Die hier versammelten Studien knüpfen an die im Jahr 2012 veröffentlichte Arbeit Nach der Tragödie. Lyrik und Moderne bei Hegel und Hölderlin an. Das Ziel der Arbeit bestand damals darin, im Anschluss an Peter Szondi der Verschränkung von Geschichtsphilosophie und Gattungspoetik bei Hölderlin nachzugehen, um vor diesem Hintergrund die Eigenständigkeit seiner Poetik und Dichtung im Vergleich zu der ihm in vielen Punkten so nahestehenden Hegelschen Ästhetik zu bestimmen. Dass Hölderlins Poetik in diesem Zusammenhang als geschichtsphilosophischer Umschlag vom Klassizismus zur Moderne und als gattungspoetischer Umschlag von der Tragödie zur Lyrik zur Geltung gebracht wurde, ist von der Hölderlin-Forschung nicht nur mit Wohlwollen aufgenommen worden.1
Die Arbeit will trotz der nicht in allen Punkten unberechtigten Kritik den in Nach der Tragödie eingeschlagenen Weg weiter verfolgen, dieses Mal im Blick auf den Vergleich zweiter Gedichte Hölderlins, die in unmittelbarer Nähe zueinander entstanden sind und in vielerlei Hinsicht eine Konstellation ausbilden, der sich, so die Prämisse, noch einmal nachzugehen lohnt. In diesem Fall handelt es sich um die beiden Gedichte Andenken und Der Ister, zwei späte Texte, die sich auf unterschiedliche, und, wie zu zeigen sein wird, komplementäre Weise zwei Flusslandschaften widmen, der Garonne und der Donau, und die darin zugleich eine Poetik entfalten, die für das Spätwerk Hölderlins charakteristisch ist.
Unterschiedlich ist nicht nur der Gegenstand, sondern auch die Form der Gedichte. Andenken ist eines der letzten von Hölderlin fertiggestellten Gedichte, ein im Spätwerk – neben den Nachtgesängen – seltenes Zeichen poetischer Vollendung. Der Ister ist dagegen wohl Fragment geblieben, ohne dass darin allerdings gleich ein Scheitern zu vermuten wäre. Denn mit Ausnahmen wie Hälfte des Lebens oder Andenken verlangt Hölderlins Spätstil seit Wie wenn am Feiertage … nicht mehr notwendig nach dem, was geläufig Fertigstellung heißt. Gerade aus dem vielfach gebrochenen Charakter der späten Gedichte, wie er sich aus den späten Entwürfen ablesen lässt, ergibt sich vielmehr die Eigenart von Hölderlins Dichtung jenseits klassizistischer Vorgaben.
Die beiden Gedichte sind allerdings noch auf eine andere Art und Weise miteinander verbunden, für die Hölderlin selbst nicht verantwortlich ist. Im Wintersemester 1940/41 hat Martin Heidegger, mitten im Krieg befangen, eine Vorlesung zu Hölderlin begonnen, die neben Andenken auch Der Ister sowie Mnemosyne und Die Titanen umfassen sollte. Im Wintersemester ist er über Andenken nicht hinausgekommen und hat daher im Sommersemester 1941 eine Vorlesung zu Der Ister folgen lassen. Heideggers sehr eigener Blick auf Hölderlin hat die Forschung lange Zeit begleitet, und eines der Ziele dieser Arbeit besteht darin, Hölderlin von diesem Einfluss, so weit es eben möglich ist, freizumachen. Ein zweiter Teil der Arbeit widmet sich daher der kritischen Auseinandersetzung mit Heidegger sowie seiner Rezeption in Frankreich, um die Versäumnisse offenzulegen, der die Ontologisierung der Literatur unterliegt, der Hölderlin zum Opfer gefallen ist.
Der zweite Teil der Arbeit ist vor diesem Hintergrund literaturtheoretisch angelegt. Nach einer kurzen einleitenden Diskussion des Verhältnisses von Philologie und Philosophie widmet sich die Untersuchung in einem ersten Schritt der Bedeutung Hölderlins für Walter Benjamin, nicht nur, weil Benjamin vielleicht der erste gewesen ist, der einen geschichtsphilosophischen Ansatz zur Erschließung Hölderlins vorgelegt hat, der auch die Arbeiten Peter Szondis leiten sollte, sondern mehr noch, weil Hölderlin zur Signatur von Benjamins eigenen Denken mehr beigetragen hat, als vielleicht auf den ersten Blick sichtbar ist.
