Denn es kommt darauf an, dem Gegensatz seine Schärfe, die ja das ganze Problem erst aufgibt, zu erhalten und nun erst eine Brücke zwischen seinen Polen zu schlagen […].
Georg Simmel1
1 Walter Benjamin und das Politische der Literatur: Zugang zu einer produktiven Spannungsbeziehung zwischen Text und Kontext
Ob als intellektuelle Abenteuergeschichte, problematische Liaison oder vitaler Schreibimpuls aller Schriften, Aufzeichnungen und Schreibexperimente: die Frage nach Walter Benjamins Verhältnis zum Politischen gehört von jeher zu den umstrittensten Themen in der Benjamin-Forschung. Zur Diskussion stehen dabei sowohl die politischen Implikationen in Benjamins Schreibweisen und ästhetischen Darstellungsverfahren als auch Benjamins politische Selbstpositionierung als kritischer Intellektueller inmitten des „Zeitalter[s] der Extreme“2. Beide Seiten stehen in seinen Schreibprojekten in einem wechselseitigen Abhängigkeitsverhältnis und verlangen eine kontextspezifische Bestimmung ihrer konkreten reziproken Reaktionsweisen.
Bereits als junger Student formuliert Benjamin die Dringlichkeit, den eigenen Denk- und Schreibort „[i]m Komplex meiner Gesinnungen, die ja im Politischen in bestimmter Richtung zusammenzuziehen sind“ (Br I, 83.)*, zu bestimmen. Der bevorzugte Schauplatz dieses ‚Zusammenziehens‘ ist bei Benjamin jene Interferenzzone, in der sich politische und ästhetische Zeitphänomene und -fragen berühren. Im Zuge seines politischen Engagements in der Jugendbewegung und seiner Suche nach einer kritisch-distanzierten Position innerhalb der zionistischen Debatten in seinem Umfeld wird er diese ‚Zone‘ zunächst als das entscheidende „Problem der Politik für den Intellektuellen“ (ebd., 81) adressieren. Späterhin wird er sie dann als konkreten „Weg der Politisierung der Intelligenz“ (WB III, 225) perspektivieren und zugleich, mit Blick auf unterschiedliche Intellektuellen- und Gelehrtenkulturen unter dem Vorzeichen einer „Geschichte der ‚Gebildeten‘“ (WB VI, 310), historisch problematisieren. Beide Seiten – die ästhetische Darstellungsfrage gleichermaßen wie die Reflexion auf die Rolle des kritischen Schriftstellers und Intellektuellen – schließt er zudem früh bereits in dem bisher in der Benjamin-Forschung kaum untersuchten Begriff der ‚Haltung‘ zusammen: Als „eigentliche Haltung des Dichters“ (WB II.1, 125) im Hölderlin-Aufsatz von 1914/15; als die einer interessenlosen, „gelassene[n], kontemplative[n] Haltung“ (WB II.2, 467) des Historikers entgegengesetzte „Haltung des Materialisten“ (Br IV, 19; Herv. i. O.); oder als konkret praktizierte ‚schreibende Haltung‘ (vgl. WB II.2, 696) in seinen späteren Versuchen über Brecht.
Benjamins Schreibprojekte entzünden sich demnach immer wieder an den Knotenpunkten von politischen und ästhetischen Problemstellungen der Zeit und er zielt dabei darauf, dieses Schnittfeld als solches theoretisch begreifbar zu machen und praktisch zu vermessen. Die Spannbreite dieser Vermessungsarbeit, in der sowohl die ästhetischen als auch die gesellschaftlichen und ökonomischen Konfigurationen potentieller Schreibpositionen beobachtet werden, erstreckt sich über historische Arbeiten zu Baudelaire, Hebel, Keller und Stifter, den literarischen Porträts etwa von Proust, Kafka und Kraus bis zu Arbeiten beispielsweise über den Surrealismus, Zum gegenwärtigen gesellschaftlichen Standort des französischen Schriftstellers oder der Kritik am Expressionismus und der ‚Neuen Sachlichkeit‘ in dem Text Linke Melancholie.3 Daneben sind unter anderem die wiederkehrenden Auseinandersetzungen mit den Schriften des George-Kreises zu nennen, deren esoterische Gemeinschaftsidee genauso wie das kultische Dichterbild Benjamin immer wieder zu politischer und ästhetischer Kritik veranlassen. Auffällig ist in all diesen Arbeiten auf der einen Seite, dass Benjamin mit seinen Versuchen einer Verhältnisbestimmung von Politik und Literatur sowohl in Bezug auf die Reflexion über den Ort des kritischen Intellektuellen und Schriftstellers als auch in Bezug auf die Mobilisierung unterschiedlicher ästhetischer Darstellungsverfahren weder einen unvermittelten Gegensatz noch ein reibungsloses Ineinanderaufgehen forciert. Auf der anderen Seite sucht man allerdings vergeblich nach einer stringenten Formel oder einer präzisen Definition des Politischen der Literatur in Benjamins Schriften. Es liegt die Vermutung nahe, dass diese definitorische Un(ter)bestimmtheit programmatischen Charakter hat, setzt er doch den konkreten Bezug von Politik und Literatur keineswegs als von vornherein gegeben voraus.
Das Nachdenken über mögliche Verhältnisbestimmungen profiliert sich vielmehr an einem allenthalben in seinen Schriften dokumentierbaren Problemdenken: Von der Differenz zwischen dem Politischen und der Literatur ausgehend wird die Frage nach Bezüglichkeitsformen bei Benjamin allererst als gleichermaßen erkenntnistheoretisches und darstellungspraktisches Problem aufgerufen und auf ihre Möglichkeitsbedingungen hin befragt. So kritisiert er etwa in einem Brief von 1913 an dem von Franz Pfemfert in Die Aktion publizierten Artikel Unsere Hoffnung: „Ich vermisse durchaus eine Brücke vom kulturell-politischen Wollen dieser Leute zu ihren Dichtungen.“ (Br I, 85)4 Die Suche nach diesem ‚Brückenkopf‘ im Spannungsverhältnis von Literatur und Politik ist auch dort zu beobachten, wo ein an marxistisch-materialistischem Denken orientiertes Schreiben einsetzt, heißt es doch 1934 im Vortrag Der Autor als Produzent in vergleichbarer Weise: „Zeigen möchte ich Ihnen, daß die Tendenz einer Dichtung politisch nur stimmen kann, wenn sie auch literarisch stimmt.“ (WB II.2, 684) So unterschiedlich die intellektuellen Debatten und politischen Kontexte sind, in denen die erste Aussage von 1913 und die zweite von 1934 stehen, verbindet sie doch, dass sie beide das Verhältnis von Politik und Literatur weniger von einem transgressiven Denk- und Schreibmodus her bestimmen als vielmehr von einer problematischen Spannungsbeziehung aus in den Blick nehmen.5 In diesem Sinne ist auch das der Einleitung vorangestellte Motto Georg Simmels zu verstehen: „Denn es kommt darauf an, dem Gegensatz seine Schärfe, die ja das ganze Problem erst aufgibt, zu erhalten und nun erst eine Brücke zwischen seinen Polen zu schlagen […].“6 Erst die deutliche Markierung der polaren Spannung ermöglicht eine differenzielle Verhältnisbestimmung zwischen Literatur und Politik. Dieses polare Spannungsverhältnis bezeichnet bei Benjamin dann nicht zuletzt auch den produktiven Ort des Nachdenkens über die krisenhafte Signatur der eigenen Zeit und wird so zum Ausgangspunkt seiner vielschichtigen Schreibprojekte, die er immer auch – ungeachtet der tatsächlichen Distributions- und Wirkradien – als konkrete Interventionsformen des „premier critique de la littérature allemande“ (Br III, 502) verstanden wissen wollte, der er zu sein wünschte und zu dem er dann nachträglich durch die intensive Rezeption gewissermaßen auch noch geworden ist.
Vor diesem Hintergrund liegt der erkenntnisleitende Untersuchungsfokus der vorliegenden Arbeit auf den gleichermaßen theoretischen und darstellungspraktischen Ausgestaltungen des produktiven Spannungsverhältnisses von Literatur und Politik in Benjamins Schriften. Im Zentrum stehen die folgenden untersuchungsleitenden Fragen: Welche Begriffe, Bildformeln, Motive, Denkfiguren setzt Benjamin ein, um die produktive Spannung zwischen Literatur und Politik erkennbar und darstellbar zu machen? Welche Modelle kritischer Autorschaft stehen bei Benjamin im Verhältnis zu diesem Spannungsgefüge? Welches Konzept kritischer Intellektualität und welche Reflexionen über den eigenen Standort des Schreibens inmitten dieser Spannungen schließen sich bei ihm an diese Verhältnisbestimmungen an?
Die Variationsdynamiken und kontextabhängigen Spezifizierungen in Benjamins Umgang mit jenen hier zunächst sehr global befragten Problemstellungen erschließen sich, so die Grundannahmen der vorliegenden Arbeit, weder in methodischer Hinsicht durch eine ausschließliche Konzentration auf einzelne Schriften und/oder werkinterne Zusammenhänge noch in inhaltlicher Hinsicht über die Vorstellung einer mit dem ‚Melancholiker Benjamin‘ häufig assoziierten „esoteric function of the intellectual“7. Die Situierung (nicht nur) der politischen Schreibprojekte Benjamins inmitten konkreter politischer Debatten, intellektueller Kommunikationsnetzwerke und strategisch inszenierter intertextueller Beziehungsgeflechte verlangt vielmehr, so die zugrundeliegende Annahme, eine methodische und inhaltliche Zugangsweise, die auch den Kontexten der konkreten Denk- und Schreibmodi des problemorientierten Bezüglichkeitsdenkens zwischen Politik und Literatur in Benjamins Texten gerecht wird.
Vergleichbare Fragestellungen haben die Benjamin-Forschung bereits seit den 1960er Jahren beschäftigt und bestimmen eine anhaltend kontroverse Rezeptionsgeschichte, die sich zwischen philologischen Detailanalysen, dem Bestreben, neuere Theorien des Politischen auf Benjamins Werk zu beziehen und dem Versuch, ein stringentes, systematisches Denken freizulegen, aufspannt.8 Vor dem Hintergrund dieser Omnipräsenz des Politischen in der Benjamin-Forschung scheint es auf den ersten Blick einigermaßen überraschend, dass Uwe Steiner unlängst konstatierte, Politik gehöre „derzeit nicht zu den Themen, mit denen sich die Benjamin-Forschung bevorzugt befasst“9. Steiners Anmerkung impliziert allerdings einen kritischen Impuls gegenüber der Rezeptionsgeschichte, den es ernst zu nehmen gilt. Denn Steiner bezieht sich weniger auf den Verlust von politischen Aneignungsversuchen, wie ihn Norbert Bolz dreißig Jahre zuvor und vor dem Hintergrund einer anderen Forschungslage als „Tendenzwende“ kritisierte, durch die Benjamin in neueren Forschungsansätzen „um seinen Begriff hochpolitischen Stils gebracht“10 werde. Stattdessen geht es Steiner um die nach wie vor eher marginale Berücksichtigung jener konkreten diskursiven Zusammenhänge und intertextuellen Geflechte, von denen Benjamins Arbeiten am Politischen anheben. Und was Steiner hier vornehmlich für dei frühen Schreibversuche zu Beginn der 1920er Jahre betont, kann auch für die späteren Arbeiten geltend gemacht werden. Denn sowohl die Verkürzung auf die bekannte Formel von der „Politisierung der Kunst“ (WB I.2, 469), die Benjamin an das Ende seiner Arbeit über Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit setzt,11 als auch die unspezifische Annahme, in Benjamins Texten artikuliere sich letztlich stets eine messianische Hoffnung, bleiben unzureichend und verkürzend, wenn sie nicht an den konkreten Einsatzpunkten in der diskursiven Gemengelage und an den konkreten intellektuellen Debatten gemessen werden, in denen Benjamins zeitkritische Schreibprojekte verortet sind.
Hier scheint sich in letzter Zeit eine Tendenz abzuzeichnen, Benjamin wieder verstärkt in seine konkreten Produktionskontexte zurückzuversetzen. Vor dem Hintergrund etwa von Sigrid Weigels Untersuchungen zu Benjamins „Modell der Lektüre und der Lesbarkeit“12, vor allem aber im Anschluss an Alexander Honolds Studie über den Leser Walter Benjamin, die mit der Aufforderung verbunden ist, den „Spurenelementen nach[zu]geh[en], den Kristallisationspunkten und Reibungsflächen, an denen sich das Denken entzündet und entwickelt“13 hat, ist ein Interesse daran zu beobachten, das vielfältige Ensemble intertextueller Beziehungen, direkter sowie diskreter Verweise und Korrespondenzen nochmal neu in den Blick zu nehmen. Damit scheint sich zum einen dort, wo man Benjamins Umgang mit seinen „Quellen“14 fokussiert, unweigerlich die (auch in literaturtheoretischer Hinsicht) problematische Frage nach ‚Einflüssen‘ erneut aufzudrängen. Zum anderen wurde unlängst vor dem Hintergrund neuerer materialitätstheoretischer Ansätze der Versuch unternommen, Benjamins Begriffs- und Methodenentwicklungen von seiner konkreten ‚Arbeit am Material‘15 aus in den Blick zu nehmen.
Mit der Untersuchung der intertextuellen Beziehungen zwischen Walter Benjamin und Salomo Friedlaender wählt die vorliegende Arbeit ebenfalls einen Zugang, der das Ziel verfolgt, sowohl den Zusammenhang von politischem Schreibimpuls und ästhetischen Darstellungsverfahren als auch Benjamins politische Selbstpositionierung als kritischer Intellektueller aus den konkreten Kontexten ihrer Entstehung herauszuarbeiten. Dabei ist Jessica Nitsche und Nadine Werner zuzustimmen, dass bei Benjamin im Umgang mit anderen Autoren „[a]ktiver Gebrauch, Handhabbarmachung und Aktualisierung […] an die Stelle der Inventarisierung“16 treten und zudem generell „Benjamins Ver- und Entwendung anderer Autoren […] bislang keine systematische Aufarbeitung erfahren“17 habe. Neben der Tatsache, dass in dem von Nitsche und Werner herausgegebenen Sammelband zu Benjamins „Quellen“ aber nach wie vor überwiegend bekannte Referenzgrößen der großen Diskurslinien behandelt werden, gilt der Fokus von Burkhardt Lindners ‚Entwendungs‘-These letztlich ausschließlich Benjamins Verwertungs- und Appropriationspraktiken. Die Aufgabe der nachfolgenden Untersuchungen besteht darin, neben Benjamins Praktiken der entwendenden Aneignung auch andere intertextuelle Bezugsformen einzubeziehen und zu differenzieren.
2 Walter Benjamin und Salomo Friedlaender: Rezeptionsgeschichtliche und methodische Vorüberlegungen zur Untersuchungskonstellation
Mit der intellektuellen Konstellation zwischen Benjamin und Friedlaender steht ein Geflecht aus persönlichen Bekanntschaften, intertextuellen Beziehungen, politischer Debatten der Weimarer Republik und diskursiven Rahmenbedingungen im Zentrum der vorliegenden Arbeit, das bisher allenfalls beiläufig registriert wurde. Zählt doch der 1871 in Gollantsch (Posen) geborene und 1946 im Pariser Exil verstorbene jüdische Philosoph und Schriftsteller Salomo Friedlaender im Rahmen der ohnehin problematischen Bestimmung des politischen Schreibens Walter Benjamins nicht gerade zu den prominenten Figuren in der Benjamin-Philologie.18
Das intellektuelle Figurenensemble, das in der Benjamin-Forschung aufgerufen wird, wenn es um Benjamins Denken des Politischen geht, besteht meist aus weitaus bekannteren Bezugsgrößen wie Ernst Bloch, Georges Sorel, Karl Marx, Bertolt Brecht und Theodor W. Adorno oder – im Sinne „gefährliche[r] Beziehungen“19 – Carl Schmitt und Martin Heidegger. Friedlaender ist hier höchstens am Rande als Philosoph und Schriftsteller wahrgenommen worden, der für Benjamins Denken des Politischen relevant sein könnte. Er gehört vielmehr zu jener „kleinräumigen Topographie des Intellektuellen Walter Benjamin jenseits der großen Diskurslinien“, für die Heinrich Kaulen angemahnt hat, dass hier „noch reichlicher Forschungsbedarf“20 bestehe. Ähnlich wie Steiner bemängelt auch Kaulen, dass häufig eine präzise Erörterung von „Publikations-, Medien-, Wissenschaftskontexte[n], biografisch-soziale[n] Kontexte[n], historische[n] und politische[n] Kontexte[n] etc.“21 sowohl in Benjamin-Editionen als auch in der Forschung zugunsten „großflächige[r] Diskursnetze“, die „in der Regel von denselben dominanten Instanzen besetzt“22 sind (gemeint sind auch hier: Adorno, Scholem Brecht), vernachlässigt werden.23
In diesen „konkreten sozialen, publizistischen und intellektuellen Kontexten“24 ist auch der Name Salomo Friedlaender zu verorten. Dabei deutet bereits der Anlass des ersten persönlichen Kontakts zwischen beiden an, dass die Bedeutung Friedlaenders für Benjamin vor allem im Kontext seiner frühen Schreibversuche zum Politischen einzuordnen ist, begegnen sich doch beide im Rahmen einer Vorlesung Erich Ungers, dessen Abhandlung Politik und Metaphysik Benjamin für „die bedeutendste Schrift über Politik aus dieser Zeit“ (Br II, 127) hält.25 In diesen Zeitraum fallen einige der wichtigsten Schriften Benjamins zum Politischen. Unter anderem auch die auf drei Teile angelegte, aber nur teilweise ausgeführte bzw. überlieferte „Arbeit über Politik“ (Br II, 127), zu der auch der prominente Text Zur Kritik der Gewalt gehört. Im dritten Teil dieser Arbeit, der als eine gleichermaßen ästhetische und politische Auseinandersetzung mit Paul Scheerbarts Roman Lesabéndio konzipiert war, sollte Salomo Friedlaender dann, wie ausführlich nachzuweisen sein wird, eine gewichtige Rolle spielen. (vgl. Hauptteil B) Und obwohl Benjamin auch später noch an verschiedenen Stellen in seinen Schriften ausdrücklich auf die Bedeutung Friedlaenders, allen voran auf dessen polaritätsphilosophisches Werk Schöpferische Indifferenz (1918) hingewiesen hat, ist seine „hohe[…] Schätzung“26 dieses Werkes und damit die Konstellation zwischen Benjamin und Friedlaender ein weitgehend unbearbeitetes Forschungsfeld geblieben.27 Die vorliegende Arbeit beansprucht, diese Forschungslücke zu schließen.
