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Einleitung

In: „All' Ihre Briefe sind an Ort und Stelle“
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Dar Hadith al Hassania
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„All’ Ihre Briefe, theure Rike, sind an Ort und Stelle.“
Rahel Varnhagen: Buch des Andenkens, 13.4.1825

Der 250. Geburtstag von Rahel Varnhagen von Ense, geborenen Levin, deren jüdische Familie nach dem Tod des Vaters Levin Markus Cohen um 1790 den Nachnamen „Robert“, auch „Robert-Tornow“, annahm und viel später das Bekenntnis wechselte, stand unter keinem günstigen Stern. Das Geburtsdatum war nach Erinnerung der Mutter Chaie Tobias Levin der christliche Pfingstsonntag, der 1771 auf den 19. Mai fiel. Doch als dieses Datum im Frühjahr 2021 herannahte, befand sich die Welt seit über einem Jahr im Bann einer weltweiten Seuche, die – vergleichbar der in ihrem letzten Lebensabschnitt grassierenden Cholera – alle bürgerlich-sozialen Verhältnisse tangierte. Ausstellungs-Absagen, Abstandsgebote, Verweilverbote, Bibliotheks-, Hörsaal- und Schulschließungen waren an der Tagesordnung; Versammlungen, Konferenzen, öffentliches Gedenken in Feierstunden wurden unmöglich, das Internet bot dafür nur unzulänglichen, kaum erprobten Ersatz.

Wenn dennoch im Oktober 2021 eine internationale Fachtagung zu Leben und Werk der Jubilarin zustande kam, ist dies dem Zusammenwirken vieler glücklicher Umstände, kooperativer Institutionen und engagierter Persönlichkeiten zu verdanken. Vielleicht auch dem genius loci, denn Krakau, wo die Biblioteka Jagiellońska Rahel Varnhagens handschriftlichen Nachlass größtenteils aufbewahrt (neben der Staatsbibliothek zu Berlin, an ihrem Geburts- und Sterbeort, mit weiteren Beständen der Varnhagen von Enseschen Sammlung), ist ein europäischer Gedächtnisort par excellence. Das notgedrungen zweigleisig, vor Ort und mit Video-Teilnahme vieler Zuhörer und einiger Referenten realisierte Treffen fand zu einer Zeit statt, als die Erforschung dieser Sammlung bereits frische Impulse durch zwei in Polen 2017 initiierte Kolloquien erhalten hatte („… nur Frauen können Briefe schreiben“. Weibliche Briefkultur nach 1750 sowie Bestände der ehemaligen Preußischen Staatsbibliothek zu Berlin in der Jagiellonen-Bibliothek. Forschungsstand und -perspektiven). Auch die nach zehnjähriger Pause fortgeführte Edition Rahel Levin Varnhagen sorgte für Diskussionsstoff mit den Bänden IV, von Ursula Isselstein 2019 herausgegebene Tagebücher und Aufzeichnungen, und V, dem von Barbara Hahn edierten Briefwechsel mit Jugendfreundinnen (2021). Hinzu kamen das Digitalisierungsprojekt Schriftstellerinnen aus der Sammlung Varnhagen des Instituts für Germanische Philologie der Jagiellonen-Universität Krakau mit der Bauhaus-Universität in Weimar (seit 2023 online), und nicht zuletzt der Ankauf des Briefwechsels von Karl August Varnhagen von Ense mit der Engländerin Charlotte Williams Wynn durch die Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz (2020). All dies trug dazu bei, dass heute das Nachdenken über Rahel Varnhagen von Ense vor einer Neuorientierung steht.

In den knapp 200 Jahren, in denen von einer literarischen Rahel-Rezeption die Rede sein kann, gab es Brüche und Widersprüche, Fortschritte und Rückschläge, wechselten Phasen des Publikumserfolgs und inhaltlicher Auseinandersetzung ab mit solchen lähmender Funkstille und destruktiven Verschweigens. Der Zugang zum Werk ist nicht einfach. Mehr noch als mit der gealterten Sprache und der Frakturschrift früher Buchausgaben hängt dies mit den Herausforderungen seiner Ästhetik zusammen, mit der von Rahel Varnhagen bevorzugten epistolaren und fragmentarisch-aphoristischen Form, mit ihrer radikal subjektiven, durch Wortgewalt und Sprachwitz jeglicher Glättung und Verschlichtung trotzenden Schreibweise, mit der inhaltlichen Radikalität und politischen Brisanz ihrer Diskurse, die ein bloß flüchtiges Lesen unergiebig, gründlicheres aber zur Denkarbeit auf anspruchsvollem Niveau machen. Diesen Eindruck formulierte kein Geringerer als der Zeitgenosse Goethe schon mit dem Bekenntnis, er habe Rahels Schriften „gar wohl zu Sinn und Seele genommen; gelesen eigentlich nicht; das wollte erst nicht gehen“, sich nach mehrmaligem Hineinsehen aber verlocken lassen, „von vorn bis zu Ende den eignen Gang zu sehen, den eine solche Natur einschlagen mußte“ (an Ottilie von Goethe, 13.8.1824, WA IV. Abt., Bd. 38, S. 217).

Damit ist zugleich ausgesprochen, dass gerade dieses Werk nicht ohne „eine solche Natur“ zu denken ist, ohne die Person – Frau und Jüdin, Aufklärerin und Frühdemokratin, scharfsinnige Intellektuelle und bewunderte Gastgeberin, Selbstdenkerin und Wegbereiterin der Emanzipation –, die neugierig auf die Texte macht. Sie irritiert ihr Lesepublikum auch dann, wenn nicht in erster Linie Programmatisches zur Frauenbildung oder zur politischen Teilhabe von Minderheiten verhandelt, sondern Alltagserlebnisse, Begegnungen, Krankheiten oder das Wetter registriert und kommentiert werden. Doch gerade diese „Natur“ blieb nicht bei sich, sondern wurde posthum zu einer öffentlichen, ins Mythische entrückten Gestalt, zur Projektionsfläche für Phantasiebilder egalitärer geselliger Utopie, zum Sinnbild des Abstreifens sozialer und geschlechtsspezifischer Zwänge. Andererseits standen Werk und Person in der wechselvollen deutschen Geschichte wiederholt auf sprichwörtlichen Schwarzen Listen, wurden ausgegrenzt, verdrängt und vergessen, und dies nicht allein im Zeichen reaktionärer, männlich dominierter und ohnehin selektiver, auf die Prominenz von ‚Siegern‘ zugespitzter Literaturgeschichtsschreibung. Denn auch von Teilen der Linken wurde Rahels Denken als bourgeois bis reaktionär, von Vertretern der religiösen Orthodoxie als häretisch oder libertinär, von der wilhelminischen Universitätselite als Störfaktor einer vermeintlich ‚germanischen‘ Romantik abgetan, die zur antijüdischen, franzosenfeindlichen und mittelalterlich-katholischen Bewegung tendenziös umfunktioniert wurde.

