,WelterschlieÃungâ
Die europäische Expansion setzte in der Frühen Neuzeit mit den Entdeckungs- und Eroberungsfahrten der Portugiesen und Spanier ein. Die Portugiesen scheinen vermutet zu haben, dass die räumlichen Berechnungen des Mathematikers und Kartographen Paolo dal Pozzo Toscanelli, die die Ausdehnung des damals noch nicht bekannten Pazifiks unterschätzten, falsch waren. Christopher Kolumbus hatte sich auf seiner zwischen 1492 und 1502 unternommenen Suche nach dem transatlantischen Weg nach Ostindien auf Toscanellis Berechnungen verlassen; die Portugiesen wählten jedoch nicht die westliche Route des Kolumbus, sondern stattdessen die Umrundung des Kaps der Guten Hoffnung, um nach Indien â genauer: in den Westen Ostindiens, zu den ,East Indiesâ â zu gelangen.1 Die Route nach Indien war den Portugiesen durch Bartolomeu Diazâ Umseglung des Kaps der Guten Hoffnung, neun Jahre vor Vasco da Gamas Fahrt nach Indien 1497 bis 1498, ansatzweise bekannt. Das Ziel von Diazâ Fahrt war gewesen, auf dem Seeweg Indien zu erreichen; Diazâ Mannschaft hatte diesen jedoch dazu gebracht, am ,Rio do Infanteâ (benannt nach João Infante, dem Kapitän eines seiner Schiffe), der an der nach Nordosten verlaufenden Südküste Afrikas in den Indischen Ozean mündet, umzukehren und nach Umrundung des Kaps der Guten Hoffnung nach Lissabon zurückzusegeln.2
Bereits die ersten Strophen von Canto I von LuÃs de Camõesâ LusÃadas, die 1572 erschienen und Vasco da Gamas Bestreben nachzeichnen, den Seeweg nach Indien zu entdecken, entwerfen dieses Epos als ein Werk, das den Ruhm des portugiesischen Volkes begründen soll. Vasco da Gama verkündet zu Beginn seine Suche nach den âterras da Ãndia tão famosaâ (âLändern des so berühmten Indiensâ)3, wobei Handelsinteressen hier die Hauptmotivation darstellen, hinter denen curiositas und christliche Mission zurücktreten.
Doch kann man unter der ,WelterschlieÃungâ â das Wort im Titel dieser Studie â, die die frühneuzeitlichen Epen der Entdeckungen und Eroberungen beschreiben und selbst vorführen, nicht nur die territoriale und maritime Entdeckung, sondern auch in einem breiten Sinn das Eröffnen und zugleich Sich-Aneignen von Welt in ihren vielfältigen Erscheinungsformen verstehen.
Hierbei ist zunächst das Wort des ,ErschlieÃensâ selbst zu reflektieren.4 Die ihm immanente Dialektik des Ãffnens und SchlieÃens, die auch in der englischen und französischen Ãbersetzung des Wortes mit âto open upâ5 und âouvrirâ6 zutage tritt, verdeutlicht diesen Vorgang: Nachdem etwas ,aufgeschlossenâ, also geöffnet wurde, ist es erschlossen und befindet sich im Status des Erschlossen-Seins.
Die Dialektik des Ãffnens und SchlieÃens im Vorgang des ,ErschlieÃensâ ist auch lexikalisch begründet, da das Präfix ,erâ einen Vorgang des Ãffnens anzeigt: Jacob und Wilhelm Grimm weisen auf die Nähe der Silbe ,erâ zu ,aufâ hin, von dem sich ,erâ stilistisch unterscheide:
nach Adelung wäre erbauen [â¦] edler als aufbauen [â¦]; es liegt aber für uns in dem er eine gröszere abstraction und die zusammensetzungen mit auf oder aus klingen sinnlicher.7
Das Deutsche Wörterbuch gibt weiter Aufschluss zur Bedeutung des Präfixes ,erâ im transitiven Sinn: âin diesem er liegt die von innen auf einen äuszern gegenstand gehende wirkungâ, was sich an den Beispielen ,erdenkenâ, ,erobernâ und ,erringenâ sehen lasse.8 Als Synonyme zu ,erschlieszenâ nennt das Deutsche Wörterbuch ,entschlieszenâ und ,aufschlieszenâ und als Beispiele Gegenstände, die zuvor im wörtlichen und metaphorischen Sinn verschlossen bzw. nicht zugänglich waren: â1) das thor, den schrein, kasten erschlieszenâ und â3) einen gedanken, den sinn eines spruchs, ein rätsel, geheimnis erschlieszenâ. ,Erschlieszbarâ ist, âwas eröfnet und erschlossen werden kann.â9 Das Suffix ,-ungâ in ,ErschlieÃungâ unterstreicht den Handlungscharakter10, der dem (Er-)Ãffnungsprozess zugrunde liegt.
Was erschlossen wird, muss jedoch zuvor gefunden oder entdeckt worden sein. Erst nach dem Entdecken beginnt die ErschlieÃung, wie man im folgenden Zitat sieht, wenn da Gama in den Lusiaden auf der Höhe von Mauretanien (dem heutigen Marokko) berichtet:
So haben wir jene Meere durchpflügt [eröffnet], die noch keine Generation durchpflügt [eröffnet] hat, die neuen Inseln sehend und die neuen Lüfte, die der hochgeborene Henrique [gemeint ist Heinrich der Seefahrer] entdeckt hat.
