Es ist eine häufig erzählte Anekdote aus der Wissenschaftsgeschichte, dass Alfred Wegener mit seiner Theorie der Kontinentalverschiebung zunächst (und zunächst heiÃt: auf Jahrzehnte hinaus) auf taube Ohren stieà und sich bis zu seinem Tod damit nicht durchsetzen konnte. Als Fachfremder, denn er war studierter Meteorologe und nicht Geologe, war er demnach in einer denkbar schlechten Position, um seine heterodoxe Theorie durchzusetzen. Die geologischen Fachgesellschaften kamen Konferenz für Konferenz darin überein, dass Wegeners Vorschläge abzulehnen seien, und sie fuhren dazu das gesamte Arsenal ihrer disziplinären Vernunft, ihrer strengen Methoden und notwendigen Prämissen, redlich auf. Es gab demnach eine Bewegung der Ozeanböden, sie hoben und senkten sich, dadurch veränderten sich auch die Küstenlinien. Aber die Kontinente verschoben sich nicht, sie waren in diesem Sinn unbeweglich. Selbst als die Entdeckung des mittelatlantischen Rückens die Theorien Wegeners weitaus wahrscheinlicher als alle etablierten Erklärungen werden lieÃ, versuchte das Fach, die bestehende Wissensordnung aufrechtzuerhalten. Erst nach Wegeners Tod wurde seine Theorie fachlich anerkannt und verdrängte das bisherige feste Bild, das sich die Disziplin von der Beschaffenheit des Erdmantels gemacht hatte.1
Erzählungen wie diejenige über Wegener veranlassten Max Planck zu der (in mehreren Varianten überlieferten) pessimistischen Ansicht, dass die Wissenschaft âvon Beerdigung zu Beerdigung voranschreiteâ, sich also nicht weiterentwickle, weil ihre Communities sich von guten Theorien überzeugen lassen, sondern schlicht deshalb, weil die hartnäckigen alten Ãberzeugungen irgendwann aussterben und Raum für Neues lassen. Ein guter Hinweis darauf, dass dieses Bonmot mit Vorsicht zu genieÃen ist und die tatsächlich waltenden Ãberzeugungskräfte in der Wissenschaft verkürzt darstellt, findet sich in der Tatsache, dass schon die uns so vertraut scheinende Heldenerzählung über Wegener leider so nicht stimmt. Naomi Oreskes hat in ihrem 1999 erschienenen Buch The Rejection of Continental Drift: Theory and Method in American Earth Science mit dem Mythos des tragisch verkannten Wissenschaftspioniers aufgeräumt: Wegener war keinesfalls ein AuÃenseiter, sondern ein respektierter Geophysiker, dessen Theorien durchaus ernst genommen wurden. Zwar stieà er mit seinen Theorien in Nordamerika weitgehend auf Ablehnung, konnte sich aber dafür starker Unterstützung in Europa und der südlichen Hemisphäre erfreuen. Als er starb, nahm die Fachwelt mit groÃer Anerkennung gegenüber seinen Leistungen von ihm Abschied.2 Die Gründe dafür, dass sich seine Theorie der Kontinentaldrift am Ende durchsetzen konnte, sind (wie so häufig) komplex â ganz sicher kann dafür nicht ausschlieÃlich Wegeners Tod in Anschlag gebracht werden.
