Überhaupt ist man hier gegen Fremde so eingenommen, glaube ich.1
Das andre aber ist fremd wie der Mond. Der Herr von Ketten liebte dieses andere heimlich.2
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts legt Franz Kafka dem jungen, nach Amerika verstoßenen Karl Roßmann die im oberen Zitat vorangestellte Mutmaßung in den Mund. Schon um 1900 handelt es sich um einen Topos: Im Zeichen einer beispiellosen Massenmigration wurde den ‚Fremden‘ mit ins Narrative übersetzten Vorbehalten begegnet. Sich derart artikulierende Ablehnung war allgegenwärtig – gegenüber den Menschen, die in die Vereinigten Staaten emigrierten ebenso wie gegenüber jüdischen Geflüchteten aus Osteuropa, polnischen Saisonarbeiter*innen oder dem in den rasant gewachsenen Städten neu geformten Prekariat. Fremdes wurde mit Skepsis bedacht: Wo etwa im Zuge des um sich greifenden Nationalismus Alterität erzeugt wurde, wo im Kontext der Frauenrechts-, Homosexuellen- oder Lebensreformbewegung konventionelle Normen in Frage gestellt wurden, kam es zwangsläufig zu Konfrontationen.
Das zweite Zitat, entnommen aus Robert Musils Die Portugiesin, illustriert dabei die andere, ebenfalls mit Normbrüchen in Verbindung stehende Konnotation des Fremden. Aus der Perspektive des Protagonisten von Ketten wird es weder als suspekt noch als bedrohlich rezipiert. Stattdessen wirkt das Fremde anziehend und erzeugt gerade im Gegensatz zum ‚Taghellen‘ eine starke Faszination. Etwas ‚Heimliches‘ spricht den Herrn von Ketten an, das zugleich von außen sowie von innen auf ihn wirkt und ihn herausfordert. Das Fremde bleibt auf diese Weise ambivalent. Wo von Ketten Gefahr läuft, von der Anziehungskraft des Fremden überwältigt zu werden, ist das abwehrende Verhältnis gegenüber dem fremden Reisenden Karl Roßmann von Faszination geprägt. Ein Teil der Faszination und Bedrohlichkeit des Fremden rührt daher, dass unvorhersehbar bleibt, wie sich das jeweilige Eigene verhält. Dies gilt unabhängig davon, ob es sich gegenüber dem Fremden abschließt, gar danach trachtet, es zu tilgen, oder ob sich das Eigene dem Fremden hingibt.
Diese Ambivalenz des Fremden zeigt sich auch heute: Von der ‚Eingenommenheit‘ gegenüber den als fremd marginalisierten Menschen zeugen etwa Anschläge, rechtsextremistischer Terror, eine vom selbst nicht über alle Zweifel erhabenen Verfassungsschutz als extremistischer Verdachtsfall eingeschätzte Partei im Bundestag sowie der Ausbau der ‚Festung Europa‘ und die europaweiten Restriktionen gegenüber Geflüchteten, die jährlich zu Tausenden im Mittelmeer sterben. In anderen Bereichen hingegen scheinen Faszination und Begeisterung zu überwiegen, beispielsweise hinsichtlich des technologischen Fortschritts. Aus den ersten Automobilen und Flugzeugen sind mittlerweile KI-gesteuerte E-Autos und Space-X-Raketen geworden. Die sich erweiternden Fernsprechnetze, welche gemeinsam mit Eisenbahn und Schnelldampfer die Welt um 1900 immer kleiner werden ließen, sind im 21. Jahrhundert der bald weltumspannende satellitengestützte Internetzugang sowie die Schaffung und Erschließung neuer digitaler Welten. Einerseits verringern diese technischen Innovationen um 1900 wie heute Fremdheit durch gesteigerte Mobilität, zugleich können sie im Bild des seltsamen Fernsprechapparats ebenso wie in der Virtual Reality Fremde evozieren. Da passt es, dass die in kuriosen bis gefährlichen Parallelwelten von Verschwörungstheoretiker*innen und Reichsbürger*innen artikulierte Skepsis und Ablehnung ihre Wurzeln in mystizistischen, lebensreformerischen und völkischen Diskursen um die Jahrhundertwende haben.