Eine philologische Spurensuche, die sich erstens um die konkreten intertextuellen Beziehungen der Schriften Friedlaenders zu Benjamins frühen politischen Schreibprojekten zu Beginn der 1920er Jahre und zweitens um Vergleichspunkte mit Friedlaenders Polaritätsphilosophie auch in Benjamins späteren Schriften bemühen wollte, konnte lange Zeit nur auf einen sehr spärlich erschlossenen Textbestand zurückgreifen. Dass der „philosophische[…] Outsider[…]“28, wie Lorenz Jäger Friedlaender unlängst in seiner Benjamin-Biographie bezeichnet hat, mehr als nur im Schatten der kanonisierten Bezugsgrößen steht und dass ihm in der Forschung kaum Aufmerksamkeit zuteilwurde, lag zweifelsohne an dieser problematischen Publikationssituation der Schriften Friedlaenders.29 Mit der durch Detlef Thiel seit 2005 besorgten Ausgabe der Gesammelten Schriften, die auf über 30 Bände angelegt ist, ändert sich allmählich die Zugänglichkeit der Texte Friedlaenders.30 Damit kann nun endlich eine Wiederentdeckung des Philosophen und Schriftstellers beginnen, der – als zugleich eigenwilliger Kantianer und skurriler Grotesken-Schriftsteller unter dem Pseudonym Mynona (rückwärts für: Anonym) – in der Berliner Literatur- und Intellektuellenszene um 1900 und in der Weimarer Republik eine bemerkenswerte und bekannte Figur war.
Friedlaender hatte nach 1933 im französischen Exil – zunehmend isoliert und abgeschnitten von Publikationsmöglichkeiten – selbst geahnt, dass er in Vergessenheit geraten könnte. Schwankend zwischen bissig-resignativem Spott und ungebrochener Zuversicht, gepaart mit der für ihn typischen humoristischen Selbstüberhöhung (Stichwort ‚Auferstehung‘), notiert er in einem Brief von 1934: „Vielleicht erstehe ich posthum?“ (F/M 26, 520) Inwiefern mit der neuen Publikationslage der „noch in Konstruktion befindliche[…] Autor“31 Friedlaender – auch über die Bedeutung für Benjamin hinaus – ‚aufersteht‘ und stärker in den Fokus der Forschung tritt, bleibt abzuwarten. Die vorliegende Arbeit konnte jedenfalls auf die neue Ausgabe der Schriften Friedlaenders zurückgreifen und so erstmals systematisch die Konstellation zwischen Benjamin und Friedlaender vor dem Hintergrund eines umfangreichen Textbestandes untersuchen. Indem die Arbeit eine Forschungslücke in der Benjamin-Philologie schließt, möchte sie zugleich auch einen Beitrag zu dieser Wiederentdeckung leisten.
Nicht nur unter dem Vorzeichen einer solchen Wiederentdeckung, sondern vor allem hinsichtlich der Konstellation mit Benjamin gilt es hier zwei Aspekte zu berücksichtigen: Erstens ist Friedlaenders Polaritätsphilosophie der ‚schöpferischen Indifferenz‘ ein großangelegtes metaphysisches Projekt, das in „34 selbständigen Publikationen“32 und unzähligen kleineren Arbeiten und Aufsätzen entfaltet wurde. Dieses heterogene Œuvre kann im Rahmen dieser Arbeit nicht umfassend in den Blick genommen werden. Im Sinne des nachfolgend noch darzustellenden Erkenntnisinteresses wird der Fokus durchgängig auf die Konstellation mit Benjamin und der Frage nach dem Spannungsverhältnis von Ästhetik und Politik konzentriert bleiben, was notwendig mit einer Selektion der Texte verbunden ist. Zweitens gilt es zu berücksichtigen, dass Friedlaender auch schon vor und abseits der Veröffentlichung seiner Schöpferischen Indifferenz durch einige durchaus einflussreiche Publikationen hervorgetreten ist. Im Umkreis des expressionistischen Zirkels Der Neue Club, in der daraus hervorgegangenen Veranstaltungsreihe Neopathetisches Cabaret sowie in den Zeitschriften Der Sturm und Die Aktion spielte Friedlaender eine diskursprägende Rolle, die auch in der Forschung bereits teilweise wahrgenommen wurde. Allen voran mit seinem 1911 publizierten Buch Friedrich Nietzsche. Eine intellektuale Biographie hat er maßgeblich die frühexpressionistische Nietzsche-Rezeption geprägt.33 Zwar erinnert sich Scholem, dass Benjamin und Friedlaender bereits „seit der Zeit der Neopathetiker bekannt“34 gewesen seien und Benjamin schon damals „öfters recht positiv“35 über Friedlaender gesprochen habe. Wie intensiv Benjamin jedoch die in diesem frühexpressionistischen Kontext zirkulierenden Texte Friedlaenders wahrgenommen und rezipiert hat, kann nur vermutet werden.36 Sicher ist nur, dass Benjamin durchaus in kritischer Distanz zum Expressionismus und dessen „weit eher pathologisch[er] als kritisch[er]“ (WB VI, 177) Reaktion auf die Zeit stand.37 Für die nachfolgende Untersuchung stellt sich daher auch ganz grundsätzlich die Frage, wie sich überhaupt das Werk des Philosophen und Grotesken-Schriftstellers, der sich selbst als eine „gewisse Synthese aus Kant und Clown“ (F/M 25, 172) bezeichnet hat, zu Benjamins politischem Schreiben verhält, das sich seit Mitte der 1920er Jahre an marxistischer Theorie schärft.38
Wollte man jedoch vor allem eine solche (ideologische oder ästhetische) Kluft betonen, bliebe die Bedeutung Friedlaenders für Benjamin tatsächlich eine Marginalie und die Idee der ‚schöpferischen Indifferenz‘ würde sich auf den Status eines produktiv entwendeten Stichwortes reduzieren.39 Um auch andere Formen des Bezugs zwischen Benjamin und Friedlaender in den Blick zu bekommen, wird die Aufgabe der vorliegenden Arbeit darin bestehen, unterschiedliche Modi und Grade der intertextuellen Bezüglichkeit zwischen Benjamin und Friedlaender zu differenzieren. Dabei laufen diese intertextuellen und kontextuellen Lektüren jedoch keineswegs darauf hinaus, Benjamin in diesen Kontexten aufgehen zu lassen. Die notwendige detaillierte philologische Rekonstruktion und die Öffnung der Texte Benjamins auf ihre disparaten, stetig im Wandel befindlichen Kontexte schließt keineswegs aus, zugleich auch ein systematisches Interesse zu verfolgen und diese konkreten Kontexte auf werkimmanente Konsequenzen hin zu befragen. Uwe Steiner hat in diesem Sinne und anlässlich des 100. Geburtstages Walter Benjamins resümiert, dass sich die verschiedenen (methodischen und theoretischen) Herangehensweisen an die Texte und Schreibweisen Benjamins nicht widersprechen müssen: „In dem Bemühen um eine kohärente, seine zentralen Themen integrierende Lektüre des Werkes und in der in einer Vielzahl von Studien dokumentierten Absicht, Benjamin im Kontext (Burkhardt Lindner) zu lesen, zeichnen sich zwei einander ergänzende Wege ab […].“40
Diese sich ergänzenden Perspektiven markieren den doppelten Einsatzpunkt der vorliegenden Arbeit: Zwischen kontextueller Lektüre und systematischem Interesse lässt sich in der Konstellation ‚Benjamin – Friedlaender‘ ein bemerkenswerter ‚intertextueller Resonanzraum‘ zu Tage fördern, der sowohl ganz konkrete ‚Einflüsse‘ vor allem im Umfeld von Benjamins erster systematischer Arbeit an einer größeren Schrift zur Politik zwischen 1918 und 1923 umfasst als auch auffallende erkenntnistheoretische Korrespondenzen und methodische Interferenzen bis hinein in die produktive Auseinandersetzung mit Friedlaenders Polaritätsphilosophie der Schöpferischen Indifferenz in Benjamins späteren Arbeiten bereithält. Mit dem Begriff des ‚intertextuellen Resonanzraums‘ ist an dieser Stelle jedoch noch kein konkreter methodischer Zugang benannt. Es handelt sich hier zunächst um eine provisorische Bezeichnung, denn die Aufgabe der vorliegenden Arbeit wird darin bestehen, die konkreten Beziehungsformen allererst sukzessive zu entfalten und in ihren unterschiedlichen Intensitätsgraden zu differenzieren. Dabei bilden die einflussphilologische Fragestellung auf der einen Seite und der Begriff der „Entwendung“41, den Burkhardt Lindner für Benjamins spezifischen Umgang mit anderen Texten geprägt hat, auf der anderen Seite gewissermaßen die extremen Pole dieses Untersuchungsfeldes, das konkrete intertextuelle Bezugnahmen, intellektuelle Nachbarschaftsverhältnisse und ferne theoretische Echos gleichermaßen umfasst. Ob Benjamin dann tatsächlich nicht nur „25 Jahre lang ein intensiver und origineller Leser F[riedlaender]/M[ynona]s“42 war, sondern es darüber hinaus auch eine „Tendenz“ bei ihm gibt, Friedlaender „nicht zu zitieren, aber von ihm zu zehren“43, wie Detlef Thiel behauptet, lässt sich nur vor dem Hintergrund der konkreten Berührungspunkte, intertextuellen Beziehungsgeflechte sowie den näher zu verfolgenden theoretischen und darstellungspraktischen Korrespondenzen klären.
3 Die erkenntnisleitenden Vergleichsperspektiven
Benjamins Entdeckung des Philosophen und Schriftstellers Friedlaender vollzieht sich gewissermaßen in zwei Etappen. Noch bevor sich Benjamin mit dem Philosophen Friedlaender zu beschäftigen begann, kam er mit dem Grotesken-Schriftsteller Mynona in Berührung. Gershom Scholem, der Mynonas 1913 veröffentlichte Grotesken-Sammlung Rosa, die schöne Schutzmannsfrau als „unübertroffene[s] Werk dieser Gattung“44 bezeichnet, berichtet, dass Benjamin sich dann allerdings schnell auch für „[d]ie philosophischen Hintergründe dieser Geschichten“45 zu interessieren begann. Benjamin hat somit wohl schon sehr früh den doppelten Schreibimpuls des „ernsthafte[n] Philosoph[en] und Humorist[en] in Personal-Union“ (F/M 26, 461) registriert, der seinen Schreibstil explizit auf dieses Wechselspiel zwischen polaritätsphilosophischer Denkarbeit und literarischer Schreibweise verpflichtet hat. In einem Brief an seinen Schwager, dem Rabbiner Salomon Samuel, führt Friedlaender zu der schwierigen Rezeption seiner Schriften aus:
„Es liegt wohl auch an mir, am Stil, da ich in ihm Theorie, Kunst, Praxis nicht trenne und Philosophie nicht nur wissenschaftlich, sondern immer lebendig betreibe. Wiederum ist für Laien daher mein Stil zu abstrakt. Mein Ideal ist immer die Formulierung, die das Intellektuelle, das Sinnliche, das Ästhetische zusammen bringt. Da nun die meisten Leute Spezialisten sind, werden sie dadurch verwirrt, und ich mache es Niemandem recht […].“ (F/M 29, 401)
Anhand dieser Selbstbeschreibung lässt sich ein erster grundsätzlicher Berührungspunkt zwischen Benjamin und Friedlaender anzeigen. Denn Benjamins besonderes Interesse an diesem ‚grenzgängerischen Schreibstil‘ dürfte sich gleichermaßen aus seinen ästhetiktheoretischen Überlegungen begründen, die unter den erkenntnistheoretischen Vorzeichen einer „Zertrümmerung der Lehre vom Gebietscharakter der Kunst“ (WB VI, 218f.) stehen, als auch aus seiner eigenen erkenntnistheoretisch begründeten Affinität für eine Schreibweise, die ästhetische Darstellungsprinzipien und nicht-propositionale Aussageformen zum konstitutiven Bestandteil philosophischer Denkarbeit macht.46
Friedlaender hat diesen Schreibstil nicht nur praktiziert, sondern eigens zum Gegenstand der Reflexion über das grundsätzliche Verhältnis von sinnlicher und begrifflicher Erkenntnis erhoben. Angelegentlich einer Ausstellung Alfred Kubins im Kunstverein Hamburg 1931 schreibt Friedlaender: „Ohne den philosophischen Geist bleibt der Künstler blind, aber der Philosoph, der die Sinnlichkeit vernachlässigt, ein hohler hegelisierender Abstraktionskopf.“ (F/M 3, 843)47 Offenkundig spielt diese beinahe schon programmatische Formulierung auf die bekannte Formel aus Kants Kritik der reinen Vernunft an: „Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind.“48 Während es Kant um die transzendentallogische Bestimmung der wechselseitigen Abhängigkeit von sinnlicher Anschauung und begrifflicher Verstandestätigkeit geht, übersetzt Friedlaender dieses apriorische Verhältnis in eine aus ästhetischer Bildproduktion und begrifflichem Denkkalkül bestehenden Schreibpraxis, bei der die Namen Friedlaender und Mynona zwei wechselseitig aufeinander angewiesene Sprechpositionen bezeichnen. Und während bei Kant die genannte Wechselbeziehung von Anschauung und Begriff auf die Idee einer ‚Vereinigung‘49 zuläuft, besteht Friedlaender indes viel stärker auf die Spannung als solche, die er aktiv hervorzutreiben sucht und an der sich sein Schreiben entzündet.
Anders auch als der Kant-Leser Friedrich Schiller, auf den er sich immer wieder einmal beruft, sieht Friedlaender in dieser doppelten Schreibweise keine problematische „Zwitter-Art“50. Wo Schiller das ‚Schweben‘ „zwischen dem Begriff und der Anschauung, zwischen der Regel und der Empfindung, zwischen dem technischen Kopf und dem Genie“51 als synkretistische Gefahr wahrnimmt,52 insistiert Friedlaender gerade auf diesen Schwebezustand zwischen Philosophie und Dichtung als Ort produktiver Spannungsbeziehungen: „Mynona war und ist ein wohlthuendes Gegengewicht gegen den Verfasser der Schöpferischen Indifferenz, die Zerstreuung zu dieser Anspannung […].“ (F/M 24, 631) In dieser Selbstbeschreibung verweist Friedlaender zugleich auf das zentrale Moment seiner Philosophie und Dichtung. Denn Anspannung und Zerstreuung, Attraktion und Repulsion (Kant), Systole und Diastole (Goethe) bilden jene gegenstrebigen und dennoch konstitutiv aufeinander bezogenen Begriffspaare, zwischen den sich ein dynamischer Motiv- und Denkraum aufspannt, den Friedlaender unter dem Begriff der Polarität zum Zentrum seines Philosophie- und Schreibprojektes machen wird. In einem späten Brief resümiert er über dieses Spannungsverhältnis von ästhetischer Darstellung und philosophischer Begriffsarbeit: „Schon in meinen grünsten Jahren fiel mir ‚Polarität‘ als die beste Vermittlung zwischen Intellekt und Sinnlichkeit auf.“ (F/M 30, 546) Sinnlichkeit und Verstand, Anschauung und Denken, Bild und Begriff sind damit zwei Ausdrucksweisen, die bei Friedlaender gerade in ihrer polaren Spannung zueinander ihr Erkenntnispotential entfalten.
