Jerusalem, Ende der 1980er Jahre: Auf dem Campus der Hebräischen Universität trafen zwei Wissenschaftler aufeinander, die auf den ersten Blick alles trennte â und auf den zweiten Blick vieles verband. Auf der einen Seite der Physiker Hanoch Gutfreund, damaliger Präsident der Universität, der 1935 in Polen geboren wurde und dort den Holocaust überlebt hatte, bevor er als Jugendlicher nach Israel einwanderte. Auf der anderen Seite der ebenfalls 1935 geborene Literaturwissenschaftler Wolfgang Frühwald, der in Augsburg aufgewachsen war und in seiner Funktion als Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) die Universität auf dem Mount Scopus besuchte. Die beiden Wissenschaftsfunktionäre kamen miteinander ins Gespräch. Dabei stellte sich heraus: Sie hatten in ihrer Jugend zur gleichen Zeit in unmittelbarer Nähe zueinander gelebt. Gutfreund verbrachte nach 1945 fünf Jahre in dem DP-Camp in Haunstetten bei Augsburg, wo Frühwald mit seiner Familie lebte. Dort hatte Gutfreund als Schüler auf einem katholischen Gymnasium auch Deutsch gelernt. Doch davon erfuhr Frühwald vorerst nichts â und fiel Jahre später aus allen Wolken, als Gutfreund als Zeitzeuge von der Deutsch-Israelischen Gesellschaft nach Augsburg eingeladen wurde und mit dem Publikum Deutsch sprach.1 Noch Jahre später erinnerte sich Frühwald mit Erstaunen an diese Begebenheit, die ihn überraschte und irrtierte: âMit mir redest du Englisch (lacht) und hier zu dieser Bevölkerung redest du Deutsch.â2
In der Tat, bei ihrem ersten Treffen an der Hebräischen Universität hatte es der Physiker Hanoch Gutfreund wohl vorgezogen, nicht von seinen Deutschkenntnissen Gebrauch zu machen, sondern mit dem deutschen Kollegen Englisch zu sprechen. Er hielt sich damit an jene ârituelle Distanzâ, die Dan Diner als charakteristisch für die frühen deutsch-israelischen Beziehungen beschrieben hat.3 Zur Erinnerung: Als 1952 im Vorfeld des Luxemburger Abkommens Verhandlungen über deutsche Zahlungen an Israel im Rahmen einer von der Bundesrepublik angestrebten Wiedergutmachungspolitik aufgenommen wurden, waren die israelischen Delegierten dazu angehalten worden, diese auf Englisch zu führen. Doch habe die âunterschwellige Präsenzâ des Deutschen schlieÃlich dazu beigetragen, so Dan Diner, die âdemonstrative Distanz zwischen Deutschen und Israelis zu untergrabenâ.4 Otto Küster, Mitglied der deutschen Delegation, hatte die âTabugrenze der Zugehörigkeitâ überschritten und Felix Shinnar aufgrund dessen von einem schwäbischen Klang durchzogenem Englisch einen Zettel zugeschoben.5 Es stellte sich heraus: Beide hatten in Stuttgart dieselbe Schule besucht, denselben Lehrer verehrt, dem sie anschlieÃend gemeinsam eine Postkarte sandten. Ob in Luxemburg 1952 oder in Jerusalem in den 1980er Jahren: Die deutsche Sprache konnte als verbindendes Element zwischen Deutschen und Israelis fungieren, nicht nur auf der diplomatischen Bühne, sondern ganz besonders in den sich seit den 1950er Jahren anbahnenden Wissenschaftsbeziehungen. So wurden für den Literaturwissenschaftler Frühwald nicht nur die Erfahrung der persönlichen Begegnung in Jerusalem, sondern später auch die gemeinsame Sprache und ähnliche Jugenderinnerungen zu einem Ausgangspunkt für sein israelisches Engagement als DFG-Präsident. Dass diese Begegnung noch dazu an der âHintertür der Weltâ â in Israel â stattfand, machte sie für ihn nur umso besonderer: âAlso das ist alles unwahrscheinlich und sind doch angenehme Begegnungen gewesen. Also die fand ich wirklich toll.â6 Während für Frühwald die Entdeckung der gemeinsamen Sprache â im weitesten Sinne â Nähe herstellte, galt dies nicht automatisch auch für den Holocaust-Ãberlebenden Hanoch Gutfreund, der seine Deutschkenntnisse erst später offenbarte und den Gast aus Deutschland mit einer Konversation auf Englisch gleichsam auf Distanz hielt.
