubjekten“ (25) aufzufassen. Der maßgebliche Gedanke in der Bestimmung von Arbeit als Wertsubstanz liegt demnach nicht darin, dass eine material bestimmbare Verausgabung von „Muskel, Hirn, Nerv, usw.“ (II/6, 186; II/10, 45–46) qua physiologischer Prozess Wert bildet, sondern vielmehr darin, dass ökonomischer Wert in Marktgesellschaften seinen Ausgang in Handlungen der Bereitstellung von Waren nimmt, die allerdings wiederum in ihrer sozialen Einbettung zu begreifen sind. Nur in dieser Bestimmung ist das für den Markt kennzeichnende Austauschverhältnis „als gesellschaftliches Produktionsverhältnis aufzufassen“ (25): „Nur eine Eigenschaft der Ware ermöglicht es, sie als Träger und Ausdruck gesellschaftlicher Verhältnisse anzunehmen, das ist ihre Eigenschaft als Arbeitsprodukt, denn als solches begreifen wir sie […] als vergegenständlichte menschliche Tätigkeit“ (26). Diese Tätigkeit ist aber für Petry (30) wiederum nicht als physiologischer Prozess, sondern als gesellschaftliche Handlung, die in sozialen Anerkennungsverhältnissen stattfindet, zu begreifen. Dieses von Petry angedeutete Verständnis von Arbeit als vergegenständlichter menschlicher Tätigkeit ist auch zentral für Ernst Michael Langes (1980, 56) und Michael Quantes (2009, 239ff.) Deutung der Marxschen Werttheorie als Vergegenständlichungskonzeption, gemäß der Arbeit im Marxschen Sinne als „Verwirklichung eines subjektiven Zwecks“ innerhalb sozialer Anerkennungsbeziehungen zu verstehen ist. Eine Betrachtung, die Waren demgegenüber allein über ihre Nützlichkeit als Werte begreift, erfasst damit die „sinnlich-natürlichen Beziehungen“ von Wirtschaftssubjekten zu nachgefragten und konsumierten Waren, nicht aber die „gesellschaftlichen Beziehungen“ (25) der an der Marktkooperation beteiligten Wirtschaftssubjekte, die über Rechtsverhältnisse und soziale Positionierungen definiert sind.
Diese Deutung wird auch durch Petrys (29–34) Unterscheidung der Qualifizierungen von Arbeit als gleich, einfach, gesellschaftlich notwendig, oder abstrakt gestützt. Demnach ist der Begriff von Arbeit, der als Wertsubstanz in der Bestimmung ökonomischen Werts herangezogen wird, nicht der konkrete Begriff einer qualitativ bestimmten Arbeit, sondern von Arbeit sans phrase, also bloß wertschaffender Tätigkeit, die aber keinen besonderen Wert erzeugt. Diese Bestimmung von Arbeit wiederum ist abhängig von der spezifischen Weise, in der in marktförmigen Kooperationszusammenhängen Warenwert fassbar wird. Die Marxsche Wertformanalyse erörtert die begriffliche Struktur dieses Prozesses. Denn in der Gleichsetzung von Waren am Markt stellt sich die fundamentale Herausforderung, qualitativ verschiedene Objekte als kommensurabel zu begreifen. Diese Gleichsetzung von Waren als bloßen Werten vollzieht sich zunächst darüber, dass konkrete Waren ihren Wert in anderen konkreten Waren, mit denen sie austauschbar sind, ausdrücken; und schließlich mit der begrifflichen Etablierung der Geldform über ihre Gleichsetzung mit einem qualitätslosen allgemeinen Äquivalent, das keinen spezifischen Wert zum Ausdruck bringt, sondern bloß Wert. Diese Erscheinung bloßen Werts wiederum verändert die Form der in den Waren vergegenständlichten Arbeit, wie Marx (II/5, 30) in der Analyse von Wertgegenständlichkeit aufzeigt:
„Gegenständlichkeit der menschlichen Arbeit, die selbst abstrakt ist, ohne weitere Qualität und Inhalt, ist nothwendig abstrakte Gegenständlichkeit, ein Gedankending. So wird das Flachsgewebe zum Hirngespinnst. […] In der Produktion der Leinwand ist ein bestimmtes Quantum menschlicher Arbeitskraft verausgabt worden. Ihr Werth ist der bloss gegenständliche Reflex der so verausgabten Arbeit, aber er reflektirt sich nicht in ihrem Körper. Er offenbart sich, erhält sinnlichen Ausdruck durch ihr Werthverhältniss zum Rock. Indem sie ihn als Werth sich gleichsetzt, während sie sich zugleich als Gebrauchsgegenstand von ihm unterscheidet, wird der Rock die Erscheinungsform des Leinwand-Werths im Gegensatz zum Leinwand-Körper, ihre Werthform im Unterschied von ihrer Naturalform.“