Auch nach Peter Sloterdijk â[kann] [d]ie Durchfahrt durch fremde Gewässer [â¦] erst von dem Augenblick an als gesicherte Leistung gelten, wenn zu einer Sichtung eine ErschlieÃung [â¦] hinzutrittâ.11 Das schlieÃende Moment im Vorgang der ,Er-schlieÃungâ tritt darin zutage, dass die neuen Gegenden zu einem geschlossenen Bereich arrondiert werden (vgl. S. 9f. dieser Studie); auch ihre Aufzeichnung auf einem Globus bedeutet eine solche SchlieÃung (vgl. S. 42f.).12 Bei ihren Landungen in Afrika und Indien stellen die Portugiesen in den Lusiaden jedoch fest, dass dort bereits andere Völker das Land terrestrisch erschlossen und damit zugänglich gemacht haben.13 Die ökonomische ErschlieÃung eines Geländes haben vor ihnen ebenfalls andere Völker unternommen, indem sie es strukturiert, ,urbarâ, also ,nutzbar gemachtâ und kultiviert haben.14 Was die Portugiesen in den Lusiaden erschlieÃen, ist ein ökonomischer Absatzmarkt über das AbschlieÃen von Handelsverträgen in Indien.
Eine ErschlieÃung im Sinne von ,Ausbeutungâ15 tritt an der Ausbeute an Bodenschätzen zutage, die die Spanier der Frühen Neuzeit in Amerika fanden, und wie sie in Alonso de Ercilla y Zúñigas Araucana ersichtlich wird. In diesem Epos, das zwischen 1569 und 1589 erschien, ist in Bezug auf die WelterschlieÃung die Landnahme vorrangig, die Suche nach Gold sowie, auch hinsichtlich der intertextuellen Vorlage der antiken Epen, die Auseinandersetzung mit einer bereits vorliegenden Tradition des Imperialismus und seiner Kritik. Die Araucana beschreibt die Episode der frühneuzeitlichen Expansion der Spanier in Chile, die ab 1557 von GarcÃa Hurtado de Mendoza geleitet wurde, sowie deren Kampf gegen die widerständigen Araukaner. Entsprechend setzt in der Araucana die Handlung bereits in Amerika als dem Ziel der Spanier ein, während in den Lusiaden die Fahrt zum Ziel selbst den Schwerpunkt des Epos bildet.
Nicht zuletzt ist die Verbreitung der romanischen Sprachen mit geistlichen Schriften und Wörterbüchern in der Neuen Welt, für die Jacques Derrida den Begriff der ,Mondialatinisationâ geprägt hat, eine Form der sprachlichen und geistigen ErschlieÃung von Welt. So sucht das portugiesische Wörterbuch die bekannte Sprache in einen unbekannten Sprachraum zu tragen bzw. sie ihm aufzuoktroyieren, und umgekehrt eine unbekannte indigene Sprache in bekannte Begriffe zu übersetzen.
Globalisierung in der Frühen Neuzeit
Diese ErschlieÃung von Welt in der Frühen Neuzeit bildet eine Vorform von Globalisierung, die zu dieser Zeit noch nicht im vollen heutigen Sinn des Begriffs â als einer zunehmenden technischen, kommunikativen und wirtschaftlichen Vernetztheit und Interdependenz von Menschen â zu verstehen ist. Doch haben globalisierende Tendenzen nicht erst im 20. Jahrhundert, sondern bereits in früheren historischen Stadien begonnen. Von ,to globalizeâ spricht man zwar im Englischen 1944, das entsprechende Substantiv ist für 1951 erstmals belegt, verbreitet wurden beide Wörter erst in den 1980er Jahren. Vergleichbare dynamische Strukturen, die sich auf die gesamte Erde erstrecken, lassen sich allerdings bereits im Zeitalter der Entdeckungs- und Eroberungsreisen erkennen, wenngleich unter anderen Vorzeichen. Seine Gegenwartsdiagnose, âdaà virtuell jeder Ort auf einer umrundbaren Kugel auch aus der gröÃten Ferne durch Transaktionen von Gegenspielern in Mitleidenschaft gezogen werden kannâ, bezieht Sloterdijk auf das vergangene âhalbe[â¦] Jahrtausendâ und setzt damit den Beginn dieses Prozesses in der Frühen Neuzeit an.16 Peter E. FäÃler spricht vom Zeitraum zwischen 1500 und 1840 als dem Stadium der ,Protoglobalisierungâ17, Ottmar Ette von der Frühen Neuzeit als der ersten Phase der Globalisierung18.
Globalisierung steht folglich mit der Entdeckungs- und Eroberungsgeschichte in einem Zusammenhang und wird in der Geschichtswissenschaft bereits weitreichend im Sinn einer Weltgeschichtsschreibung diskutiert.19 Sie geht damit auch über das hinaus, was man in der Frühen Neuzeit mit dem Begriff des Imperiums fassen kann: So kann die Konkurrenz der portugiesischen und spanischen Imperien in der Frühen Neuzeit untereinander als eine bereits globale Angelegenheit betrachtet werden, die sich aus den Entdeckungs- und Eroberungsfahrten ergibt. Diese Konkurrenz zeigte sich insbesondere am Vertrag von Tordesillas von 1494, der mit der von Papst Alexander VI. zuvor angeordneten (und im Vertrag leicht verschobenen) Grenzlinie, die durch den Atlantik und Brasilien hindurch verlief, die Erde in eine portugiesische und spanische Hälfte teilte. Da dieser Vertrag die Linie zunächst nur auf der einen Hälfte der Erdkugel gezogen hatte, wurde zu ihm nach Ferdinand Magellans Fahrt von 1519 bis 1522, die das Problem der Teilung auf der anderen Hälfte aufgeworfen hatte, nachverhandelt, und die Auseinandersetzung zwischen Spaniern und Portugiesen über das Besitzrecht an den Molukken wurde im Vertrag von Saragossa von 1529 zugunsten der Portugiesen geregelt.20 Karl V. überlieà in diesem Vertrag den Portugiesen die Molukken für eine Entschädigung von 350.000 Dukaten, wobei sich damals noch niemand dessen bewusst gewesen war, dass die Gewürzinseln ohnehin auf dem Gebiet lagen, das die genaue Verlängerung des im Vertrag von Tordesillas festgelegten Meridians den Portugiesen zugewiesen hätte, da diese Verlängerung auf der anderen Halbkugel durch Australien und Neuguinea verlief. Die Trennlinie wurde im Vertrag von Saragossa letztlich nach Schätzungen auf 297,5 Leguas östlich der Molukken festgelegt.21
Von globalem Ausmaà ist weiter die Begegnung der Portugiesen mit den Arabern und anderen handeltreibenden Völkern im Indischen Ozean in der Frühen Neuzeit. Diese Handelssituation geht angesichts der Vielzahl der beteiligten Völker über die binäre Unterscheidung zwischen Kolonisatoren und Kolonisierten und damit über ein Denken in rein imperialen Strukturen hinaus.