Schon am hundertsten Todestag (7. März 1933), den die eben vollzogene Machtübergabe an Hitlers Bewegung überschattete, gab es in deutschen Blättern nur wenige resignative Gedenkworte. Mit der Schließung der Lesesäle der Preußischen Staatsbibliothek für jüdische Nutzer kam die Rezeption der Sammlung Varnhagen zum Erliegen, sieht man von erschütternden Ausnahmen ab wie dem zwangsverpflichteten ‚Bibliothekssklaven‘ Erich Loewenthal, der vor seiner eigenen Deportation und Ermordung noch aus Ludwig Roberts Briefwechsel exzerpierte. Das Schicksal Felix Mendelssohn Bartholdys, dessen Kammermusik allenfalls privat in abgedunkelten Garagen mit schalldämpfender Wandverkleidung gespielt werden konnte, widerfuhr auch Rahel Varnhagen, deren Schriften die akademische Naziliteratur nur selektiv, in antisemitisch diffamierender Absicht zitierte. Das Aussortieren besorgte in einem belegten Fall Reichspropagandaminister Goebbels persönlich (Joseph Wulf: Literatur und Dichtung im Dritten Reich, Bertelsmann: Gütersloh 1963), und selbst ihr Porträt fiel unter Publikationsverbot. Die Verlagerung der Handschriften aus Berlin nach Schlesien angesichts drohender Bombenangriffe mag in der allgemeinen Vernichtung als unwillkürlicher Glückszufall, als Rettung noch weitgehend ungehobener Schätze vor dem Verschwinden gelten, ebenso kurz nach Kriegsende der Abtransport der Bibliothekskisten aus dem Depot in Grüssau (heute Krzeszów) durch polnische Militärlastwagen an vorerst unbekannte Ziele.

Der unfassbar brutalen Auslöschung des kulturellen Erbes in Polen durch Deutsche folgten vier Jahrzehnte des Kalten Kriegs, in denen das Verbergen der Berliner Manuskripte, darunter der Varnhagenschen Autographensammlung, die jetzt als Kriegsverlust galt, jede Begegnung mit den Originalen vereitelte. Die als nationalsozialistische Leitwissenschaft korrumpierte, noch immer davon geprägte Nachkriegsgermanistik zeigte kein Interesse, an frühere Forschungsversuche anzuknüpfen. Die wenigen, die als Experten gelten durften, blieben im Exil (wie Käte Hamburger, Carl Misch, Werner Kraft) oder waren wie Ernst Heilborn, Georg Herrmann oder Oscar Ludwig Brandt und so viele andere deportiert und ermordet worden. Angesichts dieser tabula rasa wurde erstmals Hannah Arendts 1933 bis auf ein Kapitel fertiggeschriebene Polemik veröffentlicht (1957/59) und blieb für Jahrzehnte die einzige Referenz, mit der das letzte Wort über Rahel Varnhagen gesprochen schien. Immerhin erlebte eine vierbändige Edition bekannter Briefwechsel von Friedhelm Kemp zwei Auflagen (1966, 1979), und in zehn lichtblau kartonierten Gesammelte-Werke-Bänden (1983) faksimilierten die Herausgeber Konrad Feilchenfeldt, Uwe Schweikert und Rahel E. Steiner alles, was im 19. Jahrhundert publiziert worden war, und reichten ein Supplement mit verstreuten Drucken und unpublizierten Quellen außerhalb der Sammlung nach. Mit beiden Werkausgaben waren erste Bemühungen um Kommentierung und Erschließung durch Register verbunden. Die zunehmend reklamierte, endlich erfolgte Öffnung der in Krakau aufgefundenen Bestände führte nach dem Ende der Ost-West-Spaltung schließlich zu den gewichtigen Bänden der historisch-kritischen Edition Rahel Levin Varnhagen, die seitdem Neues aus dem Nachlass fördern oder zur Lektüre bekannter Texte in ungekürzter Fassung und originaler Orthographie einladen.

Freilich fehlt ein kritischer Forschungsbericht, der die verschlungene Wirkungs- und Rezeptionsgeschichte, bisherige Erträge und bleibende Desiderata darstellt, von den frühen biographischen Arbeiten in Deutschland (seit 1857), England (1876), Schweden (1905) und Frankreich (1910) bis hin zu den seit 1903 zu verzeichnenden, seit 1914 auch in Deutschland vorgelegten Dissertationen. Unentbehrlich wäre eine wenn nicht vollständige, so doch möglichst umfassende Personalbibliographie, in der die seit 1834 und erneut um 1900 aufgelegten Florilegien mit Rahel-Sentenzen ebenso zu berücksichtigen wären wie frühe Journaldrucke ihrer Briefe, Rezensionen, Aufsätze in Zeitschriften und Zeitungen, Darstellungen in Lyrik, Romanen, Drama, Hörspiel und Film. Und schließlich bleibt das literarische Phänomen Rahel Varnhagen von Ense kaum begreiflich, solange der erste und wichtigste Vermittler ihrer Schriften ausgeblendet wird. Noch immer steht eine Dokumentation der komplexen Beziehung Rahel Roberts zu Karl August Varnhagen von Ense aus, die mit einer sorgfältig kommentierten Neu-Edition des Partnerbriefwechsels 1808 bis 1829 einhergehen müsste. Eine integrale, kommentierte Edition seiner Tagesblätter wird zudem die Entstehung der Autographensammlung, die Provenienz erworbener Briefe, die Motive seiner Redaktion des Andenkenbuchs, dessen Wirkung (auch jenseits der 1833 adressierten Freunde) sowie die Entstehung und Rezeption vieler anderer Rahel-Veröffentlichungen und -Kommentare und vieles mehr nachvollziehbar machen.

Vor diesem Hintergrund war das Ziel unserer Jubiläumskonferenz, kompetente Referentinnen und Referenten zu gewinnen, die den Themenkomplex von unterschiedlichen Ansätzen her aufgreifen und sich entweder mit seit jeher problematisierten, bislang nicht zufriedenstellend geklärten Fragen befassen oder neue, nicht allein Rahel Varnhagen von Ense, sondern auch ihre Zeit und Zeitgenossen betreffende Kernthemen bearbeiten. Einige der für die künftige wissenschaftliche Arbeit maßgeblichen offenen Problemfelder, die einander evozieren, überlappen und ergänzen, lassen sich unter fünf Stichworten zusammenfassen: erstens Editorik, zweitens Textkritik und -analyse, drittens Erschließung der historischen und lebensweltlichen Inhalte, viertens die vergleichende Interpretation bekannter Narrative und ‚Urszenen‘, die zu hinterfragen wären, fünftens Kontextualisierung und Dekontextualisierung der Texte im Umfeld der Varnhagensammlung.

Die erste, grundlegende Voraussetzung zur Interpretation ist denjenigen zu verdanken, die sich über die Handschriften beugen, sie inventarisieren, sortieren, datieren, durch akribische Entzifferung und Transkription in leserliche, auch maschinell durchsuchbare Textdokumente überführen und diese für den Druck und/oder die online-Präsentation vorbereiten. Hinzu tritt die gewaltige Aufgabe der Kommentierung. Rahels Witwer und Nachlassverwalter hat mit seinen Randnotizen zu Briefen, zusammengestellten Listen, Zetteln mit Anekdoten und mündlichen Aussprüchen sowie mit seiner Autographensammlung Vorschub geleistet. Dies geschah im Bewusstsein, dass Rahel Varnhagens Überlieferung keine Privatsache bleiben sollte. Was sie von Gefühls- und Sinneseindrücken, Alltagserlebnissen, Wetter-, Lektüre- und Bühnenberichten, politischen Schreckensnachrichten, philosophischen Überlegungen, originellen Metaphern und geistreichen Witzen mit (oft beklagter) schlechter Feder auf zufällig greifbares oder gewählt feines Papier (das halbe Buch für vier Groschen, GW VII/1, 14) festhielt, fand große, bei Niederschrift keineswegs einkalkulierte, durch Adressierung gelenkte Aufmerksamkeit der Mit- und Nachwelt. Schon mit der Salonkultur um 1800, wo Briefe an mitgedachte Kollektive gerichtet, im Kreis der Interessierten und Gleichgesinnten vorgelesen und besprochen wurden, begann die Transposition des Privatesten in eine (Teil-) Öffentlichkeit, die den erstaunlichen Nachruhm Rahel Varnhagens begründet hat.