Dass gerade die polare Spannung aus Bilddenken und Begriffsarbeit auch einschlägig für Benjamins Schreib- und Darstellungsweise ist, wurde bereits in mehreren Studien und aus verschiedenen Perspektiven intensiv erforscht. So hat Sigrid Weigel Benjamins theoretische Schreibweise grundsätzlich von dem „Feld seines Bilddenkens, das die spezifische Praxis seiner Theoriebildung profiliert“53, bestimmt und das Benjaminsche ‚Denkbild‘ als das erkenntnistheoretische ‚Dritte‘ „jenseits des Gegensatzes von poetischer Sprache und philosophischem Diskurs“54 beschrieben. Dass sich Benjamins Bilddenken vor allem hinsichtlich seiner geschichtsphilosophischen Polarisierung etwa von Mythos und Aufklärung, Natur und Geschichte oder Magie und Wissenschaft nicht bloß in einem abstrakten Theoriezusammenhang artikuliert, sondern im Zusammenhang mit virulenten zeithistorischen Fragestellungen und konkreten intellektuellen Beziehungen steht, hat Cornelia Zumbusch anhand des Denkraums dargelegt, der sich zwischen Benjamin und Aby Warburg aufspannt. Zumbusch hat in ihrer Vergleichsstudie über die methodischen Voraussetzungen von Aby Warburgs ‚Mnemosyne-Atlas‘ und Benjamins ‚Passagenwerk‘ gezeigt, dass Benjamin im dialektischen Bild eine symbolische Erkenntnisform entwickelt, die weder auf symbolische Präsenz noch auf reine Arbitrarität abgestellt ist, sondern auf „eine dritte Form“55 zwischen diesen beiden Symbolbegriffen zielt. Dabei identifiziert Zumbusch in den „Goethesche[n] Schlüsselbegriffe[n] Polarität und Steigerung“56 das Vorbild des Polaritätsdenkens bei Benjamin und Warburg und bindet die ‚Übernahme‘57 zurück auf den konkreten wissenschaftsgeschichtlichen Kontext der Diskussion um die entstehende ‚Erste Kulturwissenschaft‘, in der die Konstellation zwischen Benjamin und Warburg vor allem an den „Übergängen zwischen Wissenschaft und Kunst, zwischen einer Wissenschaft von den Bildern und einer Wissenschaft in Bildern“58 verortet ist. Heinz Brüggemann wiederum betont anhand von Benjamins frühen Aufzeichnungen und Notizen zur Ästhetik den „Entstehungsprozeß einer Polarität […], die für Benjamin […] als Konstellation von Extremen das Spannungsfeld der ästhetischen Moderne bestimmt.“59
Diese Forschungsarbeiten zeigen, dass polares Denken und Schreiben bei Benjamin auch vor und abseits der intellektuellen Begegnung mit Friedlaender zentral sind.60 Deshalb mag auch Benjamins grundsätzliche Affinität für polare Denkfiguren die naheliegendste Erklärung für die produktive Rezeption der Schriften Friedlaenders sein.61 Nun geht es den nachfolgenden Untersuchungen allerdings weder darum, die bereits intensiv erforschte Spannung aus Bilddenken und Begriffsarbeit als solche in Benjamins Schreibweise nochmals zum zentralen Gegenstand zu machen, noch die verstreuten direkten Verweise auf Friedlaender bürokratisch zu registrieren, um die Forschungsbefunde zu bestätigen. Stattdessen wird der Blickwinkel hier durch die Konstellation mit Friedlaender stärker als bisher auf den zeitdiagnostischen Einsatzpunkt polarer Denkfiguren bei Benjamin verschoben. Damit richtet die Untersuchung ihren Blick zugleich auf die Vorgeschichte von Benjamins spezifischer dialektischer Arbeitsmethode, die er im ‚dialektischen Bild‘ und der Vorstellung von einer ‚Dialektik im Stillstand‘ konzipiert.
Dem ‚dialektischen Bild‘ sowie der ‚Dialektik im Stillstand‘ liegt ein grundsätzliches Denken in polaren Spannungen zugrunde. So betont Benjamin beispielsweise im Konvolut N der Passagen-Aufzeichnungen, dass die dialektische Darstellung der Geschichte historische Tatbestände in eine Vor- und Nachgeschichte polarisiere. (Vgl. WB V.1, 587) Bislang lag der Schwerpunkt der Forschung zu Benjamins dialektischer Methode allerdings meist auf der Frage nach Benjamins spezifischer Auseinandersetzung mit materialistischen Theorien, und hier insbesondere – vermittelt über Georg Lukács – mit Marx (und Hegel). Mit Blick auf Benjamins zeitdiagnostische Funktionalisierung polarer Denkfiguren wählt die vorliegende Untersuchung einen anderen Zugang, indem sie die Perspektive umdreht: Nicht die Hinwendung zu einer materialistisch-dialektischen Position ist ausschlaggebend für sein Denken in Polaritäten. Erst die Bedeutung der Polarität als grundlegende Denkfigur bei Benjamin erklärt seine sehr spezielle materialistisch-dialektische Schreibweise. Dabei finden sich Auseinandersetzungen mit polarem Denken schon sehr früh bei ihm. In einer frühen Debatte mit Martin Buber, in der es um die Frage eines politisch wirksamen Schreibens geht, versucht Benjamin beispielsweise seine eigene Position mithilfe polarer Denkfiguren zu profilieren. (vgl. Kap. 5.3) Die vorliegende Arbeit geht davon aus, dass zur Entwicklung dieses Denkens in Polaritäten ganz wesentlich auch die Beschäftigung mit den Schriften Salomo Friedlaenders gehört. Zudem erprobt Benjamin die zeitdiagnostische Funktionalisierung polarer Denkfiguren häufiger zunächst in kleinen, in der Forschung eher marginalisierten Formen wie den Kritiken und Rezensionen. (vgl. Kap 4). In ihnen experimentiert Benjamin mit den Möglichkeiten einer kritischen Zeitdiagnostik aus polarer Perspektive, die er in seiner ebenfalls auf eine kritische Gegenwartserkenntnis ausgerichteten Geschichtsphilosophie und seinem dialektischen Bilddenken später weiterentwickelt.
Vor diesem Hintergrund ist das Erkenntnisinteresse an der intellektuellen Konstellation zwischen Benjamin und Friedlaender durch zwei grundsätzliche Vergleichsperspektiven bestimmt, die unter unterschiedlichen Gesichtspunkten und hinsichtlich verschiedener konkreter Debattenkonstellationen in allen Kapiteln der Arbeit untersuchungsleitend sind und dabei die eingangs dargelegten Fragen sowohl nach Benjamins ästhetischen Darstellungsverfahren im Spannungsverhältnis zwischen Literatur und Politik als auch nach seiner Reflexion über den eigenen Schreibort als kritischer Intellektueller betreffen. Erstens wird sich die Untersuchung des intertextuellen Bezugsfeldes zwischen Benjamin und Friedlaender in seinen unterschiedlichen Intensitätsgraden dort als besonders produktiv erweisen, wo beide in vergleichbarer Weise polare Denkfiguren in ihren Schreibpraktiken als zeitdiagnostisches Erkenntnismedium einsetzten. Zweitens geht mit diesem zeitdiagnostischen Einsatz bei beiden ein durchgängig zu beobachtendes Interesse an Figuren einher, die auf die latente Position inmitten derjenigen Extreme verweisen, die durch den Einsatz polarer Denkfiguren allererst als Elemente eines Spannungsgefüges inszeniert werden. Das kann die eigene Schreibposition genauso wie den prekären Ort der Gegenwart in ihrem spannungsgeladenen, krisenhaften Status betreffen, auf die unterschiedliche Kräfte einwirken. Beide Aspekte reagieren in Benjamins und Friedlaenders Schriften permanent aufeinander, sollen aber hier einleitend getrennt voneinander skizziert werden.
3.1 Zeitdiagnostische Funktionalisierung polarer Denkfiguren
Mit der Untersuchung der vielfältigen Funktionalisierungsformen polarer Denkfiguren lässt sich nicht nur Benjamins grundsätzliche Affinität für polares Bezüglichkeitsdenken verdichtend beschreiben. Mehr noch kann Benjamins Denken des Politischen und seine eigene Standortbestimmung konstitutiv von der ästhetischen Darstellungslogik des Polaren her bestimmt werden. Benjamin und Friedlaender mobilisieren in vergleichbarer Weise polare Denkfiguren als ästhetisches Darstellungsprinzip in ihren zeitdiagnostischen und -kritischen Schreibprojekten, um sowohl die politischen Krisensymptome, philosophischen Problemstellungen und kulturellen sowie medientechnischen Umbrüche des beginnenden 20. Jahrhunderts auf ihren Begriff zu bringen als auch die darin latent angelegten messianischen Energien, politischen Hoffnungen und kritischen Interventionsmöglichkeiten des Intellektuellen zum Ausdruck zu bringen. Mit dieser gleichermaßen philologischen und systematischen Perspektive zeigt sich, wie Benjamins erkenntniskritisch und ästhetisch orientierte Standortbestimmung entlang des Rückgriffes auf polare Denkfiguren eine kritische Theoriearbeit am Politischen der Literatur und des kritischen Intellektuellen inmitten der Extreme generiert. Ein Ziel der Arbeit ist es daher, den spezifischen Denkraum in der Konstellation zwischen Benjamin und Friedlaender am Maßstab des erkenntniskritischen Einsatzes polarer Denkfiguren für ihre zeitdiagnostischen wie politischen Schreibweisen auszumessen.
Bei Friedlaender ergibt sich dieses besondere Interesse für polare Spannungsbeziehungen unmittelbar aus dem Grundgedanken seines ‚Hauptwerkes‘62 Schöpferische Indifferenz: „Das allerallgemeinste Merkmal jedes irgend möglichen Phänomens ist der Unterschied, die Differenz, welche bis in Extreme gehen kann.“ (F/M 10, 98) Friedlaenders erkenntniskritische und darstellungsästhetische „polare Perspektive“ (ebd., 433) zielt darauf, aus den unterschiedlichen gesellschaftlichen, politischen, ästhetischen Zeitfragen und Krisensymptomen Konfliktlinien und Problemstellungen herauszuarbeiten, die gerade in ihren extremen Ausprägungen einen zeitdiagnostischen und -kritischen Erkenntniswert erhalten. Damit versucht die Arbeit gerade diejenigen theoretischen Überlegungen zu einer kritischen Gegenwartserkenntnis bei Friedlaender herauszuarbeiten, die bisher kaum untersucht worden sind.63
Die Problemzusammenhänge und Krisenbeschreibungen ergeben sich aus den konkreten Spannungsverhältnissen der eigenen Gegenwart. Für den kritischen Intellektuellen sind sie von besonderer Bedeutung in dem Moment, wo er die politischen Dynamiken und Tendenzen dieser Spannungsverhältnisse kritisch zu beobachten strebt und sie auf den Begriff zu bringen versucht. Allen voran sind damit die politische Polarisierung in extreme Parteien und Ideologien in den Krisenjahren der Weimarer Republik 1923 und ab 1929 und die damit zusammenhängenden ökonomischen Krisen und Verwerfungen gemeint. Die Spannungen betreffen aber auch ganz grundlegend die unterschiedlichsten politischen, sozialen, technischen und epistemischen Umbrüche zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Die Spannung zwischen einem ungebrochenen wissenschaftlich-technischen Fortschritt und einer anhaltenden Grundlagenkrise der Wissenschaften; die Spannung zwischen einer demokratischen Gesellschaftsordnung und den mannigfaltigen Restbeständen monarchistisch-wilhelminischer Einstellungen, Ideale und Verhaltensformen; die Spannung zwischen dem Ideal bürgerlicher Individualität und den neuen Massenphänomenen in allen gesellschaftlichen und kulturellen Bereichen; die Spannung zwischen ‚klassischen‘ intellektuellen Ausdrucksmedien (Buch, Zeitung) und der zunehmenden Bedeutung neuer Medien (Rundfunk, Film); die Spannung zwischen der literarischen und philosophischen Tradition und der Notwendigkeit, neue kritische Denkmodelle und ästhetische Beschreibungsformen für die unterschiedlichen gesellschaftlichen, ökonomischen und technischen Veränderungen der Zeit entwickeln zu müssen; die Spannung zwischen der Idee eines ungebundenen, engagierten Schreibens inmitten dieser Veränderungen und der prekären ökonomischen Lage der „freischwebende[n] Intelligenz“64 vor allem auf dem literarischen Büchermarkt und inmitten der neuen Medienkonkurrenz. Friedlaender zielt jedoch nicht darauf, nur extreme Ausprägungen der Zeit als solche zu beschreiben, sondern den prekären und krisenhaften Status von Gegenwart als Produkt des Aufeinandertreffens solcher Spannungen in den Blick zu bekommen. Denn, so Friedlaender weiter, „[o]hne Gegenseitigkeit fehlt den Extremen (Polen) aller Zusammenhang.“ (F/M 10, 143)
Friedlaenders Anstrengung, als „kritische[r] Kommentator seiner Zeit“65 polare Denkfiguren als kritisches Instrument der Zeitanalyse einzusetzen, korrespondiert mit einem vergleichbaren Darstellungsverfahren, das bei Benjamin an unterschiedlichen Stellen zu beobachten ist. Denn auch bei Benjamin entzündet sich gerade am Einsatz polarer Denkfiguren der immer wieder neu einsetzende Versuch, sowohl die politische und ästhetische Signatur der Zeit als auch die eigene Schreibposition inmitten der polaren Spannungsbeziehungen erkenn- und darstellbar zu machen. In seinen Arbeiten bemüht Benjamin für diese differenziellen Bezüglichkeitsformen einen vielfältigen Imaginationsraum polarer Denkfiguren, der u.a. das Verhältnis von Bild und Begriff, Geschichte und Gegenwart oder politischer und literarischer Tendenz betrifft. Im Kunstwerk-Aufsatz spricht er von einem „gewisse[n] Oszillieren zwischen den beiden polaren Rezeptionsarten“ (WB I.2, 483) „Kultwert“ und „Ausstellungswert“ (ebd., 482); für seinen auf dem Begriff des Ursprungs statt auf linearen Entwicklungslogiken basierenden Geschichtsbegriff spricht er von der „fruchtbaren Polarität“ zwischen „Geschichtliche[m]“ und „Politsche[m]“ (WB VI, 443); gegenüber Adornos Insistieren auf dialektische Vermittlung seiner ‚Urgeschichte der Moderne‘ setzt er – möglicherweise in der Tradition herakliteischen Polaritätsdenkens – das Bild von einem Bogen ein, der gespannt werden müsse, um die Dialektik zu bezwingen (vgl. Br V, 145);66 seine frühen sprachphilosophischen Überlegungen aufgreifend, verpflichtet er das Verhältnis zwischen Schreiben und Politik auf die Reflexion der „Polarität aller sprachlichen Wesenheit: Ausdruck und Mitteilung zugleich zu sein“ (WB VI, 331); im ‚Passagen-Werk‘ benutzt er wiederum den „apoll<i>nischen Schnitt“ (WB V.1, 588) für die Polarität von Vor- und Nachgeschichte und ruft damit (möglicherweise) den maßästhetischen Motivraum der proportio divina auf.67
Diese vergleichbare Affinität für polare Denkfiguren bei Benjamin und Friedlaender ist in den einzelnen Untersuchungsteilen zurück zu beziehen auf den auch historisch zu beobachtenden problematischen Status polarer Denkfiguren als zeitdiagnostisches Erkenntnismedium. Das betrifft insbesondere die von beiden favorisierte Schreibweise im Spannungsfeld aus Bilddenken und Begriffsarbeit. Bei Nietzsche klingt dieses Problem bereits an: In seiner Darstellung von Heraklits dynamischer ‚Philosophie des Werdens‘ spricht Nietzsche explizit von der „Form der Polarität“68 und rekurriert damit auf den erkenntnistheoretischen Schwebezustand dieser „Form“ zwischen Bildlichkeit und Begrifflichkeit, den er in Heraklits Fragmenten erstmals und für das abendländische Denken in paradigmatischer Weise formuliert findet. Denn bezeichnenderweise artikuliert sich bereits im berühmten 52. Fragment des Heraklit der allen späteren Diskursen über Polarität zugrundeliegende Grundgedanke in einer bildlichen Analogie: „Sie verstehen nicht, wie es auseinander getragen mit sich selbst im Sinne zusammengeht: gegenstrebige Vereinigung wie die des Bogens und der Leier.“69 Dieses Changieren polarer Denkfiguren zwischen begrifflicher und bildlicher Erkenntnisform ist auch bei Benjamin und Friedlaender stets präsent, so dass die Problematisierung gesellschaftlicher, politischer und ästhetischer Zeittendenzen in polaren Denkfiguren stets mit der Problematisierung dieser Denkfiguren selbst einhergeht. Anders formuliert: Die erkenntnistheoretische Uneindeutigkeit zwischen begrifflicher Explikation und einem vielfältigen Imaginationsraum polarer Denkfiguren hält bei beiden stets die Frage präsent, inwiefern Polarität für eine Erfahrung der Gegenwart funktional eingesetzt werden kann. Die erkenntniskritische Aufgabe, die beide formulieren, besteht somit in der wiederkehrenden Prüfung der Möglichkeiten und Grenzen des Einsatzes polarer Denkfiguren, zu der Friedlaender schreibt: „Polarität ist keine auf eine vorhandene Empirie anwendbare Formel, sondern sie erschafft allererst Empirie; es ist eine schöpferische ‚Anwendung‘.“ (F/M 10, 524) Mit diesem gleichermaßen (erkenntnistheoretisch) problematischen wie (darstellungsästhetisch) ‚schöpferischen‘ Anwendungscharakter wird der Blick auf den Einsatz jener Denkbilder – Spannungsbogen, Schwebezustand, Kraftfelder, Oszillation – gelenkt, die den neuralgischen Punkt für die Frage nach dem erkenntniskritischen Potential anzeigen. In der konkreten Schreibpraxis und der ästhetischen Realisierung polarer Spannungsgefüge muss sich die Möglichkeit des Einsatzes polarer Denkfiguren für veränderte Wahrnehmungsweisen ästhetischer und politischer Zusammenhänge stets erneut erproben. Denn Polarität sei letztlich, so Friedlaender weiter, ein „heuristische[s], konstitutive[s], regulative[s] Prinzip“, das in „ungezählten Variationen“ (F/M 10, 232) immer erneut die Frage der polaren Bezüglichkeit zwischen verschiedenen Phänomenen auf den Prüfstand stellt. Diese probende Schreibpraxis in polaren Denkfiguren und die erkenntniskritische Reflexion über polare Denkfiguren gilt es an verschiedenen Texten von Benjamin und Friedlaender vergleichend zu untersuchen.