Viele der Debatten um 1900 resultieren zwar aus längerfristigen Prozessen im 19. Jahrhundert, sie kulminieren jedoch innerhalb kürzester Zeit in einem von Geschwindigkeit und Aufbruch, Technisierung und Ausdehnung, von Nervosität und Unsicherheit geprägten Umfeld:
[E]s ist wohl kaum übertrieben zu sagen, daß alles, was im 20. Jahrhundert wichtig werden sollte – von der Quantenphysik bis zur Frauenrechtsbewegung, von abstrakter Kunst bis zur Genetik, von Kommunismus und Faschismus bis zur Konsumgesellschaft, vom industrialisierten Mord bis zur Macht der Medien –, zwischen 1900 und 1914 erstmals seine Massenwirkung entfaltete oder sogar erfunden wurde.3
Mit Blick auf 1900 macht die Fülle an unterschiedlichen Diskursen sowie die Vielzahl der diskursiven Ereignisse4 es jedoch nahezu unmöglich, sich dieser bis in die Gegenwart nachwirkenden „Übergangszeit“5 angemessen zu nähern. Noch herausfordernder wird es, wenn man die Gleichzeitigkeit dieser diskursiven Formationen als Prämisse für den zeitlichen Kontext insgesamt sowie die ebenso heterogene literarische Moderne denkt.
Ein Annäherungsversuch kann über den Terminus des ‚Fremden‘ erfolgen, der um die Jahrhundertwende zur zentralen Formel von verschiedensten Such- und Erklärbewegungen wurde und auch hinsichtlich des interdiskursiven Potentials bedeutsam ist. Dabei bezeichnet Fremde als theoretische Kategorie keine ontologische Differenz, sondern beschreibt als zentrales Charakteristikum ein imaginiertes Verhältnis. Wer oder was als fremd empfunden wird, ist der jeweiligen subjektiven Weltsicht und Wahrnehmung geschuldet, die – in ähnlicher Weise und eng zusammenhängend mit ‚Kultur‘ – über Narrative hergestellt wird.6 Ist im Verlauf der vorliegenden Untersuchung die Rede von ‚Ordnungslogiken‘, dann sind damit die diskursiv erzeugten Ordnungen gemeint, die individuell sowie kollektiv wirksam das Eigene organisieren. Text im weitesten Sinne muss so als zentral für die Erzeugung sowie das kontinuierliche Hinterfragen des Eigenen verstanden werden. Nicht zufällig datiert Kurt Röttger die auch gegenwärtig wieder wachsende Unsicherheit hinsichtlich längst überwunden geglaubter Konzepte wie Identität und den so evozierten Rückzug ins Eigene auf 1900 zurück und konstatiert von der Jahrhundertwende ausgehend eine erstarkende „philosophische, aber auch ethnologische und soziologische Reflexion von Fremdheit“.7 Dabei reagieren diese Diskurse selbst auf zumeist kulturell, das heißt narrativ erzeugte Phänomene des Fremden und erzeugen so eine zeitgenössisch neue Wahrnehmung vom Fremden. Die von Röttgers beschriebenen Reflexionen von Fremdheit können als Leitplanken bei der Untersuchung zeitgenössischer, literarischer Texte verstanden werden, die sich interdiskursiv auf die spezifischen Diskurse berufen, sie jedoch be-, fort-, aber auch umschreiben und so das Fremde ästhetisieren.8
Die Aufgabe einer literaturwissenschaftlichen Analyse liegt in der Untersuchung der jeweiligen Inszenierung des Fremden bzw. der Verfahrensweise mit dem Fremden. Sie kann anhand der Texte nicht nur die kontextuellen Narrative des Fremden aufzeigen, sondern auch ihrer jeweiligen Vertextung nachspüren. Eine solche Herangehensweise orientiert sich zwar an der breiten Forschung zum Komplex Fremde,9 nimmt jedoch auf dieser Grundlage verstärkt die zeitgenössischen Diskurse in den Blick, um einen interdisziplinären Begriff des Fremden zu gewinnen. Ein solcher Fremdheitsbegriff kann nicht als ‚Schlüssel‘ für literarische Texte gelten. Unter Annahme der These, das Spiel von Eigenem und Fremden fungiere als zentrale Determinante, kann eine solche Herangehensweise jedoch als Zugriff auf eine „Poetik des schrägen Blicks“10 verstanden werden, die wie in einem Vexierbild verborgene Sinnstrukturen einbezieht.
Unter diesen Voraussetzungen wird sich im Folgenden zwei Textkonvoluten genähert, die zugleich in konvergierender wie divergierender Weise am Komplex Fremde partizipieren: der nie erschienenen Sammlung ‚Die Söhne‘ Franz Kafkas sowie den Drei Frauen Robert Musils.
