


Lateinamerika und die vier Fallbeispiele Rincón del Bonete, Temascal, Guri und Tucuruí
Fragestellung
Ab den 1960er Jahren avancierte Lateinamerika zu einem besonders wichtigen Hotspot des globalen Staudammbaus. Viele Länder der Region bildeten Wissenszentren aus, also meist in den jeweiligen Hauptstädten konzentrierte und staatlich geförderte Knotenpunkte aus nationalen Behörden, Firmen und Technikern, die technologisches Wissen produzierten und eine Vielzahl von Talsperren1 implementierten. Darunter waren besonders große Projekte und mit Itaipu (Brasilien/Paraguay), Guri (Venezuela) und Tucuruí (Brasilien) drei der fünf größten Wasserkraftwerke der Welt. 2007 verfügte der Kontinent über mehr als 20% der global installierten Wasserenergiekapazität und damit über einen überdurchschnittlich starken Wasserkraftsektor.2 Die lateinamerikanische Geschichte des Staudammbaus begann in der Frühphase dieser Technologie, sodass bis 1949 bereits 350 große Talsperren mit einer Höhe von mindestens 15 Metern gebaut wurden. In den 1960er Jahren entstanden 352, in den 1970er Jahren 362 große Dämme.3 Fast alle diese Talsperren wurden als staatliche Projekte und mit Hilfe nationaler Technikereliten und Wissenszentren umgesetzt. Der lateinamerikanische Wasserbauboom erstaunt insofern, als Staudämme zunächst klassische Infrastrukturen der westlichen Moderne waren und ab den 1920er Jahren von Experten und Firmen des globalen Nordens und später im Kalten Krieg auch vom sogenannten Ostblock weltweit exportiert wurden. Wie konnte Lateinamerika als Weltregion des globalen Südens4 diese epistemologischen Machtverhältnisse durchbrechen und sich mit selbstständigen Wissenszentren etablieren? Und wie umfassend war diese Emanzipation?
Talsperren gehören zu den zentralen Infrastrukturen der Menschheit. Bereits in der Frühgeschichte begannen Menschen damit, Flüsse aufzustauen, um Wasser zu speichern, Land zu bewässern und die Kraft des Wassers zu nutzen. Mit der Erfindung von Stahlbeton und Elektrizität in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erlangten Talsperren eine immer größere Bedeutung. Nun ermöglichten sie die Produktion von Energie und waren aufgrund ihrer Größe im Stande, Flussregime durchgreifend zu verändern sowie Hochwasserschutz und Flussschifffahrt zu gewährleisten. Als Wasserspender und Energieproduzenten erhielten sie regionale und schnell auch überregionale Bedeutung und bildeten eine wichtige Grundlage für die Formierung industrialisierter Gesellschaften, technischer Eliten und nationalstaatlicher Bürokratien.
Seit dem frühen 20. Jahrhundert globalisierte sich der Staudammbau: Das Wissen um die Errichtung von Talsperren und Wasserkraftwerken erlangte weltweite politische Bedeutung, und Wasserbauexperten und Wasserbaufirmen, meist aus dem globalen Norden, traten auf allen Kontinenten in Erscheinung. Nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die 1980er Jahre hinein erlebten Talsperren eine regelrechte Blütezeit, und im Kontext des Kalten Kriegs wurden sie wichtige Infrastrukturen für technologiebasierte Entwicklungspolitik. Gerade im globalen Süden avancierten sie zu verheißungsvollen und zugleich umstrittenen Projekten, an denen sich wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Hoffnungen und Probleme wie Umweltzerstörung, Zwangsumsiedlungen und Verschuldung verdichteten.
Während in den von Europa kolonisierten Gebieten in Afrika und Asien westliche Wasserbauakteure ihre Ideen direkt umzusetzen versuchten, sahen sie sich in den unabhängigen Nationen Lateinamerikas und Asiens mit technischen Eliten konfrontiert, die ihrerseits mit der Implementierung von Staudammprojekten begannen. Obgleich der Aufbau von lateinamerikanischen Wasserbauzentren vor allem für die größeren und wirtschaftskräftigen Länder wie Brasilien, Mexiko, Argentinien, Chile, Peru, Kolumbien, Venezuela und Uruguay gilt und kleinere oder ärmere Länder wie Bolivien, Paraguay, Ecuador, die Guayanas und die mittelamerikanischen Staaten im Wasserbausektor weniger aktiv wurden, rechtfertigt die gemeinsame historische Erfahrung, im Folgenden von Lateinamerika zu sprechen, ohne dabei Unterschiede auszublenden. Die meisten Staaten wurden Anfang des 19. Jahrhunderts unabhängig und teilten das koloniale Erbe, das ähnliche wirtschaftliche und gesellschaftliche Probleme zur Folge hatte wie eine Primärgüterexportabhängigkeit und eine soziale Stratifizierung zugunsten europäisch-stämmiger Großgrundbesitzereliten. Dies begünstigte globale Machtdynamiken, welche Ländern des globalen Nordens zu Einfluss in der Region verhalfen, etwa in Form von Handelspolitik und Investitionen. Gleichzeitig entstanden im 19. Jahrhundert staatliche Verwaltungsbehörden, Universitäten und Wissenschaftsinstitutionen. Als um 1900 europäische und asiatische Einwanderung zu einer Ausdifferenzierung der Gesellschaften, zur Entstehung von Mittelschichten und zur beginnenden Urbanisierung beitrug, waren Grundlagen gelegt, die die Implementierung von Staudämmen und Wasserkraft für Elektrifizierung und Industrialisierungsbemühungen begünstigten. Bald wurden staatliche Planungsbehörden und Energieversorger für den Talsperrenbau eingerichtet, in denen sich nationale Ingenieursgemeinschaften konstituierten. Somit trug der Staudammbau zur Verfestigung von staatlichen Institutionen und Technikereliten bei. Aufgrund der sprachlichen Gemeinsamkeit erfolgten bald auch weitreichende innerkontinentale technologische Austauschbeziehungen.
Warum erwies sich gerade der Wasserbau als Domäne von Handlungsmacht für lateinamerikanische Akteure? Konnte das für den Talsperrenbau erforderliche technologische Wissen besonders leicht angeeignet werden, und womit hing dies zusammen? Wie kam es zum Aufbau der jeweiligen Wissenszentren, welche Akteure und Institutionen waren daran beteiligt, wie erfolgte der Bau von Talsperren in der Praxis, welche ökonomische und gesellschaftliche Funktion wurde ihnen beigemessen und welche Wissensbestände wurden in Lateinamerika produziert? Welche Rolle spielte Wissenstransfer aus dem und Abhängigkeit vom globalen Norden, wo in den 1880er Jahren die ersten Wasserkraftwerke entstanden und wo die meisten Experten, Firmen und Geldgeber ansässig waren? Gab es Nord-Süd-Konflikte um die technologische und politische Deutungshoheit von Wasserinfrastrukturen? Überwogen globale Kooperationen und Verflechtungen oder nationale Positionen und Abgrenzungen? Und welche weiteren Faktoren wirkten auf den Staudammbau ein, etwa Naturgewalten wie Flüsse oder Widerstand aus der Zivilgesellschaft? Kurzum: Welche Rolle spielte die Herausbildung der lateinamerikanischen Wasserbauzentren für den globalen Staudammbau im 20. Jahrhunderts, und was sagt das über die globale Proliferation von Technologien aus?
Forschungsstand
Wer Antworten auf diese Fragen in der Forschungsliteratur sucht, wird nur teilweise fündig, vor allem bei der Diskussion über den Transfer und die Zirkulation von Wissenschaft und Technologie. Bevor diese Debatte näher vorgestellt wird, sei zunächst kurz der größere Forschungskontext der Geschichte von Talsperren umrissen: die Infrastrukturgeschichte.5 Dabei handelt es sich nicht um ein klar definiertes Forschungsfeld oder gar eine Schule, sondern um einen losen Forschungszusammenhang, der die Komplexität des Untersuchungsgegenstands widerspiegelt. Bereits die unterschiedlichen Definitionen, was eigentlich eine Infrastruktur sei, verdeutlichen die Offenheit des Felds.6 Ob man wie der deutsche Historiker Dirk van Laak Infrastrukturen als „Einrichtungen der Versorgung und Entsorgung, der Kommunikation und des Verkehrs“ begreift, „die unsere Gesellschaft ökonomisch, sozial, kulturell oder medial miteinander vernetzen“,7 sie mit dem US-amerikanischen Historiker Paul N. Edwards als „systems without which contemporary societies cannot function“8 beschreibt oder der Infrastrukturforschungsgruppe um Penny Harvey, Casper Bruun Jensen und Atsuro Morita folgt und sie als „extended material assemblages that generate effects and structure social relations“9 versteht – im Mittelpunkt steht bei all diesen Begriffsbestimmungen ihr materiell zusammengesetzter und funktionaler Charakter, der für menschliche Gesellschaften zentral ist.
Van Laak hat Infrastrukturen darüber hinaus als „Querschnittsthema par excellence“ bezeichnet, was für Staudämme in besonderem Maße zutrifft.10 Sie sind komplexe technologische Artefakte, die bei ihrem Bau und Betrieb unzählige Akteure, Institutionen, Wissensbestände, Ideen, Maschinen, Materialien und nicht zuletzt Flüsse miteinander verbinden. Um nur drei Beispiele zu nennen: Ingenieure, die Talsperren errichten, arbeiten in staatlichen Energieversorgern oder Baufirmen, sind in Ingenieursverbänden organisiert, haben eine universitäre hydrologische oder bautechnische Ausbildung absolviert, produzieren Wissen anhand von Messungen und in Form von Tabellen und Graphiken und arbeiten mit Turbinen, Beton und Wasser. Planungsbehörden, die Wasserkraftwerke in größere Entwicklungsprogramme einpassen, stellen Ökonominnen und Ökonomen an, lassen Industrialisierungspläne ausarbeiten, werben Kredite bei Banken ein und geben Berichte in Auftrag, die von Entwicklungsdenken oder nationalistischen Zielvorgaben geprägt sein können. Und auch von einem Stausee gefluteter Wald kann Teil des Staudamm-Komplexes sein, Treibhausgase freisetzen, Umweltschutzaktivisten oder Ökologinnen auf den Plan rufen, NGOs beschäftigen, Demonstrationen herbeiführen und globale Diskurse in Gang setzen. Infrastrukturen berühren damit solch unterschiedliche Themen wie Technologie, Wissenschaft, Expertentum, Bildung, Wirtschaft, Umwelt, Menschenrechte, Nationalismus, Globalisierung und zivilgesellschaftlichen Widerstand.
Wie ihr Untersuchungsgegenstand ist die Infrastrukturgeschichte komplex, da sie als Querschnittsperspektive eine Reihe von Forschungssträngen miteinander verbindet. Sie kann als Technologie- und Wissenschaftsgeschichte erzählt werden, die Wissensbestände, Technik und Experten untersucht. Sie kann Wirtschaftsgeschichte sein, die die Rolle von Infrastrukturen für Entwicklungspolitik und Industrialisierung nachvollzieht. Sie kann politikgeschichtlich beleuchtet werden, wenn die Rolle von Infrastruktur für Nationenbildung, internationale Beziehungen und allgemein die Herausbildung, Ausübung und Aushandlung von Macht im Mittelpunkt steht, etwa anhand des Kolonialismus oder des Kalten Kriegs. Ebenso kommt Infrastrukturgeschichte alltags- und sozialgeschichtlich daher, indem sie soziale Disziplinierung, Nutzung, Alltagspraktiken und gesellschaftliche Veränderungen in den Blick nimmt. Sie kann aber auch Umweltgeschichte sein, wenn sie die wechselseitige Interaktion von Infrastrukturen mit der Natur und ihre Veränderungskraft zeigt, die eine der Haupttriebfedern des Anthropozäns war und ist. Und auch Globalgeschichte ist ein verwandtes Forschungsfeld, da Infrastrukturen standardisiert und weltweit implementiert wurden, wofür global agierende Experten, Firmen und Geldgeber verantwortlich zeichneten.
