Der Mensch ist ein Augentier, in den Worten Leonardo da Vincis: Das Augenwesen Mensch braucht das Bild. Schon die vorsokratische Philosophie feierte den Sehsinn als den edelsten, womit das Auge zum herausgehobenen Gesichtssinn wird. Demokrit, so der Aristoteles-Schüler Theophrastus, glaubte, dass sich Abbilder von den Gegenständen lösen und in unsere Augen gelangen. Insgesamt vertrat die griechische Antike die Auffassung, das Sehen stehe über dem Hören, Riechen, Tasten und Schmecken.1
Um eine Person oder ein Objekt zu erblicken, brauchen wir im wahrsten Sinne des Wortes nur einen Augenblick, schon nach ca. 250 Millisekunden evaluieren wir unbewusst unsere Haltung: Desinteresse, Abwehr oder Hinwendung etc. dem Erblickten gegenüber. Die bewusste, vom Gehirn abgesicherte Einstellung, erfolgt später, obwohl die unbewusste Entscheidung schon getroffen wurde. Die Hirnforschung hat herausgefunden, dass etwa 80 Prozent der Hirntätigkeit für die Auswertung visueller Informationen eingesetzt wird.
Von unseren fünf Sinnesorganen: Augen, Haut, Ohren, Nase und Mund wird ein unablässiger Datenstrom ans Gehirn geliefert, wobei die Augen die meisten Informationen weiterleiten.2 Es sind circa 10.000.000 Bits pro Sekunde. Mit der großen Anzahl visueller Daten ergibt sich eine gewisse Einschätzung, und so sie bewusst ist, eine Bewertung des Erblickten.
Im Erkenntnisinteresse der Untersuchung stehen das Sehen, der Leib, die Wahrnehmung, die Augen, der Blick, das Blicken und Erblickt-Werden; sie sind miteinander verwoben und haben einen individuellen Charakter, es gibt nur ein individuelles Sehen und Blicken. Sie durchziehen grundlegend unser Existieren und vermitteln unseren sinnlichen Weltzugang, und sie stiften Subjektivität und Intersubjektivität. Erkenntnisbezogen wurden und werden sie von der Philosophie jedoch nicht ausreichend gewürdigt, sie haben dort nur einen niedrigen Status.
Es ist zu fragen, warum die Philosophie, von Ausnahmen abgesehen, sich gegenüber Sinnen und Sinnlichkeit überwiegend negativ und auch negatorisch positioniert, und es ist auch zu fragen, ob da auch Furcht dahintersteckt? Das unterstellt Nietzsche.3 Fürchtet man womöglich, und das durchaus begründet, dass eine Aufwertung der Potenzen der Sinne, die Fokussierung auf Vernunft und Verstand gefährden könnte? So scheint die Antwort auf der Hand zu liegen, der weitgehend unangefochtene Status des begrifflichen Denkens wird durch die Sinne in eine Frage und in eine Infragestellung gestellt; er wird einer Hinterfragung ausgesetzt. Womöglich – und das liegt nahe – würde die vernunftfokussierte Perspektive es nach einer Rehabilitation der sinnlichen Wahrnehmung schwerer haben, diese als eine von Täuschungen und Irrtümern zu disqualifizieren. So rüttelt man besser nicht an der Thematik, umschifft und verdrängt, ignoriert sie.