Wissenschaft schreitet also keineswegs nur durch das Abtreten der âalten Gardeâ voran. Dennoch ist es nicht von der Hand zu weisen, dass Heterodoxien es im Wissenschaftsbetrieb oftmals schwer haben. Das ist ärgerlich, wenn es sich bei der Heterodoxie um die Theorie der Kontinentalverschiebung handelt oder die spezielle Relativitätstheorie, scheint aber, zumindest ex post, durchaus angebracht, wenn es sich um Heterodoxien von so zweifelhaftem Wahrheitsgehalt wie die Parapsychologie, den Kreationismus oder die Homöopathie handelt. In diesen Fällen dürfte es als wünschenswert gelten, dass die etablierte Orthodoxie sich als skeptisch und widerstandsfähig erweist und alle Ãberzeugungskräfte aufbringt, die sie kann. Nur: Wie können wir erkennen, ob es sich um eine Heterodoxie handelt, die das Zeug dazu hat, eine wissenschaftliche Revolution einzuleiten, oder eine Heterodoxie, die als pseudowissenschaftlicher Irrweg in die Wissenschaftsgeschichte eingeht? In den letztgenannten Beispielen scheint sich die Sache noch relativ eindeutig mit Hilfe von wissenschaftsphilosophischen Kriterien klären zu lassen, doch nicht von ungefähr hat Paul Feyerabend stets mit Genugtuung darauf aufmerksam gemacht, dass gerade das Nicht-Einhalten wissenschaftstheoretischer Kriterien mitunter zu den gröÃten wissenschaftlichen Entdeckungen geführt hat. Um wieviel komplizierter wird es erst, wenn wir beurteilen wollten, ob die String-Theorie wirklich das Zeug dazu hat, die gesamte Physik unter einem mathematischen Dach zu vereinen, und nicht vielmehr in eine Sackgasse führt, oder ob es sich wirklich lohnt, den ambitionierten Traum weiterzuverfolgen, subjektive Erlebniseindrücke neurowissenschaftlich verständlich machen zu wollen. In diesen und vielen anderen Fällen mag vielleicht wirklich erst die Geschichte darüber entscheiden, ob es sich um heterodoxe Irrwege oder heterodoxe Fortschritte handelte. Denn so wie wir am Beispiel von Wegener sehen konnten, dass auch eine noch so bedeutende und allgemein anerkannte Erkenntnis einmal als provozierende Heterodoxie begann, so können wir umgekehrt auch mit Michael Gordin konstatieren, dass es âvom Standpunkt der Zukunft aus betrachtet, zu jeder Zeit eine Menge potenzieller (wie auch wirklicher) Pseudowissenschaftenâ gibt.3
Was die Sache noch schwieriger macht: All diejenigen Menschen, die heute in den Pseudowissenschaften von morgen engagiert sind, wissen gar nichts davon und rechnen sich (zu Recht) zum âTeam Wissenschaftâ. Dabei ist es nicht einmal entscheidend, ob sie derzeit als orthodox oder heterodox beurteilt werden. Mehr noch: Auch die Menschen, bei denen sich die etablierte Fachwelt heute schon einig ist, dass sie Pseudowissenschaft betreiben, halten sich selbst nicht für Pseudowissenschaftler:innen. Sie engagieren sich in ihren Augen für die Wissenschaft und nicht gegen sie. Es ist daher wichtig, sich auch mit den Rändern der Wissenschaft auseinanderzusetzen, wenn man wissenschaftliche Ãberzeugungskräfte in den Blick nimmt. âDenn wenn man wissenschaftliche Ãberzeugungskräfte nur in Hinblick auf Ideen untersucht, die man selbst bereits für überzeugend hält, bekommt man ein schiefes Bild. Um ein vollständigeres Bild zu erhalten, muss man auch versuchen zu verstehen, warum die Theorien, die man selbst als nicht überzeugend â unlogisch, unsinnig, gar abstoÃend â empfindet, für andere aber dennoch überzeugend sind.â4
Wie wirken Ãberzeugungskräfte in diesen Fällen? Was haben selbst die abseitigsten und von den âDenkkollektivenâ (Fleck) der etablierten Wissenschaft nur müde belächelten Heterodoxien an sich, dass sie auf ihre Anhänger:innen solch eine Ãberzeugungskraft ausstrahlen? Und warum konnten dagegen diejenigen Heterodoxien, die sich später tatsächlich als Fortschritt herausstellten, häufig zunächst nur so mühsam überzeugen? Wie kann es passieren, dass eine Theorie zu einer populären Fortschrittsphantasie wird, obwohl sie in den Reihen der Wissenschaft gar nicht als solche anerkannt wurde? Mit all diesen Fragen beschäftigt sich dieser Band.