Neben dieser Perspektivenvielfalt ist Infrastrukturgeschichte auch deswegen schwer zu fassen, weil sie interdisziplinäre Einflüsse aufweist. Infrastrukturforschung ist in Nachbardisziplinen wie der Geographie, der Anthropologie und den Science and Technology Studies (STS) viel stärker verankert als in der Geschichtswissenschaft, und wichtige Debattenimpulse kommen aus der angelsächsischen Forschung.11 Analog zu den STS untersucht die Infrastrukturforschung das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Technologie (technoscience), Politik und Technologie (technopolitics) und Umwelt und Technologie (envirotech).12 Eine zentrale Debatte berührt die gesellschaftliche Einbettung, die politische Rolle und die Macht von Infrastrukturen und fragt danach, ob Infrastrukturen unsichtbar im Hintergrund arbeiten und ihre Macht verschleiern oder vielmehr sichtbar sind, weil sie entweder als Spektakel inszeniert werden oder kaputt gehen und Macht in ihrer Desfunktionalität ausüben.13 Hier schließen sich Diskussionen über ihre Alltagserfahrbarkeit und Nutzung sowie über ihre Reparatur und Wartung an, die durch ein Interesse an Materialität und der Akteur-Netzwerk-Theorie geprägt sind.14 Daneben werden Infrastrukturen als Grundbedingung der Moderne beschrieben, was an ihrer verdichtenden und beschleunigenden Wirkung auf Raum und Zeit, ihrer transformativen Kraft auf die Umwelt und ihrer symbolischen Dimension festgemacht wird.15 Dabei haben Historikerinnen und Historiker unter Rückgriff auf Thomas Hughes von large technical systems (LTS) gesprochen, also der Vernetzung einzelner Infrastrukturen zu nationalen und kontinentalen Systemen.16
Um die Rolle Lateinamerikas im Staudammbau zu bestimmen, sind vor allem die Reflexionen zu Transfer, Diffusion und Zirkulation von Wissen, Wissenschaft und Technologie von Relevanz, die in der Wissenschafts-, Infrastruktur- und Technologiegeschichte und den oben genannten verwandten Forschungssträngen zurzeit ausführliche Beachtung erfahren. Bis in die 1980er Jahre hinein herrschte das von der Modernisierungstheorie geprägte Narrativ vor, dass Wissenschaft und Technologie konstitutiv für die westliche Moderne seien und daher dort ihren Ursprung gehabt hätten. Ihre Ausbreitung über den Globus wurde dementsprechend als eurozentrische Transfer- und Diffusionsgeschichte erzählt. Arbeiten wie die von Daniel Headrick vertraten diese Sichtweise und begründeten den gescheiterten Transfer mit der fehlenden kulturellen Aneignung durch den globalen Süden.17 Die ab den 1980er Jahren aufkommenden Postcolonial Studies kritisierten solch diffusionistische Erzählungen als Bestandteile von Kolonialdiskursen, die die Superiorität des Westens stabilisieren würden.18 Wissenschaft und Technologie wurden nun als Teil kolonialer Machtbeziehungen gesehen. Michael Adas steht für diesen kritischen Ansatz, der allerdings die Macht und Herkunft westlicher Technologien implizit anerkennt.19
Die seit den 2000er Jahren an Einfluss gewinnende Globalgeschichte mit ihrem Fokus auf Verflechtungen, Zirkulation und Interaktionen stellt diesen dichotomen Sichtweisen eine stärkere Ausdifferenzierung entgegen und vollzieht den Einfluss des globalen Südens auf Globalisierungsprozesse nach.20 Auf diese Weise wird die Dominanz des globalen Nordens in historischen Narrativen gedämpft, ohne dabei freilich Machtverhältnisse auszublenden. Globalgeschichtliche und postkoloniale Ansätze haben seit etwa 2010 auch in der Technologie-, Wissenschafts- und Infrastrukturgeschichte zu einem Paradigmenwechsel geführt.21 Die Vorstellung, dass es einen unidirektionalen Transfer aus Europa und den USA in den globalen Süden gegeben habe, wird mittlerweile von der Annahme abgelöst, dass Wissenschaft und Technologien zirkulieren und sich netzwerkartig verbreiten.22 Dadurch werden dichotome Erklärungsmodelle wie Zentrum-Peripherie und Westen-Nichtwesten in Frage gestellt und stattdessen lokale Produktionskontexte von Wissenschaft und Technologie fokussiert. Hierbei wird dem Beitrag nichtwestlicher Akteure eine wichtige Rolle zugestanden. Um die Herstellung von technoscience konkret fassbar zu machen und abstrakte Zirkulationsprozesse wieder auf die Akteursebene zurückzubinden, hat John Krige unter Bezugnahme auf die Akteur-Netzwerk-Theorie jüngst vorgeschlagen, die Wissensproduktion als „social accomplishment“ der beteiligten Akteure zu begreifen.23 Diese Anregung nimmt die Forderung von Warwick Anderson und Vincanne Adams auf, Orte, Machtbeziehungen und Austauschprozesse zu pluralisieren, die für die Produktion von technoscience relevant sind.24
Einen Schwerpunkt für einen solchen Ansatz bilden Studien zu technoscience im kolonialen Kontext, in denen Aushandlungsprozesse, Interaktionen mithilfe von Vermittlern (go-betweens) und indigenes Wissen offengelegt werden.25 Außerdem wird verstärkt der Kalte Krieg als Arena für den Austausch von Wissenschaft und Technologie untersucht, was zentral für die Konstituierung neuer postkolonialer Nationalstaaten und für die Blockkonkurrenz war. Gabrielle Hecht hat in diesem Zusammenhang den Begriff technopolitics geltend gemacht, um die Relevanz von Technologie für die Durchsetzung politischer Ziele zu beschreiben.26 Schwingt hier noch die Vorstellung mit, dass die Supermächte Technologie machtvoll einsetzen konnten, betonen andere Studien die „importance of local context and individual agency“ und damit die Komplexität der Wissensproduktion im Kalten Krieg.27 Der Wandel von der Interpretation machtvoller kolonialer und westlicher Wissensbestände hin zu komplexen Aushandlungsvorgängen hat sich in den letzten Jahren auch explizit in der Infrastrukturgeschichte niedergeschlagen, wie Ute Hasenöhrl 2019 in einem ausführlichen Artikel dargelegt hat.28
Die Wissenschafts- und Technologiegeschichte zu Lateinamerika hat diese Trends im Wesentlichen aufgenommen.29 Bis in die frühen 1990er Jahre war die von der Dependenztheorie inspirierte Vorstellung einflussreich, dass die lateinamerikanische Wissenschaft peripher und vom globalen Norden abhängig sei30 und dass die Region technologisch rückständig und daher auf Wissenstransfers angewiesen sei.31 Seit den 1990er Jahren werden stärker eigene Wissenstraditionen erforscht32 und seit einigen Jahren auch globalgeschichtliche Verflechtungsansätze, Wissenszirkulation, Aneignungen und lokale Wissensbestände thematisiert.33 Neue Arbeiten der Technologiegeschichte, etwa von Eden Medina, fragen danach, „how scientific ideas and technologies are created, move, change, and adapt“.34
Ein Versuch, Handlungsmacht des globalen Südens und Wissensvielfalt stärker zu berücksichtigen, erfolgte über den Begriff creole. Stuart McCook hat für Lateinamerika vorgeschlagen, von „creole science“ zu sprechen, die sich im 19. Jahrhundert herausgebildet habe. Damit sind naturwissenschaftliche Vorgehensweisen gemeint, welche Lateinamerikaner mittels internationaler Kooperation angeeignet und an den lokalen Kontext angepasst hätten. Dadurch sei „something distinctively Latin American“ entstanden.35 David Edgerton führte das davon leicht abweichende Konzept der „Creole technology“ ein, mit dem er „local derivatives of something originally from elsewhere“ bezeichnete, das „earthy, local, genuine, vulgar, popular“ sei.36 So hilfreich Kreolisierungskonzepte im Einzelnen sein mögen, helfen sie im Gegensatz zu Interaktionsperspektiven für die Staudammtechnologie nicht weiter, da lateinamerikanisches Wasserbauwissen weder subaltern noch derart lokal war, dass es sich vom global zirkulierenden Wissen abgekoppelt hätte.
Die stärkere Berücksichtigung von Austauschprozessen und alternativer Handlungsmacht, wie sie in den STS zu beobachten ist, hat auch die Geschichte der Sozialwissenschaften und Entwicklungspolitik erfasst, zwei Bereiche, die traditionell umfassend die Rolle von Infrastrukturen für gesellschaftlichen Wandel und wirtschaftliches Wachstum diskutieren. Interpretierte die Historiographie Entwicklungspolitik und social engineering zunächst als machtvolle Einflussinstrumente des West- und Ostblocks im Kalten Krieg,37 haben jüngere Studien auf die Heterogenität und lokalen Aushandlungsprozesse in diesen Bereichen aufmerksam gemacht.38 In diesem Zusammenhang hat sich James Scotts wirkmächtige These vom high modernism als zu pauschal erwiesen.39 Scott argumentierte, dass vor allem Staaten des globalen Südens im Kalten Krieg einseitig auf den Erfolg von Bürokratie, Planung und technoscience gesetzt hätten, was aufgrund schematischer Wissensbestände zu einem katastrophalen Scheitern der dortigen Entwicklungspolitik geführt habe. Diese Modernisierungskritik ermöglichte zwar ein besseres Verständnis der Logiken bürokratischer Planungspolitik, erfuhr jedoch auch Widerspruch, da sie Modernisierungsprojekte zu einseitig als misslungen und autoritär beschrieb, ohne auf Erfolge, Aushandlungen oder Widerstand einzugehen. Aufgrund dieser Unwucht gewann Frederick Coopers Interpretation von Entwicklungspolitik an Gewicht, der sie als ein vielfältiges und nicht immer a priori gescheitertes Unternehmen begriff, das Spielräume für Aneignung und Widerstand eröffne.40 Eine solche Herangehensweise ermöglicht besser als Scotts Pauschalkritik eine multiperspektivische Beschreibung staatlicher Bürokratien und Entwicklungshilfe-Institutionen. Dass viele Regierungen des globalen Südens Planung als wichtiges Instrument von Entwicklungspolitik einsetzten und eigenständig interpretierten, ist in der Planungsgeschichte noch nicht umfassend untersucht worden, wie Valeska Huber festgestellt hat.41
Die Neubewertung von globalen Machtverhältnissen lässt sich schließlich auch für die Geschichte der Beziehungen zwischen Lateinamerika und den USA und des Kalten Kriegs insgesamt beobachten. Während lange die Hegemonie der Vereinigten Staaten in der westlichen Hemisphäre und die Zentralität des Blockgegensatzes für den Kalten Krieg als gesichert galten,42 stellen neuere Publikationen die Handlungsmacht lateinamerikanischer Akteure und die Aushandlungsprozesse in den Vordergrund, die die Beziehungen zum nördlichen Nachbarn geprägt hätten.43 Für den Kalten Krieg in Lateinamerika gewinnen Interpretationen an Bedeutung, die an Odd Arne Westads Forderung anschließen, den Kalten Krieg als globales Ereignis zu begreifen und stärker als bislang die Rolle des globalen Südens in diesem Konflikt zu betrachten, auch unter Einbeziehung von sozialen Bewegungen.44
Die Geschichte des Staudammbaus hingegen hat Wissensaustausch und globale Interaktionen bisher nur eingeschränkt diskutiert und weist zudem eine Verkürzung bezüglich der behandelten Themenfelder auf. Während sich ein Forschungsbereich für die technischen Errungenschaften der westlichen Wasserbauzentren und vor allem der USA interessiert und hier auch zunehmend sozialgeschichtlich arbeitet,45 hat die Staudammforschung seit den 1990er Jahren mehrheitlich eine kritische Perspektive eingenommen. Dabei lassen sich zwei Denkrichtungen beobachten: Erstens gibt es Studien, die auf Karl Wittfogel, Donald Worster und James Scott aufbauen und die technokratischen Wasserbaueliten, ihre Diskurse und ihre modernisierungstrunkenen Großprojekte analysieren, die oft die in sie gesetzten Erwartungen enttäuscht hätten.46 Wittfogel führte für die Wasserbaugesellschaften des Orients das Konzept der „hydraulic society“ ein und sah Wasserbau als Machtfaktor.47 Worster brachte diese Interpretation dann für die hydrologische Erschließung der US-amerikanischen Westküste in Anschlag.48 Diese wichtige kritische Lesart von Hydrokratien hat Arbeiten zur Sowjetunion und zum Ostblock,49 zu Westeuropa,50 zu Asien51 und vor allem zu Afrika hervorgebracht.52
Zweitens hat sich ein eng an die nationalstaats- und elitenkritischen Studien anschließendes und teilweise mit ihnen überlappendes Feld etabliert, das ebenfalls von Worsters Monographie Rivers of Empire inspiriert ist und die Folgen des Staudammbaus für die Umwelt und die lokale Bevölkerung kritisch aufarbeitet.53 Die Übergänge zu politischem Aktivismus gegen Staudämme sind mitunter fließend.54 Neben beißender Kritik an verschiedenen Formen von Umweltzerstörung55 und Studien zur Antidammbewegung56 gibt es jedoch auch Beiträge, die die umwelttransformierende Komplexität von Talsperren analytisch dicht darstellen, darunter Sarah Pritchards Buch zur Rhône.57 Außerdem existiert eine lebendige Forschung zu von Dämmen betroffenen Anrainern und ihrem Widerstand.58 Regionale Schwerpunkte sind hier Afrika59 und Indien,60 wo es eine besonders wirkmächtige Antidammbewegung gibt.