Der zweite Schritt besteht in der kritischen Auseinandersetzung mit Heideggers Hölderlindeutungen. Sie erfolgt in unmittelbarem Anschluss an die Arbeiten des französischen Linguisten, Literaturwissenschaftlers und Dichters Henri Meschonnic. Die Formel, die Meschonnic für Heideggers Umgang mit der Sprache überhaupt und der Dichtung im Besonderen gefunden hat, lautet: „Heideggersprache“. Vor diesem Hintergrund gilt es, Meschonnics kritische Bestimmungen der Heideggersprache aufzunehmen und in einen Dialog mit Heideggers Hölderlindeutung als ihrer nachdrücklichsten Ausformung zu bringen.
Die Rede von der „Heideggersprache“ ist bei Meschonnic allerdings nicht allein auf Heidegger beschränkt. Sie bezieht sich darüber hinaus auf die Heidegger in vielen Punkten folgende und zugleich sich von ihm kritisch absetzende französische Postmoderne, die an Hölderlin eines der wirkungsmächtigsten Beispiele für die Dekonstruktion sprachlicher Bedeutungsprozesse im Medium der Literatur gefunden hat. Vor diesem Hintergrund widmet sich die Arbeit abschließend der Rezeption Heideggers in Frankreich und der damit verbundenen dekonstruktiven Lesarten Hölderlins, um Meschonnics These von der Kontinuität zwischen Heidegger und den französischen Text- und Diskurstheorien des ausgehenden 20. Jahrhunderts genauer nachzugehen und die Frage zu stellen, wie sich der Einfluss Heideggers auf die Dekonstruktion ausgewirkt hat.
Abschließend geht es der Arbeit darum, die Fragestellung in gewisser Weise umzudrehen und Heideggers Philosophie der Zeit kritisch aus der Perspektive von Hölderlins Gedichten zu beleuchten. Das Verfehlen einer Poetik, die Hölderlins Dichtung gerecht werden könnte, deutet die Arbeit im Anschluss an Meschonnic darüber hinaus auch als ein Verfehlen der wesentlichen philosophischen Intentionen Heideggers, insbesondere im Blick auf die beiden Heidegger leitenden Themen der Zeit und der Sprachkritik. Poetik und Philosophie erweisen sich als untrennbar, die Philosophie Heideggers nicht nur als Grund seiner Poetik, sondern sein Verständnis der Funktion der dichterischen Sprache zugleich als Ansatzpunkt für eine Kritik seiner Philosophie.
Aus diesen Voraussetzungen ergibt sich auch der Gang der eher knapp gehaltenen Untersuchung. Im Mittelpunkt des ersten Teils steht der Vergleich von Andenken und Der Ister, der vorbereitet wird durch eine kurze Diskussion von Hölderlins erstem späten Gesang Wie wenn am Feitertage … sowie der vielzitierten Briefe an den Freund Böhlendorff, die den kurzen Frankreichaufenthalt Hölderlins rahmen. Im Mittelpunkt des zweiten Teils steht die kritische Auseinandersetzung mit Heidegger, die von der Lektüre Benjamins und einigen Texten aus der Dekonstruktion, vor allem Derridas und Lacoue-Labarthes, begleitet wird.
Die Arbeit beansprucht damit nicht, einen völlig neuen Hölderlin vorzulegen, noch weniger einen völlig neuen Heidegger. Vieles ist bekannt, einiges kontrovers, manches wird umstritten bleiben. Es geht ihr darum, einen Zugang zu Hölderlin zu gewinnen, der von den Vorurteilen frei ist, die Heidegger in seiner Lektüre geleitet haben, um jene „höhere Aufklärung“2 zur Geltung zu bringen, die Hölderlin in seiner Zeit im Anschluss an Spinoza und Rousseau geleitet hat, einer höheren Aufklärung, die zugleich das Zusammengehen von Philologie und Philosophie beinhaltet, das die Arbeit leitet.
Vgl. die kritische Rezension von Christoph Jamme im Hölderlin-Jahrbuch 38 (2012-2013), S. 274-279, die der Arbeit abschließend abspricht, einen Beitrag zur Hölderlin-Forschung zu leisten. Für ebenfalls kritische, aber weitaus ermutigendere Hinweise möchte ich mich bei Jürgen Link bedanken, der zu Recht darauf aufmerksam gemacht hat, dass die Arbeit trotz der programmatischen Ausrichtung an Hölderlins Poetik von einem Geist bestimmt wird, der in vielen Punkt Hegel mehr verpflichtet ist als Hölderlin selbst. Ermutigende Äußerungen, doch mit Hölderlin weiterzumachen, habe ich auch von Wolfgang Braungart erhalten, dem hier ebenfalls gedankt sei.
Friedrich Hölderlin, Sämtliche Werke und Briefe II. Herausgegeben von Michael Knaupp, München 1992, S. 53. Im Folgenden alle Zitatnachweise in Klammern im Text.