In modernen kapitalistischen Gesellschaften wird über das Stichwort âArbeitslosigkeitâ stets auch das Verhältnis von Staat und Subjekt verhandelt. Die Arbeitslosenquote scheint die Antwort auf fast alle Fragen zu sein, die dieses Verhältnis betreffen: Ist der Staat in der Lage, sich um seine Bürger*innen zu kümmern? Liegen die Bürger*innen dem Staat auf der Tasche? Müssen sie Existenzängste haben? Wie steht der Staat im globalen Wettbewerb da? Insbesondere in Krisenzeiten avanciert die Arbeitslosenquote zu einer prägnanten Zahl, die Aufschluss über den Zustand eines Landes, die Stärke seiner Regierung und die Sicherheit seiner Bürger*innen gibt. Zu diesem Zweck wird die immer auch symbolische Zahl massenhaft medial verbreitet, häufig aufwendig grafisch aufbereitet, Bild in Text übersetzt und umgekehrt.
Wie das Wissen über Arbeitslosigkeit und die daraus resultierenden Aussagen über die Beziehung von Staat und Subjekt zu welchem Zeitpunkt medial konstituiert werden, zeigt die vorliegende Studie. Sie wertet Berichterstattungen und Infografiken über den Arbeitsmarkt von 1967 bis 2015 unter besonderer Berücksichtigung solcher kollektivsymbolischer Darstellungen aus, die das Verhältnis von Staat und Subjekt gleichermaÃen erklären wie allererst konstituieren. Es stellt sich heraus, dass die Infografiken nie Zahlenwissen präsentieren, das vor 1949 ansetzt, dass das Bildwissen allerdings eine historische Kontinuität im Sprechen über Arbeit und nichtarbeitende Subjekte, über gesellschaftlich-staatliche Gefüge und deren Gefährdung aufweist. Das bundesrepublikanische Selbstverständnis stützt sich dabei vornehmlich auf zwei zeitlich entgegengesetzte Entwürfe: der zukunftsgerichteten Vorstellung eines andauernden âWirtschaftswundersâ sowie den damit verbundenen Rückgriff auf den Topos âdeutsche Arbeitâ.
Das mediale Wissen über Arbeitslosigkeit konstituiert ein Modell der Arbeitsmoral, das als Grundlage einer funktionierenden Gesellschaft markiert wird. Menschen, die von diesem Modell abweichen, weil sie vermeintlich nicht arbeiten wollen, werden innerhalb der Bilderzählungen zunehmend als bedrohlich codiert, insofern nämlich, als dass sie die Wohlfahrt und/oder den wirtschaftlichen Aufschwung gefährden. Kontrollen von und Repressionen gegen Arbeitslose werden in der Folge dadurch legitimiert, dass sie den Schutz der Gesellschaft, der Individuen und der Wirtschaft sichern sollen. Diese Aushandlungen von Wohlfahrt und Wirtschaftsaufschwung lassen sich insbesondere in Krisenzeiten beobachten. Der Untersuchungszeitraum dieser Studie ist nicht bloà von Krisen geprägt, sondern wird regelrecht von diesen bestimmt, beginnend mit der ersten bundesrepublikanischen Arbeitsmarktkrise 1967 und endend mit der sogenannten âFlüchtlingskriseâ 2015. Arbeitslosigkeit und Krise sind in der Wirtschaftsberichterstattung eng miteinander verwoben. Arbeiten bringt schlieÃlich immer auch ein Versprechen mit sich: In Lohn und Brot sein gilt als Voraussetzung für individuelle Sorgenfreiheit; eine niedrige Arbeitslosenquote zeugt von einem Staat, der für seine Bürger*innen sorgen kann. Die Arbeitslosenzahlen werden damit zum MaÃstab der Krise.
Die häufig bemerkte Bedeutungsvielfalt des Begriffs âArbeitâ steht dabei nur vermeintlich im Gegensatz zum klar definierten statistischen Gegenstand âArbeitslosigkeitâ. Die Arbeitslosenstatistik hat nicht zum Ziel, Nichtarbeit oder Arbeitslosigkeit in Gänze abzubilden, sondern diejenigen Personen in einem bestimmten, allerdings variablen Alter zu verzeichnen, die beim Arbeitsamt/der Agentur für Arbeit gemeldet sind und die jederzeit bereit und verfügbar sind, eine Lohnarbeit aufzunehmen. Einen Aspekt dieser Definition von Arbeitslosigkeit hebt die Journalistin und Autorin Anna Mayr hervor:
In Paragraph 136 des SGB III heiÃt es, dass arbeitslos ist, wer âsich bemüht, die eigene Beschäftigungslosigkeit zu beendenâ, und den âVermittlungsbemühungen der Agentur für Arbeit zur Verfügung stehtâ. Das bedeutet: Um überhaupt den Status von Arbeitslosen zu erhalten, müssen Arbeitssuchende sich bemühen, diesem Status zu entkommen.1
Diese Feststellung ist wichtig, wenn man über Diskursivierungen von Arbeitslosigkeit medienwissenschaftlich und zeitgeschichtlich nachdenkt, denn sie ist ein Hinweis darauf, dass es kein Reden über Arbeitslosigkeit ohne eine inhärente Handlungsanweisung an die arbeitslosen Subjekte gibt: die Aufforderung, Arbeit zu finden. Arbeitslos ist schlieÃlich, wer arbeitslos gemeldet und jederzeit bereit und fähig ist, eine entlohnte Beschäftigung anzunehmen.
Vor allem in den 1980er- und 2000er-Jahren wurde die Aussagekraft der Arbeitslosenstatistik immer wieder öffentlich verhandelt. Kern der Debatten war die Frage, wen man als arbeitslos zählen sollte und wen nicht. In den Debattenbeiträgen wurde auf der einen Seite behauptetet, dass zu viele Arbeitslose in der Statistik seien, denn wer nicht arbeiten wolle, dürfe auch nicht gezählt werden. Auf der anderen Seite gab es immer wieder Vorwürfe, vor allem an die Kohl- sowie an die Schröder-Regierung, die Zahlen vor den Wahlen zu âschönenâ und Menschen nicht zu zählen, die sehr wohl auf der Suche nach Arbeit seien. Debatten wie diese zeigen die mediale Bedeutung der Arbeitslosenstatistik: Sie wird zur objektivierten Veranschaulichung eines Modells, auf dessen Basis die Einhaltung des Gesellschaftsvertrags von Staat und Subjekt verhandelt wird. Mediale Verhandlungen von Arbeitslosigkeit beziehen sich deshalb immer auf zwei Ebenen: Struktur und Subjekt. Das bedeutet, dass mit der Arbeitslosenstatistik einerseits Aussagen über Strukturen getroffen werden, die Arbeitslosigkeit hervorbringen (Wirtschaftssystem, Ausbildungssystem, Produktionsweise, Ãkonomie), andererseits über die von Arbeitslosigkeit betroffenen Subjekte (deren Intention und âArbeitsmoralâ). In der Folge können auch die Handlungsanweisungen zur Bewältigung von Arbeitslosigkeit auf zwei Ebenen ansetzen: Sie richten sich mal an den Staat als Verantwortlichen für politische und ökonomische Strukturen, mal an das eigenverantwortliche Subjekt. Indem Handlungsanweisungen gegeben werden, werden immer auch Verantwortlichkeiten bestimmt. Medial wird die Diskussion um die Definition von Arbeitslosigkeit begleitet von einem Konglomerat aus Alltagsvorstellungen von faulen Subjekten und überforderten Regierungen, von fördernden und bestrafenden MaÃnahmen, von sich auf und ab bewegenden Konjunkturlinien, die sich den Rezipient*innen auch gänzlich ohne wirtschaftswissenschaftliches Wissen, dafür umso mehr über begleitende Kollektivsymbole erschlieÃen.
Die prägnanteste Form der Aufbereitung von Arbeitslosenzahlen sind Infografiken, die statistische Erhebungen in ein Narrativ aus Raum und Zeit einbetten, mithilfe von ikonischen und sprachlichen Bildlichkeiten unmittelbar zugänglich machen und so Vorstellungen von Staat, Subjekten und deren Verhältnis zueinander entwerfen. Diese Bildlichkeiten sind vielfältig: Sie bestehen aus Graphen, Zeichnungen und Sprachbildern, die eine je eigene Geschichte haben, sie werden punktuell zur Erklärung politischer und wirtschaftlicher Entwicklungen eingesetzt, unterliegen dabei aber selbst einem Wandel. So entsteht ein flexibler kollektivsymbolischer Rahmen des Arbeitsmarktdiskurses. Kollektivsymbole sind konkrete Bildlichkeiten, die in einer Kultur so weit verbreitet sind, dass sie allgemeinverständlich und konstitutiv für das Verstehen abstrakter Sachverhalte sind. Sie sind nicht mit Symbolen im Sinne von besonders bedeutungsvollen Zeichen jeglicher Art gleichzusetzen, sondern meinen die Gesamtheit ikonischer und sprachlicher Bildlichkeiten, mithilfe derer sich eine Kultur über sich selbst verständigt und in Beziehung zur Welt setzt. Zu ihnen zählen nicht nur Infografiken, sondern auch die rhetorischen Figuren wie Metapher und Allegorie, derer sich u. a. die Infografiken bedienen. Wenn sich die Wirkungsweise solcher rhetorischen Figuren aus einem bestimmten Text löst, sich die Ikonizität (Pictura) mit einer konkretisierenden Semantik (Subscriptio) verbindet und in den kollektiven Kommunikationsraum übergeht, werden die Figuren zu aufeinander bezogenen und in der Anwendung flexiblen Kollektivsymbolen.2 Aus einer âVernetzungâ wird das âsoziale Netzâ, aus einem âMeer von Menschenâ wird die âFlüchtlingswelleâ. In dieser Funktion können Kollektivsymbole ganze Diskursstränge strukturieren.