Die thematische Einengung der Staudammforschung auf Wasserbaustaaten und die negativen Folgen von Talsperren hat dazu geführt, dass die komplexe globale Wissensproduktion im Kontext von Talsperren bislang nicht ausreichend herausgearbeitet worden ist. Stattdessen stehen eher Transfers aus dem globalen Norden oder dem Ostblock im Blickpunkt, während der globale Süden weitgehend als Opfer von Talsperren dargestellt wird. Christopher Sneddons Studie zur weltweiten Betätigung des United States Bureau of Reclamation wählt einen solchen Diffusionsansatz, der hinter die neuesten Erkenntnisse der Wissenschafts- und Technologiegeschichte zurückfällt.61 Dagegen bemühen sich jüngst erschienene Studien um eine ausgewogenere Darstellung, die die Handlungsmacht auch der Betroffenen und die Aushandlungen der Bedeutungsebenen des Staudammbaus auslotet. Vincent Lagendijk hat herausgearbeitet, dass das Modell der US-amerikanischen Tennessee Valley Authority (TVA) nicht einfach nur exportiert wurde, sondern dass es auf kolonialen Vorläufern aufbaute und Impulse und Veränderungen dort erhielt, wo es außerhalb der USA zur Anwendung kam.62 Andere Beiträge, darunter Julia Tischlers Monographie zum Kariba-Damm am Sambesi, knüpfen an Timothy Mitchells komplexe Analyse der ägyptischen Technokratie an.63 Aaron Moore hat mit dem japanischen Dammbau in Asien in der Kriegszeit ein alternatives, nichtwestliches Wissenszentrum in die Debatte eingeführt.64 Benjamin Brendels Dissertation Konvergente Konstruktionen von 2019 nimmt die Herausforderung an, eine Globalgeschichte des Staudammbaus vorzulegen.65 Während seine Analyse von Talsperren als global anpassungsfähige Infrastrukturen, die in unterschiedlichen politischen Regimen funktionierten, überzeugt, wird der globale Anspruch aufgrund von nur drei Fallbeispielen aus den USA, Spanien und Ägypten nur ansatzweise eingelöst.
Die Forschung zum lateinamerikanischen Staudammbau ist noch enger gefasst als das Forschungsfeld im Allgemeinen. Nur wenige Studien haben sich mit der Implementierung von Talsperren und den dazugehörigen Wasserbaueliten befasst, darunter die bemerkenswerten Arbeiten von Luis Aboites Aguilar zu Mexiko und Beiträge zum Staudammbau während der argentinischen und brasilianischen Militärdiktaturen, die jedoch in der Regel nur einzelne Staudammprojekte untersuchen.66 Das Gros der Forschung beschäftigt sich dagegen kritisch und recht einseitig nur mit den ökologischen und gesellschaftlichen Negativfolgen von Talsperren.67 Einige in den letzten Jahren publizierte Beiträge lassen jedoch eine Öffnung für neue Forschungsfragen erkennen. Verflechtungen zwischen dem mexikanischen und US-amerikanischen Dammbau bei Tore Olsson, die Verbindung zwischen Technologie- und Umweltgeschichte zu einer mexikanischen envirotech-Geschichte bei Mikael Wolfe, ANT-Zugriffe und die Identifizierung von Handlungsmacht jenseits staatlicher Akteure bereichern die Forschung.68 Daneben sind die Arbeiten von Nathalia Capellini de Oliveira und Fernando Purcell zu nennen, die erste Versuche einer integrativen Technologie- und Umweltgeschichte unternommen haben, die nicht nur einzelne Dämme, sondern den Staudammbau in Brasilien bzw. Chile, Peru und Kolumbien in seiner Gesamtheit darstellt.69 Während Oliveira erste Ansätze zu einer globalen Kontextualisierung leistet, argumentiert Purcell für die Berücksichtigung der lokalen Produktion von Staudammwissen in Lateinamerika, welches dann über US-amerikanische Experten wieder auf die Wissenszentren des globalen Norden zurückgewirkt habe. Dabei hinterfragt er jedoch nicht die „clear asymmetry in the handling of complex technological knowledge“.70
Argument: eine multiskalare Wissensgeschichte des Materiellen
Wie der Forschungsüberblick gezeigt hat, stehen eine integrative Darstellung der Komplexität des lateinamerikanischen Staudammbaus, die Bestimmung des lateinamerikanischen Beitrags für die Globalgeschichte des Themas und die Klärung der Frage nach Technologietransfer oder -aneignung noch aus. Die vorliegende Arbeit möchte diese Lücken schließen. Sie baut auf der neueren globalgeschichtlich inspirierten Wissenschafts- und Technologiegeschichte mit ihrem Fokus auf Wissensaustausch und Wissensproduktion im globalen Süden auf, führt diese Ansätze jedoch weiter. Sie argumentiert erstens, dass viele lateinamerikanische Länder im Laufe des 20. Jahrhunderts eigene Wissenszentren des Staudammbaus herausbildeten, die an der Produktion von Wasserbauwissen gleichberechtigt teilnahmen und mit ihrem technischen Knowhow und dem Bau der weltweit größten Dämme wichtige Bezugspunkte für das globale Wissen über Staudämme wurden. Lateinamerikanische Länder waren also keineswegs bloße Rezipienten westlicher Technologie, sondern an einer Ko-Produktion von Wissen beteiligt, für das nicht nur Nord-Süd-, sondern auch Süd-Süd-Beziehungen von Bedeutung waren. Unter Mitwirkung lateinamerikanischer Ingenieure, Firmen und Behörden, aber auch zivilgesellschaftlicher Akteure entstanden internationale Wissensgemeinschaften, in denen westliche und nichtwestliche Akteure und Wissensbestände zu einem globalen Wissen verschmolzen.
Dass Lateinamerika gerade im Bereich des Staudammwissens derart aktiv werden konnte, hing, so das zweite Argument, mit dem spezifischen Wissen zusammen, das für den Bau von Talsperren erforderlich war. Es handelte sich um Wissen über das Materielle, konkret: über Flüsse, geologische Formationen, Niederschlagsmengen, Sand, Zement, Bauteile und vieles mehr. Doch das Materielle, vor allem Flüsse, Wetterphänomene und selbst vermeintlich unveränderliche Gesteinsformationen oder Beton, zeichnete sich durch sein Eigenleben, seine Wirkmacht aus. Flüsse treten über die Ufer oder trocknen aus, Flusswasser entwickelt Strömung oder verändert seinen pH-Wert, Regen fällt unerwartet oder bleibt aus, Gesteinsschichten sind porös, die Eigenschaften von Sand für die Betonverarbeitung variieren, Maschinen gehen kaputt – kurzum: Die materiellen Parameter, die für den Staudammbau wesentlich sind, unterliegen einer stetigen Veränderung und entziehen sich der absoluten Kontrolle durch technische Expertise und Wissenschaften. Zudem waren Parameter je nach lokalem Kontext verschieden und machten Anpassungen erforderlich. Zwar bildete Staudammwissen bereits im frühen 20. Jahrhundert standardisierte Verfahren, Praktiken und Wissensbestände aus und hatte den Anspruch, Natur zu kontrollieren, doch war eine epistemologische Hegemonie über das Materielle aufgrund seiner Fluidität unmöglich und konnte somit immer nur eine Annäherung darstellen – es war Wissen im Fluss. Mitunter fehlten benötigte Datenreihen, Vorausberechnungen konnten sich als falsch erweisen, unerwartete Wetter- und Hydrologiephänomene erforderten Flexibilität, und überspülte Baustellen und Dämme sowie kollabierte Talsperren machten deutlich, dass eine allumfassende Beherrschung der Natur und der Technik schlicht nicht möglich war. Das Materielle blieb ein konstanter Störfaktor. Diese daraus folgende Prekarität des Wissens, die sich trotz formalisierter Routinen und anderslautender Beteuerungen der Ingenieure nicht verbergen ließ, machte seine Aneignung besonders leicht möglich, denn die vermeintliche Macht westlicher Experten konnte von lateinamerikanischen Technikern und Politikern angezweifelt, herausgefordert und überwunden werden.
Hinzu kam, dass das Wissen beständig wuchs und hochkomplex wurde. Darunter fielen nicht nur technische Neuerungen, sondern vor allem Wissensbereiche, die nicht unmittelbar mit dem eigentlichen Bau eines Staudamms zu tun hatten. Staudämme und Wasserkraftwerke binden unzählige Wissensfelder, von wirtschaftlichen Entwicklungsvorstellungen über Landwirtschaft, Industrialisierung, social engineering bis hin zu Ethnologie, Umweltschutz und Menschenrechten. Eine Beherrschung all dieser Bereiche durch eine einzige Expertengruppe ist undenkbar, und so waren Talsperren Ermächtigungsarenen für viele Wissensgemeinschaften und stakeholder. Zu den Ingenieuren, Geologen und Hydrologen traten Ethnologinnen, Ökonomen, Soziologinnen, Menschenrechtsgruppen, Politiker und viele mehr hinzu. Das von ihnen produzierte Wissen, das menschliches Miteinander betraf, war ebenfalls oft volatil, da sich Menschen selten wie geplant verhielten.
