Von literarischen Nachlässen geht eine starke literaturgeschichtliche Wirkkraft aus. Sie können ein Gesamtwerk umwerten, Autorbilder verändern, Aufmerksamkeit generieren sowie posthume Autorschaft begründen.1 Nicht selten kommt es vor, dass Autorinnen und Autoren2 auf dieses wirkungsgeschichtliche Potenzial reagieren. Arno Schmidt beispielsweise ließ sich 1976–1978 ein eigenes Archivgebäude in seinen Garten bauen, das bis heute als Bewahrungsstätte seines Nachlasses fungiert.3 Auch Friedrich Dürrenmatt sorgte vor und bot der Schweizer Eidgenossenschaft 1988 die Schenkung seines literarischen Nachlasses an – geknüpft an die Bedingung, dass sie im Gegenzug ein nationales Literaturarchiv errichtet.4 Thomas Bernhard wiederum verfügte kurz vor seinem Tod 1989 testamentarisch, dass aus seinem gesamten Nachlass innerhalb der Staatsgrenzen Österreichs nichts gedruckt, vorgetragen, noch aufgeführt werden dürfe.5 Elfriede Jelinek inszeniert medial wie literarisch das Motiv der Nachlassvernichtung, spricht vom geplanten ‚Schreddern ihrer Dichtung‘, unterstützt aber parallel das Elfriede Jelinek-Forschungszentrum bei seiner Archivierungs- und Dokumentationsarbeit.6
Seit der Institutionalisierung des Nachlasswesens und der Professionalisierung der Neuphilologie im mittleren 19. und 20. Jahrhundert beeinflussen Autorinnen und Autoren zunehmend die Rolle ihres künftigen Nachlasses im Hinblick auf ihr literarisches Wirken.7 Sie treffen verschiedene Vorkehrungen, heben ihre Papiere bewusst auf, ordnen sie vor oder vernichten sie gezielt. Damit hat sich die Bedeutung des literarischen Nachlasses für Autoren, Philologie und Archivträger paradigmatisch gewandelt; die Annahme einer zufälligen Überlieferung ist nicht mehr haltbar.8 In der Literaturwissenschaft allerdings wurde diese Entwicklung lange kaum berücksichtigt – erst seit kurzem rückt der literarische Nachlass, begriffen als eigenständiges und geformtes Konstrukt, in den Fokus. Dienten die Archivbestände der Literaturarchive bisher in der Regel als Materialgrundlage für Editionen und textgenetische Untersuchungen oder wurden für die Interpretation von Einzelwerken herangezogen, so haben literarische Nachlässe in den letzten Jahren einen qualitativen Zugangswechsel erfahren: Sie sind zu einem eigenständigen Untersuchungsgegenstand avanciert. Der innovative Forschungsschub, der sich insbesondere in Beiträgen von Detlev Schöttker, Kai Sina, Carlos Spoerhase, Ulrich von Bülow und Irmgard M. Wirtz ausgedrückt hat, eröffnet dabei eine große Spannbreite an Zugängen: von der Untersuchung der historischen Herausbildung eines ‚Nachlassbewusstseins‘9 und der Rolle der Nachwelt10 über Ansätze in Form von Termini wie ‚Nachlasspolitik‘11 oder ‚Nachlasspoetik‘12 bis hin zu Eckpfeilern einer ‚archivarischen Hermeneutik‘13. Die Zahl ganz unterschiedlich fundierter Publikationen zum Thema wächst rasch und beständig. Ausschließlich in Aufsatzform und in Sammelbänden vorliegend, nehmen die Veröffentlichungen jedoch nur bedingt aufeinander Bezug. Es bedarf einer grundlegenden Systematisierung, Einordnung und Weiterentwicklung.
Die vorliegende Studie widmet sich diesem Desiderat und stellt den literarischen Nachlass als literaturwissenschaftlichen Interpretationsgegenstand in ihr Zentrum. Unter dem offenen Begriff der Nachlassformation14 werden die bereits existierenden Herangehensweisen aufgegriffen, geprüft und im Hinblick auf eine praktische Anwendbarkeit zusammengebracht. Im Fokus steht dabei zum einen der Nachlass als historisch gewordene, kulturelle Formation,15 sowie zum anderen der Nachlass als singuläres Gebilde, das jeweils durch diverse Kräfte und Faktoren geformt wurde.16 Ziel der Studie ist es, einen theoretischen Ansatz zur Analyse von literarischen Nachlässen zu erarbeiten und dabei mit einer Doppelperspektive zu operieren: Eine historische Einordnung und eine dezidierte, an die aktuelle Forschung anknüpfende Theoriediskussion werden an zwei groß angelegte Fallstudien gekoppelt. Thematisch konkretisiert und fokussiert wird die Untersuchung durch den historischen Kontext der DDR und der deutschen Zweistaatlichkeit. Fragen nach dem Status von Werk und Nachlass sowie nach einem spezifischen Nachlassverhalten und dem Adressaten ‚Nachwelt‘ stellen sich vor diesem Hintergrund in besonderer Weise.
Parallel ermöglicht es dieser Zugang, das Untersuchungsfeld der sogenannten ‚DDR-Literatur‘ aus einer politischen Verengung heraus in ein theoretisch aufschlussreiches Terrain zu überführen, das eine differenzierte Auseinandersetzung ermöglicht. Die literarischen Archive von Richard Leising und Helga M. Novak, die beide im Deutschen Literaturarchiv Marbach (DLA) bewahrt werden, bieten sich in ihrer spezifischen Beschaffenheit für einen solchen Zugriff in besonderer Weise an. An ihnen lässt sich nicht nur eine große Spannbreite von Nachlassfunktionen analysieren, auch kann an ihnen die Thematik ‚DDR, Literatur und Nachlass‘ divergent und prononciert zugleich diskutiert werden. Gleichzeitig kristallisiert sich an diesen Beispielen ein für das Nachlassphänomen zentrales Problemfeld heraus: die Rolle der literarischen Öffentlichkeit.
So werden mit Richard Leising und Helga M. Novak ein Autor und eine Autorin gleicher Generationszugehörigkeit zum Gegenstand dieser Studie, die sich den Mechanismen der Literaturbetriebe in Ost- und Westdeutschland auf ganz unterschiedliche Art und Weise zu entziehen suchten und die die Forschung mit gutem Grund als ‚literarische Außenseiter‘ von Rang taxiert.17 Obwohl beide in den 1960er Jahren, in der Zeit der Lyrikwelle in der DDR, erstmals als Dichter hervortraten, blieben sie – anders als beispielsweise Sarah Kirsch oder Wolf Biermann – am Rande der sich rasch formierenden Lyrikszene. Der Einzelgänger Leising avancierte zum Geheimtipp und auch Novak, nach Harald Hartung „zu den wichtigen Namen der deutschen Literatur“18 gehörend, blieb im Schatten der literarischen Öffentlichkeit. Wie der Autor und die Autorin ihr Schreiben in dieser Zurückgezogenheit anlegten und organisierten und welche Rolle dabei die Kategorien Werk und Nachlass spielten, hat sich auf charakteristische Weise in ihre literarischen Archive eingeschrieben.
Forschungsgegenstand, Problemstellung und Fallbeschreibung
Mit dem Vorhaben, einen Ansatz zur Interpretation literarischer Nachlässe zu entwickeln und ihn im Rahmen von zwei Fallstudien anzuwenden, stellt sich eine Reihe von Fragen, die nicht nur das ‚wie‘, sondern auch das ‚warum‘ betreffen: Warum und in welchen Fällen kann es für die Literaturwissenschaft lohnend sein, sich literarischen Nachlässen als eigenständigem Interpretationsgegenstand zuzuwenden? Welche Erkenntnisse lassen sich aus der Beschreibung und Analyse von literarischen Archiven ziehen und auf welche Weise können diese zu produktiven, weiterführenden Ergebnissen führen? An welchen Aspekten kann sich die Nachlassbetrachtung orientieren, ohne die Rückbindung an das literarische Schaffen des jeweiligen Autors zu verlieren? Und wo verlaufen die Grenzen einer solchen Vorgehensweise?
Auf fruchtbaren Boden fallen solche Fragen dort, wo ein Forschungsfeld mithilfe archivbasierter Verfahrensweisen neu erschließbar wird. Dies trifft in besonderer Weise auf eine Literatur zu, die von der deutschen Literaturwissenschaft nicht selten marginalisiert wird und bei deren Erforschung „ein nicht klar abgegrenzter Gegenstandsbereich und eine konzeptuelle Ratlosigkeit kulminieren in einer kontroversen Forschungssituation“19, die sich noch immer in einem „(methodischen) Niemandsland“20 befindet: auf den Korpus an Texten und Autoren, der gemeinhin mit der Kategorie der ‚DDR-Literatur‘ gefasst und dessen Bezeichnung zugleich immer wieder diskutiert und hinterfragt wird.21 Für diese Literatur ist, so hat es Roland Berbig jüngst exemplifiziert, der „Weg ins Archiv […] unerlässlich“22. Zu einem Zeitpunkt, an dem Konzepte zur ‚DDR-Literatur‘ an Tragfähigkeit verlieren und nach einer „neuen Objektivität im Umgang mit der DDR-Literatur“23 gesucht wird, öffnet eine archivbasierte Arbeitsweise differenzierte Zugangsweisen:
„Die Schriftstellergenerationen, die Forschung und Leserschaft mit dem Begriff ‚DDR-Literatur‘ verbinden, rücken entschieden aus der Gegenwart in die Vergangenheit. […] Wer ein Ende des Gegenstandes vermutet, sieht sich plötzlich konfrontiert mit einem schier endlosen Archivbestand zur Sache. Damit einher geht eine bemerkenswerte Beobachtung, reich an Konsequenzen: Der mit ideologischem und anderem Ballast beschwerte Vorhang, der den Begriff von ‚DDR-Literatur‘ seit seinem Aufkommen verschleiert hat, lässt sich mit einem Male lüften, möglicherweise sogar gänzlich fortziehen. Was, so die Frage, gibt der nun ungehinderte Blick frei?“24
Die wachsende zeitliche Distanz und die außerordentlich gute Quellenlage, gespeist aus umfangreichen Beständen institutioneller Archive sowie einer Vielzahl an Autoren-Nachlässen in den Literaturarchiven, ermöglicht eine Neubearbeitung des Forschungsfelds: „Gerade die unveröffentlichten Dokumente sind in diesem Fall besonders wichtig: Wer nur die ‚offizielle‘ Seite einer Literatur kennt, die unter den Bedingungen einer reglementierten und zensierten Öffentlichkeit entstand, gewinnt kein vollständiges Bild,“25 konstatieren auch Sabine Wolf und Ulrich von Bülow. Mit den in der Regel noch nicht erforschten literarischen Nachlässen rücken unveröffentlichte Texte, individuelle Lebens- und Schreibumstände der Autorinnen und Autoren sowie deren Selbstwahrnehmung in den Fokus, die in ihrer Pluralität anhand der Bestände untersucht werden können, ohne dass der Blick im Vorhinein durch ein starres Begriffsraster verengt wird.
