Das Werk Hermann Brochs vor seinem amerikanischen Exil im Jahr 1938 kann man in drei wichtige Phasen gliedern: Die werttheoretischen Schriften unmittelbar nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, die Verfassung der Schlafwandler-Trilogie (1928–1932) nach dem Abbruch des Promotionsstudiums bei den Neopositivisten an der Universität Wien und die Phase der Essays und Vorträge (1932–1936) zur gesellschaftlichen Rolle und Aufgabe der Literatur bzw. Kunst im Allgemeinen.
Den Gegenstand der vorliegenden Arbeit bilden die essayistischen Schriften der 1930er Jahre. Die bisherige Forschung – von Paul Michael Lützelers Studie Hermann Broch: Ethik und Politik (1973) bis zu dem jüngst erschienenen Buch Hermann Broch and the Mass Hysteria (2022) von Brett E. Sterling – hat sie oft als Hilfsmittel angesehen, um seine literarischen Werke oder sein theoretisches Werk im Exil (z. B. die Massenwahntheorie) zu deuten: „Beinahe alle Texte Brochs bis Ende der 30er Jahre, seien sie literaturkritisch, kulturkritisch oder philosophisch, können im Bannkreis der Schlafwandler-Deutung gesehen werden."1 Auch wenn dies zum großen Teil stimmt, heißt das zugleich, dass die essayistischen Schriften der 1930er Jahre eher als zweitrangig betrachtet werden. In seiner ausführlichen Rezension des Hermann-Broch-Handbuchs bemerkt Helmut Koopmann: „Schriften zur Literatur, Kunst und Kultur machen nicht den Hauptteil des Brochschen Werks aus, aber sie spiegeln seine zentralen Themen vielfältiger wider als etwa seine großen Romane."2
Wenn aber Brochs theoretische Schriften zur Literatur, Kunst und Kultur „seine zentralen Themen vielfältiger" widerspiegeln als seine Romane, lässt sich fragen, warum man sie nicht als Hauptteil seines Werkes betrachtet, oder ihnen zumindest ähnliches Gewicht verleiht wie seinen Romanen. Worauf zielt Broch mit seinen literaturtheoretischen Schriften der 1930er Jahre ab?
Broch intendierte mit seinen Essays, ähnlich wie mit seiner Dichtung, über die epistemische Dimension hinaus eine ethische Wirksamkeit, und zwar mit ästhetischen Mitteln. Dementsprechend liegt in seinen Studien und Artikeln ein besonderer Fall der Verbindung von Philosophie und Literatur vor.3
Zugleich sei aber darauf hingewiesen, „Brochs kultur- und kunstphilosophische Essayistik stellt aus mehreren Gründen eine besondere Herausforderung für den Leser und für die Forschung dar. Eine Erschließung der mannigfaltigen Kontexte, in denen Brochs Denken verortet ist, bleibt dabei weiterhin eine Aufgabe."4
Das heißt, eine Auseinandersetzung mit Brochs essayistischen Schriften impliziert eine Auseinandersetzung mit dem besonderen „Fall der Verbindung von Philosophie und Literatur". Diese zu leisten, ist eine der Herausforderungen in der Forschung. Wie sind diese Schriften einzugliedern? Sind sie philosophische Abhandlungen oder literaturtheoretische Aufsätze? Oder sind sie nur als Ergänzungen wahrzunehmen, die Broch dem ‚Methodologischen Prospekt‘ der Schlafwandler nach deren Erscheinen hinzufügt?
Da ihnen allerdings dieselbe Absicht zugrunde liegt wie seinen Romanen – nämlich die der ‚ethischen Wirksamkeit‘ –, widmet sich die vorliegende Arbeit diesen verschiedenen sowie verstreuten, im Zeitraum 1932–1936 entstandenen Essays und Vorträgen. Es soll sich darum handeln, die Essays als einen zentralen Teil des Brochschen Werkes zu betrachten und auf den Bedarf einer ‚Erschließung der mannigfaltigen Kontexte‘ zu reagieren, was für ein umfangreicheres Verständnis von Brochs literaturtheoretischem Denken nottut. Zugleich sei aber vorausgeschickt, dass das Anliegen der Arbeit nicht darin besteht, die Schriften der 1930er Jahre in eine Linie zu bringen, oder sie ausschließlich in Hinsicht auf Brochs Diagnose eines Wertzerfalls sowie einer Kulturkrise in der europäischen Gesellschaft zu deuten. Es geht auch nicht darum, sie als einen Lektüreschlüssel zu einer einfacheren Lektüre der Schlafwandler-Trilogie zu präsentieren. Das Ziel ist, die thematisch wichtigen Kontexte dieser Schriften aufzudecken.
