Die Freiheit ⦠Aufzubrechen ⦠1770â2020. Hölderlin Hegel Beethoven
Unter diesem Titel fand vom 4.â7. März 2020 in den Festsälen der Universität Wien ein KonzertSymposion im Rahmen der von Violetta L. Waibel gegründeten Reihe Wort â Ton â Gestalt statt, um der 250. Geburtstage von Hölderlin, Hegel und Beethoven in einer Veranstaltung zu gedenken.
Die Freiheit aufzubrechen, wie Friedrich Hölderlin in Lebenslauf dichtet, kann als Schlüssel insgesamt für die Kultur dieser Zeit gesehen werden. Der Impuls, in die Freiheit aufzubrechen, ist auch heute wieder von groÃer Brisanz. Mit Hölderlins Worten:
Die Worte des Titels bilden ein gedankliches Band zwischen dem Dichter Hölderlin und dem Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Sie haben jedoch auch für den Komponisten Ludwig van Beethoven Geltung. Die Freiheitsemphase Beethovens ist unübersehbar in zahlreichen seiner Werke, seine Affinität zu dem Dramatiker der Freiheit in seiner Zeit, Friedrich Schiller (1759â1805), ist bekannt, wie die der anderen beiden, Hölderlin und Hegel.
Beethoven trifft in Sachen Freiheit auf eine geistige innere Verwandtschaft mit Schiller, man denke nur an die Ode an die Freude und den 4. Satz der 9. Symphonie. Schillers Dramen sind immer auch Positionierungen zur (philosophischen und politischen) Freiheit. Beethovens Oper Fidelio ist mit Schillers Dramen wesensverwandt. Wo Schiller von der ästhetischen Erziehung des Menschen spricht, die nicht Zweck der Kunst ist, aber doch durch sie zum Austrag kommt, geht es Beethoven um die öffentliche Stimme durch die Musik, die den Willen und den Geist der Freiheit atmet.
Eine direkte Begegnung von Hölderlin oder Hegel mit Beethoven ist nicht belegt. Gleichwohl: In Hegels Nachlass ist die Partitur von Beethovens Sechs Variationen (G-dur) über das Duett âNel cor più non mi sentoâ aus der Oper La Molinara (1788) von Giovanni Paisiello für Klavier (WoO 70) (1995) verzeichnet.2 Von Hölderlin wird berichtet, dass er genau diese Arie, zu deutsch, â[m]ich fliehen alle Freudenâ, die in Hegels Nachlass verzeichnet ist, unermüdlich variiert habe.3 Diese Tatsachen bilden ein überraschendes, wenn auch schmales Band, das die drei in ihrer Zeitkonstellation nicht nur im Geist sondern auch durch ein Werk der Kunst für uns heute faktisch verbindet. Dieser Fund war Anlass, die Variationen für Klavier sowie die Arie in einem der geplanten Konzerte musikalisch darzubieten und klanglich zum Ausdruck zu bringen.4
Die Dichtung Hölderlins gilt unter Literaturkennern wie Komponisten bereits als Musik.5 Während es kaum Vertonungen der Lyrik Hölderlins durch die Klassiker und Romantiker gibt, hat die Neue Musik des 20. und 21. Jahrhunderts Hölderlin zu einem der ihren gemacht. Das erste groÃe Werk des Philosophen Hegel, die Phänomenologie des Geistes (1807), ist gleichermaÃen Philosophie wie performativer Entwicklungsroman. Hegel nahm schon in Frankfurt, dann in Berlin und auf Kulturreisen, unter anderem nach Wien, Prag und Paris, am kulturellen Leben der Städte teil und besuchte dabei nachweislich Opern, Theaterstücke, Gemäldesammlungen, was sich in seiner Ãsthetik manifestiert. Beethovens tiefe innere Anteilnahme an der Literatur dokumentiert sich in seinem Lied- und Opernschaffen. Eine ausdrückliche Beschäftigung Beethovens mit Philosophie ist eher nicht anzunehmen, wohl aber eine vermittelte Rezeption, etwa durch Schiller und andere,6 seine Begeisterung für Freiheit, der herausragenden Idee der Philosophie der Zeit, ist in seinem Werk offenkundig. Diesen Linien nachzugehen, war der Auftrag an die eingeladenen Vortragenden, die aus den Perspektiven verschiedener Disziplinen die Zeit der drei Jubilare und deren nähere und fernere Wechselbeziehungen erhellen sollten.