3.2 Latente Figuren des Inmitten der Extreme
Um den zweiten Vergleichspunkt kenntlich zu machen, muss kurz auf Friedlaenders ‚Konzept der Indifferenz‘ eingegangen werden. Die zentrale Bedeutung des Begriffs der Indifferenz wird bereits im Titel von Friedlaenders Hauptwerk Schöpferische Indifferenz deutlich. In einem kurzen autobiographischen Text, der 1921 in der Frankfurter Zeitung erschien, und in dem er seinen intellektuellen Werdegang resümiert, schreibt Friedlaender zu dieser zentralen Stellung der Indifferenz:
„Mein Hauptaugenmerk aber richtete ich auf die Indifferenz dieser Pole, auf das innerste Selbst, welches sich dermaßen polar als Welt äußert. Indem ich, durch einen rein geistigen Akt, mich nicht mehr mit meinem Menschen, sondern mit jener Indifferenz identifizierte, gewann ich in der Folge die Freiheit wieder.“ (F/M 3, 704)
Die Freiheit dieser Indifferenz, von der Friedlaender spricht, ist weder der antiken Tradition einer epikureischen Ataraxie oder stoischen Apathie verpflichtet noch als prototypische Vorwegnahme postmoderner ‚Gleich-gültigkeit‘ lesbar: „Wie viele sind dieser sehr flachen Ansicht, Indifferenz habe nichts zu tun, sei leblos.“ (F/M 10, 131) Friedlaender bestimmt die Indifferenz stattdessen von ihrer erkenntnistheoretischen Funktion aus als Voraussetzung für den Blick auf die Extreme.
Im Anschluss an Kant bildet die Indifferenz gewissermaßen das erkenntnistheoretische und wahrnehmungsästhetische Reflexionszentrum für die Bedingungen der Möglichkeit polarer Erkenntnis. Zunächst sind es die konventionellen erkenntniskritischen Oppositionen wie Sinnlichkeit und Intelligibilität oder Anschauung und Begriff, auf die Friedlaender mit dem Begriff der Indifferenz reagiert. Anders jedoch als Kants Versuche der Synthese wird die Indifferenz als merkmalloses Moment der Unterscheidung zu einem latenten ‚Dritten‘ polarer Differenzbildungen. Erst durch die Bestimmung einer invarianten, von allen Differenzen freien Perspektive lassen sich, so Friedlaenders Grundüberlegung, polare Differenzen herstellen. Zugleich wird die Indifferenz als ‚schöpferisch‘ qualifiziert, was allerdings nicht auf die Vorstellung von einer souveränen creatio ex nihilo zurückgebunden ist. Denn erst durch die Produktion extremer Polaritäten soll die Indifferenz selbst beschreibbar sein: „[…] ohne Äußerung ist das innere Prinzip funktionslos; und obgleich die Äußerung das differenziert, was an sich keine Differenz kennt, so ist eben dieses doch ohne Äußerung so gut wie gar nichts.“ (ebd., 275) Die Indifferenz konstruiert damit zum einen eine polare Perspektive, ist zum anderen aber nur durch diese Extreme hindurch selbst als solche erkennbar. Das weist auf ihren eigenen prekären Ort inmitten der Extreme.
Benjamin beruft sich an unterschiedlichen Stellen auf die ‚schöpferische Indifferenz‘ und dürfte Friedlaenders spezifische Charakterisierung der Indifferenz vor allem als Gegenmodell zu einem ‚absoluten Indifferenzpunkt‘ wahrgenommen haben. Diesen ‚absoluten Indifferenzpunkt‘ hatte Benjamin als den souveränen ‚Entspringungsort‘ des Denkens und Selbstbewusstseins bei Fichte und den Frühromantikern in seiner Dissertation über den frühromantischen Begriff der Kunstkritik nicht nur als deren „bestimmte[…] Eigentümlichkeit im Reflexionssystem selbst“ (WB I.1, 38) bezeichnet, sondern zugleich auch hinsichtlich des daraus resultierenden „radikalen mystischen Formalismus“ (ebd., 21) in seiner Geltung für einen gegenwärtigen Kritikbegriff problematisiert.70
Während also Friedlaenders auf den ersten Blick paradox erscheinende Doppelcharakterisierung der Indifferenz – sie soll einerseits zwar Erkenntnisvoraussetzung polarer Spannung sein, andererseits geht sie der polaren Differenzierung aber nicht als souveräne Erkenntnisposition voraus – weder in direkter Tradition zu antiken Lebensführungskonzepten steht noch unmittelbar vom frühromantischen Reflexionsbegriff zu denken ist, lässt sich seine Konzeption an einen anderen Debattenzusammenhang anschließen: Bei genauerer Betrachtung der zahlreichen Beschreibungs- und Definitionsversuche erfüllt Friedlaenders Indifferenz auf spezifische Weise jene beiden Kriterien von modernen ‚Figuren des Dritten‘, die eine kulturwissenschaftliche Forschung in den letzten Jahren intensiv erforscht hat. Das erste Kriterium hat Albrecht Koschorke als ein Kriterium der Problematisierung von binären Unterscheidungen bezeichnet. Denn ‚Figuren des Dritten‘ entstehen differenztheoretisch betrachtet immer dann, „wenn intellektuelle Operationen nicht mehr bloß zwischen den beiden Seiten einer Unterscheidung oszillieren, sondern die Unterscheidung als solche zum Gegenstand und Problem wird.“71 Dass die erkenntnistheoretische Frage nach den Möglichkeiten und Grenzen einer polarer Differenzierung zum wesentlichen Faktor des zeitdiagnostischen Einsatzes polarer Denkfiguren in der Konstellation zwischen Benjamin und Friedlaender wird, wurde bereits im Zusammenhang mit der ersten Vergleichsperspektive dargelegt. Zu der differenztheoretischen Problematisierung grundlegender Unterscheidungsoperationen, die ‚Figuren des Dritten‘ auf den Plan ruft, tritt dann ein zweites Kriterium hinzu, das den ontologischen Status dieser Figuren selbst betrifft. Es besteht darin, dass diese Figur
„[…] keine eigene Position innehat, aber die Positionen auf beiden Seiten der Unterbrechung ins Verhältnis setzt, indem sie sie zugleich verbindet und trennt: ein Drittes, das binäre Codierungen allererst möglich macht, während es selbst als konstituierender Mechanismus gewöhnlich im Verborgenen bleibt.“72
Friedlaenders Indifferenz erfüllt auch dieses zweite Kriterium. Sie ist – als gleichermaßen erkenntniskritische Voraussetzung und Problematisierung polarer Differenzierungen – selbst „nichts Demonstrables“ (F/M 10, 106), „gar nichts Objektives“ (ebd., 107), kommt selbst „nicht zur Erscheinung“ (ebd., 99), sondern bleibt verborgen: „individuum ineffabile“ (ebd., 126). Daher versteht Friedlaender unter Indifferenz auch keine Person, kein individuelles Subjekt, „kein Mensch, sondern das Prinzip aller Unterscheidung“ (ebd., 379). In Absetzung von klassischen modernen Subjektbegriffen sowie souveränen Autorschaftskonzepten besteht Friedlaenders Schöpferische Indifferenz in dem in immer neuen Anläufen vorgetragenen Versuch, diesen prekären Ort der Indifferenz als Schauplatz seiner eigenen kritischen Schreibexperimente zwischen den Extremen zu profilieren. Angelehnt an Nietzsche wird Friedlaender dieses ‚Verborgene‘ der Indifferenz als ein Spiel mit Masken vorführen. In einer Groteske von 1922 formuliert Friedlaender gewissermaßen programmatisch seinen Schreibstil: „Prof. Friedlaender hat einen ungeheuren Zulauf; er hat ein Maskenverleihinstitut […].“ (F/M 7, 606) Und an anderer Stelle führt Friedlaender aus, dass er gerade vom „Erlebnis Nietzsche […] unter dem Namen Mynona ein Lachkabinett auf[schloß]“ (F/M 10, 503).73 Hier ergibt sich ein weiterer wesentlicher Vergleichspunkt, der in den Untersuchungen aufgegriffen wird: In Benjamins Vorstellung von einer „Kunst, ohne Anführungszeichen zu zitieren“ (WB V.1, 572) und Friedlaenders ‚Schreiben in Masken‘ begegnen sich zwei Schreibprojekte, für die der Dialog mit anderen Texten genauso wie ihre spezifischen Verwertungspraktiken konstitutiv sind.
Hinsichtlich der beiden genannten Kriterien ist die Indifferenz durchaus mit anderen ‚Figuren des Dritten‘74, die im 20. Jahrhundert auftauchen, vergleichbar. Auch Friedlaenders Indifferenz ist nicht mehr im klassischen Sinne als Figur eines Übergangs in einem auf binäre Oppositionen abgestellten Denkverfahrens konzipiert, sondern wird zu einer eigenständigen Größe. Sie vermittelt nicht Gegensätze, Dualismen, Oppositionspaare, sondern problematisiert sie in ihren Spannungen zueinander. Jedoch ist sie von solchen ‚Figuren des Dritten‘ abzuheben oder zumindest dahingehend zu spezifizieren, dass ihr ‚Verborgenen-Sein‘ eigentlich als ‚Status des latenten Inmitten‘ charakterisiert werden muss. Denn schließlich eignet der ‚schöpferischen Indifferenz‘ – im Gegensatz eben zu einem souveränen Schöpfungsakt – paradoxerweise eine konstitutive Nachträglichkeit: Die „labyrinthischen Möglichkeiten seiner Latenz“ (F/M 10, 168) erfährt das ‚Schöpferische‘ erst im Akt der Herstellung polarer Bezugsformen. Erst zwischen den Extremen wird die „indifferente Latenz“ (ebd., 135) als prekärer Ort des Inmitten ersichtlich. Damit problematisiert Friedlaender aber nicht nur binäre Unterscheidungsoperationen, wie es für ‚Figuren des Dritten‘ allgemein charakteristisch ist, sondern zugleich die Latenz der eigenen Indifferenz als eine prekäre Mitte: „Der ideale Fall liegt also gar nicht im Extrem, sondern inmitten“ (ebd., 135), schreibt Friedlaender hierzu. Dieser ‚Idealfall‘ des Inmitten bleibt allerdings permanent in der Schwebe. Dieses Schweben, das Friedlaender in unzähligen Varianten beschreibt, lässt die ‚schöpferische Indifferenz‘ zugleich als eigenwillige Ausprägung moderner Balancefiguren erscheinen. Moderne Formen äquilibristischer Lebensführung zeichnen sich durch einen „beständig aufgeschobenen Gleichgewichtsverlust“75 aus, den Schopenhauer als „‚ein stets gehemmtes Fallen‘“76 bezeichnet hat. Friedlaender unterlegt dieses Bild Schopenhauers, von dem auszugehen ist, dass er es spätestens seit seiner Doktorarbeit über Schopenhauer und Kant gekannt haben dürfte, mit einer spezifischen Deutung:
Der ‚Schwerpunkt‘ enthält bekanntlich das ganze Geheimnis des Gleichgewichts. Aber schon der Ausdruck ‚Schwerpunkt‘ ist irreführend; es ist vielmehr eine ganz indifferente, zentrale, neutrale Bestimmung. […] [E]r ‚steht‘ nirgends, hängt nirgends ab; schwebt wesentlich zwischen Extremen, welche ihn mit Sturz nach entgegengesetzter Richtung bedrohen. Er würde wirklich, wie er es scheinbar tut, stürzen, wenn nicht der Allerweltsschwerpunkt, die ewig indifferente Persönlichkeit ihm die Mitte zum Zwang machte. Daher ist aller Sturz kein Sturz aus dem Gleichgewicht, bloß der aus einem ins andre. […] Bloß die persönlich hergestellte Mitte ist echte, schwebende Mitte […].“ (ebd., 336)
Dieses Gleichgewicht ist weder prästabiliert noch letztgültig zu erreichen, sondern bleibt die Aufgabe einer „Kultivierung in jedem Augenblicke“ (ebd., 131), mithin „ewige Balancierübung“ (ebd., 183), da sie sich stets erneut mit den Extremen auseinanderzusetzen hat. In einer paradoxen Wendung nennt Friedlaender diesen Ort inmitten der Extreme auch einen „harmonische[n] Zwiespalt“ (ebd., 101), der nicht von einer maßästhetischen Harmonie- und Proportionslehre her gedacht ist. Im Gegenteil: „schweben lernen“ (ebd., 151), so lautet die programmatische Devise der ‚schöpferischen Indifferenz‘, die ihr eigenes Zentrum allerdings immer wieder verfehlt: „Wie aber soll sich der Kreis einstellen, wenn sein Zentrum verfehlt wird?“ (F/M 18, 88) Vor diesem Hintergrund hat der expressionistische Dichter Walter Rheiner in einer Rezension Friedlaenders Schöpferische Indifferenz als „Versuch einer Revolutionierung des menschlichen Denkens, des menschlichen Seins“77 charakterisiert. Detlef Thiel wiederum bezeichnet sie auch als „polaristische Fundamentalethik“78.
Die näheren Angaben zu Friedlaenders Überlegungen zeigen, dass seine Idee von einer ‚schöpferischen Indifferenz‘ je nach Kontext als subjektphilosophische Reflexion, kritisches Autorschaftsmodell, ästhetische Wahrnehmungskonfiguration, äquilibristisches Lebensführungskonzept oder ethische Handlungsmaxime lesbar ist. Benjamins Interesse für diese latente Figur der Indifferenz resultiert indes vor allem aus zwei zusammenhängenden Themenkomplexen. Zum einen betrifft es Benjamins Bemühen um eine erkenntniskritische Position, bei der Literatur und Politik weder zusammenfallen noch ineinander aufgehen. Im Spannungsfeld zwischen den Extremen von einerseits einer materialistischen Parteiliteratur, deren objektivistischer Anspruch von Georg Lukács 1932 programmatisch unter dem Titel der „Parteilichkeit“ formuliert wurde,79 und andererseits einer Vermischung der Grenzen zwischen Leben und Dichtung in avantgardistischen Ästhetiken bzw. einer Ästhetisierung des Lebens (etwa in den Dichtungen des George-Kreises) erprobt Benjamin mit Hilfe polarer Denkfiguren vielmehr Schreib- und Darstellungsweisen, in denen Politik und Literatur in ihrer produktiven Spannungsbeziehung zueinander erkennbar werden und die Grenze zwischen beiden Seiten die conditio sine qua non von Verhältnisbestimmungen bleibt.
