Die vorliegende Biografie schildert das Leben von Wolfgang Döring (1919â1963), seinen politischen Werdegang und sein Engagement als Politiker für die Freie Demokratische Partei (FDP). Sie zeichnet das Bild eines Mannes, der in seiner Jugend durch Nationalsozialismus und Krieg geprägt wurde und in der Bundesrepublik Deutschland die Demokratie mühsam erlernen musste.
Der gebürtige Leipziger war Berufsoffizier mit Leib und Seele, gezeichnet von zahlreichen Fronteinsätzen im Zweiten Weltkrieg, und sah sich nach Kriegsende gezwungen, sich neu zu orientieren. Döring schloss sich den Freien Demokraten an, obwohl er alles andere als ein liberaler Ideologe war. Seine Managerqualitäten wurden schnell erkannt, was ihm den Einstieg in die Politik als Hauptgeschäftsführer des FDP-Landesverbandes Nordrhein-Westfalen ermöglichte. Zielstrebig förderte er die Stärkung der nationalliberalen Kräfte und der nationalen Sammelbewegung rechter Akteure, darunter ehemalige Wehrmachtsangehörige und Nationalsozialisten, innerhalb der Partei. Dabei geriet er in den Strudel der Naumann-Affäre, als hochrangige Altnazis, darunter der ehemalige Staatssekretär von Goebbels, versuchten, die liberale Partei systematisch zu unterwandern. Dörings Karriere hing am seidenen Faden, weshalb er ein politisches Mandat anstrebte und enge Beziehungen zum westdeutschen Geheimdienst knüpfte. Ãber Jahre pflegte er als Sonderverbindung des Bundesnachrichtendienstes (BND) eine vertrauensvolle Zusammenarbeit, in der beide Seiten Informationen zum gegenseitigen Nutzen austauschten. Dies hinderte Pullach jedoch nicht daran, dem Bundeskanzler über Döring zu berichten, denn Konrad Adenauer lieà die FDP nachrichtendienstlich ausspionieren.
Wolfgang Döring wurde als Abgeordneter in den nordrhein-westfälischen Landtag gewählt und erlangte als einer der Jungtürken bundesweite Bekanntheit. Er suchte die Nähe zur Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) und stürzte die Regierung des Christdemokraten Karl Arnold durch das erste parlamentarische Misstrauensvotum, das die FDP auf Bundesebene in die Opposition drängte. Dörings Kurs bedeutete langfristig die Ãffnung zur politischen Mitte, zielte auf die Stärkung des Liberalismus als eigenständige dritte politische Kraft und brachte den sozialen Kern liberaler Prinzipien zur Geltung. Als Mitteldeutscher mit pragmatischem Politikverständnis initiierte Döring erste Gespräche zwischen Liberalen aus Ost und West und reiste in die DDR. Trotz seiner Faszination für die USA war er stets offen für den Dialog mit der Sowjetunion. Diese Schritte waren die Vorboten der späteren neuen Ostpolitik, denn Döring war ein glühender deutscher Patriot, für den die Wiederherstellung der nationalen Einheit in Frieden höchste politische Priorität hatte.
Wolfgang Döring, der wegen seiner Managerfähigkeiten, seines Tatendrangs und seines robusten Auftretens auch als Techniker der Macht, Rammbock oder Raketentreibsatz der FDP bezeichnet wurde, bewies Mut und Tatkraft und lebte ausschlieÃlich für die Politik, oft auf Kosten seiner Gesundheit. Er war dreimal verheiratet und hatte sowohl als Ehemann als auch als Vater mit Problemen, meist finanzieller Natur, zu kämpfen. Auch als Wahlkampfleiter bei Bundestags- und Landtagswahlen war er nicht vom Glück verfolgt und konnte die absolute Mehrheit der Christlich Demokratischen Union Deutschlands (CDU) nicht verhindern. Als Bundestagsabgeordneter in Bonn gewann er jedoch als Verteidigungsexperte zunehmend an Einfluss und wurde zum entschiedenen Gegner der atomaren Aufrüstungsfantasien von Franz Josef Strauà sowie der AuÃenpolitik von Konrad Adenauer. Er wurde zur Nemesis Adenauers und arbeitete auf dessen Ablösung hin.
