Gustav Gundlach SJ (1892-1963) war über Jahrzehnte der maÃgebliche Repräsentant der katholischen Soziallehre. Die Sozialenzyklika Quadragesimo anno (1931) ist wesentlich von seinen Gedanken und Ideen geprägt. Während des Pontifikats Piusâ XII. (1939-1958) dürfte es keine nennenswerte wirtschafts- und sozialpolitische Aussage des Papstes gegeben haben, die nicht von ihm vorgedacht und entworfen wurde. Mit den theologischen Aufbrüchen im Umfeld des II. Vatikanischen Konzils konnte er sich jedoch nicht anfreunden; und seine öffentlichen Auftritte in der Bundesrepublik der Nachkriegszeit haben dem Ansehen der katholischen Soziallehre ohne Frage schweren Schaden zugefügt. Dies ändert jedoch nichts daran, dass Gundlach zu den groÃen Figuren der katholischen Sozialtradition des 20. Jahrhunderts gehört.
Dennoch ist sein 125. Geburtstag im April 2017 ohne jede öffentliche Resonanz geblieben. Gundlach, an dem sich einst heftige Debatten und Kontroversen entzündeten, scheint mittlerweile dem Vergessen anheimgefallen zu sein. Dieser Band möchte deshalb an Leben, Werk und Wirkung dieses umstrittenen katholischen Soziallehrers erinnern und ihn in den gröÃeren Rahmen des von Heinrich Pesch SJ begründeten katholischen Solidarismus einordnen, der seit dem frühen 20. Jahrhundert wichtige Beiträge im Ringen um die deutsche Wirtschafts- und Sozialordnung leistete. Dabei sollen nicht nur Gundlach und die katholischen Solidaristen, vor allem sein Ordensbruder Oswald von Nell-Breuning SJ, sondern auch ihre jeweiligen Referenzautoren und Gegenspieler sowie ihre politischen und historischen Kontexte ausführlich zur Sprache kommen. Denn der katholische Solidarismus bewegte sich in seiner Suche nach einem âDritten Weg jenseits von Individualismus und Kollektivismusâ durchgängig in den Kontexten dieser Diskurse um das Programm und Profil der deutschen Wirtschaftsgesellschaft, wobei er selbst unterschiedlich intensive Phasen der Theorieentwicklung erlebte.
Der Band lebt von der Hoffnung, dass Rückblicke und Bilanzierungen zum heute nur noch wenig bekannten katholischen Solidarismus in der Lage sind, der christlichen Sozialethik wertvolle Anregungen und Impulse aus ihrer eigenen Theorietradition zu vermitteln, mit denen sie in den heutigen Auseinandersetzungen um die Wirtschafts- und Sozialpolitik eine neue Gesprächsfähigkeit gewinnen könnte.
Gleichsam gerahmt wird dieses Buch von zwei Originalbeiträgen, dem âVermächtnisâ des späten Gustav Gundlach aus dem Jahr 1962 (âMeine Bestimmung zur Sozialwissenschaftâ) und dem Nachruf seines jahrzehntelang eng mit ihm verbundenen Ordensbruders Oswald von Nell-Breuning aus dem Jahr 1964.
Ich danke der Deutschen Provinz der Jesuiten für die Genehmigung zum Wiederabdruck dieser Texte und für die Bereitstellung des Cover-Fotos. Für hilfreiche Informationen bedanke ich mich bei Carl-Martin HiÃler und Stephan Höpfinger. Mein Dank gilt schlieÃlich Klaus GroÃe Kracht und Jonas Hagedorn, die â wieder einmal â das Manuskript kritisch-konstruktiv gelesen und mit wertvollen Kommentaren versehen haben.
Gewidmet sei der Band meinem akademischen Lehrer Karl Gabriel, der im September dieses Jahres seinen 75. Geburtstag feiern wird. Bei ihm habe ich â neben vielem anderen â das âBohren dicker Bretterâ gelernt; und wie man dabei vermeidet, stumpf zu werden oder heià zu laufen.
Darmstadt, im Juli 2018