Kann das Geschäft der Vernunft also ausschließlich nur dann betrieben werden, wenn man die Potenz der Sinne herabstuft? Nietzsche würde sagen ja, das ist der Preis. Er verweist auf seinen Topos Leibvernunft, eine emotional-sinnliche, aber für ihn eine große, um die Vernunft zu diskreditieren und sie dekonstruktiv zu entmachten. Und mehr noch, für ihn ist es zweifelsfrei, dass mit der Vernunft Herrschaft ausgeübt werden konnte, um eine Diskurshoheit zu gewinnen, die auch moralisch fundiert ist, denn die Sinne sollten und oder mussten kontrolliert werden, um dieses Tier ‚heranzuzüchten‘, das versprechen darf.4 Aus dieser Perspektive wird die Philosophie zu einem Herrschaftswissen, das einem unterdrückenden Dispositiv zur Beherrschung der Sinne zur Macht verholfen habe. Infrage steht, ob es mit einem erweiterten Vernunftbegriff, der Emotionen, Wahrnehmung, Sinnliches, Sinnlichkeit ausdrücklich einschließt – Leibvernunft – zu einem Nebeneinander-Bestehen-Können von Sinnlichem und Mentalem kommen kann, was ich für möglich erachte. So könnten Sehen, Wahrnehmung und Blicken ein ihnen gemäßer Status eingeräumt werden. Hierbei soll die Leibvernunft hilfreich sein und eine Freisetzung von Phantasie, Sensibilität, Kreativität, Wahrheiten des Scheins und Traums, auch durch Mimesis ans Verdrängte, ermöglichen. Ob wir allerdings leben könnten, wenn wir unsere Sinne nicht kontrollieren, ist überaus fraglich und muss wohl mit Freud verneint werden.
Um sich der sinnlichen Wahrnehmung, dem Sehen, den Augen, dem Blick, dem Blicken und Erblickt-Werden aus einer philosophischen Perspektive, zu der essenziell eine Wahrnehmungstheorie gehört, anzunähern, muss zunächst das Verständnis des Leibes im Wissen um die bestehenden intrinsischen Relationen mit Sinnen und Sinnesorganen geklärt werden. In Merleau-Pontys Phänomenologie der Wahrnehmung findet sich hierzu das Kapitel „Die Theorie des Leibes als Grundlegung einer Theorie der Wahrnehmung.“ Auf dieser Grundlage lässt sich Methodisches für eine Philosophie des Sehens gewinnen. Ohne diese Klärung hätte sie keine theoretisch fundierte Basis.
Die inhaltliche Gliederung verläuft entsprechend einem philosophisch-phänomenologischen Verständnis des Leibes, Sehens, Blickens, Erblickt-Werdens, der sinnlichen Wahrnehmung, um mit einer Philosophie des Sehens, die das Mediale ausdrücklich berücksichtigt, eine erweiterte Semantik der Vernunft, die nicht mit Nietzsches Topos Leibvernunft zu identifizieren ist, zu gewinnen. Angesichts der Bandbreite und der Materialfülle des Themas werde ich nur ansatzweise auf eine Ästhetik des Sehens und eine Bildtheorie zu sprechen kommen. Es werden jedoch auch Beispiele aus der Literatur, Poesie, der Lyrik, dem Film, der Fotografie, Popkultur und der bildenden Kunst angeführt.
Abgesehen von einem Gang durch die antiken Positionen – vor allem Platon und Aristoteles – werden insbesondere Schopenhauer, Husserl, Merleau-Ponty, Bergson, Sartre und Nietzsche hinsichtlich ihrer Perspektiven auf den Leib, die Wahrnehmung, das Sehen und den Blick befragt, Autoren also, die ihnen einen Status einräumen, der ihnen gemäß zu sein scheint.5 Dabei werden auch die Veränderungen im Verlauf der Philosophiegeschichte herausgearbeitet. Andere Autoren ergänzen die Befundlage. Zu reflektieren ist, inwieweit die Phänomenologie für eine Philosophie des Sehens (noch) ausreichend ist – dazu wird insbesondere Merleau-Ponty zu berücksichtigen sein – oder ob es hier Erweiterungen bedarf. Das wiegt umso schwerer, als sich die Sehgewohnheiten ständig ändern und verändern. Stichwort: Dominanz der medialen Welt, der digitalen Blicke im Netz, wo Bildeindrücke schneller und greller fluten.
