Diese Studie beschäftigt sich mit dem strukturellen Zusammenhang von Negativität und ästhetischer Attraktivität, bzw. rezeptiver Lust, im Roman. Sie untersucht die damit verbundenen Affekte und Weltbezüge, die Motive, Textverfahren und Techniken sowie die mit dem Negativen ins Spiel kommende Herausforderung für den Leser. Der hauptsächliche Fokus liegt auf einer Gruppe von Romanen, die zwischen dem letzten Drittel des neunzehnten und dem Ende des zwanzigsten Jahrhunderts verfasst wurden. Insbesondere drei Autoren, die hier interessieren, stehen paradigmatisch für eine romaneske Negativitätsästhetik: Gustave Flaubert, Samuel Beckett und Thomas Bernhard. Für sie gilt grundlegend, dass sie auf ein verschärftes Bewusstsein negativer Lebensvollzüge, sei es in metaphysischer, lebensweltlicher oder gesellschaftlich-historischer Hinsicht, nicht eine Literatur der Kompensation oder der réparation1 folgen lassen, sondern eine gesteigerte Form von Negativität im ästhetischen Bereich, die das Gegebene durchstreicht und übersteigt. Umrahmt wird diese Trias von zwei AuÃenpunkten: der Philosophie Arthur Schopenhauers und den Romanen Michel Houellebecqs. Während erstere die Romane nicht nur in intertextueller Hinsicht prägt, sondern auch durch ihre eigene Wirkungsproblematik präfiguriert, steht das Schreiben Houellebecqs für das Auslaufen der Serie in der Gegenwart.
Unter der Negativität des Romans versteht die vorliegende Untersuchung eine bestimmte Kombination von â im weitesten Sinne â existentiell-affektiven, sprachlichen und rezeptionsbezogenen Gestalten des Neins. Die entscheidende Neuerung des Ansatzes besteht darin, diese zum ersten Mal aufeinander zu beziehen, d.h. sie klar zu unterscheiden und in ihrer Verknüpfung und Interdependenz herauszustellen. Insofern rückt Negativität nicht nur als darstellungsbezogene, sondern auch als performative sowie vom Leser erfahrene Qualität in den Blick (in dieser Hinsicht ist die Rede von der Negativität des Romans umfassender als die von der Negativität im Roman, die ein Darstellungsparadigma bleibt). Entwickelt wird in den folgenden Kapiteln ein dreistufiges Modell, das den Ãbergang von einer gnostischen Haltung (Negativität I) zu sprachlichen Negationsverfahren (Negativität II) zu einem Modus ästhetischer Erfahrung (Negativität III) beschreibt. Damit ist zugleich der Ãbergang vom Autorpol über den Text- zum Leserpol bezeichnet. Die grundlegende These der Untersuchung lautet: Negativität, verstanden als Verkettung von Negationen bzw. als Arbeit der Sprache gegen sich selbst, stellt im Roman nicht einfach eine logisch-ontologische Operation dar, sondern geht 1.) aus einer affektiven Disposition hervor, einer ablehnenden Haltung zur Welt, die man als Weltverneinung bezeichnen könnte, und führt 2.) in einen bestimmten Akt der Lektüre, der unter dem Vorzeichen des Negativen steht. Die ästhetische Erfahrung wird somit zu einer Erfahrung des Negativen als einer Erfahrung des Entzugs von Sinngarantien.2 Ihr spezifischer Umschlag erlaubt nichtsdestotrotz rezeptiven Lustgewinn.
Dass die drei genannten Stufen nicht zufällig gemeinsam auftreten, sondern voneinander abhängen, und dass der Modus ihrer Verbundenheit dasjenige ist, was die spezielle und oft überraschend positive Qualität der ästhetischen Erfahrung des Negativen im Roman bedingt, ist mit dieser Grundthese impliziert. Die zweite wichtige Neuerung der Studie besteht darin, den genannten Zusammenhang nicht nur zu systematisieren, sondern auch historisch zu entfalten. Dies erfolgt anhand von fünf zeitgebundenen Paradigmen. Sie umfassen zentrale Qualitäten von Negativität in der Moderne: die ästhetische Dimension des philosophischen Pessimismus (Schopenhauer); aporetisch-ironische (Flaubert), narrativ-diskursive (Beckett) und hyperbolische (Bernhard) Gestalten von Negativität, wie sie den Roman prägen; sowie eine neue Literatur der Resignation, die den modernistischen Furor des Negierens aufgibt (Houellebecq).