Wir nehmen Ãberzeugungkräfte dabei in einem doppelten Sinn in den Blick. Zum einen, indem wir wissenschaftsgeschichtlich auf die tatsächlich waltenden Ãberzeugungskräfte im Wissenschaftsbetrieb blicken und dabei besonders auf die Ãberzeugungsdynamiken in heterodoxen Wissensdiskursen fokussieren. Und zum anderen, indem wir uns fragen, wie man Ãberzeugungskräfte gegen Wissenschaftsskepsis und pseudowissenschaftliche Ãberzeugungen bündeln kann, ohne dabei in fragwürdigen âpopulärenâ Wissenschaftstheorien und ridikülisierenden Polemiken Zuflucht zu nehmen. Denn es steht auÃer Frage, dass die vielfältige Wissenschaftspraxis von heute ein pluralistisches Wissenschaftsverständnis nahelegt5 und dass ihre Ergebnisse als Resultate einer historisch gewachsenen sozialen Praxis niemals in Stein gemeiÃelt sind, sondern stets auch abhängig von sozialen Kontexten, (epistemischen) Werten und kognitiven Verzerrungen.6 Alle Beiträger:innen sind sich einig, dass ein Versuch, Ãberzeugungsarbeit für die Wissenschaften zu leisten, nicht zu einer Idealisierung âderâ wissenschaftlichen Methode führen darf, die am Ende nur noch eine Karikatur der tatsächlichen wissenschaftlichen Praxis zeichnen würde. Eine âÃberhöhung von Wissenschaften ist Wasser auf die Mühlen ihrer Verächter*innen, da keine realen wissenschaftlichen Praktiken ihr je entsprechen können.â7 Auf der anderen Seite möchte auch niemand bestreiten, dass wissenschaftliche Erkenntnisse zurecht mit einer gewissen epistemischen Autorität ausgestattet sind, da von der Wissenschaft ja auch groÃer systematischer Aufwand betrieben wird, um sie möglichst umfassend zu prüfen und zu verteidigen.8
Einig sind sich die Autorinnen und Autoren dieses Bandes auÃerdem darin, dass die Ãberzeugungskraft, die eine Theorie ausstrahlt, etwas damit zu tun hat, wieviel Vertrauen man ihr entgegenbringen kann. Denn die Neigung, âwissenschaftliche Ergebnisse zu einem Thema, für welche die Wissenschaften zuständig sind, für besser begründet zu halten als alle anderen Behauptungen zum Themaâ, könne schlieÃlich auch als Vertrauen in die Wissenschaft beschrieben werden, wie Claus Beisbart herausarbeitet.9 Andersherum hat die Neigung, anderen Behauptungen zu einem Thema, für welches (auch) die Wissenschaften zuständig sind, den Vorzug zu geben, viel mit einer Haltung des Misstrauens zu tun. Roland Imhoff, Jutta Hübner sowie Luis Emilio López Maytorena und Svana Stemmler zeigen am Beispiel von Verschwörungsmentalität, âAlternativmedizinâ und der mitunter verqueren Argumentationslogik heterodoxer Online-Foren, welche besondere Rolle Misstrauen für die Ãberzeugungskräfte in heterodoxen Wissensdiskursen spielt. Wer eine hohe Verschwörungsmentalität aufweist oder pseudowissenschaftlichen Ãberzeugungen anhängt, wird nicht nur mehr von Misstrauen gegenüber orthodoxen Wissens-Quellen geleitet, sondern vertraut auch seinen Mitmenschen insgesamt weniger.10
Wie lässt sich solch einem Misstrauen nun aber angemessen begegnen und Ãberzeugungsarbeit für die Wissenschaft betreiben? Auch wenn es keine einfache Antwort auf diese Frage zu geben scheint, so besteht doch Einigkeit darin, dass die Ridikülisierung heterodoxer Ãberzeugungen und die undifferenzierte Glorifizierung âderâ wissenschaftlichen Methode und ihrer Ergebnisse wenig erfolgsversprechend sind. Wer auf blinde Wissenschaftsgläubigkeit setzt, und sich scheut, in einem Gespräch auf Augenhöhe die Stärken und Schwächen des eigenen wissenschaftlichen âDenkkollektivsâ adäquat darzustellen, sät eher Misstrauen, anstatt Vertrauen zu stärken.11 In diesem Sinne hat schon Peter Schneider süffisant bemerkt, dass die Wissenschaft manchmal mehr vor ihren Apologet:innen als vor ihren Feind:innen beschützt werden müsse.12 Dies gilt auch für Apologet:innen der Wissenschaften, die ihr selbst gar nicht angehören. Xenia Steinbachs Beitrag zeigt am Beispiel der historischen Hormonforschung eindrucksvoll, wie eigentlich kontroverse Hypothesen biologischer Forschung von Massenmedien als valide âSpitzenforschungâ aufgegriffen und popularisiert worden sind, weil sie so schön im Einklang mit den gesellschaftlichen Werten und Normen ihrer Zeit zu stehen schienen.