Mit dem Fokus auf dieses Spannungsfeld lässt sich nicht nur ein Wandel der Kollektivsymbole selbst beschreiben, sondern ebenso ein Wandel des medialen Diskurses um Arbeitslosigkeit, denn der kollektivsymbolische Rahmen stellt ein Orientierungswissen bereit, das bestimmt, wie wir âfremde, unzugängliche, überkomplexe oder anderweitig der Evidenz entzogene Sachverhalte denken.â3 Die Verwendung von Kollektivsymbolik wird demnach vor allem in der Darstellung und Erklärung abstrakter, immaterieller Prozesse virulent: Wissen über die abstrakte Beziehung von Staat und Subjekt wird in Form von Kollektivsymbolen vermittelt.
Für diese Studie sollen kollektivsymbolische Darstellungen wie Infografiken, Karten oder Metaphern aus zwei Perspektiven analysiert werden: Sie werden einerseits als Gegenstand betrachtet, sodass der Fokus, erstens, auf ihrer Funktionalität und, zweitens, auf ihrer Appellfunktion liegt. Andererseits sollen sie als Mittel genutzt werden, um Diskurse der Arbeitslosigkeit zu beleuchten. Diesen medialen Diskursivierungen wird nachfolgend in ihrer Historizität und Entwicklung nachgegangen. So wird sich zeigen, dass medial vermitteltes Wissen über Arbeitslosigkeit zwischen 1967 und 2015 einem Wandel unterliegt, infolgedessen gesellschaftliche Ein- und Ausschlüsse in der Bundesrepublik immer neu verhandelt werden. Nichtarbeitenwollen wird zunehmend als Gefährdung von Markt, Individuum und Gemeinschaft markiert.
Zu den Quellen
Um Aussagen über den diskursiven Wandel und das Hervortreten einzelner Diskursstränge in der Arbeitslosenberichterstattung treffen zu können, wurden die auflagenstärksten Zeitungen und Magazine zwischen 1967 und 2015 ausgewertet und darüber hinaus auf die Kategorisierung und Verschlagwortung von Pressearchiven über den gesamten Zeitraum zurückgegriffen, die Artikel über âArbeitâ, âArbeitslosigkeitâ, aber auch genereller zum âWohlfahrtsstaatâ sammeln. Ergaben sich bei der Recherche diskursive Verknüpfungen, z. B. zwischen âArbeitslosigkeitâ und âTerrorâ, wurde auch diesen nachgegangen. Einen besonderen Fokus habe ich bei der Recherche auf die textliche und grafische Aufbereitung von Zahlen gelegt, insbesondere auf Infografiken. Der Untersuchungskorpus besteht aus rund 1.000 Artikeln und Grafiken. Etwa 75 Prozent der Artikel stammen aus: Süddeutsche Zeitung, Handelsblatt, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Welt, Spiegel, Zeit. Einzelne Artikel vergleichend hinzugezogen habe ich aus dem Bayernkurier, der Berliner Zeitung, BILD, BILD am Sonntag, der Bonner Rundschau, Bunte, Bunte Tagesthemen, Christ und Welt, dem Rheinischen Merkur, dem Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt, der Woche, dem Focus, der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, der Frankfurter Neuen Presse, der Frankfurter Rundschau, dem General-Anzeiger (Bonn), dem Hamburger Abendblatt, Hannoversche Allgemeinen Zeitung, dem Kölner Stadt-Anzeiger, dem Münchener Merkur, Neue Osnabrücker Zeitung, Neue Zeit, Neue Ruhr Zeitung, Rheinische Post, Sonntag Express, dem Stern, den Stuttgarter Nachrichten, der Stuttgarter Zeitung, der tageszeitung, Westdeutsche Allgemeine Zeitung, der Welt am Sonntag, der Welt der Arbeit, dem Weser-Kurier, Westfälische Rundschau, der Wirtschaftswoche und dem Zeit Magazin. Auf Basis des so entstandenen Korpus habe ich die Fragestellungen für diese Studie entwickelt. Auch wenn nur einzelne Beispiele für die beschriebenen Entwicklungen aufgeführt werden können, stehen diese immer stellvertretend für ein breiter aufkommendes Phänomen. Die zitierten Grafiken und Texte lassen sich dem Abbildungs- und Quellenverzeichnis entnehmen. Dass beide Verzeichnisse nicht nach Verfasser*innen angeordnet sind, ist darauf zurückzuführen, dass die Infografiken immer nur Auskunft über die Agentur, kaum aber über einzelne Grafiker*innen geben. Die Begleittexte geben lediglich an, ob sie dem beigefügten Text der Agentur folgen oder eine redaktionelle Interpretation der Grafik veröffentlichen. Auch ein GroÃteil der reinen Textbeiträge enthält keine Autor*innen-Nennungen. Ist dies doch der Fall, werden die Autor*innen nachgewiesen.
Infografiken sind keine vereinzelten Phänomene, sondern finden flächendeckende Verbreitung. Ein groÃer Teil der in dieser Studie abgedruckten Infografiken tragen den Schriftzug Globus am Rand. Die Gesellschaft Globus Kartendienst GmbH wurde bereits 1946 gegründet. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs gingen die Westalliierten gegen das staatliche Nachrichtenmonopol vor und legten damit den Grundstein für die Deutsche Presse-Agentur (dpa), die 1949 gegründet wurde.4 1988 übernahm die dpa Globus als gröÃte Infografik-Agentur im deutschsprachigen Raum vollständig.5 Die dpa wurde damit zum einzigen âKomplettanbieterâ von Nachrichten in Deutschland, denn anders als die groÃen globalen Agenturen lieferte sie Inhalte auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene nun auch in Form von Grafiken.6 Tatsächlich bestimmte Globus den Markt für grafisch aufbereitete Informationen wie Karten, Infografiken und sonstige Schaubilder im Untersuchungszeitraum. Zu den Kund*innen gehörten die meisten deutschen Tageszeitungen. Die Firma produzierte dabei nicht nur für ihre Muttergesellschaft, die dpa-Grafik, sondern auch Globus-Grafiken für Schulbuchverlage und Unternehmen. Die inhaltlichen Schwerpunkte der Grafiken bildeten Themen aus den Bereichen Wirtschaft und Finanzen, Arbeit und Soziales sowie Politik und Gesellschaft. Die jeweilige aktuelle Auswahl der Themen für die Tageszeitungen stammte von der dpa. Während des Untersuchungszeitraums wurden monatlich etwa 130 bis 160 dieser Grafiken produziert.7
Innerhalb der Grafiken wird Zahlenwissen präsentiert und in gesellschaftliche, wirtschaftliche, politische Erklärungszusammenhänge eingebettet. Zu den regelmäÃig aufbereiteten Zahlen gehört die Arbeitslosenstatistik ebenso wie Darstellungen von Sozialleistungen oder Durchschnittserhebungen zu den Veränderungen der Lebensarbeitszeit. Da die Grafiken nicht für ein bestimmtes Organ produziert, sondern an Tageszeitungen verkauft werden, erscheinen sie nicht in einzelnen, sondern fast immer in mehreren Zeitungen. Zudem produziert Globus nicht nur einzelne Infografiken, sondern auch Serien, die die wirtschaftlichen Entwicklungen teilweise über Jahre in die immer gleiche Bildlogik stellen. Die Wirkung, die die so entstehende Kollektivsymbolik aufgrund ihrer (an)dauernden und vielfältigen Verbreitung deshalb auf die bildliche Vorstellungswelt der bundesrepublikanischen Ãffentlichkeit hat, ist kaum zu unterschätzen. Für die Darstellung von statistischen Erhebungen und wirtschaftlichen Verläufen sind die Globus-Grafiken die bedeutendsten Quellen. In den 1990er-Jahren etablierten sich auÃerdem zunehmend Bildredaktionen, die Infografiken speziell für die jeweiligen Zeitungen und Zeitschriften aufbereiteten. Diese werden ebenso berücksichtigt, zumal sie in direkter Tradition der Globus-Grafiken stehen. Deutlich weniger Grafiken erschienen von der Firma Zahlenbilder, die ebenfalls Infografiken für Massenmedien und Schulbücher anbietet.