Nach der ersten Zusammenführung eines Briefwechsels (mit Regina Frohberg, vormals Rebecca Salomon, geschiedene Friedländer, die ebenso wie ihre Briefpartnerin die intensive Korrespondenz schon 1808 Karl August überließ und ihre eigenen Briefe später auf Wunsch zurückbekam) dauerte es nicht lange bis zum ersten literarischen Auftritt: Auszüge aus Rahel Roberts Korrespondenz mit Karl August Varnhagen über Goethes Wilhelm Meister erschienen anonym, mit Genehmhaltung des Dichters und im Kontext seines Verlags in dessen Hauszeitschrift Morgenblatt für gebildete Leser (1812). In den folgenden zwei Jahrzehnten blieb es bei der Anonymität, die Freiräume in einem von Zensur, Abschottung gegen Außenseiter und merkantilen Zwängen geprägten Literaturbetrieb bot. Schrittweise abgebaut wurde dieser Schutz in Enzyklopädien, wo Rahel Varnhagen von Ense zu Lebzeiten und mit Verweis auf Publikationsorte ihres Schreibens als Autorin vorgestellt wurde. Die Verwandlung exzerpierter Briefpassagen und Notate in literarische Manuskripte für Zeitschriften und Sammelwerke betrieb sie, ebenso wie das Projekt der Collage ihrer persönlichen und poetischen ‚Original-Geschichte‘, mit der ihr eigenen Energie und mit ihrem publizistisch versierten Ehemann, welcher Rahel. Ein Buch des Andenkens für ihre Freunde wenige Wochen nach ihrem Tod als Privatdruck, ein Jahr später erheblich vermehrt herausgab.

Dass diese Edition ihrer Werkförmigkeit zum Trotz ein im Kern nie abzuschließendes Projekt war und ‚work in progress‘ blieb, bezeugt die lebenslange Suche nach irgend vorhandenen Handschriften der Verfasserin, die Karl August von den Empfängern erflehte, entlieh und abschrieb, kaufte oder als Geschenk behalten durfte, um sie für gleich zwei Manuskript-Konvolute einer dritten, nie erschienenen Auflage des Andenkenbuchs zu exzerpieren. Die Originale wollte er sorgfältig bewahrt wissen, denn in ferner Zukunft werde eine ungekürzte Wiedergabe der Texte möglich sein. Unerschütterliche Zuversicht hinsichtlich des Nachruhms ihrer Tante hat auch Ludmilla Assing bei Verhandlungen mit F. A. Brockhaus motiviert, als sie zwei Bände Korrespondenz mit David Veit (1861), sechs mit Karl August Varnhagen (1874/75), weitere Anthologien mit Briefen z. B. an Humboldt oder Heine sowie den Band Aus Rahel’s Herzensleben (1877) herausgab. Das zur künftigen vermehrten Auflage kompilierte Buch des Andenkens wurde indessen erst 2011 von Barbara Hahn zum Druck gebracht, umgruppiert zu einer chronologisch-biographischen Briefsammlung und mit ursprünglich nicht vorgesehenen, freilich immer lesenswerten Ergänzungen versehen.

Das zweite Problem ist die Textkritik. Im Buch des Andenkens wurde Rahels Schreibweise modernisiert und vereinheitlicht, wie es in jeder Epoche eine Popularisierung für das Lesepublikum erfordern wird; mit Rücksicht auf damals noch lebende Personen kam es zu Namenskürzeln und redaktioneller Bearbeitung. Seit Hannah Arendt herrscht generelles Misstrauen gegen die im 19. Jahrhundert von Karl August Varnhagen von Ense und seiner Nichte Ludmilla Assing verantworteten Fassungen. Arendts Fälschungsverdacht ist zwar seit Wiederentdeckung des Nachlasses weitgehend ausgeräumt, nicht so der Vorwurf, der Witwer habe „Zensur“ verüben wollen. Wenige, mutmaßlich nach Abrede mit der Autorin geschwärzte Passagen, die u. a. ihre Geschwister und deren Umgang mit dem ererbten väterlichen Geschäft betreffen, sind angesichts der überwältigenden Fülle des Erhaltenen unerheblich. Es gibt kein Anrecht auf Indiskretion, und wer Zeilen tilgt, will ja den ganzen Brief gerade nicht vernichten, sondern konservieren. Heute ist die ungekürzte, zeichengetreue Wiedergabe von Handschriften der philologische Goldstandard, und doch müssen Handschriften und selbst gedruckte Briefe aus der historischen Typographie in moderne Formate überführt werden; dabei sollte Genauigkeit vorwalten. In der Fraktur sind manche Buchstaben und Sperrungen (für im Original vorfindliche Unterstreichungen) nicht leicht zu unterscheiden. Die wohl meistzitierte Selbstcharakteristik: „Ich bin so einzig als die größte Erscheinung dieser Erde“ hat Rahel Varnhagen nie „so“ geschrieben, auch wenn die Fehllesung seit Hannah Arendt ständig wiederholt wird. Rahel hat erstens das „so“ unterstrichen – was Karl August Varnhagen und Ludmilla Assing gesperrt hervorheben (an David Veit, 16.2.1805, BdA 1834 I, 266, GW VII/2, 260; in Kemp III, 83 kursiviert, nicht in BdA 2011 I, 379) –, weil sich die Aussage auf einen vorangehenden, relativierenden Satz bezieht, zweitens steht ein Komma hinter „einzig“, weil es sich eben nicht um einen Vergleich („einzig“ und „größte“ sind nur einmal vorhanden und nicht zu steigern) des schreibenden Ich mit der „größten Erscheinung“ handelt. „Ich bin so einzig, als …“, mit diesen Worten identifiziert sich Rahel Varnhagen vielmehr unverblümt und ist selbst die „größte Erscheinung dieser Erde“, wenngleich nur bezüglich der Eigenschaft, die jener Satz formuliert, auf den „so“ und Komma verweisen – nur in dieser ist der „größte Künstler, Philosoph, oder Dichter, […] nicht über mir“. Man drehe den Satz herum: Als größte Erscheinung dieser Erde bin ich (in derjenigen Eigenschaft, die der vorangehende Satz benennt) einzig und niemand über mir. Ohne den spezifizierenden Vor-Satz wird das Zitat aus dem Zusammenhang gelöst und missverstanden.

Interpunktion kann über den Sinn eines Satzes oder Satzteils entscheiden, und für die Schreiberin machte es einen Unterschied, ob etwas hervorgehoben wird oder nicht, ob einfache, doppelte, drei oder mehr Unterstreichungen vorliegen, ob eine vehement formulierte Interjektion mit einem oder fünf Ausrufezeichen endet. Das stellt beim Edieren und beim Buchsatz vor Probleme, macht diesen mitunter kommentierbedürftig. Ein weiteres beliebtes Zitat, der Stoßseufzer auf dem Sterbebett, Rahels Pflegerin möge sie beim Vornamen nennen, wird im Buch des Andenkens mit Spatium, also „aus gegnädigefraut!“ wiedergegeben (BdA 1833 und 1834 I, 44), nicht, wie überall zitiert, „ausgegnädigefraut!“ (z. B. BdA 2011 VI, 120, bei Kemp IV, 376 mit Bindestrich). Durch Sperrung hervorgehoben wird auch das „ich“ im Ausspruch „Ach, wenn du wüßtest, was ich denke“ (BdA 1834 I, 41, nicht BdA 2011 VI, 117). Längen-s in Fraktur wird gern als kleines f fehlinterpretiert oder umgekehrt: „Reife“ (BdA 1834 I, 338), nicht unbedingt eine „Reise“ (BdA 2011, I, 324) brauchen Kinder, um die Bibel zu verstehen, eine „Wohlfein (Generalin)“ ist im Register fehl am Platz (GW X, 542), wenn Rahel über „der Generalin Wohlsein“ erfreut ist; ebensowenig gehört „Hitzig, Robert von“ (GW X, 496) hinein, wenn sie ein Schreiben des Bruders (Ludwig) Robert von Hitzig empfing.