Diesen Warnungen zum Trotz spricht aber dennoch einiges dafür, Vertrauensarbeit für die Wissenschaften auf eine Weise zu denken, die gute argumentative Gründe für das Vertrauen in den Vordergrund stellt, damit sie sich als Ãberzeugungsarbeit überhaupt verteidigen lässt.13 Ob diese Gründe dann im Einzelfall tatsächlich erfolgreiche Ãberzeugungsarbeit leisten können, steht aber natürlich auf einem ganz anderen Blatt geschrieben. Es scheint wenig umstritten, dass Vertrauen â auch Vertrauen in ein rationales Unterfangen wie die Wissenschaft â nicht nur durch den Nachweis guter Gründe aufgebaut wird. Jutta Hübner etwa zeigt mit einem Blick auf die medizinische Praxis, wie sehr diese auch auf Kompetenzen wie Empathie, Sensibilität und Aufmerksamkeit angewiesen sind, um für Vertrauen in eine wissenschaftliche Medizin zu werben.14
Insgesamt zeigen die Beiträge des Bandes also auf, wie schwierig es mitunter ist, Nicht-Wissenschaft von Wissenschaft zu trennen, fortschrittliche Heterodoxien von pseudowissenschaftlichen Irrwegen abzugrenzen und welches Potpourri an Mechanismen und Dynamiken dafür verantwortlich ist, dass Ãberzeugungskräfte in der Wissenschaftsgeschichte walten und auch heute noch Theorien für überzeugend gehalten werden. Sie führen vor diesem Hintergrund eine Diskussion darüber, wie eine sinnvolle Ãberzeugungsarbeit für âdieâ Wissenschaften heute aussehen könnte.
Michael Gordin macht den Auftakt und setzt den Grundton, indem er mit Hilfe einer ganzen Reihe wissenschaftshistorischer Beispiele aufzeigt, wie Pseudowissenschaften immer schon Teil der Wissenschaftsgeschichte waren. So wie wissenschaftliche Theorien eine âBeharrungstendenzâ (Fleck) haben, wenn sie von fähigen Wissenschaftler:innen in einem Forschungsprogramm verteidigt werden, weisen auch Heterodoxien eine Beharrungstendenz auf, weil sie sich stets auf das Orthodoxe beziehen. Sie sind immer da, wo die Wissenschaft ist, und begleiten sie wie ein Schatten. Da sie die orthodoxe Wissenschaft der Form nach imitieren, könnten wir sie auch nicht durch formale Kriterien von ihr unterscheiden. Wir müssen mit der Schattenseite der Wissenschaft leben, können aber lernen, sie als Ausdruck der Stärke von Wissenschaft zu begreifen: Je greller das Licht, desto schärfer der Schatten. Es ist darüber hinaus auch deshalb sinnvoll, sich mit den Rändern der Wissenschaft zu beschäftigen, weil diese uns helfen, etwas über die allgemeinen Ãberzeugungsdynamiken im Wissenschaftssystem zu lernen. Fringe, also der Randbereich von Wissenschaft, besteht (wie auch ihr orthodoxer Kern) nicht einfach aus Theorien. Es handelt sich um âkomplexe, miteinander verknüpfte soziale Substrukturenâ, die als âQuellen der Identitätâ und âsoziale Magneteâ fungieren.15 Und als solche weisen sie eine besondere strukturelle Eigenschaft auf: Sie schichten und überlagern sich gern. Gordin macht diese besondere Struktur von Rand-Theorien mit Hilfe des kosmischen Katastrophismus des Psychoanalytikers Immanuel Velikovsky (und anderer wissenschaftsgeschichtlichen Beispiele) anschaulich deutlich.
