Als 1994 Derridas Politique de l’ amitié erschien (deutsch: Politik der Freundschaft 2002) endete ein langes Schweigen in der Philosophie über das existentielle Phänomen der Freundschaft. „Die Freundschaft als Philosophie, die Philosophie als Freundschaft, die philosophische Freundschaft, die Freundschaft-Philosophie – das wird im Abendland stets ein in sich unauflöslicher Begriff gewesen sein. Keine Freundschaft ohne eine Art philosophia, keine Philosophie ohne philia.“ Eine zunächst erstaunliche These, deren Dignität geprüft werden wird.
Das erste Kapitel des Buchs beginnt mit einer Aristoteles zugeschriebenen Aussage: „‚O meine Freunde, es gibt keinen Freund.‘“ O philoi, oudeis philos. Eine klagende Anrede an anonyme Freunde, an Freunde schlechthin, über die Absenz eines (wahren) Freundes. Derrida will das Paradoxe, den performativen Widerspruch dieser Sentenz herausarbeiten, denn die wahre Freundschaft sei auch auf eine Zukunft gerichtet, auf eine kommende, eine ankommende, die Derrida mit einem veränderten Demokratiemodell verbindet. Ihm geht es um die Relationen zwischen der Freundschaft und dem Politischen, der Ethik, dem Tod und der Trauer.1
Der Topos Freundschaft umfasst viele Formen: Gastfreundschaft, Geschäftsfreundschaft, Frauen- und Männerfreundschaft, Sportfreundschaften, Jugend- und Erwachsenenfreundschaften, Busenfreunde, Tierfreunde, Blutsbrüder, Kameradschaft, Bruderschaft, Verwandtschaft etc. Freundschaften durchziehen und prägen unser Leben; sie prägen uns. Durch sie erfahren wir Trauer, Schmerz, Verlust, Hilfe, Vertrauen, Sympathie, Verständnis, Zuneigung etc. – und Glück. „Freundschaft müsse sicher sein. Wie Glückseligkeit sich selbst genüge“, so Aristoteles in Eudemische Ethik. Gelebte Freundschaften strukturieren unsere Existenz. Nicht zu vergessen, dass wir durch sie auch Verrat und Rache erleben können („Verrath eines Freundes. Lieber zu Grunde gehen und einiges Vertrauen haben, daß es günstigere Lagen giebt, unseren höchsten Zweck durchzuführen“)2 – wie Nietzsche im Nachlass von 1883 erläutert sowie Wut, Missgunst, Neid, Hass etc. Eine Freundschaft einzugehen, bedeutet bereit zu sein, mit der ganzen Bandbreite menschlicher Erfahrungen konfrontiert zu werden und sie anzunehmen. Das soll und kann uns beschenken, aber auch überfordern, wir können traumatisiert werden, verzweifeln.
Ohne Freundschaften scheint ein Leben schwer vorstellbar, und noch schwerer, es als ein gelungenes zu klassifizieren. Das muss philosophisch belegt werden, dem wird sich die Untersuchung stellen. Bei gelungenen Freundschaften geht es stets um Treue, Achtung, Respekt, Liebe, Anziehung, Sympathie und Vertrauen. Hinsichtlich der Rolle der Sympathie weist Kierkegaard daraufhin: „Die Bedingung schlechthin für Freundschaft ist Einssein in der Lebensanschauung. Ist das vorhanden, so wird man nicht versucht sein, seine Freundschaft auf dunkle Gefühle zu gründen oder auf unerklärliche Sympathien.“3 Gibt es dieses „Einssein in der Lebensanschauung“, dann wird das zum stabilen Grund der Sympathie. Das bezweifelt Nietzsche im Nachlass von 1888 nachdrücklich: „Das Sichhineinleben in andere Seelen ist urspr(ünglich) nichts Moralisches, sondern eine physiologische Reizbarkeit der Suggestion: die ‚Sympathie‘ oder was man ‚Altruismus‘ nennt, sind bloße Ausgestaltung[en] jenes zur Geistigkeit gerechneten psychomotorischen Rapports“. Mit dem Hinweis auf die Physiologie will er das Sympathetische und Empathische der Moral entreißen, warum sie aber überhaupt zu ihr zu zählen sind oder zu ihr gezählt werden, bleibt ohne Beleg.
Freundschaften einzugehen heißt, sich einem diffizilen Prozess des Gebens und Nehmens zu überantworten, der zuweilen schwer zu steuern ist und dessen Folgen unabsehbar sein können. Freundschaften sind grundsätzlich fragil, sie erfordern Sensibilität und Empathie. Aristoteles schreibt: „Die Zeichen der wahren Freundschaft erkennen wir, wenn jemand das Leid eines anderen mitempfindet“.4 Die Freundschaft beruht auf einem innigen Austausch, im besten Fall auf Reziprozität. Sie zu erhalten, bedeutet etwas zu riskieren, und temporär mitunter mehr zu investieren, als man zurückbekommt. Bei all dem muss dem Kalkulieren ein Ende gesetzt werden. Freundschaften einzugehen, kann heißen, sich auszuliefern, zu vertrauen, ohne je Gewissheit haben zu können, ob das richtig und angemessen ist.