Drittens wird argumentiert, dass das formalisierte und standardisierte, aber eben auch fragile und sich wandelnde Wissen sowie die daran teilhabenden Akteure und ihre Interessen Talsperren zu dynamischen und kaum kontrollierbaren Aushandlungsräumen machten. Diese Räume waren dadurch charakterisiert, dass in ihnen interne und globale Machtverhältnisse hinterfragt werden konnten, weswegen gerade ihre Planungs- und Bauphasen gewinnbringende Untersuchungsmomente sind. Lateinamerika bildet dafür einen besonders interessanten Kontext, da die dort entstandenen Wissenszentren und die dortigen Regierungen das Wissen im Fluss dazu nutzten, um die epistemologische Hegemonie des globalen Nordens rasch zu überwinden. Internationale Kooperation erwies sich daher als Spannungsverhältnis zwischen einerseits einer Zusammenarbeit und andererseits einem Bestreben nach Unabhängigkeit von externen Einflüssen. Im Ergebnis gelang es vielen verschiedenen lateinamerikanischen Akteuren, im Wissensbereich weitreichende Handlungsmacht zu erlangen und dadurch globale Machtverhältnisse herauszufordern. Grenzen dieser Emanzipation bestanden allerdings in der Abhängigkeit von Krediten oder technischer Ausrüstung.
Epistemologische Macht wurde jedoch nicht nur global, sondern auch lokal hinterfragt. Die staatlichen und technischen Wissenszentren konnten ebenso wenig wie die westlichen Zentren und Experten das Wissen im Fluss kontrollieren. Vielmehr konnten neue soziale Bewegungen, genauer NGOs, Indigene, Umweltschutz- und Menschenrechtsgruppen, Staudämme als Artikulationsräume nutzen, um gegen politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entscheidungen zu mobilisieren. Auch hier war Lateinamerika aufgrund seiner pluralen und ungleichen Gesellschaften eine Region mit großer Dynamik und Einfluss auf die globalen Staudammdebatten.
Mit dieser Interpretation überwindet die vorliegende Arbeit für den Bereich des Wasserbaus die Idee von peripheren oder verspäteten lateinamerikanischen Wissenslandschaften, technologischer Macht von außen und auch Konzepte wie creole science oder indigenes Wissen, die letztlich nur die Andersartigkeit des lateinamerikanischen Wissens beschreiben und Qualitätsgefälle implizit mitdenken. Wenn man von einer globalen Wissensproduktion ausgeht, an der Lateinamerika wie andere Weltregionen beteiligt war, erübrigen sich solche Kategorisierungen. Im Folgenden sollen die drei für diesen Ansatz zentralen Konzepte näher skizziert werden: Wissen, Materialität und multiskalare Geschichte.
1) Wissen. Um die Komplexität von Staudämmen zu greifen, ist die vorliegende Monographie als Wissensgeschichte konzipiert. Wissensgeschichte ist ein seit etwa fünfzehn Jahren vor allem im deutschen Sprachraum diskutierter Ansatz, der Elemente der historischen Diskursanalyse, der Wissenschaftsgeschichte, der Sozialgeschichte und der Politikgeschichte zu einem integrativen Zugang verbindet, indem er, so Philipp Sarasin, die „gesellschaftliche Produktion und Zirkulation von Wissen“ untersucht. Sarasin versteht Wissen als „Konglomerat aus semiotischen Strukturen, Prozessen und Diskursen“, dessen Inhalte, Strukturen und Wandel gemeinsam mit den sie produzierenden Akteuren, „den Ordnungssystemen, den Praktiken und den Medien“ analysiert werden sollen.71 Jürgen Osterhammel hat wie neuere Beiträge der globalen Wissensgeschichte, etwa von Sujit Sivasundaram, Jürgen Renn oder Simone Lässig, den Wissensbegriff dahingehend präzisiert, dass es „kognitive Ressourcen [seien], die der Lösung von Problemen und der Bewältigung von Lebenssituationen in der realen Welt dienen“.72 In der vorliegenden Studie soll Wissen in diesem Sinne verstanden werden, wobei diese Ressourcen abstrakt-theoretisch oder praxisorientiert sein können und oft systematisierte Daten und Informationen erzeugen. Mit diesem breiten Fundament kann eine Erzählung gelingen, die Staudämme nicht nur aus einer engen techniksoziologischen Perspektive untersucht, sondern die Geschichte des Staudammwissens als Zusammenspiel technik-, wirtschafts-, sozial-, politik- und umwelthistorischer Aspekte versteht und nachvollzieht, wie Staudämme als Infrastrukturen erdacht, geplant und gebaut wurden, um Naturressourcen für Gesellschaft und Wirtschaft nutzbar zu machen.
Ein wissensgeschichtlicher Zugang priorisiert Wissen, Akteure, Medialität und Macht nicht, sondern interpretiert sie aus dem jeweiligen historischen Kontext heraus. Staudammwissen kann Naturwissenschaft im Sinne von Hydrologie oder Geologie sein, es kann Geisteswissenschaften wie die Ethnologie, Politologie oder Soziologie umfassen, es kann ökonomisches oder bürokratisches Wissen mit seinem „formidable armamentarium of record-keeping, classifying, controlling, and labor-dividing practices“ sein,73 und es kann symbolisches Wissen oder alternatives und populäres Wissen von den Rändern der Wissensproduktion sein, womit auch zivilgesellschaftlicher Widerstand fassbar wird.74 Auf diese Weise wird wissenschaftliches Wissen in Bezug zu anderen Wissensbeständen gebracht, gleichzeitig aber auch in seinen sozialen Kontext gestellt und nicht als sich teleologisch entwickelnde und stabile Ressource begriffen.75
Gleiches gilt für Akteure: Neben den Expertinnen und Experten aus der Ingenieurswissenschaft, Geologie, Hydrologie, Ökonomie und Anthropologie wirkten Akteure aus Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft sowie Institutionen, Firmen, Verbände, Universitäten und NGOs an Staudammprojekten mit. Das fluide Talsperrenwissen stellte dabei vor allem die Experten und Expertinnen vor die schwierige Aufgabe, Anerkennung, Glaubwürdigkeit und Durchsetzungskraft zu generieren.76 Mit Bruno Latour gesprochen war eine dauerhafte Allianzenbildung nötig, um die Expertennetzwerke zu stabilisieren.77 Denn technische Expertise war kein Selbstläufer, zumal wenn es von konkurrierenden Wissensregimen wie Ökonomie oder Umweltschutz in Frage gestellt wurde. Dennoch spielte die soziale Gruppe der Ingenieurinnen und Ingenieure – und für den betreffenden Untersuchungszeitraum waren dies überwiegend Männer – eine wichtige Rolle bei der Formierung der Wissenszentren und der Formalisierung von Wissen zum Wasserbau.78 Es handelte sich meist um Angehörige der Mittel- und Oberschicht, die durch Bildung und Expertise soziale Distinktion erlangten, enge Kontakte zu Politik und Wirtschaft pflegten, wichtige Posten in der staatlichen Bürokratie bekleideten und aus ihrer Funktion persönlichen Status ableiteten – sei es eine hohe internationale Mobilität oder seien es individuelle finanzielle Vorteile. Gleichzeitig war es ein nach Spezialwissen und unterschiedlichen Interessen ausdifferenziertes Feld von Akteuren, in dem durchaus auch Konkurrenz auftrat. Auf globaler Ebene partizipierten Experten an ihren jeweiligen Wissensgemeinschaften und konnten sich mit ihrem Wissen neue Karrieremöglichkeiten erschließen.79
Als Nutznießer der modernen Industriegesellschaft kultivierten die Techniker Diskurse, die das Primat der technischen Entwicklung und der Naturbezwingung propagierten.80 Viele Staaten Lateinamerikas übernahmen solche Ansichten, was den gesellschaftlichen und politischen Einfluss der Ingenieure beim Aufbau moderner Staatswesen unterstreicht. Dementsprechend waren Diskurse über den Staudammbau meist euphorisch unterkomplex und blendeten etwaige Probleme aus. Julia Obertreis hat gar von „Infrastrukturpoesie“ gesprochen, die in offiziellen Veröffentlichungen von Staudammbefürwortern zum Ausdruck gekommen sei.81 Aber auch visuelle Darstellungen von Talsperren, der Rekurs auf ihre Größe und ihre ästhetische Inszenierung spielten eine wichtige Rolle bei der Vermarktung solcher Infrastrukturen.82
Da die Ingenieurszunft weitgehend männlich war, waren ihre Diskurse von Männlichkeitskonstruktionen geprägt. Das Heroische und Naturbändigende war Teil des Selbstverständnisses der Ingenieure und prägte ihr habituelles Auftreten. Auch die Netzwerke, auf denen die Entfaltung der globalen Ingenieursgemeinschaft fußte, waren männlich dominiert und sind es meist heute noch. Dass das Geschlechterthema in dieser Arbeit dennoch nur sporadisch zur Sprache kommt, liegt an der prekären Quellensituation. Explizite Männlichkeitsvorstellungen kamen nur selten zur Sprache, vielleicht auch weil die Akteure ihre Selbstwahrnehmung eher im Sinne eines Berufsethos konstruierten, was die Kategorie Geschlecht nicht zentral stellte. Prinzipiell konnten auch Frauen an Staudammprojekten teilnehmen. Die wenigen Frauen, die in dieser Studie vorkommen und als Ingenieurinnen, Ethnologinnen, Biologinnen, Sekretärinnen und Ehefrauen der Ingenieure mitarbeiteten, teilten die Diskurse der Männer weitgehend. Auch für den Widerstand gegen den Staudammbau lassen sich für den Untersuchungszeitraum keine explizit geschlechtsbezogenen Texte finden.
Das vielfältige Wissen zum Staudammthema kreierte unterschiedliche Wissenspraktiken und mediale Ausdrucksformen. Auch hier war das Repertoire nicht auf technische Messungen von Durchflussmengen und Niederschlägen, Berechnungen, geologische Bohrungen, Tabellen, Graphiken, Berichte, Vorträge auf Tagungen, Satellitenbilder und Karten beschränkt,83 sondern beinhaltete ebenso politische Reden, ökonomische Modelle, ethnologische und biologische Feldarbeit, Pamphlete von NGOs, Interviews von Betroffenen, Straßenblockaden und Geheimdienstarbeit.
