Ob es sich um den Klimakollaps, Biodiversitätsverlust, Ãberschwemmungen, Vulkanausbrüche, Pandemien, Finanzkrisen, persönliche Schicksalsschläge oder um politisch-soziale Krisen handelt, ob sie schleichend oder plötzlich, vorhergesagt oder unerwartet eintreten â Katastrophenereignisse bringen menschliche Handlungs- und Deutungsgewissheiten zum Einsturz. Bindende Gewohnheiten und Gewissheiten verlieren an Kraft, grundlegende Zusammenhänge werden infrage gestellt, Kausalitätsannahmen widerlegt oder Normalitätsvorstellungen untergraben. Insofern stellen sich Katastrophenereignisse als Wissenskatastrophe dar. Neben dieser epistemisch destruktiven Dynamik lässt sich jedoch auch eine schöpferische Seite des Katastrophischen beobachten: Es birgt das Potenzial, in wissenschaftlichen, politischen und künstlerischen Diskursen eine kollektive Neuaushandlung von Realität anzustoÃen, die erstaunliche Produktivität und Kreativität freisetzen kann. Wenn im Zuge einer Wissenskatastrophe theoretische Dogmen und Prinzipien ihre bindende und orientierende Kraft verlieren, zeigt sich dieser Prozess unter Umständen als Chance für neue Wissensformen, die als produktives Katastrophenwissen beschrieben werden können. Dabei geht es nicht nur um die Sichtbarmachung epistemischer Leerstellen und systematischer Inkohärenzen, die es zu beheben gilt. Katastrophen können auch generative Dynamiken entfalten, in denen drängende Probleme neue Wissenspraktiken und Begriffe provozieren.
Diesem Spannungsverhältnis zwischen Wissenskatastrophen und Katastrophenwissen widmet sich der vorliegende Band. Die in den Kultur- und Sozialwissenschaften angesiedelten Texte fragen danach, wie Katastrophen die Ordnungen des Wissens stören und verändern, wie sie erzählt und im Erzählen geschürt, perpetuiert oder bewältigt werden. Die Beiträge lenken den Blick auf den Begriff der Katastrophe wie auch auf die entsprechend bezeichneten Ereignisse, die mit komplexen Affektdynamiken verbunden sind, welche vom Erstaunen über Zustände der Verunsicherung bis hin zur Panik reichen.
Dieses Feld skizzierend, wird im Folgenden eine erste Annäherung an die Thematik des Katastrophischen versucht. Mit einer exemplarischen, kursorisch hervorgebrachten Perspektivierung von Begriffsgeschichte, Metaphorologie und Wissenschaftsgeschichte sollen konzeptuelle Zusammenhänge sowie historische (Dis-)Kontinuitäten des Katastrophischen zur Sprache gebracht werden, vor deren Hintergrund die Beiträge dieses Bandes miteinander in Dialog treten und ihre jeweils eigenen theoretischen und disziplinären Herangehensweisen einbringen können.
Die mit der titelgebenden Anastrophe Katastrophenwissen â Wissenskatastrophen in Anschlag gebrachte destruktiv-konstruktive Ambivalenz des Katastrophischen ist begriffsgeschichtlich vorgeprägt. Wie Olaf Briese und Timo Günther in ihrer umfassenden Begriffsgeschichte des Katastrophischen herausgearbeitet haben, stehen im etymologischen Kern von âKatastropheâ die Semantiken der Umkehr, der Umwendung, des Umsturzes und der Abwärtsbewegung. Mit Aischylos beginnend, zielt Katastrophe als terminus technicus der Dramentheorie zunächst auf den letzten Teil der antiken Tragödie beziehungsweise Komödie, in dem der formalisierte Handlungsablauf in die Unausweichlichkeit von Leiden, in eine Ausweglosigkeit, in einen Umschlag zum Schlechten oder entsprechend zum Guten, in die Entwirrung der Wirren mündet.1 Auf Rezeptionsseite, so die Regelpoetiken, evoziert diese Katastrophe katharsis â einen Zustand der Stille, der Beruhigung nach der Berührung, das Abebben von Gefühlen, eine Reinigung und das Ende eines Erregungszustandes nach einem vorangegangenen Ereignis. Von dieser ästhetischen Provenienz