Der Dichterphilosoph Friedrich Hölderlin (1770â1843) und der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770â1831) waren bekanntlich Studienfreunde in Tübingen, gingen dann auf Initiative Hölderlins ab 1797 einen weiteren gemeinsamen Denkweg in Frankfurt am Main, wo Hölderlin Hofmeister bei der Familie Gontard wurde und Hegel ab Januar 1797 eine andere Stelle verschaffen konnte, bis sich ihre Wege 1800 definitiv trennten: Während der eine, Hölderlin, zu einem der bedeutendsten Dichter Deutscher Sprache wurde, schuf der andere, Hegel, ein philosophisches System, das einen Gipfelpunkt in der Europäischen Philosophie darstellt. Hegels Philosophie hat seinerseits bald direkter bald indirekter zu einer höchst produktiven Auseinandersetzung aufgefordert, die sich in Werken von Marx und Engels, von Adorno, Sartre und vielen anderen niederschlägt.
Diese wenigen Gedanken deuten implizite und explizite Linien der Interdisziplinarität von Beethoven, Hegel und Hölderlin an. Das KonzertSymposion in der Reihe âWort Ton Gestaltâ aus Anlass der drei Geburtstagsjubiläen von Hölderlin, Hegel und Beethoven bot die Gelegenheit, Querverbindungen zwischen den Werken der drei berühmten Verfechter der Freiheit im ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhundert aus neuen Blickwinkeln in den Fokus der Aufmerksamkeit zu bringen.
Ziel dieser Veranstaltung war es, die Inter- und Transdisziplinarität in den Vordergrund zu stellen, die den Werken je schon (implizit) zu eigen ist, und die es sichtbar zu machen galt. Der vorliegende Band soll dies widerspiegeln: WissenschaftlerInnen verschiedener Disziplinen und KünstlerInnen haben im Rahmen von Vorträgen, Lesungen, Konzerten die Freiheitsemphase von Hölderlin, Hegel und Beethoven thematisiert und dabei charakteristische Aspekte dieser drei bis heute präsenten und hochbedeutenden Werke ins Zentrum gestellt. Ausdrucksformen des Performativen der Kunst und der Dialog mit den Wissenschaften verschiedener Disziplinen haben sich hier und dort wechselseitig sehr befruchtet. Das wissenschaftliche, interdisziplinär ausgerichtete Programm stand in enger Verbindung mit künstlerischen Projekten: Es fanden an drei Abenden Konzerte statt, am ersten Abend zudem eine Lesung. In den Konzerten der beiden anderen Abende gelangten Werke zur Uraufführung, die für zwei unterschiedliche Kontextualisierungen durch die Veranstalterin in Auftrag gegeben und von der Ernst von Siemens Musikstiftung gefördert wurden. Eine weitere Uraufführung wurde kurzfristig in das Programm aufgenommen.
Die künstlerischen Veranstaltungen werden im Folgenden kurz vorgestellt.
Vortrag, Lesung und Konzert (4. März 2020)
Der Vortrag und das anschlieÃende Konzert wurden dankenswerterweise durch die A und A Kulturstiftung finanziert.
Hölderlins Werk kam insofern eine Sonderstellung in dieser Veranstaltung zu, da zwei editorische Projekte vorgestellt wurden. Hans Gerhard Steimer, der Herausgeber der erstmals im Herbst 2019 veröffentlichten Lesarten und Erläuterungen von Franz Zinkernagels kritisch- historischer Hölderlin-Edition (1914â1926),7 erläuterte durch einen sehr inspirierenden Vortrag die editionsgeschichtliche Bedeutung und Leistung des dokumentorientierten Edierens und verschaffte durch Projektion von Hölderlins Handschrift und einer visuellen Führung durch die Handschrift dem ungeübten Handschriftenleser einen Eindruck, was es bedeuten kann, sich mit dem überlieferten Entwürfen auseinanderzusetzen. Gerahmt wurde der Vortrag durch Gedichtlesungen (Sprecherin: Violetta L. Waibel). Ausgewählte Partien aus Hölderlins Homburger Folioheft,8 dem wichtigsten und gröÃten Ãberlieferungsträger von Hölderlins Texten nach 1802, wurden begleitend vorgetragen. Das Homburger Folioheft bildet ein Ensemble von Notaten des Dichters von verschiedenem Umfang, verschiedener Struktur, ja sogar verschiedenen Genres, das für Hölderlins Rezeption in der modernen Kunst zentral wurde.