Waren erhalten, ebenso wie die zu ihrer Bereitstellung erforderlichen Tätigkeiten, in der Marktvermittlung zusätzlich zu ihrer unmittelbaren qualitativ bestimmten Erscheinung eine spezifisch soziale Dimension, eine abstrakte Gegenständlichkeit, die sich von ihrer natürlichen Konstitution unterscheidet. Marx unterscheidet an dieser Stelle die Naturalform von der Wertform von Waren, um die für die Marktkooperation erforderliche gesellschaftliche Abstraktion zu beschreiben. Natürlich ist eine produzierte Ware, etwa ein Hemd, ein materieller Gegenstand und somit gleichzeitig Vergegenständlichung einer bestimmten qualitativ beschreibbaren produktiven Tätigkeit, etwa der Schneiderei. Gleichzeitig gilt es aber, das Hemd als Ware nicht nur aufgrund seiner bestimmten Qualitäten, wie etwa der Passform oder Haltbarkeit, zu begreifen, sondern anhand seiner Gleichsetzbarkeit mit anderen Waren zu beurteilen. In dem oben genannten Beispiel drückt die Leinwand ihren eigenen Wert im Rock aus. Der Wert eines Gegenstands mit einer qualitativ bestimmbaren Brauchbarkeit lässt sich also wiederum durch einen anderen Gegenstand erfassen. Der Markt aber reduziert die Mannigfaltigkeit der Warenqualitäten auf einen einheitlichen Nenner. In der Vollendung der Wertform schließlich drücken Waren ihren eigenen Wert in Verkörperungen bloßen ökonomischen Werts, also in Geld, aus. Die am Markt vollzogene Reduktion der Wertbestimmung der gehandelten Waren überträgt sich auf den Arbeitsbegriff. Denn der abstrakte Wert kommt einem Hemd als Arbeitsprodukt nun nicht mehr als Vergegenständlichung einer konkret bestimmbaren produktiven Tätigkeit zu, sondern aufgrund seiner Gleichsetzbarkeit mit einem universalen Äquivalent, das bloß Wert verkörpert, wodurch auch die im Hemd vergegenständlichte Arbeit eine marktspezifische Dimension als bloß abstrakt menschliche Arbeit gewinnt. Aber aufgrund welcher Eigenschaften vermag Geld, anders als andere konkrete Waren, diese qualitative Unbestimmtheit für sich zu beanspruchen, die für die Preisform kennzeichnend ist?
Die Geldvermittlung des Warentauschs enthält den Kern der Wertabstraktion, die letztlich auch die Kategorie abstrakt menschlicher Arbeit hervorbringt, weil Geld gleichzeitig allgemeine und konkrete Manifestation ökonomischen Werts ist.i Geld ist deshalb Allgemeines, weil es qua universales Äquivalent keine bestimmte Eigenschaft – wie die Süße des Pfirsichs oder die Härte des Hammers – derjenigen Gegenstände annehmen darf, deren Äquivalent es im Austausch ist. Es ist in dieser besonderen Form gleichzeitig Einzelnes, weil es sich nicht nur um einen allgemeinen Begriff der Maßeinheit handelt, sondern außerdem als Einzelding – als Münze, Banknote oder Buchungssatz – in Erscheinung tritt. Denn Gegenstände werden nicht nur in Preisen bewertet, sondern gegen Geldvorkommnisse getauscht. Die Geldwirtschaft vollbringt in gewisser Weise das ontologische Kunststück, eine konkrete Wertentität ohne besondere Wertqualitäten hervorzubringen. Marx sieht letztlich im Geld die konkrete Erscheinungsform abstrakt oder allgemein menschlicher Arbeit, d. h. die Realisierung von Wert überhaupt, mit der sich in Tauschhandlungen nicht die Ergebnisse von bestimmter Backarbeit auf der einen Seite und Webarbeit auf der anderen Seite gegenüberstehen, sondern mit der den Waren im Geld eine Konkretisierung von abstrakt menschlicher Arbeit gegenübersteht. Bereits in den Grundrissen stellt Marx (II/1.1., 39) diese Besonderheit in Bezug auf Arbeit sans phrase heraus: „Mit der abstrakten Allgemeinheit der Reichthum schaffenden Thätigkeit nun auch die Allgemeinheit des als Reichthum bestimmten Gegenstandes, Product überhaupt oder wieder Arbeit überhaupt […].“ Der entscheidende Beitrag der Marxschen Wertformanalyse besteht darin, dass sie aufzeigt inwiefern sich aus der Logik der Marktvermittlung von Waren und Arbeit im Sinne von produktiven Beiträgen zur wirtschaftlichen Kooperation eine Abstraktion einstellt, die das Wesen der Marktgesellschaft zum Ausdruck bringt. Dies bezeichnet Marx als den Fetischismus der Warenform. Petry (26–28) nimmt diese Konsequenz der marktbedingten Versachlichung gesellschaftlicher Verhältnisse eingehender in den Blick.