Daten zum Arbeitsmarkt, die als Orientierungswissen bildlich aufbereitet und massenmedial verbreitet werden, beschränken sich allerdings nicht nur auf die Verbreitung amtlicher Statistiken. Umfrageergebnisse aus der Meinungsforschung kommen in den untersuchten Medien fast genauso häufig vor. Diese beschäftigen sich weniger mit der Arbeitslosenstatistik als mit den arbeitslosen Menschen selbst und fragen nach der gesellschaftlichen âStimmungâ zur steigenden oder sinkenden Quote. Das bekannteste und für diese Arbeit wichtigste Organ für Meinungsforschung stellt das Institut für Demoskopie in Allensbach dar.8 Dieses wurde 1947 von Elisabeth Noelle-Neumann (1916â2020) gemeinsam mit ihrem Mann Erich Peter Neumann (1912â1973) als erstes Meinungsforschungsinstitut in der Bundesrepublik gegründet. Noelle-Neumann definierte die Demoskopie 1993 im Lexikon Publizistik Massenkommunikation als âeine statistische, also zählende Untersuchungsmethode, mit der menschliche Gruppen beobachtet und analysiert werdenâ.9 Als Kommunikationswissenschaftlerin hatte sich Noelle-Neumann bereits 1939 in ihrer Dissertation theoretisch mit der amerikanischen Meinungsforschung auseinandergesetzt, als diese in Deutschland noch kaum bekannt war.10
Der Zusammenhang zwischen der Methode der Demoskopie und dem Verhältnis von Staat und Subjekt ist dabei komplexer, als es auf den ersten Blick aussieht. Meinungsumfragen wurden in Deutschland im groÃen Stil erstmals nach 1945 von den Alliierten durchgeführt. Zugleich unterstützten sie die Gründung einschlägig arbeitender deutscher Institute in ihren Besatzungszonen, âdie ersten Politikberatungsfirmen der Parteienâ.11 Nicht nur das im französischen Sektor ansässige Institut für Demoskopie Allensbach, auch die im britischen Sektor gegründete Firma Emnid gewann gröÃere Bedeutung.12 Noelle-Neumann wurde die prominenteste Vertreterin der Demoskopie und häufig mit der Kritik konfrontiert, dass die Meinungsforschung über die Variierung von Fragen bzw. Suggestionen âöffentliche Meinungâ konstruieren könne. Sie selbst verstand demoskopische Umfragen als legitimes politisches Instrument. Ihre Nähe zum konservativen politischen Lager strukturierte allerdings auch die Arbeit des Instituts. Dieses arbeitete seit 1949 eng mit Konrad Adenauer zusammen und Erich Peter Neumann wurde schlieÃlich sogar dessen Regierungsberater.13 Noelle-Neumann stand vor allem in den 1950er-Jahren vermehrt im Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit. 1953 und 1957 druckte der Spiegel ihr Porträt aufs Titelblatt.14 In den dazugehörigen Artikeln wurde vor allem die Beeinflussung der Wähler*innen durch die Meinungsforschung kritisiert, auÃerdem wurden Zweifel an der Zuverlässigkeit demoskopischer Prognosen laut.15
Die Tätigkeiten Noelle-Neumanns während des Nationalsozialismus (unter anderem als Journalistin für Das Reich) und die antisemitischen Passagen in ihrer Doktorarbeit wurden trotz der groÃen Aufmerksamkeit, die ihr und ihrem Institut kontinuierlich seit den 1950er-Jahren zukam, nur selten thematisiert.16 1959 gründete Erich Peter Neumann im Verlag für Demoskopie die Reihe Klassiker der Umfrageforschung. Nach Siegfried Kracauers Die Angestellten (1959, zuerst 1930) erschien als zweiter Band Die Arbeitslosen von Marienthal (1960, zuerst 1933).17 Diese Anfang der 1930er-Jahre durchgeführte Studie gilt bis heute als Meilenstein der empirischen Sozialforschung. Die Arbeit über Marienthal muss Noelle-Neumann nicht nur methodisch, sondern auch inhaltlich stark beeindruckt haben, denn die demoskopische Befragung von Arbeitslosen und thematische Umfragen zu Arbeitslosigkeit wurden in Allensbach nun regelmäÃig durchgeführt und prägten durch ihre Verbreitung die medialen Debatten.18 Ãber Jahre schrieb Noelle-Neumann eine eigene Kolumne für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die stets von Infografiken begleitet wurde und âArbeitslosigkeitâ auffällig häufig zum Thema hatte.
Infografiken sind als Quelle für die kultur- und medienwissenschaftlich interessierte Zeitgeschichte wertvoll, da die Informationen, die wir aus Ihnen gewinnen können, weit über die dargestellten Zahlen hinausgehen. Das bedeutet aber andererseits, dass diese als âreineâ Information medial angebotenen Grafiken immer auch zeitgenössische Welt- und Wertverständnisse implizieren und selbst wieder hervorbringen. Jede Infografik ist damit eine Interpretation einer gegenwärtigen Entwicklung und konstituiert und manifestiert durch ihre âinformativeâ Eigenschaft auch immer neue Interpretationsmuster und Handlungsaufforderungen. Diesen komplexen Funktionen kann wiederum nur ein interdisziplinäres Instrumentarium gerecht werden.
Infografiken zeichnen sich dadurch aus, dass sie verschiedene Wissensformen und -ordnungen miteinander verbinden. Sie bestehen eben nicht nur aus Zahlen, sondern auch aus Kurven und Graphen, Texten und Bildern. Indem sie nicht nur unterschiedliches Wissen, sondern auch unterschiedliche Darstellungsformen und -konventionen vereinen, sind sie Wissenskondensate. Aus ihnen geht ein Alltagswissen hervor, das durch verschiedene Disziplinen vermittelt wird. Infografiken zeugen so von weit mehr als nur den mit ihnen und durch sie verhandelten Gegenständen. Die Korrelationen, die sie hervorbringen, deuten auf zeitgenössische Erklärungsmodelle hin, das verwendete Bildmaterial enthält nicht selten historische Bezüge und die Kurven markieren zeitgenössisch wahrgenommene Krisen und weisen in je unterschiedlich prognostizierte Zukünfte. So entstehen lineare Narrationen, die in ihrer punktuellen Vereindeutigung die Komplexität der beschriebenen Gegenwart reduzieren.
Nun liegen im Fokus der vorliegenden Studie nicht Infografiken im Allgemeinen, sondern vor allem solche, die Arbeitslosigkeit darstellen, erklären oder beseitigen sollen. Die Konzentration auf Infografiken zum Arbeitsmarkt bietet sich aus vielerlei Gründen an. Der aus der zeitgenössischen Perspektive plausibelste ist der, dass Arbeitslosenzahlen stets von einem Zweifel begleitet werden. Doch auch aus historischer Perspektive bietet sich ein Blick auf Arbeitslosigkeit und ihre Vermessung an. So lässt sich zeigen, dass Arbeitslose genau dann gezählt werden, wenn Arbeitslosigkeit zu einem die gesamte Gesellschaft betreffenden Problem zu werden scheint, also in Krisenzeiten. Hier zeigt sich bereits, dass das Vermessen von Arbeitslosigkeit immer schon eine Handlungsaufforderung impliziert, da es die Grundlage zum Umgang mit Arbeitslosigkeit bildet. Zwei ganz unterschiedliche Regierungspraxen von Arbeitslosigkeit kristallisieren sich innerhalb der Studie heraus: Versichern auf der einen und Disziplinieren auf der anderen Seite.19
Arbeitslosenzahlen und ihre Darstellungen in Infografiken sind allgegenwärtig. Obwohl Infografiken starre Korrelationen und Erklärungen hervorbringen, finden sie in der medialen Berichterstattung vielseitigen und häufig kontextlosen Einsatz, wenn es darum geht, Problemlagen zu bestimmen und mögliche Lösungen anzubieten. Sie werden nicht nur genutzt, um Arbeitslosigkeit als Phänomen zu erklären, sondern gleichermaÃen, um fast alle daran vermeintlich anschlieÃenden gesellschaftlichen Fragen zu beleuchten. Seien es eine Wirtschaftsbilanz, Terrorgefahr, Politikvertrauen der Bürger*innen oder vergleichende Wettbewerbe zwischen Industrienationen â Arbeitslosenzahlen scheinen immer eine Antwort zu liefern.