ausgehend, wanderte der Begriff ab dem 17. Jahrhundert in den allgemeinen Sprachgebrauch. âKatastropheâ wird von nun an vornehmlich in politisch-militärischen Angelegenheiten verwendet, wobei der Begriff ausgehend von seiner regelpoetischen Herkunft eine kategoriale Ambivalenz in politischen oder militärischen Prozessen beibehielt, welche entweder einen erfreulichen oder einen leidvollen Ausgang nahmen.2 Diese Ambivalenz wurde im Zeitalter der Aufklärung aufgelöst. Einerlei ob in Politik, Militär, Ãsthetik oder im alltäglichen Gebrauch: âKatastropheâ ist von nun an ausschlieÃlich negativ konnotiert und mit Negativereignissen, dem Grauen und Horror assoziiert.3 In dieser Direktive entdeckten zeitgleich die Naturwissenschaften die Katastrophe als deskriptive Vokabel für sich. Das Erdbeben von Lissabon von 1755 kann, zumindest aus begriffsgeschichtlicher Sicht, als erste Naturkatastrophe bezeichnet werden. Der Begriff Katastrophe hielt von nun an Einzug in geologische Debatten.4 In der Philosophie wurde der Begriff erst im 20. Jahrhundert und in Anbetracht seiner Historie vergleichsweise spät rezipiert. Bedingt durch Technisierung, gesellschaftspolitische Entwicklungen und die beiden Weltkriege wurde âKatastropheâ unter Gesichtspunkten geschichtsphilosophischer und -teleologischer Valenz und der Kulturkritik verhandelt. Radikales Fortschrittsdenken und Katastrophe gingen für weite Teile des philosophischen Spektrums Hand in Hand.5 Für die Gegenwart lässt sich begriffsgeschichtlich eine Omnipräsenz des Katastrophischen konstatieren, das sich nicht immer, wie Eva Horn für den Klimawandel herausarbeitet, in einem konkreten Ereignis oder eindeutigen Bildern manifestiert,6 sondern diffus die Wirklichkeitserfahrung strukturiert. In zeitdiagnostischen und philosophisch-politischen Diskussionen steht auch nicht mehr die nahe Zukunft im Fokus, wie Guillaume Paoli zuletzt festhielt: âNein, keine Katastrophe steht bevor, wir stecken bereits mittendrin.â7
Dem begriffsgeschichtlichen Projekt verwandt, hat Hans Blumenberg das Katastrophische unter einer historisch-metaphorologischen Perspektive und unter der Leitmetapher des Schiffbruchs betrachtet. Das Schiff in Verbindung mit den âelementaren Realitätenâ8 des Meeres ist nach Blumenberg Chiffre für das Leben schlechthin. Dabei ist es naheliegend, dass es nicht immer glücklich zugeht. Die Seefahrt ist aufs Engste mit dem Schiffbruch, mit den âKatastrophen der physischen Wirklichkeitâ9 verbunden. Diese Form der Katastrophe ist âin diesem Vorstellungsfeld so etwas wie die âlegitimeâ Konsequenz der Seefahrtâ.10 Wie Blumenberg aufzeigt, machte das Katastrophische in Form der Schiffbruch-Metaphorik beim Leben eines Subjekts jedoch nicht halt. Auch die âgroÃen Untergänge [â¦], der des Staates, der der Weltâ werden, so Blumenberg, im Bild des Schiffbruchs gefasst. So beispielsweise bei Montaigne, der den âallgemeinen Schiffbruch der Weltâ als Leitmetapher für die Skizzierung der politischen Umstände seiner Zeit, für âdas Schauspiel des staatlichen Untergangsâ verwendete.11 Der Schiffbruch als Beschreibungsregister für Katastrophen beinhaltet jedoch noch mehr, denn: Wo die Gefahr des Untergangs besteht, ist die Suche nach Rettendem nicht weit. Ob Subjekt, Staat oder Welt â den Schiffbrüchigen bleibt nach Blumenberg je die Planke.12 Sie ist Symbol für Hoffnung, die das Ãberleben sichert, einen Ausweg aus der Katastrophe anzeigt. Es geht um Schiffbau aus dem Schiffbruch. Damit ist ein Prozessgeschehen beschrieben, an dessen Anfangspunkt eine Zäsur, ein Ausnahmezustand, eine gestörte Ordnung steht, die dann jedoch im Bemühen um Normalisierung oder Existenzsicherung in Rationalisierungsstrategien mündet.