Der Fetischismus marktförmiger Kooperation
Die Marxsche Konzeption des Warenfetischismus gehört neben seiner Entfremdungsanalyse und seiner Krisentheorie vermutlich zu den meistaufgegriffenen Kritiken der marktförmigen Organisation ökonomischer Kooperation. Die philosophische Marktkritik beschreibt oftmals zuerst die gesellschaftlichen Folgen der Organisation ökonomischer Kooperation über Märkte, etwa in Form von Anonymität, Wettbewerbsdruck, Atomisierung oder Ungleichheit. In der Fetischanalyse zeigt sich demgegenüber ein Aspekt, der nicht bloß eine womöglich vermeidbare, oder zumindest abzumildernde, Begleit- oder Folgeerscheinung der Marktwirtschaft darstellt, sondern ein Phänomen, das „von der Waarenproduktion unzertrennlich“ (II/6, 103; II/5, 638) ist, insofern es begrifflich mit grundlegenden Kategorien der Warenwirtschaft verbunden ist, bzw. den Produkten der Warenwirtschaft „anklebt“. Insofern ist die Fetischanalyse gleichermaßen untrennbar mit der Analyse der Wertform verbunden.
Worin besteht nun die in der Fetischdiagnose kritisierte Versachlichung gesellschaftlicher Verhältnisse? Die ‚gespenstige‘ (II/6, 72) Wertgegenständlichkeit (II/6, 80) von Waren, die nach Marx der Verfasstheit religiöser Fetischobjekte gleicht, zeigt sich in dem Umstand, dass den Teilnehmenden an Warenmärkten ihre eigenen ökonomischen Beiträge als ‚gegenständliche Bestimmungen‘ (II/5, 637) von Arbeitsprodukten erscheinen. Marx behauptet, dass „das bestimmte gesellschaftliche Verhältniß der Menschen selbst […] hier für sie die phantasmagorische Form eines Verhältnisses von Dingen annimmt“ (II/5, 637–638; II/6, 103). Die Warenform „[spiegelt] den Menschen die gesellschaftlichen Charaktere ihrer eignen Arbeiten als gegenständliche Charaktere der Arbeitsprodukte selbst [zurück], als gesellschaftliche Natureigenschaften dieser Dinge“ (II/6, 103).
In diesen Bemerkungen findet sich die notwendige Bestimmung des gesellschaftlichen Verhältnisses, das im Fetischismus versachlicht wird: das ‚gesellschaftliche Verhältniß der Producenten zur Gesammtarbeit.‘ Genauer ist dieses Verhältnis wohl als Relation von Wirtschaftssubjekten zu verstehen, die in der Organisation ihrer Kooperation ihre jeweils eigenen beitragenden Tätigkeiten in ein Verhältnis zum übergeordneten Kooperationszusammenhang setzen müssen. Marx scheint demnach von einem besonderen Verständnis des organischen Gesamtzusammenhangs ökonomischer Kooperation auszugehen. Rubin (2010, 223) beschreibt diesen Zusammenhang als ‚Produktionsorganismus‘. Die Beiträge zu diesem kooperativen Zusammenhang sind nicht isoliert zu betrachten, sondern ‚als Glieder der gesellschaftlichen Gesammtarbeit‘ (II/6, 104; II/8, 102). Die Gesamtarbeit wiederum ist nicht nur als Summe von Beiträgen zu begreifen, sondern als ‚Komplex‘ aufeinander bezogener produktiver Tätigkeiten. Marx begreift ökonomische Kooperation demnach anders als die klassische liberale politische Ökonomie nicht als Zusammenführung zunächst voneinander isolierter Tätigkeiten, sondern setzt voraus, dass die individuellen Beiträge ökonomischer Subjekte, selbst wenn diese Subjekte in Privatarbeit für den Tausch produzieren, in einen übergeordneten gesellschaftlichen Gesamtzusammenhang eingebettet sind. Dies mag zwar nicht für die in der politischen Ökonomie oftmals bemühten vorgesellschaftlichen Einsiedler oder die auf einsamen Inseln Gestrandeten gelten, die tatsächlich unabhängig von anderen ökonomischen Subjekten produzieren können. Abgesehen von diesen Randerscheinungen, ist der Mensch für Marx (II/1.1., 22) „im wörtlichsten Sinn ein