Zur Forschung
Sehr viel häufiger als über âArbeitslosigkeitâ wurde bislang über âArbeitâ geschrieben. In den Geschichtlichen Grundbegriffen beschreibt Werner Conze âArbeitâ als âdas bewuÃte Handeln zur Befriedigung von Bedürfnissen, darüber hinaus als Daseinserfüllung des Menschen.â Seine Definition geht bewusst über das bis zum 18. Jahrhundert gängige Verständnis von Arbeit hinaus, das immer auch âMühe, Qual und Lastâ bedeutete. Vielmehr betont Conze die spätestens seit dem Hochmittelalter mitschwingende Bedeutung, die Arbeit auch als menschliches Schaffen, als Werk versteht.20 In den meisten Studien zur Arbeit spielt allerdings die vermeintliche Binarität von Arbeit und Nichtarbeit eine entscheidende Rolle. Arbeit und Arbeitslosigkeit werden als zwei sich gegenseitig bedingende Kategorien verhandelt, die in ihrer Wechselwirkung konstitutiv für moderne Gesellschaften sind. Auch in der Berichterstattung zur Arbeitslosigkeit wird immer wieder auf theoretische Studien bezuggenommen, die sich mit Arbeit auseinandersetzen. Die beiden am häufigsten erwähnten Autor*innen sind Karl Marx und Hannah Arendt, die Arbeit auch im Verhältnis zur Nichtarbeit bestimmten.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hat Karl Marx die Geschichte der Arbeit im Kapitalismus als Ersetzung von lebendiger durch tote Arbeit beschrieben, die nurmehr im Mehrwert des Geldes existiere. Dieser Bedeutungsverlust führte dazu, dass der Mensch der Arbeit entfremdet wurde und sich âerst auÃer der Arbeit bei sich und in der Arbeit auÃer sichâ fühlte: âZu Hause ist er, wenn er nicht arbeitet, und wenn er arbeitet, ist er nicht zu Haus. Seine Arbeit ist daher nicht freiwillig, sondern gezwungen, Zwangsarbeit. Sie ist daher nicht die Befriedigung eines Bedürfnisses, sondern sie ist nur ein Mittel, um Bedürfnisse auÃer ihr zu befriedigenâ.21 Zudem hat er die Produktivkraft der Arbeit im Verhältnis zur WertgröÃe der Ware bestimmt.22 Marx ist dadurch nicht nur zur Gallionsfigur der Arbeiter*innenbewegung geworden, sondern hat auch die Arbeitssoziologie lange insofern beeinflusst, Arbeit als Gegensatz zur subjektiven Entfaltung des Menschen zu verstehen. Innerhalb des hier gewählten Untersuchungszeitraums wird allerdings gerade die Verwertung der Subjektivität als Produktivkraft anerkannt.23 Die Entwicklung von Arbeit seit den 1960er-Jahren lässt sich als Geschichte der zunehmenden Subjektivierung von Arbeitsleistung und Produktivkraft ansehen. Arbeitnehmer*innen sollen ihre âpersönlichenâ Fähigkeiten einbringen und Arbeitgeber*innen fordern individuelle Kompetenzen. Innerhalb dieser Beschäftigungsverhältnisse sollen Arbeitnehmer*innen also gerade keine Entfremdung wahrnehmen und Arbeit und Freizeit, Wohnung und Arbeitsplatz in eins fallen. Die Historikerin Wiebke Wiede stellt die Parallelität der Fragestellungen der von Michel Foucaults Schüler*innenkreis ausgehenden âGovernmentality Studiesâ und den arbeitssoziologischen Debatten über die Subjektivierung von Arbeit wie folgt heraus:
Während bis dato Produktionsverhältnisse, technische Bedingungen oder die betriebliche Einheit als Organisation zur Erklärung von Arbeitsphänomenen herangezogen wurden, wird für die gegenwärtigen Arbeitsprozesse und Arbeitswelten die zunehmende Bedeutung individueller Handlungen und Motivationen des arbeitenden Individuums festgestellt. Der Subjektbegriff dieser Studien ist jedoch anders akzentuiert als der Subjektbegriff der poststrukturalistischen Subjekttheorien und geht von als solchen vorhandenen und normativ formbaren Subjekten aus.24
Im Rahmen der vorliegenden Studie soll sowohl die wachsende Bedeutung individueller Handlungen und Motivationen berücksichtigt als auch der zunehmende Fokus der untersuchten Statistiken und Infografiken auf das einzelne Subjekt herausgearbeitet werden. Aussagen darüber, wie Infografiken individuelle Subjekte konkret formen, können so nicht getroffen, Subjektivierungstechnologien jedoch analysiert werden.
Auch im Werk Hannah Arendts wird Arbeit in Bezug zu Nichtarbeit analysiert. 1958 schreibt die Philosophin in The human condition (1960 in deutscher Sprache erschienen als Vita activa oder Vom tätigen Leben25 ) von der Arbeit als Notwendigkeit für die menschliche Reproduktion und von dem von Arbeit befreiten Leben als Herrschaftsprivileg. Arendt beschreibt eine zunehmende gesellschaftlichen Aufwertung der Arbeit seit dem 17. Jahrhundert und etablierte den Begriff der âArbeitsgesellschaftâ. Die Ausbreitung der Automation skizziert sie als zeitgenössisch bedrohliche Entwicklung:
Auch ist ein von Arbeit befreites Leben ja nicht neu; es gehörte einst zu den selbstverständlichsten und bestgesicherten Vorrechten und Privilegien der Wenigen, die über die vielen herrschten. So mag es scheinen, als würde hier durch den technischen Fortschritt nur das verwirklicht, wovon alle Generationen des Menschengeschlechts nur träumten, ohne es jedoch leisten zu können. Aber dieser Schein trügt. Die Neuzeit hat im siebzehnten Jahrhundert damit begonnen, theoretisch die Arbeit zu verherrlichen, und sie hat zu Beginn unseres Jahrhunderts damit geendet, die Gesellschaft im Ganzen in eine Arbeitsgesellschaft zu verwandeln. [â¦] Was uns bevorsteht, ist die Aussicht auf eine Arbeitsgesellschaft, der die Arbeit ausgegangen ist. Was könnte verhängnisvoller sein?26
Es ist kein Zufall, dass Arendts Thesen zur Arbeitsgesellschaft in den 1970er- und 1980er-Jahren vermehrt von Soziolog*innen (und zuweilen auch in der Tagespresse) aufgegriffen wurden.27 Denn Arendts Frage nach der âArbeitsgesellschaft, der die Arbeit ausgegangen istâ, erhielt angesichts der steigenden Arbeitslosenzahlen neue Brisanz.28
Nicht zuletzt ist eine Debatte über Arbeit in der Bundesrepublik ab dem Jahr 1967, also gut zwanzig Jahre nach dem Sieg der Alliierten über das nationalsozialistische Deutschland, nicht ohne die Folie des Ideals âdeutscher Arbeitâ zu denken. Nikolas Lelle hat 2022 in Arbeit, Dienst und Führung die lange Geschichte der Vorstellung herausgestellt, dass Deutsche âbesonders gutâ arbeiten. Vorläufer dieser Vorstellung sieht er in Martin Luthers Schriften. Im 19. Jahrhundert wurde âdeutsche Arbeitâ zu einem Topos in Literatur, Wissenschaft und Politik. Der Nationalsozialismus vertrat âeine radikale Variante des Topos âdeutsche Arbeitââ.29 Demnach arbeiteten die Deutschen ânicht nur besonders gerne und hart, sondern aus Gemeinnutz, was als Gegenteil zur Nichtarbeit âdes Judenâ propagiert wird, der nur aus Eigennutz tätig werde. Die âdeutsche Arbeitâ soll ein Dienst an der Volksgemeinschaft sein.â30 In seinem Buch weist Lelle nach, wie die Arbeitswelt noch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts vom Topos âdeutsche Arbeitâ beeinflusst war. In den bildlichen Darstellungen zum Arbeitsmarkt und den hier untersuchten Infografiken finden sich auch in den 1990er-Jahren noch antisemitische Motive.
Auch die Historiker Jörn Leonhard und Willibald Steinmetz unternahmen 2016 den Versuch, Arbeit über ihre Abgrenzung zur Nichtarbeit zu definieren und fragen:
Wo und wie, mit welchen sozialen Folgen werden im Sprachgebrauch jeweils die Grenzen zwischen Arbeit und verschiedenen Formen von Nicht-Arbeit wie âMuÃeâ, âFreizeitâ, âRuheâ, âFaulenzereiâ, âUrlaubâ, âFeierabendâ, âPauseâ, âSpielâ, âGenussâ, âFlanerieâ, âRentnertumâ oder âArbeitslosigkeitâ gezogen?31
Sie kommen zu dem Schluss, dass sich nicht nur die Arbeit selbst, sondern auch die Kehrseite der Arbeit in ein breites semantisches Feld an Zuschreibungen auffächert, das kaum scharf zu umgrenzen ist.32 Eine Studie über Arbeitslosigkeit muss, daran angelehnt, davon ausgehen, dass die Definition von Arbeitslosigkeit als Abwesenheit von Lohnarbeit treffend, aber nichtsdestoweniger unzureichend ist. Denn auch auf die Frage âWas ist Arbeit?â kann keine eindeutige Antwort gegeben werden. Das Verhältnis von Gesellschaft und Arbeit unterliegt schlieÃlich einem beständigen historischen Wandel und wird aus unterschiedlichen Disziplinen immer wieder neu beforscht.