Freundschaften beinhalten und umkreisen ein Versprechen, ein Surplus, von dem allein der selbstverpflichtende Wille, es einzuhalten, als Garant bleibt, Ein Versprechen auf eine gemeinsame, eine geteilte Zukunft. In diesem Surplus liegt das Versprechen, das den Willen zu seiner Einhaltung verkörpert. Damit wird einmal mehr die strukturelle Fragilität jeder Freundschaft deutlich. Selbst der und die Versprechende können keinerlei Garantie geben; sie müssen allein ihrem Willen vertrauen und dieses Vertrauen dem anderen und der Freundschaft als Unterpfand bieten. Inwieweit das trägt, erweist sich in den konkreten Situationen. Wenn die Freundschaft andauert, werden das sehr viele sein. In all diesen Situationen – und sie müssen nicht unbedingt eine Begegnung, gemeinsame Erfahrungen der Befreundeten bedeuten, es kann sich um Erzählungen aus ihrer Lebenswelt mit dem Anspruch nach kongruenter Bewertung handeln –, kommt es also stets wieder zu Prüfungen und Überprüfungen des Versprechens, das die Freundschaft unterfüttert, und sie (als eingehaltenes) stabilisiert.
Es kann weiter auch als richtig gelten, dass Widerspruch und Dissens zur Freundschaft gehören, sie womöglich beleben. Ich bin jedoch davon überzeugt, dass der Wille, Übereinstimmungen festzustellen, stärker sein muss. Gleichwohl bleibt die Frage nach dem Verhältnis von Kongruenz und Dissens/Differenz, dem Aushalten von Ambivalenzen, ja von Widersprüchen, die jede Freundschaft begleiten und an deren Meisterung sie sich zu bewähren hat.
In einem Brief vom 25. August 1869 aus Basel betont Nietzsche gegenüber Paul Deussen: „Zur Freundschaft gehört Gegenwart: sonst tritt an ihre Stelle der Kultus der Erinnerung.“5 Damit reflektiert er hier nicht wie an anderer Stelle, dass auch Distanz zur Freundschaft gehört, dass sie von einer Dialektik aus Distanz und Nähe gezeichnet ist. Die Situationen und die mit ihnen verbundenen Erfahrungen in der Freundschaft sind wiederkehrende Prüfungen in Form von Einordnungen, Bewertungen, Parteinahmen oder auch Gleichgültigkeit. Hier wird – und immer wieder aufs Neue – das Versprechen zur im besten Fall uneingeschränkten Loyalität zwischen den Befreundeten und damit gegenüber der Freundschaft dahingehend überprüft, ob es eingelöst wurde oder eben nicht. Seine Erfüllung gibt beiden Hoffnung und Vertrauen für eine Zukunft der Freundschaft. Es geht hier um nichts weniger als um die Frage, eine, die sich beide immer wieder stellen, trägt und taugt diese Freundschaft? Das müsste von den Befreundeten gleich bewertet werden. Wird das unterschiedlich gesehen, ist die Freundschaft gefährdet. Entstehen jedoch Situationen, Erfahrungen, die übereinstimmend so evaluiert werden und das angesichts der begründeten Ansprüche an die Freundschaft, seien sie ausgesprochen oder nicht, kann man mit Adorno von einem identischen Moment sprechen – einem aus der Freundschaft geschöpften.
In der Freundschaft geht es gleichermaßen um das Selbst- und Fremdverhältnis, um die grundlegende Relation von Ich und Nicht-Ich. Dabei kommt es zu einer wechselseitigen Verschiebung, einer Versetzung des Selbst zum Freund, der Freundin, mit der ein beidseitiger approximativer Perspektivenwechsel auf das jeweils andere Terrain stattfindet. Das sollte in der reziproken Erfahrung von Gegenseitigkeit erfolgen, sich ereignen, im Sich-umeinander-Kümmern, sich Verstehen. Dazu bedarf es einer spezifischen, von Freundschaft etablierten Gesprächskultur, die von Wahrhaftigkeit, Verlässlichkeit, Aufrichtigkeit, Ernsthaftigkeit, Offenheit und Solidarität getragen sein muss.
Ich werfe hier einen Blick auf Feuerbachs Analyse der Relationen zwischen Ich und Du, die unser Selbstverhältnis stiften. Von hier aus eröffne sich ein philosophisches Verständnis des realen Menschen. Dieser ist ein leiblicher, Leib verfasster – Nähe zu Nietzsches Leibsemantik – und von da aus mit der Auslegung der Wirklichkeit befasst. „Der andere ist mein Du – ob dies gleich wechselseitig ist –, mein alter ego, […] mein aufgeschlossenes Innere […] An dem andern habe ich erst das Bewußtsein der Menschheit.“6 An dem anderen in der Freundschaft, mit ihm und durch ihn, scheint für Feuerbach das Bewusstsein von Menschheit zu entstehen. Was das für ihn ist, bleibt hier unausgewiesen.
Stabile Freundschaften brauchen geteilte Werte, Bewertungen, Überzeugungen, Einstellungen, Übereinstimmungen, Vorlieben, Interessen, Neigungen, Erfahrungen, Erlebnisse. Dabei etablieren sie eine einzigartige und geteilte Kultur der Gefühle, die Vertrauen schaffen soll und schaffen muss. Das Versprechen auf sie kommt mit dem Befreunden, es muss kommen und seine Realisation braucht Zeit, womöglich viel Zeit. Die genannten Essentials der Freundschaft verschieben sich dabei und nehmen wechselnde und wechselnd dominierende Rollen ein. Auch dazu braucht es ein Sich-Einlassen, das ist die Voraussetzung, was zuweilen bis zur Aufopferung gehen kann.