In dem Kontext wurde zudem einer der bedeutendsten späten hymnischen Entwürfe aus dem Homburger Folioheft, Hölderlins Mnemosyne (1803), komponiert von Joachim Gies, 2012 in Berlin uraufgeführt, in Wien erneut zu Gehör gebracht. Der Komponist suchte mit seinem Werk den Formen des Gedenkens, der Erinnerung und Trauer, ferner der Suche nach einem rechten Maà zwischen Abgrenzung und Ergriffenheit, Ãberwältigung und Sprachlosigkeit, die dem Werk Hölderlins innewohnen, Rechnung zu tragen. In dieser Darstellung der Mnemosyne begegnen Instrumentalklänge einer Sing- und einer Sprechstimme.
Die Aufführung wurde realisiert durch das Ensemble 4: mit Susanne Ellen Kirchesch, Sopran; Joachim Gies, Sopransaxophon und FuÃcabasa; Franz Bauer, Vibraphon und Gerd Wameling, Sprecher.
Zu seiner Komposition sagt Joachim Gies: âMeine Vertonung bewegt sich in fragilen Klangräumen. Ausgelotet werden Prozesse des Ãbergangs: von Luft zu Ton, von Flächen zu rhythmischen Impulsen, von Lauten zur Sprache. Sopran, Sopransaxophon und Vibraphon agieren meist kongruent in hoher Lage. Die männliche Sprechstimme bildet dazu eine sonore Grundierung. Das Saxophon agiert als Mittler zwischen Sopran und Vibraphon und gestaltet Räume mit Luftklängen, Mehrklängen und Vierteltönen. Diese nimmt das Vibraphon auf und entwirft obertonreiche Klangflächen oder setzt perkussive Impulse. Das klangliche Tasten von Sopran, Saxophon und Vibraphon mündet in einer tonalen und rhythmischen Annäherung als Grundmuster zur nochmaligen Textrezitation.â9
Konzert für Klavier und Sopran (5. März 2020)
In diesem Konzert erfolgte die Uraufführung eines Kompositionsauftrags an Maxwell Phillips, gefördert durch die Ernst von Siemens Musikstiftung, sowie einer weiteren Komposition von Steffen Schleiermacher.
Das Programm für Klavier (Han Gyeol-Lie) und Sopran (Caroline Melzer) wollte der Tatsache Rechnung tragen, dass zahlreiche Werke Hölderlins, in der Zeit der Klassik und Romantik eher selten Grundlage und Ausgang für Kompositionen, mit der Moderne ab dem 20. Jahrhundert gerade auch wegen ihres fragmentarischen Zustands eine besondere Faszination auf KomponistInnen wie auf SchriftstellerInnen ausübten. Hölderlin ist bis heute einer der wichtigen Dichter für die Neue Musik. Eine kleine Auswahl wurde im Konzert dargeboten.
Des Weiteren trug die Gestaltung des Abends den Werken Rechnung, die Hölderlin, Hegel und Beethoven in eine entfernte Verbindung bringen. In Hegels Nachlass ist, wie erwähnt, die Partitur von Ludwig van Beethovens Sechs Variationen (G-dur) über das Duett âNel cor più non mi sentoâ aus der Oper La Molinara von Giovanni Paisiello für Klavier (WoO 70) (1795) verzeichnet. Vom schon erkrankten Hölderlin wird berichtet: âEin einfaches Thema, wie z.B. die Melodie âMich fliehen alle Freudenâ, variierte er unermüdlichâ.10 âMich fliehen alle Freudenâ ist eben die Arie, zu der Beethoven die Variationen schrieb, die in Hegels Nachlass verzeichnet sind. Das sind beachtenswerte Zeugnisse, die den Dichter, den Philosophen und den Komponisten in ihrer Zeitkonstellation auch tatsächlich verbinden. Daher sollten sie im Rahmen des Konzerts auch erklingen. Zudem wurde ein Kompositionsauftrag für Klavier und Sopran erteilt, der den Gedanken des Aufbruchs in die Freiheit in neuer Weise in eine Klanggestalt bringt. Der Komponist Maxwell Phillips wählte als Textgrundlage Hölderlins Fragment Gestalt und Geist.



Friedrich Hölderlin, Gestalt und Geist, in: H 38, Bruchstück 22, Württembergische Landesbibliothek, Cod.poet.et.phil.fol.63, I, 39, Seite 11; (MA 1, 235â236).