Für die konkreten Fragen zur Geschichte der Arbeitslosigkeit und ihrer Medialisierung enthalten insbesondere die Werke von Bénédicte Zimmermann, Frank Niess, Hans Uske und Daniel Fischer unverzichtbare Analysen und Beobachtungen für die vorliegende Studie: Zimmermann hat maÃgebliche Erkenntnisse über die Entstehung von Arbeitslosigkeit als sozialer Kategorie hervorgebracht;33 Niess hat sich Ende der 1970er-Jahre mit der Geschichte der Arbeitslosigkeit34 beschäftigt, beginnend mit der industriellen Revolution; Hans Uske hat 1995 die diskursive Beseitigung der Arbeitslosigkeit35 in den Blick genommen und dabei die Berichterstattungen der 1980er-Jahre erstmals mittels eines diskurstheoretischen Instrumentariums untersucht; Fischer hat Ãber das Verhältnis von Zahl und Wirklichkeit36 geforscht und am Beispiel der Arbeitslosenzahlen den Umgang mit statistischem Wissen in massenmedialen Diskursen unter Rückgriff auf die âTheorie Reflexiver Modernisierungâ nach Ulrich Beck analysiert. Infografiken finden in diesen Untersuchungen keine Berücksichtigung, beziehungsweise bei Fischer nur am Rande und dann sehr oberflächlich. Thomas Raithel und Thomas Schlemmer haben in ihrem Sammelband Die Rückkehr der Arbeitslosigkeit wichtige zeithistorische und soziologische Perspektiven auf die internationale Arbeitslosigkeit zwischen 1973 und 1989 zusammengestellt.37 Dazu gehören vor allem spezifische Einblicke in die Geschichte der Messung der Arbeitslosigkeit als auch international vergleichende Studien, z. B. zur Jugendarbeitslosigkeit.
Die mediale Aufbereitung von Arbeitslosigkeit steht erstaunlich häufig mit Blick auf die Bild-Zeitung im Fokus des Interesses. Hervorzuheben sind hier die Werke von Thomas Riedmiller (1988)38 sowie von Christian Baron und Britta Steinwachs (2012).39 Die beiden Studien analysieren die Berichterstattung der Bild-Zeitung über Arbeitslosigkeit so aussagekräftig, dass ich auf ihre Ausführungen zurückgreifen konnte. Die Bild vermittelt weniger Zahlenwissen, sondern arbeitet vielmehr die Lebensumstände einzelner Arbeitsloser auf. So präsentieren Baron und Steinwachs am Beispiel von Arno Dübel zahlreiche Reportagen aus dem Jahr 2010 und analysieren diese unter dem Aspekt klassistischer Diskriminierung. Die Bielefelder Forscher*innengruppe um Wilhelm Heitmeyer hat zudem aus soziologischer Perspektive bereits einige Erkenntnisse zum diskriminierenden Umgang mit Hartz IV-Empfänger*innen hervorgebracht.40
Sandra Rendgen und Julius Wiedemann haben 2021 eine umfangreiche Darstellung veröffentlicht. An zahlreichen Beispielen entwickeln sie die Geschichte der westlichen Informationsgrafik âvon der mittelalterlichen Handschriftenkultur in Europa über Renaissance und Neuzeit bis hin zu den europäischen und nordamerikanischen Massenmedien des 20. Jahrhunderts.â Die âPointeâ der Auswahl dieser Beispiele liegt laut den Verfasser*innen des Buches darin, âdass die Praxis der Informationsvisualisierung immer ein selbstverständlicher Teil der intellektuellen Kultur war und zahlreiche wissenschaftliche Disziplinen und Themenfelder überspannt.â41 Die Ausführungen zu Presse-Infografiken fallen allerdings sehr kurz aus und betonen vor allem die Anonymität der Grafiker*innen.
Breiter gefasste Arbeiten zur Geschichte der Bundesrepublik, zum bundesdeutschen Sozialstaat und zum Prozess der âVerwissenschaftlichung des Sozialenâ haben ebenfalls nennenswerte Erkenntnisse über die Geschichte der Arbeitslosigkeit hervorgebracht, von denen diese Studie profitiert. Dazu gehören vor allem die Arbeiten von Ute Frevert, Ulrich Herbert, Winfried SüÃ, Eckart Conze, Lutz Raphael und Marc Buggeln.42
Zu Methode und Theorie
Die Fragestellungen dieser Studie wurden methodisch aus den Quellen selbst entwickelt und zwar, indem herausgefiltert wurde, was zu welcher Zeit als gültiges Wissen über Arbeitslosigkeit kursierte, wie dieses Wissen kollektivsymbolisch vermittelt wurde und wie diese Bildlichkeiten wiederum den Diskurs prägten. Dabei geht es im Folgenden nicht darum, eine âWahrheitâ hinter der Berichterstattung zu finden, sondern die medialen Wissensdiskurse in ihrer je eigenen Historizität und Entwicklung zu begreifen. Dieser Ansatz orientiert sich an verschiedenen, vor allem diskurstheoretisch ausgerichteten Arbeiten. Kaum denkbar wären alle diskursanalytischen Ansätze ohne das Werk Michel Foucaults. Auf seinen Arbeiten baut sowohl die historische Diskursanalyse Achim Landwehrs als auch die Interdiskursanalyse Jürgen Links auf. Beide werden im Kapitel Vermessen vorgestellt und mit wissenshistorischen und -soziologischen Ãberlegungen, vor allem der Soziologin Karin Knorr-Cetina, verknüpft. Der Rückgriff auf die Wissensgeschichte dient dazu, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass Wissen sich aus je diskursiven und nichtdiskursiven Praktiken zusammensetzt. Eine unbewusste Handlung, z. B. in Form eines routinierten Dateneintrags bei der Bundesagentur für Arbeit, ist demnach genauso diskurskonstituierend wie eine Infografik, die die Datenerhebung visuell aufbereitet. Um theoretische Auseinandersetzungen mit Zeit, vor allem inspiriert von Helga Nowotny, Elena Esposito, Achim Landwehr und Albrecht Koschorke, geht es im Kapitel Verzeitlichen. Zeit wird nicht nur als sozialkonstruktivistische Einheit bestimmt, sondern auch ihr Bezug zur Kategorie der Arbeit herausgestellt. Infografiken nutzen allerdings nicht nur das Erzählinstrument der Chronologie, sondern entwerfen auch kontinuierlich Räume in Form von Landkarten, die einzelne Regionen vermessen und beziffern. Der Umgang mit Karten wird im Kapitel Verräumlichen in Anlehnung an Ute Schneider analysiert und zeichentheoretisch ergänzt, vor allem mit Bezügen auf Charles S. Peirce und W. J. T. Mitchell. Der methodische Umgang mit Kollektivsymbolen, vor allem Metaphern, im Teil Das Bild baut auf den Arbeiten von Jürgen Link, Rolf Parr und Ralf Konersmann auf, deren Erkenntnisse in die Analyse der Bildlichkeiten einflossen. Das Konzept der Subjektivierung haben in der jüngeren Theoriegeschichte vor allem Judith Butler und Ulrich Bröckling aktualisiert. Bröcklings Leitbild des âunternehmerischen Selbstâ dient als Folie für das arbeitslose Subjekt im dritten Teil der Studie und wird dort näher erläutert. In diesem Kontext wird auch auf Ansätze des Normatierens und Normalisierens nach Michel Foucault zurückgegriffen. Da die theoretischen und methodischen Ansätze für unterschiedliche Kapitel der Arbeit eine je andere Gewichtung haben, werden sie an den jeweiligen Stellen der Arbeit vorgestellt und an wieder anderen aktualisiert. Sie schlieÃen sich nicht gegenseitig aus, sondern beziehen sich innerhalb und auÃerhalb dieser Studie aufeinander und flieÃen auch in ihrer Gesamtheit in diese ein. Der Fokus auf bestimmte Werke in einzelnen Kapiteln ist als Konzentration auf einzelne Aspekte zu verstehen und soll nicht den Eindruck erzeugen, die jeweiligen theoretischen Ausprägungen würden unabhängig voneinander existieren. Dies gilt ebenso für die einzelnen Diskursstränge, die ich in den Unterkapiteln herausarbeite. Sie sind nicht klar voneinander abzugrenzen, ergeben sie doch im Zusammenspiel den Diskurs, bilden also die Basis dafür, was sagbar ist. Auch lösen sie sich im historischen Prozess nicht gegenseitig ab, sondern ermöglichen sich vielmehr wechselseitig und treten eher wellenartig in den Vordergrund der Erzählung über Arbeitslosigkeit und bestimmen diese temporär.