Die Sorge um den Freund, die Freundin kann mit der Selbstsorge deckungsgleich sein oder von ihr abweichen. Zur Freundschaft gehören, wie schon erwähnt, Selbst- und Fremdsorge, auch sie können sich wie Distanz und Nähe dialektisch zueinander verhalten. Sie verschmelzen zuweilen, müssen aber gleichwohl zwei unterschiedlichen Personen zugeordnet werden, die in diesem Spiel als Freundinnen und Freunde ihre variablen Rollen spielen. Man setzt sich dabei dem variierenden und wandelbaren Verhältnis von Distanz und Nähe aus. Konflikthaft wird es, wenn die Selbstsorge die Fremdsorge überschattet und umgekehrt. Dann steht die Frage nach dem angemessenen Verhältnis von Geben und Nehmen zur Disposition.
Freundschaften werden vom Grundsatz her freiwillig geschlossen. Reine Zweckbündnisse können nicht zu ihnen gezählt werden. Sie entstehen durch eine Entscheidung, die eine wohlwollende Bejahung der anderen Person impliziert. Aus ihr erfolgt dann in der Regel ein Entschluss zur Freundschaft als ein bewusstes, zugeneigtes Wollen, eine Wahl. Initial werden sie von einer besonderen Sympathie und Anziehung gestiftet, die einen Vorschuss bedeuten können, auch sie sind mit einem Versprechen verbunden, können es auslösen. Beide sind auf einem zunächst leeren Feld situiert, das mit Erfahrungen bestellt werden soll und muss. Nicht reziproke Freundschaften, vielleicht besser Verbindungen, ziehen schlechte Abhängigkeiten, ja Hörigkeit nach sich, wiewohl eine gewisse Hintanstellung eigener Bedürfnisse für jede Freundschaft unabdingbar ist.
Freundschaften zu anderen, so darf man mit Aristoteles unterstellen, beruhen zudem auf einem freundschaftlichen Selbstverhältnis. „Denn Freundschaft ist Gemeinschaft. Und wie jemand zu sich selbst steht, so steht er auch zu seinem Freunde. Nun ist aber das Bewußtsein des eigenen Daseins für uns wertvoll und somit auch das Bewußtsein des Daseins unserer Freunde“,7 woraus zu entnehmen ist, dass die Voraussetzung für die Freundschaft ein freundschaftlicher Selbstbezug ist, sonst kann sie nicht entstehen und gelebt werden. Die sich selbst ablehnen, nicht wertschätzen, verachten, werden keine Freunde sein und finden und auch keine Freundschaften eingehen können.
Selbstverständlich gibt es auch Freundschaftsbünde, zu denen mehrere Personen gehören. Ich beziehe mich im Folgenden jedoch auf die Zweierbündnisse und damit auch auf die freundschaftliche Intimität, um hier insbesondere die Dialektik von Distanz und Nähe, Geben und Nehmen, Selbst- und Fremdsorge genauer untersuchen zu können und. In Eudemische Ethik schreibt Aristoteles:
Auch das wir viele Freunde suchen und wünschen und zugleich sagen, niemand ist ein Freund, der viele Freunde habe, ist beides richtig. Denn wenn es möglich ist, ist es am wünschenswertesten, mit möglichst vielen zusammenzuleben und -zuempfinden. Da dies aber sehr schwierig ist, muss die Bestätigung gemeinsamen Erlebens sich auf einen kleineren Kreis beschränken, so daß es nicht nur schwer ist, viele Freunde zu gewinnen, die man doch prüfen müßte, sondern auch, wenn sie da sind, zu verwerten.
Diese Aussage muss auch auf die Follower in den sozialen Medien appliziert werden. Hier verhindert die Menge, pure Quantität die Freundschaft.
Aristoteles weist zudem auf die Bedeutung der Freundschaft für die Gemeinschaft hin, womit sie nicht nur eine private/soziale, sondern auch eine politische Dimension bekommt. „Die Freundschaft in Gleichheit ist die staatsbildende“.8
Trotz ihrer existentiellen Bedeutung spielt die Freundschaft in der Philosophie – im Unterschied zur Antike – nur noch eine untergeordnete, wenn überhaupt eine Rolle. Abgesehen von Nietzsche, Schopenhauer, Simmel und Derrida kann man kaum etwas Relevantes dazu finden. Das ist angesichts ihres Status’ für unsere Existenz erstaunlich. Ganz zu schweigen von ihrer Bedeutung für die Literatur und Lyrik, die Kunst, Oper, das Musiktheater, die Poesie, die bildende Kunst, die Unterhaltungsindustrie, das Liedgut etc. Warum also wird die Freundschaft aus dem philosophischen Diskurs heute weitgehend ausgeklammert, obwohl sie für unser Leben existentiell ist? Das mag zum einen daran liegen, dass sie zwischenzeitlich überwiegend zum Gegenstand der Soziologie, Pädagogik und Psychologie geworden ist, obwohl sie auch dort nicht die ihr gebührende Bedeutung genießt. Ist die Freundschaft zu privat, um sie theoretischer Reflexionen für würdig zu erachten? Privat ist sie zwar, aber stets sind gesellschaftliche, kulturelle und soziologische Parameter in ihr kondensiert, die sie auch prägen. Die Freundschaft braucht philosophische Orientierungen, denn in den angewandten Wissenschaften können die grundlegenden existenz- und praxisphilosophischen sowie die ethisch-moralischen Fragestellungen, die mit ihr verbunden sind, nicht grundlegend analysiert und begriffen werden.