Der hier zu erarbeitende Analyseansatz soll folglich mit dem Anspruch einhergehen, literarische Nachlässe so zu betrachten, dass sie – statt sie zu kategorisieren – in ihrer Singularität beschreibbar werden. Dementsprechend wird es im Folgenden nicht darum gehen, eine festgefügte Methodik zu entwickeln, sondern vielmehr um den Entwurf eines frei anwendbaren und flexiblen Arsenals an möglichen Zugängen, Perspektiven und Ansatzpunkten, mit dem das jeweilige literarische Archiv in seiner Gesamtheit fassbar wird. Zu fragen ist nach der Anlage des Nachlasses, seiner Formierung, Gestaltung und inneren Struktur sowie nach seinen Funktionen und Bedeutungsschichten: Wie ist der jeweilige Nachlass zusammengesetzt und beschaffen, welche Faktoren und Praktiken haben seine Genese und Überlieferung bestimmt und welche Rolle spielen nachlasspolitische Strategien? Welches Autorbild bzw. welcher Selbstentwurf des Autors entsteht im Nachlass und inwieweit bestimmte der historische Kontext das Schreibverhalten, die Selbstarchivierung und die Nachlassgestaltung von Autorinnen und Autoren? Darüber hinaus stellt sich die Frage nach der sich daraus ergebenden Konstellation: Wie lässt sich das Verhältnis der veröffentlichten Werke zum Nachlass beschreiben, welche Funktion kommt dem Nachlass in Bezug auf das Gesamtwerk zu und wie beeinflusst die Betrachtung eines literarischen Archivs das jeweilige Autorbild?
Hierbei wird der literarische Nachlass als ein Objekt verstanden, in dem sowohl das Leben als auch das Werk eines Autors Niederschlag gefunden haben und das auf diese Weise genauso ein historisches wie ein ästhetisches Zeugnis ist: Es belegt die Entstehung einzelner Werke und ist von literarischen Schreibweisen geprägt, während es gleichzeitig die Biografie eines Autors im Kontext spezifischer historischer Vorgänge spiegelt.26 Im Rahmen der beiden Fallstudien soll dieser doppelten Ausrichtung des Gegenstands Rechnung getragen werden – wiewohl der Schwerpunkt auf dem jeweiligen literarischen Schaffen und Schreiben liegt. Die literarischen Archive von Richard Leising und Helga M. Novak begünstigen eine Analyse, bei der die Vielgestaltigkeit der Nachlassthematik zum Ausdruck kommt, ohne dass dabei eine Dominanz an werk- und nachlasspolitischen Inszenierungsstrategien den Blick einseitig lenkt. Dass beide Nachlässe zugänglich sind, aber zum Zeitpunkt der vorgenommenen Forschungsarbeit nur grob erschlossen vorlagen, prädestinierte sie außerdem als Fallbeispiel: Noch nicht vollständig in die archivalischen Ordnungskategorien und die Systematik des DLA eingegliedert, war es möglich, die auf die Autoren zurückgehenden Strukturierungen weitgehend zu rekonstruieren und nachzuvollziehen.
Leisings und Novaks jeweils besonderes Verhältnis zur literarischen Öffentlichkeit und ihre Rückzugstendenzen haben ihre Auswahl als Fallbeispiele ebenfalls motiviert, genauso wie ihr gleiches Alter. Einer Autorengeneration angehörend, die den Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg als Kinder erlebten, wuchsen sie in der neu gegründeten DDR auf und trugen den angestrebten Aufbau des Sozialismus zunächst mit, wenn auch nicht kritiklos. Durch den Umstand, dass Richard Leising anders als Helga M. Novak die DDR nicht verließ und er, ebenfalls im Unterschied zu Novak, nur sieben Jahre nach 1989/90 verstarb, kann der in dieser Studie gesetzte historische Bezugspunkt DDR auf ganz unterschiedliche Weise ausgeleuchtet werden. Sowohl Leising als auch Novak werden in der Forschungsliteratur vornehmlich als ‚DDR-Autoren‘ bezeichnet.27 Und doch sind es zwei verschiedene Werkprofile, zwei differierende Biografien und letztlich zwei unterschiedliche, individuell konturierte Nachlässe, die in dieser Studie zu betrachten sind. Aus der Gegenüberstellung beider literarischer Archive und der Analyse des jeweiligen Verhältnisses von öffentlichem und nicht öffentlichem Schreiben ergeben sich einige fruchtbare Vergleichsebenen, die aufschlussreiche Divergenzen, aber auch Parallelen sichtbar machen.
Der Dichter und Dramaturg Richard Leising, 1934 in Chemnitz geboren und bis zu deren Ende in der DDR lebend, gab trotz zahlreicher Angebote von Verlegern und ungeachtet des fördernden Zuspruchs von Kollegen wie Sarah Kirsch und Hans Magnus Enzensberger äußerst zögerlich eigene Gedichte zur Publikation frei. „Über Leising hatte das Gerücht kursiert, er besitze eine ganze Truhe voll mit eigener Lyrik, gebe aber nichts davon raus“28, berichtet beispielsweise Yaak Karsunke. 1997, als Leising in Berlin verstarb, lagen nur rund 40 veröffentlichte Gedichte von ihm vor. Mit seinem literarischen Nachlass hinterließ er jedoch über 70 selbst angelegte, sorgsam geordnete und genau datierte Mappen und Notizbücher. Die große Zahl der darin enthaltenen unveröffentlichten Texte und Aufzeichnungen bildet einen frappierenden Gegensatz zu den wenigen veröffentlichten Texten. Von der Forschung bisher nicht wahrgenommen, muss zweifellos das Gesamtgefüge des Geschriebenen betrachtet werden: Wie ist dieses öffentlich nicht vorhandene Schreibwerk angelegt, welche Formen nimmt das Schreiben in ihm an, welche Intentionen verfolgt es und an welche Bedingungen ist es gebunden? In welchem Verhältnis steht der vergleichsweise umfangreiche Nachlass zu dem Wenigen an Publiziertem?
Dem übersichtlichen, wohl strukturierten Nachlass Leisings steht das literarische Archiv Novaks gegenüber: Der vom Umfang her mehr als viermal so große Bestand erweckt zunächst den Eindruck, die Autorin, die mehrere autobiografische Romane vorlegte, aber nie Tagebuch schrieb, hätte sich den Belangen ihres Nachlasses nur wenig gewidmet: keine Vollständigkeit, abgesehen von den Briefen kaum Datierungen, keine kommentierenden Verweise wie bei Leising. Und doch gewinnt der Nachlass resp. Vorlass für Novaks Schaffen in einer späten Lebens- und Schaffensphase eine zentrale Bedeutung. Novak, 1935 in Berlin-Köpenick geboren und 2013 in Rüdersdorf bei Berlin gestorben, begann ab 1965 zu publizieren – ihr Gesamtwerk umfasst Gedicht- und Erzählbände, drei autobiografische Romane sowie viele Hörspiele. Obwohl man ihr keine Publikationsscheu attestieren kann, mied sie den öffentlichen Auftritt, gab wenige Interviews und nahm kaum an Lesungen teil. Auch geografisch entzog sie sich. Nachdem sie 1966 mit dem Verbot der Wiedereinreise aus der DDR ausgewiesen wurde, lebte die viel reisende Schriftstellerin längere Zeit in Island, Frankfurt am Main, Westberlin, Jugoslawien und in Polen. Trotz ihrer ständig wechselnden Aufenthaltsorte bemühte sie sich, „Manuskripte, Briefe, Gedichte, – kiloweise“29 von einem Land ins andere zu transportieren, vernichtete aber in der Regel die Materialien zu veröffentlichten Werken. Charakteristisch für Novaks Schreibverhalten sind die Korrespondenzen, die gleichsam das Kernstück des Nachlasses bilden. Das Briefeschreiben an Freunde und Kollegen, das die Autorin exzessiv betrieb, ersetzte ihr die Notizen ins Tagebuch und ermöglichte eine schriftliche Verbindung zu Menschen und Orten, von denen sie räumlich entfernt war. Für ihren letzten, kurz vor ihrem Tod 2013 veröffentlichten autobiografischen Roman „Im Schwanenhals“ griff Novak schließlich auf ihre Briefe zurück und integrierte sie auf verschiedene Weise in den Text. Parallel ordnete sie ihr literarisches Archiv im Hinblick auf eine Nachwelt vor und übergab einen Teil dem DLA als Vorlass – obwohl sich ihr Nachlassbewusstsein durch eine ausgeprägte Vorlasskritik auszeichnete. Welche Rolle spielen solche Paradoxa im und für den novakschen Nachlass? Welche Funktion kommt dem nicht-öffentlichen Schreiben zu, wie verhält es sich in Bezug auf die Werkbildung und welche Bedeutung erhält die schriftliche Hinterlassenschaft mit Novaks Tod?
Die literarischen Nachlässe von Helga M. Novak und Richard Leising stellen zwei heterogene Fallbeispiele dar, anhand derer die Bedeutung literarischer Archive sowie das Forschungsfeld der ‚DDR-Literatur‘ kritisch und ganz unterschiedlich diskutiert werden: Welche Perspektive eröffnet das Archivmaterial auf die Autorprofile derer, die als DDR-Autoren bezeichnet werden, und welche Rückschlüsse lassen sich aus dem induktiven, vom Archiv ausgehenden Vorgehen ziehen?30
Aufbau, Verfahrensweisen, Umgang mit den Quellen
Ein ausgearbeiteter Ansatz zur Interpretation von literarischen Nachlässen liegt bislang weder in der Literaturwissenschaft noch in anderen Disziplinen vor. Stützen kann sich diese Studie deshalb nur auf die bereits existierenden Überlegungen zum Gegenstand, die es zu systematisieren und weiterzuentwickeln gilt. Bestimmt wird die Untersuchung dabei von einer gegenstandsorientierten, literaturwissenschaftlichen Verfahrensweise, die methodenpluralistisch operiert und interdisziplinäre Zusammenhänge, also archiv- und bibliothekswissenschaftliche, kultur- und geschichtswissenschaftliche sowie rechtswissenschaftliche Aspekte berücksichtigt. Die vorherrschende Perspektive ist aber eine literaturwissenschaftliche: Hermeneutische, editionswissenschaftliche und autorbezogene, das heißt biografische und entstehungsgeschichtliche Ansätze laufen hier ebenso zusammen wie Elemente des Close Readings und der Quellenforschung, die durch kontextbezogene Vorgehensweisen der sozial- sowie kulturgeschichtlichen Literaturwissenschaft ergänzt werden.31 Darüber hinaus zielt ein praxeologischer Ansatz darauf ab,32 zu betrachten, wie sich philologische und archivarische Arbeitspraktiken auf der einen sowie Schreib- und Archivierungspraktiken der Autorinnen und Autoren auf der anderen Seite wechselseitig bedingen und wie diese Beziehung den literarischen Nachlass als epistemisches Objekt hervorgebracht und geprägt hat.