Am 11. April 1913 schlägt Kafka dem Verleger Kurt Wolff vor, die Erzählungen Der Heizer, Die Verwandlung und Das Urteil gemeinsam zu veröffentlichen:
[E]s besteht zwischen ihnen eine offenbare und noch mehr eine geheime Verbindung, auf deren Darstellung durch Zusammenfassung in einem etwa ‚Die Söhne‘ betitelten Buch ich nicht verzichten möchte […] Mir liegt eben an der Einheit der drei Geschichten nicht weniger als an der Einheit einer von ihnen.11
Die „offenbare“ Beziehung der Texte zeigt Kafka selbst mit der Benennung ‚Die Söhne‘, weswegen Vorschläge, die „geheime Verbindung“ etwa im übereinstimmenden Merkmal der „Übergangserzählungen“12 zu suchen, wenig sinnvoll erscheinen. Vielmehr bietet sich das Fremde als verbindendes Element der Erzählungen an,13 welches in der Verschiffung nach New York, im fremdgewordenen Freund in Petersburg und der Entfremdung vom Vater sowie der Verwandlung in den Fremdkörper des „ungeheueren Ungeziefer[s]“14 sichtbar wird.
Dabei bietet sich der bis in die Gegenwart nicht erfolgte Vergleich mit Musils Drei Frauen an. So stehen in beiden Sammlungen trotz Musils irreführendem Titel jeweils drei Männer im Mittelpunkt der Erzählungen, die als das Eigene innerhalb der Texte identifiziert werden können. Beiden Zyklen ist so ein ‚experimenteller‘ Charakter inhärent, wie er auch für Musils essayistische Texte gilt:
Dieses ist das Heimatgebiet des Dichters, das Herrschaftsgebiet seiner Vernunft. Während sein Widerpart das Feste sucht und zufrieden ist, wenn er zu seiner Berechnung so viel Gleichungen aufstellen kann, als er Unbekannte vorfindet, ist hier von vornherein der Unbekannten, der Gleichungen und der Lösungsmöglichkeiten kein Ende. Die Aufgabe ist: immer neue Lösungen, Zusammenhänge, Konstellationen, Variablen zu entdecken, Prototypen von Geschehensabläufen hinzustellen, lockende Vorbilder, wie man Mensch sein kann, den inneren Menschen erfinden.15
Getreu dem Motto „exempla docent. Lehre in Beispielen“16 werden die drei Variationen des „Musilschen Typus des ‚Ingenieurgeistes‘“17 auf der einen Seite und die drei prototypischen Söhne Kafkas18 auf der anderen Seite in einem textuellen ‚Versuchslabor‘19 als „Probeläufe menschlicher Selbstbildung“20 unterschiedlichen Formen der Fremde ausgesetzt. Der jeweilige Versuchsaufbau weist Parallelen auf: Die Expedition in das fremd gezeichnete Fersenatal in Grigia, das Verhältnis zur fremden Frau in Die Portugiesin sowie die mehrdimensionale Entfremdung des Protagonisten in Tonka bespielen strukturell vergleichbare Facetten des Fremden, wie sie auch in den ‚Söhnen‘ zu finden sind. Sowohl Kafka als auch Musil, so die These, variieren jeweils in ihren drei Erzählungen das Fremde und spielen verschiedene Szenarien der Begegnung wie auch des Umgangs damit durch. Beide experimentieren im Spannungsfeld zwischen dem Eigenen und Fremden, indem sie sich in zeitgenössische Diskurse einschreiben, die wiederum Facetten der ‚Fremderfahrung Moderne‘ sind. Die Erzählungen Kafkas und Musils korrespondieren im Sinne Jürgen Links21 mit diesen Diskursen, deren Zentren durch Phänomene des Fremden verbundene Topoi sind: Kolonialismus, Primitivismus, Nationalismus, Großstadt, Prostitution, Geschlechtskrankheit, Eugenik, Neurasthenie, Psychoanalyse und Lebensreform sind Themenkomplexe, deren diskursive Verflechtung und deren Relevanz für das Verhältnis vom Eigenen und Fremden in den literarischen Texten zu untersuchen sind. Weniger geht es darum, die einzelnen Einflüsse nachzuweisen oder gar wissenschaftliche Theorie in den Texten zu isolieren. Vielmehr werden die „Denkmodelle“ herausgestellt, die Musil (und auch Kafka) mit „wissenschaftlichen Theorien als Ausgangspunkt“22 entwickelt. Letztlich lässt sich so zwar eine beinahe parallel verlaufende Realisierung des Topos Fremde nachzeichnen, die in der Summe jedoch zu einem völlig anderen Ergebnis führt: Kafkas Erzählungen berichten von einer Auflösung des Eigenen im Fremden, während in Musils Texten das Eigene in der Konfrontation mit dem Fremden an Stabilität gewinnt.