Hinzukommt, dass es im Zeitalter von Facebook und anderer sozialer Medien paradoxerweise zu einer Situation gekommen ist, in der man sich mit Hunderten, Tausenden und mehr befreunden kann, ohne sie auch nur gesehen zu haben, geschweige denn, sie zu kennen. So ist ein digitaler Kosmos entstanden, überlaufen von narzisstischen Followern, die sich in irrealen Begehrensstrukturen tummeln, und die den Mangel an realer, sozialer Interaktion und Anerkennung spiegeln. Ein Kosmos jedenfalls, in dem es keine nahen Freunde/Freundinnen gibt und einer, in dem man unter gar keinen Umständen angesiedelt sein möchte. Zuzugeben ist, dass die soziale Einsamkeit, ja Isolation inzwischen so stark geworden ist, dass hier digitale, soziale Kontakte mit Freundschaften und Follower mit Freunden/Freundinnen verwechselt werden.9
Gerade weil die Freundschaft aktuell durch ihre digitale Vermarktung alles eingebüßt hat, was sie ausmacht und ausmachen sollte, muss man sie der Philosophie erneut zur Aufgabe überantworten. In Rede stehen neben anderem der Wert der Freundschaft für die Existenz, die Begründung und Ausbuchstabierung ihrer existentiellen Dimension, die Frage nach dem Glück, der Sinnlichkeit, der Befriedigung und ihre Abgrenzung gegenüber Liebe, Sexualität, Erotik und Lust im genuinen Sinne, denn Anteile davon sind in jeder Freundschaft anzutreffen, gehört sinnliche Anziehung doch zu ihren initialen Auslösern.
In den relevanten antiken Philosophien treffen wir auf ausführliche Reflexionen über die Freundschaft; ihr Stellenwert für unser Dasein wurde als ein sehr hoher erachtet – sei es bei Platon und Aristoteles, bei Cicero und Seneca. Eine manifeste Zäsur ihres Status kommt mit dem Christentum, wertet es doch die irdische zugunsten der Freundschaft (Liebe) zu Gott ab. Augustinus zufolge soll man nicht den Freund, sondern Gott zu lieben, wodurch die christiana caritas die antike philia substituiert. Ganz anders Michel de Montaigne. In seinem berühmten Essay „Über die Freundschaft“ stellt er sie – vorbildhaft bezieht er sich hier auf seine innige Beziehung zu seinem früh verstorbenen Freund Etienne de La Boétie – über die Ehe und die Geschlechterbeziehungen. „In der Freundschaft hingegen gibt es keinen Handel, sie beschäftigt sich ausschließlich mit sich selbst.“10 Das „hingegen“ impliziert, in der Ehe und den Liebschaften dagegen schon. Wahre Freundschaft kenne keinen anderen Gegenstand, Inhalt, keine andere Thematik, Beschäftigung als die Freundschaft selbst. So gesehen, scheint sie für Montaigne vollkommen autark im Gefühl der Befreundeten bestehen zu können. Das wird sich nicht auf jede Form der Freundschaft applizieren lassen.
Entsprechend unterscheidet Aristoteles drei Arten der Freundschaft: die Tugend-Freundschaft, die Lust-Freundschaft und die Nutzen-Freundschaft. Erstere könne es nur unter tugendhaften Menschen geben. Bei Lustfreunden überwiege das Angenehme, während Nutzenfreunde sich nützlich seien. Nur der Mensch könne eine Tugendfreundschaft eingehen; die Nutzen- und Lustfreundschaft finde man auch bei Tieren, womit diese abgewertet werden und nicht zu einer wahren Freundschaft zu zählen sind.11
Im Lysis ist man auf der Suche nach dem Grund der Freundschaft. Platon unterstreicht wie Aristoteles, dass sie über jedem irdischen Besitz stehe. Im zweiten Teil des mitunter verwirrenden Dialogs, der sich gegen ihre gewöhnlichen Bewertungen und Auffassungen wendet, wird die Freundschaft breit aufgestellt. Sie umfasst sowohl die ‚(homo)erotische Freundschaft‘, die ‚erotiklose Freundschaft‘ als auch die ‚Freundschaft zu Dingen‘. Sokrates behauptet, am besten gewinne man einen Freund, wenn man an sich arbeite, um sich so zu verbessern, um Selbstbewusstsein zu gewinnen und sich Wissen anzueignen. Gesprächsweise stellt er drei Arten von Freundschaft vor: 1) die wechselseitige oder reziproke Beziehung, 2) die einseitig-aktive, nicht reziproke Beziehung und 3) die einseitig-passive Beziehung; Person A ist nicht mit Person B befreundet, aber B ist dennoch Freund von A. Einseitige Freundschaften erkennt Sokrates nicht als solche an.
Da die Ähnlichkeit unter den Befreundeten, so die geläufige Annahme, für ihre Beziehung essentiell ist, können in Aristoteles’ tugendethischer Evaluation nur die Guten miteinander befreundet sein, die sich, im Unterschied zu den Bösen, ähnlich sind. Ihre Tugendhaftigkeit befähigt sie zur Freundschaft. Sokrates gibt aber demgegenüber im Lysis zu bedenken, dass jede Wertschätzung auf einem Nutzen beruhe.
