1 Diaspora als Kontext der religiösen Bildung
Das Leben der Orthodoxen Kirche in der Diaspora ist von Migrationsbewegungen geprägt â beinahe alle orthodoxe Christ:innen sind auf unterschiedliche Weise in ihrer Biographie mit mindestens einem anderen Herkunftsland verbunden.1 Die orthodoxe Diaspora bezeichnet allerdings nicht nur eine kulturelle oder religiöse Minderheitssituation in einer Gesellschaft. Vielmehr existieren auf dem gleichen Territorium kirchliche Strukturen in einer jurisdiktionellen Pluralität, d. h. verschiedene orthodoxe Diözesen sind an ein Erzbistum oder ein Patriarchat auÃerhalb des Landes gebunden. Tatsache ist, dass orthodoxe Diözesen und Gemeinden in erster Linie damit beschäftigt sind, ihr eigenes kirchliches Leben zu organisieren. Allerdings liegt in der Koinzidenz der Koexistenz auch die Chance zum gegenseitigen Wahrnehmen, Kennenlernen und zu einer Zusammenarbeit in gemeinsamen Arbeitsfeldern. Ein solches Feld bildet die religiöse Bildung, in dem die orthodoxen Diözesen Deutschlands im Rahmen des schulischen Orthodoxen Religionsunterrichts bereits seit Jahrzehnten zusammenarbeiten; seit 2010 ist die Orthodoxe Bischofskonferenz in Deutschland (OBKD) die kirchliche Ansprechpartnerin für diesen Unterricht.2 Auch wenn es in den Herkunftsländern in der Regel wenig Anlass und entsprechend begrenzte Erfahrung mit interorthodoxer Zusammenarbeit gibt, gewinnt die Kooperation orthodoxer Diözesen in Deutschland zunehmend an wertvoller Erfahrung. In der Herausforderung liegt nämlich auch die Chance, sich Fragen der religiösen Bildung in gemeinsamer kirchlicher Verantwortung anzunehmen. Freilich besteht noch viel vitales Potenzial, um diese Erfahrung auszubauen sowie für Gegenwart und Zukunft der jungen orthodoxen Menschen in der Diaspora weiter zu entfalten.
Die orthodoxe Diaspora bildet ein spannendes Feld der religiösen Bildung, in dem mindestens dreigleisig gefahren wird. Erstens liegt religiöse Bildung in den orthodoxen Kirchengemeinden in der Verantwortung derselben oder ihrer Diözesen. Obwohl alle orthodoxen autokephalen Kirchen weltweit ebenso wie die orthodoxen Diözesen in Deutschland sich als eine Orthodoxe Kirche verstehen, wird bei der religiösen Bildung in den Gemeinden das Prädikat ârussischâ, âserbischâ oder ârumänischâ neben der Bezeichnung des eigentlichen Bekenntnisses âorthodoxâ relevant. Angebote wie Sonntagsschule oder Jugendarbeit finden häufig nicht in Deutsch statt, sondern in einer dem Kulturraum der Diözese affinen Sprache. Nicht nur religiöse, sondern auch kulturspezifische Inhalte werden vermittelt sowie entsprechende Sozialisationsprozesse angebahnt.3 Die Frage nach religiöser Identität stellt sich in der Diaspora in gesteigerter Weise und kommt auch in konkreten Kulturen und Sprachen zum Ausdruck.4
Zweitens liegt die kirchliche Verantwortung für den Orthodoxen Religionsunterricht an öffentlichen Schulen bei der OBKD, wobei die primäre Zielgruppe orthodoxe Schüler:innen sind, die zu einer in der OBKD vertretenen Diözese gehören.5 In diesem Schulfach steht das gemeinsame Christlich-Orthodoxe im Vordergrund, das sich zum Teil in der Vielfalt der lokalen Traditionen und Prägungen der einzelnen orthodoxen Diözesen widerspiegelt. Im Orthodoxen Religionsunterricht nehmen orthodoxe Kinder wahr, dass sie in ihrem Orthodox-Sein nicht allein sind. Sie erleben ihre Glaubenszugehörigkeit im Kontext der innerorthodoxen Pluralität. Auch im orthodoxen Religionsunterricht verlieren die Prädikate âserbischâ, ârumänischâ oder âbulgarischâ nicht an Bedeutung. Sie werden in der Vielfalt der Sprachen und Traditionen sichtbar, während sie zugleich eine Ressource für das religiöse Lernen sowie eine Brücke zur eigenen religiösen Sozialisation in der Familie und Gemeinde bilden.6