Trotz der kaum noch zu überblickenden Forschung zu Kafka und Musil steht eine umfassende Untersuchung hinsichtlich des Fremden in den ausgewählten Erzählungen noch aus. Eine wichtige Grundlage bilden Wolfgang Müller-Funks Beiträge Die Frau und das Fremde und der Handbucheintrag Drei Frauen sowie Patrice Djoufacks Monographie Der Selbe und der Andere.23 Diese weisen jeweils auf die besondere Bedeutung des Fremden für die ausgewählten Texte Musils respektive Kafkas hin. Dabei wird die Akzentuierung im Falle der Drei Frauen jedoch vornehmlich auf die Alterität aufgrund der Geschlechterbinarität zurückgeführt, während Djoufack sich vor allem auf den interkulturellen Subtext der Erzählungen beschränkt und somit weitere, zentrale und mit der Kategorie des Fremden greifbare Aspekte (etwa gender und class) vernachlässigt. Darüber hinaus liegen unzählige Studien vor, die ebenfalls schlaglichtartig einzelne Aspekte des Fremden berühren: Diskursive Einflüsse sowie das Partizipieren an zentralen, anthropologischen Diskursen der Zeit (wissenschaftlich etwa in Bezug auf Ethnologie, Soziologie, Psychoanalyse oder Gestalttheorie ebenso wie in Bezug auf Themenkomplexe wie Geschlecht, Judentum oder Großstadt) sind vielfach zum Gegenstand von Untersuchungen geworden.24 Die Erfahrung und Darstellung von Fremde als poetologischem Prinzip wird jedoch erst in der zuweilen auch widersprüchlichen Verbindung der Diskurse deutlich, die bis dato noch nicht geleistet wurde. Ähnliches gilt für eine vergleichende Untersuchung der sechs Erzählungen. Zwar wurden bereits Verbindungslinien zwischen den beiden Autoren gezogen,25 ein ausführlicher Textvergleich von Kafkas ‚Söhnen‘ und Musils Drei Frauen steht allerdings noch aus.26
Der vieldeutige Begriff des Fremden sowie die interdiskursiv an diesem Begriff sowie den damit verknüpften Diskursen partizipierenden Konvolute analytisch zusammenzuführen, ist die Herausforderung dieser Untersuchung. Eine abschließende Definition des Fremden als analytischer Kategorie kann nicht Ziel der vorliegenden Arbeit sein, vielmehr ist zu bezweifeln, ob eine solche terminologische Bestimmung möglich ist. Stattdessen soll sich dem Vorbild Wolfgang Müller-Funks folgend dem Begriff von unterschiedlichen diskursiven Seiten aus angenähert werden.27 Um dem historischen Kontext der ausgewählten Texte gerecht zu werden, sind zeitgenössische Diskurse besonders akzentuiert, die um 1900 am Begriff des Fremden partizipierten (etwa der phänomenologische, psychoanalytische, soziologische und ethnologische Diskurs). Anhand dieser Beiträge lassen sich allgemeine Strukturmerkmale des Fremden destillieren, die die Vergleichbarkeit der sechs Erzählungen gewährleisten. Essentiell dabei sind zudem die herausgearbeiteten Analysekriterien. Diese ermöglichen einen Zugriff auf drei Ebenen der unterschiedlichsten Fremdheitsphänomene, nämlich des Begegnungsortes (intrapersonal, interpersonal, intrakulturell und interkulturell), der Intensität (normal, strukturell und radikal) und des Vektors, das heißt des Umgangs mit dem Fremden (Xenophagentum, Exodus, Odyssee, Nomadismus). Dieser systematische Ansatz ist strukturell notwendig, um der Dichte der unterschiedlichen Ebenen des diskursiven Gewebes angemessen zu begegnen, in welches die beiden Konvolute eingeschrieben sind.
Ausgehend von diesem systematischen Ansatz ergeben sich drei analytische Schwerpunkte: In einem ersten Schritt wird das jeweils Eigene in den Texten identifiziert, um hiervon ausgehend das relationale Verhältnis mit den unterschiedlichen Fremdheitsdimensionen in den Erzählungen zu bestimmen sowie zum anderen die vornehmliche, besonders akzentuierte Ebene der Konfrontation mit dem Fremden auf der Ebene des Begegnungsortes herauszuarbeiten.