Marx kritisiert an der spezifischen Verfasstheit sozialer Beziehungen ökonomischer Kooperation am Markt, dass der geldvermittelte Tausch „unmittelbar gesellschaftliche Verhältnisse der Personen in ihren Arbeiten selbst“ verunmöglicht (II/6, 104). Petry (27) bemerkt, dass dasjenige, „was in früheren Gesellschaftsperioden bewusste gesellschaftliche Regelung oder direkte persönliche Abhängigkeit war, […] sich jetzt hinter der Tauschbewegung der Sachgüter“ verbirgt. Es sind zwar offenkundig gesellschaftliche Beziehungen, die vermittelt über den Preismechanismus am Markt ökonomische Teilhabe regulieren und den Zugang zu wirtschaftlichen Ressourcen festlegen. Allerdings werden diese Beziehungen nicht mehr im Prozess der Marktkooperation reflektiert, und gesellschaftliche Erwägungen steuern auch den Marktprozess nicht bewusst. Die unterschiedlichen gesellschaftlichen Produktionsbeziehungen in der Bereitstellung von Waren übersetzen sich in ein einfaches monetäres Maß, das durch den Markt selbst gegeben zu sein scheint. Die Verhältnisse zwischen Produzentinnen innerhalb eines marktförmigen Kooperationszusammenhangs lassen sich auf die geldförmige Bemessung der von ihnen bereitgestellten Waren reduzieren. Es gibt nicht mehr über ihre soziale Position zu sagen, als dass beispielsweise der im Preis bemessene Wert eines Unterhemdes in einem Warenhaus dem von zwei Tassen Kaffee oder Busfahrkarten etc. gleicht. Die gesellschaftlichen Umstände, auf deren Grundlage diese Gleichsetzung ökonomischer Tätigkeiten überhaupt erst stattfindet, und die den relativen Wert von Beiträgen etwa innerhalb der Textilindustrie oder der Gastronomie bestimmen, treten in den Hintergrund. Dies verändert nicht nur die Wahrnehmung ökonomischer Kooperationsbeziehungen, sondern die Verhältnisse selbst.
Somit schwingt in der Charakterisierung der im Markt enthaltenen Fetischisierung eine normative Annahme mit, und zwar diejenige, dass ökonomische Kooperation eigentlich das Ergebnis bewusster sozialer Vermittlung, etwa durch Gesetze, Normen, oder diskursive Übereinkünfte sein sollte. Dieses Ideal scheint Marx im hypothetischen Vorliegen unmittelbar gesellschaftlicher Verhältnisse zwischen den Produzentinnen zu formulieren. Rubin (2010, 228–229) legt dementsprechend dar, dass
„[i]n einer Gesellschaft mit der regulierten Wirtschaft […] die Produktionsverhältnisse zwischen den einzelnen Gesellschaftsmitgliedern bewusst hergestellt [werden], mit dem Ziel, den richtigen Gang der Produktion zu gewährleisten. Jedem Gesellschaftsmitglied wird sein Platz im Produktionsprozess, sein Verhältnis zu den anderen Mitgliedern desselben bestimmt.“
Diese normative Natur der Prämisse zur Angemessenheit der unmittelbaren gesellschaftlichen Vermittlung von Produktionsbeziehungen, um deren ‚richtigen Gang‘ zu gewährleisten, betont auch Lange (1978, 25). Die beschriebene unmittelbare Gesellschaftlichkeit umfasst, dass ökonomische Subjekte in ihrem Handeln nicht nur allein ihr eigenes Interesse verfolgen, sondern sich als Teile eines übergeordneten kooperativen Gesamtzusammenhangs begreifen, der wiederum bewusst organisiert und gesteuert ist. Dies muss nicht über eine staatlich organisierte Planwirtschaft erfolgen, aber es muss eine nachvollziehbare Verständigung über die Zwecke und Ausgestaltung ökonomischer Kooperation stattfinden. Die Sachlichkeit der Verhältnisse der Warenproduktion besteht demgegenüber darin, dass die Marktkooperation einerseits nicht als kooperatives gemeinschaftliches Handeln nachvollzogen wird, und andererseits auch nicht als sozial beeinflussbar wahrgenommen wird. „[D]ie von ihrer Kontrole und ihrem bewußten individuellen Thun unabhängige, sachliche Gestalt ihrer eignen Produktionsverhältnisse erscheinen zunächst darin, daß ihre Arbeitsprodukte allgemein die Waarenform annehmen.” (II/6, 121) Marx (II/1.1., 96) deutet dies bereits in den Grundrissen an:
„So sehr nun das Ganze dieser Bewegung als gesellschaftlicher Process erscheint, und so sehr die einzelnen Momente dieser Bewegung vom bewußten Willen und besondern Zwecken der Individuen ausgehn, so sehr erscheint die Totalität des Processes als ein objectiver Zusammenhang, der naturwüchsig entsteht; zwar aus dem Aufeinanderwirken der bewußten Individuen hervorgeht, aber weder in ihrem Bewußtsein liegt, noch als Ganzes unter sie subsumirt wird. Ihr eignes Aufeinanderstossen producirt ihnen eine über ihnen stehende, fremde gesellschaftliche Macht; ihre Wechselwirkung als von ihnen unabhängigen Process und Gewalt.“
Dies ist der Kern der Fetischdiagnose, insofern sie die Eigengesetzlichkeit und marktförmiger Produktionsprozesse beschreibt. Objektive Gegenstände erwerben regulative gesellschaftliche Kräfte. In diesem Zusammenhang verwendet auch Georg Simmel (1989, 593) ähnlich wie Marx den Ausdruck der Naturförmigkeit:
„Da das Geld alle Dinge mit unbarmherziger Objektivität mißt und ihr Wertmaß, das sich so herausstellt, ihre Verbindungen bestimmt – so ergibt sich ein Gewebe sachlicher und persönlicher Lebensinhalte, das sich an ununterbrochener Verknüpftheit und strenger Kausalität dem naturgesetzlichen Kosmos nähert und von dem alles durchflutenden Geldwert so zusammengehalten wird.“
Simmels (2001, 217) Analyse der Verselbständigung der Organisation ökonomischer Kooperation ähnelt nicht nur der Marxschen Beschreibung, sondern verweist explizit auf die Fetischismustheorie. Geldvermittelte wirtschaftliche Beziehungen werden als sachlich im Sinne von unbeeinflussbar aufgefasst, insofern sie der Logik des Wechselspiels von Angebot und Nachfrage unterworfen sind, und nicht etwa an sozialen oder ökologischen Zwecken ausgerichtet sind. Denn es sind nicht Vernunft- oder Planungserwägungen, sondern Preisbewegungen, die Bereitstellungs- und Verteilungsfragen entscheiden. Im Sinne dieser Unabhängigkeit von planender Einflussnahme sind monetär vermittelte ökonomische Verhältnisse demnach problematisch. Märkte werden demensprechend in der öffentlichen Wahrnehmung oftmals als äußere Gegebenheiten dargestellt, denen es gerecht zu werden gilt. Politische Maßnahmen können in der Folge nur auf Marktprozesse reagieren, sie aber kaum noch wirksam steuern.
Gegen diese Diagnose lässt sich einwenden, dass marktförmiges Wirtschaften, etwa in sozialdemokratisch verfassten Gesellschaften, de facto bewusst durch normative Rahmenbedingungen gesteuert ist. Produzentinnen wird die Bedeutung ihrer produktiven Beiträge demnach nicht allein durch den Markt widergespiegelt, sondern ebenso durch Mindestlohngesetze, durch die Einflussnahme von Verbänden und Gewerkschaften, oder politischen Branchenschutz. Devi Dumbadze (2010, 200) identifiziert das Fehlen der Organisation von Produktion „in intentional-antizipativer, geplanter und dauerhafter Form“ als kennzeichnend für den Fetischismus des Marktes. Demnach ist Fetischismus entweder ein in Graden vorliegendes Phänomen, da Wirtschaftssubjekte und Gesellschaftsordnungen in unterschiedlichem Ausmaß den Marktmechanismus durch externe Eingriffe lenken und regulieren; oder aber die Fetischdiagnose trifft nur auf reine laissez-faire Märkte zu, die nicht bereits politisch reguliert sind. Die Deutung, mit der der Warenfetischismus allein innerhalb der liberalen Utopie vollkommen unbeeinflusster Märkte auftritt, scheint wenig überzeugend, weil sie auf kaum eine gegenwärtig bestehende Marktordnung zutreffen würde, oder allenfalls auf spezifische Märkte. Aber auch die weniger anspruchsvolle Behauptung einer Tendenz der eingeschränkten gesellschaftlichen Reflexion und Regulierbarkeit aufgrund der Verfasstheit geldvermittelter Marktbeziehungen exponiert ein zentrales Defizit marktförmiger ökonomischer Kooperation.