Die Frage, wie und warum Negativität in der Kunst ästhetische Anziehungskraft produziert, wurde insbesondere in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts vermehrt gestellt. Sie schlieÃt an die weitaus älteren Fragen nach dem Gefallen an der Tragödie sowie nach dem paradoxen Lustgewinn des Erhabenen an, aber auch an Ãsthetiken des Hässlichen, des Diskordanten oder des Bösen.3 Im Hinblick auf das hier vorgeschlagene Modell wäre sie wie folgt zu formulieren: Wie ist der immense rezeptive Lustgewinn zu erklären, der mit der Lektüre von Texten verbunden ist, die in existentieller, sprachlicher und ästhetischer Hinsicht dem Nein, der Verweigerung, der Abwesenheit den Vorrang geben? Wird der Widerspruch zwischen Gegenstand und Wirkung, zwischen Aussage und Erfahrung durch einen Umschlag aufgehoben, der dem Ãsthetischen vorbehalten ist? Um dieser Frage nachzugehen, tritt die vorliegende Studie in Dialog mit drei Theoretikern, die sich ihr mehr oder weniger direkt gewidmet haben: Theodor W. Adorno, Wolfgang Iser und Karl Heinz Bohrer. Sie liefern wichtige Grundlagen und geben das Reflexionsniveau vor. Ihre Theorien weisen jedoch allesamt bestimmte Verkürzungen auf, weshalb sie situativ ins Spiel gebracht werden. Bohrer, der in seinem Buch Ãsthetische Negativität (2002) versucht, die âParadoxie zu klären, die sich daraus ergibt, dass die Negativität ästhetische Suggestion produziertâ,4 legt einen Ansatz vor, der durch seine Ausrichtung an Einzeltexten letztlich idiosynkratisch bleibt. Im hier vorgeschlagenen Vokabular könnte man zudem sagen: Er springt direkt von Stufe I zu Stufe III, ohne die performativen Verfahren der Texte zu gewichten. Adornos Ãsthetische Theorie (1970) ihrerseits enthält wichtige Erkenntnisse im Hinblick auf die Verknüpfung von Bildern und Verfahren des Negativen, mit denen Identität durchbrochen wird. Sein gesellschaftskritischer Ansatz lässt jedoch die dritte Stufe auÃer Acht: Rezeption und Lustgewinn bleiben, auch angesichts eines Purismus, der sich gegen jede Art von Unterhaltung richtet, unscharf. Auf den Roman und seine Textverfahren im Speziellen bezieht sich nur Wolfgang Iser. Er steht dem hier vertretenen Ansatz am nächsten: Seine Lesephänomenologie versteht das Negative im literarischen Text als Aktivierung des Imaginären â als einen Auslöser, der rezeptive Produktivität erzeugt, den Leser zur Aktivität treibt und mit Lust verbunden ist. In vielerlei Hinsicht macht sich die Untersuchung dieses grundlegende Argument zu eigen, wenn sie es auch anhand der Texte differenziert und kritisch befragt. Unterschätzt, so zeigt sich, wird in Isers Theorie alles, was die affektive Qualität sowie historische Gestalten von Negativität betrifft (Stufe 1).
Die genannten Ansätze, so lässt sich mit etwas gutem Willen zur Schematisierung sagen, denken stets nur zwei Stufen zusammen. Die vorliegende Studie setzt dem als Prämisse entgegen: Erst wenn man alle drei Stufen als Ganzes betrachtet, lässt sich die Negativität des Romans in ihrer eigentlichen Sprengkraft in den Blick bringen. Hierzu ist es auch notwendig, allgemein-theoretische Annahmen durch eine entschieden literaturwissenschaftliche Perspektive zu ergänzen (und vice versa). Das historische Feld, in dem das Phänomen für gewöhnlich verortet wird, d.h. der Modernismus (1900â1950), wird dabei im Hinblick auf einen umfassenderen Modernebegriff geweitet.
Ohne die Unterstützung einer Vielzahl von Menschen wäre dieses Buch nicht zustande gekommen. Dank gilt all denen, die an seiner Entstehung direkt oder indirekt beteiligt waren. Besonders dankbar bin ich Helmut Pfeiffer, dessen offenes Denken die Arbeit von Anfang an begleitet hat und ohne dessen Anregungen dieses Buch nicht vorstellbar wäre. Danken möchte ich darüber hinaus Thomas Macho und Franziska Sick für ihre aktive Betreuung des Projekts. Dank geht auÃerdem an Wolfgang Asholt, Iris Därmann, Jörg Dünne, Gerhard Gamm, Andreas Gehrlach, Danaë Hadjigeorgiou, Anatol Heller, Brigitte Heymann, Dagobert Höllein, Micha Knuth, Sophia Lohmann, Antonio Lucci, Gesine Müller, Annika Nickenig, Vincent Platini, Dominique Rabaté, Djan Sauerborn, Lena Seauve, Jan Steinkühler, Rouven Symank, Peter Wittemann und Jan-Henrik Witthaus für Hinweise, Gespräche und Korrekturen sowie an die Studienstiftung des deutschen Volkes für ihre groÃzügige Unterstützung. Mein gröÃter Dank gilt meinen Eltern, den gut gelaunten Negativisten, und meinen Geschwistern.
Alexandre Gefen: Réparer le monde. La littérature française face au XXIe siècle. Paris: Corti 2017.
Daniel Kazmaier definiert Negativität in ähnlicher Weise als âModus der Erfahrung der Unerfahrbarkeit von transzendenten und immanenten Sinngarantienâ. Vgl. Daniel Kazmaier: Poetik des Abbruchs. Literarische Figurationen von Negativität im 17. und 18. Jahrhundert. Würzburg: Königshausen & Neumann 2016, S. 9.
Vgl. zu Letzterem u.a. Karl Rosenkranz: Ãsthetik des Hässlichen. Unveränderter reprografischer Nachdruck der Ausgabe Königsberg 1853. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1979; Karl Heinz Bohrer: Imaginationen des Bösen. Für eine ästhetische Kategorie. München/Wien: Hanser 2004; Heiner F. Klemme, Michael Pauen, Marie-Luise Raters (Hrsg.): Im Schatten des Schönen. Die Ãsthetik des Hässlichen in historischen Ansätzen und aktuellen Debatten. Bielefeld: Aisthesis 2006; Peter-André Alt: Ãsthetik des Bösen. München: Beck 2010. Auf die Forschungsliteratur zur ästhetischen Negativität sowie zum Erhabenem wird im folgenden Kapitel ausführlich eingegangen.
Karl Heinz Bohrer: Ãsthetische Negativität. München: Hanser 2002, S. 10.