Claus Beisbart stellt sich aus einer philosophischen Perspektive die Frage, was unter einer Ãberzeugungsarbeit für die Wissenschaften eigentlich verstanden werden kann und ob es überhaupt sinnvoll ist, diese leisten zu wollen. Denn wenn es, wie Gordin aus einer wissenschaftshistorischen Perspektive nahelegt, gar nicht immer möglich sei, zwischen Wissenschaft und Pseudowissenschaft zu unterscheiden, dann stelle sich natürlich die Frage, wie wir sinnvoll bestimmen können, wofür wir im Einzelfall eigentlich überzeugen wollen. Beisbart plädiert aber dafür, dass wir diese Unterscheidung auch ohne ein eindeutiges Kriterium in den meisten Fällen recht problemlos vornehmen können; einige schwierige Grenzfälle sprechen nicht grundsätzlich gegen die Möglichkeit, Ãberzeugungsarbeit für die Wissenschaft zu leisten. Er arbeitet heraus, dass diese als ein Versuch verstanden werden sollte, mit rationalen Mitteln die Neigung hervorzubringen, wissenschaftliche Resultate für wahr zu halten. Worin diese rationalen Mittel bestehen und gegen welche Einwände sie verteidigt werden müssen, zeigt er detailliert auf.
Naomi Oreskes schlägt in eine ähnliche Kerbe und stellt sich die Frage, wie angesichts zunehmender Wissenschaftsskepsis eine gelungene Wissenschaftskommunikation aussehen könnte. Sie macht auf die Gefahr aufmerksam, die darin besteht, der Leugnung wissenschaftlicher Erkenntnisse mit einer vereinfachten Darstellung der Natur der Wissenschaft und ihrer Objektivität zu begegnen. Wissenschaften bieten selbstverständlich keinen geraden Weg zur Wahrheit. Sie sind, als ein soziales Unterfangen, immer auch von Werten geleitet, und ihre Untersuchungen sind ständig kognitiven Verzerrungen ausgesetzt. Die Welt ist komplex und menschliches Verhalten verworren, wie sollten die wissenschaftlichen Erklärungen natürlicher und sozialer Phänomene da einfach und klar ausfallen? Ãberzeugende Wissenschaftskommunikation sollte offen die Schwierigkeiten und Fallstricke wissenschaftlicher Forschung herausstellen, und die Werte, durch welche sie motiviert werden, offenlegen. Nur so hat sie eine Chance, erfolgreich für Vertrauen zu werben â Vertrauen, das sie durchaus verdient hätte: Denn auch wenn wissenschaftliche Theorien niemals ein Abbild der Realität sein können, haben wir gute Gründe dafür, anzunehmen, dass sie ihren wesentlichen Elementen und Strukturen häufig recht gut auf die Schliche kommen und dabei bessere Begründungsarbeit leisten, als die konkurrierenden Theorien aus anderen Kontexten.
Johannes Franzen nimmt in seinem Beitrag die Ãberzeugungskräfte der Geistes- und Sozialwissenschaften in den Blick. Diese scheinen durch die Bedrohung der Wissenschaftsleugner und sog. Querdenker keinen Legitimationsschub erhalten zu haben, denn: âWer auf einem âMarch for Scienceâ gegen den Autoritätsverlust der Wissenschaften demonstriert, meint damit wohl eher nicht Anglistik oder Philosophie.â16 Die Geistes- und Sozialwissenschaften müssten stattdessen all ihre Ãberzeugungskräfte aufbringen, um überhaupt für ihre Existenzberechtigung zu streiten. Und dabei scheinen sie in Widersprüche zu geraten, die bereits in der Selbsterzählung der Fächer konstitutiv angelegt zu sein scheinen. Denn zum einen fordert eine mediale Ãffentlichkeit immer aggressiver populäre Breitenwirksamkeit ein, die von einem generellen Misstrauen gegenüber der gesellschaftlichen Relevanz der Geistes- und Sozialwissenschaften getragen ist, zum anderen aber scheint die geistes- und sozialwissenschaftliche Community selbst breitenwirksame Popularität zu verachten und sie mit einem Verlust wissenschaftlicher Integrität gleichzusetzen. Franzen hält diesen Widerspruch für unauflösbar, regt aber an, seine ausgesprochene Produktivität in den Vordergrund zu rücken, um die Ãberzeugungskräfte der Geistes- und Sozialwissenschaften zu stärken, ihn also als einen Motor zu begreifen, der die Fachdisziplinen immer schon angetrieben hat. âDie Prozesse, die die Ãberzeugungskräfte der Disziplinen bedrohen, sind oft die gleichen Prozesse, die diese Ãberzeugungskräfte stärken können.â17