Mein Anliegen ist es, das Sehen in seiner erkenntnistheoretischen Relevanz zu rehabilitieren, womit auch eine Kritik an der Leib- und Sinnenverdrängung seitens des deutschen Idealismus, von Kant und des französischen Rationalismus etc. verbunden sein muss.6
Will man die exklusive Bedeutung des Sehens noch deutlicher werden lassen, dann liegt es nahe, sich kontrastierend dem Blindsein, der Blindheit, dem nicht Sehen-Können zuzuwenden. In Maurice Maeterlincks Die Blinden befinden sich sechs blinde Männer und Frauen, drei sind blind geboren, in einem Wald auf einer Insel. Sie haben einen Ausflug gemacht. Ein Priester hat sie geführt, sie sind aber durch einen umgekippten Baum und einen Felsen voneinander abgetrennt worden. Der Priester ist tot, was sie als Blinde jedoch zunächst nicht wissen können, und so warten sie vergeblich auf dessen Rückkehr, wollte er ihnen doch Nahrung bringen. Ein Hund führt sie schließlich zu dem Toten, womit sie der Schock ereilt, dass der einzig Sehende unter ihnen tot ist, und sie keine Führung mehr haben. „Jahre über Jahre sind wir nun schon zusammen, und wir haben uns nie wahrgenommen! Es ist so, als wären wir immer allein! Man muß sehen, um zu lieben.“7 Wie auch Dürrenmatt in Der Blinde entschlüsselt Maeterlinck die Blindheit als ein Nicht-Wissen und ein Nicht-Wissen-Können und – was womöglich noch wichtiger ist – als ein Nicht-Lieben-Können und damit als eine vollkommene Isolation, Ausgrenzung und Verlorenheit. Die existenzielle Botschaft lautet, man muss sehen können, um zu erkennen, zu wissen, und um zu lieben. Sehen, existieren, lieben …
Charles Baudelaires Gedicht „Die Blinden“, „Les Aveugles“, aus dem Zyklus „Tableaux parisiens“ in Die Blumen des Bösen, verdeutlicht Blindheit über ein lyrisches Ich als eine soziale Ausgrenzung.
Betrachte sie, mein Herz, wie sind sie fürchterlich! / Den Gliederpuppen gleich, fast lächerlich zu schauen; / Und wie Nachtwandelnde erwecken sie uns Grauen. / Durchs Leere tastet ihr erstorben Auge sich. / Die Augen, draus entflohn das Licht, das gottgeschenkte, / Erheben sie, als ob sie in die Ferne sähn, / Zum Himmel. Niemals noch sahst je du einen gehn, / Der träumerisch sein Haupt zu Boden niedersenkte. / Das Dunkel unbegrenzt, das sie umfangen hat, / Durchziehn sie, das verwandt der ewgen Ruh. O Stadt, / Indes du singst und brüllst, stets neuen Rausch zu finden / In grauenhafter Lust, der du schon übersatt, / Ich schlepp mich auch, und mehr als sie zerstört und matt, / Frag ich: was suchen sie im Himmel, all die Blinden?8
Es geht um Blinde, sehunfähige Personen, die Imperative jedoch, mit denen ein lyrisches Ich die Seele und die Stadt zur Anschauung, zum Sehen auffordert, stiften eine Opposition zur Blindheit, sie sind die Sehenden. Die Blinden leiden nicht allein an einer physischen Inkompetenz, sondern sie können – anders als der antike Seher Teiresias: Verknüpfung von Blindheit und Weisheit – vor allem nicht erkennen, insbesondere nicht das von der Erde verschwundene Göttliche. Baudelaires Ästhetik der Moderne zeichnet den Großstädter als einen zerstreuten, er geht jeder Selbstkonfrontation sowie einer mit Gott aus dem Weg. Selbst die Blinden können ob der Übermacht des Großstadtlebens keinen Zugang mehr zu sich oder einem Höheren finden, obwohl sie nicht einmal die Augen schließen müssten, um dem grellen Lärm, dem einzigen Lebensinhalt der Städter, zu entgehen.
Ich bedanke mich bei Helmut Walther für unsere Gespräche und seine Unterstützung.
„Wer nicht nur seine Nase zum Riechen hat, sondern auch seine Augen und Ohren, der spürt fast überall, wohin er heute auch nur tritt, etwas wie Irrenhaus-, wie Krankenhaus-Luft, – ich rede, wie billig, von den Culturgebieten des Menschen, von jeder Art ‚Europa‘, das es nachgerade auf Erden giebt.“ GM, KSA 5, 368.