Aus der von den Verträgen von Tordesillas und Saragossa angeordneten erdumspannenden Trennlinie sowie aus dem Blick auf den gesamten Handel im Indischen Ozean wird ersichtlich, dass ein globaler Zusammenhang und nicht allein imperiale Verhältnisse von Kolonisatoren und Kolonisierten vorliegen, sobald dieser Zusammenhang ,ein Ganzesâ (beispielsweise der Erde) zu umfassen sucht. In diesem Sinne des ,Ganzenâ verwenden auch einige Literaturwissenschaftler die Begriffe des ,Globalenâ, der ,Globalisierungâ und der ,globalizationâ in Bezug auf frühere historische Zeiträume und Texte aus diesen Zeiten. So nennt Robert Stockhammer â mit Blick auf unterschiedlich groÃe Räume â âinterkontinentale[â¦], potenziell erdumspannende[â¦] Bewegungen von Menschen und Schriftenâ, für die das in verschiedenen historischen Stadien betrachtete Afrika âals Schauplatz [â¦] verstandenâ wird, unter Vorbehalt âGlobalisierungâ.22 Ayesha Ramachandran konzentriert sich hinsichtlich der Frühen Neuzeit auf das âglobal whole â now understood as the âuniversal world,â a fusion of the earth and the heavensâ; zudem untersucht sie das Verhältnis eines frühneuzeitlichen Konzepts von Kosmopolitismus zu âcontemporary theorizations of globalizationâ.23 Federico Italiano sieht Ariosts ânew geopoetics that turns away from the symbolic dominance of the Eastâ als âone of the first poetic versions of modern globalizationâ.24
Epos als Ort der Verhandlung von Globalisierungsprozessen in der Frühen Neuzeit
Die vorliegende Studie vertieft daher den historischen Ansatz, wie ihn Sloterdijk 2005 zum Zeitalter der Entdeckungen und Eroberungen in Im Weltinnenraum des Kapitals. Für eine philosophische Theorie der Globalisierung vorgelegt hat, mit der Untersuchung von Camõesâ Os LusÃadas und Ercillas La Araucana, und sie erweitert die stark ausgeprägte Forschung zur Globalisierung in der Gegenwart25 um historische Tiefenschärfe. Die grundlegende Motivation für erdumspannende Prozesse in der Frühen Neuzeit, die sich in diesen beiden Epen manifestiert, ist die Suche nach der Neuen Welt, im Geflecht von curiositas, christlicher Mission und ökonomischem Interesse.
Mit dem Fokus auf den Lusiaden wird die Geschichte der Globalisierung insofern erweitert, als sich die ,Mondialatinisationâ nicht nur über den Landweg der Italiener und anderer Völker im Kreuzzug nach Osten und den Seeweg der Spanier über den Atlantik, sondern auch über den Seeweg der Portugiesen im Indischen Ozean erstreckt. Die Fahrten der Entdecker und Eroberer stehen damit in einem transozeanischen Zusammenhang, der von europäischen wie nicht-europäischen Akteuren gleichermaÃen geprägt war.
Als das Genre und als der wichtigste Ort, der die notwendige narrative Breite für die Verhandlung von Globalisierungsprozessen bietet, erweist sich das Epos. Die Studie untersucht die romanischen Renaissance-Epen der Entdeckungs- und Eroberungsfahrten dabei primär auf iberoromanistischer Grundlage und berücksichtigt, mit unterschiedlicher Gewichtung, Camõesâ LusÃadas und Ercillas Araucana26.
Ludovico Ariosts Epos des Orlando furioso, dessen erste Ausgabe 1516 und letzte Ausgabe 1532 erschien, ist mit Blick auf die ausgedehnten Reisen seiner Figuren einer der ersten Texte in der Frühen Neuzeit, die begonnen haben, globalisierende Bewegungen zu behandeln bzw. ein Bewusstsein für diese überhaupt zu entwickeln. Der Orlando furioso ist angesichts des globalen Blicks auf die Erde, der darin über einige Strophen hinweg entfaltet wird, für die Perspektive erdumspannender Prozesse von zentraler Bedeutung und wird in der vorliegenden Arbeit ebenfalls mit einbezogen â nicht zuletzt, zumal seine Abfassung derjenigen von Camõesâ LusÃadas zeitlich vorangeht. Aufgrund der bereits ausgeprägten Forschungslage zu erdumspannenden Bewegungen im Orlando furioso wird dieser jedoch lediglich als Erweiterung der Hauptanalyse von Camões und Ercilla berücksichtigt, ebenso wie Torquato Tassos Kreuzzugs-Epos Gerusalemme liberata von 1581 und die sogenannte Episode der Navigazione del mondo nuovo, die ursprünglich als Teil von Tassos Epos gedacht war.27
Vor allem aber begründet sich die kürzere Behandlung der italienischen Texte durch die Tatsache, dass es bei den Italienern während der Frühen Neuzeit keine Expedition über die Adria hinaus gegeben hat. Während die auÃer-europäischen Gegenden in den iberoromanischen Epen die Schauplätze der zentralen Ereignisse darstellen, so sind sie bei Ariost und Tasso lediglich die Schauplätze romanesker Episoden.28 Ariosts Orlando furioso und Tassos Gerusalemme liberata handeln damit nicht von einer Entdeckung oder Eroberung der Neuen Welt. Beide Epen folgen â allein schon durch ihre Helden â dem mittelalterlichen Schema des romanzo cavalleresco, und sie bleiben daher â wie schon das Rolandslied â im Sinnhorizont der Kreuzzugs-Thematik.