Zur hier verwendeten Sprache
Sprachbilder sind fester Bestandteil unserer Kommunikation. Eine Arbeit, die sich kritisch mit Sprachbildern auseinandersetzen möchte, kann jedoch auch selbst nicht auf diese verzichten. In ihrer Funktion der Spracherweiterung sind sie nicht selten unersetzbar geworden. Das wird besonders dann deutlich, wenn man sich mit den Sprachbildern ökonomischer Prozesse auseinandersetzt. So ist klar, dass âMarktâ eine Metapher darstellt,43 ein anders Wort existiert in dieser Prägnanz jedoch nicht, um den ökonomischen Komplex zu beschreiben. Die räumliche Anordnung der Infografiken, die ich analysiert habe, basiert bereits auf einer Metapher, die erstaunlich weit â nach George Lakoff und Elisabeth Wehling auf der ganzen Welt und in jeder Kultur â verbreitet ist: âmehr ist oben und weniger ist unten.â44 Ich werde häufig davon schreiben, dass die Arbeitslosenzahlen gestiegen sind â tatsächlich geht es aber um ein Phänomen der Quantitität. Das gleiche gilt für Preise, Aktien, Zinsen: âWir begreifen sie als steigend oder fallend, weil wir in der Metapher mehr ist oben denken.â45 Die Infografiken, die ich für mein Anliegen untersucht habe, verbildlichen die Metaphern von âobenâ und âuntenâ in Form von Kollektivsymbolen. Mir ist bewusst, dass ich diese Bildlichkeiten in meiner sprachlichen Praxis punktuell reproduziere; auf Kennzeichnungen habe ich zugunsten der besseren Lesbarkeit verzichtet. Meine Auseinandersetzung mit der Funktionalität von Sprachbildern finden sich vor allem im zweiten Teil der Studie.
Manche Begriffe werde ich sozialkonstruktivistisch46 und nicht als feststehende Wahrheiten oder unumstöÃliche Kategorien behandeln. Die beiden wichtigsten sind âKriseâ und âWissenâ. Ich habe mich dagegen entschieden, einen distanzierten Umgang mit diesen Begriffen durch Anführungszeichen oder ähnliches zu kennzeichnen. Da ich nicht davon ausgehe, dass sich Wissen oder Krisen auÃerdiskursiv definieren lassen, bedarf es auch keiner Abgrenzung.
Um einen gewissenhaften Umgang mit genderneutraler Sprache habe ich mich sehr bemüht. Arbeitslose sind per statistischer Definition und gesellschaftlicher Wahrnehmung über einen langen Zeitraum allerdings männlich. Dies ist nicht nur eine sprachliche Unklarheit, sondern hat ganz konkrete Folgen für die Berechnung der Quote. In direktem Umgang mit den Quellen habe ich deshalb das generische Maskulinum auch in meinen analytischen Paraphrasen übernommen.
Zur Gliederung
Einleitend werde ich den Untersuchungszeitraum anhand von Krisenerzählungen der bundesrepublikanischen Nachkriegszeit abstecken. Krisen werden nicht als reale Ereignisse verstanden, sondern als dispositive Narrative, die Handlungsoptionen beinhalten. Diese Krisenerzählungen rahmen nicht nur den Untersuchungszeitraum, sondern sind auch fester Bestandteil der Berichterstattung über den Arbeitsmarkt. Ein detaillierter Blick auf Krisenerzählungen soll die Basis für die den Hauptteil der Arbeit strukturierenden Kategorien bilden. Krisenerzählungen markieren und etablieren Wendepunkte und enthalten die Aufforderung, die Krise zu überwinden â diese Aufforderung richtet sich immer an den Staat und/oder das Subjekt. In Krisenzeiten wird das Verhältnis demnach neu bestimmt.
Der Hauptteil umfasst drei Schwerpunkte: Staat, Bild und Subjekt. Die Struktur der Studie spiegelt die zugrundeliegende Annahme wider, dass in der Arbeitsberichterstattung beständig das Verhältnis von Staat und Subjekt ausgelotet und neu bestimmt wird. Die Vermittlung dieser abstrakten Beziehung greift auf Orientierungswissen in Form von Bildwelten zurück, die von einer je eigenen Historizität bestimmt werden und eine je eigene Dynamik entwickeln können. Konstruiert ist die Aufteilung des Hauptteils insofern, als Staat, Bild und Subjekt in der Arbeitsberichterstattung beständig gemeinsam erzählt werden. Sie ist aber notwendig, um sowohl das zugrundeliegende Wissen als auch die daraus hervorgehenden Leitbilder für Staat und Subjekt zu analysieren.
Im ersten Teil (Der Staat) werden Infografiken als Vermittlungsmedien staatlicher Praxen der Arbeitsverwaltung beschrieben: Vermessen, Verzeitlichen und Verräumlichen. Um der historischen Tragweite gerecht zu werden, wird der Entstehungsprozess der Infografik vor dem Hintergrund wissen(schaft)sgeschichtlicher Erkenntnisse über die Entstehung der Statistik, aber auch über sich verändernde Zeit- und Raumvorstellungen beleuchtet. Daraus ergeben sich vor allem zwei Regierungstechniken von Arbeitslosigkeit: Versichern und Disziplinieren.
Der zweite Teil (Das Bild) legt den Schwerpunkt auf die Historizität und Dynamik der Kollektivsymbolik, also sowohl der konkreten Infografiken als auch der sie begleitenden Metaphern und Symbole, die das Sprechen über Arbeitslosigkeit konstituieren. Dies funktioniert vor allem über die flexible Nutzung von Kollektivsymbolen, da diese einerseits starke Konnotationen hervorbringen, andererseits im historischen Wandel immer neu und anders ausgelegt werden können. Diese Anpassungsfähigkeit ermöglicht es, aktuelles Orientierungswissen über Arbeitslosigkeit zwar mit auseinander hervorgehenden Bildern, jedoch auch mit je angepasster Bedeutung zu vermitteln. Die Analyse wird zeigen, dass nichtarbeitende Subjekte im Untersuchungszeitraum zunehmend als Gefahr für die Freiheit des Marktes und die Sicherheit der Gesellschaft markiert werden.
Der dritte Teil Das Subjekt spiegelt den ersten Teil, indem er allerdings den Fokus vom Staat auf das Subjekt verschiebt. Infografiken werden dann als Vermittlungsmedien der Subjektivierung beschrieben: In den Kapiteln Gezählt, Verzeitlicht, Ausgegrenzt zeige ich die Subjektkonstitutionen auf, die durch die Bildwelten zur Arbeitslosigkeit und aus einer Kombination aus Ideologie und Wissen über Arbeitslosigkeit hervorgebracht werden. Am Ende steht die Figur des âSchmarotzersâ, die sowohl in ihrer historischen Tragweite als auch in ihrer Funktionalität für den Untersuchungszeitraum analysiert wird.
Da es sich bei Staat, Bild und Subjekt um sich gegenseitig bedingende Kategorien handelt, sind die drei Teile nicht scharf voneinander zu trennen, sondern verweisen beständig aufeinander. Ich möchte diese Kategorien deshalb als Fokusverschiebungen verstanden wissen und davon ausgehen, dass sich (neo-)liberale staatliche Regierungspraxen immer über die Herstellung von individueller Sicherheit und wirtschaftlicher Freiheit legitimieren. Nur eine Codierung von freiwillig Arbeitslosen als Gefährdung für die Sicherheit und Freiheit der anderen kann deshalb Repressionen gegenüber und Ausgrenzungen von âSchmarotzernâ legitimieren.
Anna Mayr: Die Elenden. Warum unsere Gesellschaft Arbeitslose verachtet und sie dennoch braucht, Berlin: Hanser, 2020, S. 68.
Bei der Analyse von Kollektivsymbolen orientiere ich mich an den Arbeiten Jürgen Links und Rolf Parrs. Unter Kollektivsymbolik versteht Jürgen Link âdie in einer Kultur am weitesten verbreitete sogenannte âBildlichkeitâ, d.h. auÃer Symbolen, Allegorien, Emblemen, Metaphern, Synekdochen und Metonymien auch Modelle, Analogien und Exempel, wie sie gerade auch für viele wissenschaftliche Diskurse konstitutiv sind.â (Jürgen Link: âAspekte der Normalisierung von Subjekten. Kollektivsymbolik, Kurvenlandschaften, Infografikenâ, in: Infografiken, Medien, Normalisierung. Zur Kartografie politisch-sozialer Landschaften, hg. v. Ute Gerhard, Jürgen Link und Ernst Schulte-Holtey, Heidelberg: Synchron, 2001, S. 77â92, hier S. 79).