Wie also können uns überhaupt Gute mit Guten freund werden, welche weder in der Abwesenheit sich nacheinander sehnen, denn sie genügen jeder sich selbst auch einzeln, noch auch vereinigt irgend Nutzen voneinander haben? Wie ist zu bewerkstelligen, daß solche einander sehr wert seien? – Auf keine Art, sagte er. – Freunde aber können sie doch nicht sein, wenn sie einander nicht sehr wert sind.12
Freundschaften, so ein Resultat dieser Disputation, beruhen auf einem wechselseitigen Nutzen, ein wichtiger Unterschied zu Aristoteles und auch zu einer romantischen Verklärung der Freundschaft. Wahre Freundschaft besteht für Sokrates zwischen dem Menschen und dem proton philon, was das Gute umschreibt. Daneben wird die Begierde nach dem, was wir nicht haben, zu ihrem Inhalt. In diesem Frühdialog wird mit dem proton philon ein Vorgriff auf die erst später entwickelte Ideenlehre Platons vorgenommen. Lysis endet in der Aporie, der Dialog hat über einen Grund der Freundschaft und ihre Bewertung kein verbindliches Ergebnis erbracht. Weder gesellt sich Gleich und Gleich noch ziehen sich Gegensätze an.
Ein besonderes Augenmerk wird die Untersuchung auf Nietzsches Freundschaftssemantik richten, die in seiner Philosophie einen herausgehobenen und dabei einen an die antiken Griechen erinnernden Status hat. Jedoch muss stets bedacht werden, dass sie bei ihm mit der Einsamkeit in einem dialektischen Verhältnis steht.13 So soll etwa der freie Geist in der „Wüste“ leben, sich aufs „offene Meer“ zu einer ungewissen Fahrt ohne Ziel begeben und sich „neuen Horizonten“ überlassen. Auch der schaffende, der dionysische Künstler wird und kann nur ein Einsiedler sein – und sein Kunstschaffen steht bei Nietzsche über allem.
Freundschaften schließen bei ihm zudem Mitglieder einer Elite ein, wie aus einem Brief vom Februar 1870 an Paul Deussen aus Basel hervorgeht: „Die geistige Einsiedelei und gelegentlich ein Gespräch mit Gleichgesinnten sind unser Loos […] Auch wollen wir niemanden bekehren, weil wir die Kluft empfinden als eine von der Natur gesetzte.“ Ob Deussen eine geistige Einsamkeit empfunden hatte, ist nicht zu klären und auch nicht, ob er die Einsamkeit als ein „Loos“, ein Schicksal, als etwas Bedrohliches oder Ermutigendes empfand. Der Apologet der Einsamkeit Nietzsche sieht sie in diesem Brief als sein „Loos“. In einem weiteren vom Mai 1887 aus Chur an Malwida von Meysenbug wünscht er „unsre zwei Einsamkeiten wieder einmal in die allernächste herzlichste Nachbarschaft zu rücken“14 und verkennt dabei, dass sie keineswegs einsam war. Auch hier zeigt sich wohl letztlich der Wunsch, seine persönliche Einsamkeit, die sein Werk so hochschätzt, aufzuheben.
Im Aphorismus Von den Freunden aus „Der Mensch im Verkehr“ zeichnet er ein skeptisch-pessimistisches Bild über die Möglichkeit, einen Freund zu haben.
ja es giebt Freunde, aber der Irrthum, die Täuschung über dich führte sie dir zu; und Schweigen müssen sie gelernt haben, um dir Freund zu bleiben; denn fast immer beruhen solche menschliche Beziehungen darauf, dass irgend ein paar Dinge nie gesagt werden, ja, dass an sie nie gerührt wird; kommen diese Steinchen aber in’s Rollen, so folgt die Freundschaft hinterdrein und zerbricht. Giebt es Menschen, die nicht tödtlich zu verletzen sind, wenn sie erführen, was ihre vertrautesten Freunde im Grunde von ihnen wissen? […] Es ist wahr, wir haben gute Gründe, jeden unserer Bekannten, und seien es die grössten, gering zu achten; aber eben so gute, die Empfindungen gegen uns selber zu kehren.15
Es scheint, als scheiterten Freundschaften an der Unzulänglichkeit der menschlichen Natur. Damit wird keine Geringschätzung den Freunden/Freundinnen oder der Freundschaft gegenüber ausgedrückt, sondern allein eine Skepsis, eine große zugegeben, an deren Gelingen-Können. Hinzukommt der Auftrag zur Selbstreflexion, zur Prüfung des eigenen Anteils am Scheitern der Freundschaft, die Nietzsche mit der Einsicht in unsere Täuschungen und Selbsttäuschungen verbindet. Demgegenüber gibt es viele Passagen, in denen die Freundschaft vom ihm geradezu geadelt wird. Für die gute Freundschaft werden zudem relevante Indikatoren benannt. Sie gravitieren um das Verhältnis vom Ich zum Du sowie um das von Distanz und Nähe (Stichwort Intimität). In „Vom Freunde.“ „Ich und Mich sind immer zu eifrig im Gespräche: wie wäre es auszuhalten, wenn es nicht einen Freund gäbe?“16 Der Freund scheint unverzichtbar, um den inneren Monolog, der nur in einem endlosen Regress münden kann, zu beenden.