Um ein grundlegendes Verständnis für den Gegenstand zu schaffen, steht der literarische Nachlass dementsprechend zunächst als historisch gewordene und kulturelle Formation im Fokus, die in ihrer Entstehung mit dem institutionellen Rahmen der Literaturarchive verbunden ist. Nach der Herausbildung des Nachlasses als Erkenntnisgegenstand im 19. und 20. Jahrhundert, die in Kapitel 1.1 erörtert wird, rückt in Kapitel 1.2 die Entwicklung der Literaturarchive in Deutschland nach 1945, während und nach der deutschen Teilung in den Blick sowie die Rolle der Schriftstellernachlässe vor dem historischen Kontext DDR. Im Anschluss sind in Kapitel 1.3 und 1.4 wichtige terminologische Abgrenzungen und Begriffsbestimmungen vorzunehmen: Zum einen die Abgrenzung der sich korrelativ zueinander verhaltenden Termini ‚Werk‘ und ‚Nachlass‘ und zum anderen die Abgrenzung der häufig synonym verwendeten, aber verschieden konnotierten Begriffe: Nachlass resp. Vorlass, literarisches Archiv, Hinterlassenschaften, Bestand und literarisches Erbe. Auf Basis einer solchen, bisher noch fehlenden begrifflichen Bestimmung können die Termini nicht nur voneinander unterschieden,33 sondern auch verschiedene terminologische Akzentuierungen aufgezeigt werden, mithilfe derer der literarische Nachlass, dabei als Überbegriff verstanden, auf eine differenzierte Weise beschreibbar wird. Auf diesen Ausführungen aufbauend stellt das Kapitel 1.5 zentrale Zugänge und Perspektiven vor, die die Betrachtung eines Nachlasses als Gesamtgefüge leiten können und mithilfe derer es möglich wird, seine Formationsprinzipien zu beschreiben sowie seine Funktionen und Bedeutungen zu analysieren. Sechs Punkte bilden dabei den Rahmen: (1.) die Konstellation, mit der die Zusammensetzung, die materielle Beschaffenheit des jeweiligen Nachlasses und schließlich das Werk-Nachlassverhältnis fassbar wird. Ein wichtiger Zugang stellt außerdem (2.) die Rekonstruktion der Genese eines Nachlasses dar: die Betrachtung seiner Entstehung und Überlieferungsgeschichte sowie (3.) der kulturellen Praktiken des jeweiligen Autors bzw. der Autorin, die ihn maßgeblich geformt haben. Die Rolle des Nachlassbewusstseins und der Nachlasspolitik eröffnen dabei (4.) eine weitere aufschlussreiche Perspektive hinsichtlich der Fragen nach Kontrolle, gesteuerter Überlieferung und antizipierter Wirkungsgeschichte. Relevant ist darüber hinaus (5.), welcher Selbstentwurf, welches Bild von Autorschaft dem Nachlass eingeschrieben ist und wie die damit verbundenen Schreibweisen einzuordnen sind. Einen letzten Analysepunkt stellt (6.) die Dokumentationsebene dar, auf Basis derer der Nachlass als Zeugnis von Lebens- und Zeitgeschichte begriffen wird und die ihn im Zusammenhang von Gedächtnis, Erinnerung und Tod perspektiviert. Der mit diesen Fokussetzungen abgesteckte Ansatz bedarf der kritischen Reflexion. Demzufolge wird in Kapitel 1.6 diskutiert, welche Problematiken entstehen, wenn der Nachlass ins Zentrum des Interesses rückt und welche Konsequenzen daraus für den wissenschaftlichen Umgang mit diesem Gegenstand zu ziehen sind. Abgeschlossen werden die ‚historischen und theoretischen Grundlagen‘ mit einer knappen literaturgeschichtlichen sowie zeithistorischen Verortung des Autors und der Autorin, deren Nachlässe daran anschließend untersucht werden (1.7). Das Generationsparadigma, an dem sich dabei in kritisch-diskursiver Weise orientiert wird, stellt eine Vergleichsebene zwischen Richard Leising und Helga M. Novak her: 1934 bzw. 1935 geboren, wuchsen beide in der DDR auf, studierten dort und traten in den 1960er Jahren mit ersten Lyrik-Publikationen hervor. Ihre weiteren Biografien und Werkprofile divergieren jedoch. Die Generation als ein Konstrukt, das einen Zusammenhang zwischen dem Autor und der Autorin herstellt, ermöglicht nicht nur eine Kontextualisierung, sondern beinhaltet hinsichtlich der kulturellen Aspekte des Erbes, der Übertragung und des Nachlebens auch implizite Berührungspunkte zur Nachlassthematik.34
Das dritte und letzte große Kapitel dieser Arbeit setzt sich aus den zwei Fallstudien (2.1 und 2.2) zusammen. Beide sind analog zueinander aufgebaut und folgen der im zweiten Kapitel entwickelten Verfahrensweise zur Analyse literarischer Nachlässe. Einen Ausganspunkt bilden jeweils eine kurze Biografie (2.1.1 und 2.2.1) sowie eine Schreib- und Werkbiografie (2.1.2 und 2.2.2). Neben einigen Eckpunkten zum Leben und Schaffen stehen hier Publikationsverläufe sowie die Rezeption der Werke im Zentrum, nicht jedoch ihre Interpretation. Ein solcher lebens- und werkgeschichtlicher Überblick bildet die Basis für eine Einordnung des jeweiligen Nachlasses, der dazu in Beziehung gesetzt werden kann. Insbesondere in den ersten beiden Abschnitten der Fallstudien stellen die beiden Nachlässe im Zuge dessen weniger Gegenstand, als vielmehr eine wichtige Quelle dar: Mit ihrer Hilfe ist es möglich, trotz der äußert lückenhaften Forschung zu Leben und Werk von Leising und Novak eine überblicksartige Grundlage zu schaffen. Dies gilt auch für das Verhältnis der beiden Autoren zur literarischen Öffentlichkeit, das im Anschluss untersucht wird (2.1.3 und 2.2.3), und das für die jeweilige Nachlassformation eine wesentliche Rolle spielte.
Die folgenden Abschnitte der Fallstudie widmen sich dann der Nachlassbeschreibung und -analyse, beginnend mit einem Nachlassprofil zu Umfang, Zusammensetzung und Genese (2.1.4 und 2.2.4). Anschließend werden kulturelle Praktiken herausgearbeitet, die das literarische Archiv geprägt (2.1.5 und 2.2.5), sowie die Selbstentwürfe, die sich darin niedergeschlagen haben (2.1.6 und 2.2.6). Ein Fokus liegt auf dem Verhältnis von Schreiben und DDR sowie dem Selbstbild in Bezug auf eine zur Disposition stehende DDR-Autorschaft. Die Rolle von Nachlassbewusstsein, Nachlasspolitik und Nachleben wird dann bei Leising und Novak, je nach Art der Nachlasskonstellation, mit unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen diskutiert. So werden in der Novak-Fallstudie, anders als bei Leising, die Ambivalenzen untersucht, die sich daraus ergeben, dass dem Nachlassbewusstsein der Autorin ein kritisches Vorlassbewusstsein inhärent ist (2.2.7). Auch die besondere Bedeutung der Nachlassverwalterin sowie die damit einhergehende Eigendynamik der Nachlasspolitik, die sich am Beispiel Novaks exemplarisch zeigt, verdient gesonderte Aufmerksamkeit (2.2.8). Mit der Leising-Fallstudie wird dagegen ein stärkerer Akzent auf die Verbindung von Tod und Schreiben sowie den Aspekt des Nachlebens gelegt (2.1.7). Die Werk-Archiv-Korrelationen sowie die Funktion des Nachlasses werden in beiden Fallstudien ebenfalls differierend diskutiert: Während bei Leising die Rolle seines Nachlasses als Werkersatz im Zentrum steht (2.1.8), sind es bei Novak vor allem die besondere Rolle der Briefe, die Verbindung von Autobiografie und Nachlasspolitik (2.2.9) sowie der Nachlass als prekäres Zeugnis (2.2.10), die als signifikante Charakteristika abschließend diskutiert werden.
Um beide Nachlässe zu beschreiben und ihre wesentlichen Merkmale und Bedeutungen herauszuarbeiten, werden jeweils innere Strukturen, spezifische Konstellationen, Kontexte sowie wiederkehrende Narrative untersucht und dabei exemplarische Nachlassdokumente detailbezogen analysiert. Zu beachten ist der besondere Status der Zitate aus dem Nachlass: Sie zeigen stets nur einen kleinen Ausschnitt eines umfangreichen Korpus, aus dem sie herausgelöst wurden. Im Falle von Briefen und anderen persönlichen Aufzeichnungen handelt es sich oftmals um spontane, subjektive und variable Aussagen, die auch widersprüchlich sein können und deshalb, wenn möglich, durch mehrere Zeugnisse belegt werden sollten. Die gebotene Fundierung erfordert einen entsprechenden Fußnotenapparat, der die getroffenen Annahmen zusätzlich stützt. Für die Verweise auf einzelne Archivalien wird, um im konkreten Zusammenhang immer alle erforderlichen Daten vorliegend zu haben, mit keinem Siglenverzeichnis gearbeitet, sondern stets mit der vollständigen Signatur und allen relevanten formalen Angaben.35 Die Primär- und Sekundärliteratur wird hingegen mit Kurztiteln zitiert. Unbeabsichtigte Fehler in den Zitaten aus unveröffentlichtem Material wurden, sofern sie nicht auf die alte Rechtschreibung, umgangssprachliche Wendungen, Abweichungen der Groß- und Kleinschreibung oder Schreibgewohnheiten der Autorin und des Autors zurückzuführen sind, korrigiert und in eckige Klammern gesetzt. Da die Materialität des Einzeldokuments in dieser Studie nicht im Fokus steht, sondern vielmehr größere Zusammenhänge und Strukturen, können fehlende Abbildungen durch die Beschreibung der materiellen Beschaffenheit des Gesamtkorpus sowie durch den Hinweis auf materielle Besonderheiten von einzelnen Archivalien kompensiert werden.
Entsprechend der hier verwendeten Definition (1.4.1), nach der ein Nachlass das ist, was in einem Literaturarchiv aus einer Provenienz übernommen wurde, wird sich im Rahmen der Fallstudien auf die Materialien aus den sich im DLA Marbach befindlichen Beständen ‚A:Leising, Richard‘ und ‚A:Novak, Helga M.‘ konzentriert. Dokumente aus anderen Beständen und Archiven sowie Zeugnisse, die sich im Privatbesitz befinden, wurden zwar ebenfalls gesichtet, aber nur in einem erforderlichen Maße ergänzend hinzugezogen.