Textauswahl
Die vorliegende Arbeit führt poetische29 Texte â die oben genannten Epen â mit faktualen (dokumentarischen, historiographischen und wissensgeschichtlichen) Texten zusammen, die im Kontext der Entdeckungs- und Eroberungsfahrten (auch gegenüber dem Epos) an Bedeutung gewinnen30. Diese faktualen historischen Texte werden dabei bewusst in ihrer sprachlichen Qualität als Texte mit einbezogen. Das in diesen Schriften vermittelte Historische und Poetische soll nicht im Verhältnis einer Dichotomie verstanden werden, sondern das Historische auf das Poetische bezogen werden, was dann wiederum auf das Verständnis des Historischen rückwirkt. Dieses Vorgehen betont vor allem die Kapazität von Sprache, die Weltsicht zur Zeit der Entdeckungen zu prägen, und es zeichnet durch die Berücksichtigung faktualer Texte ein umfassendes Bild von Globalisierungsprozessen in der Frühen Neuzeit.
Dokument, Roman, Reisebericht
Als paradigmatisch für das Aufeinander-Beziehen von Akten und Narrativen im Rahmen von Weltordnungen, sowohl mit Blick auf den Entdeckungszusammenhang als auch mit Blick auf den Genreaspekt, kann Bernhard Siegerts Studie Passagiere und Papiere. Schreibakte an der Schwelle zwischen Spanien und Amerika betrachtet werden. Die Studie führt die in der Casa de la Contratación gesammelten Briefe von Spaniern aus der Zeit von 1563 bis 1585, die eine Ausreise nach Amerika beantragten, beispielsweise mit dem 1554 anonym erschienenen Roman La vida de Lazarillo de Tormes y de sus fortunas y adversidades eng. Dabei stellt Siegert subjektbildende Akte des Fingierens heraus, die für beide Genres prägend sind. Wie er gezeigt hat, entwerfen sowohl der dokumentarische Antragsbrief, welcher Kurzangaben zu den entsprechenden Personen â unter anderem zu Abstammung und Lebensführung â enthält31, als auch der Schelmenroman durch Strategien des (möglichen) Fingierens die Fassade einer Person.
Unter diesem Blickwinkel des Aufeinander-Beziehens von poetischen, fiktionalen und faktualen Texten lieÃe sich zudem die Trias von Epos, Roman und Reisebericht berücksichtigen, wobei zu beachten ist, dass der Roman dem Reisebericht näher steht als dem Epos.32 Die vorliegende Arbeit wird diese Trias jedoch nicht vertiefen und unter den nicht-poetischen Texten auf den Roman (als einem fiktionalen Text) als Untersuchungsgegenstand verzichten, um folgende Aspekte des frühneuzeitlichen Epos verstärkt hervorheben zu können: Anders als frühneuzeitliche Romane beschreiben die Epen von Camões und Ercilla das (ideelle, imperiale, ökonomische und missionarische) Expansionsstreben eines (historisch existierenden) Imperiums und dessen Kritik. Sie konzentrieren sich damit auf die (linearen) Fahrten Einzelner als Vertreter eines Volkes, nicht auf die (digressiven) Reisen individueller Helden, von denen der Roman erzählt â was freilich die Integration nicht-epischer Schreibweisen in die Epen selbst nicht ausschlieÃt. Das im Epos beschriebene Expansionsstreben kann dabei (antik-)mythologisch überhöht sein.
Ein Grund dafür, dass Camões und Ercilla die frühneuzeitlichen Geschehnisse in der Form des Epos und nicht der langen Prosaerzählung wiedergeben, könnte darin liegen, dass die lange fiktionale Prosaerzählung in der Frühen Neuzeit zunächst und zumeist an die phantasmatische Erzählwelt des arturischen roman gebunden war und daher im Bewusstsein der Zeitgenossen zur Vermittlung eines ,Realitätseindrucksâ kaum in Betracht kam. Die frühen Beispiele des frühneuzeitlichen Romans, der novel, zielten entweder (wie die ersten pikarischen Erzählungen und der Don Quijote) auf eine ,realistischeâ Darstellung einer alltäglichen Welt oder (wie Teresas de Ãvilas Libro de la vida) auf die Erforschung einer subjektiven Innenwelt ab. Beide Konzepte entsprechen nicht dem umfassenden Repräsentationsanspruch von Camões und Ercilla.