Grundlage dieser normativen Fetischismusdiagnose als Kritik an der marktförmigen Organisation ökonomischer Kooperation ist die gleichzeitig von Marx formulierte Kritik einer fetischisierenden theoretischen Beschreibung ökonomischer Prozesse. Wie Petry (36) darlegt, kritisiert Marx (II/3.4., 1317), dass eine Reihe von Ökonomen selbst nicht in der Lage sind, die gesellschaftlichen Verhältnisse hinter den Verhältnissen der Warenwerte einzusehen: „daß ein gesellschaftliches Verhältniß als Verhältniß der Dinge unter sich erscheint.“ In dieser Beschreibung liegt der Warenfetischismus primär in einer wissenschaftlichen Fehleinschätzung der Beschaffenheit ökonomischen Werts, die Marx einem ‚Theil der Ökonomen‘ (II/6, 112) zuschreibt. Wie aus den vorausgehenden Erörterungen zu ersehen ist, geht es Marx aber gleichzeitig um ein Merkmal, das die Verfasstheit der Produktionsverhältnisse und die Reflexion von Kooperationsbeziehungen durch die Produzierenden selbst betrifft. Rubin (2010, 265) beschreibt überzeugend die Abhängigkeit fetischisierender Einstellungen vom Vorliegen versachlichter wirtschaftlicher Verhältnisse:
„Die Versachlichung der gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse liegt im Wesen der unorganisierten Warenwirtschaft selbst und drückt seinen Stempel allen grundlegenden Kategorien auf, sowohl der Kategorien des alltäglichen ökonomischen Denkens als auch denen der politischen Ökonomie als einer Wissenschaft von der kapitalistischen Warengesellschaft.“
Der Fetischismus der Warenform erschließt sich in dieser Beschreibung nicht über die ökonomische Perspektive auf wirtschaftliche Phänomene, sondern liegt in der Verfasstheit ökonomischer Grundkategorien selbst, insofern sich in Marktverhältnissen nach Petry (27) die „gesellschaftlichen Beziehungen, welche die Menschen in dem materiellen Produktionsprozess zueinander eingehen, […] sich hinter […] sachlichen Beziehungen [verschleiern].“
Die von Marx beschriebene Eigengesetzlichkeit und Separatheit des Marktes findet in der ökonomischen Theoriebildung also ihre Entsprechung. Auf der gesellschaftlichen Ebene scheint es unter geeigneten Rahmenbedingungen möglich und notwendig, die Koordination der Beiträge und die Verteilung der Früchte der Arbeitsteilung der dezentralen Steuerung des Marktes zu überlassen, die nicht unmittelbar gesellschaftlich sein kann. Die Koordination durch die vielzitierte Unsichtbare Hand des Marktes scheint erforderlich, weil der kaum mehr überschaubare Differenzierungsgrad moderner Gesellschaften die bewusste zentrale Steuerung des Wirtschaftshandelns nicht mehr zulässt, insofern dies die Leistungsfähigkeit aller vorstellbaren Planung übersteigt. Eine zentral gesteuerte Koordination ist schlichtweg nicht realisierbar, oder zumindest nur mit erheblichen Effizienzverlusten, die vordringlich auf Informations- und Anreiznachteile zurückzuführen sind. Die entscheidendere Beobachtung aber ist, dass die selbstregulierende Tendenz marktförmiger Kooperation es überhaupt erst ermöglicht, auf eine zentrale Planung zu verzichten. Adam Smith (1937, 11–12) illustriert wegweisend die Ausdifferenzierung der modernen gesellschaftlichen Arbeitsteilung anhand der Andeutung des schier unüberschaubaren Geflechts an erforderlichen Beiträgen zur Bereitstellung eines Wollmantels. Der springende Punkt an der Beobachtung ist, dass dieser Prozess nicht durch bewusste Gestaltung reproduzierbar ist. Die planvolle Koordination einer gesellschaftlichen Arbeitsteilung mit dem uns bekannten Differenzierungsgrad ist ohne Rückgriff auf den Marktmechanismus ebensowenig zu reproduzieren, wie eine ausgewachsene Eiche ohne Rückgriff auf das im biologischen Zellmechanismus angelegte Organisationsprinzip allein durch Ingenieursleistungen zu reproduzieren wäre. Obwohl wirtschaftliche Kooperation natürlich das Ergebnis sozialer Vermittlung ist, erscheinen die Marktbeziehungen als eigenständige Verhältnisse, die durch die Warenbeziehungen in einer Form bestimmt werden, die sich nicht gesteuert reproduzieren lässt.