Drittens ist orthodoxe religiöse Bildung im Kontext der konfessionellen Kooperation zu denken.7 Nach wie vor verfolgt die Orthodoxe Kirche in Deutschland und Ãsterreich das Ziel, den Orthodoxen Religionsunterricht an Schulen flächendeckend zu etablieren. Der Anspruch auf ihre Mitverantwortung für die religiöse Bildung an Schulen liegt insbesondere darin begründet, dass die Zahl der orthodoxen Kinder und Jugendlichen kontinuierlich steigt. Nicht zuletzt ist durch den Zustrom von Geflüchteten aus der Ukraine, deren Mehrheit christlich-orthodox ist, auch die Zahl der orthodoxen Schüler:innen in deutschsprachigen Ländern sprunghaft angestiegen. Das bestehende Angebot an Orthodoxem Religionsunterricht in Deutschland â er ist inzwischen in fünf Bundesländern als ordentliches Lehrfach eingerichtet â kann den Bedarf nicht decken. Der GroÃteil der orthodoxen Schüler:innen nimmt entweder an einem anderskonfessionellen Religionsunterricht oder an einem Ersatzfach teil.8 Umso dringender stellt sich die Frage nach einer konfessionellen Kooperation im Religionsunterricht, die nicht nur wie bislang überwiegend zwischen dem evangelischen und katholischen Religionsunterricht stattfindet, sondern auch orthodoxe Kooperationspartner:innen einbezieht. In diesem Zusammenhang ist eine orthodoxe Expertise bislang nur bei vereinzelten Lehrkräftefortbildungen zu verzeichnen.
2 Warum dieser Sammelband?
Orthodoxe religionspädagogische Perspektiven gehören zunehmend zum religionspädagogischen Diskurs. Besondere Aufmerksamkeit verdienen entsprechende Publikationen, die seit etwa sechs bis sieben Jahren zu verzeichnen sind.9 Die Geschichte der orthodoxen Religionspädagogik in der Diaspora lässt sich bereits in ihrer Genese bzw. Entwicklung als ökumenisch charakterisieren.10 Dissertationen orthodoxer Theolog:innen zu religionspädagogischen Themen im deutschsprachigen Raum wurden allesamt an nicht-orthodoxen theologischen Einrichtungen eingereicht. Das überrascht kaum, denn im gesamten deutschsprachigen Raum ist bis heute kein einziger Lehrstuhl für Orthodoxe Religionspädagogik eingerichtet, obwohl der erste Orthodoxe Religionsunterricht in der Bundesrepublik bereits in den 1950er Jahren eingeführt wurde. Nach über 70 Jahren orthodoxer religiöser Bildung im schulischen Bereich fehlen immer noch universitäre Strukturen für die orthodoxe Religionspädagogik. Das erschwert die Partizipation am religionspädagogischen Diskurs enorm.
Umso mehr bedarf es einer Vernetzung und Zusammenarbeit orthodoxer Theolog:innen in Fragen der religiösen Bildung. Dass orthodoxe religiöse Bildung in der Diaspora für die orthodoxe Theologie ein wichtiges Thema ist, signalisiert auch der vorliegende Sammelband. Dieses Thema gilt es nicht nur innerhalb der verschiedenen Disziplinen der orthodoxen Theologie gemeinsam zu reflektieren und zu verantworten, sondern im Sinne der Interdisziplinarität auch mit Partner:innen aus der Ãkumene zu diskutieren. Aufgrund der beschriebenen Situation orthodoxer Schüler:innen sind in diesem Sammelband vordergründig evangelische und römisch-katholische Autor:innen aus der Ãkumene vertreten; dies bedeutet keinen Ausschluss von Gesprächspartner:innen aus der weiteren Ãkumene und anderen Religionen, mit denen der Dialog im religionspädagogischen Diskurs weitergeführt wird11. Nicht zuletzt will der Sammelband den Dialog zwischen Kooperationspartner:innen auf Augenhöhe stärken. Hierzu ist die gegenseitige Wahrnehmung als Subjekte religiöser Bildung trotz ungleicher struktureller Ressourcen unabdingbar.