Wissen war in seiner Vielfalt, Komplexität und seinem Wandel keine eindeutige und auf einen Akteur beschränkte Machtressource, die sich beherrschen lassen oder automatisch politischen Einfluss garantiert hätte, zumal sich der Staudammbau oft durch Nichtwissen auszeichnete.84 Wissen konnte daher auch eine „force for emancipation“ darstellen, etwa für Akteure des globalen Südens oder für die lokale Bevölkerung.85 Obgleich es den Eliten gelang, Wissenszentren und privilegierte Sprecherstandorte aufzubauen, die Wissen institutionell verdichteten, mit technischer Expertise politische Entscheidungen beeinflussten und im nationalen wie globalen Maßstab epistemologische und politische Macht ausüben konnten, gelang es Talsperrenkritikerinnen und -kritikern, diese Macht herauszufordern, indem sie neue Wissensbestände wie Umweltschutz und Menschenrechte geltend machten. Wissen blieb „Teil von komplexen Macht- und Aushandlungsprozessen“, wie Jakob Vogel betont hat.86 Damit ist die Wissensgeschichte an die Zirkulationsdiskussionen der Wissenschafts- und Technologiegeschichte sehr gut anschlussfähig.87
2) Materialität. Bei Staudammwissen handelt es sich weitgehend um Wissen über Materielles.88 In Nachbardisziplinen wie der Archäologie oder Anthropologie wird bereits seit Jahrzehnten Materialität als Analyseperspektive diskutiert und über die Art und Weise nachgedacht, wie materielle Artefakte untersucht werden können.89 Nachdem die Material Culture Studies in ihrer Hochphase in den 1990er Jahren vor allem die soziale Verwobenheit von Dingen und ihre kulturelle Bedeutung analysiert haben, hat sich in jüngerer Zeit eine neue Lesart herauskristallisiert, die Stoffe und Dinge als integrative Bestandteile menschlichen Lebens begreift und ihre Wirkmacht (agency) betont.90 Diese Perspektive, die als Antwort auf die fast ausschließlich auf Sprache kaprizierte Kulturgeschichte zu verstehen ist, will Dinge und Materialität wieder ernst nehmen. Impulse dazu kamen von der von Bruno Latour und anderen entwickelten Akteur-Netzwerk-Theorie, die das Soziale als das Etablieren von Verbindungen von Menschen und Objekten beschrieben hat.91 Nichtmenschliche Aktanten besitzen in diesem Konzept Wirkmacht, da sie für die Netzwerkbildung unerlässlich sind. Dieser material turn hat in den letzten Jahren auch die Geschichtswissenschaft erfasst.92 Dabei wurden solch unterschiedliche Felder wie Konsum, Alltagsgebrauch von Gegenständen, kulturelle Bedeutungen von Dingen, urbane Räume, Machtverhältnisse und neuerdings Stoffgeschichte bearbeitet.93
Die neuesten Beiträge zur Materialitätsdebatte stehen unter dem Banner New Materialism. Diese Forschungsrichtung verortet materielle Wirkmacht auch fernab von dinglichen Beziehungen zu Menschen und stellt die privilegierte ontologische Position der Menschen in Frage.94 Jane Bennett hat dies folgendermaßen formuliert: „I will emphasize, even overemphasize, the agentic contributions of nonhuman forces (operating in nature, in the human body, and in human artifacts) in an attempt to counter the narcissistic reflex of human language and thought.“95 Ihr Konzept der „thing-power“, mit dem sie die agentielle Kraft von Nichtmenschen fasst, wurde von Timothy LeCain auf die Umweltgeschichte übertragen.96 Der US-Historiker sieht Menschen eingereiht in ein „material environment“ mit einer Vielzahl von materiellen Agenten, die bei einer Analyse zu berücksichtigen seien.97 In dieser Sichtweise ist Materialität dynamisch und wandelbar, aber nicht im Sinne der ANT auf Translationen zu menschlichen Akteuren beschränkt.98 Ein solches Verständnis von Materialität kann für den Talsperrenbau neue Erkenntnisse bringen, da es die „thing-power“ der Umwelt, also etwa von Flüssen, aber auch von Infrastrukturen und ihren Komponenten bei der Produktion von Wissen ernst nimmt.
Staudämme sind für materielle Herangehensweisen insofern interessant, da sie materielle Assemblagen sind, die aus Stoffen und Dingen bestehen und selbst materiell sind.99 Sowohl während des Zusammenbaus als auch als fertige Infrastrukturen üben sie Wirkmacht aus, weil sie Menschen zu Assemblierungstätigkeiten antreiben, Netzwerkstabilisierungen ermöglichen, Flüsse stauen und Energie produzieren. Gerade durch ihre physikalische Materialität üben Staudämme mitunter unvorhergesehene „thing-power“ aus,100 erweisen sich als ambivalent und fragil, müssen immer wieder repariert oder umgebaut werden und kollabieren unter Umständen – mit schlimmen Folgen. „Things are also trouble“, hat Frank Trentmann zurecht bemerkt, was wiederum den fluiden Charakter des Talsperrenwissens erklärt.101
Staudämme sind nicht zuletzt deswegen als materielle Artefakte von Belang, da sie mit der Umwelt interagieren, sie verändern und durch sie verändert werden. Hier berühren Staudämme den Forschungsbereich der Umweltgeschichte.102 Christopher Sneddon hat sie daher als „nature-society hybrids“ beschrieben.103 Vielleicht noch relevanter als die Materialität der Talsperren selbst ist die physikalische Materialität und Wirkmacht der Natur, konkret der Flüsse, die durch ihr fluides Wesen sich materiell immer wieder verändern und somit nur schwer in Wissen verdichtet werden können. Dem Willen der Ingenieure „to escape the messiness of nature“ stehen Flüsse als „pervasive and frequently unexpected“ gegenüber.104 Absolutes Wissen über sie war und ist unmöglich. Andererseits war gerade das Spannungsverhältnis zwischen „dynamischem Stoffgeschehen“ und dem Wunsch, stabiles Wissen zu generieren, konstitutiv für die Wissensproduktion zu Talsperren.105 Obschon sie ohne Zweifel gravierenden Anteil an den umweltzerstörerischen Entwicklungen hatten, die als ein Aspekt des Anthropozäns beschrieben werden,106 und an der großen Beschleunigung dieser Zerstörung nach dem Zweiten Weltkrieg partizipierten,107 bringt der materielle Zugang doch ebenso die Wirkmacht der Natur ins Bewusstsein und lenkt den Blick auf die Fragilität der vermeintlich allmächtigen Infrastrukturen, die die Flüsse unseres Planeten derart grundlegend verändert haben.
3) Multiskalare Geschichte. Diese Studie nähert sich dem lateinamerikanischen Staudammwissen von einem globalgeschichtlichen Blickpunkt.108 Wie Benjamin Brendel formuliert hat, waren Staudämme „konvergente Konstruktionen“, die „systemunabhängig“ funktionierten und sich daher Anfang des 20. Jahrhunderts über den gesamten Erdball ausbreiteten. Das dafür nötige Wissen gelangte in alle Weltregionen und wurde dort lokal ausdifferenziert.109 Daran waren global agierende Akteure wie Experten, Baufirmen, Maschinenhersteller, Investoren und Kreditinstitute beteiligt. Wasserbauakteure und -wissen sind demnach nur in einem globalen Zusammenhang und unter Berücksichtigung globaler Verflechtungen verständlich.
Darüber hinaus führten Talsperren mehrere Räume zusammen: Sie wurden an einem konkreten lokalen Ort gebaut und banden Akteure und Wissensbestände regionalen, nationalen und globalen Zuschnitts. Damit waren sie globale Artefakte, die immer wieder neu in spezifische Lokalitäten eingepasst wurden.110 Anstatt lediglich von einer lokalen Globalgeschichte zu sprechen, wie es momentan als Trend in der Forschung zu beobachten ist, verbindet diese Studie die Vielzahl der räumlichen Dimensionen, die für Staudämme eine Rolle spielten, zu einer multiskalaren Globalgeschichte, die sich Dicho- und Trichotomien zwischen verschiedenen Untersuchungsebenen und Räumlichkeiten entledigt.111
Globalgeschichtlich ist nicht zuletzt das Argument dieser Studie, dass viele lateinamerikanische Länder eigene Wissenszentren des Talsperrenbaus ausbildeten, die globalen Machtzusammenhängen zuwiderliefen. Indem die vorliegende Arbeit Handlungsmacht im globalen Süden verortet, die Hegemonialität vermeintlich westlicher Wissensbestände erdet und stattdessen die globale Produktion von Wissen hervorhebt, greift sie die globalgeschichtliche Forderung auf, eurozentrische Narrative zu hinterfragen.112 Dabei dürfen freilich bestehende Machtverhältnisse nicht aus der Geschichte des Talsperrenbaus herausgeschrieben werden.113 Im 20. Jahrhundert waren es beispielsweise vor allem Firmen des globalen Nordens, die Turbinen, Generatoren und Transformatoren herstellten, und oft gerieten lateinamerikanische Ländern durch Kredite für den Dammbau in neue finanzielle Abhängigkeiten. Trotz dieser Einschränkung ist es an der Zeit, die Rolle von Staudämmen als „machtvolle Infrastrukturen“ zu hinterfragen.114 Denn ihr Wissen war buchstäblich permanent im Fluss.
Methodik, Quellen und Gliederung
Methodisch werden mehrere Zugangsweisen kombiniert, wie es die Wissensgeschichte erfordert. Die Arbeit folgt konkreten Akteuren, stellt nationalstaatliche Politik dar, geht den ideen- und diskursgeschichtlichen Aspekten des Staudammbaus nach, blickt mikrogeschichtlich auf die jeweiligen Baustellen der Talsperren, ergänzt dies mit institutionen- und wissenschaftsgeschichtlichen Bemerkungen und blickt auf Entwicklungspolitik und sozioökonomische Kontexte. Je nach Geschichte werden dabei lokale, regionale, nationale oder globale Zusammenhänge dargestellt. Als Aufhänger und Startpunkte werden kurze Vignetten erzählt, die gewissermaßen als Lumpen im Sinne Siegfried Kracauers auf die tragischen und persönlichen Geschichten der Akteurinnen und Akteure verweisen, die sich der Assemblierung oder Bekämpfung von Staudämmen verschrieben haben und aus denen dann größere Themen entwickelt werden.115
Um dem methodischen Zugriff gerecht zu werden, also im Detail den Akteuren folgen zu können und die Produktion, den Transfer, die Aneignung und die Grenzen von Wissen nachzuvollziehen, wurde eine Herangehensweise über Fallbeispiele gewählt. Die Geschichte des lateinamerikanischen Staudammbaus wird im Folgenden demnach mit den Geschichten von vier Talsperren erzählt. Da der Wasserbau in Lateinamerika im Wesentlichen staatlich organisiert wurde, bilden die vier Fallstudien die wichtigen Etappen dieser Entwicklung von der Jahrhundertwende bis in die frühen 1990er Jahre ab und stehen für zentrale Paradigmen und Umgangsweisen mit Staudämmen, für die sich weitere Beispiele in der Region finden lassen. Dabei waren unterschiedliche Entwicklungskonzepte, Implementationsmethoden und Verflechtungen mit dem Ausland maßgeblich.
Der Rincón del Bonete-Damm (Uruguay, 1904–1948) steht für die Anfangszeit, in der Staudämme als Einzelprojekte gebaut wurden. Er zeigt den Einstieg eines Staates in den Talsperrenbau und die Herausbildung eines entsprechenden Wissenszentrums. Der Presidente Alemán-Damm in Temascal (Mexiko, 1944–1960) repräsentiert die Flussbeckenentwicklungsprogramme der Nachkriegszeit, die sich an der US-amerikanischen Tennessee Valley Authority (TVA) orientierten und nun mit mehreren Talsperren Flüsse systematisch umformen wollten, um ganze Regionen zu entwickeln. Guri (Venezuela, 1949–1986) war ein Staudamm, der im Rahmen der Industrialisierungsbemühungen und Entwicklungspolitik des Kalten Krieges gebaut wurde, und der Tucuruí-Damm (Brasilien, 1973–1984) steht sowohl für die technische Konsolidierung des lateinamerikanischen Talsperrenbaus als auch für den zivilgesellschaftlichen Widerstand gegen Staudämme seit den 1970er Jahren, der im Kontext der erstarkenden neuen sozialen Bewegungen zu sehen ist.