Wolfgang Döring entsprach nie dem Bild eines klassischen Liberalen. Mit seiner direkten Art war er in seiner Partei nicht unumstritten, stieg jedoch als stellvertretender Vorsitzender der Bundestagsfraktion und des Bundesverbandes in die Führungsriege der Freien Demokraten auf. In der Spiegel-Affäre spielte Döring eine zentrale Rolle. Mit einer eindrucksvollen Rede im Bundestag verteidigte er seinen langjährigen Freund Rudolf Augstein und prangerte das rechtswidrige Vorgehen von Verteidigungsminister Strauà und Bundeskanzler Adenauer an. Durch sein mutiges Handeln erwarb Döring den Ruf eines Verteidigers des Rechtsstaates und beeinflusste maÃgeblich das Handeln der Freien Demokraten in diesem wichtigen Konflikt um die Pressefreiheit. SchlieÃlich sorgte Döring dafür, dass Strauà als Verteidigungsminister und ein Jahr später Adenauer als Bundeskanzler zurücktraten. Sein Aufstieg in Partei und Fraktion schien unaufhaltsam, bis er unter tragischen Umständen starb. Jahrzehntelang wurde spekuliert, ob er, der im Visier der Geheimdienste in Ost und West stand, nicht ermordet worden sein könnte.
Die besondere Beziehung zu Geheimdiensten war auch der Ausgangspunkt für mein eigenes Interesse an Wolfgang Döring. Dieses wurde bereits vor mehr als zehn Jahren im Rahmen von Recherchen zu BND-Geheimdossiers über Politiker, darunter auch Döring, geweckt. Die verschwiegene Seite Dörings und seine skizzierten Lebensstationen rechtfertigen den Versuch, Wolfgang Döring mit einer umfassenden politischen Biografie zu würdigen. Dies umso mehr, als bisher nur sehr wenige umfassende Lebensbeschreibungen über ihn vorliegen. Neben der Staatsexamensarbeit von Gisela Wiedner-Zerwas von 1973 über Die Entwicklung der FDP in Nordrhein-Westfalen von 1952 bis 1956, unter besonderer Berücksichtigung der Person Wolfgang Dörings, sind hier die politisch gefärbte Lebensbeschreibung Der Freiheit gehört die Zukunft von Wolfram Dorn und Wolfgang Wiedner von 1974 sowie der Artikel von Wolfram Dorn über Wolfgang Döring in Demokraten. Profile unserer Republik von 1983 zu nennen. Vor allem die kritischen Passagen seines Lebens, wie die Einfärbung in braune Wolle, wurden vorsichtshalber ausgespart. Niemand tauchte tiefer in sein Privatleben ein, beleuchtete seine Persönlichkeit und ging den Spuren seiner geheimdienstlichen Nähe nach.
Die Arbeit stützt sich vor allem auch auf archivalische Quellen, was umfangreiche Recherchen erforderte und von verschiedenen Seiten unterstützt wurde. Zahlreiche Archive mussten genutzt werden, wobei die Informationen und Dokumente aus dem Nachlass von Wolfgang Döring im Archiv des Liberalismus der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit von zentraler Bedeutung waren. Besonders hervorzuheben sind die beiden Kinder von Wolfgang Döring, Hasso Ulrich und Bettina Döring, die ihre persönlichen Erinnerungen mit mir geteilt haben. Von groÃer Bedeutung war auch die Hilfe von Franziska Augstein und Hauke Janssen, die mir den Zugang zum Nachlass von Rudolf Augstein ermöglichten, sowie des BND-Archivs, das unkompliziert die Freigabe relevanter Passagen prüfte. Andreas Pflüger danke ich dafür, dass er sich die Zeit genommen hat, meine Arbeit mit dem moralischen Kompass zu prüfen. Mein besonderer Dank gilt Klaus-Dietmar Henke, der das Manuskript kritisch gelesen und mit seiner fachlichen Expertise wertvolle Hinweise gegeben hat. Besonders dankbar bin ich Diethard Sawicki, der sich sofort für das Thema begeisterte und die Veröffentlichung im Ferdinand Schöningh Verlag ermöglichte.
Bodo V. Hechelhammer
Berlin, im Mai 2025