Thematische Eingrenzung und begriffliche Differenzierung
Der Untersuchungsgegenstand dieser Studie berührt verschiedene Forschungsfelder und bedarf der thematischen Eingrenzung. Im Zentrum steht das literarische Archiv, das Autorinnen und Autoren nach ihrem Tod hinterlassen. Ausgespart werden Nachlässe anderer Persönlichkeiten und Personengruppen, die in den Bereich der damit zusammenhängenden Disziplinen wie der Geschichtswissenschaft, Politikwissenschaft oder Kunstgeschichte fallen. Auch Nachlässe von Philosophen und Wissenschaftlern, die Literaturarchive als ‚Gelehrtennachlässe‘ zunehmend sammeln, bleiben unberücksichtigt, ebenfalls Übersetzernachlässe. Diese Art von Beständen, ihre Anlagen und spezifischen Entstehungshintergründe unterscheiden sich von literarischen Nachlässen in wesentlichen Punkten, sodass für diese gesondert Ansätze zu entwickeln sind, an die komparative Betrachtungen anschließen können.36
Ferner ist in dieser Arbeit die Perspektive auf den literarischen Nachlass zeitlich einzugrenzen. Gegenstand der Auseinandersetzung ist der ‚analoge‘ Nachlass, der sich zu Großteilen aus handschriftlichen Manuskripten und Aufzeichnungen zusammensetzt sowie aus Papieren, die mit Schreibmaschine verfasst wurden. Der Schwerpunkt liegt damit auf Nachlässen, deren Voraussetzung die Zeit der „Aufschreibesysteme 1800/1900“37 ist und die sich bis ins beginnende 21. Jahrhundert hinein gebildet haben, ohne in einem relevanten Maße von der einsetzenden Digitalisierung geprägt zu sein. Im Zuge des epochalen Wandels, den die digitale Entwicklung mit sich bringt, wird sich jedoch die Bedeutung von literarischen Nachlässen, ihre Genese, ihr Umfang, sowie ihre Funktion und Überlieferung noch einmal paradigmatisch verändern:
„Sobald das papierne Pantheon durch eine digitale ‚Wolke‘ abgelöst wird, die die gesamte aktuelle literarische Produktion eines Schriftstellers unmittelbar abspiegelt, wird dies den Nachlass gänzlich überflüssig machen: weil damit das moderne Prinzip ‚Nachlass‘ die gesamte literarische Gegenwart vollständig unterworfen haben wird. Das poetische Paradigma der Zukunft wird nicht, wie Kierkegaard dachte, das postume Werk sein, sondern, wie seine Landsleute zeigen, der permanent aktualisierte anthume Selbstarchivierungs-Server. Wer so schreibt, arbeitet schon heute an einem digitalen Nachlass zu Lebzeiten.“38
Der digitale Nachlass und die damit zusammenhängenden Praktiken, Materialität, Archivierungsmechanismen und urheberrechtliche Fragen sowie der Unterschied zwischen öffentlichem und privatem Schreiben werden die Debatte um den Zusammenhang von Werk und Nachlass entsprechend unter neue Vorzeichen setzen.39 Welche genau das sein werden, hängt unter anderem von den Entscheidungen ab, die derzeit in den Literaturarchiven getroffen werden. Seit dem beginnenden 21. Jahrhundert ziehen Nachlässe mit digitalen Beständen in die Literaturarchive ein. Abschließende Lösungen für die neu entstehenden Herausforderungen, beispielsweise hinsichtlich der angestrebten Langzeitarchivierung, sind noch nicht gefunden.40 Auch wie zukünftig mit Netzliteratur und Inhalten von Webseiten sowie Messengerdiensten von Autorinnen und Autoren umgegangen werden soll, ist noch offen. Daher scheint es ratsam, zunächst eine theoretische Grundlage für den papierenen Nachlass zu diskutieren, ohne dabei auf den digitalen Nachlass vorzugreifen.
Querverbindungen zu einem Archivbegriff, wie ihn der ‚archival turn‘ in den Kulturwissenschaften vor einiger Zeit hervorgebracht hat, sind in dieser Arbeit ebenfalls nicht vertiefend zu behandeln. Die Verwendung des Terminus als epistemischer Begriff und (kultur-)theoretische Denkfigur lenkt die Aufmerksamkeit auf Funktionsweisen und Strukturen des Archivs als Medium der Gedächtnisbildung und eröffnet Möglichkeiten der kritischen Reflexion solcher Mechanismen.41 Maßgeblich angestoßen wurde dieser Gebrauch durch die wissensarchäologischen Forschungen Michel Foucaults Ende der 1960er Jahre. Mit dem Begriff des ‚Archiv‘ bezeichnet Foucault die Voraussetzungen und Bedingungen, die das Entstehen von Aussagen und damit die Verteilung von Wissen in einer Kultur regeln: das „Gesetz dessen, was gesagt werden kann, das System, das das Erscheinen der Aussagen als einzelner Ereignisse beherrscht“42. Auf das konkrete historische Archiv, die Institution, zielt Foucault also nicht. Auch Jacques Derridas Überlegungen zum Archiv in den 1990er Jahren, veröffentlicht unter dem Titel „Mal d’Archive“ bzw. „Dem Archiv verschrieben“43, haben zu einer Erweiterung der Begrifflichkeit beigetragen. Derrida knüpft seine Diskussion des Archivs an eine Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse sowie den Vorgängen des Erinnerns und Vergessens.44 Metaphorisch aufgeladen steht der kulturwissenschaftliche Archivbegriff auf diese Weise einer archivwissenschaftlichen Terminologie gegenüber, die sich auf konkrete Objekte bezieht und die eine praktische Arbeit mit diesen ermöglichen soll. Der Archivar Dietmar Schenk konstatiert:
„Das Thema ‚Archiv‘ wird in den Kulturwissenschaften seit ungefähr zwei Jahrzehnten in einem Diskurs aufgegriffen, der mit der ‚klassischen‘ Archivwissenschaft nichts zu tun hat, in den bibliothekarisch geprägten Literaturarchiven aber auf Resonanz stößt. Zumindest in Deutschland herrscht zwischen beiden Seiten eine erstaunliche Sprachlosigkeit […]. Als archivarischer Praktiker hat man manchmal den Eindruck, dass ein Foucault- oder Derrida-Zitat aushelfen soll, wenn es darum geht, die Leerstelle des fehlenden Archivbegriffs in der Bibliotheks- und Informationswissenschaft zu überdecken.“45
Zugunsten einer sachbezogenen Erörterung des Nachlassbegriffs soll in dieser Arbeit deshalb die kulturwissenschaftliche Prägung des Terminus weitestgehend ausgeklammert werden.
Eine ganz andere terminologische Schwierigkeit bringt die Begrifflichkeit der ‚DDR-Literatur‘ mit sich, unter der der hier behandelte Autor ebenso wie die hier behandelte Autorin in der Regel subsumiert werden. Der Begriff ist in Form einer pragmatischen und flexiblen Verwendungsweise etabliert,46 obwohl sich mit ihm sowohl ein diffiziles Bezeichnungsproblem verbindet47 als auch eine ideologisch aufgeladene Begriffsgeschichte.48 Noch immer ist der Terminus kein wertfreier, noch immer erweist sich ein von ihm ausgehend konzipierter Zugriff auf den Gegenstand häufig als starr.49 Zudem ist bislang ungeklärt, was damit bezeichnet werden soll: die in der DDR entstandene Literatur, die dort veröffentlichte, die offizielle, die kritische, die affirmative, die thematisch auf das Staatsgebiet der DDR Bezug nehmende, eine bestimmte formale oder die in der DDR gelesene? Ähnliche Fragen stellen sich auch im Hinblick auf das Konzept der DDR-Autorschaft. Was sind die entscheidenden Kriterien: Herkunft, Lebenszeit in der DDR, Thematiken des Schreibens oder der Verbleib im Land?50 Was und wer gerät mit der jeweiligen Setzung aus dem bzw. ins Blickfeld?51 „Mehr als je zuvor scheint überdies heute fraglich, was unter ‚DDR-Literatur‘ verstanden werden kann“52, heißt es bei Norbert Eke. Eine Lösung für diese Problematiken soll und kann in dieser Arbeit nicht gefunden werden.53 Stattdessen gilt es, einen Beitrag zu leisten zu einer von „Wissenschaftlern westlicher wie östlicher Provenienz“54 einhellig eingeforderten Neubetrachtung des Gegenstands.55 Unabhängig von den begrifflichen Diskussionen kann dabei die besondere Verschränkung von Literatur und Gesellschaft in der DDR nicht unberücksichtigt bleiben:
„In historisch einmaliger Weise wurde Literatur in der DDR als maßgebliches Instrument zur Herstellung, ja sogar Erziehung einer neuen Gesellschaft verstanden – und das von allen am Literaturbetrieb Beteiligten. Die unterhalb dieser Einigkeit über die Bedeutung von Literatur stattfindenden Debatten und Kanones, ästhetische Vorschriften, Formen und Inhalte sind demgegenüber als Richtungskämpfe innerhalb eines Grundkonsens zu bewerten. Weiterhin existierte wohl in der Geschichte kaum je ein Staat, der Literatur derart gezielt in sein politisches Programm eingebaut und dergestalt akribisch überwacht, verwaltet, über sie Buch geführt hat.“56
Doch ist die unter solchen Bedingungen entstandene Literatur nicht als isolierte zu begreifen, da während der deutschen Zweistaatlichkeit ein Austausch zwischen den Literaturbetrieben in Ost und West existierte,57 und „Migrations- und Transferbewegungen“58 einer strikten Trennung in zwei Literaturen zuwiderlaufen. Nicht zuletzt die Beschäftigung mit der Autorin Helga M. Novak, die für solche Bewegungen paradigmatisch steht, erfordert einen Ansatz wie den sich aktuell entwickelnden, der versucht, die „geteilte Literaturgeschichte als eine gemeinsame zu betrachten, ohne die beobachtbaren Unterschiede zu verschweigen.“59 Die Begrifflichkeit der ‚Literatur im geteilten Deutschland‘ kann in dieser Hinsicht weiterführen.60 Wenn im Folgenden doch vereinzelt von ‚DDR-Literatur‘ gesprochen wird, dann stets unter Vorbehalt und in historischer Perspektive bzw. bezüglich der diesen Terminus verwendenden Forschung. Sichtbar gemacht wird dies durch Anführungszeichen, alternative Wendungen oder durch Bezugnahme auf eine bundesdeutsche Literatur, die ebenfalls unter der Annahme einer ‚Literatur im geteilten Deutschland‘ subsumiert wird.
Forschungsstand
Zum Themenkomplex Nachlass ist in den vergangenen Jahren ein kleiner, wenn auch lückenhafter Bestand an Forschungsliteratur entstanden; zu den Werken und den literarischen Archiven von Richard Leising und Helga M. Novak existieren hingegen nur sehr wenige wissenschaftliche Beiträge. In der Studie ist darauf im Einzelnen einzugehen und die vorliegende Forschungsliteratur im Kontext der entsprechenden Kapitel zu diskutieren – an dieser Stelle soll der Forschungsstand deshalb nur knapp skizziert werden.