Die Periodisierung des lateinamerikanischen Staudammbaus widersetzt sich gängigen Zäsuren und Phasen der lateinamerikanischen Geschichte wie die Weltkriege oder der Kalte Krieg. Während sich diese Zäsuren noch am ehesten auf die entwicklungsökonomische Einpassung von Talsperren auswirkten, blieben Form und Institutionalisierung der Wissensproduktion im Untersuchungszeitraum relativ konstant, wenn man von kleineren technologischen Veränderungen und der Tatsache absieht, dass die Talsperren immer größer wurden. Der Staudammbau in Lateinamerika eignet sich daher dafür, nach Persistenzen in Bezug auf Wissensakteure, Wissensbestände und Entwicklungsdenken von der Vor- und Zwischenkriegszeit bis in den Kalten Krieg zu fragen, ohne Kontinuität auf die Fortschreitung vom Kolonialismus zur Entwicklungshilfe zu verengen, wie es für Afrika üblich ist.116 Das Verhältnis zwischen Lateinamerika und den USA erscheint auf diese Weise als längeres Kontinuum, für das der Kalte Krieg weniger einschneidend war, als oft behauptet wird.117 Darüber hinaus korrespondierte die Proliferation von Talsperren in Lateinamerika mit der großen Beschleunigung des Extraktivismus seit Mitte des 20. Jahrhunderts, die in der Umweltgeschichte diskutiert wird, reicht epistemologisch allerdings bis in die 1920er Jahre zurück und lässt sich nicht nur mit dem Drang nach Ressourcengewinnung erklären.118
Alle Beispiele folgten einer ähnlichen Entwicklung, auch wenn sie teilweise zeitversetzt eintrat. Als roter Faden verbindet die Einzelstudien die Frage nach der Handlungsmacht lateinamerikanischer Akteure bei der Produktion globalen Staudammwissens und die These, dass sich mit ihnen eine diachrone Geschichte der Herausbildung neuer Wissenszentren erzählen lässt, die Akteure, technische Wissensbestände, die ökonomische und politische Einbettung von Talsperren, Machtdynamiken und globale Verflechtungen untersucht. Die vier ausgewählten lateinamerikanischen Länder, aber auch viele ihrer Nachbarn bildeten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Ingenieursgemeinschaften aus, die in staatlichen Energiefirmen, Planungskommissionen, Ingenieursbüros und Baufirmen arbeiteten, Wissen produzierten und mit der Zeit immer unabhängiger von der anfänglich notwendigen externen Hilfe wurden. Bei der Implementierung von Talsperren waren die Techniker eng mit der Politik vernetzt und traten als Adepten von Entwicklungsdiskursen auf.
Die regionale und chronologische Breite der Fallbeispiele ermöglicht es zusammen mit der Auswertung ergänzender Forschungsliteratur, ein Argument für die im Wasserbau aktiven Länder des Kontinents zu entwickeln, ohne dabei regionale Unterschiede und heterogene Erfahrungen auszublenden. Außerdem bieten die vier Dämme die Möglichkeit, neben den Leitfragen nach Wissen, agency und globalen Machtverhältnissen bestimmte Schwerpunktthemen wie Industrialisierung oder Widerstand näher zu betrachten, die in der jeweiligen Zeit besonders wichtig waren. Gleichzeitig erzählen die Kapitel auch die Geschichte größerer Themen, darunter die des lateinamerikanischen Entwicklungsdenkens oder die der internationalen Verflechtung der Region.
Der wissensgeschichtliche und räumlich multiskalare Fokus der Studie erfordert ein breites und global weit gestreutes Quellenfundament. Der Zugang über vier Fallbeispiele hat es ermöglicht, die Untersuchung archivalisch praktikabel zu halten, auch wenn dennoch über 60 Archive und Bibliotheken in acht Ländern konsultiert wurden. Es wurden gedruckte und ungedruckte Quellen aus Archiven und Spezialbibliotheken in Uruguay, Mexiko, Venezuela, Brasilien, den USA, Deutschland, Frankreich und der Schweiz herangezogen, die im Quellenverzeichnis aufgelistet sind. Das meiste Material wurde erstmals ausgewertet. Es stammt aus Parlamenten, Ministerien, staatlichen Behörden und Energiefirmen, Ingenieurbüros, Baufirmen, Berufsverbänden, internationalen Organisationen, Gewerkschaften, Kirchen und NGOs. Bei den Quellen handelt sich um technische und diplomatische Berichte, Reden, Korrespondenzen, Werbematerial, Memoranda, Jahresberichte, persönliche Nachlässe von Ingenieuren, Geheimdienstdokumente und Periodika. Als besonders relevant haben sich Korrespondenzen, Sitzungsprotokolle und Lageberichte erwiesen, die über den epistemologischen Aushandlungsprozess der unterschiedlichen Akteure Aufschluss geben und in die Gedankenwelt der jeweiligen stakeholder einführen. Auch die vom Verfasser in Venezuela und Brasilien geführten Zeitzeugeninterviews vor allem mit Ingenieuren bieten einen Zugang zu den Sichtweisen der Wissensakteure. Die Auswahl der Interviewpartner ergab sich im Wesentlichen aus den wenigen noch lebenden Akteuren, die am Bau der beiden Talsperren federführend beteiligt waren.
Das Buch ist in vier Kapitel gegliedert, die die Geschichte der vier Staudämme in einem globalen Kontext darstellen. Im Kern geht es um die Genese der jeweiligen Wissenszentren und somit um vier wichtige Wasserbauländer der Region. Der Aufbau der Kapitel ist dreigeteilt: Der erste Teil behandelt den Planungsprozess der Staudämme und damit den größeren Kontext der Herausbildung lateinamerikanischer Wissenszentren. Der zweite Teil thematisiert den Bau und bringt die praktische Umsetzung von Staudammwissen vor Ort, aber auch globale Machtverhältnisse zur Sprache. Lediglich das letzte Kapitel zu Tucuruí weicht von diesem Aufbau ab, da im ersten Teil Planung und Bau zusammengezogen werden und im zweiten Abschnitt Widerstand gegen die Talsperren untersucht wird. Alle Unterkapitel beginnen mit einem Problemaufriss und enden mit einer Zusammenfassung, die sich der pr0jektspezifischen Forschungslage widmet. Die abschließenden Unterkapitel 1.3, 2.3, 3.3 und 4.3 bringen die vier Talsperren in einen gesamtlateinamerikanischen Zusammenhang und ergänzen sie mit weiteren Beispielen, sodass eine Geschichte für den gesamten Kontinent entsteht.
Das erste Kapitel skizziert den Beginn des staatlichen Dammbaus, für den der Rincón del Bonete-Damm am Río Negro in Uruguay (1904–1948) ein gutes Beispiel ist. Aufgrund der geringen Größe des Landes und seiner Zentrierung auf die Hauptstadt Montevideo lassen sich die ersten Schritte im Wasserbau und die Volatilität des frühen Talsperrenwissens besonders prägnant darstellen. Rincón del Bonete war die erste große Talsperre des Landes zur Energieerzeugung, die von uruguayischen Ingenieuren initiiert wurde. Der Fall zeigt die Formierung und Formalisierung des Wasserbauwissens vor allem auf dem Gebiet der Geologie und Hydrologie, die Professionalisierung der nationalen Ingenieursgemeinschaft und die komplizierten Aushandlungsprozesse beim Wissenstransfer durch ausländische Experten, bei denen epistemologische Machtverhältnisse zwischen Europa und Lateinamerika hinterfragt wurden. Der deutsche Ingenieur Adolf Ludin konzipierte den Damm Anfang der 1930er Jahre in Zusammenarbeit mit uruguayischen Akteuren, die sich in Kommissionen, Berufsverbänden, dem nationalen Stromerzeuger UTE und schließlich der für den Damm zuständen Rione-Behörde institutionalisierten und damit ein frühes Wasserbauzentrum etablierten. Das Kapitel arbeitet heraus, wie das Staudammprojekt globale Machtverhältnisse berührte und änderte: Zwar war Uruguay auf Expertise, Maschinenlieferungen und Kredite angewiesen, doch verstanden es die verantwortlichen Techniker und Politiker, machtvolle Länder im Kontext des Zweiten Weltkriegs gegeneinander auszuspielen und auf diese Weise die Talsperre für eigene Interessen und politische Selbstständigkeit zu nutzen. Nachdem ein deutsches Konsortium um Siemens mit dem Bau begonnen hatte, den die Reichsregierung umfassend finanziell förderte, um Fleisch- und Lederimporte aus Uruguay sicherzustellen, brach das südamerikanische Land die Geschäftsbeziehungen während des Kriegs ab und kaufte die noch fehlenden Maschinen bei US-amerikanischen Firmen. Um Uruguay im Krieg auf seine Seite zu ziehen und den technologischen Einfluss in der westlichen Hemisphäre zu steigern, räumte auch die US-amerikanische Regierung dem Projekt bald schon Priorität und Sonderkonditionen ein. Zentrales Quellenmaterial für diese Fallstudie sind die Publikationen der uruguayischen Ingenieure, der Nachlass von Adolf Ludin, die Projektakten von Siemens und AEG sowie die Dokumentationen der uruguayischen, deutschen und US-amerikanischen Außenministerien.
Der Presidente Miguel Alemán-Damm im mexikanischen Temascal (1944–1960), der den Río Tonto aufstaut, repräsentiert den Talsperrenbau der unmittelbaren Nachkriegszeit. Neu war hier das US-amerikanische Konzept der Flussbeckenentwicklung, das die TVA entwickelt hatte und nun weltweit Nachahmer fand. In Lateinamerika wurde das Modell von mehreren bereits existierenden Wissenszentren aufgegriffen. Eines der ersten Beispiele war der mexikanische Damm in Temascal, der als zentraler Baustein für das Entwicklungsprogramm des Papaloapan-Beckens konzipiert wurde. Diese zweite Phase des Staudammbaus war durch eine Auffächerung der Wissensfelder und -akteure geprägt, da Staudämme nun nicht nur der Energieproduktion, sondern der Entwicklung einer ganzen Region dienen sollten. In Mexiko traten daher Bereiche wie Wirtschaftsplanung, Bewässerung, Landwirtschaft, infrastrukturelle Erschließung, Malariabekämpfung und der Ausbau des Bildungs- und Gesundheitswesens hinzu. Im Gegensatz zur ersten Phase konnten nationale Techniker und Firmen den Damm weitgehend selbstständig bauen, da sich das mexikanische Wissenszentrum, das in einem Wasserbauministerium, der Comisión del Papaloapan (CP) und dem Energieversorger CFE seinen institutionellen Niederschlag fand, mittlerweile konsolidiert hatte. Man war nur noch auf Berater, Maschinen und Kredite aus dem Ausland angewiesen. Selbst die Bezugnahme auf die TVA schlug sich nicht in einem institutionalisierten Wissenstransfer nieder, sondern war eher eine Maßnahme, um die Glaubwürdigkeit des eigenen Wissenszentrums zu steigern und den Export der eigenen Expertise in lateinamerikanische Nachbarländer zu fördern. Allerdings betrafen die mit dem Flussbecken verbundenen Entwicklungsvorstellungen nicht zuletzt aufgrund der notwendigen Umsiedlung eine große Anzahl von Indigenen. Dadurch vergrößerte sich die Wissenslandschaft um ethnologisches und soziologisches Wissen, aber auch um erste Formen von Widerstand gegen Talsperren. Die starke Pluralisierung und Komplexität von Wissensbeständen sorgte für eine eher negative Bilanz des Temascal-Damms, der die in ihn gesetzten Erwartungen nicht erfüllen konnte und stattdessen gravierende Auswirkungen auf die indigene Bevölkerung hatte. Das Gros des verwendeten Quellenmaterials stammt aus dem Archiv der CP und umfasst Korrespondenz und technische Berichte. Ein zweiter wichtiger Quellenbestand sind Berichte der am Projekt beteiligten Anthropologen, die über die Umsiedlung der Indigenen Auskunft geben.