Auch Roland Imhoff macht am Beispiel von Verschwörungsnarrativen darauf aufmerksam, wie schwierig es ist, eine Grenze zwischen heterodoxem und orthodoxem Wissen zu ziehen. Die gängige Auffassung, dass Verschwörungsnarrative stets gesellschaftlich geächtete, heterodoxe Ãberzeugungen zum Inhalt haben, könne aus einer psychologischen Perspektive nicht aufrechterhalten werden. Sie sind und waren zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Orten sogar mehr Mainstream als Randphänomene (fringe). Im Kern gehe es beim Verschwörungsglauben aber immer um ein Defizit an Vertrauen in gesellschaftlich vermitteltes Wissen, weshalb auch jede wie auch immer geartete Ãberzeugungsarbeit für die Wissenschaft gerade bei diesem Vertrauensdefizit ansetzen müsste.
Jutta Hübner stellt sich die Frage, worin die Ãberzeugungskraft alternativmedizinischer Angebote gegenüber denen der evidenzbasierten Medizin liegt. Sie legt anhand von 14 verschiedenen Erfolgsstrategien dar, welche Wege der Ãberzeugung die Alternativmedizin erfolgreich beschreitet und auf welche Weisen sie die Anforderungen einer evidenzbasierten Wirksamkeitsbeurteilung umgeht. Die Alternativmedizin ist nicht deshalb so erfolgreich, weil sie selbst Evidenzen vorzuweisen hat, sondern weil sie eine Lücke ausfüllt, die durch die Entwicklungen im Gesundheitssystem und den dominanten Fokus der wissenschaftlichen Medizin auf externe Evidenz und Statistikarbeit geschaffen wurde. Um von den Erfolgen der Alternativmedizin zu lernen, muss die Evidenzbasierte Medizin als eine Handlungswissenschaft stark gemacht werden, die stets auch Wertevorstellungen (epistemische und auÃerepistemische) transparent macht sowie die interne Evidenz der ärztlichen Erfahrung mit einbezieht.
Pavla Schäfer untersucht im Anschluss daran die Sprache gegenwärtiger alternativmedizinischer Lehrbücher aus der Perspektive der linguistischen Vertrauensforschung. Das darin zum Ausdruck gebrachte Interesse an Individuen und individuellen Zuständen ist ein klassisches persuasives Element, das in medizinischen Lehrbüchern ungewöhnlich, ja ihrem Duktus geradezu entgegengesetzt ist, aber die Ãberzeugungskraft insbesondere der homöopathischen Lehrbücher â darin analog zur therapeutischen Praxis der Homöopathie â veranschaulicht. Anhand von Beispielen lädt sie dazu ein, Ãberzeugungskraft als das Resultat von Vertrauens-Beziehungen zu verstehen, die unabhängig vom Status einer Wissenschaft als heterodox oder orthodox Gültigkeit besitzen.
Xenia Steinbach führt anhand der frühen Konjunkturphase von Hormonen als medizinisches Erklärungsmodell in der Zwischenkriegszeit vor, wie eine noch in der Erforschung befindliche Hypothese in einer Zeit der Krise Antworten für gesellschaftliche Fragen zu geben scheint. Sie zeigt, wie die Informationen über die Wirkweise von Hormonen der Endokrinologie aus den Händen genommen und in der Presse zu einer populären Erzählung über die Natur der Geschlechter umformuliert werden. Die seit der Kaiserzeit in Bewegung geratenen Geschlechterkonzepte können damit vermeintlich unter Rückgriff auf Körpertatsachen stabilisiert werden. Die noch nicht in eine Orthodoxie überführte wissenschaftliche Hypothese wirkt überzeugend; man wendet sie auf gesellschaftliche Problemfelder an; die ihr zugehörigen Zweifel und Unsicherheiten werden dabei ebenso ausgeblendet wie die Abweichungen, die im wissenschaftlichen Experiment gegenüber dem gesellschaftlich anschlussfähigen Narrativ bestehen.