Ralf Konersmann: âVorwort: Figuratives Wissenâ, in: Wörterbuch der philosophischen Metaphern, Studienausg., hg. v. dems., 3., erw. Aufl., Darmstadt: wbg, 2014 [Nachdruck], S. 7â20, hier S. 15. Konersmann bezieht sich in dem Zitat lediglich auf philosophische Metaphern. Die Richtigkeit der Aussage schmälert sich aber nicht, bezieht man sie auf das in dem Fall der Metapher übergeordnete Konzept der Kollektivsymbolik.
Die Journalistin und Journalistik-Professorin Yasmin Schulten-Jaspers führt dazu aus: âAus einem Zusammenschluss der von den westlichen Siegermächten 1945 eingerichteten Nachrichtendienste, der Deutschen Nachrichtenagentur (DENA) in der amerikanischen, dem deutschen Pressedienst (dpd) in der britischen und der Südwestdeutschen Nachrichtenagentur (SÃDENA) in der französischen Zone entstand 1949 am Sitz des dpd in Hamburg die Deutsche Presse-Agentur (dpa). Um ihre Unabhängigkeit zu sichern, wurde die dpd in Anlehnung an das Genossenschaftsmodell gegründet und war damit von Beginn an in Besitz von Zeitungen und Rundfunkanstalten.â (Yasmin Schulten-Jaspers: Zukunft der Nachrichtenagenturen. Situation, Entwicklungen, Prognose, Baden-Baden: Nomos, 2013, S. 62).
Vgl. die Selbstauskunft der dpa auf der Homepage: https://www.dpa.com/de/unternehmen/dpa-gruppe/dpa-infografik-gmbh (letzter Zugriff: 15.06.2023, nicht mehr abrufbar). Inzwischen unterteilt die dpa zwischen Globus-Grafiken für den Unterricht und nachrichtlichen dpa-Grafiken.
Vgl. Michael Segbers: Die Ware Nachricht. Wie Nachrichtenagenturen ticken, Konstanz: UVK, 2007, S. 43.
Ebd., S. 150.
Zu den folgenden Ausführungen zu Noelle-Neumann und dem Allensbacher Institut vgl. Kyra Palberg: âPraktiken des Nichtstuns. Arbeitslosigkeit in der Allensbacher Meinungsforschungâ, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 70 (2022), S. 357â370.
Elisabeth Noelle-Neumann, Winfried Schulz und Jürgen Wilke (Hg.): Fischer Lexikon Publizistik Massenkommunikation, Frankfurt a.M.: Fischer, 1993, S. 114.
Vgl. Thomas Mergel: Propaganda nach Hitler. Eine Kulturgeschichte des Wahlkampfs in der Bundesrepublik 1949â1990, Göttingen: Wallstein, 2010, S. 94 f.
Ebd. S. 95.
Ebd.
Anja Kruke hat sich in ihrer für die Geschichte der Demoskopie wegweisenden Dissertation mit dem Thema befasst, wie sich die Meinungsforschung in den Parteien verankerte und wie sich dieser Prozess insgesamt auf die Politik auswirkte. Ihr Augenmerk galt deshalb vor allem dem Umgang von CDU und SPD mit demoskopischen Erhebungen sowie der Zusammenarbeit der groÃen bundesrepublikanischen Volksparteien mit Meinungsforschungsinstituten. Kruke interessiert sich besonders für das sich wandelnde Verhältnis von Meinungsforschung und Politik. Sie betont allerdings die Bedeutung der Medien für diese Veränderung, da Umfrageergebnisse medial verbreitet werden, âso daà der Aufstieg der Meinungsforschung seit den fünfziger-Jahren von der in der Bundesrepublik sich langsam vollziehenden Medialisierung kaum zu trennen istâ. (Anja Kruke: Demoskopie in der Bundesrepublik Deutschland: Meinungsforschung, Parteien und Medien 1949â1990, 2. Aufl., Düsseldorf: Droste, 2012, S. 12).
Vgl. Peter Hoeres: Aneignung und Abwehr der Demoskopie im intellektuellen Diskurs der frühen Bundesrepublik, in: Die zweite Gründung der Bundesrepublik. Generationswechsel und intellektuelle Wortergreifungen 1955â1975, hg. v. Franz-Werner Kersting, Jürgen Reulecke und Hans-Ulrich Thamer, Stuttgart: Steiner, 2010, S. 69â84, hier S. 75.
In ihrer 2014 erschienen Dissertation schreibt Anne Jessen zwar, dass es ein immenses Interesse an demoskopischen Prognosen gegeben habe, diese aber gar keine seien wollten: âMeinungsforscher betonen seit jeher, dass ihre Ergebnisse lediglich aktuelle Stimmungen messen, ohne prognostischen Charakter.â (Anne Jessen: Perspektiven der politischen Meinungsforschung. Demoskopische Ergebnisse im Spannungsfeld von Theorie, Praxis und Ãffentlichkeit, Wiesbaden: Springer, 2014, S. 17). Diese Behauptung kann allerdings anhand der hier untersuchten Quellen nicht bestätigt werden, da Elisabeth Noelle-Neumann selbst die Möglichkeiten, mithilfe von Meinungsforschung Prognosen zu erstellen, in den 1950er- und 1960er-Jahren regelmäÃig verteidigte, so z. B. im Spiegel-Interview vom 20. August 1957: âDie Frage ist: Gibt es ein Verfahren, mit dem man zu besseren Prognosen kommt? Bisher jedenfalls kann man mit den Umfrageergebnissen eher eine gute Prognose machen als ohne sie.â (Interview mit Elisabeth Noelle-Neumann: âProbewahl am Küchentischâ, in: Der Spiegel, 20.08.1957).
Im Jahr 1986 lieà der Stern ausgerechnet Noelle-Neumann eine Studie zum Thema Antisemitismus durchführen, was den Kölner Soziologen Alphons Silbermann dazu bewog, nicht nur die Studie fachlich zu kritisieren, sondern auch Noelle-Neumann als âAlt-Naziâ zu bezeichnen. In dem Versuch, sich zu entlasten, veröffentlichte die Instituts-Chefin ihre 1950 ausgestellte âEntnazifizierungs-Bescheinigungâ anschlieÃend in einer Tageszeitung (vgl. Richard Albrecht: Demoskopie als Demagogie. Kritisches aus den achtziger Jahren, Aachen: Shaker, 2007, S. 15â17).
Siegfried Kracauer: Die Angestellten: eine Schrift vom Ende der Weimarer Republik, Allensbach-Bonn: Verlag für Demoskopie, 1959; Marie Jahoda, Paul Felix Lazarsfeld und Hans Zeisel: Die Arbeitslosen von Marienthal: Ein soziographischer Versuch mit einem Anhang zur Geschichte der Soziographie, Allensbach-Bonn: Verlag für Demoskopie, 1960.
Vgl. Palberg: âPraktiken des Nichtstunsâ.
Ich unterscheide insofern zwischen Praktiken und Praxen, als dass eine Praktik nie allein daherkommt, sondern âstets Teil einer beobachteten Reihe [ist], die als soziale RegelmäÃigkeit analysiert werden kann. Diese RegelmäÃigkeit, die Logik, die Iteration, bezeichnen wir als Praxis.â (Jan-Hendryk de Boer: Praktiken, Praxen und Praxisformen, oder: Von Serienkillern, verrückten Wänden und der ungewissen Zukunft, in: Praxisformen. Zur kulturellen Logik von Zukunftshandeln, hg. v. Jan-Hendryk de Boer, Frankfurt a.M./New York: Campus, 2019, S. 21â43.).
Werner Conze: âArbeitâ, in: Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, Korrigenda Bd. 1â7, Studienausg., hg. v. Otto Brunner, Werner Conze und Reinhart Koselleck, Stuttgart: Klett-Cotta, 1972, S. 154â215, hier S. 154.
Karl Marx und Friedrich Engels: Ergänzungsband: Schriften, Manuskripte, Briefe bis 1844, 1. Teil, Berlin: Dietz, 1968 (=MEW, Bd. 40), S. 514 (Hervorhebungen im Original).
âDie WertgröÃe einer Ware wechselt also direkt wie das Quantum und umgekehrt wie die Produktivkraft der sich in ihr verwirklichenden Arbeit.â (Karl Marx und Friedrich Engels: Das Kapital. Kritik der politischen Ãkonomie, Berlin: Dietz, 1962 (=MEW, Bd. 23.1), S. 55).
Vgl. Stephan Voswinkel: âArbeit und Subjektivitätâ, in: Kapitalismustheorie und Arbeit. Neue Ansätze soziologischer Kritik, hg. v. Klaus Dörre, Dieter Sauer und Volker Wittke, Frankfurt a.M./New York: Campus 2012, S. 302â315, hier S. 302.
Wiebke Wiede: âSubjekt und Subjektivierungâ, in: Docupedia-Zeitgeschichte, online abrufbar unter: https://docupedia.de/zg/Wiede_subjekt_und_subjektivierung_v3_de_2020 (letzter Zugriff: 23.03.2025).