Zweitens fußt die Analyse auf der Zusammenführung der sechs Erzählungen mit Texterzeugnissen der zeitgenössischen Diskurse, welche durch die Kriterien des Begegnungsortes und der Intensität vergleichbar werden. Ein Anspruch auf Vollständigkeit kann angesichts der vielseitigen diskursiven Dynamik, der diskursiven Ereignisse und der dabei entstandenen Vielstimmigkeit nicht gewährleistet werden. Stattdessen ist das Ziel, anhand einzelner Schlaglichter die Relevanz und jeweilige Akzentuierung und Ausgestaltung des – so der erste Teil der Arbeitsthese – den beiden Konvoluten zugrundeliegenden Fremde-Diskurses zu beleuchten. So wird der mehrschichtigen Verortung der einzelnen Texte sowie der beiden Konvoluten insgesamt im zeitgenössischen Fremde-Diskurs nachgegangen. Die Situierung von einzelnen Textpassagen der Erzählungen in verschiedenen Diskursen ermöglicht in der jeweiligen Kontextualisierung ein ‚neues‘ Lesen und verspricht gerade im Vergleich der ‚Söhne‘ mit den Drei Frauen neue Lesarten. Dazu tragen auch weitere Texte der Autoren bei, etwa die umfangreichen Essays Musils oder Einträge in den ‚Tagebüchern‘,28 um etwa Kontexte herzustellen, die in den Texten angelegt sind. Keinesfalls sollte aufgrund gelegentlicher biographischer Referenzen der Eindruck einer biographistischen Herangehensweise entstehen; diese dienen vielmehr dort, wo sie nicht längst zu Allgemeinplätzen geworden sind, der Ausgestaltung des Bezugsrahmens, in welchem die Texte operieren.
Drittens legt die Integration der unterschiedlichen mit dem Topos Fremde interferierenden Diskurse sowie die jeweilige Verfahrensweise mit diesen Fremderfahrungen neue Perspektiven auf die Texte frei. Indem in Kafkas und Musils Erzählungen – so der zweite Teil der Arbeitsthese – unterschiedliche Vektoren in der Verhandlung mit dem Fremden forciert werden, löst sich das Eigene in den ‚Söhnen‘ auf, während es sich in den Drei Frauen konsolidiert.
Franz Kafka: Der Heizer [1913]. Ein Fragment. In: ders.: Schriften, Tagebücher, Briefe. Kritische Ausgabe. Hrsg. v. Jürgen Born, Gerhard Neumann, Malcolm Pasley u. Jost Schillemeit. [Bd. 6.1]: Drucke zu Lebzeiten. Hrsg. v. Wolf Kittler, Hans-Gerd Koch u. Gerhard Neumann. Frankfurt a. M.: Fischer 1994. S. 63–111. S. 71. Im Folgenden zitiert mit der Sigle KH.
Robert Musil: Die Portugiesin [1923]. In: ders.: Drei Frauen. In: ders. Gesammelte Werke in neun Bänden. Hrsg. v. Adolf Frisé. Bd. 6. Prosa und Stücke. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1978. S. 252–270. S. 259. Im Folgenden zitiert mit der Sigle MP.
Philipp Blom: Der taumelnde Kontinent. Europa 1900–1914. München: Hanser 2009. S. 14.
Die Beispiele sind zahllos und betreffen unterschiedlichste Bereiche. Die folgende, kursorische Übersicht mag einen Eindruck vermitteln: Als historische Geschehnisse ließen sich etwa die Berliner Kongokonferenz (1884–1885), die Verbreitung des Kinos, dessen Geburtsstunde sich auf die Vorstellung der Brüder Lumière 1895 datieren lässt, Kolonialkriege, etwa der Boxeraufstand 1899–1901, die Weltausstellung 1900 in Paris mit rund 50 Millionen Besucher*innen, der erste motorisierte Flug der Gebrüder Wright 1903, die Entdeckung der Relativitäts-Theorie durch Albert Einstein (1905), der Untergang der Titanic (1912) und – nicht zuletzt – der Erste Weltkrieg samt seiner Folgen für Europa benennen.
Theobald Ziegler: Die geistigen und socialen Strömungen des neunzehnten Jahrhunderts. Berlin: Bondi 1899. S. 523: „Und so leben wir nicht nur thatsächlich in einem Übergangszeitalter, sondern […] wir fühlen uns auch als Menschen des Übergangs. Übergangszeit aber ist böse Zeit, vor allem weil in ihr unsere Gedanken und Gefühle auf allen Punkten zwiespältig geworden sind.“.