Das Treffen der beiden Wissenschaftler in Jerusalem Ende der 1980er Jahre zeigt: Das Verhältnis zur deutschen Sprache, die â so Dan Diner â âins Selbstverständnis eingegangene Beschädigung des Deutschenâ, blieb auch vier Jahrzehnte nach dem anfänglichen Bann, der nach der Shoah in Israel auf allem Deutschen lag, auch dreiÃig Jahre nach der Aufnahme diplomatischer Beziehungen und zwanzig Jahre, nachdem in Jerusalem die erste Deutsche Abteilung an einer israelischen Hochschule diskutiert und gegründet worden war, konstitutiv für die deutsch-jüdischen und deutsch-israelischen Beziehungen im Allgemeinen. Die deutsche Sprache konnte vieles bedeuten: Instrument der Emanzipation, der Zugehörigkeit oder der Exklusion, mögliches âVersöhnungsinstrumentâ (Schalom Ben-Chorin)7 oder Sprache der Täter.8
Und im Besonderen gilt es für die deutsch-israelischen Wissenschaftsbeziehungen, um die es im Folgenden gehen wird â und in deren Entwicklung und Etablierung der Umgang mit der deutschen Sprache zentral war. Mehr noch: Am Beispiel der Geisteswissenschaften â genauer: der deutschen Sprach- und Literaturwissenschaft â, die noch einmal in besonderem MaÃe auf der Macht der Sprache beruhen, soll der Geschichte des Deutschen in Israel ein neues Kapitel hinzugefügt werden. Denn auch wenn die Bedeutung des Deutschen im israelischen Alltags- und Kulturleben bereits herausgearbeitet wurde, in Israel Zeitungen in deutscher Sprache erschienen und Schriftsteller auf Deutsch ihre Werke verfassten, so blieb die deutsche Sprache doch lange an eine bestimmte soziale Gruppe gebunden, die aus den deutschsprachigen Ländern stammenden Emigranten, die âJeckesâ.9 An der Hebräischen Universität wurde Deutsch seit 1934 nicht mehr gelehrt. Dass es an den öffentlichen Schulen keinen Fremdsprachenunterricht in Deutsch gab, versteht sich von selbst.
Doch warum forderten in den 1950er Jahren einige Studierende der Hebräischen Universität die Wiedereinführung von Deutschkursen? Und wie und warum wurde 1974 schlieÃlich die Gründung einer Abteilung für deutsche Sprache und Literatur an der Hebräischen Universität beschlossen? Wer stand hinter der Gründungsidee, und wer lehrte und lernte an dieser Abteilung deutsche Literaturwissenschaft? Welche Rolle spielten bei der Etablierung des Hochschulfachs Deutsch die von der Bundesrepublik angestrebte Annäherungspolitik sowie die 1965 aufgenommenen diplomatischen Beziehungen zwischen beiden Ländern? Wie also kam die deutsche Sprache an die israelischen Hochschulen und wie entwickelte sie sich dort? Gibt es eine spezifisch israelische Germanistik â so wie es beispielsweise eine etablierte Auslandsgermanistik in Frankreich oder in den USA gibt? Welche Institutionen förderten die deutsch-israelischen Wissenschaftsbeziehungen? Und wie wirkten sich diese Kooperationen auf die akademische Landschaft in Israel aus?