Es sei jedoch darauf aufmerksam gemacht, dass sich die Entdeckung der Neuen Welt auch in einigen nicht-poetischen Textgenres der Frühen Neuzeit wie im Roman und im Reisebericht niederschlägt. Wenig später nach dem Erscheinen der Epen von Camões und Ercilla experimentierte Miguel de Cervantes in Los trabajos de Persiles y Sigismunda â der Beschreibung einer romanesken Reise, die sich ausgehend vom Nordmeer auf europäischem Terrain bewegt â von 1617 mit Verbindungen zwischen epischem und romanhaftem Erzählen; in diesem Text haben sich, wie Diana de Armas Wilson aufzeigt, auch Aspekte der Neuen Welt in Amerika manifestiert33. Thomas Morusâ utopischer Roman Utopia von 151634 projiziert eine ideale Staatsordnung auf die Ferne, die durch Amerigo Vespucci und die portugiesischen Entdeckungsfahrten, auf die zu Beginn des Werks verwiesen wird35, bekannt geworden war. Hier dient die Neue Welt dazu, das Geschehen auf Utopia weit in die Ferne, von Europa weg zu rücken. Auch François Rabelaisâ Roman Pantagruel von 1532 sucht weniger geographische Neuheit, sondern entwirft vielmehr ein neues Bild der Alten Welt in der Neuen. Die Suche des Pantagruel nach einem Orakel in Indien wird mit einer allegorischen Utopie überblendet, die sich deutlich an der Alten Welt anlehnt.36
Bei den Reiseberichten sind â mit einem klar erkennbaren Interesse am Fremden â Montaignes Essays âDes Cannibalesâ37 und âDes Cochesâ (âÃber die Kutschenâ) wichtig, die 1580 und 1588 erstmals veröffentlicht wurden. âDes Cochesâ nimmt mit der Verurteilung der Taten der Spanier in Amerika Bezug auf die frühneuzeitliche Geschichte.38
Historiographie und Lobrede
Auch in historiographischen Dokumenten manifestiert sich die Entdeckung der Neuen Welt; zudem zeigen sich intertextuelle Einflüsse zwischen ihnen und weiteren Texten. Ãlvaro Velhos Routenbuch Roteiro da primeira viagem de Vasco da Gama von ca. 1499, zu dem die Lusiaden deutliche inhaltliche Parallelen aufweisen, sei, so Michael Murrin, schon Fernão Lopes de Castanheda, dem Verfasser des ersten historiographischen Intertextes für die Lusiaden â der Historia do Descobrimento e Conquista da Ãndia pelos Portugueses von 1551 â bekannt gewesen.39 Als zweiter historiographischer Intertext für Camõesâ Epos dienten João de Barrosâ Décadas aus den Jahren 1552 bis 156340, die das Handeln der Portugiesen im Indischen Ozean dokumentieren und in der vorliegenden Arbeit bei der Analyse mit berücksichtigt werden. Das Epos der Lusiaden selbst enthält somit faktuale Elemente, da es auf einer Fahrt beruht, die tatsächlich stattgefunden hat, und da es auch eine Lobrede â die Aristoteles in seiner Rhetorik zum ,génos epideiktikónâ zählt41 â auf portugiesische Helden und Könige der damaligen Zeitgeschichte und Vergangenheit darstellt.
Eine antike Gattungsvorlage für die Lusiaden im historiographischen Bereich stellt der Tatenbericht dar, die Res gestae. Dieser flieÃt in die Lusiaden durch die intertextuelle Ãberblendung des Manuskripts des Erzählers in L, X/128 mit Caesars Commentarii mit ein, die dieser bei seinem Schiffbruch mit sich führte. Die Commentarii sind eine Selbstdarstellung in Prosa und Dokumentation eines Feldzugs â âciênciaâ (L, V/96) nennt der Erzähler Caesars Wissenschaft an anderer Stelle â, so wie auch die Lusiaden eine gegenwärtige Fahrt aufzeichnen. Von Chroniken wie beispielsweise de Barrosâ Décadas unterscheidet sich der Tatenbericht jedoch durch seine deutlich stärkere Fokussierung auf den Blickwinkel des Schreibenden.42
Mit Blick auf das spanisch-koloniale Amerika werden in der vorliegenden Studie stellenweise die frühneuzeitlichen Chroniken von Jerónimo de Vivar, Crónica de los reinos de Chile von 1558, und Gaspar de Villagrá, Historia de Nuevo México von 1610, ebenso wie Bartolomé de las Casas historiographische Schriften aus der Zeit zwischen 1527 und 1561 mit einbezogen.
Um die Ãberschneidungen von Merkmalen von poetischen und faktualen (dokumentarischen, historiographischen und wissensgeschichtlichen) Texten sowie deren Unterschiede zu verdeutlichen, ist die Engführung dieser Texte methodisch näher zu beleuchten. Eine Ãberschneidung liegt darin, dass in den in der Arbeit untersuchten Epen stellenweise durch den Nachdruck auf der Wahrheit des Gesehenen, unabhängig vom expliziten Vorliegen einer intertextuellen Vorlage, indirekt die Gattung des Reise- und damit Augenzeugenberichts aufgerufen wird (vgl. L, V/17). Das Genre des Reise- und Augenzeugenberichts wird somit über Authentizitätseffekte im Epos selbst evoziert. Ricardo Padrón stellt ein solches Vorgehen für eine entsprechende Passage in der Araucana fest.43 Die Araucana lässt sich als eine versifizierte relación de méritos y servicios mit geographischen und ethnographischen Exkursen in der Tradition des Lehrgedichts und des Kriegsberichts betrachten. Der Erzähler ,Ercillaâ tritt hier als Augenzeuge auf, und der Magier Fitón bezeichnet ihn als âcoronistaâ (âChronistâ) der von ihm in der Vision gezeigten Ereignisse (A, XXIII/75).44 Mit Blick auf die LusÃadas weist Thomas Greene auf die Authentifizierungsstrategien hin, die diese zu einem âhistorical artifactâ machen würden.45
Eben solche rhetorischen Authentifizierungsstrategien, die das Dargestellte beglaubigen sollen, hebt die Forschung bei methodischen Ãberlegungen zum Reisebericht verstärkt hervor, sowie, teils in Anlehnung an Aristoteles, das Wahrscheinliche und Wunderbare, welches im Bericht verhandelt wird.46 Zudem differenziert sie Schreibformen im Reisebericht (narrativ, essayistisch), die Nähe zu anderen Wissensdisziplinen (Historiographie, Enzyklopädik, Ethnographie47, Zoologie) und, je nach historischer Zuordnung, zu Schreibformen wie Autobiographie, Tagebuch und Brief sowie zum Reiseroman.48
Auch historiographische Texte sieht die Forschung nicht immer als ,bloÃâ historiographisch an; so beschreibt Charles Ralph Boxer die Dekaden de Barrosâ, in Anlehnung an Donald Lach, als ein âchronicle-narrative organized on geographical linesâ.49 Mit Blick auf die Lusiaden und die Chroniken ihrer Zeit sieht die Forschung bisweilen Merkmale der Historiographie und Epik auf die jeweils andere Gattung übergreifen, wie man an den Bezeichnungen crónica rimada (âgereimte Chronikâ), die die lusitanistische Forschung gerne für die Lusiaden verwendet50, und âhistoire épiqueâ für de Barrosâ erste Dekade51 sieht.