Vgl. Wolfgang Müller-Funk: Die Kultur und ihre Narrative. Eine Einführung. 2. überarb. u. erw. Aufl. Wien: Springer 2008. Vgl. zur Funktion des Erzählens für andere Wissensbereiche: Jürgen Link: Literaturanalyse als Interdiskursanalyse. Am Beispiel des Ursprungs literarischer Symbolik in der Kollektivsymbolik. In: Diskurstheorien und Literaturwissenschaft. Hrsg. von Jürgen Fohrmann u. Harro Müller. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1988. S. 284–307; Albrecht Koschorke: Wissen und Erzählen. In: Nach Feierabend. Zürcher Jahrbuch für Wissensgeschichte 6 (2010). S. 89–102.
Kurt Röttgers: Fremdheit. In: Neues Handbuch philosophischer Grundbegriffe. Bd. 1 (Absicht – Gemeinwohl). Hrsg. von Petra Kolmer u. Armin G. Wildfeuer. Freiburg, München: Alber 2011. S. 818–832. S. 818.
Zur ästhetischen Relevanz des Fremden: vgl. Herbert Grabes: Einführung in die Literatur und Kunst der Moderne und Postmoderne. Die Ästhetik des Fremden. Tübingen: Francke 2004. Außerdem Simone Neuber: „Fremde kann sogar [als] ein Grundmoment unserer vielschichtigen Erfahrung von Kunst als Kunst [benannt werden]“ (Simone Neuber: Kunstbefremdung. In: Kunst und Fremderfahrung. Verfremdungen, Affekte, Entdeckungen. Hrsg. von Werner Fitzner. Bielefeld: transcript 2016. S. 141–158. S. 141).
„Das Fremde hat Konjunktur“, schreibt Klaus Lösch 2012 und konstatiert: „Diese Aussage ist in den letzten drei Jahrzehnten längst zum Topos geworden und findet sich in zahlreichen Publikationen der geradezu unablässig produzierten wissenschaftlichen Thematisierung des Fremden.“ (Klaus Lösch: Das Fremde und seine Beschreibung. In: Phänomene der Fremdheit. Fremdheit als Phänomen. Hrsg. von Simone Broders, Susanne Gruß u. Stephanie Waldow. Würzburg: Königshausen & Neumann 2012. S. 25–49. S. 25) Nach einem zuletzt abnehmenden Interesse sind zuletzt wieder Arbeiten erschienen, die das Fremde zum Ausgangspunkt oder Thema ihrer Forschung haben; vgl. im Bereich der Literatur etwa Dirk Oschmann: Freiheit und Fremdheit. Kafkas Romane. Basel: Schwabe 2021. Im Bereich der Religionswissenschaften Janosch Freuding: Fremdheitserfahrungen und Othering. Ordnungen des „Eigenen“ und „Fremden“ in interreligiöser Bildung. Bielefeld: transcript 2022.
Andrea Leskovec: Fremdheit und Literatur. Alternativer hermeneutischer Ansatz für eine interkulturell ausgerichtete Literaturwissenschaft. Berlin: Lit. Verlag 2009. S. 180.
Franz Kafka: Briefe 1913-März 1914 [Bd. 7.2]. Hrsg. v. Hans-Gerd Koch In: ders.: Schriften, Tagebücher, Briefe. Kritische Ausgabe. Hrsg. v. Jürgen Born, Gerhard Neumann, Malcolm Pasley u. Jost Schillemeit. Frankfurt a. M.: Fischer 1999. S. 166. Im Folgenden zitiert mit der Sigle KB II.
So etwa der Vorschlag von Volker Drüke (Volker Drüke: Kafkas Verwandlung. Das Urteil, Der Heizer, Die Verwandlung und weitere Erzählungen in neuem Licht. Oberhausen: Athena 2016. S. 158). Ähnlich geht auch Jorgen Egebak vor, der die Erzählungen gemeinsam mit Texten aus Tagebüchern und Briefen liest und so eine autobiographische, figurale Neukonstituierung innerhalb der „Durchbruchstexte“ konstatiert. (Jorgen Egebak: Die fiktive Wahrheit des Traums. Strategien in Franz Kafkas ‚Durchbruchstexten‘. In: Kafka und Prag. Colloquium im Goethe-Institut Prag. 24.–27. November 1992. Hrsg. von Kurt Kropol u. Hans Dieter Zimmermann. Berlin, New York: de Gruyter 1994. S. 113–132. S. 122).