Diese Studie begibt sich auf die Spuren der deutsch-israelischen Wissenschaftsbeziehungen seit den 1950er Jahren und legt den Schwerpunkt dabei auf die Anfänge von Kontakten in den Geisteswissenschaften, die Etablierung der Hochschulfächer Deutsche Geschichte sowie Deutsche Sprache und Literatur im weitesten Sinne in Israel. Ausgehend von der Annahme, dass sich die wissenschaftlichen Beziehungen in den jeweiligen Disziplinen auf deren akademische Entwicklungen in beiden Ländern ausgewirkt haben, rückt sie dennoch israelische Hochschulinstitutionen und -akteure in den Fokus. Der anderen Seite, nämlich der Auswirkung dieser Wissenschaftsbeziehungen auf das akademische Leben der Bundesrepublik, widmet sich das von Jenny Hestermann betreute Partnerprojekt.10
Mit ihrem Schwerpunkt auf den Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und Israel knüpft die Studie an jüngste Forschungstrends an, die in den vergangenen Jahren die diplomatische Entwicklung auf der einen Seite sowie die kulturellen, literarischen und wissenschaftlichen Austauschprozesse beider Länder auf der anderen Seite in den Blick genommen haben. Es lassen sich dabei â grosso modo â drei Forschungskomplexe auf dem Gebiet der deutsch-israelischen Beziehungen unterscheiden: zum einen die Studien zur diplomatischen Annäherung und Praxis zwischen beiden Staaten, die auch immer wieder die Frage nach der Rolle der Shoah in den staatspolitischen Austauschprozessen beider Länder betonen, wie etwa die von Jenny Hestermann 2016 vorgelegte âKulturgeschichte der Diplomatieâ, welche die Reisen hochrangiger bundesdeutscher Politiker nach Israel als âinszenierte Versöhnungâ deutet.11 Wie Hestermann hat auch Lily Gardner Feldman die âVersöhnungâ als politisches Projekt der deutschen Seite hervorgehoben und dabei die Beziehungsgeschichte beider Länder als einen fortschreitenden Annäherungsprozess mit (normativem) Modellcharakter beschrieben.12
Demgegenüber hat die 2019 von Carole Fink veröffentlichte Studie über die ersten zehn Jahre diplomatischer Beziehungen das deutsch-israelische Verhältnis im Kontext der jeweiligen innenpolitischen Interessen und einer AuÃenpolitik im Zeichen des Kalten Kriegs verortet.13 Dabei blieben die Studien â mit ihren kürzeren Abstechern in die Kultur â jedoch zumeist der staatspolitischen Ebene verhaftet, oder sie haben, wie etwa das bereits 2004 erschienene Buch von Yeshayahu A. Jelinek über das deutsch-israelische Verhältnis zwischen 1945 bis zur Aufnahme offizieller Beziehungen 1965, den wissenschaftlichen und kulturellen Austausch in einem gesonderten Kapitel über die âinformellen Beziehungenâ von der offiziellen Staatsdiplomatie abgegrenzt.14 Auf israelischer Seite haben zuletzt die Historiker Roni Stauber und David Witzthum jeweils Arbeiten vorgelegt, die vor allem der Entwicklung der politischen Beziehungen beziehungsweise der medialen Wahrnehmung Deutschlands in Israel zwischen der unmittelbaren Nachkriegszeit, dem Luxemburger Abkommen und der Aufnahme diplomatischer Kontakte nachspüren und mithin erklären, wie es in der relativ kurzen Zeit eines Jahrzehnts zu einem grundlegenden Wandel in der israelischen Haltung zur Bundesrepublik kam.15 Während die Studien zur deutsch-israelischen Diplomatiegeschichte den vorstaatlichen Kontakten â wie Studenten- und Jugendaustausch, Kirchen- und Gewerkschaftskontakten sowie Sport- und Literaturveranstaltungen â eine Vorreiterrolle zuschrieben, hat Carole Fink zugleich darauf aufmerksam gemacht, dass deutschsprachige und von offizieller deutscher Seite organisierte Kulturveranstaltungen bis in die 1970er Jahre hinein für Unruhe und Protest beim israelischen Publikum sorgten. Die von Fink hervorgehobene deutschsprachige Präsenz in Israel durch die Organisationen und Presseorgane der deutschen und österreichischen Emigranten führt zu einem zweiten Forschungsfeld: den deutsch-hebräischen Sprachbeziehungen im vorstaatlichen Israel und im neu gegründeten Staat ab 1948 sowie der Rolle des Deutschen im öffentlichen und literarischen Leben des Landes. Hier hat sich â nicht zuletzt durch die Selbstverständigung und Selbsthistorisierung der âJeckesâ16 â eine eigene literarische und publizistische Kultur entwickelt.17 Neben den deutsch-hebräischen Sprachbeziehungen in Israel bildet die intellektuelle und akademische deutsch-jüdische und deutsch-israelische Transfergeschichte einen dritten für diese Studie wichtigen Forschungsschwerpunkt, für den exemplarisch und paradigmatisch die Arbeiten von Dan Diner und Moshe Zimmermann zum deutschen akademischen Erbe an den Hochschulen in Israel stehen.18 Zudem haben, ausgehend von erstmals erschlossenen Gelehrtennachlässen, zahlreiche Einzelstudien in Form von Aufsätzen die verschiedenen Ebenen und Formen wissenschaftlicher Transferprozesse und akademischer Kooperationen zwischen Deutschland und Israel aufgezeigt. Exemplarisch sei hier auf Publikationen verwiesen, die im Umfeld eines Archivprojekts zwischen dem Franz Rosenzweig Minerva Research Center, der National Library of Israel und dem Deutschen Literaturarchiv Marbach entstanden sind, sowie auf die vorbereitenden Arbeiten zu dieser Studie.19 Zu diesem Feld akademischer Kontakte gehören schlieÃlich auch erste Untersuchungen zur Forschungsförderung und zum Einfluss deutscher Stiftungen auf die akademische Landschaft in Israel.20
Die deutsch-israelischen Wissenschaftsbeziehungen haben sich in den letzten Jahren und insbesondere seit dem fünfzigjährigen Jubiläum der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen beiden Ländern als Forschungsgegenstand etabliert: In Form von Aufsätzen wurden dabei vor allem natur- und geschichtswissenschaftliche Institutionen und Akteure im Spannungsfeld von Gegenwartsinteressen und Vergangenheitspolitik in den Blick genommen, die im Folgenden immer wieder in Beziehung zu den sprach- und literaturwissenschaftlichen Austauschprozessen gesetzt werden.