„Die Anpassung an die bürgerlich rationale und schließlich hochindustrielle Ordnung, wie sie vom Auge geleistet wurde, indem es die Realität vorweg als eine von Dingen, im Grunde als eine von Waren aufzufassen sich gewöhnte, ist vom Ohr nicht ebenso geleistet worden. Hören ist, verglichen mit dem Sehen, ‚archaisch‘, mit der Technik nicht mitgekommen. Man könnte sagen, daß wesentlich mit dem selbstvergessenen Ohr, anstatt mit den flinken, abschätzenden Augen zu reagieren, in gewisser Weise dem spätindustriellen Zeitalter und seiner Anthropologie widerspricht.“ GS 15, 29.
„Die Furcht vor den Sinnen, vor den Begierden, vor den Leidenschaften, wenn sie so weit geht, dieselben zu widerrathen, ist ein Symptom bereits von Schwäche: die extremen Mittel kennzeichnen immer abnormale Zustände.“ NL 1888, 14[157]; KSA 13, 341.
„Jene Aufgabe, ein Thier heranzuzüchten, das versprechen darf, schliesst, wie wir bereits begriffen haben, als Bedingung und Vorbereitung die nähere Aufgabe in sich, den Menschen zuerst bis zu einem gewissen Grade nothwendig, einförmig, gleich unter Gleichen, regelmässig und folglich berechenbar zu machen.“ GM, KSA 5, 293.
„Die Wahrnehmungsphilosophie erforscht nicht empirische Eigenschaften bestimmter Arten der sinnlichen Wahrnehmung, sondern den Status und die Bedeutung des ganzen Phänomens für den Menschen. Man hat es mit einem dezidierten Grundlagenproblem zu tun: Es wird gefragt, was mit dem Begriff ‚Wahrnehmung‘ überhaupt gemeint ist, wie er sinnvoll und begründet verwendet werden kann und insbesondere, wie sich die Phänomene der Wahrnehmung mit sprachlichen Aussagen widerspruchsfrei beschreiben lassen.“ Wiesing 2020, 9.
„Die Idiosynkrasie der Philosophen gegen die Sinne: ihre ‚wahre Welt‘ Was die Furcht vor den Sinnen und der Leidenschaft ist …“ NL 1888, 15[5]; KSA 13, 403. – „Christlich ist der Hass gegen den Geist, gegen Stolz, Muth, Freiheit, libertinage des Geistes; christlich ist der Hass gegen die Sinne, gegen die Freuden der Sinne, gegen die Freude überhaupt …“ AC, KSA 6, 188.
Maeterlinck 2000, 121. – „Dritter Blindgeborener: Wir müßten wissen, wo wir sind! Der älteste Blinde: Wir können es nicht wissen! Der sechste Blinde: Wir müssen sehr weit vom Haus weg sein; ich erkenne kein Geräusch wieder. Dritter Blindgeborener: Seit langem rieche ich den Geruch welker Blätter! Der sechste Blinde: Hat jemand die INSEL früher gesehen und kann uns sagen, wo wir sind? Die älteste Blinde: Wir waren alle blind, als wir hier ankamen. Erster Blindgeborener: Wir haben niemals gesehen.“ Ebd., 115f. – „Herauf, abgründlicher Gedanke, aus meiner Tiefe! Ich bin dein Hahn und Morgen-Grauen, verschlafener Wurm: auf! auf! Meine Stimme soll dich schon wach krähen! Knüpfe die Fessel deiner Ohren los: horche! Denn ich will dich hören! Auf! Auf! Hier ist Donners genug, dass auch Gräber horchen lernen! Und wische den Schlaf und alles Blöde, Blinde aus deinen Augen! Höre mich auch mit deinen Augen: meine Stimme ist ein Heilmittel noch für Blindgeborne.“ Za, KSA 4, 270.
Baudelaire 1907, 102f.