In der Wissenschaftsgeschichte stellen die Innovationen der Medizin und Physiologie im Zuge der âUrkatastropheâ13 des Ersten Weltkriegs ein eindrückliches Beispiel für die produktive Dimension desaströser Ereignisse dar.14 Das schiere Ausmaà an körperlichen Verletzungen, Verstümmelungen, Wundinfektionen und Traumata, die dieser hochtechnisierte Krieg verursachte, stellte den Wissenschaften vielfältiges Forschungsmaterial zur Verfügung. Unter den verwundeten Soldaten häuften sich zudem neuartige und diffuse Symptomlagen, die unter dem Namen shell shock die auf mechanistischen Prinzipien aufbauende klassische Physiologie in Erklärungsnot brachten. In dieser Situation boten holistische Modelle des menschlichen Körpers plausiblere Deutungen, welche die Symptome der Kriegsversehrten nicht mehr auf eindeutig lokalisierbare physiologische Defekte zurückführten, sondern auf den gestörten Regulationszusammenhang des Organismus als Ganzen.15 Der Physiologe Walter B. Cannon trug maÃgeblich zu dieser Entwicklung bei. Er schrieb Anfang der 1930er Jahre, wie er zu dieser neuen Lehre der biologischen Selbstregulation kam: Er habe darüber gestaunt, dass Organismen trotz ihrer Fragilität und Vulnerabilität auch in lebensfeindlichsten Umwelten bestehen können.16 Das psychophysiologische Wissen über die Emergency States des homöostatisch regulierten Körpers ist somit nicht nur aus einer Wissenskatastrophe heraus entstanden, sondern auch tiefgreifend durch konkrete Katastrophenerfahrungen codiert.17 Es handelt sich um Katastrophenwissen, das Modelle und Rationalitäten bereitstellt, mit denen eine Gesellschaft historisch spezifische Umgangs- und Bearbeitungsweisen für exzeptionelle Bedrohungen ausbildet.
Eine weitere Perspektive auf das Katastrophische eröffnet das Konzept der Resilienz, das einerseits aus Studien über benachteiligte Kinder18 und andererseits aus der Erforschung komplexer Ãkosysteme hervorgegangen ist.19 Die Resilienz nimmt heute eine dominante Stellung für die gesellschaftliche Orientierung in katastrophalen Zeiten ein. Wo sich die Politik an dem Konzept ausrichtet, verliert die Katastrophe zwar nicht ihre affektiv-bindende Kraft, jedoch werden die verfügbaren Mittel, Energie- und Aufmerksamkeitsreserven nicht mehr allein zu dem Ziel gebündelt, Katastrophen um jeden Preis zu verhindern. Ganz oben auf der politischen Agenda stehen nun Strategien der Vorbereitung und Techniken der Anpassung, durch die die Widerstandsfähigkeit von Individuen, Gruppen und Infrastrukturen gestärkt werden soll.20 In einer durch komplexe und unvorhersehbare Dynamiken strukturierten Welt scheint ein souveräner und gestaltender Umgang mit Phänomenen wie der ökologischen Katastrophe oder der Krisenhaftigkeit des Finanzmarktes zunehmend als illusorisch, sodass sich Politik und Gesellschaft darauf einrichten, mit einer Krisensituation (über-)leben zu lernen.21 Eine solche Politik und Wissensordnung unterliegt allerdings nicht ausschlieÃlich einem realistischen Pessimismus: Resilienz vereinnahmt die Katastrophe auch als Enthüllungszusammenhang, dem kreative Potenziale und produktive Dynamiken zugeschrieben werden. Unsicherheit und Ãberraschung sind nun âpart of the gameâ22 einer sich auf systemerhaltende Transformation ausrichtenden Gesellschaft, in der viele Normalitäten der Nachkriegsgesellschaften ihre Plausibilität verlieren.