Der Zusammenarbeit von Naturwissenschaftlern wird dabei vor dem Hintergrund des Besuchs des Präsidenten der Max-Planck-Gesellschaft Otto Hahn im Weizmann-Institut in Rehovot im Jahr 1959 â also sechs Jahre vor der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Deutschland und Israel â immer wieder eine Vorreiterrolle in den Beziehungen beider Länder zugewiesen.21
Ute Deichmann hat am Beispiel dieser frühen Kooperationen zwischen dem Weizmann-Institut und deutschen Wissenschaftlern gezeigt, wie die deutsche Seite diese Wissenschaftskontakte nutzte, um die eigene Forschung nach dem Nationalsozialismus wieder zu internationalisieren und zu legitimieren, während sich die israelische Seite durch die finanzielle und materielle Zuwendung aus Deutschland Unterstützung in wirtschaftlich schwierigen Zeiten versprach.22
Die Zusammenarbeit in den Geisteswissenschaften setzte erst deutlich später ein. Iris Nahum hat am Beispiel der Gründung des Instituts für deutsche Geschichte an der Universität Tel Aviv 1971 dargelegt, dass die israelischen Historiker in der Unterstützung durch die Volkswagenstiftung eine Möglichkeit sahen, an die internationale Forschung anzuschlieÃen, während die deutsche Seite mit der Förderung israelischer Institutionen nicht nur eine Art akademische Wiedergutmachung, sondern auch die Aussicht wissenschaftlicher und kultureller Einflussnahme verband.23 Dabei gilt für alle bisherigen Studien zum Thema sowie die deutsch-israelischen Beziehungen, was Irene Aue-Ben-David und Yonatan Shiloh-Dayan über den Austausch deutscher und israelischer Historiker festgehalten haben: Die deutsche Sprache war immer mehr als ein Kommunikationsmittel, mehr als ein âÃberbleibselâ einer ehemals universellen Wissenschaftssprache, sie trug ein spezifisches âepistemisches Erbeâ in sich.24
Welche Rolle spielte diese deutsche und jüdische Wissenskultur bei der Etablierung des Deutschen an den Universitäten in Israel? Inwiefern unterschieden sich die deutsch-israelischen Beziehungen auf dem Gebiet der germanistischen Forschung von dem wissenschaftlichen Austausch auf anderen Fachgebieten? Inwieweit haben Forschung und Finanzen die Ausgestaltung der wissenschaftlichen Beziehungen bestimmt?
Wie wirkten sich politische Vorstellungen und Prämissen â wie etwa die Idee der deutsch-israelischen Beziehung als âspecial relationshipâ oder Prozess einer âNormalisierungâ â auf die wissenschaftlichen Kontakte aus? Welche Rolle spielten politische Ereignisse und Entwicklungen bei der Einführung der deutschen Sprach- und Literaturwissenschaft in Israel? Welchen Einfluss haben die deutsch-israelischen Forschungskooperationen auf die akademischen Strukturen und intellektuellen Traditionen der israelischen Universitäten ausgeübt?
Die deutsche Sprache als spezifische Wissenskultur und ihre Rolle und Entwicklung im akademischen Israel: Erstmals in Form einer Monographie wird mit der vorliegenden Studie nun eine Perspektive eingenommen, welche die zuvor skizzierten Forschungsfelder miteinander verknüpft, um Wechselwirkungen zwischen politischen und akademischen Interessen, zwischen diplomatischen und wissenschaftspolitischen Entwicklungen aufzuzeigen. Dabei wird deutlich: Wissenschaftliche, also âkulturelleâ Beziehungen sind den diplomatischen, den âpolitischenâ Beziehungen nicht nur gleichsam wegbereitend vorausgegangen, sondern sie waren und sind bis heute integraler Bestandteil staatspolitischer Austauschprozesse. Damit trägt die Studie auch zur Historisierung von Auseinandersetzungen und Debatten bei, die vor dem Hintergrund der zunehmenden Politisierung des akademischen Lebens infolge der Ereignisse des 7. Oktober 2023 sowie des sechzigsten Jubiläums der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Israel und der Bundesrepublik in diesem Jahr wieder aktuell sind.