Wie im Vorangegangenen schon dargelegt, ist der literarische Nachlass erst im Verlauf der letzten zwanzig Jahre zu einem eigenständigen, ausgewiesenen Untersuchungsgegenstand der Literaturwissenschaft avanciert. Die entstandenen Ansätze, auf die eine anhaltende Publikation von wissenschaftlichen Aufsätzen und ein reges Interesse des Feuilletons folgte,61 sind unterschiedlich grundiert und eröffnen eine Spannbreite von Zugängen.62 Auf die Aspekte der literarischen Ruhmbildung, des Nachlebens und der Nachweltadressierung hat Detlev Schöttker früh aufmerksam gemacht und dabei die biografische Dimension sowie die Verbindung von Autorschaft und Archivbewusstsein betont.63 Schöttkers praktikabler Entwurf des Autors als ‚imaginäres Subjekt‘, das sich im Zuge der Rezeption konstituiert, stellt einen gewinnbringenden Ausgangspunkt im Umgang mit dem literarischen Nachlass dar.64 Mit dem von ihnen geprägten Begriff des ‚Nachlassbewusstseins‘ gelang es Kai Sina und Carlos Spoerhase die literatur- und wissenschaftshistorische Aufarbeitung der Geschichte des literarischen Nachlasses grundlegend voranzutreiben. Das von ihnen 2013 in den Forschungsdiskurs eingebrachte Konzept wurde vielfach aufgegriffen und erweist sich als fruchtbarer Ansatz.65 Allerdings trug der von ihnen differenziert ausgearbeitete Zugriff auf den Gegenstand auch zu einer schwerpunktmäßigen Fokussierung bei, sodass andere Aspekte der Thematik wie der doppelte, sowohl ästhetische als auch historische Zeugnischarakter, auf den Dörte Schmidt hingewiesen hat, in Gefahr sind, aus dem Blick zu geraten.66
Auffällig ist außerdem, dass ein überwiegender Teil der Forschungsliteratur zum literarischen Nachlass aus dem Umfeld der Literaturarchive, Archive und Bibliotheken stammt. Exemplarisch anzuführen sind dafür das 2016 erschienene „Handbuch Archiv“67 aus dem Kontext des DLA Marbach sowie die seit 2017 bei De Gruyter erscheinende Reihe „Literatur und Archiv“68, herausgegeben von Petra Maria Dallinger, Leiterin des Adalbert-Stifter-Instituts des Landes Oberösterreich, sowie von Klaus Kastberger, Professor am Franz-Nabl-Institut, Graz.69 Auch etliche andere Beiträge zum Thema stammen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die in der (Literatur-)Archivpraxis arbeite(te)n. Als Beispiele zu nennen wären: Bernhard Fetz, Christine Grond-Rigler, Catherine Hobbs, Klaus Kastberger, Andrea Pia Kölbl, Christoph König, Anett Lütteken, Jochen Meyer, Ulrich Raulff, Dietmar Schenk, Jürgen Thaler, Ulrich von Bülow, Dirk Weisbrod, Magnus Wieland, Irmgard M. Wirtz, Sabine Wolf und Bernhard Zeller. Beiträge, die sich dem literarischen Nachlass als Interpretationsgegenstand und seiner Beschreibung widmen, stammen ausschließlich aus dem Kontext der Literaturarchive: So hat Jochen Meyer, früherer Leiter der Handschriftenabteilung des DLA, 2002 den ersten Versuch einer kleinen Nachlasser-Typologie vorgelegt,70 zu der die 2013 veröffentliche Charakterisierung des ‚Eigensinns der Nachlässe‘ von Irmgard M. Wirtz, der Leiterin des Schweizerischen Literaturarchivs, eine produktive Erweiterung und wichtige Einordnung darstellt.71 Die weiteren Beiträge von Wirtz zu der Thematik zeichnen sich durch ihre Facettenvielfalt aus, die mannigfaltige Aspekte des Gegenstands berühren, aber selten vertiefend diskutieren: die Rolle der Praktiken,72 den Selbstentwurf,73 Nachlassbewusstsein und Nachleben,74 die Wechselbeziehung zu Institutionen75 sowie das Verhältnis von Werk und Nachlass.76 Diese breitgefächerten Betrachtungen sowie ein Aufsatz von Christine Grond-Rigler, die einen ersten systematischen Ansatz zur Beschreibung von literarischen Archiven vorgelegt hat,77 stellen einen Ausgangspunkt der hier vorgeschlagenen Analysezugänge dar. Ein weiterer maßgeblicher Beitrag aus jüngster Zeit stammt von Ulrich von Bülow, momentaner Leiter der Handschriftenabteilung des DLA, der mit seinem mehrfach publizierten Aufsatz zum literarischen Nachlass eine fundierte Darstellung des Gegenstands vorgelegt hat. Sie umfasst den kulturgeschichtlichen Hintergrund ebenso wie archivpraktische Dimensionen und die Faktoren der Überlieferung und Genese.78 Mit den zentralen Termini ‚Person‘, ‚Eigentum‘, ‚Materialität‘ und ‚Selbstkommunikation‘ entwirft von Bülow einen für diese Arbeit dienlichen Ansatz zu einer „archivarischen Hermeneutik“79, die von ihm selbst allerdings nicht in größerem Rahmen entfaltet wird. Auch in den kurzen, anregenden Aufsätzen, die von Bülow im Zuge seiner Arbeit am DLA zu verschiedenen Nachlässen verfasst und 2018 gebündelt veröffentlicht hat, bezieht er sich vornehmlich auf Einzelaspekte und -bestandteile und nur in zwei Fällen auf Nachlassstrukturen.80 Der Forschungsliteratur aus der Archivpraxis ist die genaue Kenntnis des Gegenstands, welche die Beiträgerinnen und Beiträger aus ihrer täglichen Arbeit mitbringen, deutlich anzumerken. Allerdings fehlt vielfach eine dezidierte Auseinandersetzung mit den bisher in den Forschungsdiskurs eingebrachten Überlegungen und Konzepten, sodass diese häufig undiskutiert bleiben. Beispiele dafür sind die Begriffe der Nachlasspolitik und der Nachlasspoetik, die divergent und ohne gegenseitige Bezugnahmen verwendet werden.81 Wenn es um eine Problematisierung der Nachlassthematik geht, zeigt sich ebenfalls, dass ein institutionell nicht involvierter Blick auf den Gegenstand nottut. Einzig Anett Lütteken, Leiterin der Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich,82 und Catherine Hobbs, wissenschaftliche Mitarbeiterin der kanadischen Nationalbibliothek (Library and Archives Canada),83 gelingen aus der internen Perspektive heraus eine intensivere, kritische Auseinandersetzung mit dem literarischen Nachlass resp. dem Literaturarchiv. Weitere Forschungslücken, die in den entsprechenden Kapiteln auszuführen sind, betreffen die Geschichte der deutschsprachigen Literaturarchive nach 1945, die begriffliche Bestimmung und Abgrenzung von Werk und Nachlass sowie die Abgrenzung von synonym verwendeten Termini.
Auch die wissenschaftliche Literatur zu dem Themenkomplex DDR, Literatur und Archiv soll im Weiteren gesondert diskutiert werden. An dieser Stelle sei lediglich angemerkt, dass bisherige Untersuchungen zu dem abgeschlossenen, jedoch nur unzureichend erforschten84 Sammelgebiet der ‚DDR-Literatur‘ kaum auf einem Zugang über Autorennachlässe basieren.85 Erste wichtige Ausgangsüberlegungen zu einem solchen Zugriff stammen von Sabine Wolf und Ulrich von Bülow sowie von Roland Berbig.86 Bereits vermehrt Anwendung in der DDR-Literatur-Forschung gefunden hat dagegen das Generationenkonzept,87 das jedoch nicht unproblematisch ist.88 Es wird deshalb im Folgenden nicht vorbehaltlos auf Richard Leising und Helga M. Novak bezogen, sondern kritisch-diskursiv mit Bezug zum aktuellen Forschungsstand als Möglichkeit der heuristischen Einordnung vorgestellt.
Die literarischen Nachlässe sowie die Werke Leisings und Novaks stellen weitestgehend unerforschtes Terrain dar. Obwohl die Bedeutung der Autorin und des Autors außer Zweifel steht, fehlt es an Forschungsliteratur, die ihrem Rang gerecht wird. So sind es nur vereinzelte Aufsätze und ältere Monographien, auf die sich im Rahmen der beiden Fallstudien gestützt werden kann.
Wichtige, wenn auch sehr kurze Beiträge zu Leising und seinen Gedichten stammen von Kristin Schulz89 sowie von Robert Gillett90. Den Mythos des wenig schreibenden Dichters, der eine zentrale Figur für Kollegen und Freunde darstellte und Eingang in ihre Gedichte fand, behandelt Holger Helbig.91 Einen längeren, indes ins Feuilletonistische tendierenden Text zu Leisings Leben und Schreiben hat Jürgen Serke verfasst, dessen Darstellungen primär auf Gesprächsmaterial basieren und zum Teil wenig fundiert erscheinen.92 Der literarische Nachlass Leisings wird erst seit dem vorliegenden Forschungsprojekt93 und einer parallel dazu entstehenden Dissertation an der Universität Rostock gründlich wissenschaftlich untersucht. Die zeitgleich von Isabel Haberkorn verfasste Arbeit mit dem Arbeitstitel „Ich weiß keinen Weg und den gehe ich. Der Lyriker Richard Leising“ legt einen Schwerpunkt auf das dichterische Werk Leisings sowie auf die Textgenese. Bestand seit Beginn beider Projekte ein reger und vertrauensvoller Austausch im Sinne der wissenschaftlichen Forschung, so entstanden die jeweiligen Promotionsschriften doch unabhängig voneinander. Durch die Vielfalt des beiden Arbeiten zugrunde liegenden Nachlassmaterials kann es zu ähnlichen oder abweichenden Interpretationen, Folgerungen und Thesen kommen. Beide Dissertationen sind aufgrund ihrer unterschiedlichen Fragestellung und Methodik als Ergänzung zueinander zu lesen und dienen dem Anstoß einer eingehenderen Beschäftigung mit dem Autor.
Die Forschungslage zu Helga M. Novak ist ebenfalls dünn. Zwar konstatiert Michael Lentz: „Wer über deutschsprachige Poesie verhandelt und den Namen Helga M. Novak Außer acht lässt, hat Stromausfall“94, doch gilt die Autorin als „mehr oder weniger vergessen“95. Die Rede ist vom „geräuschlosen Ruhm“96 der „Literaturaußenseiterin“97 – ein Befund, der von dem kleinen, überschaubaren Bestand an Sekundärliteratur bestätigt wird. Einen kompakten Forschungsüberblick hat Marion Brandt 2017 vorgelegt und unterstrichen, dass sich die wenigen wissenschaftlichen Beiträge zu Novak vor allem auf ihre autobiografischen Romane „Die Eisheiligen“ (1979) und „Vogel federlos“ (1982) beziehen.98 Dabei konzentrieren die sich ab Ende der 1980er Jahre bis Anfang der 2000er verfassten Studien vor allem auf die „Engführung von Leben und Werk“99, heben eine schonungslose Aufrichtigkeit hervor oder wenden sich Mutter-Tochter-Beziehungen100 und den damit zusammenhängenden Weiblichkeitsbildern101 zu –Schwerpunktsetzungen, die in der Forschungsliteratur zu Autorinnen nicht untypisch sind.102 Zusätzlich geraten Widerständigkeit und Auflehnung in den Blick, die als zentrale Thematiken Novaks ausgemacht werden.103 Oliver Sill analysiert in seiner noch immer gültigen Untersuchung zu „Die Eisheiligen“ außerdem die signifikante Rolle der Erinnerung in Novaks Autobiografie.104
Eine eklatante Forschungslücke besteht hinsichtlich der Lyrik Novaks, mit der sich in der Literaturwissenschaft bisher lediglich im Rahmen von Nachworten, einzelnen Gedichtinterpretationen und kurzen Aufsätzen auseinandergesetzt wurde.105 Berücksichtigt wurde sie unter anderem von Izabela Surynt, die mehrere Beiträge zu Novaks Werken verfasst hat und an der beispielhaft deutlich wird, dass das Interesse an Novak in der internationalen Germanistik größer zu sein scheint als in der deutschen. Sich sowohl auf die Lyrik als auch auf die Prosa Novaks beziehend, nicht allerdings auf die bisher von der Forschung weitestgehend unbeachteten Hörspiele,106 stellt Surynt Themen der Gewalt verbunden mit Identitätsproblematiken, subversives Erzählen, die literarische Erinnerung, Heimat- und Wurzellosigkeit sowie das sich in den Texten konstituierende Polenbild in den Fokus ihrer Beschäftigung mit der Autorin,107 operiert jedoch mit dem nicht unproblematischen Begriff des deutsch-deutschen Literaturexils.108
Den einzigen Gesamtüberblick über die Werke Novaks hat Ursula Bessen in ihrem aufschlussreichen Aufsatz im „Kritischen Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur“ verfasst, allerdings ohne verwendete Zitate exakt nachzuweisen. Auffällig ist außerdem, dass Bessen in Bezug auf die autobiografischen Romane „Die Eisheiligen“ (1979) und „Vogel federlos“ (1982) zwischen Protagonistin/Erzählerin und Autorin unterscheidet, dies aber bei „Im Schwanenhals“ (2013) unterlässt.109 Damit steht Bessen symptomatisch für mehrere nach 2013 erschienene Aufsätze, die „Im Schwanenhals“ häufig als einzige Quelle verwenden, wenn sie Novaks Leben ab 1954 darstellen.110 Dies mag unter anderem daran liegen, dass keine mehrseitige Biografie Novaks vorliegt, alle Darstellungen ihres komplizierten Lebensverlaufs sind kurz und lückenhaft.111 Der 2017 von Marion Brandt herausgegebene, internationale Tagungsband „Unterwegs und zurückgesehnt. Studien zum Werk von Helga M. Novak“ stellt zwar einige biografische Beiträge bereit,112 enthält erste Forschungsliteratur zu „Im Schwanenhals“113 sowie erste Bezüge zu dem bisher noch weitestgehend unerforschten Nachlass Novaks,114 doch vermag er die großen existierenden Forschungslücken kaum zu füllen.115 Mit der vorliegenden Untersuchung verbindet sich demnach die Herausforderung, mit einem Forschungsstand umzugehen, der hinsichtlich der zentralen Problemfelder nicht weit entwickelt ist.