Vor diesem Hintergrund perspektiviert Benjamin die Grenze vor allem in seinen frühen ästhetischen Schriften immer wieder als eine prekäre Mitte zwischen zwei Polen: als das „Gedichtete“ im Hölderlin-Aufsatz, das als „Grenzbegriff in doppelter Hinsicht“ (WB II.1, 106) einerseits Inhalt und Form, Geistiges und Anschauliches, Leben und Dichtung voneinander trennt und andererseits zugleich auch die „Mannigfaltigkeit der Verbindungsmöglichkeiten“ (ebd.) zwischen beiden Seiten ermöglicht; oder als das „Ausdruckslose“ in Goethes Wahlverwandtschaften, das als die „Grenze“ (WB I.1, 182) zwischen Schein und Sein der Schönheit „mitteninne gestellt“ (ebd., 186) ist, mithin die „Mitte der Dichtung“ (ebd.) bezeichnet. Den programmatischen Hintergrund dieses besonderen Interesses an latenten Figuren der Mitte bilden wiederum Benjamins sprachkritischen Überlegungen zur Sprache als Medium einer „Mitteilbarkeit schlechthin“ (WB II.1, 145f.), die in seinem frühen Aufsatz Über Sprache überhaupt und über die Sprache des Menschen vor allem auf das Spannungsverhältnis von geistigem und sprachlichem Wesen bezogen ist und später dann im Rahmen von Debatten über die politische Wirksamkeit von Literatur explizit auf die problematische „Polarität aller sprachlichen Wesen: Ausdruck und Mitteilung zugleich zu sein“ (WB VI, 331), bezogen wird.
Diese Beispiele zeigen, dass Benjamins Affinität für den Einsatz polarer Denkfiguren zugleich an ein besonderes Interesse an Figuren der Mitte, der Grenze bzw. ‚Schwellen‘80 gebunden ist. Die latente Mitte als eine mediale Grenze zwischen den Polen wird bei Benjamin zudem häufig mit einem ‚Unaussprechbaren‘ assoziiert, was wiederum einen Vergleich mit Friedlaender erlaubt, der zur Indifferenz schreibt: „Vor allem ist ja das ‚Dritte‘ objektiv so durchsichtig, so sehr nur medium, reinste Angrenzung, ein Treffer unter Millionen Nieten, das Schweigen der Sprachen, Ruhen der Bewegung, das Nichts des (polaren) Alls […].“ (F/M 10, 151) Anhand der intertextuellen Beziehungen und methodischen Korrespondenzen zu Friedlaender werden sich in der Passage II (Kap. 5) sowie dem Hauptteil B (Kap. 6-9) mit der „Sphäre des Wortlosen“ (Br I, 326), der „Methode Nihilismus“ (WB II.1, 204) und der Konzeption eines medialen Humors weitere Figuren dieser latenten Mitte aufzeigen lassen, deren Bedeutung bisher weniger stark als das „Gedichtete“, das „Ausdruckslose“ oder die Medialität der Sprache wahrgenommen wurden, aber insbesondere für Benjamins frühe Arbeiten an der Schnittstelle von Politik und Ästhetik aufschlussreich sind. Sie stehen, so wird die Arbeit zeigen, in direktem Zusammenhang mit Benjamins Rezeption von Friedlaenders Schöpferische Indifferenz.
Der zweite Aspekt, unter dem Friedlaenders Figur der latenten Indifferenz in seinem prekären Status zwischen den Extremen aufschlussreich für Benjamins Schreib- und Darstellungspraxis der Spannung zwischen Politik und Literatur ist, betrifft die Reflexion über den eigenen Schreibort. Im Rahmen einer Rezension zu einer graphologischen Studie von Anja und Georg Mendelssohn schreibt Benjamin mit direktem Bezug auf Friedlaender: „Standort solcher schöpferischen Indifferenz ist natürlich niemals auf der goldenen Mittelstraße zu suchen.“ (WB III, 138) In kritischer Distanz sowohl zur aristotelischen Tradition einer aurea mediocritas als auch in strikter Abgrenzung von der Vorstellung eines absoluten Ursprungs wie er dem frühromantischen Begriff der Indifferenz eignet, ist Friedlaenders Standortbestimmung eben eine, die, so Benjamin weiter, immer nur als ein prekäres Inmitten von „extrême milieu[s]“ (ebd.) gedacht werden kann. Mit dieser Verortung innerhalb von „extrême milieu[s]“ liest Benjamin die ‚schöpferische Indifferenz‘ implizit als Gegenmodell zu einem bürgerlichen ‚juste milieu‘, in dem jenes bürgerliche Standpunktdenken seinen angestammten Platz hat, gegen das Benjamin seinen eigenen Begriff der Haltung profiliert. (vgl. Kap. 1 sowie Kap. 10.3) Der Begriff der Haltung wird hier erstmals als zentraler Begriff in Benjamins Schreibprojekten ausgewiesen. In diesem Zusammenhang lassen sich die Begriffe Haltung und Indifferenz grundsätzlich als vergleichbare Reaktionen auf die Polarisierungstendenzen der Zeit lesen. Beide betreffen den prekären Ort des kritischen Intellektuellen und Schriftstellers. In der darstellungsästhetischen Funktionalisierung polarer Denkfiguren schreiben Benjamins und Friedlaender ihre eigenen Positionen als Wahrnehmende, Denkende, Schreibende immerzu mit ein. Und mit den Begriffen der Haltung bzw. der Indifferenz versuchen beide nicht weniger, als den prekären historischen Ort des eigenen Schreibens erkennbar zu machen, den sie vor allem als zwischen den Polen einer aus Restbeständen traditioneller gesellschaftlicher Strukturen und einer auf die Zukunft weisenden Aufbruchstimmung changierende Schwellensituation ausweisen. Dabei dienen die Begriffe der Haltung und der Indifferenz dazu, den eigenen Ort als einen dynamischen zu charakterisieren, an dem Schreibprozesse des Differenzierens immer erneut ansetzen, um verschiedene politische, gesellschaftliche und ästhetische Zeitphänomene in den Blick zu bekommen, ohne sich selbst auf einen souveränen Standpunkt zu verpflichten. Als „dynamische Mitte“ (F/M 10, 179) sind Haltung und Indifferenz die zentralen Reflexionsfiguren kritischer Zeitgenossenschaft bei Benjamin und Friedlaender und bilden so, wie Benjamin in seiner Charakterisierung der ‚schöpferischen Indifferenz‘ zusammenfasst, den „Bannkreis eines Geschehens, Kraftfeld einer Entladung“ (WB III, 138) zweier Schreibprojekte inmitten der Extreme.
4 Aufbau der Arbeit
Die Arbeit besteht insgesamt aus fünf Teilen: den Hauptteilen A und B sowie den drei kleineren als ‚Passagen‘ bezeichneten Teilen. In allen Teilen steht der Zusammenhang der beiden dargelegten Vergleichsperspektiven im Mittelpunkt, also der zeitdiagnostische Einsatz polarer Denkfiguren sowie die Reflexionen auf die latente Mitte zwischen den Extremen. Während sich der Hauptteil A den Funktionalisierungsformen polarer Denkfiguren bei Benjamin und Friedlaender aus einer diskurs- und problemgeschichtlichen Perspektive nähert, stellt der Hauptteil B eine differenzierte (einfluss)philologische Untersuchung dar und widmet sich Benjamins erstem größeren Projekt einer „Arbeit über Politik“ (Br II, 127) zu Beginn der 1920er Jahre und der darin nachweisbaren Bedeutung Friedlaenders. Die drei Passagen wiederum entwickeln exemplarische Lektüren von Benjamins Texten und haben unterschiedliche Funktionen: Passage I fungiert als systematische Exposition zu dem Verhältnis von Polarität und Haltung bei Benjamin. Passage II zeigt, wie der Einsatz polarer Denkfiguren bereits beim frühen Benjamin erprobt wird. Die Passage III fragt vor dem Hintergrund der vorangegangenen Untersuchungsteilen nach dem systematischen Ort des Begriffs der Haltung in Benjamins Schriften. Nachfolgend werden die einzelnen Teile kurz vorgestellt.
Anhand einer exemplarischen Diskussion um Benjamins eigenen Schreibort, zu der ihn der Schweizer Literaturkritiker Max Rychner im Frühjahr 1931 veranlasst, führt die Passage I in die bislang nur skizzierten Vergleichspunkte ein. Rychner fragt Benjamin 1931 sehr direkt, wo er sich inmitten der literarischen Debatten der Zeit gleichermaßen methodisch als auch politisch verorte. Anhand von Benjamins zögernder Reaktion lässt sich exemplarisch das Wechselverhältnis zwischen dem Einsatz polarer Denkfiguren und der Reflexion auf den eigenen Denk- und Schreibort inmitten der Extreme aufzeigen.
Der Hauptteil A widmet sich der Frage nach den Möglichkeiten und Grenzen des Einsatzes polaren Denkfiguren unter diskurs- und problemgeschichtlichen Gesichtspunkten. Polare Denkfiguren haben seit der Zeit um 1900 in unterschiedlichen kulturkritischen Programmen Konjunktur. In den 1920er und 30er Jahren ist dann eine notorisch wiederholte und durch alle Diskurse zirkulierende Rede über Extreme und Polaritäten bzw. Extremisierungs- und Polarisierungstendenzen zu beobachten, zählt doch der Blick auf die Extreme zur „gängige[n] politische[n] wie philosophisch[n] Münze“81 in den unterschiedlichsten zeitdiagnostischen Schreibweisen dieser Zeit. Diese allgemeine diskursive Konjunktur seit 1900 verlangt eine historische Einordung der spezifischen zeitdiagnostischen Funktionalisierungsformen polarer Denkfiguren bei Benjamin und Friedlaender, die erst durch diese Kontextualisierung an Profil gewinnen.
Auf der einen Seite ermöglicht die Einordung der Konstellation zwischen Benjamin und Friedlaender innerhalb dieser allgemeinen Konjunktur polarer Denkfiguren, ein Kapitel politisch-ästhetischer Diskursgeschichte der Weimarer Republik aufzuschließen. Die Arbeit zielt allerdings nicht darauf, Benjamin und Friedlaender in einer Art symptomatologischer Lektüre als Repräsentanten allgemeiner diskursiver Redeweisen vorzustellen. Der problemgeschichtliche Blick auf die Konstellation zwischen Benjamin und Friedlaender ermöglicht vielmehr, die spezifischen Funktionalisierungsweisen beider von anderen Anschauungsweisen und Rhetoriken des Polaren zu unterscheiden. Ein entscheidender Faktor in der Konstellation Benjamin-Friedlaender und damit auch das Differenzkriterium zu allgemeinen diskursiven Redeweisen liegt in der reflexiven Rückbindung der zeitdiagnostischen Funktionalisierung polarer Denkfiguren auf die erkenntniskritisch motivierte Frage ihrer ästhetischen Darstellungsverfahren. Es macht eben einen entscheidenden Unterschied, ob dem gesellschaftlichen status quo nur allgemein Polarisierungstendenzen attestiert werden, oder ob Polarität als ästhetisches Darstellungsverfahren im Akt des Schreibens selbst reflektiert wird. Diese gleichermaßen erkenntniskritische und darstellungsästhetische Problematisierung profiliert sich bei beiden in vergleichbarer Weise an der Frage nach der Aktualisierbarkeit unterschiedlicher historischer Traditionen polarer Denkfiguren, die von Heraklit, über Kant, der frühromantischen Natur- und Kunstphilosophie und Goethe bis hin zu Nietzsche reichen.
Den funktionalen Einsatz polarer Denkfiguren bei Benjamin und Friedlaender auf eine bisher Forschungsdesiderat gebliebene Begriffs-, Metaphern- und Diskursgeschichte polarer Denkfiguren zurückzubinden, macht deutlich, wie dieser Einsatz bei beiden durchgehend von dem Versuch getragen ist, den Aktualitätswert einer solchen Tradition für eine zeitdiagnostische und politische Schreibarbeit hervorzutreiben. Eine umfassende Begriffs-, Metaphern- und Diskursgeschichte polarer Denkfiguren wird die Arbeit allerdings nicht leisten können. Stattdessen soll an mehreren problemgeschichtlichen Aspekten dargelegt werden, wie der Versuch eines aktualistisch begründeten Einsatzes polarer Denkfiguren bereits seit der Zeit um 1800 immerzu an Rekursen auf ältere Polaritätsmodelle geknüpft ist. Dabei rekurriert die Verwendung des Begriffs der Funktionalisierung hier lose auf Ernst Cassirer, der den Wechsel vom Substanz- zum Funktionsbegriff dargestellt hat.82 Neben Cassirer ließen sich insbesondere für Benjamin die von Brecht hergeleitete Idee einer „Umfunktionierung“ (WB II.2, 691; WB VI, 182) sowie zeitgenössische soziologische, ethnologische oder auch architekturtheoretische Funktionalismus-Diskurse anführen. Diese Diskurse spielen für eine grundsätzliche funktionale Perspektive auf verschiedene virulente Zeitfragen zweifellos eine prägende Rolle. Die vorliegende Arbeit verfolgt die Funktionalisierungsformen polarer Denkfiguren indes aus der Geschichte polaren Denkens selbst. Denn Funktionalisierungen älterer Polaritätsmodelle für zeitaktuelle Debatten und Problemstellungen sind mindestens seit der Zeit um 1800 konstitutiv für die Geschichte polarer Denkfiguren. Sie gehören dabei aber nicht nur zur Geschichte polarer Denkfiguren, sondern bestimmen darüber hinaus wesentlich den Rhythmus aus einerseits Filiationen, Vergleichspunkten und Bezugnahmen und andererseits den Brüchen und Diskontinuitäten im Einsatz polarer Denkfiguren. Das lässt sich für die Zeit um 1800 exemplarisch an einem Eintrag aus Novalis’ Das Allgemeine Brouillon (Kap. 2.1), für die Zeit um 1900 an Ricarda Huchs Romantik-Buch (Kap. 2.2) und für die 1920er Jahre an neusachlichen Schreibweisen (Kap. 2.3) zeigen. Im Zentrum steht dabei jeweils die entscheidende Frage, wie überhaupt aus einem Denkmodell an der epistemischen Schnittstelle von Naturphilosophie resp. Naturspekulation und Naturwissenschaft eine zeit- und kulturdiagnostische Denkfigur werden kann. Diese Frage betrifft auch Benjamins und Friedlaenders zeitdiagnostische Funktionalisierungen polarer Denkfiguren. Anhand von Benjamins Rezension der von Hans Wohlbold 1928 im Rahmen der im Eugen-Diederichs-Verlag erschienenen Reihe Gott-Natur. Schriftenreihe zur Neubegründung der Naturphilosophie herausgegebenen Neuauflage von Goethes Farbenlehre kann abschließend gezeigt werden, wie Benjamin das Problem der ‚Übersetzung‘ von der Naturphilosophie in die Zeitdiagnostik explizit zum Gegenstand macht, und zwar unter Berufung auf Salomo Friedlaender.
Die Passage II bildet buchstäblich einen Übergang zwischen den beiden Hauptteilen, indem untersucht wird, in welche Debatten über das Verhältnis von Politik und Literatur und über die Stellung des kritischen Intellektuellen der frühe Benjamin vor 1918 involviert ist. Es handelt sich hierbei um ernstzunehmende Vorgeschichten zu Benjamins systematischer Arbeit am Politischen nach 1918, die wiederum den Untersuchungsgegenstand des Hauptteils B bildet. Denn noch bevor Benjamin zwischen 1918 und 1923 seine systematischen Überlegungen zum Politischen in einer größeren „Arbeit über Politik“ (Br II, 127) zusammenzutragen versucht, führt er erstens unter dem Eindruck seines frühen Engagements in der Wickersdorfer Schulreformbewegung Gustav Wynekens und zweitens im Umfeld der jüdischen Jugendbewegung und der zionistischen Debatten der Zeit intensive Diskussionen über Fragen des politischen Schreibens und der konkreten politischen Praxis. Diese Debatten werden hier exemplarisch anhand von Benjamins Auseinandersetzungen mit Kurt Hiller (Kap. 5.2) und Martin Buber (Kap. 5.3) dargestellt. Insbesondere Benjamins gegenüber Buber fast schon programmatisch vorgetragener Versuch, das Spannungsverhältnis von „Wort und Tat“ (Br I, 326), „Erkenntnis und Tat“ (ebd.), „Wort“ und „wirkliche[m] Handeln“ (ebd., 327) auszumessen, bildet eine wichtige Vorstufe für spätere polare Argumentationsstrategien. Die „Sphäre des Wortlosen“ (ebd., 326), auf die der Brief an Buber dabei hinzudeuten versucht, greift Benjamin in seinen Überlegungen nach 1918 wieder auf und macht sie als latente Mitte systematisch zum Ort der Verhältnisbestimmung zwischen Politik und Literatur.
