Während in vielen europäischen Ländern bereits in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts die Zahl der periodischen Schriften in die Tausende ging, war das Pressewesen in Polen-Litauen selbst noch um die Mitte des Jahrhunderts in einer frühen Gründungsphase begriffen. Jedem der lediglich ca. 200 Periodika, die im Laufe des 18. Jahrhunderts auf dem Gebiet des polnisch-litauischen Staates erschienen, kommt daher, sofern es erhalten geblieben ist, der Status einer seltenen Quelle zu.
Das in den Jahren 1762–1766 erschienene Journal Thornische Nachrichten von gelehrten Sachen stellt selbst in dieser kleinen Periodikagruppe eine Rarität dar. Trotz seines (für den europäischen frühneuzeitlichen Pressemarkt) relativ späten Gründungsdatums (1762) hatte es einen Pioniercharakter, und zwar als erste Rezensionszeitschrift nicht nur in der Stadt Thorn und in der polnischen Provinz Königliches Preußen, sondern auch auf dem ganzen Territorium Polen-Litauens. Mit dem neuen Medium gelang es, einen Ort regelmäßigen Informationstransfers über aktuellste wissenschaftliche Forschung und literarische Produktion zu etablieren und so eine Lücke in der regionalen Kommunikation zu schließen.
Ein weiteres signifikantes Merkmal der Thornischen Nachrichten von gelehrten Sachen war ihre Prägung durch mehrere Kulturräume, die mit der besonderen Stellung der Provinz Königliches Preußen korrespondierte. Um ein regional ausgerichtetes, gleichzeitig jedoch modernes kritisches Blatt zu schaffen, haben sich ihre (deutschsprachigen und an deutschen Universitäten ausgebildeten) Herausgeber die polyhistorisch konzipierten Rezensionsorgane aus Deutschland zum Vorbild genommen. Der Charakter der Zeitschrift wurde jedoch in erster Linie durch die Tatsache bestimmt, dass sie auf dem Gebiet der polnischen Krone erschien, und zwar in einer Region, deren Bewohner sich als Preußen verstanden. Ihr explizit deklariertes Hauptanliegen bestand demzufolge in der Informationsvermittlung über Neuerscheinungen aus Polen und Preußen.
Die Region, die die Thornischen Nachrichten von gelehrten Sachen sowohl programmatisch als auch faktisch mit ihren Beiträgen abdeckten und die sie als Polen und Preußen definierten, stimmte allerdings nicht mit den damaligen staatlichen Grenzen überein. Während sich die Bezeichnung Polen schlicht auf das gesamte Gebiet des polnisch-litauischen Staates bezog, wurde mit Preußen neben dem zur polnischen Krone gehörigen Gebiet des Königlichen Preußen auch das ehemalige Herzogtum Preußen (ab 1701 Bestandteil des Königreichs Preußen) gemeint. Der Grund dafür waren historische und kulturelle Bezüge der beiden Teile Preußens, die bis 1466 eine Einheit bildeten. So erschienen in den Thornischen Nachrichten von gelehrten Sachen im Laufe ihres fünfjährigen Bestehens Rezensionen von Neuerscheinungen aus Danzig, Königsberg, Elbing, Thorn, Warschau, Krakau und anderen polnischen sowie preußischen Städten. Besprechungen aktueller ausländischer, meistens deutscher und französischer Schriften spielten dagegen eine Nebenrolle.
Die vorliegende Studie hat zum Ziel, sich den Thornischen Nachrichten von gelehrten Sachen auf möglichst eingehende Weise zu nähern und so einen Beitrag zum Informations- und Ideentransfer in der Provinz Königliches Preußen und den übrigen Gebieten Polen-Litauens im 18. Jahrhundert zu leisten. Methodologisch versucht sie dem komplexen Charakter ihres Forschungsgegenstandes gerecht zu werden, indem sie Fragestellungen unterschiedlichen Charakters miteinbezieht und, je nach dem Untersuchungsansatz der einzelnen Kapitel, kulturhistorische, pressehistorische, komparatistische bzw. literaturwissenschaftliche Aspekte in den Vordergrund stellt.