Reflexion
Abzuschließen ist diese Einleitung mit einem notwendigen Nachsatz zu der Arbeit mit den literarischen Nachlässen von Richard Leising und Helga M. Novak. Eine Nachlassanalyse, verbunden mit einer Beschreibung, Einordnung und Interpretation der Materialien, eröffnet eine spezifische Perspektive auf das Vorgefundene und impliziert eine Positionierung zu dem imaginären Autorsubjekt,116 das bei der Betrachtung eines literarischen Archivs ins Zentrum rückt (vgl. 1.5.5). Auch wenn im Zuge einer Recherche eine komplette Sichtung der Materialien vorgenommen wird, kann die forschende Person nicht alle Nachlass-Texte direkt in ihre Untersuchungen miteinbeziehen, sondern diese nur ausschnittsweise darstellen: Sie setzt mit ihrer Auswahl stets eigene Akzente, sodass zum Selbstentwurf des Autors im Nachlass der vom Wissenschaftler gezeichnete Entwurf des Autors in der Forschung hinzukommt.
Vor allem im Falle von Autorinnen und Autoren, deren Werke noch kaum literaturwissenschaftlich untersucht worden sind, hat so ein Entwurf entschiedenen Einfluss auf die künftige wissenschaftliche Rezeption. Auch hinsichtlich der in Abschnitt 1.6 erörterten „Problematik des Nachlasses“ soll deshalb an dieser Stelle eine kurze Reflexion aufzeigen, wie die Verfasserin dieser Studie ihren Umgang mit den Materialien einordnet. Indem sie bestimmte Entscheidungen reflektiert, ist es ihr möglich, auf Probleme hinzuweisen, mit denen sie sich bei der Arbeit konfrontiert sah. Dass es sich hierbei um eine subjektive Stellungnahme handelt, signalisiert eine punktuelle Verwendung der Ich-Form.
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Ich habe mich über mehrere Jahre hinweg mit den literarischen Nachlässen Richard Leisings und Helga M. Novaks auseinandergesetzt: mit dem Nachlass Leisings, einschließlich Unterbrechungen, von 2012 bis 2019 und mit dem Novaks von 2015 bis 2019. Beide Nachlässe sichtete ich jeweils komplett und zwar fokussiert in einem Durchgang während mehrerer Monate. Darüber hinaus habe ich den Nachlass Novaks für das DLA Marbach grob erschlossen und eine Bestandsübersicht erstellt. Die intensive Arbeit mit den Nachlässen führte dazu, dass ich auf besondere Weise mit der den Zeugnissen eigenen Aura in Kontakt kam. Zu dem imaginären Autorsubjekt, das sich im Prozess der Materialsichtung konstituierte, entwickelte ich beinahe zwangsläufig eine Nähe, lernte es Stück für Stück näher kennen und gewann Einblicke, die man auf diese spezifische Weise nur ausnahmsweise in Biografien erhält (vgl. 1.6). Umso nachhaltiger hatte die vor der Recherche schon formulierte Fragestellung Anteil daran, dass mein Blick von Beginn an gezielt durch das Material gelenkt wurde und mir half, mich nicht in den Papieren zu verlieren. In einer begrenzten Zeit mussten sehr große Mengen an Material gesichtet, ausgewertet und, da sich das Kopieren oder Abfotografieren weitgehend verbot, transkribiert werden. Weil eine mehrfache Gesamtsichtung zeitlich schlicht nicht zu realisieren war, galt es den Inhalt jeder Mappe genau, aber knapp zu fixieren und umgehend Entscheidungen für oder gegen eine Transkription zu treffen, auch wenn eine Darstellung des Nachlasses als Ganzes noch fehlte.
Ausgesprochen wichtig erscheint es mir, auf die materialbedingte Schwerpunktsetzung hinzuweisen, aufgrund derer nur bestimmte Bereiche des Schreibens von Leising und Novak in den Fokus dieser Studie gerückt sind. Dies darf der künftigen Forschung in keinem Fall den Blick auf die übrigen Bereiche verstellen. In der Leising-Studie liegt das Augenmerk, der Überlieferungslage entsprechend, auf den autobiografischen Aufzeichnungen, den poetologischen Reflexionen und den Gedichten. Obwohl sich mehrere Theaterstückbearbeitungen in Leisings Nachlass befinden, werden sie in meiner Fallstudie nur am Rande behandelt. Diese Entscheidung habe ich getroffen, da sich der Autor in den für den Nachlass signifikanten Reflexionen und Aufzeichnungen nur wenig auf seine Theatertexte bezieht. Unbestrittenes Zentrum seines Schreibens und Reflektierens ist die Lyrik. Bei einer grundlegenden Studie zu seinem Gesamtwerk darf indes ein Kapitel zur Dramatik nicht fehlen.
Ähnliches gilt für die Fallstudie Novak. Auch hier ist die Beschreibung ihres Nachlasses in keinem Fall mit der Beschreibung ihres Gesamtwerks zu verwechseln. Entsprechend der Anlage des Nachlasses ist die Lyrik Novaks in meiner Studie kein Thema von Gewicht, ihr Nachlass enthält kaum Lyrikmanuskripte, die eine Werkgenese dokumentieren, noch einen nennenswerten Bestand an Reflexionen zur Lyrik. Auf diese Weise wird an der Nachlassformation nachdrücklich deutlich: Die Lyrik Novaks steht separiert vom Nachlass, sie bleibt – unabhängig von den nachgelassenen Materialien – Kern des novakschen Œuvre. Daran ändert der Umstand, dass sich meine Arbeit ausschließlich mit dem Nachlass Novaks beschäftigt nichts – natürlich nicht. Wäre zu der Lyrik Novaks schon umfangreich geforscht worden, so würde diese materialbedingte Ausrichtung kein Problem darstellen. So aber, ohne die angemessene Repräsentation des lyrischen Werks Novaks in der literaturwissenschaftlichen Forschung, besteht die Gefahr, dass ein Bild dominiert, das die sich erst in der Lyrik voll entfaltende Größe der Autorin nur im Ansatz zeigen kann.
Insgesamt – im Hinblick auf beide Nachlass-Werk-Konstellationen – lässt sich resümieren, dass der Umgang mit dem literarischen Archiv Leisings mich anders herausgefordert hat als das ungleich umfangreichere Archiv Novaks. Leisings Nachlass gleicht – im Gegensatz zum novakschen – trotz aller Komplexität in Bezug auf das Nachlassbewusstsein und das Nachleben einem Fall, der sich gut auf die vorhandenen Theoriekonzepte übertragen lässt (vgl. 2.1.8). Darüber hinaus ist dem Nachlass die Funktion als Werkersatz inhärent und damit seine Anlage schon auf eine literaturwissenschaftliche Durchdringung hin ausgerichtet (2.1.8.4).
Novaks Nachlass dagegen, dies wird noch zu zeigen sein (vgl. 2.2.10), erscheint hinsichtlich einer Analyse widerständiger. Hier eine angemessene, ausgewogene und nichtsdestotrotz kritische Betrachtung vorzunehmen, die der Heterogenität des Materials gerecht wird, ist eine diffizile Aufgabe. Insbesondere die Wechselhaftigkeit und Impulsivität, die die Briefe Novaks geprägt haben, ist zu reflektieren und einzuordnen, ohne sie durch die wissenschaftliche Darstellung zu nivellieren (vgl. 2.2.5.2 und 2.2.7.1).
Zudem hat der Aspekt der Privatsphäre (vgl. 1.6) in dieser Arbeit durch den Nachlass Novaks eine besondere Bedeutung erhalten (vgl. 2.2.7.1). Wiederholt war ich mit intimen Details konfrontiert, die ich, sofern für die Fragestellung irrelevant, in der Regel ausgeblendet habe. Auf die in den Nachlässen ganz unterschiedlich präsente Alkoholproblematik, deren Rolle für beide Autoren nicht ignoriert werden kann, bin ich, je nach Bedeutung im Nachlassmaterial, zwar eingegangen, habe mich ihr aber nicht vertiefend gewidmet.
Ähnliches gilt für den Aspekt der zwischenmenschlichen Beziehungen. Schon durch das Medium des Briefwechsels kommt das Verhältnis zu anderen in literarischen Nachlässen immer wieder zum Tragen. Bei den in der Leising-Studie verwendeten Zeugnissen war in dieser Hinsicht wenig Diskretion geboten, da alles für diese Untersuchung Wichtige meiner Ansicht nach nicht die Grenzen der Privatsphäre sprengt. In Bezug auf die Novak-Fallstudie lag die Sache etwas anders. Zwar konnte ich durch meine Fragestellung viele in Novaks Nachlass überlieferten Beziehungen und Konflikte unbeachtet lassen, jedoch nicht alle.
Zu diesen, nicht unproblematischen Fällen gehören die Ereignisse im Herbst 1991 nach der Veröffentlichung von Novaks offenem Brief in der Zeitschrift „Der Spiegel“ (vgl. 2.2.1 u. 2.2.6.2). Im Anschluss an diese Publikation wurde Klaus Schlesinger durch die Verbreitung unwahrer Tatsachen verleumdet – eine schwerwiegende Denunziation, die Novak zugeschrieben wird. Ich beziehe mich in dieser Arbeit am Rande darauf, da mit ihr mögliche Inkonsistenzen in Novaks Selbstentwurf markiert werden können (vgl. 2.2.6.2). Dennoch konnte es nicht gelingen, diese Geschichte und die Rollen der involvierten Personen Helga M. Novak, Klaus Schlesinger, Jürgen Serke und Sarah Kirsch abschließend einzuordnen. Übernimmt die Biografin Schlesingers, Astrid Köhler, in ihrem Kommentar zu Schlesingers Tagebucheintrag die darin enthaltene Auslegung, ohne die entsprechenden Selbstzeugnisse Novaks und Kirschs hinzuzuziehen oder Serke nach den Abläufen zu befragen,117 so kann ich nur auf die differierenden, nicht zusammenpassenden Darstellungen von Schlesinger und Kirsch (vgl. 2.2.2) sowie von Novak (vgl. 2.2.6.2) verweisen.