Der Hauptteil B widmet sich dann der erwähnten „Arbeit über Politik (Br II, 127), die nur teilweise überliefert ist. Die (einfluss)philologische Untersuchung legt hier nicht den Fokus auf die Rekonstruktion eines abgeschlossenen Werkes, sondern nähert sich Benjamins Versuchen einer systematischen Arbeit am Politischen über das intertextuell angelegte Ensemble aus verschiedenen experimentellen Aufzeichnungen, Notizen, Selbstverständigungstexten der Zeit. Durch die Untersuchung dieser Textkonstellationen kann eine Lektüre von Benjamins frühen politisch-ästhetischen Schriften entwickelt werden, die einige der dort eingelagerten und entscheidenden, aber bisher kaum wahrgenommenen politischen Debattenzusammenhänge und konkreten Arbeits- und Produktionskontexte aufschlüsselt, wobei der Fokus insbesondere auf den Rezeptionsspuren, Einflüssen und theoretischen Korrespondenzen zwischen Benjamin und Friedlaender liegt.
Anhand der intertextuellen Beziehungen und methodischen Korrespondenzen zu Friedlaender werden sich dabei zwei Figuren der latenten Mitte aufzeigen lassen, die bisher in der Forschung nicht systematisch untersucht wurden. So wird sich zeigen, dass zum einen die „Methode Nihilismus“ (WB II.1, 204), auf die das teilweise enigmatische Theologisch-politische Fragment zuläuft und die gar als „unklassifizierbar[…]“83 bezeichnet wurde, als Figur der latenten Mitte zwischen den Polen des Profanen und des Messianischen konzipiert ist. (Vgl. Kap. 7.3) Um die „Methode Nihilismus“ als eine solche Figur lesbar zu machen, gilt es, die Rezeptionsspuren ernst zu nehmen, die im Zeitraum der Entstehung des Fragments zu Friedlaender und dessen vergleichbarer Konzeption eines Nihilismus als „mediale[…] Grenzscheide“ (F/M 10, 381) führen, die bei ihm ebenfalls „immer eine Art Mitte, Grenze, Brücke“ (ebd., 383) bildet.84 (Vgl. Kap. 7.2) Durch eine kleinteilige synoptische Lektüre etwa zeitgleich entstehender Texte Benjamins und Friedlaenders lässt sich hier eine neue Perspektive auf jene zentrale, gleichermaßen politische wie ästhetische, Theoriefigur des ‚Nihilismus‘ entwickeln, die bisher entweder meist unterschätzt bzw. gar ignoriert oder vorwiegend als bloßer Ausdruck einer anarchistischen Gesinnung des jungen Benjamins erklärt wurde.
Die zweite Figur, die sich an diese Lektüre anschließt, findet sich in den überlieferten Texten Benjamins zu Paul Scheerbarts Asteroidenroman Lesabéndio, dessen Analyse den dritten Teil seiner „Arbeit über Politik“ (Br II, 127) bilden sollte. Im Zuge der Arbeit an seinem politisch-ästhetischen Kommentar zu diesem Roman entdeckt Benjamin eine Rezension von Friedlaender über Ernst Blochs Geist der Utopie und beschließt, diese von ihm sehr geschätzte Rezension in seine Lesabéndio-Analyse zu integrieren. An dem sich daraus ergebenden verschachtelten Arbeits- und Produktionszusammenhang zeigt sich, wie Benjamins weniger in sich abgeschlossenen als vielmehr in einem permanenten status nascendi befindlichen Schreibprojekte im Schnittfeld von Politik und Ästhetik durch teilweise kontingente Textentdeckungen und Neulektüren geprägt sind. Vor allem aber lässt sich in der Auseinandersetzung mit Bloch, die erst durch Benjamins Entdeckung von Friedlaenders Rezension zu einem Bestandteil des dritten Teils der Politik-Arbeit wird, die Konfrontation von Utopie und Humor, die zum zentralen Argument der Lesabéndio-Analyse werden sollte, als eine kritische Debatte um eine Figur des Dritten zwischen Benjamin, Friedlaender und Bloch rekonstruieren, die auf das grundsätzliche Spannungsverhältnis von Profanem und Messianischem (Benjamin) bzw. Immanenz und Transzendenz (Friedlaender) zurückweist. In kritischer Absetzung von Blochs Vorstellung der Kunst als eines ‚Vor-Scheinens des Utopischen‘ entwickeln Benjamin und Friedlaender vergleichbare Konzepte des Humors. (Vgl. Kap. 9.3 und 9.4) In Benjamins und Friedlaenders Konzeptionen des Humors ist das Utopische nicht ästhetisch antizipiert, sondern wird zwischen dem sprachlich Ausdrückbaren und dem konstitutiv Unsagbaren latent gehalten. Mit dieser ‚Dreieckskonstellation‘ lässt sich zeigen, dass die Kritik am ‚Schein des Ästhetischen‘, die dann vor allem in der Arbeit über Goethes Wahlverwandtschaften zentral werden sollte, von Benjamin hier bereits im strikten Sinne als Medium der Verhältnisbestimmung von Politik und Ästhetik vorgeprägt wird. Von dieser Kritik her wird zudem ersichtlich, dass Benjamins frühe Bemühung um die Vermessung des Schnittfeldes von Politik und Ästhetik nicht zuletzt von einer – das stereotype Bild vom melancholischen Intellektuellen irritierenden – ‚Politik des Humors‘ getragen wird.
Die Passage III wird dann abschließend die Aufmerksamkeit darauf lenken, dass Benjamin und Friedlaender aus dem in den vorhergehenden Konstellationen untersuchten doppelten Interesse sowohl an dem zeitdiagnostischen Einsatz polarer Denkfiguren als auch an Figuren der latenten Mitte zwischen polaren Extremen, vergleichbare Konsequenzen für die Reflexion auf die eigene Schreibposition als „lebendig bewegliche[s] Inmitten“ (F/M 10, 207) der Extreme ziehen. In den Begriffen der Haltung (Benjamin) und der Indifferenz (Friedlaender) zielen beide auf einen gegen unterschiedliche Formen souveräner Selbstpositionierung gerichteten prekären Schreibort des kritischen Intellektuellen und Schriftstelle als eine „schwebende[…] Mitte“ (ebd., 328) ab.
Die Arbeit beansprucht, den von Benjamin vielfältig eingesetzten Begriff der Haltung erstmals auf seinen systematischen Gehalt sowohl als Reflexionsfigur für sein eigenes Schreiben als auch in seiner methodischen Profilierung als literaturkritische Analysekategorie schriftstellerischer Standortbestimmung zu überprüfen. Im Kern dieses Vorhabens liegt allerdings eine einzukalkulierende Paradoxie. Benjamins Selbstverständnis als kritischer Intellektueller und Schriftsteller zeichnet sich schließlich gerade dadurch aus, dass es nicht auf einen einzigen Nenner, eine starre Formel zu bringen ist. Die Beobachtung der Bedeutung des Begriffs der Haltung als Reflexionsfigur für die Frage kritischer Autorschaft inmitten der Extreme besteht darin, herauszuarbeiten, wie gerade der Begriff der ‚Haltung‘ zu einem Knotenpunkt für ein solches dynamisch konzipiertes Autorschaftskonzept wird, das seine disparaten Selbstauslegungen, seine stetig wechselnden Schreibpositionen, seine mannigfaltigen, teils widerspruchsvollen und enigmatischen Selbstbeschreibungen, aber auch das Problematische und Prekäre in der Bestimmung des eigenen Schreibens überhaupt gewissermaßen ‚auf den Begriff bringt‘. Noch paradoxer formuliert: ‚Haltung‘ soll als bisher weitgehend unbeachtete systematische Reflexionsfigur für eine konstitutiv unsystematische Schreibweise ausgewiesen werden. In ihr reflektiert Benjamin die, mit einem Darstellungsprinzip aus der Vorrede des Trauerspiel-Buches gesprochen, „intermittierende[…] Rhythmik“ (WB I.1, 208) seiner in den konkreten Schreibpraktiken manifestierten Selbstpositionierung als kritischer Intellektueller im Spannungsverhältnis von Ästhetik und Politik.
Georg Simmel: Hauptprobleme der Philosophie [1910]. Berlin/New York 91989, S. 103.
Eric Hobsbawm: Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts. München 1995.
Zitate von Walter Benjamin und Salomo Friedlaender werden durchgehend im Fließtext nachgewiesen. Zur Zitierweise der Werke vgl. das Siglenverzeichnis im Anhang.
Dass in die Reihe der wichtigen Auseinandersetzungen mit einzelnen Schriftstellern auch der bisher in der Benjamin-Forschung kaum berücksichtigte Schriftsteller Paul Scheerbart gehört, wird der Hauptteil B der vorliegenden Arbeit zeigen.
Was Benjamin hier an Pfemferts ‚Leitartikel‘ stört, bezieht sich vor allem auf dessen Forderung nach „Ehrfurcht vor dem Geist“, die er der deutschen Jugend ins Stammbuch schreibt. (Franz Pfemfert: Unsere Hoffnung. In: Die Aktion 2 (1912) [11.12.1912], Sp. 1573-1574, hier: Sp. 1574) Benjamins kritische Distanz gegenüber ‚logokratischen‘ Politikverständnissen begründet insbesondere die Distanz zu Kurt Hiller. Der damit zusammenhängende Aufsatz Geist und Politik ist leider nicht überliefert. (vgl. hierzu insgesamt auch Kap. 5.2).
Als ein „transgressive[s] Denken“, und damit explizit im Anschluss an Michel Foucaults ‚Bataille-Hommage‘ Préface à la transgression (1963), hat Karlheinz Barck die „Einheit des Benjaminschen Programms als eines philosophischen“ charakterisiert. (Karlheinz Barck: Schrift/Schreiben als Transgression. Walter Benjamins Konstruktion von Geschichte(n). In: Klaus Garber/Ludger Rehm (Hg.): global benjamin. Internationaler Walter-Benjamin-Kongreß 1992, Bd. 1. München 1999, S. 231-251, hier: S. 232).
Georg Simmel, Hauptprobleme der Philosophie, S. 103.
Anson Rabinbach: In the Shadow of Catastrophe. German Intellectuals between Apocalypse and Enlightenment. Berkeley 1997, S. 32.
Die Frage nach dem Politischen im Denken Benjamins hat in der Rezeptionsgeschichte mehrere Etappen durchlaufen. Aus der ‚heißen Phase‘ politischer Lektüren in den 1960er Jahren, die vor allem von dem Versuch einer politischen Aneignung des Werkes getragen waren und eher selten das Politische expressis verbis in philologischer Rekonstruktionsarbeit und historischer Kontextualisierung zum Gegenstand hatten, resultierte vor allem ein (politisierter) Streit, der sich zunehmend zu Lagerbildungen verhärtete. Diese Lagerbildungen haben lange Zeit die Frage nach der Politik bei Benjamin bestimmt, indem die festgefahrenen Dichotomien (Theologie vs. Marxismus, Adorno oder Scholem vs. Brecht) immer wieder reproduziert wurden. Auch wenn sich die Rezeption in den letzten drei Jahrzehnten stärker auf andere Aspekte konzentrierte, etwa auf Gedächtnis- und Erinnerungskultur, dekonstruktive Lektüren, Medientheorie und Kulturwissenschaft, blieb die Frage nach dem Politischen stets aktuell. (Zu den verschiedenen diskursiven Rahmenbedingungen dieser Rezeptionsphasen vgl. Detlev Schöttker: Konstruktiver Fragmentarismus. Form und Rezeption der Schriften Walter Benjamins. Frankfurt a. M. 1999, S. 130-142).
Uwe Steiner: Walter Benjamins ‚Wendung zum politischen Denken‘. In: Christine Blättler/Christian Voller (Hg.): Walter Benjamin. Politisches Denken. Baden-Baden 2016, S. 33-72, hier: S. 33.
Norbert Bolz: Einleitung. Links schreiben. In: ders./Richard Faber (Hg.): Walter Benjamin. Profane Erleuchtung und rettende Kritik. 2. verm. und verb. Aufl. Würzburg 1985, S. 9-33, hier: S. 10.
In den letzten Jahren hat vor allem Jacques Rancière wiederholt diese Formel zum Ausgangspunkt seiner Kritik an Walter Benjamin gemacht. (vgl. Jacques Rancière: Die ästhetische Revolution und ihre Folgen. Erzählungen von Autonomie und Heteronomie. In: Ilka Brombach/Dirk Setton/Cornelia Temesvári (Hg.): ‚Ästhetisierung‘. Der Streit um das Ästhetische in Politik, Religion und Erkenntnis. Zürich 2010, S. 23-40; vgl. in diesem Zusammenhang auch ders.: Die Aufteilung des Sinnlichen. Die Politik der Kunst und ihre Paradoxien. Berlin 22008, S. 50-55).
Sigrid Weigel: Entstellte Ähnlichkeit. Walter Benjamins theoretische Schreibweise. Frankfurt a. M. 1997, S. 13.
Alexander Honold: Der Leser Walter Benjamin. Bruchstücke einer deutschen Literaturgeschichte. Berlin 2000, S. 16.
So im Sammelband von Jessica Nitsche und Nadine Werner (Hg.): Entwendungen. Walter Benjamin und seine Quellen. Paderborn 2019. Der Sammelband nimmt den von Burkhardt Lindner geprägten Begriff der ‚Entwendung‘ zum Ausgangspunkt, der ein Verfahren beschreiben soll, durch das Benjamin seine ‚Quellen‘ „auf ganz unterschiedliche Weise entstellt.“ (Jessica Nitsche/Nadine Werner: Der Jäger und das Scheue Wild. Über Walter Benjamins Entwendungstaktik. In: ebd., S. 1-6, hier: S. 3).
Frank Voigt et al. (Hg.): Material und Begriff. Arbeitsverfahren und theoretische Beziehungen Walter Benjamins. Hamburg 2019. Im Vorwort der Herausgeber heißt es programmatisch: „[…] eine Forschungsprämisse, die eine ‚Originalität‘ ohne Vergleich und Kontext voraussetzt, muss sich an ihm [W. Benjamin, K. D.] blind starren.“ (dies.: Vorwort. In: ebd., S. 9-13, hier: S.10). Außerdem ist an dieser Stelle das Forschungsprojekt Walter Benjamins publizistische Netzwerke unter der Leitung von Carolin Duttlinger und Daniel Weidner zu erwähnen, das sich explizit um kontextuelle Lektüren und zeitgenössische Debatten bemüht.
Jessica Nitsche/Nadine Werner: Der Jäger und das Scheue Wild, S. 4.
Ebd., S. 3.
Beispielhaft für diese marginale Position Friedlaenders in der Benjamin-Forschung ist Jean-Michel Palmiers monumentale Studie, die in ihrem Untertitel darauf hinweist, dass sie das Verhältnis von Ästhetik und Politik bei Benjamin verhandelt. Die Studie zeichnet sich in besonderer Weise dadurch aus, die kleinteiligen Diskurs- und Debattenzusammenhänge minutiös aufzuarbeiten. Friedländer [sic!] indes taucht hier nur an einer unbedeutenden Stelle in einer Aufzählung als ein Autor auf, den Benjamin „bewunderte […], ohne je in Verbindung mit ihm zu treten.“ (Jean-Michel Palmier: Walter Benjamin. Lumpensammler, Engel und bucklicht Männlein. Ästhetik und Politik bei Walter Benjamin. Berlin 2009, S. 961) Unabhängig von der falschen Schreibweise mit dem Umlaut ä, die Benjamin selbst bisweilen verwendete, ist die Aussage nicht korrekt. Zwar gibt es keine briefliche Korrespondenz, aus Benjamins Briefen an Scholem geht aber hervor, dass sie sich mindestens zweimal persönlich begegnet sind. (vgl. Br II, 128 und 152).
Susanne Heil: Gefährliche Beziehungen. Walter Benjamin und Carl Schmitt. Stuttgart 1996.
Heinrich Kaulen: Texte und Kontexte. Zur Bedeutung des Kontextwissens für die Benjamin-Edition. In: Daniel Weidner/Sigrid Weigel (Hg.): Benjamin-Studien, Bd. 1. München 2008, S. 161-173, hier: S. 172.
Ebd., S. 161-162.
Ebd., S. 166.