Der erste Teil der Studie geht den Fragen der Erforschung und Rezeption der Periodika im Königlichen Preußen nach, wo sich das periodische Pressewesen viel früher und dynamischer entwickelte als in den anderen Gebieten des polnisch-litauischen Staates. Die Verwendung des Deutschen in den in Thorn, Danzig oder Marienburg veröffentlichten Zeitschriften und Zeitungen sowie ihre Orientierung an deutschen Pressemustern können dazu verleiten, sie gleichsam als Teil des deutschen Pressemarktes zu verstehen und folglich die Möglichkeiten ihrer Erfassung und Erforschung ausschließlich im Kontext der deutschen Kultur und Geschichte zu betrachten. Diese verengende Auffassung scheint der widersprüchlichen Rezeption der königlich-preußischen Periodika in der polnischen Pressehistoriographie des 19., 20. und selbst des 21. Jahrhunderts zugrunde zu liegen. Obwohl Zeitschriften und Zeitungen aus dem Königlichen Preußen ca. 30 Prozent der gesamten Presseproduktion Polen-Litauens im 17. und 18. Jahrhundert ausmachen, werden sie in vielen synthetischen (darunter bibliographischen oder enzyklopädischen) Bearbeitungen der polnischen Pressegeschichte marginalisiert oder vollständig übergangen. Ein weiterer Grund dafür, dass sich viele polnische Pressehistoriker nur zögerlich der deutschsprachigen Zeitungen und Zeitschriften aus dem Königlichen Preußen annehmen, mag in der relativ schwachen Erforschung dieser Periodikagruppe liegen. Sieht man von einigen bekannteren Titeln ab, die immer wieder die Aufmerksamkeit von Germanisten und Historikern auf sich ziehen, so kann die Mehrzahl der königlich-preußischen Periodika als Forschungsdesiderate gelten.
Die folgende Analyse einer für den Pressemarkt des Königlichen Preußen in vielfacher Hinsicht exemplarischen Zeitschrift stellt in diesem Zusammenhang einen Versuch dar, der ambivalenten Rezeption der Presse aus dieser Region entgegenzuwirken und folglich auch bestimmte Prämissen für die Erforschung des königlich-preußischen Pressewesens nahezulegen. Die hier angestrebte Annäherung an die Thornischen Nachrichten von gelehrten Sachen fasst den königlich-preußischen Pressemarkt als eigene, spezifische Presselandschaft mit ihren besonderen, historisch und geopolitisch bedingten Voraussetzungen zur Produktion und Rezeption periodischer Schriften auf. Im Fokus der Untersuchung steht somit der besondere regionale und regionalgeschichtliche Kontext. Was dabei eine zentrale Rolle spielt, ist die für die Konzepte und Inhalte sowie die Rezeption der Periodika maßgebliche Lage dieser Region an der Schnittstelle zweier geographisch nicht weit voneinander entfernten, jedoch unterschiedlich funktionierenden Kommunikationsräumen, dem deutschen und dem polnischen, sowie die sich daraus ergebende Austausch- und Mittlerfunktion der königlich-preußischen Presse zwischen unterschiedlichen kulturellen Einflusssphären.
Der zweite Teil der Arbeit liefert eine allgemeine Charakteristik der Thornischen Nachrichten von gelehrten Sachen einschließlich Informationen zu Druck, Distribution, Erscheinungsmodalitäten, Auflagen, Preisen und zum Wirkungsbereich. Eingegangen wird hier einerseits auf ihren polyhistorischen, diverse Wissensgebiete (u. a. Geschichte, Theologie, Jurisprudenz, Philosophie, Naturwissenschaften, Literatur und Literaturgeschichte) umfassenden Charakter, der dem um die Mitte des 18. Jahrhunderts immer noch aktuellen zeitgenössischen Konzept universeller Gelehrsamkeit entsprach. Andererseits wird hier auch die mit der inhaltlichen Diversität der Beiträge korrespondierende Gattungsvielfalt der rezensierten Texte thematisiert. In diesen Teil der Studie fand auch die Besprechung gelehrter, meistens auf regionale Bildungsinstitutionen (wie etwa die akademischen Gymnasien oder die Danziger Naturforschende Gesellschaft) bezogener Mitteilungen Eingang sowie die Identifikation und Darstellung der Herausgeber und Mitarbeiter der Thornischen Nachrichten von gelehrten Sachen, insbesondere im Kontext ihrer Funktion als Träger des regionalen Kulturtransfers, die sich nicht zuletzt eben in der Etablierung periodischer Schriften manifestierte.
Im dritten, zentralen Teil der Studie wird der in den Thornischen Nachrichten von gelehrten Sachen stattfindende Transfer von Ideen und Informationen im preußisch-polnischen Raum detailliert nachvollzogen. Dies ermöglicht zunächst die Rekonstruktion der im Journal präsenten Auffassungen der regionalen preußischen Identität und in der Folge ihre Konfrontation mit den bisher erforschten Konzepten königlich-preußischen Landesbewusstseins. Von entscheidender Bedeutung ist dabei, dass das in den Thornischen Nachrichten von gelehrten Sachen präsente regionale Selbstverständnis von zwei Hauptelementen geprägt wurde: Zum einen war es die Wahrnehmung der beiden Teile Preußens (des Königlichen Preußen und des ehemaligen Herzogtums Preußen) als eines zusammengehörigen Raums im historischen wie kulturellen Sinne, und zwar unabhängig von der politischen, administrativen und wirtschaftlichen Entfremdung dieser beiden preußischen Gebiete, die bereits ab dem 17. Jahrhundert im Gange war. Zum anderen ging dieses preußische Einheitsbewusstsein mit dem Gefühl der Verbundenheit mit der polnisch-litauischen Adelsrepublik und dem sich daraus ergebenden Bedürfnis nach Schaffung eines gemeinsamen polnisch-preußischen Kommunikationsraumes einher, was seinen Niederschlag auch in der statistischen Erfassung der rezensierten Schriften fand.