Das genannte Textkorpus kann man jedoch nicht isoliert untersuchen. Der Erste Weltkrieg und seine Folgen sowie die vom Krieg betroffene Gesellschaft sind die wichtigsten Faktoren für Brochs Beschäftigung mit wert- und geschichtstheoretischen Fragen. Die vorliegende Studie wird deshalb die Stadien vor dem Beginn seiner Arbeit am Roman Die Schlafwandler und vor dessen Erscheinen sowie vor der Veröffentlichung der essayistischen Texte in den 1930er Jahren behandeln. Auch ist der gattungsübergreifende Aspekt seines Werkes in Betracht zu ziehen. Denn zwischen den zwei Phasen, in denen Broch sich der Form des ‚Essays‘ bedient hat, um seine wert-, geschichts- und literaturtheoretischen Überlegungen zu artikulieren, hat Broch Die Schlafwandler – ein literarisches Werk – geschrieben. Wie schlagen sich die Grundgedanken in unterschiedlichen Gattungen nieder? Wie ist Brochs Auswahl und Wechsel dieser Gattungen zu verstehen, wenn sich der Stoff, den er zu verarbeiten sucht, im Grunde nicht stark verändert? Auf diese Fragen ist im Folgenden einzugehen.
Die Arbeit beginnt mit einer Erörterung des geistesgeschichtlichen Rahmens, in dem man Brochs Werk bis zu seinem Exil verorten kann. Das erste Kapitel skizziert die Grundgedanken in Friedrich Nietzsches Schrift Zur Genealogie der Moral und seine Idee einer ‚Umwertung der Werte‘. Denn die Erfahrung des Ersten Weltkriegs bringt die Fragen mit sich, inwiefern sich der Zeitgenosse im Klaren ist, was ‚Wert‘ ist und was nicht, was ein ‚ethisches Handeln‘ ausmacht und wie die Wirklichkeit im Allgemeinen zu begreifen ist. Diese Fragen nimmt Broch zum Anlass, seine Theorie des Wertzerfalls zu entwickeln. Da Nietzsche den Wert der schon etablierten Werte radikal in Frage gestellt hat, wird Nietzsche für Broch ein unausweichlicher Kontext: „Broch gehörte der sogenannten expressionistischen Generation an, die in Nietzsche ihren Philosophen gefunden hatte."5 Auch wenn sich Broch mit Nietzsche nicht identifiziert, sind einige „Anstöße, die er aus dessen Büchern bezog, von anhaltender Wirkung".6
Im zweiten Kapitel steht Brochs Schrift Konstruktion der historischen Wirklichkeit (1918) und die darin formulierte ‚ethische Forderung‘ im Zentrum. Brochs Werttheorie wird in Bezug auf Paul Natorp und auf Heinrich Rickerts Wertphilosophie abermals zusammengefasst. Auf den Einfluss von Rickerts Philosophie auf Brochs Werttheorie wird eingegangen, nicht nur, weil die germanistische Forschung diesen Zusammenhang mehrmals verdeutlicht hat, sondern erstens, weil einige Aspekte seiner Philosophie auf das gesamte wert- und geschichtsphilosophische Denken Brochs einen maßgeblichen Einfluss genommen zu haben scheinen und zweitens, weil die Thematisierung von Brochs Werttheorie dazu dienen soll, eine Brücke zwischen seinen werttheoretischen Schriften der 1920er Jahre und den literaturtheoretischen Essays der 1930er Jahre zu schlagen.
Bevor Broch mit seiner Arbeit am Roman anfing, hatte er sich für ein Promotionsstudium (1925–1930) an der Universität Wien eingeschrieben und bei den Neopositivisten wie u. a. Moritz Schlick, Rudolf Carnap und Karl Menger studiert. Deshalb wird Brochs Begegnung mit dem Neopositivismus im dritten Kapitel kurz behandelt. Es geht dabei nicht um die Frage, ob und inwiefern Broch von der philosophischen Schule des Neopositivismus beeinflusst wurde, sondern darum, Brochs Überlegungen mit denen Schlicks und Mengers in einen Dialog zu bringen. Die in den 1930er Jahren veröffentlichten Schriften Fragen der Ethik von Moritz Schlick und Moral, Wille und Weltgestaltung von Karl Menger spielen dabei eine Rolle.