Kaulens Kritik steht im Zusammenhang mit einer breiten Diskussion um die Neuedition der Schriften Benjamins in der seit 2008 erscheinenden kritischen Gesamtausgabe Werke und Nachlaß. Zur grundlegenden Kritik an der Konstruktion von Texten dort, wo eigentlich Entstehungsprozesse und -bedingungen sichtbar gemacht werden sollten, vgl. die Argumentation bei Davide Giuriato: Kritische Überlegungen zur neuen Gesamtausgabe der Werke Walter Benjamins. In: Daniel Weidner/Sigrid Weigel (Hg.): Benjamin-Studien, Bd. 2. München 2011, S. 335-339. Für einen Überblick über die Kritikpunkte an klassischer editionsphilologischer Praxis vgl. auch die Auflistung bei Per Röcken: Was ist – aus editorischer Sicht – Materialität? Versuch einer Explikation des Ausdrucks und seiner sachlichen Klärung. In: editio 22 (2008), S. 22-46, hier: S. 23-24. Eine Konsequenz aus der Beobachtung der konkreten Publikationskontexte und intellektuellen Beziehungen liegt auch in der Revision des Bildes von Benjamin als einsamer, lebensunfähiger Melancholiker. In seinem editorischen Nachwort zur Neuausgabe der Kritiken und Rezensionen betont Kaulen: „Das seit Ende der 1960er Jahre etablierte, eine ganze Generation von Wissenschaftlern prägende und zur Identifikation verlockende Stereotyp des aufgrund seiner kritischen Haltung marginalisierten, lebensunfähigen und melancholisch scheiternden Linksintellektuellen, der seinen Geldgebern angeblich ohnmächtig ausgeliefert war und geradezu zwangsläufig an der fatalen Übermacht der Verhältnisse zerbrechen mußte, ist vor dem Hintergrund der skizzierten sozialen Vernetzung, wenn nicht völlig zu revidieren, so doch zumindest in erheblichen Teilen zu relativieren.“ (Heinrich Kaulen: Nachwort. Walter Benjamin als Literaturkritiker und Rezensent. In: WuN 13.2, S. 972-1009, hier: S. 978).
Heinrich Kaulen, Texte und Kontexte. Zur Bedeutung des Kontextwissens für die Benjamin-Edition, S. 166.
Für Benjamins Beziehung zu Erich Unger vgl. Manfred Voigts: Walter Benjamin und Erich Unger. Eine jüdische Konstellation. In: Klaus Garber/Ludger Rehm (Hg.): global benjamin. Internationaler Walter-Benjamin-Kongreß 1992, Bd.2. München 1999, S. 839-855.
Gershom Scholem: Walter Benjamin – die Geschichte einer Freundschaft. Frankfurt a. M. 1975, S. 62.
Eine Ausnahme bilden hier Uwe Steiners Arbeiten zum politischen Denken Benjamins. Indem Steiner u.a. darlegt, inwiefern Benjamins frühe Arbeit zur Politik „in den Kontext der Nietzsche-Rezeption im Umkreis des Früh-Expressionismus zu stellen“ ist, macht er jenes „Umfeld transparent“, in dem auch Benjamins frühe Rezeption Friedlaenders einzuordnen ist. (Uwe Steiner: Der wahre Politiker. Walter Benjamins Begriff des Politischen. In: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur 25/2 (2000), S. 48-92, hier: S. 67). Vgl. für diesen Debatten-Zusammenhang den Hauptteil B der vorliegenden Arbeit. Detlef Thiel wiederum hat in seiner Friedlaender-Studie erstmals „alle bisher bekannten Dokumente versammelt“ und das „Gespräch“ zwischen beiden erneut eröffnet. (Detlef Thiel: Maßnahmen des Erscheinens. Friedlaender/Mynona im Gespräch mit Schelling, Husserl, Benjamin und Derrida. Nordhausen 2012, S. 8). Diese Interpretationsangebote und auch andere Studien, die sich meist eher am Rande mit der Konstellation Benjamin-Friedlaender beschäftigt haben, wird die Arbeit an gegebener Stelle diskutieren.
Lorenz Jäger: Walter Benjamin. Das Leben eines Unvollendeten. Berlin 2017, S. 131. Lorenz zitiert zudem zwei wichtige Stellen aus Friedlaenders Schöpferische Indifferenz und hält fest, dass Benjamin „[e]rste Hinweise auf eine Logik des Extremismus“ (ebd.) bei Friedlaender findet, die Lorenz dann im Trauerspielbuch verarbeitet sieht. Für die in der vorliegenden Arbeit zu leistende zeithistorische Einordnung der Konstellation Benjamin-Friedlaender in ihre diskursiven Kontexte ist Lorenz’ Resümee zur Bedeutung von Friedlaenders polarer Denkformen inmitten gesellschaftlicher, politischer und ästhetischer Polarisierung/Extremisierung ab 1918 bemerkenswert: „Das war eine Philosophie, die erkennbar ihre Zeit auf den Begriff brachte.“ (ebd.).
Eine Ausnahme bildet hier Friedrich Kittlers Analyse der Groteske Goethe spricht in den Phonographen (1916), durch die Friedlaender kurzeitig unter mediengeschichtlichen Gesichtspunkten wahrgenommen wurde. (vgl. Friedrich Kittler: Grammophon, Film, Typewriter. Berlin 1986, S. 93-122).
Seit 2009 ist als Band 10 der Gesammelten Schriften auch Friedlaenders Schöpferische Indifferenz wieder einfacher zugänglich und damit jenes Werk, das bereits vor seiner (weltkriegsbedingt späten) Publikation 1918 durch vorabgedruckte Auszüge und Vorarbeiten an einschlägigen Orten wie Kurt Hillers Ziel-Jahrbüchern oder in der auch von Benjamin rezipierten expressionistischen Monatsschrift Die weißen Blätter in intellektuellen Kreisen eine intensive Rezeption erfahren hat.
Detlef Thiel: Maßnahmen des Erscheinens, S. 8. Dass diese Konstruktion – um einen zentralen und prominenten Gedanken Benjamins aufzurufen – Destruktion (hier im Sinne von Rezeptionsmissverständnissen und Fehlurteilen) voraussetzt (vgl. WB V.1, 587), zeigen die biographischen und sachlichen Aufräumarbeiten, die Thiel in den Einleitungen zu den einzelnen Bänden der Gesamtausgabe leistet. Dort heißt es an einer Stelle zur Rezeption Friedlaenders: „Kaum einen Philosophen und Schriftsteller hat ein so dichtes und zähes Gestrüpp von Unkenntnis, Irrtümern, Verzerrungen, daher Desinteresse überwuchert wie ihn.“ (Detlef Thiel: Stiche in Wespennester. Mynona dekonstruiert die Moderne (Remarque/Tucholsky). In: F/M 11, S. 9-88, hier: 9). Dass auch die Rezeptionsgeschichte Benjamins eine „Aneignungsgeschichte“ ist, die „zugleich eine Geschichte der Konstruktion und Konstituierung des Autors (und Menschen) Benjamins darstellt“ (Thomas Küpper/Timo Skrandies: Rezeptionsgeschichte. In: Burkhardt Lindner (Hg.): Benjamin-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Stuttgart 2011, S. 17-56, hier: S. 18), ist bereits selbst Teil der Forschung geworden (vgl. Detlev Schöttker, Konstruktiver Fragmentarismus). Wenn es nachfolgend mit der Konstellation Benjamin-Friedlaender darum geht, Benjamin in jene Kontexte zurückzuversetzen, in denen seine Schriften entstehen, läuft unterhalb der untersuchungsleitenden Fragestellungen immer auch eine kritische Reflexion auf diese Rezeptionsgeschichte mit. Zur Rezeptionsgeschichte vgl. außerdem v. a. Klaus Garber: Stationen der Benjamin-Rezeption 1940-1985. In: ders.: Rezeption und Rettung. Drei Studien zu Walter Benjamin. Tübingen 1987, S. 121-193; Michael Rumpf: Walter Benjamins Nachleben. In: DVjs 52/1 (1978), S. 137-166; Gerhard Wagner: Zum Bilde Benjamins. Aspekte der neueren Rezeption seines kulturhistorischen und geschichtsphilosophisch-ästhetischen Werkes in Westeuropa 1978-1987. In: Weimarer Beiträge 36 (1990), S. 1492-1513; Michael Opitz: Reflexion und Vergegenwärtigung. Anmerkungen zu Positionen der Benjamin-Forschung. In: Zeitschrift für Germanistik 6/1 (1996), S. 128-143.
Detlef Thiel, Maßnahmen des Erscheinens, S. 7.
Stellvertretend sei hier auf Gunter Martens verwiesen, der festhält, dass Friedlaender „eine bedeutsame Rolle in der Vermittlung Nietzschescher Positionen zukam.“ (Gunter Martens: Nietzsches Wirkung im Expressionismus. In: Bruno Hillebrand (Hg.): Nietzsche und die deutsche Literatur, Bd. 2: Forschungsergebnisse. Tübingen 1978, S. 35-82, hier: S. 47). Für weitere in diesem Zusammenhang relevante Forschungsarbeiten vgl. das Kapitel 3.2 der vorliegenden Arbeit. Neben einerseits den bereits aufgeführten Arbeiten von Detlef Thiel und andererseits einer kleinen Anzahl von Untersuchungen, die sich eher am Rande mit Friedlaenders Rolle zu Beginn des 20. Jahrhunderts beschäftigen, gibt es nur noch wenige größere Forschungsarbeiten zu Friedlaender: Peter Cardorff: Friedlaender (Mynona) zur Einführung. Hamburg 1988; Lisbeth Exner: Fasching als Logik. Über Salomo Friedlaender/Mynona. München 1996; Rolf Schütte: Die Mitte der Differenz. Vernunft und Groteske. Polaritätsphilosophie und literarische Phantastik im Werk von Salomo Friedlaender/Mynona. Herrsching 2016. Außerdem hat Detlef Thiel unlängst auch kleinere Forschungsarbeiten zusammengetragen: Detlef Thiel (Hg.): ‚Tummel dich, mein Publikum! Hier sind noch schöne Aufgaben zu lösen.‘ Berichte und Forschungsbeiträge aus 100 Jahren. Herrsching 2015.
Gershom Scholem, Geschichte einer Freundschaft, S. 63.
Ebd.
Die Liste der Lektüren aus den Jahren 1912 bis 1916/17 fehlt in Benjamins Verzeichnis der gelesenen Schriften. Das Verzeichnis ist erst ab der Nr. 462 erhalten. (vgl. WB VII.1, S. 437) Brendan Moran vermutet, dass Benjamin schon vor der Lektüre von Schöpferische Indifferenz mit früher publizierten Texten aus dem Entstehungsumfeld des Buches vertraut gewesen sein könnte: „Schöpferische Indifferenz is made up partly of older published texts, so Benjamin might have been acquainted those earlier texts.“ (Brendan Moran: Politics of Creative Indifference. In: Philosophy Today 55/3 (2011), S. 307-322, hier: S. 309).
In Benjamins Generalabrechnung mit der linksliberalen bürgerlichen Intelligenz in Linke Melancholie von 1931 heißt es dann: „Der Expressionismus stellte die revolutionäre Geste, den gesteilten Arm, die geballte Faust in Papiermaché aus.“ (WB III, 281) Vgl. vor diesem Hintergrund auch Benjamins kritischen Vergleich von Expressionismus und Barock im Trauerspielbuch (WB I.1, 234-236). Auch Scholem und Adorno sind sich einig, dass Benjamin zum literarischen (!) Expressionismus „nie ein positives Verhältnis gefunden“ (Gershom Scholem, Geschichte einer Freundschaft, S. 85) bzw. „von Anfang an Distanz gehalten“ hat (Theodor W. Adorno: A l’écart de tous les courants [1969]. In: ders.: Über Walter Benjamin, hg. v. Rolf Tiedemann. Frankfurt a. M. 1990, S. 101-103, hier: S. 101). Vgl hierzu die Kap. 5.1 und 5.2. Dieser Zusammenhang wird auch nochmals im Hauptteil B der Arbeit anhand der Auseinandersetzung mit Ernst Blochs expressionistischem Werk Geist der Utopie gestreift.
Dass eine Überbetonung sowohl des Metaphysischen als auch des Avantgardistischen (im Sinne eines exklusiven Zirkels) in Hinblick auf Friedlaender nicht besonders weit trägt, zeigen die verschiedenen populärwissenschaftlichen und pädagogischen Publikationen wie die noch zu untersuchende Julius Robert Mayer-Biographie (vgl. Kap. 3.1) oder das Buch Kant für Kinder. Fragelehrbuch zum sittlichen Unterricht (1924). Mit diesen Publikationen hat Friedlaender immer auch versucht, seine philosophischen Arbeiten zu popularisieren und für eine konkrete praktische Lebensführung wirksam zu machen.
Als Stichwortgeber erscheint Friedlaender u.a. bei Norbert Bolz. In seiner Arbeit über den philosophischen Extremismus in der Weimarer Republik hat Bolz die Schöpferische Indifferenz herangezogen und diesen „Grundbegriff der Philosophie Salomo Friedlaenders“ in ein assoziatives Verhältnis zu Benjamins „Begriff historischer Erfahrung als Resultat dialektischer Polarisation“ gesetzt. (Norbert Bolz: Auszug aus der entzauberten Welt. Philosophischer Extremismus zwischen den Weltkriegen. München 1989, S. 137) Allerdings sucht Bolz nicht nach intertextuellen Resonanzen, sondern bestimmt das Verhältnis einseitig zugunsten Benjamins: „Benjamin emanzipiert dann diesen Gedanken [der ‚schöpferischen Indifferenz‘, K.D.] aus seinem versponnen-aphoristischen Kontext und bestimmt die Ideen als Konstellationen des Einmalig-Extremen.“ (ebd., S. 10) Über die stichwortartige Verbindung zu der hier mit dem „Einmalig-Extremen“ anzitierten ‚Ideenlehre‘ aus dem Trauerspielbuch hinaus scheint es für Bolz keine Verbindungen zu Friedlaender zu geben. Sami R. Khatib wiederum geht davon aus, dass sich eine „verdeckte[…] Rezeption Friedlaenders […] unter dem Stichwort der ‚schöpferischen Indifferenz‘“ sogar über Benjamins „gesamtes Werk erstreckt […].“ (Sami R. Khatib: ‚Teleologie ohne Endzweck‘. Walter Benjamins Ent-Stellung des Messianischen. Marburg 2013, S. 232) Auch Uwe Steiner, der sich in mehreren Studien sehr nachdrücklich und präzise um die Rekonstruktion des geistesgeschichtlichen Entstehungskontext der frühen Arbeiten zur Politik bemüht hat, scheint bisweilen dazu zu tendieren, Friedlaender als Stichwortgeber zu betrachten (vgl. Uwe Steiner: Walter Benjamin. Stuttgart 2004, S. 75).
Uwe Steiner: Vorbemerkungen. In: ders. (Hg.): Walter Benjamin 1892-1940. Zum 100. Geburtstag. Bern u.a. 1992, S. 7-8, hier: S. 7.
Burkhardt Lindner: Benjamins Transformationen der Psychoanalyse. Eine Rekonstruktion. In: Jessica Nitsche/Nadine Werner (Hg.): Burkhardt Lindner: Studien zu Benjamin. Berlin 2016, S. 353-468, hier: S. 385. Vgl. hierzu auch Jessica Nitsche/Nadine Werner, Der Jäger und das Scheue Wild, S. 1-6.
Detlef Thiel, Maßnahmen des Erscheinens, S. 8.
Ebd., S. 108.
Gershom Scholem, Geschichte einer Freundschaft, S. 62.
Ebd. Das scheint jedoch nicht gleichermaßen auch für Scholem selbst zu gelten. Zwar erinnert sich Scholem, dass Benjamin ihm Friedlaenders Schöpferische Indifferenz, ein Werk, „von dem er viel hielt“ (ebd., S. 129), geschenkt habe, doch zu einer weiteren Diskussion über Friedlaender kam es anscheinend nicht. Jedenfalls blieben Benjamins mehrfach wiederholten brieflichen Aufforderungen zur Mitteilung über Lektüreeindrücke offenbar unbeantwortet. Nebenbei ist an dieser Stelle außerdem Scholems historische Einordnung nicht nur der Grotesken Friedlaenders, sondern der ganzen Gattung bemerkenswert. Denn bei Scholems Ausführungen darüber, dass diese Grotesken eine „nach Hitler unmöglich gewordene[…] und heute kaum mehr zugängliche[…] Literaturform“ (ebd.) sei, besteht doch eine offenkundige Analogie zu Adornos berühmtem Satz, dass ein Gedicht nach Auschwitz zu schreiben barbarisch sei. (vgl. Theodor W. Adorno: Kulturkritik und Gesellschaft. In: ders.: Gesammelte Schriften, Bd. 10/1, hg. v. Rolf Tiedemann. Frankfurt a. M. 1977, S. 11-30, hier: S. 30; vgl. auch die spätere Reflexion darüber in ders.: Negative Dialektik. In: ders.: Gesammelte Schriften, Bd.6, hg. v. Rolf Tiedemann. Frankfurt a. M. 2003, S. 355) Ob das eher marginale Interesse an Friedlaender nach 1945 auch aus dieser nachvollziehbaren historischen Unzugänglichkeit des Grotesken resultiert, wäre an anderer Stelle genauer zu untersuchen. Im Übrigen konnte man aber auch bei Adorno kaum ein weiteres Interesse an der Konstellation zwischen Benjamin und Friedlaender erwarten. Bei Adorno findet sich nur ein kurzer, auf das Philosophische bezogene, sehr negativer Hinweis zum „Altkantianer Mynona“ und seinem „Idealismus als Hybris“ (Theodor W. Adorno, Negative Dialektik, S. 392).