Luis Emilio López Maytorena und Svana Stemmler schlieÃlich zeigen auf, inwiefern selbst die randständigsten heterodoxen Ãberzeugungen von einem Selbstverständnis der Rationalität getragen werden und sich gegen die vermeintliche Irrationalität eines orthodoxen Wissenskonsens richten. Auf der Grundlage einer Auswertung von Kommentarspalten und Foren in den Sozialen Medien rekonstruieren sie typische argumentative Denkfiguren heterodoxer Wissensdiskurse und machen so darauf aufmerksam, dass es nicht damit getan ist, diese Diskurse auf augenscheinliche Fehlschlüsse zurückzuführen. Es lohne sich vielmehr genauer hinzuschauen, welche â häufig auch auÃerepistemischen â Werte und propositionalen Einstellungen die Prämissen für typische Denkfiguren im Umfeld des fringe abgeben, um sie in ihrer stabilisierenden Funktion auf heterodoxe Ãberzeugungen verständlich machen und problematisieren zu können.
Wir bedanken uns bei der Heidelberger Akademie der Wissenschaften für ihre groÃzügige Projektförderung, welche die Tagung, die diesem Band vorausging, zuallererst ermöglicht hat, sowie bei den Universitätsbibliotheken Düsseldorf und Freiburg, welche durch ihre unkomplizierten Förderungen eine Open-Access-Publikation möglich machen konnten.
Vgl. etwa Ernst Peter Fischer: Ein Scheiterhaufen der Wissenschaft. Die GroÃen an ihren Grenzen. Berlin: Springer 2023, S. 297â306.
Vgl. Naomi Oreskes: The Rejection of Continental Drift. Theory and Method in American Earth Science. New York/Oxford: Oxford University Press 1999, S. 123: âWegenerâs contributions to meteorology and geophysics were widely recognized; his death in 1930 prompted a full-page obituary in Nature, which recounted his pioneering contributions to meteorology and mourned his passing as a âgreat loss to geophysical science.ââ Dass Wegeners Forschung in den USA zunächst tatsächlich nicht anerkannt worden war, führt Oreskes detailliert auf spezifische fachliche Entwicklungen in den US-amerikanischen Geowissenschaften zurück. Wir danken Naomi Oreskes für ihre Hinweise.
Michael D. Gordin: Am Rande. Wo Wissenschaft auf Pseudowissenschaft trifft. Konstanz: Konstanz University Press 2022, S. 48.
So Michael D. Gordin in seinem Beitrag zu diesem Band, S. 2.
Vgl. Frieder Vogelmann: Umkämpfte Wissenschaften â zwischen Idealisierung und Verachtung. Ditzingen: Reclam 2023.
Vgl. hierzu den Beitrag von Naomi Oreskes in diesem Band.
Vogelmann (2023): Umkämpfte Wissenschaften, S. 13.
Vgl. Hoyningen-Huene: Systematicity: The Nature of Science. New York: Oxford University Press 2013; Sven Ove Hansson: Science Denial as a Form of Pseudoscience. In: Studies in History and Philosophy of Science 63 (2017), S. 39â47.
So Claus Beisbart in seinem Beitrag zu diesem Band, S. 25.
Vgl. Roland Imhoffs Beitrag zu diesem Band, S. 83.
Vgl. besonders Pavla Schäfers Beitrag zu diesem Band.
Vgl. Peter Schneider: Follow the Science? Ein Plädoyer gegen wissenschaftsphilosophische Verdummung und für wissenschaftliche Artenvielfalt. Berlin: Edition Tiamat 2020, S. 15.
Vgl. Claus Beisbarts Beitrag, S. 35.
Vgl. Jutta Hübners Beitrag zu diesem Band.
Michael Gordin in diesem Band, S. 16.
Johannes Franzen in seinem Beitrag zu diesem Band, S. 50.
Johannes Franzen in seinem Beitrag zu diesem Band, S. 71.