3 Aufbau des Sammelbandes
Der Sammelband ist in vier Teile gegliedert. Der erste Teil widmet sich insgesamt dem Feld der religiösen Bildung in der Diaspora. Das dahinterstehende grundlegende Verständnis (Ciprian BurlÄciouiu) wird zunächst dargelegt, sodann wird der kirchliche Bildungsauftrag in der Diaspora konkretisiert (Marina Kiroudi) während anschlieÃend eine ökumenische Didaktik den Fokus auf die konfessionelle Kooperation in enger Verbindung mit dem Orthodoxen Religionsunterricht legt (Mirjam Schambeck).
Im zweiten Teil geht es explizit um die Frage nach Identität, die in vielen anderen thematischen Beiträgen implizit präsent ist. Hier wird sie konkret im theologischen (Anna Briskina-Müller) ebenso wie im religionspädagogischen Kontext (Marija Jandrokovic) gestellt und beleuchtet. Diesen ausführlichen Beiträgen gehen kurze und zum Teil biographisch gerahmte Reflektionen zur orthodoxen Identität in der Diaspora voraus (Anastasia Limberger, Pavle AniÄiÄ und Cristina Benga).
Im dritten Teil werden Potenziale und Herausforderungen der Kooperation in Bezug auf den Orthodoxen Religionsunterricht besprochen. Nach Ãberlegungen zur interorthodoxen Zusammenarbeit in der Diaspora (Konstantinos Vliagkoftis) wird die Orthodoxie als Kooperationspartnerin aus evangelischer und römisch-katholischer Perspektive betrachtet (Joachim Willems und Jan Woppowa). Des Weiteren werden Herausforderungen der Integration und Spezifika der Kooperation hinsichtlich ihrer innerorthodoxen Bewandtnis sowie der Einführung des Christlichen Religionsunterrichts in Niedersachsen geschildert (Alexej Tereschenko). AbschlieÃend werden verfassungsrechtliche und kirchenrechtliche Grundlagen für die konfessionelle Kooperation konturiert, wenn es um die Frage der Orientierung an den Glaubensgrundsätzen der Orthodoxen Kirche geht (Anargyros Anapliotis).
Der vierte Teil legt den Fokus auf die Didaktik des Religionsunterrichts und zwar in einer interdisziplinären sowie interkonfessionellen Perspektive. Die Konkretisierung erfolgt anhand der Themen Jesus Christus (Georgiana Huian und Henrik Simojoki), Bibel (Athanasios Despotis und Mirjam Zimmermann) und Ikonen (Stanislau Paulau und Frank Lütze). AbschlieÃend werden Grundsätze orthodoxer Anthropologie für den orthodoxen Religionsunterricht dargestellt (Mugurel Pavaluca).
Der Sammelband schlieÃt perspektivisch mit einer Ermutigung zur Stärkung der gemeinsamen Bildungsverantwortung im Feld der religiösen Bildung (Henrik Simojoki, Yauheniya Danilovich und Marina Kiroudi). Diese Ermutigung ist auch der Wunsch der Herausgeberinnen an all jene, die den Gewinn und den Nutzen religiöser Bildung für das Leben junger Menschen im Blick haben und sich dafür einsetzen.
Literatur
Bremer, Thomas/Kattan, Assaad Elias/Thöle, Reinhard (Hg.), Orthodoxie in Deutschland, Münster 2016.
Danilovich, Yauheniya, Mehrsprachigkeit und religiöse Bildung, in: Michael Klöcker/Udo Tworuschka (Hg.), Handbuch der Religionen (HdR) XIV â 6.2, Hohenwarsleben 2021, 1â26.
Danilovich, Yauheniya, Orthodoxe Religionspädagogik: Religiöse Bildung in der Gemeinde, in: Pastoraltheologie 113 (2024) H. 7, 351â364.