Die Verschlagwortung und biographische Identifizierung erwähnter Personen führt drittens zum Rekurs auf historische und lebensweltliche Inhalte, die in Rahels Schriften angesprochen sind. In manchen frühen Briefen wird unser Verständnis strapaziert, weil erwähnte Umstände, Begebenheiten, Lokalitäten und Lebensläufe kaum noch nachvollziehbar sind. Je mehr die Epoche um 1800 dem historischen Bewusstsein entgleitet, desto wichtiger ist das Heranziehen historischer Literatur und gleichzeitiger Quellen. Hier leistet bereits die Edition Rahel Levin Varnhagen unschätzbare Vorarbeiten wie die (ergänzungsbedürftigen) Stammbäume von Rahels Verwandtschaft im Anhang zu Bd. III, Familienbriefe (2009) von Renata Buzzo Márgara Barovero, die vielsprachige, in Notizhefte exzerpierte und kommentierte Lektüre, die Ursula Isselstein in Tagebücher und Aufzeichnungen aufgelistet hat, oder die Ermittlung heute vergessener Bühnenwerke, Aufführungen und Ensemblemitglieder durch Barbara Hahn im Buch des Andenkens. Zu den Desiderata gehört ein Itinerar, das die Nachverfolgung der Reisen ermöglicht, schon wegen der Soziotope in zeitgenössischen Kurbädern, die Hannah Lotte Lund erforscht hat. Die lebenslange Krankengeschichte Rahel Varnhagens bedürfte einer medizinhistorischen Studie. Zahlreiche Berolinismen und die von Karl August hinterlassene Liste ihrer Wohnungen sollten versierte Lokalhistoriker/-innen zu näherer Erkundung motivieren. Dies gilt auch, trotz gediegener Standardwerke von Petra Dollinger, für die von Rahel initiierte oder frequentierte Geselligkeit. Die in Briefen dokumentierten Namenslisten in unterschiedlichen Lebensphasen, auch in Frankfurt am Main oder Süddeutschland, sollten kein totes Kapital bleiben. Erst eine minutöse, durch computer-genealogische Hilfsmittel unterstützte Identifizierung könnte ein ‚Netzwerk‘ veranschaulichen, das sich in den Salons abzeichnet, aber noch längst nicht ausreichend kartographiert ist.

Mit der Kommentierung von Briefen werden sich neue Einsichten zur Lebenswelt um 1800 auftun, womit das vierte Problemfeld angesprochen ist. Manche nur in Umrissen bekannte Details dürften vertieft, geläufige biographische Klischees in Frage gestellt werden. In der Forschung sind divergierende Richtungen erkennbar. Hannah Arendts Narrativ hatte den sechsjährigen Verlöbnis-Briefwechsel der Varnhagens (bis auf seine, ebenfalls aus dem Zusammenhang amputierte Selbstcharakteristik als „Bettler am Wege“) und die neunzehn Ehejahre weitgehend ausgeklammert sowie die Rolle des herausgebenden Witwers nachhaltig denigriert. Existenzielle Not artikulieren Jugendbriefe Rahel Levins: den Schmerz über ihre Zwangslage in einer immobilen Ständehierarchie, die Juden von sozialer Teilhabe, Mädchen von Bildung und literarischem Diskurs, unverheiratete Frauen von ökonomischer Selbstsorge auszuschließen gewohnt war. Dieser Blockade habe Rahel jedoch, so Arendt, vergebens erstens durch Heirat, zweitens durch die Konversion entrinnen wollen. Unter Hinweis auf die Katastrophe des Holocaust gebe sie ein Exempel für lebenslanges, gescheitertes Assimilationsbemühen an eine christliche Mehrheitsgesellschaft ab, dessen Protagonistin sich bis zur Übernahme antisemitischer Vorurteile angepasst und erst auf dem Sterbebett darauf besonnen habe, aus dem Judentum nie herauszukommen. Schon die Voraussetzung einer christlichen Einheitsgesellschaft kann für Preußen mit seinen zugewanderten Hugenotten und vereinnahmten katholischen Landesteilen nicht überzeugen. Aber gibt dieses Opfernarrativ auch das Auftreten Rahel Varnhagens in Wien, Frankfurt am Main, Karlsruhe und Baden-Baden zutreffend wieder, verdunkelt es sogar ihr Zusammenleben mit Karl August oder die Zeit ihres zweiten Berliner Salons?

Der reduzierte Diskurs, die Verabsolutierung weniger Schlüsselmomente und ‚Urszenen‘ aus Rahels Jugend, die mit späterem aktiven Engagement schwer vereinbar erscheinen, wird zur ausweglosen Bestätigungsschleife, in der sich die Deutung radikalisiert und weit über den Quellenbefund hinaus ins Spekulative entgleitet. Ein Beispiel dafür ist die These von Deborah Hertz, die Judenfeindschaft Rahels habe sich sogar auf Konvertiten erstreckt, denen sie in fremden Salons auf keinen Fall zu begegnen wünschte (Wie Juden Deutsche wurden. Die Welt jüdischer Konvertiten vom 17. bis zum 19. Jahrhundert, Frankfurt am Main: Campus 2010, S. 230). Hierfür wird kein einziger Beleg beigebracht – er wäre angesichts der Gästelisten, die vom Gegenteil zeugen, schwerlich zu finden. Wie aber Rahel Varnhagen von Ense ihre Strategie zur Teilnahme am literarischen Diskurs der Epoche entwickelte, trotz der mit selbstbewusster Subjektivität artikulierten Widerstände, zeigt eine andere Perspektive der Forschung. Daniela Henke interpretiert gerade die frühen Briefwechsel mit (männlichen) Briefpartnern wie David Veit als Dialog auf Augenhöhe, der am Ende zur Selbstermächtigung und ‚Werkherrschaft‘ der Schreiberin beigesteuert habe, zur bewussten Wahl des tendenziell subversiven, gegen vorgegebene Gattungsschranken männlich dominierter Gelehrsamkeit opponierenden Briefgenres und zur Vorbereitung einer posthumen Publikationsstrategie (Zur Arbeit an weiblicher Autorschaft und Werkherrschaft um 1800. Rahel Levin Varnhagens Selbstkonstitution als Autorin. In Alena Heinritz, Julia Nantke (Hg.): Autor:innenschaft und/als Arbeit. Zum Verhältnis von Praktiken, Inszenierung und Infrastrukturen, Paderborn u. a.: Brill | Fink, 2024 (Literatur und Ökonomie, Bd. 9), S. 47–63). Zwischen diesen hier angedeuteten Extrempositionen wird sich die neuere Rahel-Varnhagen-Forschung orientieren müssen.

Mit zunehmender Erschließung der Autographen stellt sich fünftens das Problem der Kontextualisierung und Dekontextualisierung. Soweit es sich um Briefe handelt, liegt es nahe, Gegenbriefe heranzuziehen, falls beide Seiten eines Briefwechsels in den Konvoluten vorfindlich oder aus anderen Quellen zu erschließen sind. Doch schon die edierten Familienbriefe zeigen, wie Rahels Schreiben nicht selten über eine dialogische Korrespondenz hinausgeht und unvermittelt, oft mitten im Satz, auch Geschwister, Ehepartner, Kinder oder andere Personen im Umkreis von Empfängern anspricht. Der Anrede einer Mehrzahl von Adressaten entspricht umgekehrt die Praxis der Autorin, ihre Mitteilungen in Schreiben des Ehemanns zu integrieren. Zuschriften an Konrad Engelbert Oelsner in Paris sind oft auf dem gleichen Blatt mit komplementären Berichten Karl Augusts aus der preußischen Hauptstadt zu lesen, die einen politischen Kontext herstellen, auf den sich Rahel Varnhagen anschließend bezieht. Darüber hinaus gilt es, weitere verständnis-relevante Bestände der Sammlung in Betracht zu ziehen. Neben Briefwechseln sind Aufzeichnungen, Tagebücher, Exzerpte und Gedichte Rahel Varnhagens nicht selten mit Personen befasst, von denen sich Lebenszeugnisse in anderen Konvoluten finden. Daher wird eine künftige Forschung das Varnhagen-Erbe integral behandeln, nicht nur Autographen in Krakau, die in die Hunderttausende gehen, sondern den gesamten Kontext – von der ‚Bibliothek Varnhagen‘, die Ursula Isselstein zur Rekonstruktion der Rahel-Lektüren aufgeschlüsselt hat (bibliographisch zu ergänzen durch 1859 versteigerte, im Auktionskatalog gelistete Titel), über Porträts von Salonbesuchern, die Ludmilla Assing angefertigt hat, über Konvolute gedruckter Zeitungsartikel bis zur Scherenschnittkunst der Varnhagen-Geschwister, zu den collagierten Visitenkarten der Mauerstraße 36 in Berlin und zu Ottilie Assings Photoalbum im Frederick-Douglass-Nachlass in Cedar Hills, Washington D. C.