Als Gemeinsamkeit können poetische und faktuale Texte somit Beglaubigungsstrategien und bestimmte Erzähl- und Lektüreverfahren teilen, ebenso wie das Einbeziehen anderer Wissensdisziplinen und die mehr oder weniger deutlich hervortretende Anwesenheit eines Sprechers bzw. Erzählers, der das Geschehen präsentiert und in beiden Textarten mehrere Sichten darzustellen vermag. Im Unterschied zu einem faktualen Text hingegen vermag der poetische Text folgende Aspekte hervorzuheben:
Der faktuale Text wie beispielsweise der Reisebericht erzählt von Ereignissen und Personen und prägt diese teils auch ideell â Kolumbus beispielsweise überhöht seine geographischen Funde in den Relaciones seiner Fahrten mit Anspielungen auf das irdische Paradies und damit auf die Bibel52 â, hingegen der poetische Text vermag zusätzlich Ereignisse und Personen sowie deren ideelle (mythologische, kulturelle, religiöse) Ãberhöhung in verstärktem MaÃe zu reflektieren und verschiedene Ebenen zueinander in Spannung zu setzen. In den Lusiaden beispielsweise, die stark von der Ãberlagerung von Mythos und Geschichte geprägt sind, lässt sich durch den Kontrast zwischen der Ebene der olympischen Götter, die über den Verlauf der Fahrt der Portugiesen mitentscheiden, und den historischen Begebenheiten der Frühen Neuzeit ein Paradigmenwechsel zwischen Antike und Früher Neuzeit (siehe Kapitel I.1 Punkt 1.2) deutlicher herausstellen als in einem faktualen Text.
Auch sprachlich wird in den Lusiaden ein Paradigmenwechsel manifest, wenn in Canto X die antonomastisch-mythologische Schreibweise in die katalogische umschlägt (siehe Kapitel II.4 Punkt 2.1). Die Reflexion im poetischen Text kann somit zudem durch das Zusammenführen bzw. Kontrastieren unterschiedlicher poetischer und dokumentarischer Schreib- und Sprechweisen und damit unterschiedlicher Denkrichtungen und Konventionen zustande kommen (siehe Kapitel II.4 Punkt 1), ebenso wie durch die Poetik und Metrik: So werden zyklische Strukturen auf der Ebene der histoire in Camõesâ Epos insofern betont, als sie sich in der poetologischen Zyklik des Epos wiederholen, welche sich wiederum in der Stanzenstrophe wiederholt (siehe Kapitel II.3 Punkt 3); diese Art der Strukturierung weist ein faktualer Text nicht auf.
Diese Reflexion im poetischen Text kann der Erzähler mitbestimmen, indem er â stärker als der Sprecher im faktualen Text â beim Schaffen von Multiperspektivität die Figuren im Text selbst zu prägen und den Leserblick darüber zu lenken vermag. Zudem ermöglicht er es, terrestrischen Besitz in der Neuen Welt über die Rückbindung an eine göttliche Instanz, die diesen prophezeit, sowie die Herausbildung der ,proto-nationalen Einheitâ eines Volkes über die antike Epentradition zu legitimieren (siehe Kapitel I.1 Punkt 5, zu den LusÃadas und zur Araucana).
Zusätzlich ist zu berücksichtigen, dass die Rezeptionshaltung gegenüber bestimmten Aspekten in faktualen und poetischen Texten im Laufe der Zeit selbst einem Wandel unterlag. So wollte Kolumbus mit seinen Relaciones einen Beweis für das ,Faktumâ des irdischen Paradieses liefern, was dem heutigen Leser als phantasmatische Projektion erscheint.
Mein besonderer Dank für zahlreiche Anregungen und kritische Hinweise bei der Entstehung dieses Buches gilt den Gutachtern meiner Habilitationsschrift Robert Stockhammer, Martin von Koppenfels, Bernhard Teuber, Jörg Dünne und Andreas Mahler.
Die Forschungsarbeit wurde ermöglicht durch meine wissenschaftliche Mitarbeiterstelle am Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft der Ludwig-Maximilians-Universität München und durch einen fünfmonatigen Aufenthalt an der Yale University in New Haven im Rahmen eines Forschungsstipendiums der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Für konstruktive Anregungen während meines Aufenthaltes in New Haven danke ich David Quint, Wai Chee Dimock und Ayesha Ramachandran. Für weitere Hinweise gilt mein Dank Lars Bullmann, LuÃsa Costa Hölzl, Judith Frömmer, Elvira Gómez Hernández, Kirsten Kramer, Peter Maurits, Susan Praeder und Johanna Schumm.
Für die Aufnahme des Buches in die Reihe periplous des Wilhelm Fink Verlags danke ich den Herausgebern der Reihe Tobias Döring, Martin von Koppenfels, Inka Mülder-Bach und Robert Stockhammer sowie Henning Siekmann vom Wilhelm Fink Verlag.
Vgl. Krüger, âPortugals transozeanischer Aufbruchâ, S. 55, sowie den gesamten Aufsatz zu den â[g]eopolitische[n] und intellektuelle[n] Voraussetzungenâ (S. 53) der portugiesischen Entdeckungsfahrt in der Frühen Neuzeit.
Vgl. de Barros, Ãsia, S. 92f.