Eine vertiefende Auseinandersetzung mit solchen spannungsreichen Konzeptionen, Deutungen und Wirkungen des Katastrophischen fand bei der Tagung Wissenskatastrophen â Katastrophenwissen. Zur Affektdynamik des Katastrophischen im November 2022 in Zürich statt. Mit dieser Veranstaltung fand das SNF-Sinergia-Forschungsprojekt The Power of Wonder,23 eine interdisziplinäre Zusammenarbeit der Universitäten Basel, Freiburg im Breisgau und Zürich, seinen Abschluss. Ãber einen Zeitraum von vier Jahren hatten die Teilprojekte die Instrumentalisierung von Affekten des Staunens in politischen, pädagogischen, ökonomischen, literarischen oder militärstrategischen Kontexten aus einer fächerübergreifenden Perspektive untersucht.24 In der letzten Phase des Projekts stand unter anderem die Macht des Unerwarteten als plötzliches, affektiv stark aufgeladenes Ereignis im Fokus. Dies einerseits mit Blick auf künstlerische Praktiken, die auf Ãberraschung oder gar Schock abzielen, um gewohnte Denk- und Fühlweisen zu irritieren. Andererseits ging es um die widersprüchliche Situation der Erwartung des Unerwarteten und damit verbunden um kollektive Bewältigungsstrategien sowie die Förderung einer Kultur der Resilienz und Bereitschaft.25
Im Zeichen der Destabilisierung durch unerwartete Ereignisse und der epistemisch-affektiven Folgen sowie Bewältigungsstrategien stehen auch die aus der Tagung hervorgegangenen Beiträge dieses Bandes. Die erste Sektion fokussiert zunächst die Dar- und Vorstellbarkeit von Katastrophen, die historisch und diskursiv zu differenzieren sind. Der Beitrag von Philipp Auchter und Christian Jany fragt anhand des US-amerikanischen Films Donât Look Up von 2021 danach, wie man das Katastrophische in der Gegenwart erzählen kann. Für gewöhnlich geschieht dies in möglichst dystopischen, drastischen und eindringlichen Bildern, die, verknüpft mit dem Topos des Heroischen, in die Auflösung oder Normalisierung der Katastrophe münden. Anhand des Films, der den medialen Umgang mit einem drohenden Kometeneinschlag thematisiert, zeigen die Autoren jedoch auf, dass die Darstellung des Katastrophischen auch mit Verballhornung, Parodie und ironischem Zitat geschehen kann. Sie analysieren Donât Look Up als Parabel für etwas, das inzwischen als die eigentliche Katastrophe gilt: Beunruhigend, empörend und schockierend ist nicht länger die Vorstellung einer nahenden Katastrophe, sondern wie Gegenwartsgesellschaften darauf mit Business as usual reagieren.
Die Unterschiede zwischen den verschiedenen ästhetischen Darstellungsformen werfen zugleich ein Licht auf die konstruktivistische Komponente von Katastrophen. Denn ob Ereignisse als Katastrophen angesehen werden und in welcher Hinsicht, ist ebenfalls historisch und diskursiv divergent. Die Katastrophe ist nicht einfach, sondern wird als solche gedeutet, und dies in jeweils spezifischer Weise. So positioniert Stefan Willers Aufsatz Edgar Allan Poe als Referenzautor für Weltuntergangsszenarien, die zwischen apokalyptischer Vision und astronomischer Reflexion changieren. Poes Texte der 1830er und 1840er Jahre, in denen er das Katastrophische behandelt, sind nach Willer als poetische Konstruktionen zu charakterisieren, die das âEnde von allemâ vorstellbar machen sollen und dabei eine konstruktivistische Poetik entwerfen, die âalles vom Endeâ her denkt. Als poetologisches Konzept wird die Katastrophe über die Plotgestaltung erkennbar beziehungsweise wiedererkennbar.
Darstellungen des Katastrophischen oder der damit verbundenen Affekte und Bewältigungsstrategien sind häufig an herausragende Figuren gebunden, seien es heroische Retter:innen oder symbolische Figuren, die die Bedrohlichkeit der Zukunft greifbar machen. Solche Personalisierungen sind meist von Ambivalenzen geprägt, wie es der Beitrag von Denise Reimann zum Thema Katastrophenwissen und Nachkommenschaft in Climate-Fiction-Erzählungen illustriert. Reimann untersucht anhand aktueller Climate-Fiction die ambivalente Figur des Kindes, die ein besonderes Wissen symbolisiert und eine genuine Wahrnehmung der klimatischen Ausnahmesituation erzeugt. Dem Kind wird einerseits ein privilegiertes, nichtdiskursives Wissen über Zukunft und Umwelt zugesprochen. Andererseits macht es in seiner Andersartigkeit die Bedrohlichkeit der Zukunft greifbar. Das andersartige und wissende Kind ist Projektionsfläche des christlichen Erlösungsversprechens, zugleich aber auch eine konkrete Verdichtung jener ökologischen Bedrohungslage, die im Diskurs der Ãberbevölkerung die biologische Reproduktion problematisiert.