Auf Rahel Levins Initiative und Auftrag, ihre Briefe zu einer poetischen Original-Geschichte zu kollationieren, geht letztlich auch die erst im Jahrzehnt nach ihrem Tod im Sommer 1841 (vgl. Tb I, 312) systematisch einsetzende Sammlung außerfamiliärer Lebenszeugnisse zurück. Ihren Wunsch suchte Karl August Varnhagen von Ense mit Zustiftungen von Mitwirkenden zu entsprechen, deren persönliche Erinnerungen an Rahel verschriftlicht wurden. Dem Varnhagenkreis nahestehende, meist dem gebildeten Bürgertum entstammende, nicht immer literarisch hervorgetretene oder politisch-historisch namhaft gewordene Zeitgenossen wurden ebenfalls integriert, und sogar Rahels Dienstpersonal (Dorothea Neuendorf, Karoline Hübner, Karl Ganzmann) ist mit Lebenszeugnissen vertreten. Überdies erfasste das Sammelinteresse die von der Revolution inspirierten Debatten über Menschenrechte und Verfassung, die Vor- und Nachgeschichte der europäischen Freiheitsbewegung von 1848, die Studentenbewegung der ‚Demagogen‘, religiöse Dissidenten, verfolgte und emigrierte Demokraten, amerikanische Abolitionisten. So illuminieren die Autographen ihrerseits den Epochenhorizont, in den Rahel Varnhagen von Ense gestellt war, der von der Reformation über die Frühaufklärung und Haskala, von Klassik und Romantik über Vor- und Nachmärz bis zu den Anfängen der Arbeiterbewegung reicht. Das Beziehungsgeflecht von knapp zehntausend katalogisierten Briefautor/-innen und Adressaten veranschaulicht und bildet die Sammlung. Über eine national beschränkte Literaturgeschichte hinaus eröffnet sie internationale Perspektiven, denn der Besucher-, Korrespondenten- und Bekanntenkreis des Ehepaars und ihr politisches Interesse dehnte sich auf Österreich, die Schweiz, Frankreich, England, Spanien und Italien, Osteuropa und Russland bis nach Übersee aus.

Letztlich gewährten die Autographen berühmter Vertreter aus Politik und Kultur einen gewissen Bestandsschutz für die in ihrem Wert verkannten weniger prominenten Handschriften. Viel zu lange wurde die Sammlung als Fundgrube themenkonjunkturell relevanter, kanonisierter Autoren wahrgenommen, wurden Briefe Goethes, Schlegels, Heines oder Lassalles aus der Sammlung ohne nähere Erörterung der Provenienz ediert. Die erwähnte online-Edition von Frauenbriefen aus der von Karl August Varnhagen empfangenen, aber auch z. B. von Helmina von Chézy zugestifteten Korrespondenz ist das erste Projekt, das die Sammlung als Kontext berücksichtigt und ausdrücklich im Titel führt (https://schriftstellerinnen-varnhagen.eu). Aber auch die De- und Neukontextualisierung kann erkenntnisfördernd sein: In chronologischer Folge geordnet, sind Geschwisterbriefe mit Gewinn neben den im selben Zeitraum geschriebenen an David Veit oder Karl Gustav von Brinckmann zu lesen, wie Barbara Hahn im modernisierten Buch des Andenkens ermöglicht. Die Sammlung sollte als das nicht zu reproduzierende ‚Gesamtkunstwerk‘ eines vielstimmigen Kollektivs untersucht werden, das offen für Nachträge, Einsprüche und Fortschreibung bleibt, das Materialien wie Rezeptionsdokumente, Bildnisse, Kommentare, Blumenandenken zusammen mit Originalbriefen überliefert, die „einander wechselweise ergänzen und beleuchten, damit auch der Fremde und Spätlebende nach und nach in einer solchen wirklichen und durch geistige Ueberlieferung zugleich idealen Gesellschaftswelt endlich ganz einheimisch werde und mitlebe“ (Karl August Varnhagen von Ense: Jean Pauls Briefwechsel mit seinem Freunde Christian Otto, in: Jahrbücher für wissenschaftliche Kritik, Jg. 1829, H. 63, Sp. 503 f.).

Mit einzelnen Facetten des hier vorgestellten Spektrums befassen sich, unterschiedlichen Zielsetzungen und Methoden verpflichtet, die im vorliegenden Band versammelten Aufsätze. Den Auftakt bildet eine Überblicksdarstellung zu Rahel Levin Varnhagens Vita von Petra Wilhelmy-Dollinger. Eingehend schildert sie die Umstände und historischen Bedingungen weiblichen Schreibens, die Gepflogenheiten, die um 1800 für gesellige Zusammenkünfte in jüdischen Häusern Berlins prägend wurden, sowie den nahezu unübersichtlichen Freundeskreis. Die schon zu Lebzeiten prominente, publizistisch aber anonym auftretende Autorin verortet Wilhelmy-Dollinger in der Tradition von Aufklärung und Frühromantik zwischen Shaftesbury und Madame de Staël. Zugleich widmet sie sich mit ihrem Beitrag dem, was Zeitgenossen in missbilligender Absicht als weiblich-emanzipatorische ‚Frauenzimmer-Geselligkeit‘ bezeichneten. Rahels weltoffener Lebensstil verdanke sich dem Erbe des Ancien Régime; die unvoreingenommenen politischen Diskurse ihrer Salons seien der ansonsten geistig stagnierenden Reaktionsära des Biedermeier eingeschrieben.

In einem Werkstattbericht stellen die Herausgeberinnen der Edition Rahel Levin Varnhagen, Johanna Egger und Barbara Hahn, einige bisherige und die noch geplanten Titel der seit 1997 erscheinenden Editionsreihe vor, namentlich das auf mehrere Bände angelegte Projekt Briefwechsel mit Jugendfreundinnen (aber auch -freunden). Sie geben Einblick in den Manuskriptbestand der Rahel-Konvolute der Sammlung Varnhagen und skizzieren, welchen Aufschluss die überlieferte Korrespondenz für weibliche und – in einigen Beispielen – jüdische Emanzipationsgeschichte(n) sowie die Briefpraxis der damaligen Zeit bietet. Neben der Herausgabe der Briefe von und an Karl Gustav von Brinckmann und David Veit sind zwei weitere Bände geplant, die den Austausch mit rund vierzig Korrespondentinnen enthalten, während der Ehebriefwechsel mit Karl August Varnhagen keine Berücksichtigung finden soll. Im Mittelpunkt des Unternehmens Edition Rahel Levin Varnhagen stehen bevorzugt die an weibliche Korrespondenten adressierten Texte, die als „Bühnen der Selbstreflektion“ vorbildhaft wurden.