Das dritte Beispiel ist der Guri-Damm (1949–1986) am venezolanischen Caroní. Guri wurde ausgewählt, da er für die Planungs- und Entwicklungspolitik des Kalten Kriegs und für eine Emanzipation eines Wissenszentrums von US-amerikanischem Einfluss steht. Dass Guri als eines der wichtigsten Wasserkraftwerke der Welt bislang historiographisch nicht untersucht wurde, kommt als Grund hinzu. Während die TVA-Idee, Flussbecken zu entwickeln, seit Ende der 1950er Jahre an Einfluss verlor, rückten Wasserkraftwerke nun in das Zentrum nationaler Entwicklungsbemühungen auf der Grundlage von Industrialisierung, wofür Energie benötigt wurde. Diese Strategie kristallisierte sich aus einem teils konfliktiven, teils überlappenden wirtschaftstheoretischen Feld heraus, in dem US-amerikanische Modernisierungstheoretiker und lateinamerikanischen Ökonomen der CEPAL um die richtige Entwicklungspolitik für Lateinamerika stritten. Guri war wie viele andere Wasserkraftwerke der Zeit in ein großes Industrialisierungsprojekt und einen Wirtschaftsplan eingebettet und sollte Strom für Metallschmelzen und Fabriken in der Guayana-Region produzieren, die die dortigen Erzvorkommen für den Weltmarkt aufbereiten und dadurch Venezuelas Exportabhängigkeit vom Erdöl reduzieren sollten. Aufgrund des hohen Energiebedarfs wurden Talsperren nun immer größer. Guri als zeitweise zweitgrößte Wasserkraftwerk der Welt startete als US-amerikanisches Projekt, wurde von Harza Engineering entworfen, von Kaiser Engineers gebaut und von der Weltbank finanziert. Die neue Industriestadt Ciudad Guayana wurde vom Joint Center for Urban Studies (Harvard University/MIT) entworfen. Damit stand der Damm im Kontext des Kalten Kriegs, denn die venezolanische Regierung kämpfte gegen linksgerichtete Guerilla-Gruppen, unterstützte die USA bei der Isolierung Kubas und bekam dafür US-amerikanische Entwicklungshilfe. In der größeren zweiten Bauphase (1976–1986) wurde der Staudamm dann von der nationalen Elite angeeignet. Die mittlerweile große nationale Ingenieurs- und Baufirmenszene, die in der staatlichen Corporación Venezolana de Guayana (CVG) und ihrer Energiefirma Edelca ihr Wissenszentrum fand, konnte den Damm weitgehend allein mit einer brasilianischen und US-amerikanischen Minderheitenbeteiligung fertigstellen. Damit emanzipierte sich das Projekt auch von den Logiken des Kalten Kriegs und nutzte sogar die Hilfe sowjetischer Experten. Der Aufstieg des venezolanischen Wissenszentrums für Wasserbau, der die Entwicklungen in Uruguay und Mexiko wiederholte und ähnlich auch in anderen Ländern der Region stattfand, wurde durch die Erdöleinnahmen beschleunigt und fand daher zeitlich besonders verdichtet statt. Gleichzeitig machte er die Volatilität des Unterfangens deutlich, da zwar der Guri-Damm gebaut und technisches Wissen akkumuliert werden konnte, die Entwicklungspolitik die Lücke zur sogenannten Ersten Welt jedoch nicht wie geplant schloss und zusätzlich hohe Schulden aufwuchsen. Neben den umfangreichen Publikationen der venezolanischen Behörden und Ingenieure dienten vor allem die Guri-Projektakten aus dem Nachlass des Unternehmers Edgar Kaiser und dem Weltbankarchiv, Akten des Department of State und Nachlässe von Beratern als Quellengrundlage für das Kapitel.
Brasilien avancierte aufgrund seiner Größe und der Vielzahl der gebauten Talsperren ab den 1960er Jahren zum wichtigsten lateinamerikanischen Wasserbauzentrum, das seine Expertise in die Region und nach Afrika exportierte. Für diesen epistemologischen Kulminationspunkt steht der Tucuruí-Damm (1973–1984) am Tocantins, der wie Guri die Phase der Großprojekte der 1970er und 1980er Jahre symbolisiert und fast vollständig in nationalen Händen lag. Lediglich einige Turbinen und ein Teil der Kredite kamen aus Frankreich. Brasilianische Akteure waren für die Planung, den Bau und den Großteil der Finanzierung verantwortlich. Die Projektkoordination übernahm der staatliche Energieversorger Eletronorte. Die erste Bauphase von Tucuruí, noch heute das sechstgrößte Wasserkraftwerk der Welt, wurde von der brasilianischen Militärregierung umgesetzt. Der Damm sollte Brasiliens Energieautonomie sicherstellen und die Industrialisierung der Amazonas-Region voranbringen, wo Erze erschlossen wurden. In dieser Studie stellt Tucuruí den Schlusspunkt für die Herausbildung der lateinamerikanischen Wissenszentren dar. Gleichzeitig war die Talsperre eines der Projekte, die eine markante Wende in der globalen Debatte über Wasserkraft einläuteten, da die Talsperre ein großes Regenwaldgebiet überflutete. Aufgrund des lokalen Widerstands gegen Umsiedlungen und Umweltzerstörung wuchs die globale Kritik an Dämmen, die sich in neuen sozialen Bewegungen manifestierte, darunter der Umweltbewegung. Daher war Tucuruí einer der ersten Dämme mit einem Umwelt- und Indigenenprogramm, was jedoch sein negatives Image nicht verhindern konnte. Die brasilianische Fallstudie verweist damit auf heutige Diskussionen über Wasserkraft, die um die Frage nach nachhaltiger Entwicklung kreisen. Als Quellen wurden vor allem die umfangreiche Dokumentation der Eletronorte, diplomatische Akten und die Geheimdienstberichte zu Tucuruí herangezogen, die über Probleme und lokalen Widerstand informieren.
Das Bestreben der lateinamerikanischen Akteure, sich technologisch und wirtschaftlich vom globalen Norden zu emanzipieren, war Leitthema während des gesamten 20. Jahrhunderts. Die dabei aufgetretenen Konflikte um Handlungsmacht machen daher Lateinamerika zu einem besonderen Fallbeispiel, mit dem sich neue und mitunter überraschende Erkenntnisse zu den Logiken von Wissensproduktion und von epistemologischen Machtverhältnissen zeigen lassen, wie die folgenden Kapitel herausarbeiten.
Eines der ersten deutschen Wasserbauhandbücher aus den 1930er Jahren definierte eine Talsperre als „ein Stauwerk, das ein Tal absperrt und dabei nicht nur Flußgerinne und Talaue, sondern auch vom höchsten Hochwasser bisher nicht benetzte Hänge unter Wasser setzt.“ Tölke (1938), S. 1. Talsperren umfassen Staudämme, also Erd- und Steindämme, sowie Staumauern, also Bogenstaumauern und Pfeilerstaumauern. Dämme und Mauern werden oft kombiniert, und so hat sich entgegen des technisch korrekten Begriffs „Talsperre“ umgangssprachlich die Bezeichnung „Staudamm“ durchgesetzt, zumal im Englischen das Wort dam üblich ist. Im Folgenden werden die Begriffe undogmatisch synonym verwendet.
Miller (2007), S. 158.
ICOLD (1984), S. 150–751.
„Globaler Süden“ wird hier für Länder benutzt, die eine Kolonisierungs- und Widerstandserfahrung teilen und im 20. Jahrhundert vom globalen Norden, vor allem Europa und den USA, als unterentwickelt und defizitär beschrieben wurden. Im Gegensatz zu den Begriffen „Dritte Welt“ oder „Entwicklungs-/Schwellenländer“ impliziert das Konzept eine kritische Position gegenüber politischen und wirtschaftlichen Machtverhältnissen und betont die Handlungsmacht der Länder des „globalen Südens“. Allerdings schreibt der Begriff vereinfachende Dichotomien weiter fort. Für eine Problematisierung und weiterführende Literatur vgl. Schneider (2017).
Einführend vgl. van Laak (2001), (2018), (2020).
Einführend vgl. van Laak (2020), S. [2–11]. Zur Begriffsgeschichte vgl. Carse (2017).
van Laak (2020), S. [1].
Edwards (2003), S. 187.
Harvey/Jensen/Mortari (2017), S. 5.
van Laak (2020), S. [1].
Einführend vgl. Edwards (2003); Larkin (2013); Harvey/Jensen/Mortari (2017).
Einführend zu den STS vgl. Sismondo (2004); Bauer/Heinemann/Lemke (Hg.) (2017); Hessler/Weber (2019). Vgl. auch Hecht (2011); Pritchard (2013); Chastain/Lorek (2020).
Star/Ruhleder (1996), S. 112; Star (1999), S. 382. Zu Macht und Infrastrukturen vgl. auch Engels/ Schenk (2015); Förster/Bauch (2015).
Zur Alltagsnutzung vgl. Trentmann/Taylor (2006); Dourish/Bell (2007); Edgerton (2008 [2006]); zur Reparatur vgl. Jackson (2014); Krebs/Schaubacher/Weber (Hg.) (2018); Russell/Vinsel (2018).
Edwards (2003); Engels/Obertreis (2007); Pritchard (2011); Larkin (2013); Blok/Nakazora/Winthereik (2016); Vitiello (2017). Zu Infrastrukturen und Zeitlichkeit vgl. Engels (2020).
Hughes (1983); Ambrosius/Franke (2015).
Headrick (1981), (1988). Vgl. auch Rosenberg (1970).
Einführend vgl. Castro Varela/Dhawan (²2015). Vgl. auch Elshakry (2010).
Adas (1989), (2006).
Einführend vgl. Conrad (2016).
Einführend vgl. Anderson/Adams (2008); Hessler/Weber (2019), S. 12–13. Zu einer frühen Berücksichtigung internationaler Dimensionen in der Wissenschaftsgeschichte vgl. Crawford (1992). Vgl. auch Arnold (2013); Edward/Hård (2020).
Arnold (2005), S. 98–100; Roberts (2009); Sivasundaram (2010); Raj (2013); Davids (2015); Krige (2019). Für eine kritische Bestandsaufnahme der Zirkulationsmetapher vgl. Gänger (2017).
Krige (2019), S. 5. Vgl. auch Gerstenberger/Glasman (Hg.) (2016).
Anderson/Adams (2008), S. 183–184.
Schaffer/Roberts/Raj/Delbourgo (Hg.) (2009); Safier (2010); Roque/Wagner (2012); Habermas/ Pzryrembel (Hg.) (2013).
Hecht (2011), S. 3. Vgl. auch Krige (2016); Forstner (2017).
Heyck/Kaiser (2010), S. 365. Vgl. Krige/Barth (2006); Mooney/Lanza (2012); Krige/Wang (2015).
Hasenöhrl (2019), S. 163. Vgl. auch Van Der Straeten/Hasenöhrl (2016). Für eine stärker auf koloniale Macht fokussierte Studie vgl. dagegen van Laak (2004).
Vgl. dazu ausführlich Saldaña (1996); Pretel/Inkster/Wendt (2019).
Vessuri (1984a), (1994), S. 101–102; Saldaña (1992), S. 18; Salvatore (2016).
Wionczek (1973); Bertoni (2002); Beatty (2015).
Vessuri (1996).
Mccook (2013); Mateos/Suárez-Díaz (2016). Vgl. auch Cañizares-Esguerra (2006); Bleichmar/De Vos/Huffine/Sheehan (Hg.) (2009); Duarte (2013); Birn/Necochea López (Hg.) (2020); Brockmann (2020); Gänger (2021).