Nicht zu vergessen ist Nietzsches persönliche Angewiesenheit auf seine Freunde, mit denen ihn langjährige Beziehungen verbanden, die auch für sein Schaffen von großer Bedeutung waren. An seinen Freund Erwin Rohde schreibt er am 15. August 1869 aus Badenweiler: „Wenn wir aber trächtig sind, da ist niemand zu Hülfe, der uns bei der schweren Geburt beisteht: und finster und morose legen wir dann unsern derben ungestalten neugebornen Gedanken in irgend eine dunkle Höhle; das Sonnenlicht der Freundschaft fehlt ihm.“17 Trächtig mit Gedanken, scheint hier gemeint zu sein, und die neugeborenen brauchen nicht nur Sonnenlicht, sondern vor allem Freunde, Paten brauchen sie, um zu bestehen.
Ausgehend von der These, dass über die Freundschaft im Nexus einer Ethik und Ästhetik der Existenz zu reflektieren ist,18 werden im Folgenden neben anderem aus dieser Perspektive ihre Essentials: das Verhältnis von Ich und Du, die Relationen zwischen Distanz und Nähe, das Verhältnis von Geben und Nehmen, Einsamkeit, die Bewahrung individueller Freiheit beim Sich-Einlassen auf den Freund, die Freundin, zwischen Fremdsorge und Selbstsorge, das Verhältnis von Freiheit und Verantwortung, aber auch die Bedeutung der Ähnlichkeit, der Übereinstimmung, der Gleichheit, die Glücksthematik, die Abgrenzung zur Liebe (u.a. Platon, Freud, Luhmann) und Erotik etc., die sich in der Geistesgeschichte finden, vorgestellt und diskutiert.19 Danach werden konzeptionelle Überlegungen für eine Philosophie der Freundschaft skizziert.
Die Einteilung der Untersuchung über die Freundschaftssemantiken verläuft zunächst entlang des historischen Fadens der Geistes- und Philosophiegeschichte, wobei es immer wieder zu Querverweisen anhand der tragenden Attribute der Freundschaft, etwa der Tugend, dem Guten, dem Verhältnis von Ich und Du etc. kommt. Danach gibt es Darlegungen zu den Denkern, die sich mit der Freundschaft auseinandersetzen, woran sich Kapitel über die Semantik der Liebe in Abgrenzung zur Freundschaft und die Freundschaftssemantik in der Moderne und Postmoderne anschließen. Den Abschluss bilden Kapitel über die Politik der Freundschaft und eines zu den Prolegomena einer Philosophie der Freundschaft.
Ich danke Hermann Kocyba, Henning Siekmann und Helmut Walther für unsere Gespräche. – Derrida 2002, 200; 17. – „Die Freundschaft wahrt nicht das Schweigen, sie wird durch das Schweigen bewahrt. Sobald sie mit sich selbst Zwiesprache hält, verkehrt sie sich in ihr Gegenteil – um nun, da sie sich ausspricht, zu sagen, daß es keine Freunde gibt. Sie spricht die Wahrheit aus – und die Wahrheit ist hier stets das, was man besser nicht kennen sollte.“ – „Der Freund ist derjenige und er ist in gewisser Hinsicht der einzige, der meinen eigenen Tod trägt, der schwanger geht mit diesem meinem eigenen und so im voraus ent-eigneten, mir im voraus genommenen Tod.“ Ebd., 85; 35.
Aristoteles 1954, 200; NL 1883, 7[241]; KSA 10, 317.
Kierkegaard 1982, Zweiter Teil Band 2, 341. „Eine wahre Freundschaft fordert allzeit Bewußtsein und wird dadurch davon erlöst, Schwärmerei zu sein.“ Sie bestehe allein im Ernst einer gemeinsamen Anerkennung des Seins und einem ethischen „Einssein in der Lebensanschauung“, einer ethischen Betrachtung und Beurteilung der Wirklichkeit. „Freundschaft heischt mithin eine positive Lebensanschauung. Eine positive Betrachtung des Lebens läßt sich jedoch nicht denken, ohne daß sie ein ethisches Moment in sich trüge. […] Betrachtet man die Freundschaft auf diese Art, so betrachtet man sie ethisch und daher nach ihrer Schönheit.“ Ebd., 341ff. – „Das Gefühl der Sympathie könnte aus dem Gegensatz entstanden sein: die Furcht und die Antipathie gegen das Fremde Andere ist das Natürliche. Nun tritt der Fall ein, wo dies Gefühl schweigt, keine Furcht: wir beginnen dies Ding zu behandeln, wie uns selber.“ NL 1880, 4[123]; KSA 9, 132.
Aristoteles zitiert nach Adomeit 1992, 2. – „Der Freund wünscht sich nicht nur, sich mit dem Freunde zu erfreuen, sondern das gleiche Leid zu teilen, mit dem Dürstenden mitzudürsten, so nahe wie möglich dessen Leid zu sein. Sich aus keinem anderen Grund zu freuen, als weil der Freund sich freut, gilt als Freundschaftsmerkmal.“ Ebd., 7. – „Man theilt sich nie Gedanken mit, man theilt sich Bewegungen mit, mimische Zeichen, welche von uns auf Gedanken hin zurück gelesen werden …“ NL 1888, 14[119]; KSA 13, 297.
„Nicht wahr, das ist eine stolze Reihe von Namen, deren ich mich wohl erfreuen darf, zumal ich mit dem Prädikat ‚Freund‘ sehr karg und haushälterisch bin und gar nicht darauf aus bin, nähere Bekanntschaften zu machen.“ KSB 3, 45f.