Von Ambivalenzen ist auch die zweite Sektion dieses Bandes geprägt, die sich mit dem Katastrophischen als (prekärem) Wissens- und Wahrheitsgenerator auseinandersetzt. Die in der Katastrophe herausgestellte Unzulänglichkeit bisheriger wissenschaftlicher Erklärungsansätze mobilisiert neue Forschungsanstrengungen der Interpretation, Adaption und Prävention im Hinblick auf mögliche künftige Katastrophen. Eine vormoderne Form einer solchen Auswertung stellt Joana van de Löcht in ihrem Beitrag zur Flutschrift Holstein vergià eà nicht von Johann Rist vor. Die Schrift erinnert an eine verheerende Naturkatastrophe, die sich am 14. Februar 1648 in Holstein ereignete und weite Teile von Hamburg zerstörte. Rist erzeugt, nicht zuletzt durch die Einbettung zahlreicher Widmungsgedichte, eine vielstimmige Schilderung der Ereignisse, die den Erfahrungsschatz der gesamten Region abbildet. Allerdings hat die disruptive Erfahrung hier keine epistemische Neuordnung zur Folge. Denn obwohl die Flutschrift durch Infragestellung des zeitgenössischen seismologischen Wissens Ansätze einer Wissenskrise durchscheinen lässt, folgt sie in ihrer Bewertung letztlich traditionellem religiösem Wissen. So schlieÃt sie die epistemische Lücke durch Vorstellungen göttlicher Allmacht und die Deutung der Katastrophe als Strafgericht. Die epistemische Krise wird durch religiöse Erklärungsmuster verhindert, und derselben religiösen Logik folgt auch die präventive Anweisung zum Gebet, welches weitere Katastrophenereignisse verhindern soll.
Ganz anders im geologischen Diskurs des späten 17. bis frühen 19. Jahrhunderts, wie Peter Schnyder aufzeigt. Eine entscheidende Erkenntnis der Aufklärung war, dass die Erdoberfläche seit den Anfängen von groÃen geologischen Umwälzungen und Katastrophen geprägt war. Das Staunen darüber hat im geologischen Diskurs eine Wissensrevolution nach sich gezogen. Schnyders Beitrag analysiert anhand von Texten von Thomas Burnet, Georges Louis Leclerc de Buffon, Georges Cuvier und Charles Lyell den (proto-)geologischen Diskurs, in welchem der ursprünglich dramentheoretische Begriff der Katastrophe auf Naturvorgänge übertragen wurde. Dabei sind zwei wissenspoetologische Fragen interesseleitend, die â noch einmal â nach der Erzählbarkeit und Darstellbarkeit von Katastrophen im Gesamtzusammenhang der Erdgeschichte fragen. Erstens geht Schnyder der menschlichen Zuschauerperspektive nach, die in den Texten sowohl durch die Ãberwältigung als auch durch die prä- oder posthumane Zeitlichkeit von Katastrophen problematisiert wird. Zweitens fragt er, welche Bedeutungen den Katastrophenszenen in der Erdgeschichte zugeschrieben werden und ob mit der Deutung als Epochenzäsuren noch ein kohärenter Plot der Erdgeschichte â eine Einheit der Handlung und liaison des scènes â denkbar ist. Epistemische Fragen werden so aus einer dramenpoetologischen Perspektive beleuchtet.
Epistemische Prozesse, die durch die Konfrontation mit dem Unbekannten in Gang gesetzt werden, können jedoch auch ins Leere laufen. Im Fall des von Solvejg Nitzke in den Blick genommenen Tunguska-Ereignisses konnte dieser Mechanismus bis heute keine zufriedenstellende wissenschaftliche Aufklärung zeitigen. Nitzke zeigt in ihrem Beitrag auf, wie die unerklärlichen, groÃen Explosionen, die 1908 in Sibirien auftraten und deren Ursache bis heute nicht zweifelsfrei geklärt ist, bis heute fiktional bearbeitet werden und Hypothesenbildungen provozieren. Ãber Jahrzehnte hinweg hat das Scheitern von seriösen Forschungsanstrengungen immer wieder âalternativeâ Erklärungsansätze aus dem Feld der Esoterik, des Aberglaubens und der Verschwörungstheorien befeuert. Im epistemischen Prozess, der durch das unknown unknown angestoÃen wurde, entwickelte sich die Naturkatastrophe zur Wissenskatastrophe.
Dabei muss das Nichtwissen per se keine Katastrophe sein, so es denn ein identifizierbares, spezifisches Nichtwissen, ein known unknown darstellt, welches in der Wissenschaft als Noch-nicht-Wissen die Voraussetzung für weitere Wissensproduktion bildet. Wie Jörn Knobloch in seinem Beitrag zur Coronapandemie bespricht, kommen in der Wissenschaft idealerweise kontrollorientierte, komplexitätsorientierte oder erfahrungsorientierte Modi der Nichtwissensbehandlung zum Einsatz, in welchen sich das Nichtwissen explizieren lässt. In der Coronakrise jedoch haben die Nichtwissensdynamiken in Deutschland affektive, restriktive und konstruktivistische Züge angenommen und damit die Grenzen der Nichtwissensverarbeitung aufgedeckt. Der Zwang, die angeordneten MaÃnahmen zu legitimieren, hat laut Knobloch zu einer instrumentellen Einbindung der Wissenschaft durch die Politik geführt, welche die Eigenheiten wissenschaftlichen Wissens übergangen und so den Einbezug einer Vielfalt von Erkenntnissen, konkurrierender Ansätze und Methoden in der Bearbeitung des Nichtwissens verhindert hat. Dadurch wurden politische Wahrheitskonflikte erzeugt, die den Status der Wissenschaft unterminiert und zur Polarisierung der Gesellschaft beigetragen haben.
