Der südrussische Fluss Kuban entspringt dem Großen Kaukasus an der Westflanke des 5.642 Meter hohen Berges Elbrus. In nördlicher Richtung fließt er zuerst an der Großstadt Stavropol vorbei, dann Richtung Westen durch Krasnodar, bis er nach 870 Kilometern nahe Temrjuk in das Asowsche Meer mündet.1 Dank seinem außerordentlich fruchtbaren Schwarzerdeboden (russ. černozëm)2, pathetisch als „Symbol der Herrlichkeit und Stärke des russländischen Staates“, „wichtigster nationaler Schatz“ sowie „Haupternährer Russlands“ gepriesen,3 entwickelte sich das Kubangebiet im 20. Jahrhundert zum Brotkorb Russlands (žitnica Rossii). Inzwischen werden allein um Krasnodar zehn Prozent des Getreides und achtzig Prozent des Reises in ganz Russland angebaut; 2016 waren es sogar eine Million Tonnen dieses ‚weißen Goldes‘, das der lokalen Agrarelite zu Wohlstand verhalf.4 Durch die Gegensanktionen der russischen Regierung im Zuge der Krimannexion stiegen zudem die Erträge seit 2014 um über 20 Prozent. 2017 betrugen die Einkünfte aus Getreideexporten – auch dank dem schwachen Rubel – mehr als 20 Milliarden US-Dollar; 2016 war Russland hier nach gut einhundert Jahren wieder Weltführer.5 Aleksandr Tkačev, Landwirtschaftsminister von April 2015 bis Mai 2018 und ehemaliger Gouverneur Krasnodars, der als einer der wichtigsten Grundbesitzer der Region zu fragwürdigem Ruhm und Reichtum gekommen war, verkündete in einem Fernsehinterview sogar stolz: „Getreide ist unser zweites Erdöl.“6
Dieser agrarische Aufschwung am Kuban wurde seit den 1930er-Jahren durch den massiven Ausbau einer Bewässerungsinfrastruktur von der Größe Portugals begleitet, die von Rostov am Don bis zum Fuße des Kaukasus und von dem Fluss Terek südlich der heutigen Region Stavropol bis zum Schwarzen Meer reicht. Aufgrund schwerer Planungsfehler und verschwenderischer Agrarpraktiken geschah dies jedoch auf Kosten der natürlichen Ressourcen: große Teile des fruchtbaren Bodens wurden zerstört, lokale Gewässer durch übermäßigen Pestizideinsatz vergiftet. Das gefährdet bis heute das gesamte Ökosystem.7 Die regionale Agrar- und Sozialordnung setzt dieses sowjetische Erbe unter gewaltigen Druck. Land grabbing durch staatlich gedeckte Akteure ist nur eines der jüngsten Symptome einer gescheiterten Politik. Hier werden zuvor enteignete Ländereien an große Agroholdings vergeben, die sich den russischen Markt untereinander aufteilen. 2016 ging die Bewegung der „Höflichen Farmer“ (vežlivye fermery) noch gegen die Umverteilung ihrer Ländereien auf die Straße und organisierte sogar eine Traktoren-Sternfahrt zu Minister Tkačev nach Moskau – inzwischen sind ihre Führer durch Intervention der Staatsmacht jedoch mundtot gemacht.8
Das Spannungsverhältnis von allgegenwärtigem Mangel bei potenziellem Überfluss zählt zu den zentralen Widersprüchen der sowjetischen Geschichte. Besonders mit Blick auf den Kuban stellt sich die Frage, wie eines der fruchtbarsten Gebiete der Welt so heruntergewirtschaftet wurde, dass die Sowjetunion ab 1963 wieder Getreide importieren musste, damit ihre Bevölkerung nicht verhungerte. Auch um jüngere Entwicklungen unter den Bedingungen eines offeneren, jedoch stark korruptionsbehafteten Marktes einzuordnen, muss in die Vergangenheit geschaut werden. Diese Arbeit liefert nicht nur einen empirisch fundierten Beitrag zu einem tieferen Verständnis des sowjetischen Agrarsystems, sie beleuchtet zudem die zentralen Idiosynkrasien sowjetischer Herrschaftskultur. Der Kuban als Prisma bietet dabei produktive Anknüpfungspunkte für Studien zur menschlichen Hybris im Zeitalter ingenieurtechnischer Utopien des ‚roten Jahrhunderts‘.9
Eine Geschichte der Bewässerung, die zur Sowjetzeit spielt, bewegt sich auf einem weiten Felde. So sind nicht nur kritische Überlegungen zur Politik- und Institutionengeschichte anzustellen, relevant werden auch Aspekte einer erweiterten Umwelt- und Technikgeschichte mit Anleihen aus der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. Natur, Raum, Macht, Praxis und Wissen werden dazu als zentrale Fluchtpunkte im Dickicht der Quellen verhandelt. Hilfestellungen zum interdisziplinären Arbeiten verdankt der Autor dem Sonderforschungsbereich 923: Bedrohte Ordnungen an der Eberhard Karls Universität Tübingen, in dessen zweiter Förderphase von 2015 bis 2019 diese Dissertation recherchiert, verfasst und verteidigt wurde. Das Tübinger Theoriemodell des „Re-Ordering“ mit seinen vier Dimensionen Diagnose, Bewältigungspraxis, Mobilisierung und Reflexion erwies sich nicht nur als äußerst wertvolle Heuristik bei der Archiv- und Bibliotheksarbeit, es gab dieser Studie auch kraftvolle Impulse, die implizit in den Interpretationsansätzen der nachfolgenden Kapitel präsent sind.
Umfassend zur Hydrologie des unteren Kuban s. Michajlov (2010) samt historischen Karten auf S. 286–310.
Chernozeme finden sich vorwiegend in feuchten Grassteppen bei etwa 400 bis 550 Millimetern Jahresniederschlag. Den oft angepriesenen Ertragsreichtum verdanken sie vor allem ihrem hohen Humusgehalt (Schultz 2008: 85, 206–208). Sie machten 8,6 Prozent der Fläche der UdSSR aus, was 50 Prozent des weltweiten Schwarzerdebodens entsprach (Afanas’eva 1979: 227). S. auch Kuzyakov (2017: 40–44).
So die Einleitung in Ščerbakov (2000).
S. die Meldung des staatlichen Fernsehkanals Rossija 24 vom 27.10.2016 „Kuban’skij ris: est’ million tonn!“ – https://www.youtube.com/watch?v=S-NMGmY6zsA (28.02.2019). Tatsächlich wurde während der Sowjetzeit dem Reisanbau am Kuban derselbe Stellenwert zugeschrieben wie dem ‚weißen Gold‘ Zentralasiens, der Baumwolle.
So der Economist am 01.12.2018 in „Good times in Grainville. Russia has emerged as an agricultural powerhouse“. Gleichzeitig weist der Artikel aber auf das enorme ungenutzte Potenzial der Landwirtschaft hin (Economist 2018).
„Зерно – это наша вторая нефть“ – s. https://www.youtube.com/watch?v=m2QKmDTmYdk (28.02.2019).
Kazačinskij (2004: 69); Schönfelder (2020).
Einen Einblick in diese Problematik bietet die taz-Reportage von Katharina Frey (2018), die allerdings angesichts der undurchsichtigen Geschäftspraktiken und des Drucks durch die Geheimdienste nur an der Oberfläche kratzt.
Vgl. Koenen (2017).