FGW 5, 277. – „das letzte Prinzip […] ist vielmehr die Einheit von Ich und Du. Ich ist Verstand, Du ist Liebe. Liebe aber mit Verstand und Verstand mit Liebe ist Geist“. FGW 9, 227. – „Jeder Freundschaft gegenüber u. damit einem noch so verbundenen ‚Cooperieren‘ menschlichen Schicksals mit menschlichem Schicksal, erzwingt die Liebe darüber hinaus das Sich-geben. Freundschaft ohne – sagen wir – sentiments ist unmöglich u. unwürdig. Liebe überspringt diese Möglichkeit des Zusammen noch einmal u. konstituiert gegen das ewige Ich u. Du das Wir u. damit Ausschließlichkeit. In der Freundschaft sind die Freunde relativ aufeinander bezogen, aber innerhalb dieser Relation bleibt jeder, was er ist, obwohl er in dieser Relation etwas anderes ist, als vorher.“ Arendt an Erwin Loewenson am 23.1.1928, in: Deutsches Literaturarchiv Marbach, Signatur A: Arendt 76.956/2.
Nikomachische Ethik 1171b-1172a. – In der Nikomachischen Ethik findet sich die aristotelische Ethikkonzeption, die anders als in der nur in Fragmenten überlieferten Eudemischen Ethik ein Werk mit einem systematischen und logischen Aufbau ist. Auf die abendländische Philosophiegeschichte hat es großen Einfluss ausgeübt. Hier definiert Aristoteles das Ziel des Strebens als eudaimonia. Die Ausführungen zur Freundschaft in Buch VIII und IX können als sein Höhepunkt gelten, weil hier das moralisch- glückliche Leben als eines in der Gemeinschaft ausgewiesen wird.
Aristoteles 1954, 228f.; 217. – „Freilich bezieht sich die freundschaftliche Eintracht nicht auf alles, sondern nur auf das, was diejenigen, die sich einig sind, durchführen wollen […] Eintracht gibt es auf dem Boden des Guten“. Ebd., 212.
„Die absolute Einsamkeit, die gewaltsame Rückverweisung auf das eigene Selbst, dessen ganzes Sein in der Bewältigung von Material besteht, im monotonen Rhythmus der Arbeit, umreißen als Schreckgespenst die Existenz des Menschen in der modernen Welt. Radikale Isolierung und radikale Reduktion auf stets dasselbe hoffnungslose Nichts sind identisch. Der Mensch im Zuchthaus ist das virtuelle Bild des bürgerlichen Typus, zu dem er sich in der Wirklichkeit erst machen soll.“ GS 3, 258.
„Alles teilten wir miteinander, und mir ist, als raubte mein Überleben ihm seinen Teil.“ Montaigne 1998, 100; 104. – „Das Beste an der Ehe ist die Freundschaft. Ist diese gross genug, so vermag sie selbst über das Aphrodisische mildernd hinwegzusehen und hinwegzukommen. Ohne Freundschaft macht die Ehe beide Theile gemein denkend und verachtungsvoll.“ NL 1876, 18[37]; KSA 8, 325. – „Nicht die Abwesenheit der Liebe, sondern die Abwesenheit der Freundschaft macht die unglücklichen Ehen.“ NL 1876/77, 23[72]; KSA 8, 427. – „Was sind mir die Freunde, die nicht wissen, wo unser Schweres und wo unser Leichtes liegt! Es giebt Stunden, in denen wir unsere Freundschaften wiegen.“ NL 1880, 7[235]; KSA 9, 366.
„Die genannten Arten der Freundschaft beruhen auf Gleichheit. Denn die Freunde erhalten dieselben Dinge voneinander und wünschen einander dasselbe oder tauschen miteinander das eine für das andere aus, zum Beispiel Lust für Nutzen. Wir haben jedoch gesagt, dass diese beiden Arten Freundschaften in einem geringeren Grad und weniger dauerhaft sind. Aufgrund der Ähnlichkeit und Unähnlichkeit mit derselben Sache hält man jedoch beide für Freundschaft oder nicht für Freundschaft. Wegen der Ähnlichkeit mit der auf Gutheit beruhenden Freundschaft nämlich erscheinen sie als Freundschaften; denn die eine hat das Angenehme, die andere das Nützliche, das aber kommt auch jener [der Freundschaft der Guten] zu. Insofern aber letztere nicht durch Verleumdung auflösbar und dauerhaft ist, jene aber sich rasch ändern und sich auch noch in vielen anderen Punkten unterscheiden, erscheinen sie nicht als Freundschaften, eben aufgrund ihrer Unähnlichkeit mit der Freundschaft der Guten.“ Nikomachische Ethik 1158 b. – Hierzu Derrida: „Alle Arten der Freundschaft (deren drei Hauptarten, die auf Tugend, die auf Nutzen und die auf Lust beruhenden sind) implizieren zwar Gleichheit (isotes); einzig die Erste Freundschaft erfordert indessen Gleichheit der Tugend zwischen den Freunden, in dem, was sie wechselseitig aufeinander bezieht.“ Derrida 2002, 49. – „Jedoch ist das freundschaftliche Wohlwollen keine gebändigte weil triebhafte, sondern eine zugelassene weil wohlverstandene Lust. Der richtige Gebrauch der eigenen Lüste besteht dabei auch in der Bereitschaft zu einer Zurückhaltung und Rücksichtnahme gegenüber dem Freund als eigenständigem Anderen.“ Lemke 2000, 71. – „All jene menschlichen Beziehungen oder Gewinnstreben, die aus öffentlicher oder persönlicher Notwendigkeit entstehn und gepflegt werden, sind um so weniger schön und edel und daher um so weniger wahre Freundschaften, als sich hier andere Gründe, Zwecke und Erwartungen beimischen. Auch die vier antiken Formen der verwandtschaftlichen, der geselligen, der gastlichen und der geschlechtlichen Freundschaft werden deren vollendeten Ausprägung nicht gerecht, weder einzeln noch zusammengenommen.“ Montaigne 1998, 99.