Richard T. Gray erklärt das Fremde gar zum Grundstein von Kafkas Œuvre: „Kaum ein Thema prägt das Werk Kafkas mit gleicher Vehemenz wie das der Fremdheit. Ohne größere Schwierigkeiten läßt sich die Behauptung vertreten, das Gesamtwerk sei eine einzige, immer wieder anders konzipierte Auseinandersetzung mit der Fremdheitsproblematik.“ (Richard T. Gray: Fremden-Verkehr. Kafkas Der Nachbar und die Soziologie des Fremden. In: Odradeks Lachen. Fremdheit bei Kafka. Hrsg. von Hansjörg Bay u. Christof Hamann. Freiburg i. Breisgau, Berlin: Rombach 2006. S. 167–192. S. 167).
Franz Kafka: Die Verwandlung [1915]. In: ders.: Schriften, Tagebücher, Briefe. Kritische Ausgabe. Hrsg. v. Jürgen Born, Gerhard Neumann, Malcolm Pasley u. Jost Schillemeit. [Bd. 6.1]: Drucke zu Lebzeiten. Hrsg. v. Wolf Kittler, Hans-Gerd Koch u. Gerhard Neumann. Frankfurt a. M.: Fischer 1994. S. 113–200. S. 115. Im Folgenden zitiert mit der Sigle KV.
Robert Musil: Skizze der Erkenntnis des Dichters [1918]. In: Robert Musil: Gesammelte Werke in neun Bänden. Bd. 8: Essays und Reden. Hrsg. von Adolf Frisé. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1978. S. 1094–1103. S. 1029.
Robert Musil: Tagebücher. Hrsg. v. Adolf Frisé. Neu durchgesehene und ergänzte Aufl. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1983. S. 489. Im Folgenden zitiert mit der Sigle MTB I.
Christa Gürtler: Drei Märchen um Drei Frauen: Männerträume am Beginn unseres Jahrhunderts. In: Die Zeichen der Historie. Beiträge zu einer semiologischen Geschichtswissenschaft. Hrsg. von Georg Schmid. Wien, Köln: Böhlau 1986. S. 129–144. S. 132 f.
Ebenso wie Musils Männerfiguren sind Kafkas Söhne als Variationen zu begreifen. Sie sind verwandt, wie Kafkas eigene Verwechslungen in den Manuskripten nachweisen; vgl. Jörgen Kobs: Kafka. Untersuchungen zu Bewusstsein und Sprache seiner Gestalten. Bad Homburg: Athenäum 1970. S. 48 f.
Vgl. zur These von Musils Erzählungen als Experimenten Christoph Hoffmann: Drei Geschichten. Erzählen als experimentelle Operation bei Musil (und Kleist). In: „Es ist ein Laboratorium, ein Laboratorium für Worte“. Experiment und Literatur III 1890–2010. Hrsg. von Michael Bies u. Michael Gamper. Göttingen: Wallstein 2011. S. 162–180.
Gerhard Neumann: Franz Kafka. Experte der Macht. München: Hanser 2012. S. 141.
Vgl. Link: Literaturanalyse als Interdiskursanalyse (1988).
Birthe Hoffmann: Die Seele im Labor der Novelle. Gestaltpsychologische Experimente in Musils Grigia. In: DVjs 69 (1995) H. 4. S. 735–765. S. 737.
Vgl. Wolfgang Müller-Funk: Die Frau und das Fremde. Anmerkungen zu Robert Musils Drei Frauen. In: Wolfgang Müller-Funk: Komplex Österreich. Fragmente zu einer Geschichte der modernen österreichischen Literatur. Wien: Sonderzahl 2009. S. 195–205. Außerdem: Wolfgang Müller-Funk: Drei Frauen (1924). In: Robert-Musil-Handbuch. Hrsg. von Birgit Nübel u. Norbert Christian Wolf. Berlin, Boston: de Gruyter 2016. S. 199–224; Patrice Djoufack: Der Selbe und der Andere. Formen und Strategien der Erfahrung der Fremde bei Franz Kafka. Wiesbaden: Deutscher Universitäts-Verlag 2005. Der Titel weist – wie auch der Beitrag Maximilian Aues zum ‚Anderen‘ in den Drei Frauen (vgl. Maximilian Aue: Die Ablehnung romantischer Vorstellungen von Liebe, Natur und Tod in Robert Musils Drei Frauen. In: Modern Austrian Literature 9 (1976) 3/4. S. 240–256) – zudem auf vereinzelte und leider auch andernorts häufig reproduzierte Unschärfen hinsichtlich der Unterscheidung des Fremden bzw. Anderen hin, vgl. Kap. 1.1; vgl. außerdem Oschmann: Freiheit und Fremdheit (2021). Die hier zum Ausgangspunkt gemachte und auf Waldenfels zurückgeführte Annahme – „Freiheit kann als Gegenteil von Fremdheit aufgefasst werden, weil sie die Fremdheit nicht duldet und durch Vernunft unter Kontrolle zu bringen sucht“ (ebd. S. 17) – zeigt einen anderen Zugang, der jedoch hier nicht weiter verfolgt werden soll.