Während die orthodoxe Wirtschaftstheorie diesen Aspekt der Marktvermittlung primär mit Blick auf dessen systemische Koordinations- und Effizienzvorteile analysiert, erfasst Marx über die Fetischtheorie einen empfindlichen Verlust in der gesellschaftlichen Form der Organisation sozialer Kooperation. Eine spezifische Deutung der kollektiven Rationalität marktförmiger Kooperation lässt sich vermittelt über ihre Effizienzvorteile und die für sie konstitutiven formalen Freiheiten und Rechte von Marktsubjekten einholen. In einem hierüber hinausgehenden Maßstab ist ökonomische Produktion und Allokation jedoch als kooperativer Gesamtzusammenhang zu verstehen, der von den Beteiligten als vernünftig begriffen werden sollte. Die reine Marktvermittlung verändert die Qualität dieser Kooperation, insofern sie nicht mehr als Ergebnis intendierter sozialer Organisation erscheint.
In diesem Verständnis beschreibt die in der Fetischtheorie identifizierte Versachlichung von Produktionsverhältnissen laut Rubin (2012, 269) tatsächlich „ein Charakteristikum der ökonomischen Struktur der modernen Gesellschaft“. Jede ökonomische oder sozialphilosophische Analyse der Struktur marktförmiger Kooperation sollte auf der Einsicht in diese fundamentale qualitative Veränderung aufbauen, die der Markt als Mechanismus der sozialen Vermittlung mit sich bringt. Die eigentlichen gesellschaftlichen Beziehungen, die durch die Fetischisierung der Warenform verdeckt werden, können laut Petry (27) „nur durch eine Analyse der immanenten Arbeitsbeziehungen enthüllt werden.“ In dieser Beobachtung zeigt sich die sozialphilosophische Leistungsfähigkeit der Marxschen Wertbestimmung, die in Petrys Deutung besondere Betonung findet. Howard und King (2014, 296) erfassen die Bedeutung der spezifischen Perspektive, die in Petrys Überlegungen zum sozialen Gehalt ökonomischen Werts zum Ausdruck kommt, dergestalt, dass „only by emphasising the qualitative dimension of value theory, to the virtual exclusion of the quantitative, is it really possible to see a wholly different tradition in the intellectual history of Marxism running through Hilferding, Petry and Rubin to Sweezy and Rosdolsky.“ Petrys Analyse leistet sowohl einen analytischen Beitrag zur Kritik naturalisierender Theorien ökonomischer Verhältnisse, die deren spezifische soziale Bedeutung ausblenden, als auch zur damit verbundenen normativen Kritik versachlichender Marktverhältnisse, in denen der soziale Zusammenhang ökonomischer Kooperation verarmt. Die vorliegende Wiederauflage von Petrys Abhandlung soll einen Beitrag zur Greifbarkeit dieses kritischen Potentials leisten.
Editorische Bemerkungen
Der soziale Gehalt der Marxschen Werttheorie wird nach Franz Petrys Tod zunächst von dessen Doktorvater Karl Diehl für den Druck vorbereitet und erscheint 1916 im Verlag Gustav Fischer in Jena. Neben den im Anhang beigefügten Besprechungen von Rudolf Stammler (1917), Rudolf Hilferding (1919) und Isaak Rubin (1928), die einen Eindruck der unmittelbaren Rezeption der Schrift in der Forschung vermitteln, findet Petrys Theorie zumindest Erwähnung in einigen namhaften Beiträgen zur Marxschen Theorie, etwa in Schriften von Friedrich Pollock (2018, 30) oder Paul Sweezy (1942, 129). Petrys Beitrag wurde ins Russische (Moskovskii Rabochii, 1928), ins Italienische (Laterza, 1973) und ins Japanische (Kōbundō Shobō, 1926) übersetzt. Obwohl Petrys Abhandlung nicht zu den Klassikern der akademischen Marxrezeption zählt, finden sich seit ihrem Erscheinen regelmäßige Wiederauflagen der Schrift (etwa Schwarze Presse, 1972 oder Willi Hammer, 1984) in fotomechanischen Reproduktionen.