Zugleich ist die Studie eine israelische Wissenschaftsgeschichte der Geisteswissenschaften, veranschaulicht auf der Basis bisher unveröffentlichter Quellen und entlang den Verbindungen zu Deutschland und dem Deutschen â der Sprache, der Geschichte und der politischen und akademischen Beziehungen. In dieser Hinsicht hat die vorliegende Studie Grundlagenforschung betrieben: Ausgewertet wurden die relevanten Unterlagen in den Universitätsarchiven in Jerusalem, Haifa und Tel Aviv, den Israeli State Archives, des Archivs des Council for Higher Education und der Israeli Academy of Sciences and Humanities sowie das Archiv des Franz Rosenzweig Minerva Research Center, das im Rahmen des diesem Buch zugrundeliegenden Projekts katalogisiert und ins Universitätsarchiv eingegliedert wurde. In Deutschland wurden für das Projekt relevante Akten im Politischen Archiv des Auswärtigen Amts sowie die Unterlagen der Minerva-Gesellschaft und der Nachlass von Rudolf Vierhaus im Archiv der Max-Planck-Gesellschaft in Berlin gesichtet. Doch es gab auch Einschränkungen: An den Universitäten Bar Ilan sowie Beer Sheva konnten keine Unterlagen ausfindig gemacht werden. Zudem konnten wir keine Einsicht in die Akten der Forschungs- und Entwicklungsabteilungen der Universitäten erhalten. Hinzu kam â und damit stieà diese Studie an die Grenzen der Quellenlage im Forschungsfeld deutsch-israelischer Wissenschaftsbeziehungen â, dass die FördermaÃnahmen in Israel betreffenden Dokumente der Volkswagenstiftung als früher und prägender Akteur in den Wissenschaftsbeziehungen beider Länder für die Forschung nur sehr eingeschränkt zugänglich sind. Last but not least, das Dilemma zeithistorischer Wissenschaftsforschung: Es mangelt nicht an Zeitzeugen, doch durch den Gegenwartsbezug, das Ineinandergreifen von Wissenschaftsbeziehungen und persönlichen akademischen Biographien sowie aufgrund der dem Wissenschaftsbetrieb eigenen Konflikte und Konkurrenzen zogen einige Akteure die Erlaubnis, ihre Erinnerungen und Dokumente zu veröffentlichen, zurück. Zugleich galt es, die von den Akteuren etablierten Versionen der deutsch-israelischen Wissenschaftsbeziehungen aus dem (auto-)biographischen Deutungszwang und den fachgeschichtlichen Deutungsmustern zu lösen.
Ausgehend von dieser Forschungs- und Quellenbasis stellte sich die Frage, wie die Geschichte der deutsch-israelischen Wissenschaftsbeziehungen in den Geisteswissenschaften erzählt werden könne. Folgt man Marcel Lepper, dann ist die âFachgeschichteâ vieler Disziplinen bis heute eine âPersonen- und Institutionengeschichte in jubilatorischem oder schadensabwickelndem Auftragâ.25 Um nicht in diese Falle zu tappen, hat Lepper mit der Theorie- und Methodengeschichte, der Objekt- und Projektgeschichte, der Institutionen- und der Personengeschichte vier mögliche Zugänge zu einer Fachgeschichte skizziert, die sich nicht in den biographischen (Selbst-)Darstellungen der Akteure und in Kommemorativliteratur erschöpft.
Daran anknüpfend und ausgehend von dem Treffen zwischen Hanoch Gutfreund und Wolfgang Frühwald in Jerusalem Ende der 1980er Jahre werden in den folgenden fünf Kapiteln am Beispiel der Universitäten in Jerusalem, Tel Aviv und Haifa die deutsch-israelischen Beziehungen auf dem Gebiet der Geisteswissenschaften im Spannungsfeld zwischen persönlichen Beziehungen, biographischen Erfahrungen, institutionellen Strukturen, finanziellen Bedürfnissen und Möglichkeiten sowie akademischen und diplomatischen Interessen zwischen den 1960er und den 1990er Jahren analysiert.