Camões, Os LusÃadas, Canto I, Strophe 64 (im Folgenden im Text mit der Sigle L sowie der Zahl von Canto und Strophe). Die Ãbersetzung stammt von mir und basiert teilweise auf der Ãbersetzung von Hans Joachim Schaeffer. Die Genauigkeit des Sinns wurde dabei rhythmischen RegelmäÃigkeiten vorgezogen.
Vgl. eine erste Version dieser Ausführungen zum ErschlieÃen von Welt in: Thalhofer, âWelterschlieÃungâ.
Collins, S. 226.
Larousse, S. 907.
Grimm, Lemma ,erschlieszenâ, in: Dies. (Hg.), Deutsches Wörterbuch, Band 3, Sp. 694 (Hv. im Text).
Grimm, Lemma ,erschlieszenâ, in: Dies. (Hg.), Deutsches Wörterbuch, Band 3, Sp. 694 (Hv. im Text).
Alle Zitate: Grimm, Lemma ,erschlieszenâ, in: Dies. (Hg.), Deutsches Wörterbuch, Band 3, Sp. 966.
Dies ist Friedrich Gottlieb Klopstocks Interpretation der Silbe ,-ungâ in: Ders., âGrammatische Gesprächeâ im Abschnitt âDie Wortbildung. Viertes Gesprächâ, S. 118.
Sloterdijk, Weltinnenraum, S. 158.
Zum schlieÃenden Moment in Bezug auf weitere Aspekte wie globalisierende Tendenzen und Gattungen vgl. S. 87f. der vorliegenden Arbeit.
In diesem Sinn wird ,erschlieÃenâ weiter übersetzt: âto developâ (mit Blick auf ein Gebiet oder Baugelände; Collins, S. 226), im Französischen: ârendre accessibleâ; ein erschlossenes Gelände ist ein âterrain viabiliséâ, also befahrbar gemachtes Gebiet (Larousse, S. 907), und im Portugiesischen bedeutet ,erschlieÃenâ âurbanizarâ, âverstädternâ (AlemãoâPortuguês, S. 361 und PortuguêsâAlemão, S. 993), sprich: ein Gelände mit seinen Verkehrswegen an eine bestehende städtische Vernetzung anbinden.
Diese Bedeutung tritt auch in den Ãbersetzungen zutage: âto tapâ (in Bezug auf Rohstoffquellen; Collins, S. 226), âdéfricher un terrainâ, also Neuland âurbar machenâ, und âcoloniser une terreâ (Larousse, S. 907). Im Portugiesischen meint ,erschlieÃenâ âexplorarâ, âdie âexploraçãoâ wiederum âErforschung, Erkundungâ einer Gegend sowie âAbbauâ (im Bergbau; AlemãoâPortuguês, S. 361 und PortuguêsâAlemão, S. 487).
So lautet eine weitere Ãbersetzung der portugiesischen âexploraçãoâ (PortuguêsâAlemão, S. 487, vgl. auch AlemãoâPortuguês, S. 361).
Sloterdijk, Weltinnenraum, S. 49f.
FäÃler, Globalisierung, S. 60â73.
Ette, TransArea, S. 8.
Eine Verbindung zwischen der Globalisierung im 20. Jahrhundert und ihren früheren Stadien schlägt in der Geschichtswissenschaft Immanuel Wallerstein vor, wenn er sein Konzept des ,world-systemâ historisiert und den Beginn des âmodern world-systemâ im 16. Jahrhundert sieht (World-Systems Analysis, S. 23). Die Herrschaft Karls V. im 16. Jahrhundert betrachtet er als das erste ,world-empireâ, die United Provinces (der Niederlande) im 17. Jahrhundert als die erste Hegemonialmacht (ibid., S. 57). Vgl. weiter eine historische Ãbersicht zur Globalisierung bei: Osterhammel/Petersson, Geschichte der Globalisierung (insbesondere S. 27â45 zur Frühen Neuzeit); FäÃler, Globalisierung, und zur Weltgeschichtsschreibung: Conrad/Eckert/Freitag (Hg.), Globalgeschichte; Wenzlhuemer, Globalgeschichte; Iriye/Osterhammel (Hg.), Geschichte der Welt, sowie in kulturwissenschaftlicher Hinsicht: Reichardt, Globalisierung.
Vgl. Schmitt, Nomos der Erde, S. 57, sowie Reinhard, Unterwerfung der Welt, S. 106f.
Vgl. Reinhard, Unterwerfung der Welt, S. 107.
Stockhammer, Afrikanische Philologie, S. 15; vgl. weiter S. 15â17. Zur ,Weltâ als eines Ganzen vgl.: Ders., âWelt oder Erde?â, S. 49f.
Ramachandran, The Worldmakers, S. 2 und 223 (Hv. im Text).
Italiano, Translation and Geography, S. 12.
Vgl. stellvertretend: Amann/Mein/Parr (Hg.), Globalisierung und Gegenwartsliteratur.
Aufgrund der Poetik des frühneuzeitlichen Epos, das das geographische und ideelle Expansionsstreben vorführt, und dessen ideeller Ausrichtung (Formierung eines Imperiums und Formulierung seiner Kritik) schlieÃe ich in der vorliegenden Studie die Gattung des Dramas, die im Anschluss an Ercillas Araucana mit Lope de Vegas Tragikomödie Arauco domado von ca. 1625 in diesem Kontext ebenfalls denkbar wäre, aus. In de Vegas Arauco domado steht der von den Darstellern mündlich ausgetragene Konflikt zwischen Spaniern und Araukanern im Vordergrund, der, anders als im Epos, freilich nicht von einem auktorialen Erzähler modelliert werden kann.