Hannah Arendt: Vita activa oder Vom tätigen Leben, 17. Aufl., München/Berlin/Zürich: Piper, 2016.
Ebd., S. 12 f.
Auch heute ist der Begriff âArbeitsgesellschaftâ in der Soziologie noch etabliert. Der Soziologe Wolfgang Bonà betont beispielsweise, dass Menschen zwar schon âimmerâ produktiv tätig waren, dass das Stichwort âArbeitâ aber erst seit der frühen Neuzeit positiv besetzt ist, âund seither definieren sich die neu entstehenden bürgerlichen Gesellschaften immer deutlicher als âArbeitsgesellschaften.ââ (Wolfgang BonÃ: âBeschäftigt â Arbeitslosâ, in: Deutschland â eine gespaltene Gesellschaft, hg. v. Stephan Lessenich und Frank Nullmeier, Frankfurt a.M./New York: Campus, 2006, S. 53â72, hier S. 54).
Wiebke Wiede beschreibt für die 1970er- und 1980er-Jahre einen Prozess, in dem west-europäische Gesellschaften begannen, sich als Arbeitsgesellschaften zu definieren und âArbeitslose im Grunde ein irritierendes Moment beruflicher Normalformenâ wurden (Wiebke Wiede: âPrekäre Beruflichkeiten. Die Subjektivierung von Arbeitslosen in Berufsbildung und -beratung in Deutschland und GroÃbritannien (1964â1990)â, in: Ãsterreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften 24/1 (2013), S. 109â130, hier S. 111).
Nikolas Lelle: Arbeit, Dienst und Führung. Der Nationalsozialismus und sein Erbe, Berlin: Verbrecher Verlag, 2022, S. 13.
Ebd.
Jörn Leonhard und Willlibald Steinmetz: âVon der Begriffsgeschichte zur historischen Semantik von âArbeitââ, in: Semantiken von Arbeit: Diachrone und vergleichende Perspektiven, hg. v. dens., Köln/Weimar/Wien: Vandenhoeck & Ruprecht, 2016, S. 9â59, hier S. 10.
Vgl. ebd.
Bénédicte Zimmermann: Arbeitslosigkeit in Deutschland. Zur Entstehung einer sozialen Kategorie, Frankfurt a.M./New York: Campus, 2006; Dies.: âSemantiken der Nicht-Arbeit an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. âArbeitslosigkeitâ und âchômageâ im Vergleichâ, in: Semantiken von Arbeit: Diachrone und vergleichende Perspektiven, hg. v. Jörn Leonhard und Willlibald Steinmetz, Köln/Weimar/Wien: Vandenhoeck & Ruprecht, 2016, S. 269â288.
Frank Niess: Geschichte der Arbeitslosigkeit. Ãkonomische Ursachen und politische Kämpfe. Ein Kapitel deutscher Sozialgeschichte. Mit einem Nachtrag zur Arbeitslosigkeit der Gegenwart, 2. erw. Aufl., Köln: Pahl-Rugenstein, 1982.
Hans Uske: Das Fest der Faulenzer. Die öffentliche Entsorgung der Arbeitslosigkeit, Duisburg: Institut für Sprach- und Sozialforschung, 1994.
Daniel Fischer: Ãber das Verhältnis von Zahl und Wirklichkeit. Der Umgang mit statistischem Wissen im massenmedialen Diskurs, Wiesbaden: Springer VS, 2009.
Die wissenschaftlichen Abhandlungen über Arbeitslosigkeit setzten meistens in den frühen 1970er-Jahren bzw. mit der Ãlkrise von 1973 ein, da seitdem die Arbeitslosenquote stetig gestiegen war. Mit dem hier gewählten Analysezeitraum von 1967 bis in die Gegenwart soll gezeigt werden, dass die Medien allerdings bereits mit der ersten groÃen Arbeitsmarktkrise Narrative entwickelten, auf die die Berichterstattung auch in den folgenden Jahren regelmäÃig zurückgriff und die 1973 bereits etabliert waren. Siehe hierzu vor allem den zeithistorischen Sammelband von Thomas Raithel und Thomas Schlemmer, der 1973 ansetzt und diese Zäsur dezidiert begründet (vgl. Thomas Raithel und Thomas Schlemmer (Hg.): Die Rückkehr der Arbeitslosigkeit. Die Bundesrepublik Deutschland im europäischen Kontext 1973 bis 1989, München: Oldenbourg, 2009).
Thomas Riedmiller: Arbeitslosigkeit als Thema der Bild-Zeitung, Tübingen: EKW, 1988.
Christian Baron und Britta Steinwachs: Faul, Frech, Dreist. Die Diskriminierung von Erwerbslosigkeit durch BILD-Leser*innen, Münster: edition assemblage, 2012.
Wilhelm Heitmeyer (Hg.): Deutsche Zustände, Folge 6, Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 2008.
Sandra Rendgen und Julius Wiedemann (Hg.): History of Information Graphics, Köln: Taschen, 2021, S. 27 f.
Vgl. hier v. a.: Ute Frevert: Frauen-Geschichte. Zwischen bürgerlicher Verbesserung und neuer Weiblichkeit, Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 2007; Ulrich Herbert: Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert, 2., durchges. Aufl., München: C.H. Beck, 2017; Winfried SüÃ: âDer bedrängte Wohlfahrtsstaat. Deutsche und europäische Perspektiven auf die Sozialpolitik der 1970er-Jahreâ, in: Archiv für Sozialgeschichte 47 (2007), S. 95â126; Eckart Conze: Die Suche nach Sicherheit. Eine Geschichte der Bundesrepublik Deutschland von 1949 bis in die Gegenwart, München: Siedler 2009; Lutz Raphael: âDie Verwissenschaftlichung des Sozialen als methodische und konzeptionelle Herausforderung für eine Sozialgeschichte des 20. Jahrhundertsâ, in: Geschichte und Gesellschaft 22,2 (1996), S. 165â193; Lutz Raphael und Anselm Doering-Manteuffel: Nach dem Boom. Perspektiven auf die Zeitgeschichte seit 1970, 3. Aufl., Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2012; Marc Buggeln: Das Versprechen der Gleichheit. Steuern und soziale Ungleichheit in Deutschland von 1871 bis heute, Berlin: Suhrkamp, 2022.
Auch eigene Vorarbeiten sind in diese Dissertation eingeflossen. Ãber Elisabeth Noelle-Neumann und die Allensbacher Meinungsforschung habe ich in dem Aufsatz âPraktiken des Nichtstunsâ geschrieben. Ausführungen dazu, welche Rolle das Kollektivsymbol der âsozialen Hängematteâ in den Diskurspraktiken der Neuen Rechten spielt, können im Text âGrenzziehungenâ nachgelesen werden (âGrenzziehungen. Kollektivsymbole und Metaphern in der Diskursverschiebung nach rechtsâ, in: Skandalisieren, stereotypisieren, normalisieren. Diskurspraktiken der Neuen Rechten aus sprach- und literaturwissenschaftlicher Perspektive, hg. v. Steffen Pappert [u. a.], Hamburg: Buske, 2021, S. 67â89). Zukunftsentwürfe in Infografiken habe ich mit Hinblick auf die Praktik des Entwerfens von Szenarien unter dem Titel ââArbeitslosigkeit â wie lange noch?ââ analysiert (ââArbeitslosigkeit â wie lange noch?â. Ãkonomische Szenarien in Infografikenâ, in: Praxisformen. Zur kulturellen Logik von Zukunftshandeln, hg. v. Jan-Hendryk de Boer, Frankfurt a.M./New York: Campus, 2019, S. 564â573). Rückgriffe auf eigene Publikationen werden in den FuÃnoten kenntlich gemacht.
âZunächst wurde Markt oft nur als allgemeine Metapher verwendet, die eine umfassende Durchsetzung des Warencharakters der Arbeitsprodukte (Kommodifizierung) und des Konkurrenzprinzips meinte oder auf eine weitgehende Ãkonomisierung aller gesellschaftlichen Bereiche abzielte.â (Dieter Sauer: âPermanente Reorganisation. Unsicherheit und Ãberforderung in der Arbeitsweltâ, in: Vorgeschichte der Gegenwart. Dimensionen des Strukturbruchs nach dem Boom, hg. v. Anselm Doering-Manteuffel, Lutz Raphael und Thomas Schlemmer, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2016, S. 37â55, hier S. 42).
George Lakoff und Elisabeth Wehling: Auf leisen Sohlen ins Gehirn. Politische Sprache und ihre heimliche Macht, 3. Aufl., Heidelberg: Carl-Auer, 2014, S. 16 (Hervorhebungen im Original).
Ebd. (Hervorhebungen im Original).
Vgl. zu diesem Begriff vor allem: Peter L. Berger und Thomas Luckmann: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie, 27. Aufl., Frankfurt a.M.: Fischer, 2018.