Mit dem nachgelassenen einzigen ‚Werk‘, durch das die Autorin ‚Rahel‘ Eingang in die Literaturgeschichte fand – der Briefsammlung, die im Untertitel den Freundeskreis und die Funktion als Gedächtnisort mit sich führt –, beschäftigt sich Volker Schindler. Die Herausgabe durch den Witwer, dessen Position in der Literaturszene seiner Zeit skizziert wird, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es, wie frühere Fassungen des Manuskripts (eine wurde Goethe 1824 durch Vermittlung seiner Schwiegertochter Ottilie vorgelegt), von Rahel Varnhagen selbst initiiert wurde. Der Entstehungsprozess lässt sich anhand der raren Quellen und im Text selbst zu ermittelnden Indizien nur lückenhaft rekonstruieren. Desto mehr Gewicht legt Schindler auf die Analyse der Wirkungsgeschichte eines Buchs, das gewissermaßen als ‚soziale Plastik‘ die Anhängerschaft zusammenhielt und in mehreren Wellen (auch durch die Rezeption des Jungen Deutschland) bedeutend erweiterte. Schindler beleuchtet die dadurch ausgelösten Polemiken sowie die Nachfolge von Bettina von Arnim und Hermann von Pückler-Muskau, die ebenfalls mit kontroversen, im Grenzgebiet von Privatem und Öffentlichem angesiedelten Briefcollagen aufgetreten sind.

Mit den sogenannten ‚Wetternotizen‘, die vielen dieser Briefe vorangestellt und vom Witwer typographisch herausgehoben wurden, mit den Bedingungen eines um 1800 einsetzenden, von Rahel Levin Varnhagen leidvoll konstatierten Klimawandels und seiner literarischen Tauglichkeit als Illustration von Seelenzuständen, Anlass für philosophische Diskurse oder Motivation für eine spontane, nicht regelgeleitete Schreibweise beschäftigt sich Ingo Breuer in seiner Interpretation. Der ursprünglich ästhetische, aus der Musik hergeleitete Begriff der ‚Stimmung‘, die den Adressaten gegenüber auch mit Metaphern der Witterung kommuniziert wird, gerät dabei zunehmend in Konkurrenz zu dem meteorologischen Fachausdruck ‚Atmosphäre‘, die – als allgegenwärtiges, unabweis- und wandelbares Fluidum – nicht nur das Auf und Ab der seelischen Gesundheit, sondern neben den Variablen der jeweiligen Lebenssituation auch krisenhafte politische Entwicklungen und den Fortgang der Menschheitsgeschichte zu verbalisieren vermag.

Von Zeitgenossen wurde Rahel Varnhagen von Ense nicht nur als Gastgeberin oder ihrer Briefe wegen, sondern auch als lebenspraktisch zugreifende und hilfsbereite Freundin gewürdigt. Zur historischen Analyse der europäischen Cholera-Epidemie von 1831/32, die allein in Preußen 41.000 Opfer forderte, zieht Katarzyna Jaśtal diejenigen Briefpassagen heran, die von den Risiken der Seuche handeln und mögliche Gegenmaßnahmen erörtern. Dabei erweist sich Rahel, die bei ihrer anfälligen Gesundheit viel mit Ärzten verkehrte, als Anhängerin der (später widerlegten) Miasmen-Theorie, was die den Empfängern ihrer Warnbriefe empfohlenen Rezepte, Diäten und Verhaltensregeln widerspiegeln. Unter Rückgriff auf die Wissenschaftstheorie Ludwik Flecks interpretiert Jaśtal die soziale Interaktion Rahel Varnhagens im Zeichen lebensbedrohlicher Gefahr als Konstituierung eines „Denk-Kollektivs“, das akademisches Wissen rezipiert, eigenwillig und pointiert zusammenfasst und Verhaltens- und Handlungsoptionen aufzeigt.

In ihrer Selbstanalyse hatte Rahel keine Scheu, eigene Ressentiments zu thematisieren. Beim Blättern im Lyrikband Malven von Friedrich Kind überfiel sie (GW IV/1, 114) „gleich ein so schnelles, plötzliches, unzuverhinderndes Vorurtheil, wie man’s gegen Juden hat. (Nicht weil ich eine bin, sondern weil wir in Deutschland doch kein anderes haben.)“ Manuela Günter widmet sich einerseits der Tradition der aphoristischen Form, in welcher Gedanken und Erkenntniswege oft verdichtet sind, andererseits der Frage, inwieweit die oft von Rahel Levin Varnhagen artikulierte Erfahrung von Diskriminierungen zum Verlust sozialer Integrität geführt und folglich die Entwicklung eigener ‚Opfer-Ressentiments‘ begünstigt habe. Günter liest briefliche Diskurse, in denen Ressentiments vergleichsweise unauffällig, aber im Affront gegen die Welt artikuliert seien, als Zeugnisse prekären, von Selbstdisziplinierung und Subordination geprägten Schreibens. Der Aphorismus als literarische Ausdrucksform half, die Reaktion auf erlittene Verweigerung „gleicher Rechte und Möglichkeiten für Christen und Juden, Männer und Frauen“ zu verkapseln; eine Lektüre gegen den Strich soll die idealisierende Vorstellung von einer ‚gelungenen‘ Emanzipation als Mythos entlarven.

Mit Johann Gottlieb Fichte stellt Anne-Maika Krüger den umstrittenen, von der Französischen Revolution inspirierten Autor vor, dessen Ich-Philosophie, Wissenschaftslehre und Reden an die deutsche Nation das Denken der Frühromantik maßgeblich beeinflusst haben. Sie hinterfragt die Bewunderung für Fichte, die Rahel Varnhagen von Ense – nicht ohne kritische Einwände – mit vielen, gerade jüdischen Zeitgenossen teilte, darunter auch ihr Jugendfreund Veit und der Bruder Ludwig Robert. In einem zweiten Schritt wendet sich Krüger ihrem praktischen Engagement zu: Trotz nationalistischer, germanophiler und antifranzösischer Tendenzen in den Befreiungskriegen nahm sich Rahel 1813 in Berlin und Prag ohne nationale Vorbehalte der Verwundeten aller Kriegsparteien an. In einem Epochenabschnitt, den Krüger als „Zeit der Germanomanie“ etikettiert, grenzte sie sich durch „aphoristisches“ Denken vom universalistischen Gedankengebäude Fichtes ab, ebenso von einer ideologischen Konstruktion Deutschlands, die mit Abgrenzung gegen Frankreich und wachsendem Judenhass einherging.

Der Aufsatz von Maria Kłańska beschäftigt sich mit dem in der bisherigen Literatur kaum beforschten Thema der Beziehung Rahel Levins zu Polen und polnischen Juden. Durch die Rekonstruktion der historischen Kontexte von epistolaren Aussagen zeigt die Autorin auf, dass die Berliner Salonnière zwar keine umfassende Kenntnis der politischen Situation Polens besaß, den intensiven freiheitlichen Bestrebungen der Einwohner jedoch tiefes Verständnis entgegenbrachte, deren Staat Ende des 18. Jahrhunderts von der Landkarte Europas verschwand. Dabei untersucht der Aufsatz die in diesem Zusammenhang bedeutende Bekanntschaft Rahels mit der aus Posen stammenden Ehefrau ihres jüngsten Bruders Moritz, Ernestine Robert, geb. Victor, die sich mit dem Freiheitsstreben der Polen identifizierte. Ferner beleuchtet Kłańska die Bekanntschaften Rahels mit polnischen Adligen, die sie entweder ihren Kuraufenthalten oder der Vermittlung Karl August Varnhagens von Ense verdankte.