Benjamin und Friedlaender machen beide ihre ersten philosophischen Schritte in einem neukantianischen Umfeld. Dass sich ihr vergleichbares ‚grenzgängerisches‘ Schreiben auch als Reaktion auf eine als zu eng empfundene neukantianische Wissenschaftslehre auffassen lässt, führt das Ende von Kap. 2.3 etwas näher aus.
Friedlaender und Kubin verbindet ein jahrelanger intensiver brieflicher Austausch über Friedlaenders Philosophie; außerdem illustrierte Kubin mehrere von Friedlaenders Büchern. Kubins phantastischer Roman Die andere Seite (1909) wurde auch von Benjamin hochgeschätzt.
Immanuel Kant: Kritik der reinen Vernunft, Bd.1. In: ders.: Werkausgabe, Bd. III, hg. v. Wilhelm Weischedel. Frankfurt a. M. 1974, S. 98 [B75].
Nach dem oben zitierten Satz heißt es bei Kant weiter: „Der Verstand vermag nichts anzuschauen, und die Sinne nichts zu denken. Nur daraus, daß sie sich vereinigen, kann Erkenntnis entspringen.“ (ebd. [B75-B76]).
Friedrich Schiller an Johann Wolfgang v. Goethe, Brief vom 31.8.1794. In: Der Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe, hg. v. Emil Staiger, rev. Neuausgabe von Hans-Georg Dewitz. Frankfurt a. M. 2005, S. 43.
Ebd.
Dazu heißt es weiter bei Schiller: „[…] denn gewöhnlich übereilt mich der Poet, wo ich philosophieren sollte, und der philosophische Geist, wo ich dichten wollte. Noch jetzt begegnet es mir häufig genug, daß die Einbildungskraft meine Abstraktionen und der kalte Verstand meine Dichtung stört.“ (ebd.).
Sigrid Weigel, Entstellte Ähnlichkeit, S. 15.
Ebd., S. 62. Für die damit zusammenhängende polare Spannung hat Weigel im bekannten Engel der Geschichte aus der neunten geschichtsphilosophischen These das paradigmatische Beispiel einer bildlichen Darstellungslogik identifiziert, die gerade über eine Textbewegung verläuft, „die in der Konstellation einer gegenstrebigen Fügung mündet.“ (ebd., 64).
Cornelia Zumbusch: Wissenschaft in Bildern. Symbol und dialektisches Bild in Aby Warburgs Mnemosyne-Atlas und Walter Benjamins Passagen-Werk. Berlin 2004, S. 17.
Ebd., S. 29.
„Nicht nur Benjamin, sondern auch Warburg übernimmt Gedankenfiguren aus Goethes naturwissenschaftlichen Schriften.“ (ebd., S. 308.) Als Zentrum der „produktive[n] Aneignung Goethescher Gedankenfiguren“ (ebd.) bestimmt Zumbusch den Begriff der Anschauung über den sich die „symbolische[…] Verfaßtheit des dialektischen Bildes“ (ebd., 307) erkennen lässt.
Ebd., S. 30. (Hervorhebung im Original)
Heinz Brüggemann: Walter Benjamin über Spiel, Farbe und Phantasie. Würzburg 2007, S. 220. Exemplarisch macht Brüggemann das an der Gegenüberstellung von kindlicher Phantasie, die sich im reinen Medium der Farbe abspielt, und der schöpferischen Einbildungskraft als aktive Formgestaltung (vgl. WB VI, 109-129; WB VII.1, 19-26 und WB VII.2, 562-564) fest. Vor diesem Hintergrund bespricht Brüggemann auch kurz die Bedeutung des „von Benjamin außerordentlich geschätzte[n] Hauptwerk[s]“ (Heinz Brüggemann, Walter Benjamin über Spiel, Farbe und Phantasie, S. 120) Friedlaenders und untersucht anhand des kurzen Textes Gespräch über dem Corso (vgl. WB IV.2, 763-771), inwiefern Berührungspunkte zwischen Friedlaenders Schöpferischer Indifferenz – hier allerdings in problematischer Weise als „identitätsphilosophische[r] Grundgedanke[…]“ (Heinz Brüggemann, Walter Benjamin über Spiel, Farbe und Phantasie, S. 120) bezeichnet – mit der Idee kindlicher Unschuld in Benjamins Text auszumachen sind. „Polarität ist“, so Brüggemann weiter, „charakteristisch auch für Benjamins Modellbildungen, d.h. für seine um Extrem konstituierten Konstellationen in der Kunstgeschichte“ (ebd., S. 122) und findet sich im Corso-Text dort wieder, wo „Unschuld aufgeht in der Fähigkeit, sich in den Extremen (des Zarten und des Ungeschlachten etc.) und durch die Extreme hindurch zu erhalten.“ (ebd., S. 119).
Eli Friedlander hebt den Akt der Polarisierung bei Benjamin ebenfalls besonders hervor. Dabei scheint die Herstellung von Polaritäten sogar systematische Bedeutung zu bekommen, schließlich verfolgt Eli Friedlanders Studie ein systematisches Interesse an einer „Einheit des Denkens“. (Eli Friedlander: Walter Benjamin. Ein philosophisches Portrait. München 2013, hier: S. 8; für die Bedeutung der Polarisierung bei Benjamin vgl. ebd., S. 82).
Der Begriff der ‚polaren Denkfigur‘ wird in der Arbeit zunächst als provisorische Bezeichnung für die bei Benjamin und Friedlaender gleichermaßen zu beobachtende Denk- und Schreibweise an der Grenze von Bild und Begriff verwendet. Caroline Torra-Mattenklott hat einerseits zurecht angemahnt, dass man „deskriptive Möglichkeiten […] verschenkt, wenn ‚Denkfigur‘ zu einem unreflektierten modischen Synonym für ‚Topos‘, ‚Motiv‘ oder ‚Idee‘ verblasst.“ (Caroline Torra-Mattenklott: Poetik der Figur. Zwischen Geometrie und Rhetorik: Modelle der Textkomposition von Lessing bis Valéry. Paderborn 2016, S. 61) Anderseits bleibt eine der eigentlichen Untersuchung vorangestellte Definition des Begriffs abstrakt. Daher begründet die vorliegende Arbeit die Verwendung erst im Rahmen ihrer historischen Untersuchung zur Geschichte polarer Denkfiguren, indem gezeigt wird, dass sowohl der erkenntnistheoretische Schwebezustand zwischen Bildlichkeit und Begrifflichkeit als auch die seit der Zeit um 1800 erkennbaren Anstrengungen um eine zeitdiagnostische Funktionalisierung der Polarität nahelegen, von einer ‚Denkfigur‘ der Polarität in Anlehnung an Erich Kleinschmidts Studie zur ‚Denkfigur der Denkfigur‘ zu sprechen. (vgl. hierzu Kap. 2.1).
Detlef Thiel diskutiert diese Bezeichnung als Hauptwerk kritisch und geht davon aus, dass das Werk eher als eine entscheidende „Phase der Philosophie Friedlaender/Mynonas“ zu charakterisieren ist. (Detlef Thiel: Einleitung: Friedlaender/Mynonas ‚Hauptwerk‘?. In: F/M 10, S. 9-87, hier: S. 10) Aus rezeptionsgeschichtlicher Sicht hat die Schöpferische Indifferenz jedoch die größte Wirkung in ihrer Zeit gehabt und wird daher nachfolgend – wirkungsgeschichtlich betrachtet – als Hauptwerk bezeichnet.
Uwe Steiner hat als Erster den konkreten Einfluss Friedlaenders auf Benjamins frühen politischen Arbeiten untersucht. Da Friedlaender für Steiner aber „kein genuin politisches, sondern erklärtermaßen ein umfassend metaphysisches Anliegen“ (Uwe Steiner, Der wahre Politiker, S. 70) verfolge, konzentriert er sich mehr auf den allgemeinen Debattenzusammenhang zwischen Friedlaender, Benjamin und Erich Unger. (vgl. hierzu auch Kap. 7.1) Detlef Thiel wiederum hat gezeigt, dass Friedlaender vor allem als Unterzeichner von Petitionen und Aufrufen politisch aktiv war, wodurch sich ein enges Wechselverhältnis zwischen „theoretischer und praktischer Haltung“ aufzeigen lasse. (Detlef Thiel: Philosophischer Polarismus: Zum sozialen und politischen Engagement Salomo Friedlaenders. In: Archiv für die Geschichte des Widerstandes und der Arbeit 19 (2011), S. 147-196, hier: S. 152) Die vorliegende Arbeit nimmt hier gewissermaßen eine Zwischenposition ein, indem sie die konkreten politischen Interventionen und zeitdiagnostischen Kritiken Friedlaenders auf die für Benjamins Rezeption entscheidende Frage zurückbindet, wie dort die kritischen Erkenntnismöglichkeiten der Gegenwart aus gleichermaßen politischer und ästhetischer Sicht überhaupt reflektiert werden.
Karl Mannheim: Ideologie und Utopie. Frankfurt a. M. 92015, S. 135.
Manfred Kuxdorf: Der Schriftsteller Salomo Friedlaender/Mynona: Kommentar einer Epoche. Eine Monographie. Frankfurt a. M. 1990, S. 75.
„Sie verstehen nicht, wie es auseinander getragen mit sich selbst im Sinne zusammengeht: gegenstrebige Vereinigung wie die des Bogens und der Leier.“ (Heraklit: Fragment 52. In: Hermann Diels: Die Fragmente der Vorsokratiker. Hamburg 1957, S. 27.) Benjamin erklärt gegenüber Adorno außerdem, dass seine beiden ‚Entwürfe‘ zum ‚Passagen-Werk‘ nicht aufeinanderfolgen, sondern ein „polares Verhältnis“ (Br V, 143) zwischen ihnen besteht. Weiter schreibt er in auffälliger Ähnlichkeit zu Heraklits Bild: „Nun habe ich die beiden Enden des Bogens – aber noch nicht die Kraft, sie zu spannen.“ (ebd.) (vgl. zu Heraklit auch das Kap. 3.2).
Zur Diskussion des apollinischen Schnittes vgl. Giorgio Agamben: Die Zeit, die bleibt. Ein Kommentar zum Römerbrief. Frankfurt a. M. 2006, S. 62-66. Eli Friedlander geht davon aus, dass es sich hier um eine Metapher für den goldenen Schnitt handelt (Eli Friedlander, Walter Benjamin. Ein philosophisches Portrait, S. 83). Für die Diskussion um die ‚goldene Mitte‘ vgl. Kap 10.3.
Friedrich Nietzsche: Die Philosophie im tragischen Zeitalter der Griechen. In: ders.: Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe (KSA), Bd. 1, hg. v. Giorgio Colli/Mazzino Montinari. München 1999, S. 799-872, hier: S. 825.
Heraklit: Fragment 52. In: Hermann Diels: Die Fragmente der Vorsokratiker. Hamburg 1957, S. 27.
Zu den erkenntnistheoretischen Voraussetzungen des frühromantischen Kritikbegriffs heißt es: „Erst mit der Reflexion entspringt das Denken, auf das reflektiert wird. Darum kann man sagen, jede einfache Reflexion entspringe absolut aus einem Indifferenzpunkt.“ (WB I.1, 39) Der Unterschied zwischen Fichte und der frühromantischen Kunstkritik bestehe hier allerdings, so Benjamin weiter, darin, dass insbesondere beim frühen Schlegel das Zentrum der aus der Indifferenz entspringenden unendlichen Reflexionsbewegung nicht das Ich, sondern die Kunst sei.
Albrecht Koschorke: Ein neues Paradigma der Kulturwissenschaften. In: Eva Eßlinge et. al (Hg.): Die Figur des Dritten. Ein kulturwissenschaftliches Paradigma. Berlin 2010, S. 9-31, hier: S. 11.
Ebd.
Die Vorstellung von Nietzsche als ‚Philosoph mit der Maske‘ zieht sich wiederum durch Friedlaenders gesamte Nietzsche-Biographie. Exemplarisch heißt es dort zum Zarathustra: „Wiederum wie jedes Werk ein Außenwerk, eine Maske dieses so schamhaften wie tiefen Geistes, der auch die Nacktheit noch wie einen Schleier zu tragen liebte.“ (F/M 9, 156). (vgl. zur Inszenierung von ‚Schreibmasken‘ auch das Kap. 3 sowie 4.3 und 4.4 und zum Motiv der Nacktheit das Kap. 9.3).
Koschorke nennt den Trickster, den Boten, den Dolmetscher, den Parasiten und den Rivalen. (vgl. Albrecht Koschorke, Ein neues Paradigma der Kulturwissenschaften, S. 10-11).
Eckart Goebel/Cornelia Zumbusch: Einleitung. In: dies. (Hg.): Balance. Figuren des Äquilibriums in den Kulturwissenschaften. Berlin/Boston 2020, S. 7-34, hier: S. 11.
Ebd.
Walter Rheiner: Philosophie des Dionysismus. Bei Gelegenheit von S. Friedlaender: ‚Schöpferische Indifferenz‘. In: Neue Blätter für Kunst und Dichtung 1 (1919), S. 264-265; Wiederabgedr. in und zit. nach: F/M 10, S. 581-584, hier: S. 581.
Detlef Thiel, Einleitung: Friedlaender/Mynonas ‚Hauptwerk‘?, S. 35.
Vgl. Georg Lukács: Tendenz oder Parteilichkeit [1932]. In: ders.: Schriften zur Literatursoziologie. Frankfurt a. M./Berlin/Wien 1985, S. 109-121.
Unter dem Stichwort ‚Schwellenkunde‘ hat Winfried Menninghaus bereits betont, dass Benjamins Inszenierung und Dramaturgie von Schwellen ein Denken in Extremen zeitigen, das nicht von vorausgesetzten Extremen ausgeht, sondern diese allererst produziert. (Winfried Menninghaus: Schwellenkunde. Walter Benjamins Passage des Mythos. Frankfurt a. M. 22015, hier: S. 55) Anhand der Konstellation mit Friedlaender lässt sich zeigen, dass diese Inszenierung von Schwellen ebenso wie die besondere Aufmerksamkeit auf eine medial gedachte Mitte bzw. auf „Gestalten des Zwischen“ (ebd.) rückgekoppelt werden müssen sowohl auf ihre konkreten Einsatzpunkte in den historischen Kontexten der 1920er Jahre als auch in eine Problemgeschichte der Polarität, auf die Benjamin und Friedlaender sich in vergleichbarer Weise beziehen.
Sonja Asal/Ethel Matala de Mazza: Zum Thema. In: Zeitschrift für Ideengeschichte 2 (2008), Heft 3: Extremes Denken, S. 4.
Vgl. Ernst Cassirer: Substanzbegriff und Funktionsbegriff. Untersuchungen über die Grundfragen der Erkenntniskritik. In: ders.: Gesammelte Werke. Hamburger Ausgabe, Bd. 6, hg. v. Birgit Recki. Hamburg 2000.
Irving Wohlfarth: Nihilistischer Messianismus. Zu Walter Benjamins ‚Theologisch-politischem Fragment‘. In: Ashraf Noor/Josef Wohlmuth (Hg.): ‚Jüdische‘ und ‚christliche‘ Sprachfigurationen im 20. Jahrhundert. Paderborn 2002, S. 141-214, hier: S. 182.
Eine Einschränkung sei hier in Bezug auf diese Vergleichsperspektive bereits vorausgeschickt: Die Frage nach der Rolle des Judentums gäbe einen bemerkenswerten Untersuchungsgegenstand und Vergleichspunkt zwischen Benjamin und Friedlaender ab. Die von Benjamin selbst bisweilen als „Teilrolle“ (Br I, S. 83) bezeichnete Bedeutung, die er dem Jüdischen in seinem Denken zugesprochen hat, ist bereits zentraler Gegenstand kontroverser Debatten und vielfältiger Forschungen geworden. Die Bedeutung von Friedlaenders Bekenntnis – „[…] ich bin Jude, das läßt sich nicht leugnen“ (F/M 24, S. 77) – ist hingegen noch nicht systematisch untersucht worden. Im Zuge der Untersuchung werden anhand der Differenz von Profanem und Messianischen zwar jüdische Denktraditionen aufgerufen und diskutiert. Ein systematischer Vergleich beider Autoren in Bezug auf genuin jüdische Denktraditionen würde den Rahmen dieser Arbeit jedoch sprengen und bleibt damit einer späteren Studie vorbehalten.