Der Text der vorliegenden Ausgabe ist an die gegenwärtige deutsche Rechtschreibung angepasst. Vereinzelte offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Schreibweisen, die lediglich ungewohnt sind, wurden stellenweise beibehalten. Die ursprüngliche Paginierung der Texte ist in der vorliegenden Ausgabe durch Verweise (/Seitennummer/) nachvollziehbar, die jeweils den Beginn der nummerierten Seite im Original markieren. Querverweise in Petrys Abhandlung sowie in den angehängten Besprechungen sind um die Seitenzählung der vorliegenden Ausgabe ergänzt. Die arabisch nummerierten durchlaufenden Fußnoten sind Anmerkungen von Petry; bei den römisch nummerierten Fußnoten handelt es sich um ergänzende Kommentare oder Verweise. Die im Original oftmals recht lückenhaften Literaturangaben sind jeweils in eckigen Klammern vervollständigt und zumindest dort, wo es eindeutig nachzuvollziehen ist, um die Angabe der Stellen von Marxzitaten in der MEGA2 ergänzt. Die Verweise auf das Kapital beziehen sich auf die vierte Auflage (MEGA II/10), die Petry seiner Analyse selbst zugrunde legt. Auf eine umfassende Vereinheitlichung der Literaturangaben und die Erstellung eines gesonderten Literaturverzeichnisses wurde verzichtet, um den Charakter der hastig zusammengestellten Schrift nicht nachträglich zu bereinigen.
Petry selbst hat im Inhaltsverzeichnis Überschriften zu den Kapiteln und Abschnitten eingefügt, die im Haupttext des Originals allerdings wieder nur ohne weitere Kennzeichnung nummeriert sind. Diese Überschriften der Kapitel und Unterkapitel sind hier ebenfalls in den Haupttext übernommen. Die Überschriften der dritten Ebene im Inhaltsverzeichnis sind nicht eindeutig den entsprechenden Abschnitten zuzuordnen und finden sich daher nicht im Haupttext. Petry hat im Originaltext Sperrungen eingefügt, um durchgängig Eigennamen und Hervorhebungen zu kennzeichnen. In dieser Ausgabe wurden nur letztere übernommen. Insgesamt lässt das unruhige Druckbild im Original allerdings nicht immer eindeutige Rückschlüsse zu, wo Ausdrücke zur Hervorhebung gesperrt sind, und an welcher Stelle nur scheinbare Auszeichnungen vorliegen, die dem Blocksatz geschuldet sind.i Längere Zitate sind abweichend von der ursprünglichen Formatierung in der vorliegenden Ausgabe eingerückt.
Literatur
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Das Problem struktureller Abweichungen von Wert und Preis beschreibt Wicksell (1893, 17ff.), der zu den ersten Kritikern der Marxschen Wertkonzeption im Zusammenhang des ökonomischen Gesamtsystems zählt. Antworten auf diese Kritik formulieren Sombart (1894) und Hilferding (1904). Marx (II/6, 312, 542) selbst hatte den von Böhm-Bawerk aufgegriffenen Widerspruch bereits in der Arbeit an der ersten Auflage gesehen. Zu dieser Zeit waren die Manuskripte, die die Grundlage der später veröffentlichten Mehrwerttheorie bilden sollten, bereits verfasst. Die Ausgangsbestimmungen dieser Überlegungen finden sich im Kapital (II/5, 158–177). Den Zusammenhang von Mehrwertrate und Profitrate stellt Sweezy (1942, 67–71) übersichtlich dar.
Der Widerspruch zwischen Wertgesetz und Mehrwerttheorie, der sich im Auseinanderfallen von Wert und Preis zeigt, hat verschiedene Versuche einer mathematischen Rekonstruktion hervorgerufen. Die grundsätzliche Spannung wird dabei von den meisten nachfolgenden Theoretikern zunächst zugestanden. Eine umfangreiche Debatte widmet sich in der Folge der Interpretation dieser systematischen Divergenz von Wert und Preis, die als ‚Transformationsproblem‘ etwa von Samuelson (1971) oder Moseley (1993) diskutiert wird. Die einschlägigen mathematischen Behandlungen des Problems argumentieren in Weiterentwicklung der Lösung, die Marx selbst anbietet, dass für die Gesamtheit der Waren, nicht aber für jede einzelne Ware, eine Übereinstimmung von Wert und Preis, sowie von Mehrwert und Profit gilt. Sweezy (1942, 115–125) etwa erörtert eine mathematische Lösung, die von Bortkiewicz (1906) anbietet.
Siehe hierzu Derpmann (2018).
Vielen Dank an Kevin Zernickel und an Stefanie Kemmerer für die Durchsicht des Manuskripts.