Maxwell Phillips schreibt zu seiner Komposition:
Die übliche Arbeitsteilung zwischen Dichter und Musiker, bei der das Gedicht dem Komponisten als ein zu vervollständigendes Lied gilt, trifft auf Hölderlins Dichtung nicht zu. Seine späte Dichtung ahmt die antike Lyrik nicht in ihrer gesungenen Pracht nach, sondern deren fragmentarischen, versteinerten Rest. Um Hölderlins Dichtungen in Musik zu setzen, muss sich der Komponist des blassen Echos einer Musik entsinnen, deren erster Anfang in der Vergessenheit stockt.
Mein Vorhaben ist eine Komposition für Sopran und Klavier nach dem späten Fragment Hölderlins, Gestalt und Geist. Statt einer Ergänzung wird diese Vertonung ein Echo des Gedichts sein. Das Echo als kompositorisches Prinzip fungiert auf drei Ebenen. Strukturell ist die Komposition ein Echo des Gedichts und gibt auch dessen innerliche Form wieder. Materiell nimmt die Komposition die körperliche Qualität der Sprache sowie die Beschaffenheit der überlieferten Handschrift als ihren Stoff auf: Das Echo der Sprachlaute verbreitet sich durch das Leere der spärlich beschrifteten Seite. Und geschichtlich wirkt das Echo über groÃe Zeitabstände wie in einem Hallraum, wo sich auch die verdichtete Stille zur Schwelle der Wahrnehmung erhebt: Die Tonsprache der Komposition setzt sich mit der historischen musikalischen Grammatik dieser Zeit auseinander und versucht, das Verschwollene in verzerrter Form erklingen zu lassen. Das Echo eines Klangs bewirkt durch Verzerrung eine Verfremdung der Perspektive, die zu einer neuen Erkenntnis führen kann, einer Erkenntnis, die sich durch die sinnlichen Merkmale des Widerhallens entfaltet.12
Das Konzertprogramm, 5. März 2020
Konzert für Streichquartett und Stimme (6. März 2020)
Mit diesem Konzert war die Uraufführung eines Kompositionsauftrags an Charlotte Seither verbunden, gefördert durch die Ernst von Siemens Musikstiftung
Die Neue Musik des 20. und 21. Jahrhunderts hat sich Hölderlins Dichten anverwandelt. Von Vertonung ist nicht mehr die Rede, wenn Vertonen heiÃt, dass sich die Musik am Wort orientiert. Viel besser und viel eher lässt sich von Klanggestalten sprechen, in denen auf Augenhöhe Wort und Musik einander begegnen. Hans Zender (1936â2019) hat seine Kompositionen weitsichtig âHölderlin lesenâ genannt, ein musikalisches Lesen der Dichtung. Es ist freies Hören der Ausdruckssprachen aufeinander, eine Emanzipation der Künste. Das Konzert am 6. März 2020 widmete sich einerseits Zenders Hölderlin lesen I, in dem sich Zender mit Hölderlins An die Madonna in der Fassung der Stuttgarter Ausgabe auseinandergesetzt hat. In dieser Komposition zitiert Zender zudem Beethovens Fuge op. 133. Dies bot den Anlass, nicht nur Zenders Werk für Streichquartett und Sprechstimme zu spielen, sondern auch Beethovens Streichquartett op. 130 mit der GroÃen Fuge 133.
Zender schreibt, dass Hölderlins Gedanken bald unmittelbar treffen, bald dunkel anmuten und dann in dessen Zeit zu verorten sind. Diese doppelte Reaktion setzte Zender in Hölderlin lesen I in die Ton-Sprache der heutigen Zeit und die der Beethoven-Zeit: âSo entstand eine Form, die beide Sprachen entweder hart geschnitten sich ablösen lässt oder sich weich durchdringen lässt: z.B. Bratsche und Cello spielen im klassischen Stil, die beiden Violinen in âmodernererâ Weise. Auch entstehen Mischformen, wenn etwa klassische Metrik sich mit zwölftöniger Tonhöhenführung verbindet. Denn die strukturelle Verbindung der beiden Sprachen wird durch eine Zwölftonreihe gewonnen: Diese Reihe kann durch Hinzufügung von Harmonienoten tonal interpretiert werden, sei es als klassisches Thema, sei es als Basslinie eines vierstimmigen Satzes; und sie kann als Matrix für alle möglichen atonalen Abläufe dienen. [â¦] Am Schluss steht eine Fuge, deren Themenbeginn von Beethoven istâ.13
Die deutsche Komponistin Charlotte Seither (1965) wurde eingeladen, für Salome Kammer, die zahlreiche Stimmpartien in Werken Zenders aufgeführt und oftmals auch uraufgeführt hat, eine Komposition für Stimme solo zu schreiben, die zugleich auf Zenders Hölderlin lesen I referiert. Ihr Werk HörenMachen. Sechs Sprechakte (2019â2020) für Stimme solo, Salome Kammer gewidmet, wurde freundlicherweise von der Ernst von Siemens Musikstiftung gefördert.14 Charlotte Seither wählte sechs Textstellen aus dem Gedicht Hölderlins aus, das Hans Zender in seiner Gesamtheit als Textgrundlage verwendet hatte.