Den Auftakt bildet dabei das Kapitel über die Bedingungen und Fragen, die auf israelischer Seite mit den ersten Forschungsaufenthalten israelischer Studierender an Universitäten in der Bundesrepublik verbunden waren. Unter welchen Voraussetzungen lieÃen sich die israelischen politischen und akademischen Stellen auf eine Förderung von Studierenden in Deutschland ein? Wie entwickelten sich diese Praktiken und Kontakte entlang der diplomatischen Geschichte? Wer waren die Studierenden und Doktoranden, die sich für einen Studienaufenthalt im âLand der Täterâ interessierten? Was waren ihre Themen? Wie wurden sie gefördert und inwieweit haben sie zur Etablierung und Konsolidierung der Wissenschaftsbeziehungen beigetragen?
Während sich das erste Kapitel um die Förderung einzelner Studierender und die Entwicklung individueller Stipendienprogramme dreht und dabei die groÃen Vorbehalte an der ersten Universität im Land, der Hebräischen Universität Jerusalem, verdeutlicht, rückt das zweite Kapitel das Institut für deutsche Geschichte an der noch jungen Universität Tel Aviv in den Fokus, das zu Beginn der 1970er Jahre mit Mitteln der Volkswagenstiftung gegründet wurde. Warum war eine Kooperation mit Deutschland, die in Jerusalem noch unvorstellbar war, in Tel Aviv denkbar? Wie wirkte sich diese Kooperation auf das wissenschaftliche Prestige der Universität aus? Und inwiefern prägte deutsche Wissenschaftsförderung die Konkurrenz und Entwicklung der israelischen Universitäten?
Die deutschen Förder- und Kooperationsangebote forderten die israelischen Universitäten nicht nur institutionell, sondern auch fachlich heraus, wie die im dritten Kapitel nachgezeichneten Debatten um die Bedeutung und Funktion der deutschen Sprach- und Literaturwissenschaft an der Hebräischen Universität zeigen: Welche Rolle spielte Deutsch als Wissenschafts- und Fachsprache? Und wie entwickelte sich die Lehre der deutschen Sprache und Literatur in Israel seit den 1960er Jahren?
Diesen Fragen geht diese Studie am Beispiel verschiedener israelischer Universitäten nach. So führt das vierte Kapitel an die Universität von Haifa, deren â zunächst â gescheiterter Versuch, in den 1970er Jahren ein Institute for Research of Contemporary German History and Society zu etablieren, aufzeigt, wie die Kontakte zu deutschen Universitäten, die Einwerbung deutscher Fördergelder und die Einrichtung deutscher Forschungs- und Lehrabteilungen vermehrt die Konkurrenz zwischen den israelischen Hochschulen anstachelten.
SchlieÃlich geht es im fünften und letzten Kapitel dieser Studie noch einmal nach Jerusalem, wo 1990 das Franz Rosenzweig Minerva Research Center eröffnet wurde: Seine Vorgeschichte und Gründung werden anhand von Forschungsprogrammen, Gutachten, Korrespondenzen und Konferenzen erzählt, also entlang seiner institutionellen Entwicklung hin zu dem akademischen Ort, von dem die Suche nach den Spuren der deutsch-jüdischen Literatur- und Kulturgeschichte ihren Ausgang nahm, deren Produkt auch das vorliegende Buch ist.
Siehe den Ausstellungskatalog von Andrea Sinn, Gehen? oder Bleiben! Lebenswelten osteuropäischer und deutscher Juden in der Nachkriegszeit, 1945â1950, Augsburg 2012.
Zeitzeugengespräch von Jenny Hestermann mit Wolfgang Frühwald, 2015.
Siehe hierzu: Dan Diner, Rituelle Distanz. Israels deutsche Frage, München 2015.
Ebd.
Ebd., S. 15.
Zeitzeugengespräch mit Wolfgang Frühwald, 2015. Wolfgang Frühwald (1935â2019) war von 1992 bis 1997 Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Er machte sich schnell einen Namen als Freund Israels und unterzeichnete zu Beginn der 1990er Jahren ein Kooperationsabkommen zwischen der DFG und der israelischen Akademie der Wissenschaften. 1994 trat er hervor mit der Errichtung eines multilateralen Forschungsprogramms zur Förderung der wissenschaftlichen Zusammenarbeit zwischen israelischen, palästinensischen und jordanischen Wissenschaftlern, unterstützt und betreut von deutschen Forschern.
Schalom Ben-Chorin, Dass der Mandelzweig wieder blüht. Germania Hebraica. Eine Hommage zum 100. Geburtstag 1913â1999â2013, Konstanz 2013, S. 62.
