Der Streit um die interkonfessionellen Christlichen Gewerkschaften zu Beginn des 20. Jahrhunderts zählt zu den wichtigsten Wegmarken in der Geschichte des deutschen Katholizismus in der Moderne und seine langfristige Prägung im europäischen Kontext. Im Gegensatz zu Italien und Frankreich, wo durch die Interventionen von Papst Pius X. bzw. der römischen Kurie zumindest zeitweise ein eher integralistisches Konzept der gesellschaftlichen Tätigkeit katholischer Laien befördert wurde, blieb den deutschen Katholiken durch die päpstliche Rücksichtnahme auf die spezielle konfessionelle und politische Situation im Deutschen Reich ein viel weiterer Spielraum für eigenständiges Handeln, gewissermaßen eine relative Autonomie erhalten. In Italien löste Pius X. im Jahr 1904 die »Opera dei Congressi«, den Dachverband der katholischen Laienvereinigungen, auf – zu Gunsten einer Neuorganisation unter hierarchischer Kontrolle im Sinne der katholischen Aktion. In Frankreich ergriff der Papst im Jahr 1910 mit seinem apostolischen Brief »Notre charge apostolique« eine ähnliche Maßnahme gegen die christdemokratische Bewegung »Le Sillon« unter Leitung des Laien Marc Sangnier, deren nationale Organisation zerschlagen wurde. Im Hintergrund standen mehrere Faktoren: die Polarisierung im französischen Episkopat und im ganzen französischen Katholizismus, verstärkt durch die Trennung von Staat und Kirche im Jahr 1905. Zudem wirkte in Rom ein Netzwerk integralistischer französischer Theologen auf die Kurie ein, die klar diese Tendenz begünstigte. Eine französische Bischofskonferenz oder einen Nuntius als vermittelnde Ebenen gab es nicht.
Es ist das große Verdienst der Arbeit von Francesco Tacchi, dass nun erstmals umfassend auf der Basis der vatikanischen Quellen die Hintergründe der Entstehung der Enzyklika »Singulari quadam« von 1912 rekonstruiert werden können. Deutlich treten dabei die Unterschiede vor allem zum Umgang der Kurie mit Frankreich zutage: Obwohl auch von Deutschland aus integralistische Kreise auf die Kurie einwirkten und dort Sympathie fanden, legte man sich in diesem Falle Zurückhaltung auf und sah vor allem die Bischöfe vor Ort in der Pflicht. Zwar war sich der deutsche Episkopat in der Frage der Christlichen Gewerkschaften nicht ganz einig – ein prominenter Gegner der Gewerkschaften war Kardinal Kopp, der Vorsitzende der Fuldaer Bischofskonferenz –, doch gab es eine Bemühung um eine einheitliche Haltung. Mäßigend wirkte weiterhin Nuntius Andreas Frühwirth, der immer mehr Sympathien für die Christlichen Gewerkschaften entwickelt hatte. In Rom legte man Wert auf die Haltung des ganzen deutschen Episkopats, der sich in seiner übergroßen Mehrheit gegen ein Verbot der Christlichen Gewerkschaften aussprach. Auch wenn in der von Eugenio Pacelli redigierten Enzyklika die grundsätzliche Präferenz von Papst und Kurie für eine konfessionelle und hierarchisch geleitete Laientätigkeit deutlich wurde, erlaubte »Singulari quadam« doch die Erhaltung des status quo. Für Pacelli wie auch für andere wichtige kirchliche Akteure wie den späteren Kardinal Bertram war die Kontroverse im Vorfeld von »Singulari quadam« wohl ein Schlüsselerlebnis. Mit Klaus Unterburger kann man wohl festhalten, dass ein gewisser Anti-Integralismus prägend für den mainstream des deutschen Katholizismus wurde, was sich sowohl im Ersten Weltkrieg als auch in der Weimarer Republik und vielleicht auch darüber hinaus auswirkte.
Der vorliegende Band von Francesco Tacchi ist eine Frucht des DFG-Projekts »Die römische Kurie und der deutsche ›Integralismusstreit‹ im europäischen Kontext«, das in einer Kooperation der Johannes Gutenberg-Universität Mainz mit der Universität Ca’ Foscari in Venedig (Prof. Dr. Giovanni Vian) von 2018–2020 durchgeführt wurde. Francesco Tacchi hat mit seiner hohen historischen Kompetenz sowohl für den italienischen als auch für den deutschen Kontext (vgl. seine Monografie »Katholischer Antisozialismus. Ein Vergleich zwischen Deutschland und Italien zur Zeit Pius’ X. 1903–1914«, Paderborn 2021) zunächst die Archivrecherchen und dann die Editionsarbeit zielstrebig vorangetrieben und so ein wichtiges Kapitel der Geschichte des deutschen Katholizismus und zugleich des Pontifikates von Pius X. abschließend erhellt.
Mainz, im Juli 2021
Claus Arnold