Die Arbeit geht danach zu den Essays und Vorträgen der 1930er Jahre über. Dieser Abschnitt hat zwei Teile. Im ersten Teil werden die bekannt gewordenen Texte Das Böse im Wertsystem der Kunst und der Vortrag Das Weltbild des Romans ausführlich untersucht. Der Fokus liegt auf der darin entwickelten Kitsch-Theorie. Der zweite Teil behandelt vor allem die Frage, inwiefern sich Brochs Überlegungen zum Kitsch im Hinblick auf die neueren wertungstheoretischen Debatten in der Literaturwissenschaft als relevant erweisen? Gehört Brochs Kitsch-Theorie eher der Wertungsgeschichte an oder vermag sie zu den gegenwärtigen Wertungstheorien einiges beizutragen?
Im fünften Kapitel wird der Versuch unternommen, die thematisch zentralen Kontexte der bisher wenig ausführlich behandelten Schriften aus dieser Periode aufzudecken. Berücksichtigt werden dabei Brochs Skepsis gegenüber der Lage der Philosophie als Wissenschaft, die Phänomene ‚Ungeduld der Erkenntnis‘ und das ‚Irrationale‘ bei Broch, seine Stellungnahme zu Goethe als seinem Vorbild sowie seine Reflexion über die Sprache und deren Sonderstellung in der Literatur. Zudem geht das Kapitel der Frage nach der ‚literarischen Erkenntnis‘ nach, weil das höchste Ziel bei Broch die Erkenntnisgewinnung schlechthin ist. Wie ist der Begriff ‚literarische Erkenntnis‘ zu verstehen und von welcher Art der Erkenntnis ist dabei die Rede? Diese Fragen werden hinsichtlich systematischer Gedanken von Gottfried Gabriel behandelt.
Das letzte Kapitel widmet sich der Trilogie Die Schlafwandler. Auch dieses Kapitel ist in zwei Teile gegliedert. Zunächst wird die Figur Joachim von Pasenow im ersten Teil der Trilogie fokussiert. Inwiefern handelt er gemäß der ‚ethischen Forderung‘, die Broch in seinem wert- und geschichtstheoretischen Aufsatz Konstruktion der historischen Wirklichkeit formuliert? Wenn sein Handeln einen Gegensatz zu der theoretisch formulierten ‚ethischen Forderung‘ bildet, wie ist dann die Konzeption dieser Figur überhaupt zu verstehen? Auf diese Frage wird im ersten Teil Wert gelegt. Im zweiten Teil wird der besondere Fall einer Verbindung von Philosophie und Literatur, von Theorie und Fiktion thematisiert. Im Zentrum steht der essayistische Exkurs Zerfall der Werte, den Broch in den dritten Teil der Schlafwandler einbaut. Auf die inhaltlichen Bezüge der Essays zu Brochs theoretischen Schriften vor und nach dem Erscheinen der Schlafwandler ist dabei einzugehen. Die Fragen, was die Form eines ‚Essays‘ ausmacht, welche Funktion der Einbau essayistischer Passagen in die Romanhandlung hat, wer der Ich-Erzähler des Exkurses Zerfall der Werte ist und wodurch sich Brochs Romanexperiment auszeichnet, spielen eine wichtige Rolle. Diese Fragen münden letztendlich in die Frage, inwiefern es Broch gelungen ist, ein literarisches Werk vorzulegen, das sich als Beispiel ‚ethischen Tuns‘ bezeichnen lässt.
Stašková, Alice: Nächte der Aufklärung. Studien zur Ästhetik, Ethik und Erkenntnistheorie in „Voyage au bout de la nuit" von Louis-Ferdinand Céline und „Die Schlafwandler" von Hermann Broch. Tübingen: Max Niemeyer Verlag 2008, hier S. 175.
Koopmann, Helmut: Rez. Michael Kessler / Paul Michael Lützeler (Hgg.), Hermann-Broch-Handbuch. De Gruyter, Berlin – Boston 2016. In: Arbitrium 38 (2020), H. 1, S. 116–128, hier S. 124.
Stašková, Alice: Schriften zur Literatur, Kunst und Kultur. In: Hermann-Broch-Handbuch. Hg. von Michael Kessler und Paul Michael Lützeler. Berlin/Boston: Walter De Gruyter 2016, S. 319–359, hier S. 353.
Ebd.
Lützeler, Paul Michael: Hermann Broch und die Moderne. München: Wilhelm Fink 2011, hier S. 103.
Ebd.