Siehe hierzu exemplarisch: Shulamit Volkov, Sprache als Ort der Auseinandersetzung mit Juden und Judentum in Deutschland, 1780â1933, in: Wilfried Barner, Christoph König (Hrsg.), Jüdische Intellektuelle und die Philologien in Deutschland 1871â1933, Göttingen 2001, S. 223â238; Arndt Kremer, Deutsche Juden â Deutsche Sprache. Jüdische und judenfeindliche Sprachkonzepte und -konflikte 1893â1933, Boston, Berlin 2007.
Andreas Disselnkötter, Hermann Zabel (Hrsg.), Deutsch in Israel. Eine Bestandsaufnahme, Aachen 2002; Hermann Zabel, Stimmen aus Jerusalem. Zur deutschen Sprache und Literatur in Palästina/Israel, Münster 2006. Zur deutschsprachigen Presse in Israel: Blumenthals Neueste Nachrichten (ab 1943â â Jediâoth Chadaschoth), die 1935 gegründete Tageszeitung, die mit 25.000 Exemplaren 1950 zu einer der meistverkauften Zeitungen in Israel zählte, siehe hierzu: Alice Schwarz-Gardos, Von Wien nach Tel Aviv. Lebensweg einer Journalistin, Gerlingen 1991, S. 10.
Siehe hierzu: Hestermann, Donât Mention the War.
Jenny Hestermann, Inszenierte Versöhnung. Reisediplomatie und die deutsch-israelischen Beziehungen von 1957 bis 1984, Frankfurt am Main, New York 2016; siehe auch: Dies., Im Schatten der Shoah. Deutsch-israelische Beziehungen gestern und heute, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, 18â19 (2023), S. 30â37.
Lily Gardner Feldman, Germanyâs Foreign Policy of Reconciliation. From Enmity to Amity, Lanham/Maryland 2012.
Carole Fink, West Germany and Israel. Foreign Relations, Domestic Politics, and the Cold War, 1965â1974, Cambridge/New Jersey 2019; mit dem Schwerpunkt auf dem Kontext des Kalten Krieges und unter Einbeziehung der DDR siehe: Lorena De Vita, Israelpolitik. German-Israeli Relations 1949â1969, Manchester 2020.
Siehe hierzu das Kapitel XII âDie informellen Beziehungenâ, in: Yeshayahu A. Jelinek, Deutschland und Israel 1945â1965. Ein neurotisches Verhältnis, München 2004, S. 373 ff.
Siehe hierzu: Roni Stauber, Diplomacy in the Shadow of the Holocaust. Israel and West Germany 1953â1965, Yad Vashem and the Zalman Shazar Center, Jerusalem 2021 (hebr.); David Witzthum, The Beginning of a Wondrous Friendship? The Story of Israeli-German Reconciliation, Tel Aviv 2018 (hebr.).
Zur Geschichte und Bedeutung der Jeckes siehe: Moshe Zimmermann, Yotam Hotam (Hrsg.), Zweimal Heimat. Die Jeckes zwischen Mitteleuropa und Nahost, aus dem Hebräischen von Elisheva Moatti, Frankfurt am Main 2005.
Siehe hierzu als paradigmatischen Ãberblick mit ausführlicher Bibliographie: Jan Kühne, Deutschsprachige jüdische Literatur in Mandats-Palästina/Israel 1933â2014, in: Hans Otto Horch (Hrsg.), Handbuch der deutsch-jüdischen Literatur, München 2016, S. 201â220, sowie die Beiträge in folgendem grundlegendem Band: Amir Eshel, Rachel Seelig (Hrsg.), The German-Hebrew Dialogue. Studies of Encounter and Exchange, Berlin, Boston 2018; auÃerdem: Sebastian Schirrmeister, Begegnungen auf fremder Erde. Verschränkungen deutsch- und hebräischsprachiger Literatur in Palästina/Israel nach 1933, Stuttgart 2019; Elke-Vera Kotowski (Hrsg.), Das Kulturerbe deutschsprachiger Juden. Eine Spurensuche in den Ursprungs-, Transit- und Emigrationsländern, München 2015; sowie exemplarisch: Anne Betten, Die deutsche Sprache bei der 1. und 2. Generation deutschsprachiger Immigranten in Israel, in: Der Sprachdienst, 57 (2013), H. 4/5, S. 168â180. Zur Rolle der deutschen Sprache an der Hebräischen Universität siehe grundlegend: Yfaat Weiss, Back to the Ivory Tower. The German Language at the Hebrew University, in: Arndt Engelhardt, Susanne Zepp (Hrsg.), Sprache, Erkenntnis und Bedeutung. Deutsch in der jüdischen Wissenskultur, Leipzig 2015, S. 247â264; Lina Barouch, Between German and Hebrew. The Counterlanguages of Gershom Scholem, Werner Kraft and Ludwig Strauss, München 2016.