Paola Ferruta geht Rahel Varnhagens Interesse am Saint-Simonimus nach, das – wie zuletzt aus der Edition ihrer Tagebücher ersichtlich – die letzten Lebensjahre der Briefphilosophin begleitete: Mitte der 1820er Jahre kam sie mit der Lehre Saint-Simons in Berührung; zu deren Anhängern in Paris hatte sie bis kurz vor ihrem Tod Verbindung durch den amerikanischen Reisenden Albert Brisbane. Vor allem zeigte sie sich von der geschlechterpolitischen Botschaft überzeugt, die Rahel im Sinne einer säkularen Religion interpretierte. Um den Kontext ihrer einschlägigen Äußerungen zu bestimmen, rekonstruiert Ferruta die französischen und die deutschen Netzwerke, die zur Verbreitung des Saint-Simonismus beitrugen. Dabei definiert sie den Varnhagen-Kreis als den durch intellektuelle Nähe und gemeinsame sozialpolitische Ziele zusammengehaltenen zentralen Knotenpunkt eines transnationalen Kommunikationsnetzes. Dieser Zirkel wurde zur wichtigsten Informationsquelle über den Saint-Simonismus in Deutschland; zu den Teilnehmern gehörten neben Rahel und Karl August Varnhagen von Ense auch Goethe sowie die Vertreter der nächstfolgenden Intellektuellengeneration: Heinrich Heine, Eduard Gans, Heinrich Laube und Theodor Mundt.

Barbara Becker-Cantarino analysiert die Korrespondenzartikel der Journalistin, Schriftstellerin und Übersetzerin Ottilie Assing, die in der Varnhagen-Forschung vor allem als die rebellische Nichte Karl August Varnhagens wahrgenommen wird. Der Beitrag konzentriert sich auf die erste Phase ihrer journalistischen Tätigkeit in den USA, wohin die Protagonistin im Alter von 33 Jahren kam und von wo sie bis 1865 als Nachrichtenlieferantin für das einflussreiche Morgenblatt für gebildete Leser Johann Georg von Cottas schrieb. Indem sie die Entwicklung als ungebundene, freischaffende Autorin in den Vereinigten Staaten verfolgt, zeigt Becker-Cantarino auf, wie Ottilie Assing durch ihren Anschluss an die Abolitionisten und ihre Beziehung zum ehemaligen Sklaven und Menschenrechtsaktivisten Frederick Douglass ihren Weg zum politischen Journalismus fand. Dabei werden die Gründe für die fehlende breitere Rezeption Assings in den USA und Deutschland, ihre Verdienste sowie die problematischen Aspekte ihrer Haltung gegenüber der Sklavenfrage thematisiert.

Den Versuch einer deutschen Publizistin in Paris, das französische Publikum mit Rahel Varnhagens schriftstellerischem Vermächtnis bekannt zu machen, schildert Jadwiga Kita-Huber. In einem Aufsatz von 1835 würdigte Helmina von Chézy als erste weibliche Rezensentin die im Buch des Andenken gedruckten Briefe als Meisterstücke (chefs d’œuvres), die sowohl als Zeitdokumente wie als literarisches ‚Werk‘ gelten konnten. Begeisterte Urteile legte Chézy, die am 25. April 1801 Berlin verlassen und Rahel Robert nicht mehr persönlich kennengelernt hatte, in einem weiteren, deutschsprachigen Aufsatz (1839) Henriette von Montenglaut in den Mund, wobei der Begriff der Frauenemanzipation differenziert beleuchtet, nur Selbstständigkeit im Denken und Handeln (auch bei ihrem Engagement für Kriegsverletzte und Choleraopfer) als emanzipiert bezeichnet wird. Schließlich erörtert Kita-Huber den Briefwechsel zwischen Chézy und Karl August Varnhagen, der sie zu einer Anthologie aus Rahels Briefen motivieren wollte.

Der Schelling-Schüler und Anthroposoph Ignaz Paul Vital Troxler in der Schweiz war Mitherausgeber des Schweizerischen Museums, das zu Lebzeiten Bruchstücke aus Briefen und Denkblättern der Autorin anonym publizierte. Die epistolarische Präsenz Rahel Varnhagens von Ense in der von 1815 bis 1848 geführten Korrespondenz ihres Ehemanns mit Troxler untersucht Joanna Szczukiewicz, wobei sie Frequenz und Ausführlichkeit der Erwähnungen ebenso statistisch erfasst wie die Zuschriften von Rahels Hand. Der intensivste Meinungsaustausch fand im Erscheinungszeitraum der Zeitschrift, zwischen 1815 und 1818 statt. Nach 1833 werden das Andenkenbuch und die von Troxler für die Abschrift nach Berlin entliehenen, an ihn gerichteten Briefe zum Thema, während Rahel Varnhagen als „abwesend Anwesende“ die emotionale und geistige Zugewandtheit der politisch selten übereinstimmenden Korrespondenzpartner gewährleistete.

Der Tod des mit Rahel Levin fast gleichaltrigen Diplomaten und Historikers Karl Ludwig von Woltmann markierte eine Zäsur in ihrer Korrespondenz mit dessen Ehefrau Karoline von Woltmann, geschiedenen Müchler, geborenen von Stosch. Agnieszka Sowa widmet sich Kondolenz- und Trauerbekundungen, ihren Topoi und Metaphern, der Funktion vertraulicher Aussprache und des Trosts im Briefwechsel. Das Bezeugen gleichrangiger Freundschaft und gegenseitigen Respekts fand epistolarischen Widerhall; Rahel Varnhagen, die sich selbst gegen die Vorstellung von einer Abrundung des Lebens durch den Tod wehrte, glaubte Karoline von Woltmann durch die „wahrhaft schöne Weise“, mit dem Verlust umzugehen, begünstigt. Karoline von Woltmann entschied sich ihrerseits, Briefe und Denkblätter ihres verstorbenen Gatten zu einem Andenkenbuch zu vereinigen und hat damit mutmasslich auch die literarische Selbstvorsorge ihrer Freundin Rahel Varnhagen von Ense hinsichtlich deren Nachlasses beeinflusst.

Mit der letztwilligen Verfügung, ihren Leichnam nicht zu begraben, beschäftigt sich Paweł Zarychta und ermittelt eine Fülle von Details über die Aufbahrung in einer Gruft (für die es mindestens ein zeitgenössisches Vorbild in Rahel Levins unmittelbarer Nachbarschaft gab), die Anfertigung eines doppelten und mit Fenster versehenen Sarkophags, die Aufsicht durch den Totengräber und die Ansprache des Predigers bei einer Totenfeier, der keine Grablege folgte. Neben der Ordnung der materiellen und literarischen Hinterlassenschaft ergab sich für den Witwer aus Verfügungen und mündlichen Verabredungen mit Rahel diese Verpflichtung. Was die skurril erscheinenden Vorkehrungen motiviert haben mag, erklärt die damalige Scheintod-Debatte, bei der Vertreter der Ärzteschaft ein Hinausschieben von Begräbnissen bis zur sicheren Feststellung des Todes empfahlen. Der Ankauf eines Stadtgärtchens für ein späteres Grab wurde nicht verwirklicht. Am Ende gab Ludmilla Assing, die sich seit 1861 in Florenz niedergelassen hatte, ihre eigene Grabstelle auf dem Berliner Dreifaltigkeitsfriedhof zugunsten ihrer Tante auf.

In Rahel Levins früheste Jugendzeit reicht die Bekanntschaft mit Alexander von Humboldt zurück, der das Freundschaftsverhältnis mit ihrem Witwer Karl August Varnhagen zeitlebens fortsetzte und diesem nicht nur zahlreiche ihn erreichende Briefsendungen für seine Sammlung, sondern auch politische Überzeugungen und sarkastische Urteile mitteilte. Ulrike Leitner untersucht Humboldts Verhältnis zu weiblichen Korrespondenten, von denen etliche (wie die künftige Herausgeberin seines Briefwechsels Ludmilla Assing) literarisch, wissenschaftlich, künstlerisch sowie – als Regenten in eminenter Stellung – politisch aufgetreten sind. Dabei erweist sich der bei manchen Zeitgenossen in den Verdacht der Gefühlskälte und Unerreichbarkeit geratene Naturforscher und Entdeckungsreisende als humorvoller, kooperativer Dialogpartner auf Augenhöhe, der weiblichen Genies ebenso charmant begegnete wie der liebevollen Fürsorge, die seine Nichte Gabriele von Bülow ihm zuteil werden ließ.