Flohr, Tim/Danilovich, Yauheniya, Zum Selbstverständnis orthodoxer Religionslehrkräfte. Eine explorative Untersuchung, in: Hild, Christian/Massud, Abdel-Hafiez (Hg.), ReligionslehrerInnen als Akteure in der multireligiösen Gesellschaft (= Religion und Kommunikation in Bildung und Gesellschaft 2), Landau 2022, 56â76.
Keller, Kerstin (Hg.), Mit Christus unterwegs 1/2. Das orthodoxe Schulbuch, Berlin 2016.
Kiroudi, Marina, Orthodoxe Religionspädagogik und Theologie. Ein Beziehungsgeflecht zwischen Immanenz, Kontextualisierung und Kreativität, in: Ãsterreichisches Religionspädagogisches Forum 31 (2023) H. 2, 182â199, DOI: 10.25364/10.31:2023.2.11.
Kiroudi, Marina, Orthodoxer Religionsunterricht in Deutschland. Geschichte, Rahmenbedingungen, Perspektiven (= Eastern Church Identities 6), Paderborn 2021.
Moga, Patricia (Hg.), Die Kirche in meiner Seele. Wie rumänische orthodoxe Kinder aus Deutschland, Ãsterreich und Luxemburg Gott und die Kirche sehen, Bukarest 2022.
Simojoki, Henrik/Danilovich, Yauheniya/Schambeck, Mirjam u. a. (Hg.), Religionsunterricht im Horizont der Orthodoxie. Weiterführungen einer Ãkumenischen Religionsdidaktik, Freiburg i. Br. 2022.
Website der Orthodoxen Bischofskonferenz in Deutschland (OBKD): http://www.obkd.de/.
Zeitschrift für Pädagogik und Theologie 71 (2019) H. 4.
Alle Internetadressen wurden im April 2025 überprüft.
Vgl. ausführlich dazu den Band von Bremer, Thomas/Kattan, Assaad Elias/Thöle, Reinhard (Hg.), Orthodoxie in Deutschland.
Vgl. die Website der Orthodoxen Bischofskonferenz in Deutschland (OBKD): http://www.obkd.de/
Vgl. etwa Moga, Patricia (Hg.), Die Kirche in meiner Seele. Im Buch ist ein GroÃteil der Aussprüche und Texte aus der Feder von Kindern und Jugendlichen in ihrer rumänischen Herkunftssprache verfasst.
Vgl. ausführlich dazu Danilovich, Yauheniya, Orthodoxe Religionspädagogik.
Vgl. ausführlich dazu Kiroudi, Marina, Orthodoxer Religionsunterricht in Deutschland.
Vgl. Keller, Kerstin (Hg.), Mit Christus unterwegs 1/2; Flohr, Tim/Danilovich, Yauheniya, Zum Selbstverständnis orthodoxer Religionslehrkräfte; Danilovich, Yauheniya, Mehrsprachigkeit und religiöse Bildung.
Vgl. ausführlich dazu Simojoki, Henrik/Danilovich, Yauheniya/Schambeck, Mirjam u. a. (Hg.), Religionsunterricht im Horizont der Orthodoxie.
Etwas anders verhält sich die Situation in Ãsterreich, wo das schulische Angebot des orthodoxen Religionsunterrichts sichtlich mehr orthodoxe Schüler:innen erreicht.
Erstmalig widmete im Jahr 2019 eine deutschsprachige religionspädagogische Zeitschrift ein ganzes Heft dem Thema âReligionspädagogik und Orthodoxieâ. Vgl. Zeitschrift für Pädagogik und Theologie 71 (2019) H. 4.
Vgl. Kiroudi, Marina, Orthodoxe Religionspädagogik und Theologie.
Vertreter:innen der Gesellschaft für wissenschaftliche Religionspädagogik (GwR), der Arbeitsgemeinschaft Katholische Religionspädagogik und Katechetik (AKRK), der orthodoxen, syrisch-orthodoxen, muslimischen und jüdischen Religionspädagogik sowie der evangelischen Gemeindepädagogik planen für 2026 eine gemeinsame Fachtagung in Bonn, die sich als Auftakt einer intensiveren Kooperation versteht.