Dan Diner, Moshe Zimmermann, Israelâs German Academic Legacy. An Introduction, in: Dies. (Hrsg.), Disseminating German Tradition. The Thyssen Lectures, Leipzig 2009, S. 7â13; Dan Diner, Israel und Deutschland. Ãber Nähe und Distanz ihrer Wissenschaftskulturen. Ein Bericht über die Förderung der Geistes- und Sozialwissenschaften in Israel und ihre historischen Voraussetzungen, in: Michael Globig (Hrsg.), Impulse geben â Wissen stiften: 40 Jahre Volkswagenstiftung Göttingen 2002, S. 491â506.
Siehe hierzu die Aufsätze, die unter dem thematischen Schwerpunkt âReturn to the Archive: Dispersal, Transmission, and Anticipation in Personal Archives between Germany and Israelâ erschienen sind, in: Jahrbuch des Simon-Dubnow-Instituts, XVII (2018), S. 299â516, sowie die Beiträge in der Naharaim-Sonderausgabe: German Orientalism and the Jewish âArab Questionâ: On the Study of Arabic Language and Culture in the Jewish Community in Mandatory Palestine, in: Naharaim, 10 (2016), H. 1, hrsg. von Yfaat Weiss und Yonatan Mendel.
Siehe hierzu: Sharon Livne, Amos Morris-Reich, Fundraising and Collaboration. The Hebrew University and the German Question, 1959â1965, in: Naharaim, 11 (2017), H. 1â2, S. 47â66; zur Rolle deutscher Stiftungen in Israel siehe: Anna Abelmann-Brockmann, Die Geschichte deutscher politischer Stiftungen in Israel im Kontext offizieller deutsch-israelischer Beziehungen von den Anfängen bis in die 1980er Jahre, Dissertation, Ruhr-Universität Bochum, online abrufbar unter: https://hss-opus.ub.ruhr-uni-bochum.de/opus4/frontdoor/index/index/docId/9585 (1.12.2024); Anna Abelmann, Katharina Konarek (Hrsg.), The German Political Foundationsâ Work between Jerusalem, Ramallah and Tel Aviv. A Kaleidoscope of Different Perspectives, Wiesbaden 2018.
Dietmar K. Nickel, Es begann in Rehovot. Die Anfänge der wissenschaftlichen Zusammenarbeit zwischen Israel und der Bundesrepublik Deutschland, hrsg. vom European Committee of the Weizmann Institute of Science, Zürich 1989; Thomas Steinhauser, Hanoch Gutfreund, Jürgen Renn, A Special Relationship. Turning Points in the History of German-Israeli Scientific Cooperation, Berlin 2017; Minerva-Stiftung, Pillar. Four Decades of Scientific Cooperation between Germany and Israel, München 1998; Jürgen Kocka, Scientific and Economic Cooperation, in: Howard M. Sachar (Hrsg.), Unlikely Partnership. Germany and Israel, Washington, D.C. 1997, S. 102â109; Henning Eikenberg, Wissenschaftler als Brückenbauer. Die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Israel in der Forschung, in: Forschung â Politik â Strategie â Management, Ausgabe: Forschungsförderung, 1 (2008), S. 18â26.
Siehe hierzu: Ute Deichmann, The Beginnings of Israeli-German Collaborations in the Sciences. Motives, Scientific Benefits, Hidden Agendas. Israel Academy of Sciences and Humanities. Proceedings â Bd. IX, Nr. 3, S. 35â86.
Iris Nachum, Es muss nicht immer Wiedergutmachung sein. Walter Grab und das Minerva Institut für deutsche Geschichte an der Universität Tel Aviv, in: Tel Aviver Jahrbuch für deutsche Geschichte, 40 (2012), S. 237â275.
Irene Aue-Ben-David, Yonatan Shiloh-Dayan, Observant Ventures. Early German-Israeli Conferences on German History, in: Jahrbuch des Simon-Dubnow-Instituts, XV (2016), S. 315â339.
Marcel Lepper, Wie kann man Geschichte der Germanistik nach 1945 schreiben?, in: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur, 37 (2012), H. 2, S. 476â499, hier: S. 480.