Eine besondere Herausforderung war außerdem die Thematik der Freundschaft zwischen Novak und ihrer Nachlassverwalterin Rita Jorek, die eine zentrale Rolle für die Nachlassformation spielt (vgl. 2.2.8). Meine Beschreibung dieser Verbindung bleibt sehr technisch und ist bemüht, den Einfluss der Freundschaft auf Werk- und Nachlass zu berücksichtigen, ohne dabei Persönliches zu berühren. Auch in dieser Hinsicht ließe sich sagen, dass es mein Anspruch war, die Nachlassformationen kritisch zu betrachten, sie so genau wie möglich zu wägen und den damit in Verbindung stehenden Personen mit Abstand zu begegnen.
Vgl. Sina/Spoerhase 2013: Nachlassbewusstsein, S. 622 f.
Im Folgenden wird aus Gründen der besseren Lesbarkeit das generische Maskulinum verwendet. Immer wieder werden weibliche Sprachformen miteinbezogen, um zu verdeutlichen, dass mit den Personenbezeichnungen stets mehrere Geschlechter gemeint sind.
Vgl. Fischer 2021: Reste und Ränder, S. 38. Und: Schmidt, Alice an Pohl, o. N., Bargfeld, 13.3.1976. In: Archiv der Arno Schmidt Stiftung. Für diesen Hinweis danke ich Michaela Nowotnick.
Vgl. Wirtz 2013: Der Eigensinn der Nachlässe, S. 82.
Vgl. o. V.: Genau kalkuliert. In: Der Spiegel, 27.2.1989.
Vgl. Janke/Kovac 2013: Publikationsformen und Werküberlieferung, S. 27 u. 32. Und: Janke 2015: Elfriede Jelineks Werk und Wirkung. Eine Überforderung. Unter:
Vgl. Sina/Spoerhase 2013: Nachlassbewusstsein, S. 619 f.
Vgl. hierzu: Ebd., S. 607–623.
Vgl. u. a.: Sina/Spoerhase 2017: Nachlassbewusstsein.
Vgl. u. a.: Schöttker 2002: Der Autor als Star der Nachwelt, S. 248–265. Und: Schöttker 2008: Adressat: Nachwelt.
Vgl. Mehring 2008: Nachlasspolitik bei Heidegger und Carl Schmitt, S. 107–123. / Mehring 2016: Heideggers „große Politik“. / Sina/Spoerhase 2013: Nachlassbewusstsein, S. 622.
Vgl. Wirtz 2013: Einführung, S. 7–10.
Vgl. Bülow 2018: Papierarbeiter, S. 11.
Aufgegriffen wird der Begriff der ‚Nachlassformation‘ von Spoerhase, der ihn allerdings mit anderer Stoßrichtung verwendet. Vgl. Spoerhase 2017: Neuzeitliches Nachlassbewusstsein, S. 35–38.
Vgl. ebd., S. 21.
Vgl. Bülow 2018: Papierarbeiter, S. 23.
Vgl. Bessen 2014: Novak, Helga M. Unter:
Hartung: Helga M. Novak in allen ihren Versen. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.11.1999.
Ostheimer 2016: Chronotopographie der DDR-Literatur, S. 345.
Albert 2009: „Zwei getrennte Literaturgebiete“?, S. 184.
Vgl. ebd., S. 187. Vgl. außerdem: Eke 2013: „Nach der Mauer der Abgrund“?, S. 18 f. / Ostheimer 2016: Chronotopographie der DDR-Literatur, S. 345. Sowie Ludwig/Meuser 2009: Die Geschichte der DDR-Literatur in vier Generationen engagierter Literaten, S. 26–29.
Berbig 2018: DDR-Literatur – archiviert, S. 21.
Ludwig/Meuser 2009: Die Geschichte der DDR-Literatur in vier Generationen engagierter Literaten, S. 13.
Berbig 2018: DDR-Literatur – archiviert, S. 20 f.
Bülow/Wolf 2014: Vorwort, S. 9.
Vgl. Schmidt 2016: (Selbst-)Archivierung als künstlerische Selbstvergewisserung, S. 24.
Vgl. Emmerich 1996: Kleine Literaturgeschichte der DDR, S. 225, 236 f., 418, 420, 481, 487, 513 f. Und in: Opitz/Hofmann 2009: Metzler-Lexikon DDR-Literatur. Vgl. die Einträge: Schulz 2009: Leising, Richard, S. 187 ff. Und: Köhler 2009: Novak, Helga M., S. 240 f. Emmerich zählt Novak zu den Autorinnen, „denen man verweigerte, DDR-Autorinnen zu sein oder überhaupt erst zu werden“, zählt aber „Helga M. Novaks autobiographischen Rückblick ‚Vogel federlos‘ […] ebenfalls zur DDR-Literatur“. Emmerich 1996: Kleine Literaturgeschichte der DDR, S. 236 f. Von Nause werden Novaks literarische Autobiografien als „Vorläufer von Nachwendetexten“ bezeichnet. Vgl. Nause 2002: Inszenierung von Naivität, S. 49. Sie betont jedoch, dass man Novak weder „vorbehaltlos der DDR-Literatur jener Jahre zuschlagen“ könne, noch „zur bundesdeutschen Literaturszene“. Und so schlussfolgert Nause, „dass Novak mit ihrem Schreiben immer zwischen allen Stühlen saß und […] auch in die bislang erschienenen Literaturgeschichten kaum einzuordnen ist.“ Ebd., S. 57.
Karsunke, Yaak zit. nach Berbig/Blackmore 2005: Gespräch mit Yaak Karsunke, S. 195.
Novak, Helga M. an Kirsch, Sarah, 15.1.1991. In: DLA Marbach, A: Novak, Briefe von ihr an Kirsch, Sarah.
Vgl. dazu: Dahlke 2018: Kanonkämpfe und Deutungskonkurrenzen nach 1989, S. 246.
Vgl. Nünning/Nünning 2010: Methoden als planvoll und systematisch eingesetzte Problemlösungsstrategien, S. 15–20.
Vgl. Martus/Spoerhase 2009: Praxeologie der Literaturwissenschaft, S. 89–96. / Johannsen 2013: To pimp our minds, S. 179–186. Und: Martus/Spoerhase 2013: Die Quellen der Praxis, S. 221–225.
Vgl. Spoerhase 2017: Neuzeitliches Nachlassbewusstsein, S. 23.
Vgl. Parnes/Vedder et al. 2008: Das Konzept der Generation, S. 18.
Die Verweise auf Briefe Novaks werden mit einer Ortsangabe versehen, oder, wenn diese auf dem entsprechenden Dokument nicht verzeichnet ist, als fehlend markiert. Bei Verweisen auf die Briefe Leisings unterbleibt diese Angabe, da der Dichter seine Briefe ausschließlich mit einem Datum, nicht aber mit einem Ort versah.
Vgl. dazu weiterführend: Lepper 2012: Dichter- und Philologennachlässe im Archiv, S. 64–65. / Borck 2014: Was vom Forschen übrig blieb. Und: Knott: Nomaden der Mehrsprachigkeit. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 8.2.2020.
Vgl. Kittler 1985: Aufschreibesysteme 1800/1900.
Spoerhase 2014: Postume Papiere, S. 511.
Vgl. Danneberg/Gilbert et al. 2019: Zur Gegenwart des Werks, S. 6–12.
Vgl. Digitale Bestandserhaltung. Unter:
Vgl. Friedrich 2013: Die Geburt des Archivs, S. 21 ff. Vgl. außerdem: Ernst 2002: Das Rumoren der Archive. / Ernst 2007: Das Gesetz des Gedächtnisses. / Ebeling/Günzel 2009: Archivologie. / Farge 2011: Der Geschmack des Archivs.
Foucault 1973: Archäologie des Wissens, S. 187.
Vgl. Derrida 1997: Dem Archiv verschrieben.
Vgl. Friedrich 2013: Die Geburt des Archivs, S. 22.
Schenk 2018: Getrennte Welten? Über Literaturarchive und Archivwissenschaft, S. 26 f.
Vgl. Eke 2013: „Nach der Mauer der Abgrund“?, S. 19 f.
Vgl. Frohn 2014: Literaturaustausch im geteilten Deutschland, S. 18.
Vgl. Ludwig/Meuser 2009: Die Geschichte der DDR-Literatur in vier Generationen engagierter Literaten, S. 16–20.
Vgl. Gelberg 2018: Poetik und Politik der Grenze, S. 14 f.
Vgl. Ludwig/Meuser 2009: Die Geschichte der DDR-Literatur in vier Generationen engagierter Literaten, S. 26 f.
Vgl. dazu: Max 2016: Zur Standortbestimmung der gegenwärtigen DDR-Literatur-Forschung, S. 13–26.
Eke 2013: „Nach der Mauer der Abgrund“?, S. 18.
Vgl. dazu: „Es gibt immer mehr als eine ‚DDR-Literatur‘. Die im Osten geförderte Literatur ist nicht notwendig die, die im Westen wahrgenommen wird. Die Literatur der DDR ist nicht homogen und es ist daher naheliegend, dass der Terminus der ‚DDR-Literatur‘ zu kurz greift. Der Gegenstand ‚DDR-Literatur‘ ist trotz unterschiedlicher Publikations- und Produktionsbedingungen, sowie DDR-spezifischen literarischen Traditionen nicht eindeutig zu definieren.“ Gelberg 2018: Poetik und Politik der Grenze, S. 14.
Ludwig/Meuser 2009: Die Geschichte der DDR-Literatur in vier Generationen engagierter Literaten, S. 12.
Vgl. ebd.
Ebd., S. 34.
Vgl. Gelberg 2018: Poetik und Politik der Grenze, S. 10. Vgl. auch Frohn 2014: Literaturaustausch im geteilten Deutschland. Und: Berbig 2005: Stille Post.
Gelberg 2018: Poetik und Politik der Grenze, S. 16.
Ebd.
Vgl. Dahlke 2018: Kanonkämpfe und Deutungskonkurrenzen nach 1989, S. 235–247. Vgl. außerdem: Netzwerk Literatur im geteilten Deutschland. Unter:
Vgl. beispielsweise: Schwilk: Marbach. Im Endlager der deutschen Literatur. In: Die Welt, 29.12.2010. / Rüdenauer: Literarische Vor- und Nachlässe – und der Nachruhm der Autoren. In: Deutschlandradio Kultur, 21.11. 2014. / Miessgang: Der Vorlasshandel. In: Die Zeit, 9.4.2015. / Ellmenreich: Im Gespräch mit Ulrich Raulff. Eine Käfersammlung schreibt Literaturgeschichte. In: Deutschlandfunk, 11.7.2018. / Küveler: Eine erste Expedition ins Archiv. In: Die Welt, 10.12.2019.