Lysis, 215 b-c. – „man nennt den gut, der ohne Zwang gegen sich ist, aber auch den Helden der Selbstüberwindung man nennt den unbedingten Freund des Wahren gut, aber auch den Menschen der Pietät, den Verklärer der Dinge man nennt den sich selber gehorchenden gut, aber auch den frommen man nennt den Vornehmen, Edlen gut, aber auch den, der nicht verachtet und herabblickt man nennt den gutmüthigen, dem Kampfe ausweichenden gut, aber auch den Kampf- und Siegbegierigen man nennt den, der immer der erste sein will, gut, aber auch den, der nichts vor irgend Einem voraus haben will.“ NL 1882/83, 5[34]; KSA 10, 228f. – „Freundschaft, seit Sokrates eine der Grundtugenden, die sich in dem bewussten gegenseitigen Wohlwollen zweier Menschen ausdrückt, wobei nur jene F. einen wirklich sittlichen Charakter trägt, die auf wechselseitiger Liebe, Achtung, Aufgeschlossenheit und bedingungslosem Vertrauen basiert. F. führen zur Kommunikation und ist dadurch der Weg zur Selbstverwirklichung des Selbst durch das Du. Wirkliche F. setzt innere und äußere Freiheit voraus und ist selbst Träger einer Steigerung der inneren Freiheit. Seit der Säkularisierung und insbesondere in der modernen pluralistischen Gesellschaft wird F. hauptsächlich als eine oft nur konventionelle zwischenmenschliche Beziehung praktiziert.“ Schmidt 1974, 195.
Hierzu eine Stelle aus einem Brief an Lou von Salomé, Ende Juni 1882: „Ich bin nämlich durch das Ereigniß, einen ‚neuen Menschen‘ hinzuerworben zu haben, förmlich über den Haufen geworfen worden – infolge einer allzustrengen Einsamkeit und Verzichtleistung auf alle Liebe und Freundschaft.“ KSB 6, 213. – In einem Brieffragment an sie vom August 1882: „und wie schwer selbst die Pflicht eines Freundes geworden ist, der jetzt noch zu mir tritt. — Ich wollte allein leben. – Aber da flog der liebe Vogel Lou über den Weg, und ich meinte, es sei ein Adler. Und nun wollte ich den Adler um mich haben.“ Ebd., 236. – „Auf dem Baume Zukunft bauen wir unser Nest; Adler sollen uns Einsamen Speise bringen in ihren Schnäbeln!“– „Nicht Muth vor Zeugen, sondern Einsiedler- und Adler-Muth, dem auch kein Gott mehr zusieht? […] Wer den Abgrund sieht, aber mit Adler-Augen; wer mit Adlers-Krallen den Abgrund fasst: Der hat Muth – –“ Za, KSA 4, 126; 358.
KSB 3, 98; KSB 8, 69.
MA I, KSA 2, 263. – „Zwei Freunde. – Es waren Freunde, aber sie haben aufgehört, es zu sein, und sie knüpften von beiden Seiten zugleich ihre Freundschaft los, der Eine, weil er sich zu sehr verkannt glaubte, der Andere, weil er sich zu sehr erkannt glaubte – und Beide haben sich dabei getäuscht! – denn Jeder von ihnen kannte sich selber nicht genug.“ M, KSA 3, 218.
„Unser Glaube an Andre verräth, worin wir gerne an uns selber glauben möchten. Unsre Sehnsucht nach dem Freunde ist unser Verräther.“ Za, KSA 4, 71. – „Aber siehe, hier war es eine Wolke der Liebe, und über einen neuen Freund. ‚Was geschieht mir?‘“ Ebd., 406.
„Da habe ich mir gestern eine schöne Stelle vom alten Goethe gemerkt ‚wie köstlich ist des gegenwärt’gen Freundes / ‚gewisse Rede, deren Himmelskraft / ‚ein Einsamer entbehrt und still versinkt. / ‚Denn langsam reift, verschlossen in dem Busen, / ‚Gedank’ ihm und Entschluß; die Gegenwart / ‚des Liebenden entwickelte sie leicht.‘“ KSB 3, 41.
Das sieht Kierkegaard anders, der hinsichtlich der Freundschaft auf einer Trennung der beiden Bereiche besteht. Die sentimentale Freundschaftsform des Ästheten ist schwärmerischer Unernst, während der Ethiker pflichtbewusst die Wirklichkeit, sich unter ethischen Prämissen anzueignen versteht.
Feuerbach schreibt: „Die Liebe verlangt Gegenliebe […] Die innigste und vollkommenste Form der Liebe ist die geschlechtliche; aber man kann hier nicht sich selbst beglücken, ohne zugleich, selbst unwillkürlich, den andern Menschen zu beglücken, ja, je mehr wir den andern, desto mehr beglücken wir uns selbst. […] Wie aber im Geschlechtsverkehr, nur hier auf allerempfindlichste Weise, so ist im menschlichen Verkehr überhaupt, nur da auf mittelbare und entfernte Weise, durch die Natur der Sache die Befriedigung der eigenen an die Befriedigung der fremden Selbstliebe geknüpft“. FGW 11, 77f.