Charlotte Seither
Frei adaptiert nach Friedrich Hölderlin
An die Madonna15
I viel habâ ich dein
und deines sohnes wegen [gelitten]
II sorge für
[die] sorglosschlafenden
III der mutter ewig sitzen
im schoss[e]
IV zu gerne blickt
V zum unzugänglichen,
uralten gewölbe
VI dein
und deines sohnes wegen
Charlotte Seither schreibt zu ihrer Komposition: âHölderlins Madonnen-Gedicht hat mich überrascht, waren darin mitunter hoch aufgeladene Verse, bis hin zum grob Derben, zu finden. Was will hier eigentlich âgehörtâ werden? Müsste das Stück nicht beginnen, wo der Text bereits âabgelegtâ ist und die Interpretin wieder zum Vorsprachlichen zurückkehrt? Ich entschied mich, sechs Textsplitter zu isolieren und diese wie durch ein Brennglas zu betrachten. Ich bemerkte, wie der jetzt offene Rand etwas ganz anderes zu erzählen begann. Plötzlich stand nicht mehr der Text im Mittelpunkt, es entstand durch den Text (im Akt des Sprechens) etwas Drittes, eine neue âIdentifikationâ, die nicht wirklich mehr Hölderlin war. Sind wir mit diesem kompositorischen Prozedere â Isolieren und âAnverbiegenâ des Textes in das ganz Eigene â letztlich wieder näher bei Hölderlin, als wir denken?â16
Am Donnerstagmittag fand eine Generalprobe des Werkes von Seither mit einem anschlieÃenden Gespräch mit der Solistin Salome Kammer und Charlotte Seither, moderiert von Violetta L. Waibel statt.



Friedrich Hölderlin, An die Madonna, in: H 307, Homburger Folioheft, Stadt Bad Homburg vor der Höhe, als Depositum in der Württembergischen Landesbibliothek, Seite 63; (MA 1, 408â413, 408).
Das Konzertprogramm, 6. März 2020
Kompositionsauftrag an Charlotte Seither
Mit freundlicher Unterstützung der Ernst von Siemens Musikstiftung
Salome Kammer, Stimme
Signum Quartett (Köln): Florian Donderer, Violine; Annette Walther, Violine; Xandi van Dijk, Viola; Thomas Schmitz, Violoncello
Siglen
| GW | Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Gesammelte Werke, in Verbindung mit der Deutschen Forschungsgemeinschaft hg. v. der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste. Hamburg 1968 ff. |
Literaturverzeichnis
Abeln (2017): Carolin Abeln, Sprache und Neue Musik. Hölderlin-Rezeption bei Wilhelm Killmayer, Heinz Holliger, Wolfgang Rihm und Luigi Nono, Baden Baden.
Borio / Polledri (2019): Gianmario Borio, Elena Polledri (Hgg.), Musikalische Elemente in Friedrich Hölderlins Dichtung und ihre Rezeption bei den Komponisten, Heidelberg.
Gies (2013): Joachim Gies, Booklet zur CD (2013, LR 679), Mnemosyne, Joachim Gies, Ensemble X & Gerd Wameling.
Hinrichsen (2019): Hans-Joachim Hinrichsen, Ludwig van Beethoven. Musik für eine neue Zeit, Kassel/Berlin.
Phillips (2020): Maxwell Phillips, Textheft zum KonzertSymposions âDie Freiheit ⦠Aufzubrechen â¦â
Schwab (1874/2003): Christoph Theodor Schwab, Hölderlins Leben, München.
Seither (2020): Charlotte Seither, Textheft zum KonzertSymposions âDie Freiheit ⦠Aufzubrechen â¦â.
Waibel (2020): Violetta L. Waibel (Hg.), âEin Zeichen sind wir, deutungslosâ. Hölderlin lesen, Ikkyû Sôjun hören, Musik denken. [Sammelband der Konzert-Symposien 2011 und 2016 für Hans Zender zum 75. und zum 80. Geburtstag und der KonzertGespräche in Meersburg 2018], Göttingen.