Wie Entscheidungen in Ausnahmezuständen getroffen und legitimiert werden, darum geht es auch in der dritten Sektion dieses Bandes, welche die Zusammenhänge zwischen Affektbeherrschung, Konzepten der Handlungsfähigkeit und Herrschaftslegitimation offenlegt. Jacob Birken untersucht in seinem Aufsatz soziologische und psychologische Forschungsbestände zum Phänomen der Panik seit der Mitte des 20. Jahrhunderts. Er stellt heraus, dass in der Wissenschaft die Katastrophe lange als ein Szenario verhandelt wurde, in dem sich Rationalität und Souveränität an der Bereitschaft für radikale Entscheidungen unter Handlungsdruck erkennen lassen. Gerade durch diese Logik des Ausnahmezustandes werden jedoch reaktionäre und oft rassistische Normvorstellungen mobilisiert. Die Diagnostizierung von Irrationalität und Panik bei den Anderen dient, wie Birken an historischen Beispielen rekonstruiert, der Legitimation von Gewalt und Herrschaft.
Wie sehr der Logik des Ausnahmezustandes, in dem ein irrationales Gegenüber kontrolliert werden muss, selbst ein Moment der Irrationalität innewohnt, zeigt der Beitrag von Andrea Kretschmann über das Protest Policing europäischer Polizeieinheiten. Kretschmann analysiert die Simulationen in Demonstrationstrainings als âKatastrophentechnikâ, die über räumliche Anordnungen und eskalatives Verhalten der simulierten Demonstrierenden bei den Einsatzkräften starke Empfindungen, Erregungen und Affekte generiert. Diese Technik wird zunächst planvoll zur Ãbung der Affektkontrolle eingesetzt, um die Handlungsfähigkeit der Einsatzkräfte im Ernstfall zu gewährleisten. Dabei wird jedoch ein katastrophischer Ãberschuss generiert, der nicht nur dem Versuch rationaler Affektkontrolle entgegensteht, sondern auch die Realität von durchschnittlichen europäischen Demonstrationen, die friedlich und rechtmäÃig ablaufen, substituiert. Statt auf die Kontrolle des Ausnahmezustandes werden die Einsatzkräfte so auf die Eskalation, den Worst Case hin konditioniert. Ein solches Protest Policing hat, so Kretschmann, Auswirkungen auf den polizeilichen Umgang mit realen Protesten und trägt zur Verstärkung sicherheitsstaatlicher Tendenzen bei.
In Konfrontation mit oder in der Vorstellung des Katastrophischen ist die Affizierung eine Konstante. Nicht immer jedoch soll das Affektive kontrolliert werden. In der vierten und letzten Sektion dieses Bandes â Affizierung und Agency â geht es darum, wie die Affizierung den Klimawandel als Katastrophe erst vorstellbar werden lässt und so neue Formen der Agency evoziert. Christine Hentschel analysiert in ihrem Beitrag die kulminierenden Katastrophen der Gegenwart als affektiven Raum der Dringlichkeit. Im Austausch mit Marina Garcés und Günther Anders erkennt sie in den Protesten und Selbstdarstellungen von Klimaaktivist:innen âAffective Workoutsâ, mit denen diese im Angesicht von Ohnmacht und Orientierungslosigkeit sich nicht nur in Phantasie üben, sondern die auch auf die Ausbildung einer neuen Agency abzielen. Hentschel geht es in diesen exemplarischen Analysen um die Möglichkeit eines Sensoriums für das Katastrophische, das sich nicht in Defätismus erschöpft, sondern gemeinsamen Anstrengungen den Weg ebnet.