Medina/Costa Marques/Holmes (2014), S. 1. Vgl. auch Medina (2011); Tinajero/Freeman (2013); Lemon/Medina (2014); Beatty/Pineda/Sáiz (2017); Freire Jr./Silva (2019); Pretel/Inkster/Wendt (2019); Chastain/Lorek (2020); Medina/Carey (2020).
Mccook (2002), S. 5.
Edgerton (2008 [2006]), S. 43.
Latham (2000); Lorenzini (2019). Vgl. die Kritik der durch Escobar (2012 [1995]) mitinitiierten Postdevelopmental Studies. Vgl. dazu Kapoor (2008). Zum social engineering vgl. Etzemüller (2009).
Cooper/Packard (1997); Cooper (2010). Vgl. Latham (2003), S. 3; Büschel/Speich (2009), S. 9–11; Patel (2016).
Scott (1998).
Cooper (2010), S. 7–8, 14–20. Vgl. auch Cooper/Packard (1997).
Huber (2017). Zur europäischen Debatte vgl. Doering-Manteuffel (2008); van Laak (2008).
Solche Interpretationen können US-freundlich oder kritisch ausfallen. Vgl. Niess (²1986); Krenn (1990); Schoultz (1998); Smith (²2000); Longley (2002); Grandin (2004), (2006); Hunt (2007); O’brien (2007); Loveman (2010).
Joseph (Hg.) (1996).
Joseph/Spenser (Hg.) (2007); Brands (2010); Garrard-Burnett/Lawrence/Moreno (2013); Field Jr./Krepp/Pettinà (2020); Zolov (2020). Vgl. auch Westad (2007), (2018 [2017]); Dinkel/Fiebrig/Reichherzer (2020).
Massell (2000); Billington/Jackson/Melosi (2005); Hiltzik (2010); Downs (2014); Zeisler-Vralsted (2014).
van Laak (1999); Bromber/Féaux De La Croix/Lange (2014); Menga/Swyngedouw (2018).
Wittfogel (1957), S. 3. Vgl. dazu auch van Laak (2012); Obertreis/Moss/Mollinga/Bichsel (2016).
Worster (1985).
Gestwa (2010); Zeisler-Vralsted (2014); Obertreis (2017); ŠTanzel (2017).
Gugerli (1996); Swyngedouw (2015).
D’souza (2006); Le Mentec (2014). Vgl. auch Haines (2017).
Bamba (2010); Miescher (2012), (2014), (2022); Hoag (2013); Mossallam (2014); Blocher (2016); Uekötter (2020), S. 431–448.
Worster (1985).
Goldsmith/Hildyard (1984); Mccully (2001).
Ebd.; Josephson (2002); Uekötter (2020), S. 431–448.
Hirsch/Warren (Hg.) (1998); Leslie (2005); Righter (2005); Dinmore (2014).
Pritchard (2011). Vgl. die Literatur zur Flussgeschichte: Gumprecht (1999); Mauch/Zeller (Hg.) (2008); Lübken (2014); Bernhardt (2016); Schönach (2017); Kelly/Scarpino/Berry/Syvitski/Meybeck (Hg.) (2018); Tyrrell (2018); Chen (2020); Bennemann (2021); Della Marca/Lübken (2021).
Mccutcheon (1991); Leslie (2005); Matsui (2009); Evren (2014).
Obosu-Mensah (1996); Tsikata (2006); Isaacman/Isaacman (2013).
Khagram (2004); Wood (2007); Nilsen (2010).
Sneddon (2015). Vgl. auch Tucker (2010) und für die Tennessee Valley Authority Ekbladh (2002).
Lagendijk (2014), (2018), (2019), (2021).
Mitchell (2002); Tischler (2013). Vgl. in Ansätzen auch Blocher (2016). Außerdem geraten neue Themen fernab modernistischer Großprojekte in den Blick, vgl. Zumbrägel (2018).
Moore (2013a), (2013b).
Brendel (2019). Ein weiterer regional zu eng gefasster globalgeschichtlicher Versuch ist der Artikel von Cohn/Evenden/Laudry (2020).
Aboites Aguilar (1997), (2009). Vgl. auch Ribeiro (1994); Froelich (2001); Braga (2020). Daneben gibt es eine institutionelle Staudammforschung, die von den Elektrizitätsfirmen und der Talsperrenlobby finanziert wird. Diese Beiträge, etwa im brasilianischen Fall vom Centro da Memória da Eletricidade no Brasil, bieten unverzichtbare Detailinformationen, sind jedoch nur in Ansätzen als Beiträge zur wissenschaftlichen Debatte zu verstehen.
Teixeira (1996); Thomé (1999); Miller (2007), S. 155–165; Wester (2009); Rodríguez Garavito (2012); Barbosa (2015); Weissermel (2015); Schwartz (2018); Blanc (2019); Atkins (2021); Folch (2021). Vgl. auch die Literaturnachweise in Kapitel 4.2.1 und 4.2.2. Vgl. auch Harvey (2008).
Olsson (2017); Wolfe (2017); Campregher (2010); Hines (2018). Vgl. auch Folch (2021).
Oliveira (2018); Purcell (2020).
Purcell (2020), S. 222.
Sarasin (2011), S. 163–164, 171. Zur Wissensgeschichte vgl. auch Landwehr (2002); Vogel (2004); Speich Chassé/Gugerli (2012); Burke (2014); Lässig (2016). Aktuelle lateinamerikanische Wissensgeschichten sind Fischer (2017); Huhle (2017). Zu Brasilien vgl. auch Burke (2018).
Osterhammel (2009), S. 1105. Vgl. auch Sivasundaram (2010), S. 156; Renn/Hyman (2012), S. 20; Lässig (2016), S. 39.
Daston (2017), S. 146. Vgl. dazu auch Brendecke (2009).
Vgl. zum letzten Punkt Mignolo (2000).
Vogel (2004), S. 653; Pinch/Bijker (2017 [1987]). Vgl. auch Cooper/Packard (1997), S. 23, 28.
Zu Experten und Expertentum vgl. Raphael (1996); Centeno/Silva (1998); Kaiser/König (Hg.) (2006); Kohlrausch/Steffen/Wiederkehr (Hg.) (2010); Leendertz (2012); Ziemann/Wetzell/Schumann/Brückweh (2012); Burke (2014), S. 204–212; Stehr/Grundmann (2015); Dorsch (2016); Trentmann/Sum/Rivera (2018); Chastain/Lorek (2020). Zur Genese der sozialen Gruppe in Lateinamerika vgl. Cardoso/Faletto (2015 [1967]), S. 81–85, 101–116, 126–134. Zu Lateinamerika vgl. auch Rinke/González De Reufels (Hg.) (2014). Zu Wasserbaueliten und Herrschaft vgl. Wittfogel (1957); Obertreis (2015); Obertreis/Moss/Mollinga/Bichsel (2016).
Latour (1987), S. 258–259. Vgl. auch Sismondo (2004), S. 65–66; Stehr/Grundmann (2015), S. 109; Gerstenberger/Glasman (Hg.) (2016).
Trentmann/Sum/Rivera (2018), S. 17, 26.
Arnold (2005), S. 89.
Vgl. auch Obertreis (2007); Uekötter (2020), S. 433.
Vgl. Obertreis (2015).
Brendel (2019), S. 95–106, 155–161.
Dazu vgl. Burke (2014), S. 19–44.
Vgl. dazu auch Uekötter/Lübken (Hg.) (2014).
Lässig (2016), S. 45.
Vogel (2004), S. 651. Dazu trug auch die Reibungsdynamik zwischen Wissenschaft und Politik bei, vgl. Mukerji (1989).
Vgl. Lässig (2016), S. 43; ÖStling/Heidenblad/Sandmo/Hammar/Nordberg (Hg.) (2018); Jansen/Krige/Wang (2019); Krige (2019).
Zu einer Wissensgeschichte von Stoffen vgl. Espahangizi/Orland (2014).
Hierzu und zum Folgenden vgl. Hicks (2010). Vgl. auch Hicks/Beaudry (Hg.) (2010); Samida/Eggert/Hahn (Hg.) (2013).
Intentionale Handlungsmacht, die im Englischen ebenfalls als agency bezeichnet wird, bleibt dagegen Menschen vorbehalten.
Latour (1987), (2014 [2005]).
Auslander (2005); Trentmann (2009); Stahl (2010); Füssel/Habermas (Hg.) (2015); Ludwig (2015); Derix/Gammerl/Reinecke/Verheyen (2016); Gaskell/Carter (Hg.) (2020). Zu Lateinamerika bislang nur Bauer (2001).
Zur Stoffgeschichte vgl. jüngst Haumann (2020); Thorade (2020).
Einführend vgl. Coole/Frost (Hg.) (2010); Dolphijn/Van Der Tuin (2012).
Bennett (2010), S. XVI.
Ebd., S. 2–17.
Lecain (2017), S. 126–128, 134–136. Vgl. auch Winiwarter/Knoll (2007), S. 131–143.
Ingold (2012), S. 431–432, 439.
Zur materiellen Geschichte von Infrastruktur vgl. Hansen/Schulze (2021).
Engels/Schenk (2015), S. 25; Förster/Bauch (2015), S. 10.
Trentmann (2009), S. 300. Vgl. auch Graham/Marvin (2001); Harvey/Jensen/Mortari (2017), S. 8–11.
Einführend vgl. Mcneill (2000); Burke III/Pomeranz (Hg.); Mcneill/Unger (Hg.) (2010); Mosley (2010); Hersey/Steinberg (Hg.) (2019). Zu Lateinamerika vgl. Miller (2007); Sedrez (2009); Soluri/Leal/Pádua (Hg.) (2019); Chastain/Lorek (2020). Zu envirotech vgl. auch Pritchard (2013).
Sneddon (2015), S. 1.
Sismondo (2004), S. 155; Whitington (2018), S. 220. Vgl. auch Meiske (2021), S. 277.
Espahangizi/Orland (2014), S. 27.
Lecain (2017) hat den Begriff „Anthropozän“ für ein neues, von Menschen geprägtes Erdzeitalter aus neomaterialistischer Perspektive verworfen, da dieser menschliche Handlungsmacht überschätze. Donna Haraway (2016) hat daher das Konzept des „Chthulucene“ eingeführt, das auch die agentielle Macht von Nichtmenschen bei der Veränderung der Erde mit einbezieht.
Acker/Fischer (2018); Oliveira (2018); Pádua (2019), S. 103–111.
Einführend dazu Conrad (2016). Zum Stand der globalgeschichtlichen Diskussion vgl. Drayton/ Motadel (2018). Zu Lateinamerika vgl. Brown (2014).
Brendel (2019), S. 30.
Dourish/Bell (2007), S. 427; Tischler (2013), S. 10. Zur lokalen Einbettung von Objekten mit globaler Reichweite vgl. auch Gänger (2021), S. 3–4.
Vgl. Edwards/Jackson/Bowker/Williams (2009), S. 370; Ghobrial (2019); de Vito (2019). Vgl. auch Gerstenberger/Glasman (Hg.) (2016).
Einführend vgl. Chakrabarty (2000).
Conrad (2016), S. 70.
Brendel (2019), S. 437.
Vgl. dazu van Rahden (2018).
Zu dieser Debatte vgl. Cooper/Packard (1997), S. 30; Cooper (2010), S. 8; Ekbladh (2010); Wang (2015); Westad (2018 [2017]), S. 5.
So etwa Grandin (2006), S. 427; Purcell (2020), S. 219. Vgl. dagegen Mcpherson (2013), S. 307–308; Brendel (2019), S. 445, 448–449.
Acker/Fischer (2018); Oliveira (2018), S. 337–341.