Waibel (voraussichtlich 2025): Violetta L. Waibel (Hg.), Dichter der Neuen Musik. Hölderlin â Celan â Kafka. Berlin (Wiener Reihe).
Zender (2004): Hans Zender, Die Sinne denken. Texte zur Musik 1975â2003, Wiesbaden.
Hölderlin, Lebenslauf, Zweite Fassung, MA 1, 325; in: H 6, Stuttgarter Foliobuch, Seiten 9râ9v.
Vgl. den Eintrag in: Hegel, Die Bibliothek Georg Wilhelm Friedrich Hegels [2017], GW 31.2, 1785: âKHB 2884 (KM 1) Ludwig van Beethoven, Variations pour Pian[o] sur plus[ieurs] airs connus, No. 2. Berl[in].â In der Ãsterreichischen Nationalbibliothek findet sich unter der Signatur MS 14.569-qu.4/1 ein gedrucktes Exemplar des Werkes mit der Bezeichnung: Ludwig van Beethoven, Variations pour Piano Forte sur plusieurs airs connus, No. 3. Berlin [WoO 70. Sechs Variationen (G-Dur) für Klavier über das Duett âNel cor piu non mi sentoâ aus der Oper La Molinara von Giovanni Paisiello]: https://www.klassika.info/Komponisten/Beethoven/wv_wvz1.html#item2 (1.4.2023) Ludwig van Beethoven â thematisch-bibliographisches Werkverzeichnis. 2. Bände. Bearb. von Kurt Dorfmüller, Norbert Gertsch u. Julia Ronge. Unter Mitarbeit von Gertraut Haberkamp u. dem Beethoven-Haus Bonn, München Henle) 2014, Bd. 2, 172. Anna Kontriner sei herzlich gedankt für ihre sorgfältigen Recherchen zu diesem Themenkomplex.
Schwab (1874/2003), 74.
Vgl. das unten wiedergegebene Konzertprogramm.
Vgl. etwa Abeln (2017); Borio / Polledri (2019); Waibel (2020). Vgl. Waibel (voraussichtlich 2025).
Vgl. Hinrichsen (2019), 99â177.
Hölderlin, Kritisch-historische Ausgabe von Franz Zinkernagel, 1914â1926. Werkteil Gedichte. Lesarten und Erläuterungen, von Hans Gerhard Steimer, Göttingen 2019. [Die Edition von Zinkernagel ist auf einer CD beigefügt.].
Hölderlin, Das nächste Beste, (Zinkernagel, Bruchstücke, 22 (mit Komm.), 1171â1172; vgl. MA 1, 420); Viel thuet die gute Stunde ⦠(Zinkernagel, Versuche, 1 (mit Komm.), 1223â1226; vgl. MA 1, 420â422); Vom Abgrund nemlich haben ⦠(Zinkernagel, Versuche, 2 (mit Komm.), 1227â1228; vgl. MA 1, 423); Germania (Zinkernagel, Versuche, 3 (mit Komm.), 1228â1231; vgl. MA 1, 423). Zinkernagel bezieht sich mit seiner Textkonstitution auf die Seiten 73 bis 76 von Hölderlins Homburger Folioheft (vgl. den Faksimile-Abdruck in FA, Supplement III, HS 307). Die Hinweise auf MA 1, zu der die Kommentare in MA 3 jeweils hinzugezogen werden müssen, sind unvollständig und dienen als Orientierungshilfen für den Abgleich der sehr unterschiedlichen Textrekonstruktionen.
Gies (2013), 2.
Schwab (1874/2003), 74.
Hölderlin, Gestalt und Geist, MA 1, 235â236 (H 38, MA 3, 120 und 20).
Phillips (2020).
Zender (2004), 319â20.
Charlotte Seither, HörenMachen. Neun Sprechakte für Stimme solo (2020), frei nach Friedrich Hölderlin, Bärenreiter BA 11451.
Hölderlin, An die Madonna, StA II, 211â216 [164 Verse]; Viel habâ ich dein â¦; MA 1, 408â413 [162 Verse]: Seither I und VI: MA 1, 408, Verse 1â3; Seither II: MA 1, 409, Verse 47â48; Seither III: MA 1, 411, Verse 90â91; Seither IV: MA 1, 410, Verse 65; Seither V: MA 1, 408, Verse 20â21.
Seither (2020).