Mit der ,Epikâ, die schlieÃlich im breiten Sinn narrative (gebundene oder ungebundene) Texte umfasst, ist in der vorliegenden Arbeit somit vorrangig das Epos gemeint; es werden jedoch auch Elemente des ,romanceâ in Ariosts Orlando furioso und Tassos Gerusalemme liberata berücksichtigt. â Im frühneuzeitlichen epischen Kontext bleibt nicht zuletzt Pierre de Ronsards unvollendetes Epos der Franciade zu erwähnen, dessen erste vier Gesänge noch im selben Jahr wie die Lusiaden (1572) veröffentlicht wurden. Es erzählt eine translatio imperii von Troja nach Frankreich durch den Helden Francus, dem zugeschrieben wurde, der Sohn des Hektor zu sein, und bewegt sich geographisch im Mittelmeerraum. Eng am Muster der Aeneis angelehnt, sollte das Werk der Begründung des Selbstverständnisses des französischen Volkes dienen.
Vgl. dazu Kapitel II.3 Punkt 2 dieser Arbeit.
Von den frühneuzeitlichen Epen als von der ,Poesieâ zu sprechen, ist der historisch adäquate Begriff, da in der Frühen Neuzeit metrisch gebundene Texte als ,Poesieâ bezeichnet wurden.
âIn the wake of the voyages of exploration, cosmographies, collections of travel accounts, atlases, and chronicles all began to occupy the thematic and ideological space long reserved for epic narrative.â (Ramachandran, The Worldmakers, S. 108).
Vgl. Siegert, Passagiere und Papiere, S. 36â46.
Vgl. Heinrich Heines Diktum mit Blick auf den Don Quijote, die âReisebeschreibungâ sei âvon jeher die natürlichste Form für diese Dichtungsart [den Roman]â (Heine, âCervantesâ, S. 165; auch angeführt in: Rehm, âReiseromanâ, S. 44).
Vgl. de Armas Wilson, Cervantes; dazu Dünne, Kartographische Imagination, S. 268f.
Vgl. zu Utopia als Beispiel eines Staatsromans: Rehm, âReiseromanâ, S. 44.
Morus, Utopia, Erstes Buch, S. 43f.
Vgl. dazu Chinard, Lâexotisme américain, S. 49â79, sowie zum Aspekt der ,Weltenâ im Pantagruel Erich Auerbachs Interpretation des Romans in: Ders., Mimesis, S. 255â258.
Vgl. Ramachandran, The Worldmakers, S. 78â84.
Vgl. den Verweis auf diesen Essay in: Hampton, Literature and Nation, S. 207.
Vgl. Murrin, Trade and Romance, S. 124.
Vgl. Murrin, Trade and Romance, S. 124.
Aristoteles, Rhetorik, S. 21.
Auf die Nähe der Lusiaden zur âVershistoriografie auf Lateinâ und der âProsahistoriografie auf Portugiesisch [â¦], die sich bis dato der Schreibung der portugiesischen (Entdeckungs-) Geschichte gewidmet hattenâ, verweist Friedlein, Kosmovisionen, S. 185.
Padrón, Spacious Word, S. 224â228.
Erst in den Teilen II (1578) und III (1589) der Araucana, die nach Teil I (1569) erschienen waren, fügte Ercilla, offenbar von den Lusiaden (1572) beeinflusst, Visionen und magische Prophezeiungen im Sinn der Renaissance-Poetik hinzu.
Auf den ausgeprägten Bezug der Lusiaden auf die gegenwärtige Geschichte führt Greene die Schwierigkeiten zurück, die sich dem heutigen Leser mit dem darin gefeierten ,Imperialismusâ und ,Nationalismusâ stellen würden (Greene, Descent From Heaven, S. 220).
Vgl. beispielsweise Dünne, Kartographische Imagination, S. 84 und 259, und Adams, Travel Literature, S. 100. Zu fiktionalen Elementen und Erzählstrukturen im Reisebericht und umgekehrt zu Strukturen der Reisebeschreibung in fiktionalen Texten vgl. die Beiträge in: Martels (Hg.), Travel Fact and Travel Fiction.
Michael Harbsmeier (âReisebeschreibungenâ, S. 1f.) betont, dass die Berichte nicht nur etwas über den beschriebenen Kulturkreis des Fremden, sondern auch etwas über den Kulturkreis des Schreibenden selbst aussagen.
Vgl. Neuber, âGattungspoetik des Reiseberichtsâ. Zum engen Verhältnis des Reiseberichts zum Roman: Adams, Travel Literature. â Zu kosmographischen und autobiographischen Elementen in Montaignes Essay âDes Cannibalesâ vgl.: Ramachandran, The Worldmakers, S. 78â84.
Boxer, De Barros, S. 99.
Vgl. Saraiva, ââ¹Os LusÃadasâºâ, S. 101, und Alves, Camões, Corte-Real, S. 215. Einer Chronik kommt Camõesâ Epos insbesondere in drei Passagen nahe: als Vasco da Gama dem König von Malindi die Geschichte der Könige Portugals referiert (Cantos III und IV), als Paulo da Gama dem Catual in Indien anhand der Bilder auf den Flaggen des portugiesischen Flaggschiffs Heldentaten der Portugiesen vor Augen führt (Cantos VII und VIII), und in Tethysâ Schau der künftigen Eroberungen der Portugiesen (Canto X; vgl. Saraiva, ââ¹Os LusÃadasâºâ, S. 101f.).
Letztere Bezeichnung stammt von Georges Le Gentil (Le Gentil, Camões, S. 58, auch zitiert in: Alves, Camões, Corte-Real, S. 215), freilich offenbar mit einer freien Verwendung von ,epischâ im Sinn von ,umfassendâ, ,breit angelegtâ. Le Gentil fährt fort: âSi lâhistoire de João de Barros est déjà une histoire épique, lâépopée de Camões, aussitôt quâapparaît Gama, devient scrupuleusement historique, de légendaire quâelle était jusquâalors.â (ibid., S. 58f.)
Flint, âTravel Fact and Travel Fictionâ.