Vgl. zum Überblick: Manfred Engel u. Bernd Auerochs (Hrsg.): Kafka-Handbuch. Leben, Werk, Wirkung. Stuttgart: Metzler 2010; Birgit Nübel u. Norbert Christian Wolf (Hrsg.): Robert-Musil-Handbuch. Berlin: de Gruyter 2016. Einen Überblick zu Kafka und verschiedensten Anknüpfungspunkten hinsichtlich einer Untersuchung des Fremden bietet zudem der erhellende Sammelband von Hansjörg Bay u. Christof Hamann (Hrsg.): Odradeks Lachen. Fremdheit bei Kafka. Freiburg i. Breisgau: Rombach 2006.
Vgl. etwa Detlef Kremer: Die Endlose Schrift. Franz Kafka und Robert Musil. In: Literarische Moderne. Europäische Literatur im 19. und 20. Jahrhundert. Hrsg. von Rolf Grimminger, Jurij Murašov u. Jörn Stückrath. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1995. S. 425–452; Hans-Peter Kunisch: Gefährdete Spiegel. Körper in Texten der Frühen Moderne (1890–1900): Musil – Schnitzler – Kafka. Frankfurt a. M.: Lang 1996; Stephanie Catani: Das fiktive Geschlecht. Weiblichkeit in anthropologischen Entwürfen und literarischen Texten 1885–1925. Würzburg: Königshausen & Neumann 2005; Toni Tholen: Essayismus des Gefühls: Anmerkungen zum Liebe Schreiben bei Musil und Kafka. In: Ästhetische Emotion. Formen und Figurationen zur Zeit des Umbruchs der Medien und Gattungen (1880–1939). Hrsg. von Susanne Knaller u. Rita Rieger. Heidelberg: Winter 2016. S. 161–178.
Dieser Befund überrascht nicht nur in Bezug auf ihre Relevanz für die Literatur der Moderne, sondern auch angesichts ihres Kontakts. So zum Beispiel im Kontext der Neue Rundschau, für die Musil Kafkas Verwandlung gewinnen wollte und in der er den Band Betrachtung rezensierte. Hinsichtlich der Besprechung notiert Kafka: „Die bedeutendste ist jedenfalls die von Musil in der Rundschau“ (Franz Kafka: Briefe April 1914–1917 [Bd. 7.3]. Hrsg. v. Hans-Gerd Koch In: ders.: Schriften, Tagebücher, Briefe. Kritische Ausgabe. Hrsg. v. Jürgen Born, Gerhard Neumann, Malcolm Pasley u. Jost Schillemeit. Frankfurt a. M.: Fischer 2005. S. 144. Im Folgenden zitiert mit der Sigle KB III).
In seiner Einführung Theorien des Fremden breitet Müller-Funk eine Vielzahl von Zugängen aus. Wissensgeschichtlich bedeutsam ist vor allem die Darstellung der Gleichzeitigkeit der unterschiedlichen Ansätze, die sich zuweilen ergänzen, aufeinander aufbauen oder widersprechen; vgl. Wolfgang Müller-Funk: Theorien des Fremden. Eine Einführung. Tübingen: Francke 2016.
Der Begriff des ‚Tagebuchs‘ erreicht kaum den Gehalt der so bezeichneten Textkonvolute, in welchen biographische Notizen, lose Gedanken, literarische Skizzen und Experimente nicht voneinander zu trennen sind; vgl. Georg Guntermann: Vom Fremdwerden der Dinge beim Schreiben. Kafkas Tagebücher als literarische Physiognomie des Autors. Tübingen: Niemeyer 1991; Beate Sommerfeld: Zwischen Augenblicksnotat und Lebensbilanz. Die Tagebuchaufzeichnungen Hugo von Hofmannsthals, Robert Musils und Franz Kafkas. Frankfurt a. M.: Lang 2013.