Eine ähnlich gelagerte, ebenfalls auf Agency abzielende Affizierung analysiert Dorna Safaian mit Blick auf Greta Thunberg. Safaian untersucht, wie sich die Bildsprache des Heroischen im Resonanzraum der Sozialen Medien um Thunberg als transgressive Anführerin herum artikuliert. Thunberg erweist sich als vielschichtige Figur, welche Exzeptionalität und Vulnerabilität vereint. Sie vermag gerade deswegen andere zu affizieren, weil sie sich selbst als von der klimatischen Katastrophe affizierbar darstellt. Die Herausforderung der Protestbewegungen, den Klimawandel als Katastrophe zu vermitteln und die bisweilen abstrakten Effekte klimatischer Veränderungen erfahrbar zu machen, wird durch die Emotionalität und das exzeptionelle Wissen einer vulnerablen Heldin kompensiert. Die Ãsthetik heroischer Vulnerabilität verkörpert in der Erscheinung des unschuldigen Kindes die Verletzung einer scheinbar natürlichen Ordnung durch die Klimakatastrophe, verweist aber gleichzeitig personalisierend auf die Agency der affektiv wirkmächtigen Heldin.
Weitere, nun aber literarische Beispiele der Affizierung im Hinblick auf den Climate Turn stellt Boris PreviÅ¡iÄ in seinem Beitrag vor. Zunächst fragt er, wie es trotz aller manifesten Erscheinungen des Klimawandels möglich ist, dass (populär-)wissenschaftliche Katastrophennarrative bisher wenig Wirksamkeit zeigen und das Reaktionsmuster auf die geohistorische Disruption zumeist in Affektlosigkeit besteht. Einen Grund für diese Passivität sieht er im (post-)modernen Raum- und Zeitframing, das sich allein auf individuelle Narrative konzentriert. Wie diese Ausrichtung auf das Subjekt und dessen doppelte Rahmung aufgelöst werden kann, zeigt PreviÅ¡iÄ anhand von zwei Romanen der Gegenwart, Erstaunen von Richard Powers und An das Wilde glauben von Nastassja Martin. In beiden Texten findet ein narratives Upscaling statt, durch das die affektive Dimension des Climate Turn wirksam gemacht wird. Dabei wird jedoch keine Katastrophenästhetik und -rhetorik eingesetzt, sondern es werden persönliche, soziale und planetare Skalen in einer tentakulären Zeitauffassung narrativ verschränkt, wodurch Erzählmuster entstehen, die Neugier für und Staunen über die Biosphäre und eine anthropologische Tiefengeschichte hervorrufen.
Ein Aspekt, der in verschiedenen Beiträgen wiederholt auftritt, ist die Zeitlichkeit der Klimakatastrophe als einer âlangsamen Gewaltâ, wie es PreviÅ¡iÄ umschreibt. Im Klimawandel treffen entgegengesetzte Zeitlogiken von plötzlichen Kipppunkten und von schwer erfassbarer Langsamkeit aufeinander und erzeugen ein âParadox latenter Katastrophenâ, das sich unseren gewohnten Wahrnehmungsmustern entzieht und der Darstellbarkeit entgegensteht. Auf diese Problematik macht auch der Philosoph SreÄko Horvat im Gespräch mit Ulrich Bröckling aufmerksam. Das Interview, das den vorliegenden Band beschlieÃt, beleuchtet die Gegenwart als eine Gegenwart multipler Katastrophen, die die Apokalypse nicht mehr erwartet, sondern sich damit arrangiert hat, dass diese sich just ereignet: âDie dystopische Zukunft ist bereits da.â Zugleich kommt Horvat in seiner Analyse der katastrophischen Gegenwart zu dem Ergebnis, dass eine Kritik der gegenwärtigen Faszination für Endzeitnarrative neue Räume der Repräsentation und des Handelns eröffnen kann. Die Katastrophe muss auch als Enthüllungszusammenhang ernst genommen werden. Letztlich bietet sich, so Horvat, die Katastrophe nicht als Naturereignis dar, sondern als Effekt der kapitalistischen Vereinnahmung und Ausbeutung.
An der Entstehung des Bandes Katastrophenwissen â Wissenskatastrophen. Zur Affektdynamik des Katastrophischen in der Reihe Poetik und Ãsthetik des Staunens waren in unterschiedlichen Phasen und Funktionen eine Vielzahl Personen beteiligt. Hier ist der Ort, ihnen herzlich zu danken. Allen voran danken wir den Autor:innen für ihre kooperative und freundliche Zusammenarbeit. Ein besonderer Dank gilt Ulrich Bröckling, Nicola Gess, Hugues Marchal und Mireille Schnyder für die Konzeption und Durchführung der mit den vorliegenden Beiträgen eng verbundenen Abschlusstagung des SNF-Sinergia-Projekts The Power of Wonder im November 2022 in Zürich. Ulrich Bröckling und Nicola Gess haben diesen Band zudem wesentlich auf den Weg gebracht. Des Weiteren möchten wir Jana Besorger und Silvan Bolliger unseren Dank für ihre groÃe Hilfe bei der Einrichtung der Texte aussprechen. Für die finale Arbeit am Text gilt unser Dank Nancy Grochol für ihre umsichtigen Lektüren, die diesem Band letztlich die angemessene Form gegeben haben. AbschlieÃend möchten wir uns bei Brill | Fink und hier insbesondere bei Patrick Tegethoff für die angenehme Zusammenarbeit bedanken.