Vorausschauend und wegweisend: Zeller 1981: Autor, Nachlaß, Erben. / Vgl. außerdem u. a.: Hobbs 2001: The Character of Personal Archives, S. 126–135. Meyer 2002: Pedanten und Chaoten, S. 53–58. / Weigel 2005: An-Archive. Archivtheoretisches zu Hinterlassenschaften, S. 4–7. / Mehring 2008: Nachlasspolitik bei Heidegger und Carl Schmitt, S. 107–123. Willer 2008: Die Schreibszene des Nachlasses, S. 67–82. / Fetz 2009: Zum Status biographischer Quellen, S. 103–154. / Kölbl 2009: Der Ort der Literaturarchive, S. 351–376. / Raulff 2009: Ökonomien des literarischen Archivs, S. 223–232. / Thaler 2011: Zur Geschichte des Literaturarchivs, S. 361–374. / Raulff 2013: Nachlass und Nachleben, S. 17–34. / Müller 2014: Weiße Magie. / Willer 2014: Erbfälle. / Benne 2015: Die Erfindung des Manuskripts. / Töteberg/Vasa 2021: Ins Archiv, fürs Archiv, aus dem Archiv.
Vgl. Schöttker 2000: Ruhm und Rezeption, S. 427–487. / Schöttker 2002: Der literarische Souverän, S. 277–290. / Schöttker 2002: Der Autor als Star der Nachwelt, S. 248–265. / Schöttker 2008: Adressat: Nachwelt. / Schöttker 2014: Vom mythischen ins digitale Alexandria, S. 277–286. / Schöttker 2016: Posthume Präsenz, S. 237–246.
Vgl. Schöttker 2000: Ruhm und Rezeption, S. 472 f.
Vgl. dazu: Sina/Spoerhase 2013: Nachlassbewusstsein, S. 607–623. / Sina 2013: Kafkas Nachlassbewusstsein, S. 218–235. / Spoerhase 2014: Postume Papiere, S. 502–511. Und: Sina/Spoerhase 2017: Nachlassbewusstsein. Darin: Spoerhase 2017: Neuzeitliches Nachlassbewusstsein, S. 21–48. / Sina 2017: Die vergangene Zukunft der Literatur, S. 49–74.
Vgl. Schmidt 2016: (Selbst-)Archivierung als künstlerische Selbstvergewisserung, S. 21–37.
Vgl. Lepper/Raulff 2016: Handbuch Archiv.
Vgl. Kastberger/Maurer 2017: Die Werkstatt des Dichters. / Dallinger & Hofer et al. 2018: Archive für Literatur. / Kastberger & Maurer et al. 2019: Schauplatz Archiv. / Dallinger/Hofer 2020: Logiken der Sammlung. / Kastberger/Neuhuber 2021: Archive in/aus Literatur.
Zu beiden Instituten gehört ein Literaturarchiv.
Vgl. Meyer 2002: Pedanten und Chaoten, S. 52–58.
Vgl. Wirtz 2013: Der Eigensinn der Nachlässe, S. 77–88.
Vgl. Wirtz 2009: Elias Canettis „Aufzeichnungen“, S. 173–180. / Wirtz/Wieland 2017: Paperworks.
Vgl. Wirtz 2012: Autobiographie als Autofiktion, S. 193–203.
Vgl. Wirtz 2015: Lebenslang und danach, S. 203–2017.
Vgl. Cudré-Mauroux/Wirtz 2013: Literaturarchiv – Literarisches Archiv. Und: Wirtz/Weber et al. 2015: Literatur – Verlag – Archiv.
Vgl. Wirtz 2003: Wie der Nachlass Friedrich Dürrenmatts den klassischen Werkbegriff sprengt, S. 351–356.
Vgl. Grond-Rigler 2018: Auktoriale Inszenierung in Vorlässen, S. 163–180.
Vgl. Bülow 2016: Nachlässe, S. 143–152. Und: Bülow 2017: Der Nachlass als materialisiertes Gedächtnis und archivarische Überlieferungsform, S. 75–91. Sowie etwas überarbeitet unter dem Titel: Der Nachlass als Ausdrucks- und Überlieferungsform. In: Bülow 2018: Papierarbeiter, S. 12–29.
Ebd., S. 11.
Vgl. hierzu: Vom Verschwinden des Autors im Archiv. Die Box files von W. G. Sebald, S. 33–49. Und: „Hand-Werk“ des Denkens Martin Heideggers Papiere, S. 50–73. In: Ebd.
Vgl. u. a. Mehring 2008: Nachlasspolitik bei Heidegger und Carl Schmitt, S. 107–123. / Sina/Spoerhase 2013: Nachlassbewusstsein, S. 607–623. / Wirtz 2013: Einführung, S. 7–10. / Böttcher 2017: Nachlassbewusstsein bei Rühmkorf, S. 364–408. / Spoerhase 2017: Neuzeitliches Nachlassbewusstsein, S. 21–48. / Sina 2017: Die vergangene Zukunft der Literatur, S. 49–74.
Vgl. Lütteken 2018: Das Literaturarchiv – Vorgeschichte(n), S. 63–88.
Vgl. Hobbs 2012: Personal Ethics, S. 181–192.
Vgl. Albert 2009: „Zwei getrennte Literaturgebiete“?, S. 186.
Vgl. Berbig 2018: DDR-Literatur – archiviert, S. 21.
Vgl. Bülow 2014: Strukturelle Merkmale von Archivalien aus der DDR, S. 92–113. / Berbig 2018: DDR-Literatur – archiviert, S. 17–44. Vgl. außerdem: Dahlke 2016: Die DDR im Tagebuch, S. 316–331.
Vgl. u. a.: Emmerich 2005: Das Generationsparadigma in der DDR-Literaturgeschichte, S. 61–80. / Emmerich 2008: Generationen – Archive – Diskurse, S. 15–29. / Emmerich 2010: Die Bedeutung von Generationen, S. 15–29. Ludwig/Meuser 2009: Die Geschichte der DDR-Literatur in vier Generationen engagierter Literaten, S. 11–71. / Anz 2012: Generationskonstrukte, S. 83–96.
Ein Hauptproblem liegt bei der vorbehaltlosen Voraussetzung der Existenz von Generationen: „Die Empirizität von Generationen, ihr tatsächliches Vorhandensein in der Gesellschaft, wird dabei in der Regel kaum oder gar nicht problematisiert; es scheint ein gewisser Konsens darüber zu herrschen, dass es Generationen gibt.“ Parnes/Vedder et al. 2008: Das Konzept der Generation, S. 218.
Vgl. Schulz 2009: Leising, Richard, S. 187–189. / Schulz 2012: Rotzfahne auf Halbmast, S. 229–241.
Vgl. Gillett 2010: Leising, Richard, S. 319 f. Und: Gillett 2014: Translating Richard Leising’s „Wendegedichte“, S. 87–97. Außerdem aufschlussreich sind: Emmerich 2008: Richard Leising, der leise Poet, S. 111–114. Und: Reinecke 2014: Der Lyriker Richard Leising, S. 31–36.
Vgl. Helbig 2004: Der imaginäre Freund, S. 435–450. Vgl. außerdem: Helbig 2000: Zum ewigen Frieden, S. 167–168. Und: Helbig 2006: Zauberschwarze Welt, bewohnt.
Vgl. Serke 1998: Zu Hause im Exil, S. 163–186. Vgl. auch Haberkorn [im Erscheinen]: Der Lyriker Richard Leising.
Parallel dazu entstanden sind die Aufsätze: Boltenstern 2018: Richard Leising – ein Nachlassporträt, S. 399–412. Und: Boltenstern 2018: Der kommentierte Zeitungsausschnitt bei Richard Leising, S. 188–197.
Lentz 2011: Herkunft Heimat, S. 339.
Verdofsky: Vor und nach der Mauer. Eine poetische Selbstbehauptung, die bleiben wird: Die ‚Gesammelten Gedichte‘ von Helga M. Novak in einer erweiterten Ausgabe. In: Badische Zeitung, 9.8.2008.
Vgl. o. V.: Novak, Helga M. Unter:
Ebd.
Vgl. insbesondere: Salzmann 1988: Die Kommunikationsstruktur der Autobiographie. / Sill 1991: Zerbrochene Spiegel. / Nause 2002: Inszenierung von Naivität.
Brandt 2017: Zugänge zum Werk von Helga M. Novak, S. 8.
Vgl. beispielsweise: Aulls 1993: Verbunden und gebunden. / Dernedde 1994: Mutterschatten – Schattenmütter / Kraft/Kosta 1993: Das Angstbild der Mutter, S. 215–242. Puchalová 2007: Identität und Sprache, S. 147–159.
Vgl. Brandt 2017: Zugänge zum Werk von Helga M. Novak, S. 7–13.
Vgl. Keck/Günter 2001: Weibliche Autorschaft und Literaturgeschichte, S. 207 ff.
Vgl. Brandt 2017: Zugänge zum Werk von Helga M. Novak, S. 8. / Surynt 2017: Über die subversive Kraft des Erzählens im Werk Helga M. Novaks, S. 23–38. Vgl. Salzmann 1988: Die Kommunikationsstruktur der Autobiographie, S. 116–121. / Aulls 1993: Verbunden und gebunden, S. 164–186.
Vgl. Sill 1991: Zerbrochene Spiegel.
Vgl. beispielsweise: Demski: Allerleirauh. Nachwort. In: Novak 2008: solange noch Liebesbriefe eintreffen, S. 181–187. / Lentz 2005: Herkunft Heimat. Eine Lektüre, S. 213–226. / Ulmer 2014: Ungebunden, ungehorsam, ungezügelt. Unter: Unter:
Eine Ausnahme bildet: Hischenhuber 1985: Gesellschaftsbilder im deutschsprachigen Hörspiel. / Und: Bessen 2014: Novak, Helga M. Unter:
Vgl. Surynt 2007: Zur Problematik von Identität und Gewalt im Werk Helga M. Novaks, S. 119–143. / Surynt 2011: Zwischenräume, S. 13–39. / Surynt 2012: Unterwegs: das geteilte Leben von Helga M. Novak, S. 247–269. / Surynt 2017: Über die subversive Kraft des Erzählens im Werk Helga M. Novaks, S. 23–38. / Surynt 2017: Schuld – Scham – Schmerz im Werk Helga M. Novaks, S. 17–28.
Surynt 2009: Leben als Exil, S. 173–187.
Vgl. Bessen 2014: Novak, Helga M. Unter:
Vgl. Stoye-Balk 2016: Die Dichterin Helga M. Novak. Und: Schäfer-Newiger [o. J.]: Sprache. Freiheit. Melancholie. In: Signaturen. Unter:
Vgl. Jäger 1995: Schriftsteller aus der DDR (Bd. 1), S. 469–478. Und: Jäger 1995: Schriftsteller aus der DDR (Bd. 2), S. 33–38. / Jorek 2014: Helga M. Novak – Biographie, S. 113–118. / Köhler 2009: Novak, Helga M., S. 240 f. / Stoye-Balk 2016: Die Dichterin Helga M. Novak.
z. B. Kamińska-Ossowska 2017: Nachgetragene Biografien, S. 119–133. / Nowotnick 2017: Helga M. Novak und die rumäniendeutsche Literatur, S. 81–89. / Vgl. außerdem: Berbig 2018: Helga M. Novak und Robert Havemann, S. 101–119.
Vgl. Surynt 2017: Schuld – Scham – Schmerz im Werk Helga M. Novaks, S. 17–28.
Vgl. Boltenstern 2017: Briefeschreiben in Werk und Nachlass von Helga M. Novak, S. 61–72.
Vgl. Brandt 2017: Unterwegs und zurückgesehnt.
Vgl. Schöttker 2000: Ruhm und Rezeption, S. 472 f.
Vgl. Schlesinger 2014: „Eine Art Beweisnotstand“, S. 323–343.