Der im Thorner Journal gerne artikulierten oder gar postulierten Vorstellung von der kulturellen Homogenität der beiden Teile Preußens und der parallel dazu hervorgehobenen Zusammengehörigkeit mit Polen trägt die Grundstruktur des analytischen Teils der Arbeit Rechnung, und zwar in der Einteilung der untersuchten Rezensionsbeiträge in diejenigen aus Preußen (d. i. aus dem Königlichen Preußen und dem ehemaligen Herzogtum Preußen) und aus Polen-Litauen (gemeint sind hier alle außerhalb des Königlichen Preußen liegenden Gebiete der polnischen Krone). Für die Konstituierung der Unterkategorien waren, je nach dem Charakter der einzelnen Rezensionsgruppen, konkrete Autoren (wie etwa Kant oder Lengnich) bzw. diverse Gattungszuschreibungen (Publizistik, schöngeistige Literatur, Zeitschriften) maßgebend. Eine Ausnahme hiervon bilden die Besprechungen von Veröffentlichungen zur Elektion von Stanisław August Poniatowski, die aufgrund ihrer Vielzahl, Vielfalt und unterschiedlicher Provenienz als getrennte Kategorie erfasst wurden.
Im Fokus des letzten, vierten Teils der Studie steht der mit der Etablierung der Thornischen Nachrichten von gelehrten Sachen erfolgte Transfer der Gattung Rezensionszeitschrift, eines im 18. Jahrhunderts ungemein erfolgreichen Pressetypus von genuin aufklärerischem Charakter, dem man heute eine Schlüsselrolle im Wissens- und Kulturaustausch zuschreibt. Da es sich um eine bis dahin auf dem Gebiet Polen-Litauens unbekannte Gattung handelte, orientierte sich das editorische Programm des Thorner Blattes weitgehend am Muster der gelehrten Journale aus Deutschland, für die wiederum lange Zeit der französische Prototyp des Genres Journal des Sçavans aus dem Jahre 1665 eine Vorbildfunktion einnahm. Aus der Anlehnung an deutsche Vorbilder resultierte zudem das breite Spektrum der Thorner Rezensionsbeiträge, die von einfachen Exzerpten über Kommentare bis hin zu kritischen Stellungnahmen (die um die Mitte des 18. Jahrhunderts als Anzeichen modernen Rezensierens galten) reichten. In diesem Teil der Arbeit ließen sich auch die von der Thorner Redaktion angewandten Maßstäbe ihrer kritischen Vorgehensweise rekonstruieren, und zwar anhand von Äußerungen metareferenziellen Charakters, die sich verstreut insbesondere in Rezensionen anderer Rezensionsorgane fanden.
Die vorliegende Arbeit greift in unterschiedlicher Form auf Inhalte von fünf kurzen Beiträgen von mir aus den Jahren 2012–2019 zurück. Ich habe sie in meist stark umgearbeiteter bzw. erweiterter Fassung in den Text einfließen lassen (und es jeweils auch explizit vermerkt), weil sie zentralen Aspekten der Thornischen Nachrichten von gelehrten Sachen gewidmet sind und bisher, verstreut in diversen Sammelbänden und Zeitschriften, kaum eine Chance hatten, angemessen, d. i. im ganzheitlichen Kontext, rezipiert zu werden.
Die Originalschreibweise der älteren polnischen und deutschen Texte (in Titeln und Zitaten) ist in der Arbeit grundsätzlich nicht modernisiert worden. Beibehalten (und nicht gesondert gekennzeichnet) wurden auch die von heutigem Sprachgebrauch abweichenden grammatischen Formen bzw. Fehler (in Flexion, Syntax, Orthographie) sowie lexikalische Eigentümlichkeiten. Eine Ausnahme in dieser Hinsicht stellt die Vereinheitlichung und Anpassung der Groß- und Kleinschreibung, insbesondere in polnischen Texten, an aktuelle Normen dar. Die polnischen Titel und Zitate wurden jeweils in ihrer Originalfassung und in deutscher Übersetzung angegeben. Wenn nicht anders angemerkt, stammen die Übersetzungen von mir.
Katarzyna Chlewicka