Vgl. Olaf Briese u. Timo Günther, âKatastrophe. Terminologische Vergangenheit, Gegenwart und Zukunftâ, in: Archiv für Begriffsgeschichte 51 (2009), S. 157â163. Zur sich an Briese und Günther anschlieÃenden begriffsgeschichtlichen Argumentation vgl. die Beiträge von Peter Schnyder und Stefan Willer in diesem Band.
Vgl. ebd., S. 163â167.
Vgl. ebd., S. 170f.
Vgl. ebd., S. 173, und den Beitrag von Peter Schnyder in diesem Band.
Vgl. ebd., S. 188â191.
Eva Horn, Zukunft als Katastrophe, Frankfurt am Main: S. Fischer, 2014, S. 18ff.
Guillaume Paoli, Geist und Müll. Von Denkweisen in postnormalen Zeiten, Berlin: Matthes & Seitz, 2023, S. 14.
Hans Blumenberg, Schiffbruch mit Zuschauer. Paradigma einer Daseinsmetapher, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1979, S. 9.
Ebd., S. 32.
Ebd., S. 13.
Ebd., S. 20f.
Vgl. ebd., S. 22 und 78f. u. a.
Wolfgang J. Mommsen, Die Urkatastrophe Deutschlands. Der Erste Weltkrieg 1914â1918, Stuttgart: Klett-Cotta, 2002 (Handbuch der deutschen Geschichte 17).
Vgl. Stefanos Geroulanos u. Todd Meyers, The Human Body in the Age of Catastrophe. Brittleness, Integration, Science, and the Great War, Chicago u. London: The University of Chicago Press, 2018.
Vgl. ebd., S. 6ff.
Vgl. Walter B. Cannon, The Wisdom of the Body, London: Kegan Paul and Co., 1932, S. 20.
Vgl. Jakob Tanner, ââWeisheit des Körpersâ und soziale Homöostase. Physiologie und das Konzept der Selbstregulationâ, in: ders. u. Philipp Sarasin (Hg.), Physiologie und industrielle Gesellschaft. Studien zur Verwissenschaftlichung des Körpers im 19. und 20. Jahrhundert, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1998, S. 129â169, hier S. 153.
Vgl. Emmy E. Werner u. Ruth S. Smith, Vulnerable but Invincible. A Longitudinal Study of Resilient Children and Youth, Vorwort von Norman Garmezy, New York: McGraw-Hill, 1982.
Crawford S. Holling, âResilience and Stability of Ecological Systemsâ, in: Annual Review of Ecology and Systematics 4.1 (1973), S. 1â23.
Vgl. Andreas Folkers, Das Sicherheitsdispositiv der Resilienz. Katastrophische Risiken und die Biopolitik vitaler Systeme, Frankfurt am Main u. New York: Campus, 2018.
Vgl. Philipp Staab, Anpassung. Leitmotiv der nächsten Gesellschaft, Berlin: Suhrkamp, 2022.
Carl Folke, âResilience. The Emergence of a Perspective for Social-ecological Systems Analysesâ, in: Global Environmental Change 16.3 (2006), S. 253â267, hier S. 256.
staunenprojekt.com (29.03.2024).
Daraus hervor gingen u. a. zwei Sammelbände: Nicola Gess u. Mireille Schnyder (Hg.), Das staunende Kind. Kulturelle Imaginationen von Kindheit, Paderborn: Brill Fink, 2021 (Poetik und Ãsthetik des Staunens 9); Kim Hagedorn, Tim Hofmann u. Sarah Möller (Hg.), Provozierte Bewunderung, Paderborn: Brill Fink, 2022 (Poetik und Ãsthetik des Staunens 8).
Vgl. beispielsweise die Beiträge von Hugues Marchal, âLâapplication ou lâart dâinterpréter âde côtéââ, in: Camille Esmein-Sarrazin et al. (Hg.), Resonances. Inscriptions et jardins au temps des lumieres, Rennes: PUR, 2024 (Interferences; im Druck); oder von Nicola Gess, âEmerging from Stupor. A Chapter in the Cultural History of Thunderâ, in: RES: Anthropology and Aesthetics 77/78 (2022), S. 120â132.