Jörg Paulus nähert sich der Sammlung Varnhagen aus medienökologischer Perspektive. Diese kann für die Erweiterung der Erforschung von Archiv- und Sammlungsbeständen fruchtbar gemacht werden, indem sie – über die traditionelle Textinterpretation hinaus – die materiellen Objekte der Kollektion sowie die zwischen ihnen bestehenden Relationen herausstellt. Seinen Ansatz, der ihn über bisher marginalisierte Aspekte der Sammlung reflektieren lässt, verfolgt der Verfasser, indem er in seinen Analysen erstens den Bezügen zwischen Briefen und pflanzlichen Briefbeilagen und zweitens epistolaren und diaristischen Repräsentationen von Tieren in der Sammlung nachgeht. Seine Thesen illustriert Paulus anhand von Beispielen aus der Korrespondenz zwischen dem Dichter und Diplomaten Apollonius von Maltitz und der Dichterin Helmina von Chézy, zwischen dem Weimarer Regierungsrat und Archivar Christian Gottlob von Voigt dem Jüngeren und Clemens Brentano, ferner zwischen dem Fürsten Hermann von Pückler-Muskau und seiner Frau Lucie sowie anhand von Traumsequenzen aus den Tagebüchern Rahel Varnhagens.

Der Aufsatz von Nikolaus Gatter widmet sich zunächst Hannah Arendts biographischem Essay Rahel Varnhagen. Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin aus der Romantik, den er in der Spätzeit der Weimarer Republik mit ihrem akademischen Konservatismus und zunehmenden Antisemitismus verortet. Der Autor verweist auf Gründe für den Erfolg des Werks nach 1959, das in der Zeit, in der ältere Biografien und Studien ignoriert wurden, als „letztes Lebenszeichen“ Rahel Varnhagens und „Überbleibsel der verschollenen Briefe“ rezipiert wurde. Vor diesem Hintergrund wirft der Verfasser einen kritischen Blick auf Rekonstruktionen der Beziehung Rahels zu Jugendfreunden als Zeugen ihrer jüdischen Herkunft und zu Karl August Varnhagen, der die Rezeption ihrer Schriften ermöglichte. Dabei zeigt er auf, wie einfache binäre Oppositionen zu kurz greifen, um die „soziale Marke Rahel“ zu beschreiben, deren Erfassung komplexerer Koordinaten bedarf.

Hannah Lotte Lund fokussiert die Auseinandersetzung Günter de Bruyns mit Rahel Varnhagen, beginnend mit dem in der DDR publizierten Buch Rahels erste Liebe: Rahel Levin und Karl Graf von Finckenstein, das de Bruyn zu einem ihrer „Wiederentdecker“ nach 1945 werden ließ. Wie die späteren Essaybände Als Poesie gut und Die Zeit der schweren Not belegen, hielt de Bruyns Beschäftigung mit der Salonnière über vier Jahrzehnte an. Indem Lund der Kommentarpraxis und den editorischen und literarischen Strategien des Autors nachgeht, rekonstruiert sie das von de Bruyn entworfene Bild der jüdischen Intellektuellen, das im zeithistorischen Rahmen der deutschen Teilung – wie auch im Kontext seines Interesses für die Mark Brandenburg und die Kultur- und Literaturgeschichte Berlins – in de Bruyns Werk auffallende und spezifische Schwerpunktverschiebungen erlebt.

Mit dieser Auswahl glauben die Herausgeber, erste Ansätze zu einer Bearbeitung der oben skizzierten Problemfelder vorstellen zu können: von Rahels Einführung in die Arena der literarischen Debatte durch ein Andenken für ihre Freunde über Bemühungen um die Finckenstein-Korrespondenz in der DDR bis zum Projekt Edition Rahel Levin Varnhagen, von dem durch Rollendistanz und Ambiguität geprägten Selbstbild der Autorin im philosophischen Diskurs über Juden und Weiblichkeit bis zu ihrer mitten im aufkeimenden deutschen Nationalismus erfolgten Positionsnahme für den jenseits des Rheins entwickelten Saint-Simonismus, vom lebenspraktischen Umgang mit der Cholerakrise bis zur medienökologischen Spurensuche in der Varnhagensammlung, von Kondolenzen an Freundinnen bis zu testamentarischen Ansprüchen auf eine individuelle Beisetzung, von der Freundschaft mit Gelehrten wie Ignaz Paul Vital Troxler und Alexander von Humboldt bis zur Publikationsstrategie in der Sprache des jeweils ‚adoptierten Vaterlands‘ (wie es auf Ludmilla Assings Grabstein in Florenz heißt), die Helmina von Chézy in Paris und Ottilie Assing in New York verfolgten. Weltliterarische Vermittlung, sei es durch Rahels französische Goethe-Nachdichtungen oder durch Übersetzungen politischer Schriften, mit denen die emigrierten Nichten das Risorgimento und den Abolitionismus unterstützten, gehört zum Kerngeschäft der Sammlung Varnhagen. Ihre internationale Vielfalt gemahnt heute an den Wunsch nach Aussöhnung und Verständigung zwischen einander entfremdeten und verfeindeten Nationen, an die Chancen eines kulturellen Dialogs auf Augenhöhe und den Grundsatz der Toleranz gegenüber Minderheiten. Nur unter diesen Vorzeichen lässt sich das 250. Jubiläum von Rahel Varnhagen von Ense angemessen würdigen.

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„All' Ihre Briefe sind an Ort und Stelle“

Schreiben, Sammeln, Überliefern – Rahel Varnhagen und die Varnhagensammlung

Cover „All' Ihre Briefe sind an Ort und Stelle“
E-Book ISBN:
9783846769782
Publisher:
Brill | Fink
Print Publication Date:
29 Oct 2025
  • Subjects
    • Literature and Cultural Studies
      • German
Front Matter
Preliminary Material
Copyright Page
Einleitung
Danksagung
Siglenverzeichnis
Teil I Auftakt / Biographisches
Die philosophische Salonnière
Teil II Editorisches
Rahel Levin Varnhagen im Briefwechsel mit Freundinnen
„das ganze Lebensbild glücklich erneuen“
Teil III Kontexte
Epistolare Atmosphäre und romantische Stimmung
Briefe in den Zeiten der Cholera
„Opfer-Ressentiments“
Rahel Levin Varnhagen, Johann Gottlieb Fichte und die Germanomanie
Teil IV Internationale Kontexte
Rahel Levin Varnhagen und Polen
Noch ein Wort zu Rahel Levin Varnhagen und der saint-simonistischen „Rehabilitierung des Fleisches“
Ottilie Assings Weg zur politischen Journalistin im Morgenblatt für gebildete Leser (1851–1865)
Teil V Netzwerke & Nachruhm
Mäander von Autorschaft und Emanzipation
Abwesende Anwesenheit
„bei Ihnen wird der Verlust schön […], bei mir ist es jedesmal eine Amputation“
„… die Sache ist allerdings ernst und ganz originell!“
Frauen in Alexander von Humboldts Leben
Teil VI Sammlung / Rezeption
Hybrid-Herden in Melancholie-Plantagen
„… um die Herkunft, alle Mitwisser der Herkunft loszuwerden.“
„Eine Rahel in den Märkischen Dichtergarten pflanzen“
Anhang
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