Die vorliegende Zusammenschau biographischer Skizzen und hermeneutischer Zugänge in der deutschsprachigen Ostkirchenkunde schließt an einen ersten, 2022 in derselben Reihe erschienenen, Band an.1 Auch in unserem zweiten Band werden protestantische und römisch-katholische Forschungsprofile des Faches vorgestellt und in den historischen und theologischen Kontext ihrer Zeit gesetzt. Dabei treten sowohl unterschiedliche Motive und Interessenlagen für die Beschäftigung der jeweiligen Forschenden mit den Ostkirchen als auch verschiedene Schwerpunkte und Erträge dieser Arbeit hervor. Konfessionelle Vorstellungen und Prägungen spielen neben kirchlich-ökumenischen Entwicklungen ebenso eine Rolle wie (kirchen-)politische Faktoren und wissenschaftsgeschichtliche Konjunkturen.
Der Aussage einer Besprechung unseres ersten Bandes, wer nach Zukunftsentwürfen für das Fach der Ostkirchenkunde suche, werde durch die historisch ausgerichteten Beiträge enttäuscht,2 mögen wir Herausgeber nicht uneingeschränkt beipflichten, schärft doch fraglos die historische Beschäftigung mit dem Wechselspiel zwischen den persönlichen Prägungen und Frömmigkeitsstilen auf der einen und den von konfessionellen, akademischen und zuweilen auch politischen Stellen an die Forschenden herangetragenen Loyalitätsansprüchen auf der anderen Seite den kritischen Blick der aktuellen Leserschaft. Eine Lektüre von Biographien ostkirchenkundlicher „Klassiker“ scheint uns nicht allein für die Beschäftigung mit einer spezifischen Hermeneutik aus der Vergangenheit gewinnbringend zu sein, sondern darüber hinaus auch ein Bewusstsein für die Herausforderungen und Problemstellungen einer gegenwärtigen „westlichen Ostkirchenhermeneutik“ zu vertiefen. So wird wiederholt deutlich, dass viele der von Ostkirchenkundlern gezeichneten Fremdbilder auch implizite Selbstbeschreibungen ihrer Autoren enthalten. Dieses den Autoren nicht immer bewusste Wechselspiel von Selbst- und Fremdbild scheint uns auch für alle zukünftigen Ansätze unhintergehbar.
Ferner ist auch die in den hier vorliegenden biographisch-hermeneutischen Abrissen aufgeworfene Frage, nach welchen Kriterien das „Fremde“ bewertet werden solle, für jeden zukünftigen Entwurf einer Ostkirchenhermeneutik „relevant“. Liturgische und ästhetische Zugänge zu den Ostkirchen (wie sie in diesem Band beispielsweise von Johannes Matthias Watterich, Carl Schneider oder Gabriel Henning Bultmann entfaltet werden) setzen ihre Schwerpunkte anders als ideengeschichtliche Ansätze (etwa bei Günter Mühlpfordt), ökumenisch motivierte Darstellungen (z.B. bei Heinz Joachim Held) folgen anderen Kriterien als auf das Staats-Kirchen-Verhältnis konzentrierte Arbeiten (etwa bei Gerd Stricker) – ganz zu schweigen von der Eigenlogik unreflektiert anachronistischer Projektionen vermeintlich „wissenschaftlicher“ Geschichtsschreibung (etwa bei Johannes Irmscher).
Tatsächlich ist die Beschäftigung mit der Hermeneutik der Ostkirchenkunde komplex, verwenden doch die Darstellenden, die eine Hermeneutik analysieren, selbst eine eigene Hermeneutik. Grundlegend mit Blick auf die Bewertungskriterien nicht nur der dargestellten, sondern auch der sie darstellenden Autoren scheint uns die Unterscheidung zwischen solchen Ansätzen zu sein, die die eigenen Maßstäbe gleich einer zwar erst in ihrer Gegenwart entwickelten, jedoch universal und überzeitlich geltenden Rechtsnorm in Geltung sehen (ein besonders auffälliges Beispiel mag die Berufung auf die „Gesetze“ des „historischen Materialismus“ bei Johannes Irmscher bieten) und dem Bemühen anderer Autorinnen und Autoren, die Maßstäbe und Kriterien der dargestellten Personen in ihrer Zeit zur Messlatte ihrer Bewertung zu erklären. Es würde die Frage lohnen, ob der zuweilen beklagte „Verfall“ der Ostkirchenkunde tatsächlich nichts anderes als ein hermeneutischer Wandel ist, insofern die Betonung „absolut“ geltender Positionen der jeweiligen auktorialen Perspektive sich gegenüber einer Hermeneutik eines (heute zuweilen negativ konnotierten) „Verstehens“ durchgesetzt hat. Auf jeden Fall dürften, unabhängig davon, wie man eine solche Frage beantwortet, die von den vorgestellten Ostkirchenkundlern gezeichneten Bilder der beschriebenen Ostkirchen deshalb auch immer auch Auskünfte zur konfessionellen, politischen oder kulturellen Identität der Ostkirchenkundler selbst enthalten.
Dieser zweite Band unserer „Perspektiven“ sei dem Ostkirchenkundler Reinhard Thöle gewidmet. In seiner Arbeit zu den Ostkirchen und als Mitgründer dieser Reihe setzt er sich mit den hier nur oberflächlich angerissenen Fragen ausführlicher und im Geist einer Liebe zu den Ostkirchen auseinander, die zugleich belehrt und inspiriert.
Martin Illert, Andriy Mykhaleyko
Martin Illert, Andriy Mykhaleyko (Hgg.): Perspektiven der Ostkirchenkunde. Ausgewählte Ansätze evangelischer und katholischer Ostkirchenkundler, Eastern Church Identities 13, Paderborn 2022. Rezension: S. Kube, in: Religion und Gesellschaft in Ost und West 52 (2024), 9 (sowie Anm. 2).
Johannes Oeldemann, Rez. Illert / Mykhaleyko: Perspektiven, in: Theologische Revue 120, Dezember 2024. DOI: https://doi.org/10.17879/thrv-2024-6036.